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Mr. Goebbels Jazzband

Ein so kraftvolles Wort wie Propaganda braucht starke Mitstreiter. Und Propaganda treibt zeitlebens gar seltsame Blüten. Wie diese: Mr. Goebbels – das „Doktor“ lassen wir an dieser Stelle getrost außen vor (Politiker und ihr „Titeldrang“ …) – will in Kriegszeiten die Bevölkerung der Gegner mit modernen Melodien und gezielten Texten in seinen Bann ziehen. Was braucht man dafür? Musik – Jazz, das ist modern, das reißt mit. Musiker – die hat er schon gefunden. Unter ihnen Leute, die es ohne die Jazz-Band ein jähes Ende beschert gewesen wäre. Ihre Herkunft oder ganz einfach ihre Liebe zum Jazz gaben ausreichend Grund zu ihrer Vernichtung.

Und was braucht man noch? Ein Sprachrohr, das die Massen einschwört. Denn Propaganda ohne Empfänger ist wie ein Betrunkener, der vor sich hinbrabbelt. Und so wird ein Schriftsteller beauftragt die Band zu begleiten, ihre Erfolge bekannt zu machen, ihr Biograph zu sein. Und jetzt kommt’s … das ist tatsächlich alles so passiert!

Tatsächlich bezahlte das deutsche Propaganda-Ministerium eine deutsche Jazzband, um in England mit entsprechenden Texten Wohlwollen für das widerliche Treiben in Kontinentaleuropa zu gewinnen. Dass diese Geschichte in Vergessenheit geraten ist, spricht für die Perfektion der Handelnden. Dass sie nicht in der Vergessenheit versunken ist, dafür muss man Demian Lienhard danken.

In seinem Roman – historische Romane bieten sich exzellent an, um historische Fakten nahbar zu machen, und in diesem Fall gelingt es vom ersten bis zum letzten Wort – beschreibt er eine Zeit, deren Geschichten doch noch nicht komplett erzählt wurden. Das muss man sich mal vorstellen. In einem Land, in dem das Stigma Jude unweigerlich zum Tod führt (womit nicht gesagt ist, dass Jude zu sein ein Stigma ist, leider aber in dieser Zeit), spielen Menschen zusammen entartete Musik, um dem Feind des Auftraggebers zu schaden, und dem eigenen Feind zu entkommen. Perfider geht es nicht!

Als Sprachrohr fungiert Lord Haw-Haw, ein berüchtigtes Schandmaul, ein englischer Nazi, der keine Gelegenheit ausließ dem Führer und seinen Machenschaften zu huldigen. Sein Ende war nicht weniger kurios als sein unglaubliches Treiben. Er wurde unter falschem Namen angeschossen und gefangen genommen. Und zwar von einem, der auch unter falschem Namen hinter den feindlichen Linien agierte. Lord Haw-Haws Ende war weniger glamourös. Strick um den Hals, Falltür auf, das war’s!

Hat man das Staunen über diese Geschichte einmal im Griff, lässt man sich gern von Demian Lienhard durch selbige treiben. Stellenweise schmunzelt man verlegen, muss sich jedoch beherrschen, weil die Geschichte im Ganzen betrachtet überhaupt nicht lustig ist. Ein menschenverachtendes System ist eben doch nicht komplett in sich geschlossen. Das ist der Lichtblick!

Das Erbe

Vierundachtzig Jahre lebte Phillida Chase auf ihrem Anwesen, zu einige Morgen Land gehörten, ein paar Farmhäuser und fünfzig Pfauen. Nun liegt sie da, mit der Decke über dem Gesicht. Und ihr Testamentsvollstrecker, ihre Vermögensverwalter unterbreiten nun ihrem Neffen Peregrinus Chase das Angebot alles so schnell wie möglich zu veräußern. Die Ländereien und Farmen decken dabei allerhöchstens die Tilgung der Schulden und weiterer Kosten. Das Herrenhaus im Tudor-Stil selbst bringt noch ein bisschen was ein, da es doch ziemlich durchschnittlich, um nicht zu sagen heruntergekommen ist. Mr. Chase selbst ist es nicht minder. Eigentlich will er sich das Erbe seiner Tante, die er nie kennengelernt hatte selbst erst einmal ansehen. Eine Chance für ihn sich selbst zu erkennen…

Peregrinus Chase geht auf Wanderschaft durch das unerwartete Erbe. Bis vor Kurzem wusste er noch nichts von der Tante. Kannte sie gar nicht. Und bis heute ist sie für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Immer wieder trifft er bei seinen Eroberungswanderungen auf Menschen, die ihm seine Tante näherbringen. Und immer wieder diese Pfauen. Blackboys, so heißt das Anwesen, ohne Pfauen, ohne Chase`s, ohne die Blumenpracht – nee, das geht nicht.

