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Ich wär so gern …

… dachte das Erdmännchen. Ja, was wäre es denn so gern? Neugierig erkundet der niedliche Erdbewohner seine Umgebung. Links – rechts – links – überall gibt es was zu entdecken. Zum Beispiel andere Tiere. Bären, Löwen, Schimpansen. Sie sind mal stark, mal lustig. So will das Erdmännchen auch sein. Ein bisschen neidisch ist er schon, der niedliche kleine Kerl. Doch den Anderen geht es nicht anders! Sie wollen so sein wie das Erdmännchen.

Werner Holzwarth und Stefanie Jeschke haben mit diesem Buch wahrhaft einen bleibenden Wert geschaffen. Stefanie Jeschke ist für die Zeichnungen verantwortlich. Die großen Augen, die kleinen Füßlein, die tapsige Art zaubern ein Lächeln in die Gesichter der großen, vor allem aber der kleinen Leser. Ja, so muss ein echtes Kinderbuch aussehen! Die verstärkten Pappseiten erleichtern es weiterzublättern. So müssen Mama und Papa nicht immer dabei sei, wenn einem die Lese- oder Bilderlust packt. Das Buch bereitet genauso viel Freude wie den Bewohnern des Zoos, wenn sie ihre Nachbarn entdecken.

Die kleine Raupe Nimmersatt – Mein Babyalbum

Im Freundes-, Bekannten, Kollegenkreis kündigt sich Nachwuchs an. Ein freudiges Ereignis. Für die Eltern sowieso, aber auch für alle, die gern eine Freude machen. Nun ist es so, dass es besonders schwierig ist, ein persönliches und nützliches Geschenk zu machen, wenn man sich eigentlich nicht verpflichtet fühlen muss, dem neuen Erdenbürger bzw. seinen „Vorgesetzen“ eine Freude zu machen. Strampler und Co. werden sicher schon von Oma und Opa in spe en masse geschenkt werden. Die Grundausstattung besorgen sich die werdenden Eltern schon selbst.

Jetzt kann man tagelang Babykataloge wälzen, über die Preise staunen, das (Über-)Angebot gutheißen oder auch nicht. Doch letztendlich kommt man immer wieder auf klassische Geschenke zurück. So wie dieses Babyalbum.

Das erste Zeitdokument, das einen immer begleiten wird. Die ersten großen Schritte – symbolisch als auch real – werden hierin festgehalten. Geburtstag, Größe, Gewicht. Und viel Platz für eigene Gedanken und Ideen – also, die der Eltern. Und für Fotos. Ja, die kann man immer noch ausdrucken!

Oder man führt dieses Buch im Geheimen. Und dann an einem passenden Jubiläum, vielleicht der achtzehnte Geburtstag – wenn die Kinderzeit vor dem Gesetz zu Ende ist – hat man eine wirklich gelungene Überraschung.

Die kleine Raupe Nimmersatt hat schon viele Kinder, Generationen von Kindern durch ihre Entwicklungsphasen geführt. Als Buch, als Spielzeug, oder eben als Babyalbum. Liebevolle Zeichnungen machen das Buch so wie das Leben sein soll: Bunt!

Endlich mal ein Buch schreiben, die Familie richtig in Szene setzen, Bilder von besonderen Momenten für die Ewigkeit festhalten. Und immer mit dabei die gefräßige, zum Knuddeln verführende kleine Raupe Nimmersatt.

Das Babyalbum gibt es in Blau und Rot. Neben der erstklassigen Gestaltung der einzelnen Seiten, sticht vor allem das Verschlussbändchen am Buchrand hervor. Wer jetzt noch weiter nach Geschenken suchen wird, kann eigentlich nur danebenliegen…

Fuchs im Aufzug

Endlich wieder zurück zuhause. Vorbei die ungewöhnlichen Abenteuer, die fremden Handlungen, alles vorbei. Georges Hausemer ist ein Weltreisender, dessen Reisepass vor Einreise-Stempeln überquillt. Wirklich alles vorbei?

Nein! Natürlich nicht! Er schwenkt um: Vom „Read global“ zu „write local“. Seine Erfahrungen aus der Fremde, die er – nach allem, was er erlebt hat – nicht als Fremde bezeichnen würde, wendet er sich den kleinen Geschichten vor der Haustür zu. Immer gewürzt mit einer Prise Wissen aus der geographischen Ferne.

Sechzehn Geschichten vereint der Band „Der Fuchs im Aufzug“. Sie können überall spielen. Überall dort, wo der Autor zuhause ist. Luxemburg, Deutschland, Spanien. Austauschbar hingegen sind sie nicht. Denn der Alltag seiner Protagonisten ist anders und doch vertraut: Menschen, die ohne eigenen Namen durch Leben gehen. Erzähler, die sich schwertun, dem Gegenüber eine klare Haltung einzunehmen. Beim Lesen setzt man öfter mal ab. Kennt man selbst solche Situationen? War man schon einmal in einer ähnlichen Lage? Jein! Ganz entschieden, JEIN!

Die Kunst der Banalität aus dem Weg zu gehen, macht diese Geschichtensammlung zu einem mehr als lesenswerten Objekt der Neugier. Man muss ich nicht erst ewig einlesen, um der Geschichte folgen zu können. Der Soundtrack des Lebens führt den Leser schwungvoll von Geschichte zu Geschichte, von Mensch zu Mensch, von Moment zu Moment. Man hat es selbst in der Hand den Zeitenlauf kurz anzuhalten, zumindest zu verlangsamen.

Zeit Rückschau zu halten, Zeit nach vorn zu blicken, Zeit den Augenblick gewähren zu lassen. Als Leser ist man gleichermaßen Voyeur und Akteur. Man versteckt sich hinter den Seiten und blickt ins Klare der Geschichten. Andererseits ist man nur Zuschauer, Begleiter. Denn so normal der Alltag ist, so ungewöhnlich sind die Vorgänge in ihm.

