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Man möchte immer lachen und weinen in einem

Man möchte immer weinen und lachen in einem

Ein Tagebuch zu schreiben ist der erste Schritt den Alltag und die Träume in Worte zu fassen. Ein Deutscher nutzt ca. sechs- bis zwölftausend Worte, um sich zu artikulieren. Bei über fünf Millionen verfügbarer Begriffe keine überzeugende Leistung (bis hierhin wurden etwas über dreißig verwendet…). Wenn ein (aus-)gebildeter Philologe Tagebuch schreibt, kann man davon ausgehen, dass er eher an der Obergrenze agiert. Victor Klemperer – auch wenn man es nicht nachzählt – hatte sicherlich einen Wortschatz, der locker die Zwölftausend-Worte-Grenze überwindet.

Sechs- bis zwölftausend Worte sind genug, um die eigenen Gefühle festzuhalten. Bei historischen Ereignissen wie das der letzten gewalttätigen Revolution des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland 1918/19 erfordert das Ereignis allein Grenzen zu überschreiten. Victor Klemperer, der sprachgewaltige Sprachwissenschaftler und Humanist hatte die Möglichkeit seine Gedanken zur Zeitgeschichte zu veröffentlichen. Doch nicht alle Texte sind einem breiten Publikum zugängig gemacht worden. Oft konnten sie nicht veröffentlicht werden, da sie nicht rechtzeitig bis Redaktionsschluss vorlagen. So versauerten sie in Schubladen und der Zahn der Zeit ließ sie allmählich in Vergessenheit geraten. Bis jetzt!

Ab Dezember 1918 schrieb er einige Monate lang für Zeitungen über die Ereignisse in München, Stichwort Räterepublik. Die Ermordung Kurt Eisners, die Stammtischtiraden der Arbeiter und der „ganz normale Alltag“ werden erst durch die Sprachgewalt Klemperers für all die greifbar, die nicht direkt dabei waren.

Victor Klemperers Sympathie ist klar, das zeigt er deutlich. Dennoch vermeidet er es sich von einer der Seiten einnehmen zu lassen. Zwischen-den-Zeilen-lesen muss der Leser schon können. Schon nach wenigen Seiten ist man derart im Stoff, dass einem die teils zum ersten Mal veröffentlichten Texte wie ein Roman vorkommen. Nur mit dem Unterschied, dass hier ein Tagebuch gelesen wird. Alles ist so passiert. Victor Klemperer war zu dieser Zeit noch nicht der angesehene Philologe, sondern als Journalist vor Ort. Viele der in diesem Buch zusammengetragenen Texte schafften es – aus Zeitgründen – nicht in die Gazetten der Zeit, manche wurden im Nachgang erst Jahrzehnte später erstellt. Sie alle vermitteln dem Leser ein exaktes Abbild der Situation, in der sich das geschlagene Deutschland zu dieser Zeit befand: Zerstörung, Verstörung, Irreleitung, teil Anarchie, blinder Aktionismus, rohe Gewalt. Doch auch Hoffnungsschimmer, Lichtstahlen und Aufbruchstimmung. Chirurgisch seziert er die Ereignisse, die er selbst erlebt hat, gibt nichts auf Hörensagen.

Nach dem das vergangene Jahr vermeintlich im Zeichen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges stand, Zeitzeugen wie Sand am Meer ausgebuddelt wurden, ist das Revolutionstagebuch ein intellektueller Vorgeschmack auf das Jahr 1919. Aber einer, der Appetit macht auf Deutschstunde und Geschichtsunterricht. Am Ende des Buches wird der Titel klar: Wein oder lachen? Lachen, weil man nun ein klareres Bild hat. Weinen, weil das Buch schon ausgelesen ist.

