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Genial geschützt

Genial geschützt

Groß war der Aufschrei als Anfang dieses Jahrhunderts im Schwimmsport ein Weltrekord nach dem anderen purzelte. Schuld daran waren die Hightech-Schwimmanzüge, die durch ihre spezielle Struktur ein Luftpolster unter dem Körper des Schwimmers schufen. Dank des Auftriebs waren ungeahnte Zeitsprünge möglich. Seit 2010 sind sie wieder verboten. Doch so sehr Hightech waren sie gar nicht. Eher ein Hightech-Plagiat. „Hai-Tech“ trifft es besser. Denn die Beschaffenheit der Schwimmanzüge wurde bei Mutter Natur abgeschaut. Beim Hai dient diese Art der „Verpackung“ zusätzlich als Stützkorsett, da das Knochenskelett ein Knorpelskelett ist.

Verpackungen begegnen uns mehrmals täglich. Angefangen beim Eierkarton, der das scheinbar so zerbrechliche Ei vor Zerstörung schützt, über stabile Kisten, die wabenförmig gegen Stöße sichern, bis hin zur bunten Verpackung, die uns die Vorzüge des eingepackten Produktes anpreist. Alles nichts Neues. Alles abgekupfert von Mutter Natur.

Ein prächtiges Federkleid beispielsweise bei einem Paradiesvogel hat mehrere Funktionen. Zum Einen sind die Federn Tragflächen, um sich galant durch die Luft zu bewegen. Zum Anderen sind sie Werbemittel bei der Brautschau. Zum Dritten sind sie so konstruiert, dass der darunterliegende Körper bei Regen nicht nass wird. Um beim Bild der Werbung zu bleiben: Das sind gleich drei Sachen auf einmal…

Ob Fell, ob Baumrinde, ob Blütenpracht – all das, was wir tagtäglich natürlich wahrnehmen, hat einen oder mehrere Sinn.

Die Autoren der einzelnen Beiträge legen dies in ihren Artikel in diesem Buch wortgewaltig und reichbebildert dar. Beim Lesen wird einem immer klarer, was uns im Alltag immer mehr verloren geht. Das Buch schärft die Sinne für Form und Funktion von Außenschichten in Flora und Fauna. Und zwar bis ins kleinste Detail. Wer sieht schon eine Zellmembran bei der Arbeit, beim Spazierengehen, beim Einkaufen? Selbst die so gefürchteten Viren sind echte Verpackungskünstler. Wenn auch im ganz Kleinen.

Knüppelharte Panzerungen wie bei Schildkröten oder schwer zu knackende Nüsse, Chitinpanzer von Insekten oder die feste wie sensible Haut der Elefanten – Ruthild Kropp hat in diesem Buch das gesamte Spektrum der natürlichen Verpackungen in ein faszinierendes Buch verpackt. Die wohl schönste und informativste Form zum Thema.

Erwin Schrödinger

Erwin Schrödinger

Nobelpreisträger tragen eine schwere Bürde mit sich: Kaum einer kennt sie. Zumindest, wenn es die Naturwissenschaften betrifft. Friedensnobelpreisträger – deren Vergabe allzu oft seltsame Blüten trieb, man denke an Menachem Begin und Anwar al Sadat, Barack Obama oder die Europäische Union – kennt man einige. Literaturnobelpreisträger sind auch nicht ganz unbekannt, da auf jeder Ausgabe darauf hingewiesen wird. Aber Chemiker und Physiker? Die kennt man kaum. Albert Einstein, den kennt man. Heisenberg, Bohr, Planck – alle schon mal gehört. Auch von Erwin Schrödinger? Wer schon vor dem 26. September 2009 von ihm Kenntnis hatte, gehört zu einer kleinen Minderheit. Wer ihn seitdem kennt, hat die letzte Folge der ersten Staffel von „The Big Bang Theory“ gesehen, in der die Theorie von Schrödingers Katze im Treppenhaus erläutert wird. Die besagt nichts anderes, als dass etwas nur passiert, wenn man es beobachtet, ganz oberflächlich betrachtet. Ähnlich dem Phänomen eines fallenden Baumes, das von niemandem beobachtet wird – macht das Fallen dann Krach?

