Archiv des Autors: admin

Ihr wart doch meine Feinde

Herabfallende Blätter werden leicht zum Spiel des Windes. Entwurzelte Bäume sind ohne Halt. Da ist es leicht sie sich zunutze zu machen. Was so pathetisch klingt, war für Gabi einst Realität. Nun ist sie tot, und sie ihre Weggefährten treffen sich, um Abschied zu nehmen. Doch so einfach ist die Sache dann doch nicht!

Denn nicht jeder kennt den Anderen. Nicht jeder kennt Gabis Geschichte. Sie war so ein loses Blatt, das sich im Spiel sich verfing. Die Stasi nahm das Heimkind unter ihre Fittiche. Und die ist immer noch präsent. Nicht Gabi, die Stasi. Und eine Verlegerin. Aus dem Westen. Untereinander beschnuppert man sich erstmal. Doch schon bald brechen die Dämme.

Hans Gerechter – welch wohl bedachter Name von Roswitha Quadflieg – hat die illustre Runde zusammengetrommelt. Alle, die kommen sollen, kommen. Aber auch ein paar, die nicht eingeladen waren. Hans muss schnell feststellen, dass er seine Gabi nicht so gut kannte wie er dachte. Da reißen alte Wunden auf. Anschuldigungen fliegen durch den Raum. Aber auch Versöhnung liegt in der Luft. Hier, im Goldenen Adler, beim Leichenschmaus wird deutsche Geschichte gelebt. Für manch einen sogar vollendet. Denn als plötzlich das Licht ausgeht, wird es einen von ihnen schwarz vor Augen, für immer!

Nun greift Roswitha Quadflieg zu einem Kniff, der den Leser vollends in die Geschichte hineinzieht. Jeder der Anwesenden wird von der Polizei verhört. Sie lässt großzügig die Fragen weg. Sie lässt die Antworten für sich selbst sprechen. So wandelt sich aus der Trauerfeier, dem Schlagabtausch und der angespannten Situation aus Ossi, Wessi, Damals und Heute urplötzlich eine greifbare Spannung, die weder die Anwesenden noch der Leser so erwarten konnten.

„Ihr wart doch meine Feinde“ reiht sich nicht automatisch in die endlose Folge von Büchern über die DDR, Stasi, Verfolgung, Perfidität und Aufopferung ein. Dieses Buch beginnt eine eigene Bücherreihe. Es sperrt sich gegen jedes Klischee, dass diesem Genre angehangen werden kann. Hier sprechen echte Menschen mit- und gegeneinander. Die Spannung bezieht der Stoff aus dem nebulösen Nichtwissen um die Beweggründe der Anwesenden gerade heute, gerade hier vor Ort zu sein. Unschuldig ist nur die Zeit. Jeder, der sich zwischen Korn und Schnittchen dem Anderen zuwendet, sich von ihm abwendet, hat sein Scherflein zum Misslingen dieses Tages beigetragen. Inklusive der Verursacherin.

Eine Zeit der Stille

Solch ein Klischee lässt man sich nicht entgehen. Im Kloster findet jeder die Ruhe, die er sucht. Patrick Leigh Fermor braucht sie, um ein Buch zu schreiben. Und zwar über das Ruhefinden im Kloster. Beißt sich da der Hund in den Schwanz? Wohl kaum.

Als gestandener Reiseschriftsteller, fast schon als Abenteurer zu bezeichnender Autor, hat er sich penibel auf sein neuestes Abenteuer vorbereitet. Sein Wissen über die Geheimnisse der ehrwürdigen Gemäuer ist umfangreich. Dennoch kann er nicht einschätzen, was ihn erwartet. Und das ist auch gut so. Zahlen und Fakten auf der einen Seite, gespannte Erwartungen auf der Anderen. So betritt er St. Wandrille in Frankreich, eine Abtei nordwestlich von Rouen, unweit der Seine. Postkartenidylle damals wie heute. Und ja, er wird die Ruhe finden, die es ihm erlaubt sein Buch zu beginnen, mit Geschichte(n) zu füllen und später zu veröffentlichen. Das Ergebnis hält der Leser in der Hand, und genießt den Entstehungsprozess.

