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Lesereise Stockholm

Rasso Knoller steht am Wasser und lässt Stockholm – genauer gesagt den Sonnenunter- und aufgang – auf sich wirken. Schön, dass es ihm gefällt. Doch als Leser ist man in solchen Situationen meist außen vor. Nicht hier. Das Rot des Feuerballs in all seinen Nuancen erscheint glasklar vor dem geistigen Auge. Die Menschen herum sind zum Greifen nah. Stockholm ist ein Abenteuer der besonderen Art. Und das auf jeder Zeile der nun folgenden einhundertzweiunddreißig Seiten.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ könnte der Soundtrack einiger Kapitel lauten. Sergels Torg gehört sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die gleich zu Beginn einer Reise „abgehakt“ werden müssen. Architektonisch eher Kleckserei als Kleinod. Die Mischung der Besucher lädt auch nicht zwingend zum Verweilen ein. Doch Rasso Knoller schafft es auch diesem nicht gerade augenschmeichelnden Ort etwas abzugewinnen. Das kurze Kapitel dient nicht zuletzt dazu, den folgenden Geschichten mehr Gewicht zu verleihen, mehr Sehnsucht zu wecken.

An einem Dienstag in Skansen. Der Vergnügungspark hat wie immer geöffnet. Die Menschen strömen hinein. Doch – wie an jedem Dienstag im Sommer – die Masse der Menschen ist heute dichter. Es gilt einer der typischsten schwedischen Traditionen zu frönen: Dem Singen. Live im Fernsehen zu verfolgen für alle, die den Weg scheuen oder nicht die Möglichkeit haben selbst anzureisen. Auf der Bühne Stars der Musikszene. Davor Fans und, einfach gesagt, Menschen, die einfach gern singen. Karaoke für die Massen. Zu Tausenden strömen sie herbei und trällern im Verbund bis sich ein Chor erhebt, der seinesgleichen sucht.

Für die ganz Kleinen ist Junibacken die weite Welt, die es zu erkunden gilt. Und wenn auf der Bühne eine Rothaarige in knallbunten Klamotten auftritt, ist jeder mucksmäuschenstill. Ein Verbrecher wird gleich dingfest gemacht. Und die Heldin wird bejubelt, denn ihr Name ist weltbekannt: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Wer da nicht schwach wird und den Alltag vergisst, wird Stockholm nie verstehen.

Von der längsten Kunstgalerie der Welt, der tunnelbana (auch, wer kein Schwedisch spricht, erkennt sofort, dass es sich um die U-Bahn der Hauptstadt handelt) über royale Gärten und im wahrsten Sinne noble Menüs bis hin zu Besuchen in mittlerweile (weil als unrentabel eingestuften) geschlossenen Schulen und natürlich dem ABBA-Museum nimmt der Autor den Leser mit in eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Dass hier immer noch (trotz stets wachsender Probleme) alles im Lot ist, ist ein Verdienst der Stockholmer. Ehemals blutige Plätze verbreiten heute nur noch bei Nebel eine Art von Schrecken. Problemviertel sind multikulturelle Schmelztiegel und neuangelegte Wohnviertel sind zukunftsweisende Modelle, die andere Städte problemlos übernehmen könnten. Moderne und Traditionsbewusstsein sind in Stockholm selbstverständliche Gegebenheiten und keine Widersprüche, die verbal auf Teufel-komm-raus polemisiert werden müssen. Mit derselben Vehemenz muss man dieses Buch bei jedem Stockholm-Trip dabei haben. Ohne diese Lesereise würde etwas fehlen.

Von der Bühne in die Welt – Unterwegs in Vietnam

Vor nicht allzu langer Zeit hat Michael Schottenberg die Bretter, die die Welt bedeuten, verlassen, um die Welt aufs Neue zu betreten. Als Theatermacher war er in Wien eine Institution, in Vietnam, wohin es ihn jetzt verschlägt, ist er einer unter vielen. Gut so!

Ein Vierzig-Liter-Rucksack, ein wenig Literatur, Brillen (für nah und fern), Tagebücher und den Kopf voller Ideen betritt er ein Welt, in der er das Publikum ist. Rollentausch der simpelsten Art. Der Zeitunterschied ist nur eine Zahl, der Kulturschock real und gar nicht so schlimm, wie man es vielleicht erwartet. Michael Schottenberg ist nicht auf alles vorbereitet, aber er hat seine Expedition gut durchdacht. Bis auf die Tatsache, dass seine Reisezeit in die Regenzeit fällt. Und so passiert es, dass Straßen zu Flüssen werden. Ein Heimweg von einem Restaurant oder einem Ausflug zum Hotel schnell zu einer Runde Schwimmen oder Rudern gerät. Schlimm? Nicht im Ansatz. Er hat sich die fünf Wochen Auszeit gewünscht, geplant, … verdient sowieso … und nun wird es auch durchgezogen.