Dolomiten

Dolomiten

Wer mit Geheimtipps von Urlaubsregionen hausieren geht, benutzt oft die Floskel, dass „man hier noch unberührte Natur (vor-)findet“. Alles ganz echt, naturbelassen, roh, rauh, schroff, die menschliche Hand ganz fern. Dolare nannten das die alten Römer, zurechthauen. Wer das erste Mal die Dolomiten bereist, bekommt leicht den Eindruck, dass hier Mutter Natur etwas grobschlächtig gearbeitet hat. Um vorschnellen Kritikern Einhalt zu gebieten, sei hier angemerkt, dass dieses Attribut durchaus liebevoll und wohlwollend gemeint ist. Steht man in einem der zahllosen Täler, fühlt man sich klein und willenlos. Erklimmt man einen der teils über dreitausend Meter hohen Gipfel, machen sich Erhabenheit und Glücksgefühle breit. Man hat die Rohheit bezwungen!

Die beiden Autoren Dietrich Höllhuber und Florian Fritz prügeln (auch das kann dolare bedeuten) den Leser nicht durch die beeindruckende Landschaft, sie nehmen ihn an die Hand und zeigen ihm die Wege, die man beschreiten muss, um dieses einzigartige Gebirge gebührend zu durchstreifen.

Brixen, Grödner Tal, Trentino, Belluno-Dolomiten und das Pustertal – kennt man alles, hat man schon mal gehört. Das Gebiet der Dolomiten wurde vor nicht einmal zwei Jahrzehnten auch als Marke zu einem hochentwickelten Produkt. Die Infrastruktur ist einwandfrei ausgebildet, dennoch hat man hier die eigenen Wurzeln nicht vergessen und besinnt sich fortwährend auf den so genannten unique selling piont, das Alleinstellungsmerkmal: Ruhe, Erholung, Natur ohne glatt gebügelte Eingriffe von außen. Wer die Dolomiten bereist, tut dies nicht aus Zwang, sondern aus bestimmten Gründen.

Dieses Reisebuch ist sicherlich einer der Gründe diese Gegend erkunden zu wollen. Gelb unterlegte Infokästen sind das Salz in der Wandersuppe der Urlauber. Denn hier gibt’s das, was andere nur versprechen: Echte Geheimtipps. Und erst die Bilder! Kleiner Tipp: Beginnen Sie beim Durchblättern auf Seite 72. Danach gibt’s kein Halten mehr. Koffer packen und ab in die Dolomiten. Ins Pustertal. In den Naturpark Sextener Dolomiten. Dort gibt es ein grandioses Farbenspiel an den Hängen der Gipfel. Garantiert!

Fünfzehn Wanderungen und Touren haben die beiden Autoren auf knapp dreihundert Seiten zusammengetragen. Nicht nur „Hier geht’s lang.“ „Dort gibt’s was zu futtern.“ Und „Das dürfen Sie nicht verpassen.“ Exakt durchdacht und mit jeder Zeile authentisch – man merkt sofort: Hier sind Experten bei der Arbeit. Von Aufbruchszeit, Einkehrmöglichkeiten, über Ruhestätten und Aussichtpunkten, bis hin zu nützlichen Tipps für Profis und Anfänger. Eigentlich wie immer: Ein Michael-Müller-Buch zum Schmökern, Schwelgen, Träumen, Reisen.

Der Wahldresdener Dietrich Höllhuber hat die fünfte Auflage seines Reisebuches leider nicht mehr miterleben können. Er verstarb nur kurze Zeit vor der Veröffentlichung. Auch als Neusachse hatte er die wichtigste Eigenschaft der Saggsen schon verinnerlicht. Dr Saggse liebt das Reisen sehr. Seine Reisebücher umfassten Neuseeland, Mallorca, Sächsische Schweiz, Südtirol, Meran und natürlich seine neue Heimat Dresden.

Velvet Underground – White Light / White Heat

White Light - White Heat

Einmal nur im gleißenden Licht der Scheinwerfer stehen, und sei es nur für eine Viertelstunde. Andy Warhol hat es auf den Punkt gebracht: „Jeder kann für 15 Minuten ein Star sein.“ Velvet Underground – deren Manager, Ideengeber der exaltierte Künstler war – gelten bis heute als Inbegriff einer Art Rock Band. Sie hatten niemals einen Top-Ten-Hit und dennoch kennt man „Sunday Morning“, „All Tomorrows Parties“ und „I’ll Be Your Mirror“ wie einen guten Bekannten.