In der Folge bereist er Solesme im Norden Frankreichs, La Grand Trappe im Dreieck Paris, Caen, Le Mans und die Felsenklöster in Kappadokien in der Türkei. Dort steht die Wiege des Mönchswesens überhaupt. Nun kann man dieses Buch als Reiseanleitung verstehen. Tipps zum Benehmen inklusive. Es sind vor allem einprägsame Reisereportagen, die nach Jahrzehnten nichts von ihrer Spannkraft verloren haben. Althergebrachte Rituale wie das Geißeln, was schon zur Besuchszeit Fermors fast nur noch symbolischen Wert hatte, stechen unter den Beschreibungen des Klosterlebens hervor.

Fermor rückt bewusst den Alltag in den Vordergrund seiner Betrachtungen und was sie mit ihm machten. Als Untermalung dient ihm seine enorme Lektüre, durch die er wahre Schätze erkennt. Weltliche wie ideologische Schätze. „Eine Zeit der Stille“ ist nicht das erste Buch über die (begrenzte) Zeit im Kloster. Und es war auch nicht das letzte Buch. Würde es eine Rangliste zu diesem Thema geben, dann ist dem Autor die Medaille samt Podestplatz sicher. Ohne viel Tamtam und wildes Spekulieren oder gar Werten lässt er die Bewohner und ihr Tun für sich sprechen. Nicht jeder ist für das Leben im Kloster gemacht. Aussteiger sind Fermor genauso nahe wie diejenigen, die ihr Kosterleben als wahre Berufung ansehen.

Vielleicht wird man nicht zwingend ruhiger bei der Lektüre, reicher an Wissen, offener für die Beweggründe hier zu leben und verständnisvoller für eine andere Lebenseinstellung wird man allemal. Patrick Leigh Fermor gebührt der Dank dafür ein nicht nur durchs Schlüsselloch geschaut zu haben, sondern manch schwergängiges Tor weit aufgestoßen zu haben.

Der Weg des Helden

In großen Fußstapfen wandeln, ist ein gewagtes Unterfangen. So manche ist dabei schon in ein großes Loch gefallen. Man kann auf den Spuren Goethes Italien erkunden, wie in der Nachwendekomödie „Go Trabi Go“. Oder den Weg gen Westen erkunden wie einst Lewis und Clark.

Tim Parks hat vor Jahrzehnten die Liebe entdeckt, zu einer Italienerin und zu Italien. Zuvor schon zur Geschichte des Landes. Speziell zu Giuseppe Garibaldi, dem Einiger des Stiefels. Der beschäftigte ihn schon während des Studiums der Geschichte.

Italien war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Flickenteppich aus größeren, aber vor allem vielen kleinen Reichen. Manche waren so klein, dass man sie mühelos mit einem Blick erfassen konnte. Europas Machthaber tummelten sich hier, stritten sich um Handelswege und somit um die Macht. Dem machten Mazzini, Cavour, König Emanuel II. und ebendieser Garibaldi ein Ende. Jede auf seine Art. Nicht immer geeint, doch schlussendlich siegreich. Um Rom vor der totalen Zerstörung zu bewahren, Frankreich war wild entschlossen, die Besatzer der Ewigen Stadt mit allem, was ihnen zur Verfügung stand den Garaus zu machen, entschloss sich Garibaldi zu kapitulieren. Und den Weg ans Meer anzutreten. Dazwischen lag jedoch der Appennin. So weit der grobe geschichtliche Abriss – Tim Parks kann das viel besser erklären.

Und das tut er auch. In diesem Buch. Aber auf seine eigene Art und Weise. Im Jahr 2019, also mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Garibaldi, schnürte er seinen Tornister und die Wanderschuhe, und er wanderte mit seiner italienischen Liebe auf dem Weg des Helden. Von Rom bis an die Adria.

Jedes Kapitel ist mit zwei Daten versehen. Dem von Garibaldi, und dem von Parks. So entsteht auf beeindruckende Art eine leicht nachvollziehbare Kopie eines einzigartigen Marsches. Durch seine Recherchen ist Tim Parks in der Lage genau die Leiden, die Hoffnungen, die Orte, die Wege nachzuvollziehen, die einst der große Freiheitskämpfer ging.