Mann im Zoo

Ein Besuch im Zoo bewegt, regt an, macht etwas mit einem. Das ist unbestritten, vor allem für diejenigen, deren Kinder sich von nun an Tiere im Haushalt wünschen. Kinder sind so leicht zu beeinflussen, sind so schnell vereinnehmbar für neue Ideen. Kinder? Nur Kinder?

John Cromartie ist mit seiner Liebsten Josephine Lackett auch zu Besuch im Zoo. Die Stimmung ist etwas gedrückt, weil er ihr etwas zu altmodisch, zu fordernd, so besitzergreifend ist. Er kann das natürlich überhaupt nicht verstehen. Schließlich ist er der Herr. Und während sie so an Affen, Wölfen, Dingos und allerlei anderem Getier vorbeischlendern, ziehen dunkle Wolken am Firmament der Zweisamkeit auf. In Josephines Augen wird John immer animalischer, nicht im guten Sinn.

Alles ganz normal bis hierhin. Ein Paar im Zoo im gesunden Streitgespräch. Doch John Cromartie treibt es – aus Boshaftigkeit, aus falsch verstandenem Ehrgefühl, aus überzogenem Rollenverständnis? – auf die Spitze. Er will, wo er doch schon mal hier ist, Teil der Exponate sein. Die Zoologische Gesellschaft, die den Zoo ihr Eigen nennt, findet er großartig. Wo findet man auf so kompaktem Raum diese geballte Vielfalt der Fauna? Nur ein Exemplar vermisst der junge Mann, den homo sapiens. Er selbst, 27 Jahre, einsachtzig hoch, und knapp anderthalb Zentner schwer, schottischer Abstammung, würde sich gern zur Verfügung stellen. Ja, John Cromartie will als Mann im Zoo …

Der erste Big-Brother-Roman der Welt. Ein Mann geht in den Zoo, wird angegafft, nur mit dem Unterschied, dass der Zuschauer dem Objekt der Begierde gegenübersteht. So wie Josephine ihrem John. Doch der muss sich erst einmal in der neuen Rolle zurechtfinden, es sich überhaupt erstmal eingestehen, dass er sich in einer völlig neuen, unbekannten Situation befindet. Schadet es der Liebe der beiden oder macht die Verrücktheit Johns beide stärker?

„Mann im Zoo“ ist es ein (sa)tierisches Lesevergnügen. Immer wieder blättert man einige Seiten zurück, um sich noch einmal vom Ideenreichtum des Autors berieseln zu lassen. David Garnett ist der Meister des human-animalischen Genres. Gern schubst er seine Helden in die Tierwelt. Und der Zuschauer bzw. Leser erlebt hautnah (fellnah?) wie man sich als Mensch in der Fauna fühlt. Trennung als Chance für Gemeinsamkeit? John und Josephine lieben sich – das versichern sie sich, vielleicht zu oft, verbal. Was passiert, wenn man sich nicht mehr necken kann? Physische Barrieren die Verbindung stören? John und Josephine wagen das Experiment. Der Zoo hat eine Attraktion mehr. Wer wird wohl gewinnen? Wird und muss es überhaupt einen Gewinner geben?

Gauner, Großkotz, kesse Lola

Erinnern wir uns. Gehen zurück in den Jahren. Vielleicht Jahrzehnten. Ein ganz normaler Wochentag. Vormittags. Was haben wir gemacht? Wir saßen in der Schule. Vorn, vor der Tafel, stand der Lehrer und versuchte gebetsmühlenartig den Lehrstoff in uns reinzustopfen. Und hat’s was gebracht? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch jede Schule, jeder Schüler hatte einen Lehrer, der kein Lehrer war. Zu ihm ging man gern in den Unterricht. Denn – und das erkennen viele erst später – er hatte eine Berufung. Er kannte sehr wohl den Lehrstoff. Von seinen Kollegen unterschied ihn die Tatsache, dass er es irgendwie schaffte alle in seinen Bann zu ziehen ohne das Lernziel aus den Augen zu verlieren. Lernen konnte auch Spaß machen!

Wer im Fremdsprachenunterricht immer nur Vokabeln pauken musste, ohne diese jemals richtig anwenden zu können, konnte keine Verbindung zur Kultur dieser Fremdsprache aufbauen. Buch – book, Mutter – matj, Auge – Mund – bouche. Und weiter? Wenn dann ein Lehrer Sketche aufführen ließ, witzige Anekdoten einflochte, durfte er sich ein „i“ an den Nachnamen hängen. Aus Herrn Schmidt wurden das eben „Schmidti“. Die höchste Ehre für einen Lehrer.

Christoph Gutknecht wurde sicher auch oft „Guti“ genannt. Er war Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Hamburg. In diesem Buch zeigt er kurzweilig und kenntnisreich den Einfluss des jiddischen in der deutschen Sprache auf. Denn vieles, was das tagein tagaus unseren Mund Richtung Gegenüber verlässt, hat gar keine deutschen Wurzeln, sondern jiddische, hebräische, aramäische. Pustekuchen wird der eine oder andere jetzt sagen, und führt seine eigene Überzeugung postwendend ad absurdum. Denn dieses amuse gueule hat seinen Ursprung nicht zwischen Elbe und Donau. Es hat eine wahre Odyssee hinter sich, bis es endlich seine Wurzeln im Jiddischen, Hebräischen freilegen durfte. Poschut (die „Puste“ im Pustekuchen) heißt „weniger“ und „kochem“ (der „Kuchen“) stammt von klug.