Lou Reed – Sänger und Gitarrist der Band – bekannte einmal, dass er sich an Velvet Underground nicht mehr erinnere, zu viele Drogen. Die düstere Stimme von Nico, Christa Päffgen, die monotone Batterie von Maureen Tucker, der lakonische Bass von John Cale, der drängende Gitarrensound aus den Fingern von Lou Reed (der auch für so manch gruselndes Gesangsstück verantwortlich war) und Sterling Morrison bildeten einen Klangteppich, der unzählige Band beeinflusste. Das Ende kam Anfang der 70er Jahre als die Eingebung fehlte und der Drogenkonsum überhandnahm. Die Einzelkämpfer Lou Reed und John Cale gingen sich im Laufe der Jahre immer mehr aus dem Weg, waren solo erfolgreicher als mit den anderen Bandkollegen. Lou Reed schaffte mit seinem Debut-Solo-Album „Transformer“ einen Meilenstein der Popgeschichte.

Doch Velvet Underground waren mehr als nur eine stoned spielende Krachkapelle, die zufällig von einem der genialsten Künstler des 20. Jahrhunderts protegiert wurde. Sie waren das rohe Fleisch im Einerlei der Hippie-Kultur. Gänseblümchen im Haar wurden durch psychedelische Aggressionstherapie ausgetauscht. Lavalampenspiele als Bühnenhintergrund und pressender Sound brachten das Publikum zum Schwelgen, Abheben, in andere Sphären eintauchen. Klar, Drogen beschleunigten diese Effekte auch.

Der Titel dieses Buches „White Light White Heat“ stammt vom zweiten Album von Velvet Underground. Da fehlte schon Nico / Christa Päffgen, John Cale sollte hier zum letzten Mal im Studio mit seinen Bandkollegen sein. Es schaffte nicht mal den Sprung unter die Top 100 der amerikanischen Charts. Ein Flop? Nein! Meilenstein trifft es eher. Alle nachfolgenden Bands des Punk, der Gothic-Szene, Industrial, Metal, Progressive beziehen sich auf „White Light White Heat“. Da ist es egal, ob die Masse das Album mochte oder nicht. Man kann sogar so weit gehen, dass der scheinbare Misserfolg zum späteren Erfolg beigetragen hat. Dieses Buch ist ein Buch für Fans. Und für solche, die es werden wollen – wenn es das gibt. Die Fülle an Bildern erschlägt den Leser nicht, sie zieht ihn in den Strudel der Musikgeschichte hinein. Autor Richie Unterberger schreibt kenntnisreich und schwungvoll über eine der spannendsten und unstrittig am meisten verkannten Bands der Popgeschichte. Er gibt der Musik den Raum, den sie beanspruchte und niemals bekommen hat.

Matterhorn – Berg der Berge

Matterhorn - Berg der Berge

Samstagabend. Irgendwann in den 80ern. Hans-Joachim Kulenkampff führt elegant und charmant durch seine Sendung „Einer wird gewinnen“. Zwei Kandidaten – einer aus Finnland, mit gewaltigen Sprachschwierigkeiten – sollen anhand von Umrissen den Berg benennen. Den Fujiyama erkennen beide. Mount Everest, Mont Blanc .. da wird’s schon schwierig. Den Berg, den beide sofort erkennen, ist das Matterhorn. So einen Berg gibt es nur einmal. Vom schweizerischen Zermatt gesehen, sieht er aus wie eine unfertige Sphinx. Bergsteiger haben einen riesigen Respekt und nennen ihn nicht umsonst den Berg der Berge.

Mitte Juli 1865 wurde er nach achtzehn glücklosen Versuchen endlich erklommen, bezwungen. Nur ein paar Tage später sogar zum zweiten Mal. Sieben Bergsteiger nahmen – einige nicht zum ersten Mal – das bis dato unmögliche Unterfangen in Angriff. Drei kamen zurück, drei konnten nur noch tot geborgen werden. Einer ist bis heute verschwunden.