Aus dem anfänglichen Fremdeln – selbst im Haus bewegt er sich wie auf rohen Eiern, um ja nichts zu beschädigen – wird ziemlich schnell einvernehmliches Abfinden mit der Situation. Das alles gehört ihm! Ja, ihm Peregrinus Chase aus Wolverhampton, der in einem kleinen möblierten Zimmer wohnt und einer Arbeit nachgeht, die so weit von Befriedigung und Erfüllung entfernt ist wie er noch vor einiger Zeit vom Besitz eines Landsitzes.

Letztendlich entschließt er sich doch alles unter den Hammer zu bringen. Ist wohl doch das Beste?! Alles weg, die Schulden bezahlen, ein wenig Gewinn wird wohl noch hängen bleiben. Und so kommen die Parzellen, eine nach der anderen zur Versteigerung. Die Preise sind so lala. Könnte besser laufen. Chase nimmt es mit stoischer Ruhe hin … bis das Haupthaus aufgerufen wird.

Vita Sackville-West wählte wohl nicht ohne Hintergedanken den Namen ihres Protagonisten, Mr. Chase. Der jagt zum ersten Mal in seinem Leben einem echten Ziel hinterher. Bisher nahm er alles ohne Regung hin. Als ihm bewusst wird, dass das Anwesen ein Teil von ihm ist, und er somit umgekehrt ein Teil des Anwesens, wird bei ihm ein Schalter umgelegt. Hinfort das Grau, das sein Leben bestimmte. Die Blumenpracht und die Farbenvielfalt der Pfauengefieder haben wohl mehr Eindruck gemacht als ihm jemals hätte auffallen können.

Die grässliche Bescherung in der Via Merulana

Jeder außergewöhnliche Krimi braucht einen außergewöhnlichen Ermittler. Und Francesco Ingravallo ist wahrhaft ein eigenartiger Kauz. Jung, ein wenig untersetzt, und langsam. In allem, seine Bewegungen, seine Gedankengänge, sein Habitus. Doch hinter der behäbigen Fassade haust ein wacher Geist. Und was für einer?!

In der Via Merulana 219 war er schon einmal. Er ermittelte. Da lernte er auch Liliana Balducci kennen. Nun ist er wieder hier. Bei Signora Menegazzi wurde eingebrochen. Es fehlen allerhand Juwelen. Und bald schon ist er noch einmla in der Via Merulana, wieder in Nummer 219. Auch dieses Mal trifft er auf Signora Liliana. Allerdings ist von ihrem Liebreiz nichts mehr übrig. Mit durchtrennter Kehle liegt sie da. Auch dieses Mal wurden Juwelen geraubt. Und es gibt Zeugen, die den Mörder –für die Beteiligten steht schon fest, wer der Mörder war – die den Täter beschreiben können. Für Ingravallo ist noch gar nichts klar.

Hier ist mehr Gold als Dreck – das hört man häufiger, wenn von der Via Merulana 219, dem Goldpalast die Rede ist. Einige Mieter haben einfach keine finanziellen Sorgen. Andere hingegen schon. Und zwischen drin der Doktor Ingravallo.

Er kennt sich mittlerweile ganz gut aus in dem Viertel, in dem Haus. Und mit einem verlorenen Ticket hat er dieses Mal sogar eine erste Spur. Doch so richtig vorangehen soll es in diesem Fall nicht. Wie in einem Labyrinth irrt der Ermittler anfangs durch das Dickicht von Vermutungen, redseligen Mäulern und der Tatsache, dass hier ein Mensch ermordet wurde.