Oft fragt man sich im Urlaub, wer der Namensgeber der Straße oder des Platzes ist, den man mit großen Augen und offenem Mund bestaunt. In Italien stößt man pausenlos auf eine Via Cavour oder eine Via Garibaldi. Das ist bei den meisten der Anstoß mal nachzuhaken. So konsequent hat aber nur Tim Parks nachgeforscht. Nun ist er auf dem Weg quer durch Italien. Es geht ihm nicht darum als Extremsportler in die Annalen einzugehen. Einmal einen historischen Weg nachzuvollziehen, nicht einfach nur abzuschreiten, um anschließend ein „Bravo!“ einzuheimsen. Als Historiker weiß er um die nachhallende Bedeutung Garibaldis. Da macht ihm kaum noch jemand etwas vor. Er will selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man Großes vollbringt. Und wie es sich heute anfühlt. Die Zeiten haben sich geändert. Navigationsgeräte erleichtern die Suche enorm. Die Hinterlassenschaften aufzuspüren, Ausblicke von damals mit denen von heute zu vergleichen – darin liegt die Einzigartigkeit des Unterfangens Garibaldi erlebbar zu machen. Es gelingt Tim Parks auf jeder der fast fünfhundert Seiten. Bravo!

Der Tallinn-Twist

Ein erfolgreicher Tag beginnt mit einem frühen Start. Im Fall von Marie Vos begann der erfolgreiche Tag – sinngemäß – schon vor Jahren. In Sonderermittlungsabteilungen der EU in Brüssel hat sie sich einen Namen gemacht und ein kleines Netzwerk geschaffen. Nun sitzt sie im Taxi im Stau, weil ein paar Demonstranten gegen die Privatisierung der Wasserwirtschaft demonstrieren. Im Handgepäck hat sie Haftbefehle gegen Betrüger, die mit EU-Mitteln das dolce vita in vollen Zügen genossen haben. Und schon klingelt ihr Telefon – der erfolgreiche Tag ist noch nicht zu Ende.

Söderberg – in Brüssel kennt man sich – will sie in einer brisanten Sache dabei haben. In ein paar Stunden wird Dennis Bahr verhaftet werden. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, der die Seiten gewechselt hat. Doch welcher Seite nun seine Loyalität gilt, ist unklar. Auch er hat seine Finger bei der Neuordnung der Wasserwirtschaft im Spiel. Marie soll ihn verhören und ihm suggerieren, dass sie seine einzige Chance sei halbwegs ungeschoren aus dem Schlamassel rauszukommen. Bahr trägt einen Peilsender, was er natürlich nicht weiß. Marie und Söderberg verfolgen angestrengt den weißen und die roten Punkte auf dem Monitor. Gleich wird Bahr verhaftet … er telefoniert und … ist komplett aus der computergestützten Überwachung verschwunden! Ein erfolgreicher Tag sieht anders aus.

Auch für Dennis Bahr. Als er wortwörtlich wieder auftaucht, sind seine Lebensgeister erloschen. Und noch ein Wort zur Neuordnung der Wasserwirtschaft. Die Wasser-Konzerne lassen sich von der EU ihre neuen Projekte finanzieren, die Folgekosten tragen dann die Kommunen und der Verbraucher. Um diese Schieflage halbwegs kontrollieren zu können, wurde die Taskforce Neuordnung der Wasserwirtschaft gegründet.

Als ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin, was in Maries Fall nicht anderes bedeutet, als dass sie die Grundausbildung inkl. einiger Kampfsportarten absolviert hat, hat sie einige Einblicke in die Arbeit im Verborgenen erhalten. Eine Fähigkeit, die ihr in der Folge so manches Licht aufgehen lässt.