Wie ein riesiges Toblerone-Stück thront der Berg inmitten der Alpen in der schweizerisch-italienischen Grenzregion. Cervino nennen ihn die Italiener, die Walliser Hore. Einhundertfünfzig Jahre ist es nun her, dass die 4478 Meter von Menschenhand erobert wurden. In einer Zeit, in der es chic war Abenteuer zu planen, zu vermarkten und natürlich zu bestehen. Viele sind an diesem Berg zerbrochen, sprichwörtlich und buchstäblich.

Daniel Anker setzt diesen Menschen und ihrer Nemesis mit diesem Buch ein Denkmal. Als Bergsteiger kennt man so manche Geschichte über die die verschiedenen Herangehensweisen: Hörnligrat, Liongrat, Zmuttgart, Furggengrat. Man kennt auch die vier Wände, Ost-, West-, Nord- und Südwand. Die eine oder andere Anekdote sollte eingefleischten Alpinisten auch bekannt sein. Doch so konzentriert und umfangreich wurde das Matterhorn noch nie dargestellt. Die ewigen Kontrahenten, Werkzeuge, vergebliche Versuche, all die namenlosen Gescheiterten bekommen hier den Ruhm, der ihnen gehört. Und wer, wenn nicht der AS-Verlag aus Zürich sollte dem Walliser Naturdenkmal ein Denkmal setzen können. Schließlich ist hier das Heim der Bergmonographien. Höchste Zeit auch dem Matterhorn die nötige Ehre zu erweisen.

In einer Zeit, in der immer wieder gern auf Althergebrachtes als Neues verkauft wird, hat dieses Buch auch einen pädagogischen Charakter: Wenn also in naher Zukunft in einer Quizshow anhand von Umrissen ein Berg erkannt werden muss, oder noch etwas mehr Wissen dazu abgefragt wird, hält man mit diesem Buch den Hauptgewinn in den Händen. Auch wenn der Quizshow-Fall niemals eintreten sollte, so ist dieses Buch eine Augenweide: Die oft doppelseitigen Abbildungen lassen die Augen aufspringen und Fans wie Profis das Herz aufgehen.

Alice im Wunderland – Alice hinter den Spiegeln

Alice im Wunderland

Ein Jahreswechsel ist immer Anlass zurückzuschauen, aber auch an das Kommende zu denken. Welche Anlässe stehen an, welche Jubiläen. Eines ist sicher nur wenigen bekannt. Der 150. Jahrestag des Erscheinens eines der berühmtesten Romane überhaupt: Alice im Wunderland von Lewis Carroll. Am 4. Juli 1865 erschien das Buch zum ersten Mal in den Läden und ist seitdem ein echter Longseller, wurde mehrmals verfilmt und diente als Vorlage für Songtexte.

Neu ist die Gestaltung durch Floor Rieder, die der Gesamtausgabe – bestehend aus „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ – den passenden Anstrich verpasst. Als Carroll 1898 starb, waren selbst Floor Rieders Großeltern noch nicht geboren. Dennoch vermag sie es dem Geist des Buches auf ganzer Linie gerecht zu werden. Phantasiereich, farbig, lustig, düster – alles zugleich. Sie verwandt die alte Kratztechnik und mischte sie mit moderner Computertechnik. Grün, orange, schwarz sind die vorrangigen Farben, die dem Leser diese Geschichte so eindrücklich optisch verköstigen.

Ein Lesespaß und Augenschmaus für alle Altersgruppen. Und verwirrend. Denn das Buch muss man drehen, um es komplett lesen zu können. „Alice hinter den Spiegeln“ – der zweite Teil – steht Kopf.

Die Geschichte muss man nicht mehr erzählen. Die ist bekannt. Wenn nicht, dann ist dieser prächtige Band der beste Anlass das Buch endlich in die Hand zu nehmen und in die phantastische Welt von Alice einzutauchen. Vergessen Sie alle Filmszenen – die Schachfiguren tanzen nicht. Lassen Sie die Zeilen auf sich wirken. Das Kopfkino wird sehr schnell einsetzen. Dank Lewis Carroll, der eigentlich Charles Lutwidge Dodgson hieß. Der wohl einzige Mathematiklehrer der Welt, dem Millionen von Schülern ungefiltert folgen.