Erwin Schrödinger wurde am 12. August 1887 in Wien geboren, als Einzelkind der oberen Mittelschicht wurde Bildung schon sehr früh zugängig gemacht, seine Neugier befeuerte seinen Wissensdrang. Tante Minnie musste schon sehr früh alle möglichen Ereignisse in einem Tagebuch für den kleinen Erwin festhalten. Sonst hätte ja seine Kindheit niemals stattgefunden… Das Haus, in dem Erwin Schrödinger die Kindheit verbrachte beherbergt heute eine Galerie.

Schon früh konnte man die spätere Genialität des Kindes beobachten. Was dem Vater einige Sorgenfalten bereitete, Erwin sollte nicht getrieben werden, er sollte sich „normal“ entwickeln. Doch schon im Gymnasium war klar, dass er besonders begabt war. Mathe und Physik stellten kein Problem dar, er könnte immer eine Antwort geben, wie ein Mitschüler feststellte.

Erwin Schrödingers Vater war Wachstuchfabrikant, sein Opa Chemieprofessor. Die Schuljahre vergingen, Erwin Schrödinger studierte in Wien Mathematik und Physik. In Zürich lehrte er Theoretische Physik an der gleichen Stelle wie vor ihm Albert Einstein. 1933 bekam er den Nobelpreis für Physik für seine nach ihm benannte Schrödingergleichung. Soweit sein Leben in Zahlen.

Erwin Schrödinger war nicht ausschließlich Naturwissenschaftler. Ganz im klassischen Sinne eines Forschenden widmete er sich auch den Räumen zwischen den Fachgebieten, fast wäre er sogar Philosoph geworden. Ihn interessierte stets das Hin und Her, das Zwischenspiel von Natur und Geist.

Obwohl Erwin Schrödinger heutzutage als Wissenschaftler eher in die Kategorie „B-Promi“ gehört, wenn man vom allgemeinen Bekanntheitsgrad ausgeht, ist seine Denkweise, seine Neugier für viele eine Triebfeder. Genau wie Albert Einstein sah er die Welt als Ganzes, das auch aus einem Geist heraus besteht und nur so erklärt werden kann.

Walter Moore Biographie ist ein Kleinod unter den Physikerbiographien. Detailreich und nie verlegen das Leben und Denken eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts zu beschreiben und zu erörtern.

 

Ostia – Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt

Ostia

Wo einst Luxusgüter umgeschlagen wurden, sonnen sich heute Luxuskörper. Wo einst sich Menschen aus aller Herren Länder trafen, treffen sich auch heute noch Menschen aus aller Herren Länder. Wo einst neidisch und ehrfurchtsvoll nach Rom geschaut wurde, reist man heute am Abend gen Rom. Die Rede ist von Ostia. Eine kleine Stadt vor den Toren Roms am Tyrrhenischen Meer, genauer gesagt Ostia Antica. Eine kleine Stadt, die schon seit über zweitausend Jahren existiert. Ostia Antica ist eine Ausgrabungsstätte, die als Sinnbild für eine römische Stadt dient. Die hier gemachten Forschungsergebnisse erlauben heute einen detaillierten Einblick ins Rom der Antike.

Wer Rom kennt, kehrt immer wieder gern an die Orte zurück, die man seit Schulzeiten kennt: Forum Romanum, Colosseum, Augustusmausoleum etc. Als Zugabe schlendert man gern durch bisher unbekannte Straßen und Gassen. Rom ist eine Stadt, die Geschichte atmet. Und so nach und nach wird man mit dem Historienvirus angesteckt. Man will wissen, wer hier oder da hauste, was die Inschriften bedeuten. Und irgendwann kommt man unweigerlich nach Ostia. An der Mündung des Tibers ist Rom noch so wie es einmal war.