Pauschalreisen kommt für den kreativen Kopf nicht in Frage, die Individualität ist es nicht wert für diese außergewöhnliche Reise aufgegeben zu werden. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern dieses Buch zu einer hilfreichen Stütze für alle, die den gleichen Plan verfolgen.

Besonders angenehm für den neugierigen Leser ist die Tatsache, dass Michael Schottenberg frei jeglicher Vorurteile das Land bereist. Und so sind Überraschungen ein steter Begleiter auf seinen Touren durch Tempel, ehemalige Kriegsschauplätze, an verlassene Strände, in versteckte Hotels, über nebelverhangene Bergpfade und noch vieles mehr. So ruhig und gelassen die einzelnen Zeilen am Leser vorbeifliegen und das Blut in Wallung bringen, so umfangreich sind seine Eindrücke. Großzügig umgeht er die Fallen auf einzelne touristische Hotspots detailliert einzugehen. Das kann man eh alles in Reisebänden nachlesen.

Die Begegnungen mit den Menschen sind ihm wichtig. Ein Mopedtaxi jagt ihm zunächst Angst ein. Doch schon ein paar Tage in diesem Land lassen die Bedenken zusammen mit den Abgasen verfliegen. Wobei man zugeben muss, dass die Abgase länger in der Nase stecken bleiben als der Schrecken verbreitende Verkehr.

Unterwegs in Vietnam sein, heißt alles hinter sich zu lassen, was bisher als „normal“ galt. Ein offener Geist, keine Scheu auch mit unüberwindbarer Sprachbarriere auf Menschen zuzugehen sind zwei Grundvoraussetzungen, wochenlang am anderen Ende der Welt sich ein Stück zeitlich begrenzte Heimat zu schaffen. Michael Schottenberg gelingt es mit Bravour den Leser mit auf eine Reise zu nehmen, die nicht jedem (meist auf Zeitgründen) vergönnt ist. Die Lust auf Neues wird in jedem Absatz wie eine Krönung zelebriert, ohne dabei den Leser außen vor zu lassen.

Was bleibt, ist die Liebe

Franz Ferdinand, Erich Kästner, Ludwig van Beethoven – klar, sie waren (und sind) alle weltbekannt. Ihr Ruhm überstand gesellschaftliche Veränderungen fast unbeschadet. Doch es verbindet diese Drei noch etwas: Ihre tiefe Liebe. Franz Ferdinand, als potentieller Thronfolger, verzichtete der Liebe zu seinem Sopherl auf die Thronansprüche seiner Frau und Nachkommen. Nicht standesgemäß lautete das Urteil, das ihrer Liebe nur noch mehr Futter gab. Bei van Beethoven und Kästner war es die Liebe zu ihrer Mutter. Der Musiker konnte nicht mit seinem Vater, die Mutter verlor er mitten in der Pubertät als er in Wien schon mehr als ein Standbein hatte. Noch heute ist in Briefen nachzulesen, dass seine Liebe nur einer galt: Seiner Mutter. Und Erich Kästner kann getrost als Muttersöhnchen bezeichnet werden. Als er schon in Berlin lebte und arbeitete, also sein eigenes Leben führte, schickte er regelmäßig seine Schmutzwäsche heim. Oft auch mit einem Wunschzettel – die Mutter erfüllte ihm jeden Wunsch.

Dietmar Grieser führt wie Amor durch die Spielarten der Liebe. Mutterliebe – ob sie nun als übertrieben bezeichnet werden soll oder nicht, sei erstmal dahingestellt – oder Partnerliebe, die jeder Widrigkeit die Zunge rausstreckt oder Kinderliebe, Männerliebe, Hassliebe oder die Eigenliebe: Sie alle eint die bedingungslose Hingabe zu einem Menschen.