Steigen Sie hinab ins Kaninchenloch, tauchen Sie in den Tränenteich ein, verfolgen Sie den Proporz-Wettlauf, raten Sie, wer den Kamin herab kommt und decken Sie mit Alice die Karten auf.

Wer „Alice im Wunderland“ nicht gelesen hat, dem wird bewusst nichts fehlen. Wer die Geschichte kennt, ist um ein Vielfaches reicher und wird die Welt mit anderen Augen sehen. Diese Ausgabe beruht auf der originalen Werksausgabe.

Verkannte Pioniere

Verkannte Pioniere

Schnell noch Licht machen, einen Anruf tätigen und die Hände waschen. Alltägliche Vorgänge, die so natürlich sind, dass es schwer fällt sie zu beschreiben. Auf wen die Handlungen, und somit auch die Erfindungen – Hände waschen dient auch der Desinfektion – zurückgehen, mag kaum jemand zu erklären. Viele Erfinder sind eng mit ihren Entdeckungen verbunden. Das Auto mit Carl Benz, das Telefon mit Alexander Graham Bell oder die Dampflok mit Robert Stephenson. Ja, das sollte man meinen. Doch die Geschichte hat uns gelehrt, das selbige immer von den Gewinnern geschrieben werden.

Dieses Buch erzählt die Geschichte derer, die meist im Schatten standen bzw. nie in den Genuss des Sonnenglanzes kamen. Maximal posthum. So wie Nikola Tesla. Heute ist eine Elektroautofirma nach ihm benannt. Zu Lebzeiten (1856 – 1943) galt er als größenwahnsinnig. Nach ihm ist die Maßeinheit für die magnetische Flussdichte benannt. Er war der Gegenspieler Thomas Alva Edisons. Der wiederum war berüchtigt nicht gerade zimperlich mit seinen Feinden umzugehen. Tesla galt als Entdecker des Zweiphasen-Wechselstroms. Wer also heute ein elektrisches Gerät einschaltet, hat dies auch Nikola Tesla zu verdanken. Edison war ein Verfechter des Gleichstroms. Das wäre ein Flackern, wenn sich Edison durchgesetzt hätte.

Wer kennt schon Siegfried Marcus? Auch wenn sich die Gelehrten nicht ganz einig sind, kann man auch ihn als einen der Väter des Automobils bezeichnen. Leider sind nicht alle seine Aufzeichnungen erhalten, so dass es bis heute immer wieder heftige Diskussionen gibt, ob nun er oder doch Carl Benz zum ersten Mal ein Auto erbaut haben. Fakt ist, dass, wer heute den Zündschlüssle herumdreht auch Siegfried Marcus danken sollte, dass er nicht mehr kilometerweit zur Arbeit laufen muss.

Man eine Stadt hat ein Semmelweis-Straße. Straßennamen nimmt man ebenso hin wie die Tatsache, dass es im Krankenhaus sauber ist. Das war nicht immer so. Ignaz Philipp Semmelweis hatte die hohe Sterblichkeit von Säuglingen in Krankenhäusern untersucht. Und kam zu dem Ergebnis, dass dort die Ärzte teilweise dafür verantwortlich gemacht werden können. Teufelszeug! Unfug! Die Halbgötter in Weiß tobten. Doch Semmelweis hatte recht, deswegen wird seit rund eineinhalb Jahrhunderten in den Gesundheitstempeln desinfiziert wo es nur geht. Semmelweis erntete mit seinen Forschungsergebnissen nur Hohn, Spott und Ablehnung.

„Verkannte Pioniere“ setzt den Verlierern der Wissenschaft ein Denkmal. Viele erlangten kurzzeitig Ruhm, wurden über den Tisch gezogen, verstoßen und verhöhnt. Armin Strohmeyr rückt ihre Leistungen wieder in den Sonnenschein des öffentlichen Bewusstseins.