Doch was bedeuten die einzelnen Ruinen, halbzerfallenen Bauwerke, deren einstige Pracht dem Zahn der Zeit teils zum Opfer fiel. Klaus Stefan Freyberger führt kenntnisreich nicht nur durch eine Ruinenstätte, sondern gleichzeitig auch ins römische Leben vor einer gefühlten Ewigkeit. Und es ist erstaunlich wie viel Wissen aus den Überresten der Stadt noch abzulesen ist. Beispielsweise die Bäckerei des Eurysaces. Vom Getreidemahlen über das Teigkneten bis hin zum Backen des Brotes lässt sich der gesamte Schaffensprozess nachvollziehen. Mit offenen Augen und teils auch mit offenem Mund liest man sich durch dieses anerkannte Gewerbe. Die Bilder von Heide Behrens unterstreichen diese Leseerfahrungen eindrucksvoll.

Nun ist Ostia Antica keine Touristenmetropole, die täglich Zigtausende von Touristen animieren muss. Eine Wohltat für alle, die sich für Geschichte interessieren und eine gewisse Vorbildung haben. Denn die braucht man! „Ostia – Facetten des Lebens in einer römischen Hafenstadt“ ist kein Reisebuch, das man Seite für Seite „abarbeitet“. Es ist vielmehr ein umfangreiches und gut strukturiertes Lexikon einer römischen Stadt mit dem Anspruch das Leben vor Jahrtausenden nachvollziehbar zu erklären. Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt.

Der Vizekönig von Ouidah

Der Vizekönig von Quidah

Bruce Chatwin hatte ein kurzes, bewegtes Leben. Letzteres verbindet ihn mit dem Protagonisten dieses Buches, Francisco Felix de Souza. Der war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als brasilianischer Sklavenhändler im afrikanischen Benin an Land gegangen. Das Land Benin als solches gab es damals noch nicht. Dahomey hieß es einst.

Sein Verhandlungsgeschick brachte ihm die Position eines Vizekönigs ein. Er hatte das Exklusivrecht mit Sklaven zu handeln. Ein weit verbreiteter Handelszweig in diesen Gefilden.

Bruce Chatwin, der dieses Buch Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts schrieb, besuchte Benin, jetzt eine Volksrepublik sozialistischer Prägung, um Recherchen zu dem einstigen Vizekönig anzustellen. Dieses Buch ist mehr Fiktion als Dokumentation, obwohl viele der beschriebenen Vorgänge so oder so ähnlich passiert sind.

Als Chatwin das Land wieder verlassen wollte, geriet er mitten in einen Umsturz. Froh, dass er mit halbwegs heiler Haut entkommen konnte, kehrte er nie wieder zurück.

Dieses wunderschön bebilderte Buch ist eine Hommage an den großen Reisejournalisten, der am 13. Mai 2015 seinen 75. Geburtstag feiern könnte. Leider starb er im Alter von 49 Jahren in Südfrankreich.

Den Illustrationen von Sylvie Ringer dienten teilweise Fotos von Bruce Chatwin als Vorlage. Das reichhaltige Farbenspiel ist ein Genuss für die Augen. Die wortstarken Texte von Chatwin lassen den Leser vollends in die Welt Dahomeys, wie Benin bis weit ins 20. Jahrhunderts hieß, eintauchen.

Brutaler Menschenmissbrauch, tragische Familienschicksale und eine gehörige Portion Geschichte sind die Zutaten, die Bruce Chatwin für sein eindrucksvolles Menu africaine zusammenstellt. Der kunstvoll gestaltete Prachtband besticht durch Eleganz und Opulenz.

Das Buch bildet die Grundlage der letzten Zusammenarbeit von Werner Herzog mit „seinem liebsten Feind“ Klaus Kinski, „Cobra Verde“.