Nun lässt sich das Jiddische nicht so einfach erlernen wie der Vokabelteil eines Englischbuches. Erst wenn man das neu erlernte Wort – in diesem Fall das „wieder erlernte Wort“ – in verschiedenen Situationen erlebt hat, kann es seine gesamte Pracht entfalten. Christoph „Guti“ Gutknecht hält dafür eine Vielzahl an Anwendungsbeispielen parat. Kurz und knapp fegt er über die Bücherseiten, die bereits beschrieben wurden und fügt zusammen, was zusammen gehört. Kein Tinnef wird für Zoff sorgen. Liebevoll, teils kess wünscht er dem Leser bei seiner Lektüre Hals- und Beinbruch, auf dass er keinem Sprach-Gauner auf dem Leim geht. Wer ganz genau hinsieht, kann nach dem Genuss des Buches viel besser mosern. Und das wiederum ist eine typisch deutsche Marotte!

Fast eine Liebe

Man muss schon sehr lange im – bestenfalls sehr großen – Bücherschrank suchen, um einen Autor, eine Autorin zu finden, die mit jedem Werk einen Volltreffer landen konnte. Und hat man seinen Liebling erwählt, will man alles von ihm, von ihr lesen. Als nächster Schritte will man alles über sie/ihn wissen. Und dann kommt die Ernüchterung. Alles, was es zu lesen gibt, hat man gelesen. Ist die Liebe nun erloschen? Nein! Niemals. Denn nun ist man Experte (die werden im Fernsehen gern mal vor eine Bücherwand (!) gestellt und befragt!).

Und dann gibt es Verlage, die sich mit dem Zustand der Endgültigkeit einfach nicht zufrieden geben. Immer wieder tauchen bei ihnen Autoren auf, die doch noch Neues im Leben eines Autors / einer Autorin recherchieren und gekonnt zu Papier bringen. Carson McCullers ist so ein Wunderkind. Jedes Buch sorgte für Furore. Und nun wird ihrer viel zu kurzen, übervollen Biografie ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

„Das Herz ist ein einsamer Jäger“, der Erstlingsroman von Carson McCullers schlug wahrhaft ein. Dieses seltsame Mädchen aus dem Süden wurde in New York wie eine Sensation gefeiert. Auch andere Autoren wurden auf das kränkliche Wesen aufmerksam. So auch Erika und Klaus Mann, die vor den Nazis in Amerika eine neue Heimat gefunden hatten. Und so begab es sich, dass Carson ihren Verleger treffen wollte, im gleichen Hotel aber eben auch die intellektuelle und sprachbegabte Erika abgestiegen war. In ihrem Schlepptau eine junge engagierte junge Schweizerin, die die Welt bereiste und vergeblich versuchte Erika zu amourösen Abenteuern (und noch ein bisschen mehr) zu überreden, Annemarie Schwarzenbach.

Für Carson McCullers, deren Gatte nur sporadisch im gemeinsamen Heim selbiges fand, traf also ihren Verleger, Erika Mann (auch deren Bruder Klaus) und eben diese Annemarie. Das Wunderkind wurde schlagartig zum Jäger. Doch das zu erlegende Wild sträubte sich. Die Liebe bleibt unerwidert. Die Zuneigung wird jedoch nicht minder bestehen bleiben. Auch als Annemarie Schwarzenbach grußlos Amerika verlässt. Carson stürzt sich in die Arbeit, erhält Auszeichnungen und Preise. Und ein Telegramm von Klaus Mann, der ihr nüchtern den Tod der ersehnten Liebe verkündet. Der Schock sitzt tief, Kollegen und Freunde sorgen sich um Carsons Gesundheit.

Alexandra Lavizzari setzt in ihrem Buch beiden Frauen ein wortstarkes, eindrucksvolles Denkmal: Das Wunderkind aus dem Süden, das aus Angst vor Enttäuschung zu schreiben beginnt – die wissbegierige Industriellentochter, die Liebe sucht und Liebe abweist – zwei Frauen, die in ihren Gemeinsamkeiten und durch ihre Unterschiede füreinander geschaffen waren, und doch wie die Königskinder niemals zusammenkommen konnten.

Noch einmal zurück zur viel zu kurzen Biografie von Carson McCullers. Das Jahr 2017 ist Medaillen-Jubiläumsjahr. Und Medaillen haben bekanntlich zwei Seiten. Zum Einen feiert man im Februar ihren hundertsten Geburtstag, zum Anderen im September den fünfzigsten Todestag. Annemarie Schwarzenbach wurde nur vierunddreißig Jahre alt. Doch Zeit genug, um die Welt zu erkunden und das Leben auszukosten. Dieses Buch ist eine Hommage an beider Leben, an die Liebe (der beiden) und eine Aufforderung sich niemals zufrieden zu geben. Als Leser darf man die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht hier und da noch weitere Manuskripte über das Leben von Carson McCullers auftauchen werden…

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

100 Fingerfoods

Der Titel nimmt es vorweg: Zehnmal die Finger an beiden ablecken – so ergeht es dem Leser und leckermäuligen Nachkocher! War es bis vor wenigen Jahren noch so, dass man mit Fingerfood niemand hinter dem Ofen bzw. an den Tisch locken konnte, so ist Fingerfood heute ein eigenständiges Genre. Die Zeiten von Resteverwertung auf mehr oder weniger hohem Niveau sind passé!

Sebastian Schauermann führt den Leser in eine Welt, eine Essenskultur, die durch Geschmack, Raffinesse und mit viel Liebe zum Detail zu verzaubern mag. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob vegetarisch, vom Vieh, aus dem Meer, vom Grill, süß oder herzhaft, Großes ganz klein – in diesem Buch findet jeder was!