Kuhle Schweizer – Swiss Stars

Kuhle Schweizer

Cooles Wortspiel, das mit dem kuhl und Schweiz. Und es macht sofort klar, um wen es geht: Kühe. Das Schweizer Nationaltier. Fotografin und Autorin Sonja Lacher hat gut lachen. Sie kommt den liebenswerten Viechern so nah, dass sie ihnen ihren Stempel aufdrücken kann. Ihren fotografischen Stempel. Über anderthalb Millionen Rinder leben in der Schweiz, und ein paar davon sind jetzt Swiss Stars.

Sie posieren gelassen vor der Linse Sonja Lachers – so sieht es zumindest aus. So manch ein Rindvieh ließe sich in mancher Situation auch als bl.. Kuh bezeichnen. Was Sonja Lacher niemals tun würde, da merkt man sofort, wenn man die Texte liest. Sie liebt Rinder.

Und die stellen sich in Pose als ob sie nie was anderes getan hätten. Ein Bulle mit prächtigen Kopfschmuck (Hörner) zeigt sich in Maichael-„Air“-Jordan-Pose, nur ohne Basketball und mit Haaren. Andere drehen keck der Kamera ihr Hinterteil zu, wie einst die Kommune 1. Detailliert blickt man ins Auge eines Rinds, und man fühlt sich an „Un chien andalou“ von Luis Buñuel erinnert. Zum Glück nicht so martialisch (mit Rasiermesser).

Majestätisch, gemütlich, hungrig, gierig, niedlich – ach es gibt so viele Worte, die Rinder beschreiben können. Niedlich sind besonders die jungen Kälber. Auch wuchtig gehört dazu. Vollgefressen und zufrieden, darauf wartend, dass es noch Nachschlag gibt. So ein Swiss Star vertilgt gern mal bis zu zwei Zentnern Gras. Pro Tag! Und bringt es schon mal auf fast 200 Liter an Getränken. Wir Menschen kommen locker mit zwei Litern aus.

Sonja Lacher lässt sich Zeit. Über die Schweiz gibt es ja das Vorurteil, dass die Hektik einen Bogen um die Alpenrepublik macht. Was natürlich Quatsch ist. Sonja Lacher weiß jedenfalls, wann sie abdrücken muss, um den idealen Zeitpunkt zu erwischen das Objekt ihrer Begierde ins rechte Licht zu rücken. Der Moment (oder ist es ein Muh-ment?) vor dem scheinbar ersten Kuss. Oder beim Recken nach den süßesten Früchten, die immer viel zu hoch hängen. Oder bei der exakt ausgerichteten Schlafanordnung beim Vor-Sich-Hindösen. Kühe, Rinder, Bullen, Muni – wer auch immer gerade vor der Kamera sich präsentieren will – gelten gemeinhin nicht als die Tiere, deren Bilder man als exotische Trophäen überall herumzeigt. Hier ist der Beweis, dass auch ein vermeintliches Nutztier Starqualitäten aufweist.

„Kuhle Schweizer“ ist ein Buch, das man sich immer wieder anschaut. Als Stimmungsaufheller, mit Kindern, allein, als Ablenkung vom hektischen Alltag, als Reizobjekt für die Sinne. Es gibt unzählige Anlässe das Buch wieder und wieder aus dem Regal zu nehmen.

Vogel Kalender 2016

Vogel Kalender

Taube, Spatz und Krähe – die Artenvielfalt in unseren Städten fristet ein Schattendasein. Selten, dass man mal einen Specht oder ein Rotkehlchen zu Gesicht bekommt. Nur wer ganz genau hinschaut und hinhört, wird für seine Mühen belohnt und erhascht einen Blick auf einen Stieglitz oder eine Goldammer.

Im Jahr 2016 wird Vögel beobachten etwas einfacher. Thorbeckes Vogel-Kalender bietet im Wochen-Rhythmus ein abwechslungsreiches Spektakel, ganz ohne tschirp-tschirp. Auf sechsundfünfzig Kalenderblättern zeigt sich Mutter Natur in gefiederter Geberlaune. Vom riesigen Strauß über Pelikane und Pinguine bis hin zu den Flattertierchen, die unsere Breiten ihr Zuhause nennen: Amsel, Gimpel, Wanderfalke.