Das Ganze spielt im März 1927 – Autor Carlo Emilio Gadda hat derart viele Hinweise gegeben, dass Krimiliebhaber sich heute noch ein genaues Bild der Vorgänge nachzeichnen können. Doch Carlo Emilio Gadda lässt die Klarheit der Fakten bei der Suche nach dem Täter, den Tätern (?) in den Hintergrund treten. Sein Ermittler Francesco Ingravallo ist mal schonungslos direkt – wenn er über Frauen spricht – mal fast schon ermüdend, wenn er seinen Gedankengängen alle Freiheiten lässt.

„Die grässliche Bescherung in der Via Merulana“ ist ein Buch, das ab der ersten Seite den Leser verblüfft. Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus treiben sich einander voreinander her. Neid und Missgunst, Liebe und Verachtung, Willkür und Kalkül sind die Zutaten eines üppigen Mahls. Leicht verdaulich sieht anders aus. Und dennoch frisst man sich durch die Seiten, um endlich ein wenig Licht zu erhaschen. Immer wieder schupst Gadda den Leser in die Seitenstraßen, um ihn im Handumdrehen wieder auf die breiten Avenuen zurückzuholen.

Gaumenfreuden

Urlaubssouvenirs lukullischer Art sind immer noch die nachhaltigsten. Vino aus italia, fromage aus France oder exotische Gewürze aus aller Herren Länder. Und das ist nicht einmal eine Erfindung der Moderne. Schon Kolumbus reiste gen Westen, um nicht einfach nur einen neuen Weg zu entdecken. Er wollte Routen für Gewürzhändler erschließen. Gaumenfreuden waren schon immer ein guter Antrieb die Welt zu erkunden.

Michi Strausfeld geht es nicht anders. Ihre kulinarischen Erkundungen durch Mexico, Peru und Brasilien sind ein Abenteuer, das beim Zuschlagen des Buches noch lange nicht enden muss. Immer wieder werden die Ausführungen zu den Wurzeln – im wahrsten Sinne des Wortes – von Rezepten unterbrochen, die man leicht nachkochen kann, auch wenn die Suche nach den Zutaten ein wenig mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Wocheneinkauf beim Discounter.

Immer wieder wird man daran erinnert, dass die ach so heimischen Produkte, die die eigene Kultur so einzigartig machen schlussendlich auch einen Migrationshintergrund haben. Denn Kartoffeln sind nicht auf deutschem Mist gewachsen! Im Gegenzug hielten unter anderem Olivenöl und Weizen in Lateinamerika Einzug. Es war, ist und wird immer ein Geben und Nehmen sein. Was aber nicht dazu führen sollte, dass Kartoffelpuffer nun als lateinamerikanisch gelten…

Vielmehr bereichern auch immer öfter hierzulande Huevos rancheros die gedeckten Tische. Wie man sie so originalgetreu wie möglich zubereitet … Rezept steht im Buch.

Die Fusion beider Welten tritt im Küchenbereich an mehr als nur einer Stelle zutage. Klosterbewohner aus der alten Welt mussten sich mit den Gegebenheiten ihrer eroberten Gebiete anfreunden. Und so entstanden Mole poblano con pollo, Hühnchen mit Schokoladensauce und Chili. Beim Dombau in Köln gab’s das garantiert nicht.

Die Küchen Mexicos, Perus und Brasiliens sind einzigartig. Mexicos Küche ist sogar Weltkulturerbe. Und Peru gilt mittlerweile als Schmelztiegel für eine neue Küche. So scharf die Gerichte manchmal anmuten, so feurig ist die Leidenschaft, mit der dieses rote Büchlein geschrieben wurde.

Wem schon beim lesen der Magen knurrt – und er wird knurren, versprochen – der hat sich die Erlaubnis erlesen das Buch beiseitezulegen und sich an den Herd zu stellen. Und mit einem Mal ist er in einem Koch-El-Dorado-Teufelskreis: Buch – Kochen – Buch – Kochen.

In meinem Herzen alles Sieger

Es ist immer noch ein Ereignis – trotz aller Totsagungen wegen anhaltender Skandale – Sportlern bei einer Sportart zuzusehen, die man selbst schnell erlernen und fast ein ganzes Leben lang ausüben kann. Der Giro d’italia ist zusammen mit der Tour de France der Zuschauermagnet des Sommers. Sowohl vor Ort als auch von zuhause aus auf der Couch.