Korfu

Korfu

Korfu taucht immer nur in den Köpfen von Touristen auf, wenn es die neuen Kataloge im Reisebüro um die Ecke gibt. Ansonsten fristet das Eiland, das zu den Ionischen Inseln gehört, ein Mauerblümchendasein. Zu Unrecht! Wenn man es positiv sehen will, ist es hier stellenweise noch urtypisch, unberührt, unbekannt. Wer weiß schon, dass hier His Royal Highness The Prince Philip, Duke of Edinburgh, Earl of Merioneth and Baron Greenwich, Royal Knight of the Most Noble Order of the Garter, Extra Knight of the Most Ancient and Most Noble Order of the Thistle, Member of the Order of Merit, Grand Master and First and Principal Knight of the Most Excellent Order of the British Empire, Knight of the Order of Australia, Companion of the Queen’s Service Order, Lord of Her Majesty’s Most Honourable Privy Council, Member of Her Majesty’s Privy Council for Canada oder einfach nur Prinz Philip geboren wurde. Besucher befinden sich also auf royalem Grund. Und Hans-Peter Siebenhaar bringt hierfür den 276 Seiten starken Beweis.

Korfu hat viel zu bieten. Wenn man so über das Eiland schlendert, ein Ingwerbier genießt (gibt es mit und ohne Alkohol), was es auf Korfu noch gibt, sieht man es an allen Ecken und Enden. Der Schriftsteller Ferdinand Gregorovius spricht von einem hinreißenden Schauspiel der Natur. Wer es hautnah erleben, die Insel schmecken will, der sollte den Markt in Korfu-Stadt besuchen, weiß Hans-Peter Siebenhaar zu berichten.

Der Norden ist die Region, die touristisch am meisten erschlossen ist. Hier wurden die meisten Hotels gebaut, was bedeutet, dass auch die Strände maximal ausgenutzt wurden. Wer nun meint, dass hier nur Massenabfertigung herrscht, irrt. Das auch von den Einheimischen als eines der besten bezeichnete Restaurant „Etrusco“ in Káto Korakiána verwöhnt vorzüglich die lechzenden Gaumen.

Das ist nur einer der vielen Tipps, die der Reisebuchautor parat hält. Immer, wenn er etwas entdeckt hat, was ihm besonders erwähnenswert scheint, packte er in im Buch die gelb hervorgehobenen Kästen. Echte Wegweiser und Geschichtenerzähler sind diese kurzen Texte.

Die Insel kann man touristisch in drei Teile gliedern: Korfu-Stadt, den Norden und den Süden. Jedem Teil widmet sich der Autor mit der gleichen Hingabe und macht so jeden Tag zu einem besonderen Erlebnis. Der vierte Teil führt Besucher in die Umgebung, Albanien oder auf die Inseln Paxos und Antipaxos. Insgesamt gilt es fünfzehn Wanderungen und Touren zu erleben. Die Karten und Pläne erleichtern das Zurechtfinden, als Einstieg gibt es einen kleinen Exkurs in die Geschichte Korfus. Für Sportenthusiasten ist die Insel wie geschaffen: Wanderungen per pedes oder per Rad bieten wegen der Berge nicht nur anspruchsvolle Betätigung, sondern auch einzigartige Aussichten. Und wer es – damit sind wir wieder beim britischen Königshaus – lieber geruhsamer angehen lassen möchte, das Kricketspiel ist auf Korfu immer noch sehr verbreitet.

Niederlande

Niederlande

Nein, die Niederlande gehören nicht zur k.u.k.-Monarchie! Auch wenn Kiffen und Koekjes für viele immer noch zum gelungenen Holland-Trip dazugehören. Dirk Sievers zeigt wie man die Niederlande richtig bereist und wie man am besten alles erlebt. Dazu benötigt man eine gewisse Zeit Urlaub, eine große Portion Neugier und dieses Buch!