Auch Salat kann als Fingerfood gereicht werden. Ganz einfach und doch erstaunlich. Pfifferlingssalat: Schalotten, Olivenöl, Essig, Parmesan, Lauch, Butter, Tomate, Petersilie, Haselnüsse und ein Salatherz. Hat jeder in der Küche, die Pfifferlinge sind Saisonware. Schon das erste Rezept macht Appetit auf mehr, also weiterblättern. Die Schicksalszahl Dreizehn ist da schon etwas aufwändiger. Vegetarische Fritters mit Apfel-Karotten-Chutney. Das erste Viertel wird mit Tiger Cheeks, Ceviche aus Dorschbäckchen mit „Tigermilch“ abgeschlossen. Und bei der Hälfte gibt es Regenbogenforelle, Baconmarmelade (kein Schreibfehler!), Eiercreme und Senfblätter.

Wer gern isst und gern kocht, könnte auf die Idee kommen die Leibgericht einfach etwas kleiner zu gestalten und voilá!, schon hat man Fingerfood. Das würde allerdings dem eigenen Anspruch nicht genügen. Es gehört schon einiges mehr dazu einen Abend mit ansprechendem Fingerfood zum Erfolg zu führen.

Die meisten Zutaten sind bekannt und in der Regel sofort verfügbar. Die Raffinesse der hier vorgestellten Fingerablecken verursachenden Gulliveresken erhalten ihren besonderen Kick durch Beigaben, die frisch besorgt und verarbeitet werden müssen. Darin unterscheidet sich die Kunst der Fingerfoods in Nichts von ihrer „großen Küchenschwester“.

Fingerfood mit einem Happen runterzuschlingen, ist dem Hungrigen vorbehalten. Es zu genießen, als gleichwertiges Mahl zu betrachten, ist vielen noch fremd. Sebastian Schauermann ist der kundige Reiseleiter durch das oft unbekannte Land der gesunden, frischen, Häppchenküche.

Es ist eine Kunst Genuss und Heißhunger so gekonnt zu verbinden, dass die Auswahl den Esser nicht erschlägt und immer noch Appetit besteht, wenn der Abend mit dem Festmahl schon einige Stunden alt ist. Immer wieder wird nachgereicht, Neues und Bekanntes gehen Hand in Hand in der Hand in den Mund, Geschmacksexplosionen inklusive!

Tom Ripley

Im Jahr 1955 betrat einer der anziehendsten Gauner die literarische Bühne: Tom Ripley. Fünf Romane schrieb Patricia Highsmith über ihren cleveren Betrüger und Mörder, gab ihm aber auch Kunstgeschmack und verstand mit an die Hand. Zahlreiche Verfilmungen, unter anderem mit Alain Delon, Matt Damon, Philip Seymour Hoffman und Cate Blanchett in tragenden Rollen, trugen dazu bei, dass er auch sechzig Jahre nach seiner Geburt immer noch für Furore bei den Lesern sorgt. Der Diogenes-Verlag setzt diesem Mann ein weiteres Denkmal. Die Romane „Der talentierte Mr. Ripley“, „Ripley Under Ground“, „Ripley’s Game“, „Der Junger, der Ripley folgte“ und „Ripley Under Water“ sind in einer geschmackvollen Sonderedition in einer Geschenkkassette erschienen. Ein Muss für Krimifans – ein ideales Geschenk für alle, denen verschlungene Pfade als Reiseroute willkommen sind.

 

Der talentierte Mr. Ripley

Raus aus New York. Weg von den Schwindeleien des alter ego George McAlpin und den dürftigen Einnahmen. Ab nach Europa! Italien, Süditalien! Mongibello! Und das Beste ist: Fürstlich entlohnt! Tom Ripley hat es geschafft! Er soll Dickie Greenleaf zurückholen. Zurück in die Heimat. Seine Eltern möchten, dass der Filius die Firma übernimmt und endlich sesshaft wird, dem Lotterleben entsagt. Und Tom soll den renitenten Sprössling genau dazu überreden. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig als zuzusagen. Schließlich kennt er Dickie ja sooooo gut.

Und Tom trifft Dickie, erzählt von der List des Vaters im fernen New York. Dickie ist nicht sonderlich beeindruckt. Er kennt seine Familie, will sich aber hier im Süden, am Meer selbst verwirklichen. Und eine ruhige Kugel schieben, malen und mit Marge, die enttäuschte Frau an seiner Seite, in den Tag hinein leben.

Tom ist diese Welt fremd. Seit dem Tod seiner Eltern lebt er von der Hand in den Mund. Die monatlichen Schecks von Tante Dottie reichen hinten und vorne nicht. Und nun dieser Lebensentwurf! Keine Regeln, keine Grenzen. Und als Krönung: Keine finanziellen Sorgen. Auch Tom könnte so ein Leben, das Leben von Richard Greenleaf gefallen. Warum also nicht ein Leben als Richard Greenleaf leben? Die Klamotten von Dickie passen schon mal…

Was als Spaß beginnt, wandelt sich nach und nach in ein ernstes Spiel. Toms Passion für das sorgenfreie Leben schlummerte bisher in seinem Herzen. Jetzt ergreift die Idee langsam Besitz von seinem Kopf. Clever war Tom schon immer. Zahlenspiele beherrscht er aus dem Effeff. Parodien sind sein Steckenpferd. Unwiderstehlich reift in ihm reift der Gedanke daraus ein lohnendes Geschäft zu machen.

Doch zum Erfolg muss Dickie aus dem Weg geräumt werden. Die erstbeste Möglichkeit – ein gemeinsamer Ausflug nach San Remo – nutzt Tom, um denjenigen aus dem Weg zu schaffen, der das Tor zum Paradies versperrt. Dickie ertrinkt bewusstlos vom Schlag Toms vor der Küste der Blumenriviera.