Biographien tragen die Faktenschwere per se in sich. Zahlen und Daten sind ihr Salz in der Suppe. Dieses Kompendium der Liebesschwüre sticht aus der Masse der Biographien schon allein durch das Thema heraus. Doch Dietmar Grieser setzt mit seiner eloquenten Art allem noch die Krone auf. Ein bisschen Geschichtsunterricht hier, ein kleiner Ausritt in die Psyche da – die Liebe ist faszinierend und ein unerschöpfliches Themengebiet. Liest man den Titel „Was bleibt, ist die Liebe“ und betrachtet man das Titelbild von Auguste Renoir, so ist man sofort im Thema.

Doch was folgt, ist bei Weitem mehr als nur eine Aufzählung von Liebschaften. Es sind wahre Wurzeln wahrer Größen. So wie die Geschichte von Franziska Donner, der ersten First Lady Südkoreas. Oder von Nikolai Kobelkoff, der als Zirkusattraktion (wegen seiner körperlichen Deformation) Karriere machte. Oder von Agatha Christie, die im fernen Orient die engste Liebe zu einem Mann fand.

Ihre Geschichten beweisen, dass die Liebe immer weiter existieren wird. Man muss manchmal hart dafür arbeiten, oft sogar Essentielles aufgeben. Doch der Lohn ist dauerhaft.

Ein Sonntag auf dem Lande

Das Leben hat es gut gemeint mit Monsieur Ladmiral. Mitte siebzig ist er mittlerweile. Ein erfülltes Leben liegt hinter ihm. In Saint-Ange-des-bois hat er ein gemütliches Häuschen gefunden. Kurz vor den Toren von Paris. Der Garten ist vorzeigbar und zum Bahnhof braucht man nur acht Minuten. Monsieur Ladmiral benötigt aber immer länger, das Alter halt. Doch mit stoischer Ruhe schiebt er die verlängerte Laufzeit zum Bahnhof auf die Unzuverlässigkeit der Bahn. Das amüsiert ihn insgeheim. Für Mercédès, seine Hausangestellte, ist es eine willkommene Gelegenheit ihrem Chef ein wenig Gegenwehr zu verabreichen.

Die kleinen Beschwerden über das Älterwerden pflegt Monsieur Ladmiral. Genauso wie den sonntäglichen Besuch seines Sohnes Gonzague. Seit Jahr und Tag kommt er regelmäßig mit seiner Frau Thérèse, den Jungens Emile und Lucien sowie der kleine Mireille zu Besuch. Leidige Pflicht auf beiden Seiten. Wobei der Alte die Besuche genießt. Die kleine Mireille ist für ihn der Jungbrunnen, in den er gern steigt. Für Gonzague, der von seiner Frau bevorzugt Edouard genannt wird – sein richtiger Name, Gonzague behagt ihr keineswegs – ist es jedes Mal ein Graus.

Denn Monsieur Ladmiral hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Wohl geraten ist er wohl, sein Sohn. Doch als eine Ausgeburt an Esprit würde ihn wohl kaum jemand bezeichnen. Das Geld reicht, und wenn nicht, bekommt er großzügig eine Lohnerhöhung. Für Thérèse eine nicht zu unterschätzende Stütze… Monsieur mag die nur allzu gewöhnliche Schwiegertochter keineswegs. Und so vergeht der Sonntag mit kleinen Fotzeleien, die Gonzague über sich ergehen lässt und der Alte ohne groß nachzudenken, großzügig verteilt. Bis … ja bis Irène eintrifft. Sie ist der Wirbelwind in der Familie. Und Gonzagues Schwester. Ein Plappermaul, das mit ihrem Elan davon abzulenken versucht, dass ihre Einnahmequellen eventuelle nicht den üblichen Standrads entsprechen könnten. Für Monsieur Ladmiral eine willkommene Abwechslung. Denn sie bekommt er nicht jeden Sonntag vor die Augen. Gonzague sieht in Irène eher eine Bedrohung.

Pierre Bost gehörte in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu den produktivsten und viel gelesenen Autoren Frankreichs. Dies ist sein letzter Roman, die letzten Jahrzehnte seines Lebens schuf er kein weiteres Werk und widmete sich Autorenaufträgen für Filme. Mit jeder Zeile dieses Miniromans dringt die ländliche Idylle tiefer und tiefer ins Herz des Lesers. Das Grün des üppigen Gartens, das Rascheln des Laubes, die Unbekümmertheit der Zeit ergreifen von einem Besitz. Die Neckereien der erwachsenen Geschwister ist greifbar, doch sind beide erwachsen genug nicht vor dem Vater ausfallend zu werden. Ihm gehört der gesamte Respekt. Gonzague verbindet die Vergänglichkeit mit Angst, Iréne ist tief im Hier und Jetzt verwurzelt. Und Monsieur Ladmiral weiß, dass er eh nichts mehr ändern kann. Den Lebensgenuss jedoch kann ihm keiner und nichts wegnehmen.