Sie ist froh als sie ein Ticket nach Tallinn in den Händen hält und ein bisschen Abstand vom trockenen Alltagsjob in Brüssel bekommt. Frontarbeit. Denn hier könnten die Hintermänner sitzen, die Dennis Bahr auf dem Gewissen haben, die mit der Neuordnung der Wasserwirtschaft sich selbst – und nur sich selbst – ein sanftes Ruhekissen aufschütteln könnten. In Tallinn, Estland hat sich eine Gruppierung formiert, die die nationale Keule schwingt, um sich Macht zu sichern. Da spielen monetäre Überlegungen schon fast keine Rolle mehr. Marie lernt Europa, die EU, das ganze System von einer Seite kennen, die man sonst nur aus Romanen kennt. Daheim, in Brüssel, gehen die Untersuchungen auch in Marie Abwesenheit weiter. Söderberg sichert ihr uneingeschränkte Hilfe zu. Doch echte Ergebnisse liefert ihr nicht ihr Arbeitgeber. Private Hilfe ist oftmals viel effizienter…

Korruption, Betrug, und das alles im ganz großen Stil. Und ein Mord: Thomas Hoeps und Jac. Toes – die kongenialen Einzeltäter, die im Team unschlagbar sind – haben den Leser am Haken. Die Aktualität des Stoffes, die Brillanz ihrer Schlussfolgerungen, das unfassbar spannend gestaltete Set fesseln bis zur letzten Zeile.

Opus 77

Da sitzt sie nun. Am Klavier, ihrem Instrument. Es herrscht angespannte Ruhe. Denn das Publikum ist nicht wegen ihr angereist. Sie kamen wegen ihres Vaters, dem Claessens. Dem Dirigenten. Dem Gott am Pult. Arianes Vater ist gestorben. Sie pflegte ihn in seinen letzten Tagen, fütterte ihn. Ihn den Übermenschen, aber der niemals ihr Vater war.

Lange hat sie sich den Kopf zerbrochen, welches Stück sie spielen solle. Die Wahl fiel schlussendlich auf Dimitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, Opus 77. Sie als Pianistin und ein Violinkonzert? Selbst als Klassiklaie fällt der Widerspruch auf. Ihr Bruder David ist doch der begnadete Soloviolinist. Schon von Kindesbeinen an spielte er auf dem elterlichen Bösendorfer, so dass selbst die Mutter das Zimmer verließ. Ach ja, die Mutter. Einst schillernde Gestalt, doch im Schatten des großen Mannes (hinter dem ja bekanntlich immer eine starke Frau steht) verwelkte sie zusehends bis nur noch Falten des Zorns und der Abschottung ihr Antlitz kleideten.

Nun denn. Hebt an. Lasst die Zeremonie beginnen. Doch Ariane setzt ab. Sie lässt ihr Leben, das ihres Vaters Revue passieren. Und das erwählte Musikstück ist nun wirklich kein Zufall. Dimitri Schostakowitsch und sein Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, op. 77 ist kein leichtes Stück. Der Hauptakteur, der Violinist spielt ununterbrochen. Vierzig Minuten lang gönnt ihm der Komponist keine Pause. Das Konzert wurde 1948 komponiert und fiel in seinem Heimatland, der Sowjetunion, komplett durch. Schostakowitsch war bei Stalin unbeliebt. Dessen Speichellecker schikanierten den Komponisten wo es nur ging. Sein Lehrauftrag wurde ihm schon entzogen.

David Oistrach – der gleiche Vorname wie der Bruder der Erzählerin, bestimmt kein Zufall – wurde das Konzert auf den Leib geschrieben. Außerhalb der Sowjetunion wurde das Stück gefeiert. Nur daheim eben nicht.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Violinkonzertes beschäftigt, erkennt die Parallelen zwischen Musik und Roman. Das beginnt bei den Kapiteln Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Kadenz und Burlesque und hört bei den Charakterisierungen der handelnden Personen noch lange nicht auf. Alexis Ragougneau inszeniert seinen Roman mit enormer Akribie, so dass man sich schon bevor der Maestro ans Pult tritt im schönsten Konzertsaal der Literatur meint. Das Saallicht wird gedimmt, die Musiker stimmen ihre Instrumente, nervöses Sesselrutschen, die Solistin nimmt Platz. Anders als im Roman geht’s nun wirklich los. Geschickt wird das Thema eingeführt das Tempo zeiht an, um kurz vor Schluss (Kadenz) die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

Ein Buch für Musikliebhaber, für Leser mit einem offenen Ohr für die Pracht der Musik. Und für Leser, deren Horizont eben das ist. Unantastbar und ein Weg voller Überraschungen.