Die nostalgischen Zeichnungen sind so exakt, das wirklich jede noch so kleine Feder zu erkennen ist. Die kurzen Texte geben Einblick in die Eigenarten der abgebildeten Flugkünstler und Laufvögel. Ob der kecke Kakadu, die mystische Dohle oder die beschwingte Nachtigall – sie alle bezaubern durch ihre detailgenaue Darstellung und bringen an 365 Tagen im Jahr den Frühling ins Haus. Denn das ist die Jahreszeit, die die kalten Tage vergessen lässt, das Leben nach der grauen Jahreszeit wieder einläutet. Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer, doch in der 24. Woche verwandelt sie so manch kahle Wand in ein elegantes Wandbild.

Nostalgie und kurzweilige Wissensvermittlung sind die Stärken des Kalenders, der schon mit dem Umschlagbild die Augen leuchten lässt.

Katalonien

Katalonien

Es gibt Dinge, die gehören einfach zusammen. So wie der FC Barcelona (inkl. dem beeindruckenden Camp Nou) und Lionel Messi. Oder ein Besuch der Sagrada Familia in Barcelona. Und eine Reise dorthin und ein Reiseband vom Michael-Müller-Verlag. Nur mal so als Beispiel. Die Region Katalonien verbindet man meistens mit der vorgefassten Meinung, dass die Katalanen nur eines im Sinn haben: Ihre Unabhängigkeit. Unabhängigkeit und Zusammenpassen – das sind zwei Stichworte, die man bei der richtigen Reiselektüre unbedingt beachten sollte. Denn nichts ist schlimmer als nach der Reise – wie auch immer – erfahren zu müssen, dass man was verpasst hat. Da gibt’s doch was von r…, nee vom Michael Müller Verlag.

Besser gesagt von Autor Thomas Schröder. Liest man sich die Liste von Reisebüchern durch, wird schnell klar: Thomas Schröder kennt sich aus im Süden, eine echte Wasserratte ist er, und das Reisen mit der für seinen Berufsstand typischen Angewohnheit über das Erlebte zu schreiben, liegt ihm am Herzen. Mediziner wissen, dass es ihm demzufolge auch im Blut liegt. Was darf man nun von einem fast fünfhundert Seiten starken Reiseband erwarten, der reichlich dreißigtausend Quadratkilometer dem geneigten Leser nahebringen will? Um es kurz zu machen – der Appetit kommt beim Lesen! Katalonien hat es im Gegensatz zum vergleichbar großen Mazedonien kaum nötig für sich zu werben. Die Touristen kommen eh in Scharen. Thomas Schröder wirbt auch nicht. Er stupst mit Frohsinn und Ortskenntnis den Leser ins Elysium der mediterranen Annehmlichkeiten. Er verzichtet – was eine echte Wohltat ist – auf die Aufzählung der massenhaft vorhandenen Kirchen, Burgen und sonstiger Ruinen der Geschichte. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Alle wichtigen architektonischen, historischen und durchaus sehens- und besuchswerten Hinterlassenschaften sind im Buch sehr wohl vermerkt. Doch Katalonien auf steinerne Monumente beschränken zu wollen, wäre fahrlässig und auf Dauer echt penetrant. Denn Katalonien besucht man nicht nur einmal. Genauso wie man dieses Buch auch nicht nur einmal durchliest. Man könnte fast schon einen extra Platz im Flieger reservieren, so sehr wird einem der Reiseband ans Herz wachsen.

Für ganz Wissbegierige gibt es den typischen Michael-Müller-Service mit prägnanten Tipps zu Unterkunft, Einkehr und zum sonstigen Geldausgeben. Den Anfang bildet eine seitenlange Einführung in Landeskunde und Geschichte. Dieses Buch ist eben mehr als nur ein Reiseband, den man sich vorher mal kurz durchblättert, Katalonien vom Wunschkatalog der Reisen streicht und dann als Staubfänger im Regal ein Eremitendasein fristen lässt.