Fabio Genovesi hatte einen Kindheitstraum: Einmal am Giro teilnehmen. Das wurde nichts. Zumindest nicht als Aktiver. 2013 wurde sein Traum gewissermaßen wahr. Als Reporter durfte er die Radrundreise begleiten. „In meinem Herzen alles Sieger“ ist das Ergebnis nicht nur tiefgreifender Recherchen, sondern vor allem ein emotionales Herzstück, das diese Leidenschaft für ein Sportereignis, das nur einmal im Jahr für drei Wochen stattfindet, die Fans fesselt und zu Höchstleistungen der Schreibfeder anstachelt.

Natürlich geht es auch um Sieger und Besiegte in diesem Buch. Massensprints, deren Ergebnis eine ganze Etappe auf den Kopf stellen können. Oder Ausreißversuche, die manchmal gelingen und ein Hurra hervorrufen oder eben zum Scheitern verurteilt sind und nicht mehr als ein „Hab ich’s doch gesagt“ zurücklassen.

Der Reporter Genovesi macht das, was ein Radprofi während des Wettkampfes niemals machen darf. Er bricht zwar aus, aber nicht nach vorn, sondern nach links und rechts. Und da trifft er dann Menschen, die den Giro wirklich zu dem machen, was er ist: Ein Ereignis, das man nie mehr vergisst.

Ein chinesischer Reporter erzählt ihm wie schwierig es ist, in seinem Land ein Radrennen zu verfolgen. Überall Sicherheitskräfte. Als Fan muss man da sehr erfindungsreich sein. In der Nähe von Bari muss die Wegführung verlagert werden, weil die eigentliche Streck zu gefährlich für die Fahrer geworden ist. Zu glatt, weil am Tag zuvor ein fest gefeiert wurde und überall auf der Straße Wachs verteilt liegt.

Das Besondere an diesem Buch ist die Tatsache, dass die Reportagen alle schon im Corriere della Sera erschienen sind. ABER: Für dieses Buch hat Fabio Genovesi sie noch einmal (um-)geschrieben. Soviel Mühe muss man sich erst einmal machen. Und eines ist sicher: Wenn im Sommer der Giro wieder im Fernsehen übertragen wird, liegt die Fernbedienung außer Reichweite des Zuschauers. Dieses Buch hingegen in greifbarer Nähe.

Florenz abseits der Pfade

In einer Stadt wir Florenz braucht man keinen Reiseband. Die ganze Stadt ist ein Museum, das man mit alle Sinnen aufsaugen kann. Mag ja alles seien Richtigkeit haben. Aber, wenn man dann nach einer Reise erfährt, was Andere alles erlebt haben und man selbst dann doch nur den Massen gefolgt ist, setzt ziemlich schnell Ernüchterung ein. Ergo: Man braucht einen Reiseband in dieser zauberhaften Stadt.

Susanne Vukan reist mit dem Leser, dem Besucher durch eine Stadt, die mit ihren Reizen so gar nicht geizt. Ein Wunder, dass die Renaissance nicht nach der Stadt am Arno benannt wurde. Doch sind es eben diese offensichtlichen Reize, die die Sinne schnell überfordern. Permanent muss man staunenden Touristen ausweichen, die unvermittelt mitten im Weg stehen bleiben, weil sie etwas entdeckt haben, was vor ihnen noch nie jemand gesehen hat. Festes Schuhwerk und trainierte Knöchel sind Grundvoraussetzung für die Besichtigung der Stadt.

Wer jedoch dort abbiegt, wo andere treu geradeaus laufen, wird eine Stadt entdecken, die so in nur ganz wenigen Büchern beschrieben wurde – derart kompakt, noch nie zuvor.

Die Autorin lässt beispielsweise Antiquitäten für sich selbst sprechen. Das bisschen Vorbildung, das man sich angeeignet hat, reicht vollkommen aus, um der Stadt ein ums andere Mal ein kleines Geheimnis zu entlocken. Susanne Vukan ist dabei die ideale Reisebegleiterin, die mit dem Finger auf das zeigt, was wirklich wichtig ist.