Eine Rückkehr nach Mongibello ist nun jedoch ausgeschlossen. Denn Marge ist dort und die kennt Dickie, und auch Tom. Rom ist nun das neue Sehnsuchtsziel. Doch auch hier lauert die Gefahr. Und zwar in Person von Freddie Miles. Tom empfindet ihn als abstoßend. Tom hatte Freddie nur kurz mal gesehen und sofort entschieden, dass er ihn nicht mag. Zu aufdringlich, zu überheblich, zu blass.

In Rom gesellt sich noch eine weitere Eigenschaft Freddies hinzu. Er ist gefährlich. Gefährlich für Tom. Denn Freddie wittert etwas. Weiß er von dem Mord an Dickie? Nein, aber er vermutet, dass Tom irgendwie involviert ist. Tom muss schnell handeln…

Zwei Morde, zwei Persönlichkeiten, die Polizei, Marge und Dickies Eltern in die Irre geführt – es könnte so schön sein ein unbescholtenes, sorgenfreies Leben zu führen. Doch der Zug ist schon lange für Tom Ripley abgefahren. Seine Spielchen treiben ihn immer mehr in die Enge. Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Marges Misstrauen bestärkt auch die Greenleafs dem Verschwinden ihres Sohnes nachzugehen – da bleibt nur die Flucht. Die Flucht nach Venedig. Neue Stadt, neues Glück?

Tom Ripley ist ein komischer Kauz. Man weiß nicht recht, ob man ihn bedauern oder postwendend verteufeln soll. Dass er einen Knacks weg hat, steht außer Zweifel. Dass er hochgradig kriminell ist auch. Und doch fühlt man mit ihm, man tut sich schwer zu akzeptieren, dass er das personifizierte Böse sein soll. Wer Städte wie Rom und Venedig so begierig in sich aufsaugt, kann nicht von Grund auf böse sein.

Mit sorgfältig gewählten Worten schickt Patricia Highsmith ihren Helden auf eine Odyssee der Gefühle durch die beeindruckenden Stadtlandschaften Italiens. Wie eine Schlange windet sich der sehnsüchtige Tom Ripley immer wieder aus kniffligen Situationen heraus, vereinnahmt die Metropolen für sich.

 

Ripley Under Ground

Es ist ein paar Jahre her, dass der Ruf von Tom Ripley – hätte er denn einen zu verteidigen gehabt – stark beschmutzt worden wäre. Dickie Greenleaf ist Geschichte. Und Tom lebt nun an der Seine. Er hat eine gute Partie geheiratet. Heloise Plisson ist die Tochter eines schwerreichen Pharmaunternehmers. Kein Grund sich zur Ruhe zu legen. Tom Ripley hat auch ein ganz einträgliches Unternehmen. Er erhält zehn Prozent von Derwatt Ltd. Das ist natürlich nicht legal. Denn Derwatt gibt es nicht, nicht mehr. Er war Künstler, kam bei einem Unfall vor Griechenland ums Leben. Doch seine Bilder verkauften sich ganz gut. Derwatt war nicht bekannt, so fiel auch niemandem sein Tod auf. Als sich Firmen meldeten und unter dem Namen Derwatt ihre Artikel vermarkten wollten, wurde die Idee geboren: Derwatt ist ein verschrobener Maler. Lebt abgeschieden in einem Dorf in Mexiko. Über eine Galerie in London werden seine Werke exklusiv vertrieben. In Wirklichkeit sind es aber fast alles Fälschungen. Bernard Tufts ist dafür zuständig. Zum Imperium gehören auch eine Kunstschule und – was am einträglichsten ist – eine Immobilienfirma.

Nun will es der Zufall, dass der Sammler Thomas Murchison einige seiner Derwatts miteinander verglichen hat und feststellen musste, dass es Ungereimtheiten in Bezug auf Technik und Farbgebung gibt. Und nun ist dieser Murchison auf dem Weg von New York nach London. In der Galerie stehen alle Kopf. Nur Ripley bewahrt selbigen. Mit der ihm eigenen Coolness will er Murchinson davon überzeugen, dass er – Ripley, geschminkt und maskiert – der verschrobene Eigenbrödler Derwatt ist.

Ein wunderbarer Einstieg in einen erstklassigen Krimi. Wald-Und-Wiesen-Autoren würden Ripley nun schnell zur Tat schreiten lassen und damit wären knapp einhundert Seiten voll. Doch Patricia Highsmith hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Viertel ihres spannungsgeladenen Krimis vollendet. Ein Fest für den Leser!

Wer sich auch nur ein wenig in der Kunstszene auskennt, weiß um das Problem von Fälschungen. Schließlich kann die zu zahlende Differenz einen zwei-, sogar dreistelligen Millionenbetrag ausmachen. Mr. Murchison muss also irgendwie beruhigt werden. Noch ist Tom Ripley selbst ganz ruhig. Er trifft den Sammler und bietet an ihm seine Derwatts zu zeigen. Murchison nimmt dankend an. Denn je mehr Derwatts er untersucht, desto früher kann er seinen Derwatt als echt oder unecht deklarieren. Tom weiht aber nicht das ganze Team in seinen Plan. Denn Bernard hat sich still und heimlich mit Murchison getroffen… Denn es kommt wie es kommen musste: Thomas Murchison darf einfach nicht lebend Tom Ripleys Grundstück verlassen.

Ein zweiter Besucher kündigt sich bei Tom Ripley an: Ein Amerikaner. Blond, groß gewachsen, feinfühlig. Eigentlich nicht weiter erwähnenswert. Wäre da nicht der Name: Chris Greenleaf!