Hana

Kindermund tut Wahrheit kund. Das weiß Mira noch nicht. Sie ist selbst noch ein Kind von nicht einmal zehn Jahren. In ihrer Welt hat sie schon einiges erlebt. Als es im Winter langsam beginnt zu tauen, springt sie todesmutig auf eine Eisscholle. Doch statt wie von ihren Freunden geraten, erwischt sie nicht die Mitte der Scholle, sondern den Rand und plumpst unversehens in den kalten Fluss. Mama ist natürlich nicht erfreut. Als Strafe erwartet das wissbegierige Mädchen sicher wieder Erbspüree. Und Papa wird vielleicht sogar den Gürtel rausholen.

Die Zeit vergeht. Eine Typhusepidemie erwischt den kleinen Ort in Tschechien mit voller Wucht. So wenige Jahre nach dem Krieg sind die hygienischen Zustände immer noch katastrophal. An der Hand einer Bekannten, die sie Tante nennen soll, erfährt Mira, dass ihre Mama gestorben ist. Sie hat sie schon länger nicht gesehen, wegen der Ansteckungsgefahr. Nun wird sie sie nie mehr wiedersehen. Auch Papa ist kurze zeit später tot. Das Leben hat gerade begonnen, da fehlen der Kleinen die wichtigsten Eckpfeiler.

Und schon bald steht Tante Hana in der Tür. Eine echte Tante, die große Schwester von Mama. Aber auch die Person in Miras jungen Leben, die ihr pausenlos Rätsel aufgibt. Warum isst sie nicht normal? Dann wäre sie nicht so dünn. Und warum trägt sie immer nur schwarze Kleidung? Der unfreiwillige Umzug zu Tante Hana bringt nicht nur eine räumliche Veränderung. Ihre beste Freundin eröffnet Mira, dass sie nicht mehr beste Freundinnen sein könne. Ihre Eltern wollen das so. Die kleine heile Welt bekommt erste Risse. Risse, deren Ursprung Mira nicht ergründen kann. Auch weil sie gar nicht weiß, was es heißt Jude zu sein. Das soll nämlich einer der Gründe sei, warum sie und ihre beste Freundin nicht mehr zusammen Zeit verbringen dürfen. Sie fragt Tante Hana. Stoisch wie immer, schweigsam wie immer, ein bisschen rätselhaft … wie immer zeigt Hana Mira eine Nummer, die ihr auf den Arm tätowiert ist. Und verschwindet. Jetzt versteht Mira gar nichts mehr. Sie selbst hat keine Nummer auf dem Arm, also ist sie kein Jude. Kindermund tut Wahrheit kund. Erst im Laufe der Jahre soll Mira erkennen, warum Tante Hana die Hana ist, die allen im Ort ein Dorn im Auge zu sein scheint. Alles hängt an diesen vier Buchstaben, die in der Geschichte grundlos für mehr Schaden sorgten als alle Bomben zusammen. Und derzeit wieder für Kopfschütteln sorgen, zum Glück bei den meisten, die es vernehmen müssen.

Alena Mornštajnová nutzt die Kraft ihrer Worte, um der Angst einen Riegel vorzuschieben. Drei Generationen kommen zu Wort, um dem Irrglauben entgegenzutreten, dass mit dem letzten Schuss der Krieg endgültig vorbei sei. Denn das ist er noch lange nicht! Die kleine Mira wird langsam erwachsen und versteht zusehends mehr, was Hana war, und warum sie heute so ist. Ihre Sätze gehen unter die Haut, weil sie keinen Zweifel zulassen. Schnörkellos und unfassbar ehrlich rückt sie perfiden Vorurteilen auf den Leib und entlarvt ihre Sinnlosigkeit mit der erschütternden Logik eines Kindes. Ein Buch, das man lesen muss!

In der Ferne sprechen die Bäume arabisch

Auch wenn es immer wieder versucht wird, ist Integration keine Frage von Zahlen, Tabellen und Diagrammen. Sie findet im Kopf statt. Und es gehören immer zwei dazu. Derjenige, der integriert wird und derjenige, der integrieren kann. Die Sprache ist sicherlich der Schlüssel zum Erfolg. Doch was ist mit den alltäglichen Dingen? Die, die in keinem Reiseratgeber stehen.