Auf allen Spaziergängen durch Florenz schwingt ein Hauch von Exklusivität mit. Mal ist es auch der Duft von Kaffee und Schokolade. Denn auch lukullische Genüsse dürfen in einem Buch über Florenz nicht fehlen. Immer wieder wird man dieses Buch aufschlagen und die Autorin nach dem Weg zu den versteckten Highlights fragen. Wo die sind? Wie sie heißen? Das muss man schon selber lesen und erkunden. Nur eines sollte man nicht tun: Sie außer Acht lassen! Jedes Wort sitzt, jedes Foto macht Appetit, jeder Absatz eine Offenbarung, jede Seite verspricht Sehnsuchtsorte … und hält jedes Versprechen. Besonders zu empfehlen: Das letzte Kapitel im Buch. „Meine Genuss- und Wohlfühlstrecke“. Caffé, Pasta, gelato zwischen palazzi, giardini und einmaligen Aussichten.

„Florenz abseits der Pfade“ ist ein unerlässlicher Reisebegleiter, den man nicht unterschätzen sollte. Auf rund zweihundert Seiten lernt man eine Stadt kennen, die zu den am meisten besuchten Städten in Europa gehört. Klar, dass man hier und da in die Falle des Offensichtlichen tappen wird. Als eifriger Leser dieses Buches verringert sich diese Gefahr auf die Zahl Null. Man muss nur lesen und der Autorin folgen.

Rom abseits der Pfade

Es gibt Orte, die hat in binnen weniger Stunden durchlaufen und man hat alles gesehen. Dann tauchen Orte vor dem geistigen Auge auf, bei denen man weiß, dass es schon ein paar Tage braucht, um sie vollends erkunden zu können. Und dann gibt es Rom. Die Ewige Stadt (was kein Marketing-Scoop übereifriger Strategen ist, sondern der Wahrheit entspricht). Selbst, wenn man jahrelang in der Stadt lebt, wird man immer wieder etwas entdecken, das man noch nie zuvor gesehen hat. Auch wenn das so manchem Veranstalter von geführten Touren nicht ins Werbekonzept passt.

Elisabetta de Luca hat in der Abseits-Der-Pfade-Reihe schon mit ihrem Napoli-Band (ihrer Geburtsstadt) bewiesen, dass ihre Abstecher in kleine Gassen zum Erfolg führen. Ihre Anekdoten sind unterhaltsame Wegbegleiter. Ihre Tipps treffen stets ins Herz des Besuchers.

Und nun Rom! Eine riesige Stadt, die Historie nicht einfach nur abbildet, sondern sie tagein tagaus lebt. Es ist das sprichwörtliche Paradies auf Erden. So nennt die Autorin auch ihr Kapitel über die giardini di Roma, die Gärten Roms.

Hat man genug von palazzi und mercati, von Bernini und Co., tut ein Tag in ruhigeren Gefilden gut, um den Akku wieder aufzuladen. Geht das überhaupt? Ruhe in Rom? Si, mit endlos vielen I möchte man hinausschreien. Die Gärten waren als Ruheoasen angelegt worden. Und über die Jahrtausende wurde dieses Ansinnen auch gepflegt. Wo eine Mauer, da oft ein Garten. Wo ein schönes Tor, einfach mal vorsichtig reinschauen und die Stille genießen. Das sind die Tipps, die man gern beherzigt, wenn die Autorin sie vorgibt. Wo man diese Mauern und Tore findet, das weiß sie auch ganz genau.

Und wenn nach so viel Erholung der Magen knurrt, macht sie einem auch gleich noch Appetit. Immer wieder lässt sie in ihre Erkundungstouren Rezepte (echt römisch!) einfließen. Appetitmacher im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Mythos Rom wird in diesem Buch nicht entzaubert. Ganz im Gegenteil: Er wird mit jedem Umblättern gesteigert, oft sogar potenziert. Die Abbildungen – von Graffiti bis zu den elegantesten Passagen – machen Lust auf mehr. Mehr Rom. Mehr Geschichte. Mehr Urlaub. Und den steten Drang immer wieder zu kommen, um dem Irrglauben zu erliegen, die Stadt komplett erfassen zu können. Das ist unmöglich. Aber mit diesem Buch kommt man diesem Ziel einen ordentlichen Schritt näher…

Renée Sintenis – Berlin, Bohème und Ringelnatz

Wer über die Autobahn in Berlin einfährt, hat bestimmt schon mal die Plastik mit dem Berliner Bären wahrgenommen. Ab hier ist man nun endlich in Berlin! Doch wohl kaum jemand macht sich die Mühe darüber nachzudenken, wer diese Plastik geschaffen hat. Das ändert sich mit diesem Buch!