Tom Ripley sitzt auf einem Angstpendel. Allerdings ein Pendel, das gleich in mehrere Richtungen ausschlägt. Von wem geht die größere Gefahr aus? Von Bernard, weil er die Nerven verlieren und alles verraten könnte? Von Chris, weil er so unverhofft auftaucht? Von Heloise, weil sie, wenn sie hinter seine Machenschaften kommt, ihm die Hölle heiß macht? Oder von der Polizei, weil sie unnachgiebig das Verschwinden von Murchison und Derwatt verfolgt?

 

Ripley’s Game

Das ist ein Leben! Zu Hause in einem herrschaftlichen Anwesen an der Seine, ein treues Weib und ohne finanzielle Sorgen. Tom Ripley geht’s gut. Niemand kann ihn wegen eventueller Verfehlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Dickie Greenleaf oder dem rätselhaften Selbstmord von Bernard Tufts etwas anhaben. Er ist und fühlt sich sicher. Und das soll gefälligst auch so bleiben! Deswegen lehnt er auch dankend ab, als sein alter Freund Reeves Minot aus Hamburg ihn um Hilfe bittet. Er braucht jemanden, der den perfekten Mord verübt. Oder gleich zwei. Und vielleicht noch einen Diebstahl. Mehr nicht.

Nein, Tom Ripley sieht Mord eher als letzten Ausweg. So vergnügt er sich derweil auf der Party des Bilderrahmers Jonathan Trevanny. Dort ist auch der Kunsthändler Gauthier und Trevannys bester Freund Alan McNears. Nicht besonders aufregend, aber eine Abwechslung. Aufregend wird es kurz nach der Party als Jonathan Trevanny einen Brief seines besten Freundes erhält, den dieser kurz vor seiner Abreise nach Amerika geschrieben hat. Alan drückt darin sein Bedauern aus, dass es gesundheitlich so schlecht um Jonathan steht. Letzterer ist verwundert. Klar, ihm geht es nicht gut, Leukämie. Aber so schlimm auch nun wieder nicht. Alan gesteht, dass er die Information von Gauthier hat. Seltsam! Gauthier ist sich sichtlich beschämt so über den Geschäftspartner (hin und wieder schanzt er Trevanny einen Kunden zu) geredet zu haben. Damit ist die Sache aus der Welt.

Wer bereits die beiden Vorgängerromane „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Ripley Under Ground“ gelesen hat, weiß, dass es sich bei dieser Sache nicht um einen Zufall handelt. Tom Ripley hat seine Finger im Spiel. Er will Reeves und Jonathan zusammenbringen. Ein fast sechsstelliges Honorar ist eine würdige Entschädigung für seine aufopferungsvollen Bemühungen. Er nennt Reeves Namen und Adresse des möglichen „neuen Geschäftspartner“ und will von nun an nicht mehr damit zu tun haben.

Getarnt als Wister nimmt Reeves Minot Kontakt zu Jonathan Trevanny auf. Er bietet ihm fast eine halbe Million Franc an, wenn er einen, unter Umständen zwei Menschen umbringt – und eventuell noch einen Diebstahl begeht. Wisters / Minots Hauptargument ist die überschaubare Lebenserwartung des möglichen Killers. Trevanny entgegnet, dass es gar nicht so schlecht um ihn stehe. Doch Wister setzt ihm den Floh ins Ohr, dass Dr. Perrier nicht ganz offen zu seinem Patienten war. So was nennt man wohl eine vertrackte Situation. Ein Killer, der nicht mal in die Nähe eines Verdachts kommt, weil er überhaupt keine Verbindung zu den Opfern hat. Die Strafe dafür – würde er dennoch geschnappt werden – übernehme kein Gericht dieser Welt, sondern Mutter Natur selbst. Und man könnte die letzten Tage, Wochen, Monate das Leben in vollen Zügen genießen und trotzdem noch ausreichend Erbe hinterlassen. Je mehr sich Jonathan Trevanny sträubt, desto interessanter klingt das Angebot. Zumal Wister aus Hamburg ist, und das liegt einige Flugstunden und noch mehr Fahrstunden entfernt…

Simone, Jonathans Ehefrau, glaubt ihrem Gatten, dass er wegen einer Untersuchung nach Hamburg fährt. Dass er dort zum Killer wird, wissen nur er selbst und die Auftraggeber. Reeves, der sich nun auch als Reeves Minot zu erkennen gibt, erklärt dem Amateur-Auftragskiller peinlich genau wie alles ablaufen soll. Und siehe da: Jonathan Trevanny ist ein Naturtalent. Alles verläuft reibungslos. Das Opfer ist tot, der Täter entkommt unerkannt.

Leider muss Trevanny erkennen, dass alles bis auf eine entscheidende Kleinigkeit geregelt wurde: Die Geldübergabe. Schließlich stehen ihm nun fast eine halbe Million Franc zu. Reeves druckst rum. Eigentlich sollten ja zwei Leute erschossen werden. Nur so kann ein Bandenkrieg im Hamburger Glücksspielmilieu entfacht werden. Einen Teil könne sofort ausgezahlt werden, fünftausend Franc. Ein Bruchteil! Mehr nicht. Der Rest der Teilsumme wird auf einem Schweizer Nummernkonto deponiert. Und die volle Summe gibt‘s erst, wenn der zweite Mord geschehen ist. Es wird Zeit, dass der Spielleiter ins Geschehen eingreift und Ordnung ins Spiel bring. Tom Ripley will helfen, muss helfen, macht aber alles nur noch schlimmer.

Ein treusorgender Ehemann und Vater, der zum Killer wird – geht das? Meistens nicht gut. Doch Patricia Highsmith lenkt ihre Helden – Ripley und Trevanny – so geschickt durch das Labyrinth der Gauner und Mafiosi, dass der Leser jede Zeile ernst nimmt. Sie geht sogar soweit, dass sie stellenweise den Sympathievorschuss (für Tom Ripley) des Lesers aufs Spiel setzt.