Usama Al Shahmani wurde im Irak geboren, lebt nun in der Schweiz und schreibt in seinem weitgehend autobiographischen Buch „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ auf sehr poetische Art und Weise von den Schwierigkeiten die neue Kultur (in seinem Fall die der Schweiz) für sich anzunehmen. Das beginnt beim anfänglichen Unverständnis über den Begriff des Wanderns. Das kannte er bisher nicht. Einfach in den Wald gehen und „ein bisschen herumzulaufen“, sich die Lust um die Nase wehen zu lassen. Im Hintergrund hat er sein schwebendes Asylverfahren. Geht alles gut, wird er bald arbeiten mit einer soliden Bezahlung. Doch das dauert. Und so verbringt er die Zeit mit einem schlecht bezahlten Job und …, er probiert es mit dem Wandern. Die Ruhe der Natur lässt alte Erinnerungen aufflammen. Doch die stören ihn keineswegs. Im Gegenteil. Instinktiv verbindet er das Jetzt mit dem, was einmal war. Dem Rauschen der Blätter, die gesamte Geräuschkulisse kommen ihm seltsam vertraut vor.

Es sind die kleinen Geschichten, die die Neuentdeckung der neuen Umwelt einem die Seiten so wissbegierig umblättern lassen. In poetischen Worten – als studierter Sprachwissenschaftler weiß er um die Kraft der Worte und kann sie entsprechen einsetzen – nimmt Usama Al Shahmani den Leser an die Hand und zeigt ihm seine alte Welt und die neue Welt, die dem Leser vertrauter sein sollte. Er schafft es dem schon immer Umgebenden neue Aspekte abzugewinnen. So lernt man selbst das Alltäglich noch einmal neu kennen.

Man wird in eine Welt hineingezogen – integriert – die man selbst zu kennen scheint. Doch immer wieder stößt man an die eigenen Grenzen des Verständnisses. Hat man das erstmal verinnerlicht, versteht man die Schwierigkeiten „der Anderen“ um ein Vielfaches besser. Und das kann ja nun wirklich nichts Schlechtes sein.

Im Auge der Pflanzen

Es soll ja Menschen geben, die durch die Gegenwart von Tieren zu einem anderen Menschen werden. Meist sogar zu einem besseren Menschen. Sieht man genauer hin, sind die Veränderungen aber gar nicht so gravierend. Sie sind dann vielleicht ruhiger, gelassener. Lassen die Aufregung nicht mehr so oft zu.

Djamila Pereira De Almeida treibt es mit der Veränderung auf die Spitze. „Im Auge der Pflanzen“ steht Celestino, Käptn Celestino. Einst ein gefürchteter Mann der Meere, der sich heute noch damit brüstet – oder ist es eine Art öffentliche Beichte, um Zeugnis abzulegen? – unzählige Leben ins Jenseits befördert zu haben. Dabei ist er in der Wortwahl nicht zimperlich. Sprüche wie, dass Hälse – die er höchstselbst umgedreht hat – kein Alter haben. Blut, das aus allem herausquoll, wo es nur herausquillen kann.

Den Kindern der Nachbarschaft, die dem Alten gern mal über den Gartenzaun lugen, imponiert immer noch die Statur des Seebären. Doch die eigentliche Faszination auf die Menschen um den einstigen Unhold hat ihren Ursprung in dessen Garten. Hier gedeihen die prächtigsten Pflanzen. Und hier hat Celestino nun endlich Frieden gefunden. Vom Saulus zum gründaumigen Paulus. Ja, Märchen können auch wahr werden.

Die Emsigkeit und Unnachgiebigkeit der Vergangenheit gereicht ihm heute zum Vorteil. Seine ganze Hingabe gilt dem Grün um ihn herum. Mit unvergleichlicher Liebe zur Flora schneidet er im richtigen Moment triebe zurück, wässert mit Bedacht seinen Grund und Boden und lässt farbenfrohe Blüten um sich herum erstrahlen.

Es ist die Einfachheit der Worte, die Djamila Pereira De Almeida verwendet und die Taten, die sie ihrem Celestino angedeihen lässt, die den Leser dieses vorzüglichen Büchleins nicht in Ruhe lassen. Hier kommt kein großer Knall, der alles auf den Kopf stellt. Celestinos Leben ist schon längst von links auf rechts gedreht worden.  Er genießt das Hier und Jetzt. Das, was einmal war, ist und bleibt ein Bestandteil seines Lebens. Und das für immer. Doch Celestino bevorzugt es sich nun gerade jetzt gut gehen zu lassen.