Wer es abseits von Neckermann und anderen Konzernen diesen Landstrich erkunden will und Katalonien für sich selbst erobern will, braucht Hilfe. Die ist 492 Seiten stark und – auch wenn das sicher keinen Einfluss auf die Reisewahl hat – klimaneutral produziert. Apropos Nachhaltigkeit: Besonderes Augenmerk legt Autor Thomas Schröder auf eben solche Betriebe, denen Kurzsichtigkeit ein Dorn im Auge ist. Wie wär’s denn mal mit einer umweltfreundlichen Reise? Katalonien bietet da mehr als Fast Food und globale Café-Ketten in einer Millionenmetropole. Dieses Buch ist für alle, die das erleben wollen, was nörgelnde All-Inclusive-Früh-Am-Morgen-Schnell-Noch-Die-Liege-Mit-Dem-Handtuch-Belegende-Sich-Im-Recht-Fühlende Sonnenbrändler verpassen werden.

Das Einzige, was man dem Autor vorwerfen kann, ist, dass nicht gleich noch einen Reisegutschein für vier Wochen Katalonien beigelegt hat…

Das Jahrhundert der Manns

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Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika, Golo, Michael, Monika, Viktor, Elisabeth und viele andere mussten ihr Leben lag ihren Mann stehen. Der Name Mann hatte und hat Gewicht. Wenn man Picasso als DEN Maler des 20. Jahrhunderts bezeichnet, so sind es die Manns, die mit ihren Schriften dieses Jahrhundert prägten, und deren Wirkung bis heute anhält. Ihnen ein Denkmal zu setzen, ist kein leichtes Unterfangen. Manfred Flügge ist ein ausgewiesener Experte, wenn es um Biografien geht. Mit „Das Jahrhundert der Manns“ schafft er es dem Werk der Manns mehr als gerecht zu werden.

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann waren nicht von Geburt an zum Schreiben geboren. Kaufleute in Lübeck waren die Eltern, so sollten es auch die Söhne werden. Doch der Tod des Vaters und der Ruin der Firma wirken im Nachhinein wie ein Wink des Schicksals. Nicht nur, dass beide große Schriftsteller wurden, Thomas Manns (eigene) Familiensaga „Buddenbrooks“ brachte ihm 1929 den Literatur-Nobelpreis ein.

Klaus Mann brachte es einmal auf den Punkt, als er seine Familie charakterisierte. Bedeutend, doch alle mit einem Knacks. Der mächtige Übervater und um so viel erfolgreichere jüngere Bruder Thomas war Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil ihm niemand das Wasser reichen konnte, was auch jeder verinnerlichte. Segen, weil der Ruhm des Vaters ein Leben ohne finanzielle Sorgen erlaubte. In München benahmen sich die Mann-Kinder oft daneben. Andere Altersgenossen hatten regelrecht Angst vor ihnen. In einem gerade sich von starren Fesseln lösenden Deutschland waren gerade Klaus und Erika Mann mit ihren offen formulierten Gedanken echte Pioniere. Sie reisten um die Welt, gaben sie Affären hin, spotteten im Kabarett. Die Erziehung ohne Hemmnisse gab ihnen den benötigten Freiraum.

Dass besonders Thomas Mann gern seine eigene Familie in seinem literarischen Werk als Vorlage zu nutzen wusste, ist kein Geheimnis. Durch „Das Jahrhundert der Manns“ werden dem einen oder anderen Leser diese Parallelen offen dargelegt. Auf etwas über vierhundert Seiten lässt Manfred Flügge das vergangene Jahrhundert im Allgemeinen und das der Manns im Speziellen wie in einem Blockbuster Revue passieren. Zahlreiche Anekdoten vermitteln dem Leser das Gefühl in einem wahrgewordenen Roman zu blättern. Doch alles ist echt, alles ist genau so passiert.

Dieses Buch ist mehr als nur eine bloße Abhandlung der Biografien der einzelnen Manns. Hätte schon vor Jahrzehnten der unbedingte Drang nach einer Marke bestanden, wäre der Marketingbegriff „Die Mannschaft“ auf die Familie Mann zugetroffen. Und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Herren hätte sich einen anderen (passenderen) Namen einfallen lassen müssen. Aber auch „Die Manns“ kann man (sicherlich auch Dank Heinrich Breloers Dokudrama aus dem Jahr 2001) getrost als Markennamen gelten lassen.