Zwischen Holland und Deutschland gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber mindestens genauso viel Unterschiede. Von Vorurteilen wird nicht die Rede sein. Die Niederlande können sich rühmen für Strandurlauber, Naturliebhaber und auch für Städtetouristen das richtige Angebot zu haben. Deswegen ist es auch auf den ersten Blick verwunderlich wie man ein solch großes Angebot in ein Buch packen kann. Dass es bereits die neunte Auflage ist, heißt nichts anderes als dass das funktioniert. Schon allein über die Provinz Zuid-Holland könnte man ein eigenes Buch schreiben. Die Region liegt Südwesten. Ganz der Süden ist es nicht, der wird von Limburg, Noord-Brabant und Zeeland beansprucht. Herrlich verwirrend: Noord-Brabant liegt südlicher als Zuid-Holland. So viel zu den Unterschieden… Die berühmteste Stadt in Zuid-Holland ist sicherlich Den Haag. Neben dem Regierungssitz, erstaunen den Besucher hier die Paläste (unter anderem residiert hier die königliche Familie) und Promenaden. Wer die Kunst der alten Meister sucht, wird in ‘s-Gravenhage, wie die Stadt auch genannt wird, reich belohnt. Für ganz Eifrige gibt es einen Museumspass. Zur Stärkung findet man sich am Haringkam Buitenhof ein, einem Kiosk, der laut Dirk Sievers die besten Makrelenbrötchen und Kibbelinge der Stadt hat. Anscheinend haben die Möwen auch diesen Abschnitt des Buches gelesen und versammeln sich zahlreich und lautstark an diesem Ort.

Wer die Niederlande besucht, sucht auch Windmühlen. Die UNESCO hielt die Windmühlen am Kinderdijk für schützenswert, weshalb zwei davon heute noch in einem exzellenten Zustand zu besichtigen sind. Es empfiehlt sich außerdem eine Bootstour über die Kanäle.

Wer meint, dass man die gesamten Niederlande inklusive der Metropole Amsterdam nicht in einem Buch gebührend darstellen kann, irrt sich gewaltig. Die kurzen Texte sind mehr als ausreichend, um einen oder mehrere Urlaube kenntnis- und erlebnisreich zu gestalten. Die eingangs erwähnten farbigen Kästen sind das Salz in der Suppe. Zahllose Hinweise zu Unterkünften, Restaurants und Orten, die man auf gar keinen Fall verpassen sollte, sind klar gegliedert und erleichtern Einsteigern wie NL-Profis die Handhabung.

Lume Lume

Lume Lume

Ein Ohrwurm geht dem Erzähler nicht mehr aus dem Kopf. Es beschäftigt ihn so sehr, dass er unbedingt wissen muss, was die Zeilen bedeuten. Und so macht er sich auf die Suche nach der Bedeutung des Liedes. Er streift durch das multikulturelle Palermo. Woher stammt es? Vom Balkan? Aus Rumänien?

Unterwegs trifft er Rumänen – die kennen das Lied aber nicht. Zu jung. Die, die im richtigen Alter sind, und Rumänen zu sein scheinen, sind keine Rumänen. Die Suche nach dem Sinn des Liedes wird zur Suche nach der Identität der Stadt.

Der Erzähler trifft auf Moslems, Christen. Die buddhistische Floskel vom Weg, der das Ziel ist, wird unweigerlich sein Leitfaden. Er begegnet jungen Mädchen, die mit Stolz die Burka tragen. Jetzt sind sie erwachsen. In die Schule stolzieren sie allerdings in Jeans. Ihr Vater will nur, dass sie glücklich sind. Egal in welcher Kleidung.

Lume bedeutet Leute oder Welt. Die Doppelung des Wortes verleitet zum Spielen: Welt-Welt, Leute-Leute, Leute der Welt etc. Doch was es nun genau bedeutet, kann ihm immer noch keiner sagen.

Dem Erzähler gefällt das Lied so sehr, dass er es als Sinnbild Palermos ansieht. Hier trifft sich die Welt. Ob es nun Europa ist oder nicht – eine köstliche Erklärung warum Palermo nicht Europa ist: Lesen! – das Lied wird zum Sehnsuchtsziel einer spannenden Reise in die Herzen der Palermitani.