Als Leser kann man es sicht ebenso gutgehen lassen. Wie ein Blatt im Wind, das sanft auf eine saftige Wiese fällt, wiegt man sich im sanften Schaukeln der Wörter. Man wird sicher nicht zu einem besseren Menschen, wenn man dieses Buch liest. Aber man legt es zufrieden nach der letzten Seite neben sich, um immer wieder darin zu blättern.

Harriet Tubman

Ann Petry ist erst seit Kurzem (wieder) einem breiten Publikum in den Fokus gerückt worden. Mit „The Street“ und „Country Place“ rückte sie den bedrückenden Alltag der Schwarzen in den USA in den Vordergrund.

Mit „Harriet Tubman“ gibt sie einer realen Figur die Bühne, die ihr zusteht. Harriet Tubman, die als Araminta geboren wurde, war kein rosiges Leben vorbestimmt. Papa, Mama und ihre Geschwister lebten – wenn man das so nennen kann – als Sklaven auf der Farm von Edward Brodas in Dorchester County, Maryland. Verkäufe der Arbeitskräfte waren an der Tagesordnung. Schläge und Willkür der Aufseher ebenso. Wenn im Herbst die Maisernte eingefahren wurde, lockerte sich die angespannte Lage. Es wurde gesungen. Doch wann immer sich die Möglichkeit bot, floh einer der Sklaven von der Farm.

So eine Farm war eine richtige kleine Stadt. Mit Herrenhaus, Feldern, Unterkünften für die Sklaven, Geschäften etc. Ein Besuch der Ostküste wird mit solch einer Information sicherlich zu anderen Eindrücken führen… Die kleine Minta, erlebt schon früh, was es heißt Freiheit herbeizusehnen, auch wenn sie gar nicht so recht weiß, was es bedeutet. Sie hat sie nie kennengelernt. Ohne allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, sei erwähnt, dass Ann Petry es exzellent versteht, emotionale Nähe zuzulassen ohne dabei Klischees die Oberhand gewinnen zu lassen. Klar, jeder Leser fühlt mit dem jungen Mädchen, der jungen Frau, der engagierten Kämpferin. Die historische Einordnung am Ende jedes Kapitels hilft Zusammenhänge zu erkennen und die Zeichen der damaligen Zeit (immerhin ist es über zweihundert Jahre her, dass Minta geboren wurde) einzuordnen. Und dass sie das Sklavensystem anprangert versteht sich von selbst.

Harriet Tubman ist real. Es gab sie wirklich. In Kindertagen musste sie mit ansehen wie ihre Mutter schwer verletzt wurde. Ein Aufseher wollte einen fliehenden Sklaven mit einem Gewicht, das man bei Abwiegen benutzt, aufhalten, verfehlte ihn, traf stattdessen die Mutter von Harriet am Kopf. Als erwachsene Frau hatte sie Kontakt zu einer Untergrundorganisation, die Sklaven bei der Flucht in die Freiheit half, der Underground railroad. Und sie wurde ein reges Mitglied dieser Organisation.

„Harriet Tubman“ war eine mutige Frau, die in der Beengtheit ihres Lebens die Mauern, die sie einschränkten Stück für Stück beiseite schob. Um schlussendlich frei sein zu können. Es ist keine Erfindung der Gegenwart, wenn sich Frauen aus ihren Zwängen befreien. Sklavengeschichte(n) kennen wir schon von „Tom Sawyer“ und „Onkel Toms Hütte“. Von Fluchtgeschichten hören und sehen wir fast täglich in Dokumentationen und Spielfilmen, wenn deutsch-deutsche Geschichte erzählt wird. Dieses Buch ist so klar in seiner Aussage, dass es einen erschreckt wie wenig wir bisher über Sklaverei, Flucht und Freiheit wussten im freiesten Land der Welt wussten.