 

Der Junge, der Ripley folgte

Die einstige Souveränität weicht. Ein bisschen schreckhaft erscheint Tom Ripley zu Beginn des Buches. Oder ist es eine intensiver ausgelebte Vorsicht? Grund hätte er allemal. Oder besser: Mehrere Gründe. Schließlich ist er in mehrere Morde verstrickt. Einige hat er selbst begangen, an mindestens einem war er indirekt beteiligt. Andere waren eher zufällig und wurden mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Im Café, bei Marie fällt Ripley ein Junge auf. Der scheint ihn zu beobachten. Als Ripley zahlt, zahlt auch der Boy. Und folgt ihm. Spricht ihn an. Bobby Rollins heiße er. Komme aus New York. Und er habe von Mister Ripley in den Zeitungen gelesen. Angriff ist die beste Verteidigung – Tom lädt den Burschen zu sich nach Hause ein. Bobby arbeite in der Nähe, als Gärtner. Und neugierig ist der Kleine. Ein Werbebrief erregt seine Aufmerksamkeit. Darin bitten „Wohltäter“ um eine Spende für vernachlässigte Tiere. Sicher ein Trick, um ahnungslosen Leuten ein paar Franc zu entlocken. Billy will der Sache nachgehen. Tom Ripley ist ein wenig amüsiert ob des Tatendrangs.

Seine Sinne sind geschärft. Irgendwas an dem Jungen ist falsch. Zumindest verdächtig. Ripley ahnt was, ist sich aber nicht sicher. Frank Pierson heißt der Bengel! Sohn eines millionenschweren Unternehmers. Und dessen Sohn hat sich aus dem Staub gemacht. Verschwunden. Ja, Bobby Rollins ist Frank Pierson!

Voller Stolz berichtet Bobby / Frank von seinem Erfolg. Er habe den Gaunern, die mit ihrer Mitleidstour sich ein schönes Leben machen wollen, einen Schreck eingejagt, behauptet er bei einem neuerlichen Essen mit Tom Ripley. Auch dass er in Wirklichkeit Frank heißt und von zu Hause abgehauen ist, gibt er zu. Tom ist abermals beeindruckt ob der Courage. Doch was will Frank wirklich? Was will er von Tom Ripley?

Tom will sehen wie Frank lebt. Er fährt ihn zum Anwesen der Boutins ein paar Kilometer entfernt. Vor dem Haus wartet ein Wagen mit Pariser Kennzeichen. Als die beiden ihn entdeckten wendet er und rauscht ab. Madame Boutin ist inzwischen wach geworden und steckt Frank, dass heute zwei Männer nach ihm fragten. Tom sieht darin eine gewisse Gefahr für seinen neuen jungen Freund und nimmt ihn großmütig bei sich auf. Heloise soll er aber vorerst als Bobby den neuen Gärtner vorgestellt werden.

Tom beschäftigt sich mit Frank immer mehr, so dass der Junge Vertrauen fasst. Und dann rückt er mit der Wahrheit raus. Er habe seinen Vater umgebracht – die Polizei geht weiterhin von einem Unfall aus, doch die Tat nagt an Frank Piersons Nerven.

Und Ripley? Er versucht sich zur Abwechslung mal als Wohltäter. Fast schon väterlich kümmert er sich um den Ausreißer. Er reist mit ihm nach Berlin, zeigt ihm die geteilte Stadt. Und macht Pläne. Frank solle so schnell wie möglich in die USA zurückreisen, um alles zu klären, seinen Frieden mit der Familie machen. Die hat inzwischen einen Detektiv zusammen mit Johnny, Franks Bruder, nach Europa geschickt, um Frank zu suchen. Doch dann wird Frank vor dem Augen Tom Ripleys entführt! Blitzschnell reagiert Tom und setzt sich mit der Familie und dem Detektiv in Verbindung. Er will die Sache regeln – dank seiner „Kontakte“ kann er schnell Hilfe organisieren. Reeves und seine Kumpane sind endlich mal zu was Gutem nütze. Und der talentierte Tom Ripley kann endlich das tun, was er schon zuvor hätte tun sollen…

 

Ripley Under Water

Da ist es wieder dieses unangenehme Gefühl. Ripley fühlt sich verfolgt. Seit Neuestem treiben sich die Pritchards in Villeperce herum. Hier, wo Tom und Heloise Ripley auf Belle Ombre ihr Leben genießen. David und Janice sind ziemlich aufdringlich, findet er. Er mag sie nicht. Vielleicht sind sie ja hinter ihm her. Privatdetektive oder gar Schlimmeres. Vielleicht aber auch nur Einbildung. Tom und Heloise werden bald verreisen. Nach Tanger, Marokko. Dann ist die Aufregung eh vergessen. Nur noch wenige Tage. Was kann da schon passieren? Na zum Beispiel kann Reeves Minot wieder mal anrufen. Ihn um einen „kleinen Gefallen“ bitten. Ein Päckchen entgegennehmen, es für vier, fünf Tage aufbewahren und dann weiterleiten. Zum Beispiel. Ihm kann Tom nichts abschlagen, auch wenn er seine „Geschäftsbeziehungen“ zu ihm auf ein Minimum begrenzen möchte. Was kann noch passieren? Ach ja, die Pritchards können Tom und Heloise zum Dinner einladen. Gleich am nächsten Tag. Was tun? Langeweile ertragen und Gewissheit erlangen oder in Ruhe mit der Ungewissheit leben? Kompromiss: Tom Ripley geht allein zu den Pritchards.