Nino Vetri ist auch Musiker. Der Erzähler ist er selbst. Eine Melodie, ein Lied, das einem nicht aus dem Sinn geht, das kennen viele. Dass man bei der Suche nach dem Text die eigene Umgebung unter die Lupe nimmt, so was gelingt nur Nino Vetri. Den Text zu finden, ist ein Leichtes, den Sinn zu erfassen wird schon schwieriger. Für Nino Vetri ist die Suche nach dem Text von Lume Lume nur der Anfang. Er findet Freunde, die ihm ihre Sicht auf die Welt näherbringen. Und Palermo ist die Sonne, um die sich alles dreht…

Die letzten Stunden meiner Brille

Die letzten Stunden meiner Brille

Nino Vetris erster Roman entführt den Leser ins Palermo der Geschichten. Sein Vater verliert nach und nach sein Gedächtnis. Auf dem Weg zum Doktor fallen ihm immer wieder Geschichten aus der Kindheit ein.

Damals wollte er eine Punkband gründen. Der Unbegabteste sollte Schlagzeug spielen. Wie universell doch Punk sein kann. Der Großvater hat noch ein Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Das fasziniert die Jugendlichen ebenso wie die neugewonnene Anerkennung als Band. Die einzelnen Geschichten nachzuerzählen fällt schwer, weil jedes Schicksal mit dem anderen verwoben ist. Zeitsprünge werden nicht angekündigt.

Der Leser wird trotzdem nicht überfordert. Im Gegenteil: Er wird gefühlvoll durch das Labyrinth der Geschichten geführt. Zwischen Bombenhagel und Gitarrengeschrammel findet er sich mitten in Palermo wieder. Einer Stadt, in der die Bewohner stets von Sehnsucht getrieben sind. Die Geschichte bietet ihnen die Basis für ihr eigenes Leben, das sie nun selbst gestalten müssen, dürfen, können.

Als Beiwerk gibt es eine CD mit Musik von „La Banda di Palermo“, der Band von Nino Vetri. Eine Art Ethno-Folk. Lässt man sie während des Lesens nebenbei laufen, tauchen die Bauten der Stadt vor einem auf. Der Straßenlärm versinkt im Klang der Instrumente.

Andrea Camilleri war begeistert von diesem Buch: „Ironisch, elegant und direkt“, nannte er das Erstlingswerk von Nino Vetri. „Die letzten Stunden meiner Brille“ ist ein Kurzroman, den man mehrmals liest. Und bei jedem Mal erschließt sich eine andere Welt. Kriegserinnerungen, Jugendsünden, Schicksale. Immer wieder wird der Leser in eine neue, faszinierende Welt geführt. Siziliens Dichter waren seit jeher von ihrem Land angetan. Nino Vetri führt diese schöne Tradition fort und den Leser durch seine Heimat.

Wahre Römer

Wahre Römer

Kennen Sie einen wahren Römer? Nein, nicht Miroslav Klose, der für die Roma stürmt. Nein, einen echten, der Geschichte schrieb. Aber keine Geschichten wie sie im Buche, im Lehrbuch stehen. Nein? Na dann werden Sie hier einige kennenlernen.

Andronicus war einer, den man heute als von der Muse geküsst bezeichnen würde. Richtig wäre es „von der Camena geküsst“. Lucius Livius Andronicus war sein vollständiger römischer Bürger-Name, wobei die ersten beiden Namen die seines ehemaligen Herren waren und Letzterer sein Sklavenname war. Seinem literarischen Talent verdankte er es, dass er freier römischer Bürger wurde. Doch zurück zu Camena. Denn bei seiner Übersetzung der „Odusia“ (Odyssee) benutzte er das Wort Camenae, römischen Quellnymphen, die nun mal keine Musen waren. Andronicus war Sklave, doch sein Talent und sein Ehrgeiz prädestinierten ihn zum römischen Bürger. Das geschah im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Wann genau, darüber streiten sich immer noch die Gelehrten. Faszinierend wie Geschichte bis heute nachwirkt.

Dem Leser begegnen einfache Handwerker wie Bäcker, aber auch treue Gefolgsleute der Caesaren. Manchen wurden Denkmäler errichtet bzw. es sind deren Grabmale immer noch zu bestaunen. Und wenn man die Geschichte hinter diesen Bauwerken/Denkmälern kennt, wird ein Rombesuch zu einembesonderen Erlebnis.