Dante Baby, das Inferno ist da!

„Ich saz uf eime Steine und dahte Bein mit Beine“ – Walther von der Vogelweide haben wir dieses mittlerweile geflügelte Wort zu verdanken. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – den Anfang von Goethes Osterspaziergang können die meisten zwischen neun und neunzig noch aufsagen. Bei Charles Bukowski hingegen wird es schwierig ein Gedicht zu rezitieren. Oberflächlich betrachtet, darf, ja muss man ihm danken, dass das Deftige dank ihm, dem Literaten, fast schon salonfähig geworden ist.

Wozu ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn man es vollkritzeln kann. Und die Blätter sind zum ersten Mal nicht zensiert! Und zum Teil zum ersten Mal auf Deutsch erhältlich. Die Auferstehung einer Ikone.

Die vierundneunzig Gedichte in diesem Band zeigen einen bedrohlichen, vor allem aber einen nachdenklichen Buk. Klar, seine deftigen Ausdrücke sind mehr als das Salz in der Suppe. Sie sind der Sud, der dem Leser Kraft gibt. Und Kraft braucht man, um dieses Buch zu verstehen. Denn knapp einhundert Gedichte  zu lesen – die sich zu allem Überfluss nicht einmal reimen, Scherz! – ist schon eine Mammutaufgabe. Dieses Buch in Dosen zu genießen, ist die hohe Kunst. Doch wie aufhören, wenn jede Zeile nur ein Schritt zur nächsten ist?

„Dante Baby, das Inferno ist da!“ wird Bukisten begeistern und Buk-Einsteigern den Kopf verdrehen. Jahrelang war Charles Bukowski verkannt. Nur in der Undergroundszene war der gefeierte Star. Jahrzehntelang schickte er hunderte Gedichte an Verleger. Die ließen ihn am ausgestreckten Arm verhungern und seine Werke in den Archiven verstauben. Abel Debritto wollte für seine Dissertation diese Staubfänger aus den Klauen der Ignoranz. Dafür reiste er kreuz und quer durch die Staaten. Kiloweise Staub hustete er heraus, um schlussendlich doch dieses Manifest des bitterbösen Humors zusammenstellen zu können.

Das Inferno reitet mit brennenden Schwertern der Sprache direkt ins Herz des Lesers. Es brennt, es schmerz … im Kopf, im Herzen, im Zwerchfell. Und die Zensur muss tatenlos zusehen. Die Gesellschaft wird geroastet. Und der Roastmaster sitzt auf seiner Wolke – ja, Buk hat eine Wolke erhalten und schmort nicht wie gedacht auf dem Grill der Verdammnis – und setzt der Moral mit Blitzen des Zorns zu.

Geradezu milde wirken die Zwischentöne, die sich erst nach und nach zeigen. Hat man sich eingegroovt, ist man also schon mitten im Text, fallen einem die Feinheiten, die philosophischen Gedankengänge auf. Buk war nicht nur der rülpsende, furzende, vögelnde und vor allem saufende Unhold, der seinem Frust mit harter Feder Ausdruck verlieh. Hinter den Ärschen und Whiskeys tritt der Buk hervor, der der Welt die Zunge rausstreckt und sein Image zu pflegen weiß. Wer tiefer gräbt, erkennt warum Buk bis heute so erfolgreich ist.

Dieses Buch ist ein Schlag in die Fresse all derjenigen Mode-Rockstars, die einem mit bis oben zugeknöpftem Hemd jämmerlich talentiert ebenso weinerliche Texte massenkompatibel um die blutenden Ohren wimmern.

Köln MM City

Da ist man doch baff erstaunt, dass Köln gar keine Hauptstadt ist. Jeder Kölner wird nun zustimmen. Und alle von der Schäl Sick müssen – sofern sie noch nicht vor Ort waren – mit diesem Buch neidlos anerkennen, dass Köln eine Reise wert ist, auch wenn es auf der falschen Seite (des Rheins) liegt. Das liegt immer im Auge des Betrachters.