Denn die Künstlerin, die Mutter dieses Bären ist Renée Sintenis. Nie gehört? Nur für Kunstliebhaber, für Menschen, die sich mit Kunst der 20er Jahre und ihrem –betrieb beschäftigen, hat der Name Sintenis einen wohlklingenden Nachhall. Ein große Künstlerin, nicht, weil sie einen Meter achtzig groß war – nein, weil sie im Berlin der Weimarer Republik einen Namen hatte.

Sie half unter anderem Joachim Ringelnatz durch ihre Verbindungen zu überleben. Durch sie bekam er die Möglichkeit seine Werke – er malte auch – an den Manne oder die Frau zu bringen. Ihre ausdrucksstarken Skulpturen fanden reißenden Absatz. Der Galerist Alfred Flechtheim stellte sie aus.

Doch die Erfolgszeit ist begrenzt. Ihr Mann Emil Rudolf Weiß wurde früh schon als arisch eingestuft. Sintenis Vorfahren hatten jüdische Wurzeln. Weswegen sie aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wird. Ihre Antwort auf die Aufforderung zeigt glasklar ihren freien Geist – wenn sie gehen soll, muss man sich ausschließen.

Die Galerie Flechtheim muss ebenfalls schließen. Alex Vömel übernimmt das gesamte Werk, unverdächtig, weil aktives Mitglied im Reigen des neuen Kunstbetriebes. Und seine Galerie ist bis heute die wichtigste Adresse für das Werk Renée Sinetnis’…

Silke Kettelhake rückt eine Künstlerin wieder in den Fokus der Kunstwelt, die bislang nur einem begrenzten Kreis zugängig war. Ihre Biographie über Renée Sintenis ergänzt die blue-note-Reihe um ein wertvolle Künstlerin, die es wieder zu entdecken gilt.

Die Affaire Moro. Ein Roman

„Es hatte keine Bedeutung für mich. Es war nur eine Affaire.“, so klingt es in einem schmalzigen Roman mit happy end. Und wenn man die Geschichte der Entführung von Aldo Moro, des ehemaligen (und zweimaligen) italienischen Ministerpräsidenten im Jahr 1978, unter dieser Phrase betrachtet, schauert es einem.

Im März 1978 entführten die Brigate rosse mit einem gewaltigen Waffenarsenal ausgestattet den Vorsitzenden des Nationalrates der Democrazia Cristiana. Nach 55 Tagen fand man seine Leiche, abgestellt in einem Kleinwagen. Offiziell hatte man alles getan, um Aldo Moro aus den Fängen der Entführer zu befreien – das liest sich gut. Klingt auch glaubwürdig… aber nur auf den ersten Blick. Zu tief waren die Gräben zwischen den Idealen des gläubigen Christen und den Machenschaften seiner Gegenspieler. Italien war in einer der heftigsten Wirtschaftskrisen des Landes. Moro wollte eine Allianz aller Parteien, um dieser Krise Herr zu werden. Er scheute auch nicht mit der Kommunistischen Partei zusammenzuarbeiten. Soweit die nüchternen Fakten. Was aber hinter verschlossenen Türen in den Parteizentralen, den Gremien, im Vatikan, in Ministerien besprochen wurde, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Schon im Jahr der Entführung schrieb Leonardo Sciascia „Die Affaire Moro. Ein Roman“. Sciascia, eines der Sprachrohre der Intellektuellen Italiens. Der Mahner. Der Wachrüttler. Der Unbeirrbare. Man kann bis heute nicht über die Entführung Moros sprechen ohne dieses Buch gelesen zu haben. Je weiter man sich in dieses Buch vertieft umso abstoßender  wirkt das handeln (bzw. das Nicht-Handeln) derer, die etwas hätten tun können. Eine Verbindung zur Affaire Dreyfus und Zolas „J’accuse“ („Ich klage an“) sind nicht von der Hand zu weisen.