Stephan Berry lustwandelt durch die römische Geschichte wie an einem erfrischenden Maitag. Beschwingt nimmt er sich des schweren Themas römische Geschichte an und versorgt den Leser mit allerlei nützlichem Wissen. Die biographischen Texte sind nur teilweise belegbar. Es ist erstaunlich wie viel wir heute wissen, und wie viele Fragen immer noch offen sind. Wer Rom besucht, trifft alle paar Minuten auf mehr oder weniger gut erhaltene Zeugnisse der Geschichte Roms. Unweigerlich tauchen hier und da Namen auf, die einen garantiert in keiner Geschichtsstunde gequält haben. Doch die Neugier siegt. Wer war das denn? Muss ich den kennen? Viele MUSS man nicht kennen. Aber das Wissen um sie ist eine Bereicherung, die man nicht missen möchte.

Albert Einstein Briefe

Albert Einstein - Briefe

Was wurde nicht alles schon über ihn geschrieben? Genialer Wissenschaftler, Friedensaktivist, Charmeur, Geigenspieler: Albert Einstein. Gehört er gar zu denen, über die schon alles geschrieben wurde? Und wenn ja, warum dann dieses Buch? Weil die Behauptung, es wurde schon alles über DAS Genie des 20. Jahrhunderts geschrieben, nicht stimmt. In einer Zeit, in der Mobiltelefone und E-Mails weder bekannt waren noch in absehbarer Zukunft lagen, gab es zumindest das Kommunikationsmittel des Briefes. Das waren noch Zeiten als mit Tinte auf Papier etwas geschrieben wurde. Fein säuberlich in einen Umschlag gesteckt, frankiert und mit der Post verschickt wurde. Das ist so old school. Tja, das war Albert Einstein trotz aller Genialität und Progressivität auch.

Die in diesem Buch zusammengefassten Ausschnitte spiegeln ein Leben für die Wissenschaft und deren Nutzen für die Menschen wider. Einstein war keineswegs der unnahbare Gelehrte, der regelmäßig zu spät zur Vorlesung kam, launisch seine Thesen runterlas und dann bis zum nächsten Mal im Nirwana verschwand. Er war streitbar und nahm regen Anteil an den zugesandten Briefen. Egal, ob sie nun von einem geschätzten Kollegen, einer royalen Größe oder einem einfachen Farmer aus Idaho kamen. Letzterer bat um ein aufmunterndes Wort für seinen Spross, den er zum Physikstudium animierte. Einstein sollte den letzten Anstoß geben sich anzustrengen. Zur Belohnung gab es einen Sack Kartoffeln.

Die Briefe bzw. die Auszüge zeigen Einstein wie sich Kenner ihn vorstellen und Fremde ihn sich gern vorstellen möchten. Liebenswert, und wenn er antwortet dann mit ganzer Geisteskraft. Außerdem war er ein begnadeter Schreiber. So mancher Student der Gegenwart wünscht sich so einen agilen, lebensbejahenden, klugen Kopf in seinen Seminaren.

Wem schenkt man so ein Buch? Sich selbst. Jedem Physiker, Astronomen. Egal, ob noch Studiosus oder Forscher. Jedem Wissenschaftler, der seine Arbeit nicht nur als Broterwerb sieht oder sah, sondern auch anderen Fachrichtungen die Chance gibt erforscht zu werden. Jedem Humanisten. Na, das ist doch wohl schon eine große Leserschaft.

Einsteins Witz blitzt immer wieder genauso durch wie sein wacher Verstand und seine romantische Ader. Bemerkenswert ist vor allem der lyrische Briefwechsel mit Königin Elisabeth von Belgien. Einstein konnte vor den Nazis fliehen – sie musste aufgrund ihrer Herkunft und ihres Standes ausharren. Seine Ratschläge sind Mahnworte, die bis in die heutige Zeit Bestand haben. Er war gläubig und niemals fanatisch. Einer wie er fehlt … immer noch.

Dieses Buch liest sich leicht wie ein Roman, ist spannend wie ein historischer Thriller und verleitet den Leser immer wieder einzelne Passagen nochmals zu lesen.