Der Billabongkönig

Drei kurze Fragen, die sogar Kinder um Handumdrehen beantworten können: 1. Wie nennt man den Chef in einem Reich? 2. Darf der alles bestimmen? 3. Kann man dagegen etwas unternehmen? Die Antworten lauten König, nö und ja. Bleibt nur noch die Frage, was ein Billabong ist. Das sind – in Australien – Seitenarme von Flüssen, meistens gibt es da noch Wasser, wenn ringsum alles ausgedörrt in der Gluthitze stöhnt. Und hier herrscht der König. Und da es in Australien keine Löwen gibt, den König der Tiere, übernimmt hier das Krokodil diesen Job. Im Falle dieses Buches heißt er Ben. Und Ben hat ein Problem. Seit dem letzten Raub- bzw. Fischzug steckt ihm eine Gräte quer rechts unten im Gebiss. Zwischen siebter und achter Stelle, wie er leicht gereizt dem Erzähler auf die Sprünge hilft. Und selbst ein König muss mal zum Zahndoktor. Auch hier gilt wieder: Das kennt jeder! Hier im Outback erledigt diese verantwortungsvolle Arbeit aber kein Weißkittel, sondern Kaukasius Grätenzieher II. Ihro Exzellenz von Stolzhausen-Stammberg. Ein Krokodilwächter, ein Vögel. Geschickt pickt er das zwischen den unzähligen Zähnen der Krokodile heraus, was da nicht hingehört. Und im Falle von Kaukasius hat Ben den Besten der Besten für sein Wehwehchen ausgesucht. Aber auch den Arrogantesten! Er weiß um seinen Ruf, und schwatzt Ben ein echt nachhaltiges Versprechen ab… Doch wenn das Maul schmerzt, wird selbst ein Krokodil weich.

Ben hat also eine Art Blankoscheck unterschrieben. Kaukasius hat einen Wunsch frei. Die Zeit vergeht. Ben regiert, wie es sich für einen König gehört. Nach und nach fällt ihm auf, dass die Krokodilwächter immer weniger werden. Sie verschwinden langsam aus dem Reich des Billabongs. Das ist ungewöhnlich. Denn sie müssen keine Angst vor den Krokodilen haben. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass Krokodilswächter nicht gefressen werden dürfen. Warum das an dieser Stelle noch einmal so explizit erwähnt wird, erschließt sich aus dem Wunsch Kaukasius’. Denn eines Tages fordert der die Erfüllung des unterschriebenen Vertrages „Ein Wunsch frei!“ von Ben ein. Ein paar tausend Kilometer entfernt ist ein weiterer Krokodilswächter. Und der stört Kaukasius. Ben soll ihn fressen! Was? Das geht doch gar nicht! Aber Wunschschulden sind Ehrenschulden – schon allein wegen solcher Gedankengänge und Formulierungen lohnt es sich dieses Buch zu lesen. Mehr sei an dieser Stelle zur Geschichte nicht verraten…

Während des so genannten Lockdowns haben sich viele Autoren und Künstler in Selbstmitleid aufgelöst. Manche fühlten sich berufen das erste Lockdownbuch zu schreiben – was aber auch zu keinem nennenswerten Ergebnis führte – und andere wiederum griffen die Chance beim Schopfe und machten das, was sie am besten können: Schreiben. Für Kinder. Für die eigenen, für alle anderen. Zwischen Hängemattenabmatten und Badewannenwonnen schuf Matthias Kröner das Kinderbuch, das die kommende Saison mit strahlenden Kinderaugen erhellen wird. Weit weg von zuhause, wo ein Möwenschiss die einzige Gefahr darstellt, siedelt er seine Geschichte an. Auch im Dschungel die Regeln für das Leben aufgestellt und deren Einhaltung überwacht. Dass das nicht immer ganz einfach ist, erleben wir tagein tagaus in den Nachrichten. Im Tierreich ist man da noch ein wenig unkonventioneller. Aber bei Weitem nicht uneffektiver.

Matthias Kröner verzichtet auf überbewusste Kindersprache und gibt den jungen Lesern (oder Zuhörern, die sich noch vorlesen lassen) genug Raum, um die Geschichte in eigenen Kosmos umsetzen zu können. Was bedeuten Freundschaft, Macht und Gemeinsinn? So manche Abhandlung von Pseudophilosophen (neben dem Berufsbild Fernsehkoch gibt es immer mehr Fernsehphilosophen) kann dagegen nicht ankommen. Man möchte schon nach einer Fortsetzung schreien…