Man stelle sich nur einmal vor, Derartiges würde heutzutage passieren. Mit den Möglichkeiten der sozialen Medien wäre das Wirrwarr der Wahrheiten um ein Vielfaches größer als noch vor fünfundvierzig Jahren. Straßensperren, gestammelte Statements aus der ersten Reihe bis hin zu den Hinterbänklern und denen, die nach vorne drängen. Politische Gegner, die im politischen Kalkül jedweden Respekt verlieren. Das Leid der Betroffenen würde durch den medialen Druck noch verstärkt werden. Die Täter – ebenso unter einem gesteigerten Druck – würden mehr Kraft aufwenden müssen, um einen klaren Kopf zu behalten. Und das Opfer? Abgeschnitten von der Außenwelt. In ständiger Ungewissheit. So wie damals.

Noch immer gibt es kein Rezept gegen derartige Terrorakte gegen den Staat. Es wird sie niemals geben. Auch wenn man sich noch sehr bemüht oder es zumindest vorgibt. Die Lehren aus diesem Buch, aus der Affaire Moro, sind immer noch nicht gezogen worden. Und das ist die traurige Erkenntnis, die Leonardo Sciascia auch vorhergesehen hat. Auch deswegen ist dieses Buch immer noch wichtig und lesenswert. Der neuen Ausgabe ist ein Essay des (ebenso wie Sciascia) sizilianischen Schriftstellers Fabio Stassi angefügt. Selbst nach Jahrzehnten lässt auch ihn die Affaire Moro keine Ruhe. Das unterscheidet sie von so vielen Affairen aus rührseligen Romanen.

Den Teufel im Leib

Mit nicht einmal zwanzig Jahren einen Skandalroman zu veröffentlichen, sich in Künstlerkreisen „herumzutreiben“ und eine gewichtige Zeitschrift zu gründen … macht sich immer gut im Lebenslauf. Auch wenn es, wie im Fall von Raymond Radiguet nur zwei Jahrzehnte dauert.

Gleich sein erster Roman – dieser hier – „Den Teufel im Leib“ schlug ein wie eine Bombe. Ein moralischer, moralisierter, moralisierender Aufschrei. Wie kann er nur?! Ein Fünfzehnjähriger verliebt sich in eine ein paar Jahre ältere Frau. An sich nicht weiter verwerflich. Doch der junge Bengel hält mit seinen Gefühlen nicht hinterm Berg.

François hat sich vom ersten Moment an in Marthe verliebt. Und Erfahrungen als Don Juan – wie ihn sein Lehrer einst mahnend nannte – hatte er schon früher. Und irgendwann ist auch Marthe dem Werben unterlegen. Und das obwohl ihr Verlobter im Feld für die Ehre Frankreichs kämpft. Es ist die Zeit der Grabenkämpfe und der ersten perfiden Versuche mit Giftgas das gegnerische Soldatenvolk zu schädigen. Und schon bald schleicht sich François aus dem elterlichen Haus, um nicht nur eine Nacht bei seiner Marthe zu verbringen. Die Notlüge mit der Wanderung zusammen mit seinem Freund platzt alsbald. Die Mutter ist entrüstet, der Vater schmunzelt nicht mit einem gewissen Stolz auf den Lippen.

François und Marthe sind kein Paar. Sie sind zwar zusammen, doch in der ländlichen Idylle sind derartige Liaisons schändlich. Wenn nicht sogar teuflisch! Aber vor allem nicht ohne Folgen…

Das Buch ist tatsächlich schon einhundert Jahre alt. Und erscheint nun in deutscher Sprache, in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel. Den kennen einige sicher als sprachbegabten Wortwisser der Sendung Karambolage auf arte. Mit Verve verleiht er dem Jubilar einen modernen Anstrich. In übermoralisierten Zeiten, in denen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt zu werden scheint, kommen so manchem Moralapostel und leichtgläubigem Mitläufer einige Zeilen tatsächlich immer noch skandalös vor. Auch der Fortschritt hat eine Vergangenheit, auf die er gern zurückschaut…

Jean Cocteau zählte Raymond Radiguet zu seinen Freunden. Auszüge aus einigen Briefen und vor allem die typischen Cocteauzeichnungen vervollständigen zusammen mit Gedichten von Radiguet die Komplexität dieses Buches. Rasch liest man das Buch. Mit offenem Mund frisst man sich durch den Anhang. Mit weit aufgerissenen Augen staunt man über das kurze, ereignisreiche Leben des Autors. Und dann fängt man von vorn an. Immer wieder und wieder und wieder…