David Pritchard ist ein vulgärer Typ, dem es Spaß macht die Menschen in seiner Umgebung zu provozieren, zu brüskieren, vor den Kopf zu stoßen. Er stichelt für sein Leben gern. So fragt er unverhohlen Tom, ob er Cynthia kennt. Cynthia, die Freundin von Bernard Tufts, der aus Angst vor dem Geist Ripleys in den Tod sprang und von Tom verbrannt wurde. Auch zu den Greenleafs scheint David Pritchard eine Verbindung zu haben. Ripley muss handeln. Er setzt sich mit London in Verbindung. Dort ist die Galerie, in der die (unter anderem in Ripleys Auftrag) gefälschten Derwatts verkauft werden. Janice Pritchard spielt eine weitere seltsame Rolle. Sie telefoniert heimlich mit Tom Ripley, will ihn treffen. Aus Versehen (oder doch nicht?) gesteht sie dem neugierigen Ripley von Davids Eskapaden. Ab und zu rutsche ihm mal die Hand aus. Und außerdem zeigt er gern Anderen seine Macht. Tom Ripley ist geschickt, er lässt sich keine Angst anmerken, fragt kaum sichtlich nach. Denn er weiß nicht, welches Spiel Janice spielt. Sofern sie es tut.

Erstmal Urlaub – Tanger – die Seele baumeln lassen. Neue Leute treffen. Ha, da hat sich Tom Ripley getäuscht. Denn wird sitzt da an der Bar und macht seine makabren Späßchen? David Pritchard! Jetzt muss Ripley handeln. London ist sein nächstes Ziel. Er muss wissen inwieweit Cynthia in die ganze Sache verstrickt ist. Und er braucht einen Plan. Am besten einen todsicheren…

Seit sechzig Jahren versetzt Patricia Highsmith ihre Leser mit ihrem Tom Ripley in atemberaubende Spannung. Jäger und Gejagte sind gleichermaßen auf Post, Flugzeuge und nicht auf infiltriertes Internet und Mobiltelefone angewiesen. Hier zählt noch der Grips! Hilfsmittel sind eine gehörige Portion Skrupellosigkeit, Erfindungsreichtum und Sorgfalt. Ihre Charaktere sind bis heute die unumstrittenen Helden der dunklen Seite. Auf der einen Seite kann man nicht gutheißen, was Tom Ripley alles anstellt, um zu Geld und Ruhm zu gelangen. Andererseits ringen ihm seine Geschick und seine Eleganz Bewunderung ab.

Happy birthday, Türke!

„Alles Liebe zum Geburtstag, Gesundheit und Glück“, sagt man so, wenn man jemandem zu seinem Ehrentag gratuliert. Kemal Kayankaya bekommt nicht mal diese Floskeln um die Ohren gehauen. ’Ne Flasche Whiskey und Kippen sind seine Begleiter am Jahrestag seiner Geburt. Unrasiert beginnt er den Tag mit einem tiefen Lungenzug. Ein harter Hund, ja, das ist er. Privatschnüffler mit schlagkräftigen Argumenten und einer Schnauze, die jedem Ganoven die Kinnlade offen stehen lässt. Tja, wieder ein Jahr älter und immer noch kein festes, geregeltes und vor allem ausreichendes Einkommen.

Als der Kater so langsam beginnt seine Runden außerhalb Kemals Kopfes zu drehen, scheint ein Sonnenstrahl das Grau des Tages zu erhellen. Ein Auftrag. Die Witwe eines Landsmannes beauftragt das Rauhbein den Mörder ihres Gatten zu finden. Der hat vor ein paar Tagen (glücklich?!) das Zeitliche gesegnet. Im Hinterzimmer, im Hinterhaus, in der hintersten Ecke des Frankfurter Bahnhofviertels. Dort, wo die Mädchen … naja Sie wissen schon. Die Polizei versteckt sich hinter Routine und bringt keine zählbaren Ergebnisse hervor. Deswegen hockt nun die Witwe beim Geburtstagskind und klagt ihr Leid. Da es sich um den Auftakt einer Krimireihe, einer der erfolgreichsten überhaupt, handelt, kann man es ahnen: Der Fall wird gelöst.

Man soll nichts und niemanden nach seinem Äußeren beurteilen. Schon gar nicht Bücher! Doch im Fall von Jakob Arjounis „Happy birthday, Türke!“ in der grandios gestalteten Neuauflage von edition büchergilde wird die Ausnahme von der Regel zur neuen Norm. Für eine Type wie Kemal Kayankaya hat die Farbpalette Schwarz und Grau, vielleicht noch ein schmutziges Grün oder Braun erfunden. Und nun das! Pink, Rosa, Violett – fehlen nur noch die Blümchen. So einer kann doch nicht im Rotlichtmilieu ermitteln! Oh doch, und wie! Philip Waechter zeichnet hierfür verantwortlich.

Auf den ersten Blick ist die Farbwahl gewöhnungsbedürftig. Pink und bäng-bäng geht eigentlich gar nicht. Doch in Japan gilt ja auch Gelb als bedrohliche Farbe. Also warum nicht pink für den Kebab-Mann?! Hippe Teens tragen ja auch keine Bluejeans. Echte Kerle – solche wie Kemal Kayankaya – können alles tragen, auch pink. Denn erst, wenn man sich an die außergewöhnliche Farbe gewöhnt hat und der Kern zum Vorschein kommt, treten ihre eigentlichen Charakterzüge aus dem Schatten.

In dieser Ausgabe des schon als Klassiker zu bezeichnenden Buches des viel zu früh verstorbenen Jakob Arjouni ist der Tabubruch Programm. Zum Einen ist es der Ermittler selbst, der nur sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen will und wird, niemandem sonst. Zum Zweiten ist es die grafische Umsetzung des Erfolgsromans. Für Fans, für Einsteiger, für Querdenker, für Feingeister, für Ästheten.