Hat man die Vorurteile, die besonders im Fernsehen von mehr oder weniger Begabten wie der Bauchladen der Eitelkeiten (wenn man schon sonst „cantz“ und gar nichts zu bieten hat) vor sich hergetragen wird, hinter sich gelassen, kann man sich auf dieses Buch konzentrieren. Es lohnt sich!

Jeder Kölner, der auch nur im Entferntesten eine Fernsehkamera erspäht, muss seine uneingeschränkte Liebe zum Dom kundtun. Andreas Haller hält diesem Domsinn ein knappes Dutzend Spaziergänge entgegen, die die Stadt auch ohne Jahrtausendbaustelle lebenswert machen. Das erste Kapitel ist jedoch dem Kirchenbau am Bahnhof gewidmet. Man aber auch einfach nicht ohne den Dom aus, in Köln.

Wer noch nie in Köln war, weiß ohne es zu ahnen schon eine ganze Menge von der Domstadt. da ist er schon wieder, der Dom. Zum Beispiel, dass man seine Liebe hier mit einem Schloss besiegelt bzw. bekundet. Und das hängt man an die Hohenzollernbrücke. Die verbindet Deutz (auf der Schäl Sick, man kommt in einer Stadt wie Köln einfach nicht ohne Stereotypen aus), mit der Innenstadt. Doch das war es noch lange nicht mit Deutz. Zum Beispiel steht hier ein Denkmal für einen Düsseldorfer. Ja, tatsächlich. Jan Wellem hieß er. Zumindest bei den Kölnern. Im Pass stand Herzig Johann Wilhelm II. Als katholischer Ableger der Wittelsbacher erlaubte er auch Protestanten ihre Religionsausübung. Und als Bewohner einer toleranten Stadt wie Köln, darf man auch mal über seinen Schatten springen und einem Düsseldorfer ein Denkmal setzen. Allerdings übersehen auch viele Kölner dieses Dreimetermonument im Mühlheimer Stadtgarten.

Grinköpfe hingegen sind keine mehr oder weniger liebevolle Bezeichnung für den einen oder anderen, der dem Kölner zum Schabernack treibt, sondern nützliche Hilfsmittel aus alten Zeiten, um die Arbeit zu erleichtern. In der Altstadt findet man sie hier und da noch. Statt eines Unterkiefers haben sie Metallzähne. Und das alles nur, um Waren in die Keller befördern zu können.

Das sind nur zwei Geschichten, die in den typischen gelben Kästen für Abwechslung bei der Reiseplanung sorgen. Es sind aber vor allem Hintergrundinfos, die einen hohen Wiedererkennungswert haben.

So wie das gesamte Buch. Jede Seite ist gespickt mit Wissen für den Reisenden, der offen Auges durch die Stadt spaziert.

Oberbayerische Seen

Berge oder Meer? Diese Frage kann schon mal für Verwirrung, im schlimmsten Fall für Streit sorgen. Ein Kompromiss muss her. Wie wäre es mit beidem? Aber bitte nicht so weit weg! Dann ist die Entscheidung gefallen. Berge, ein bisschen plätschern drumherum. Also Oberbayern. Und dann nimmt man sich den Atlas vor, oder schaut im Netz nach. Welche Orte gibt es, welche Seen bieten sich an (Meere sind dann eben doch nicht vorhanden, wieder ein Kompromiss)? Und dann hat man eigentlich nur noch eine Wahl: Dieses Buch! Ein paar Seen kennt jeder, Tegernsee, Starnberger See, Chiemsee.

Thomas Schröder gibt ihnen den entsprechenden Raum, jedoch nicht ohne auch den vermeintlich kleinen, unbedeutenderen Seen Stimme zu verleihen. Wie den Wörthsee. Da fehlt kein ER, der Wörthersee ist im benachbarten Ausland. Wörthsee. Dreieinhalb Kilometer lang und ca. halb so breit. Eine exzellente Wasserqualität wird ihm bescheinigt. Leider sind die Ufer fast komplett bebaut und in Privatbesitz, so dass mal eben schnell in den See fast eine Lotterie grenzt. Aber drumherum gibt’s ja auch was zu sehen. Und mit elf Kilometern Umfang kann man sich einige Stunden mit Umsehen ganz gut vertreiben.

Das Wechselspiel von Berge und Meer treiben Eib- und Badersee auf die (Zug-)Spitze. Der höchste Berg Deutschlands ist in Sichtweite – wenn der Himmel es zulässt – und das glitzernde Grün des Eibsees besticht auch durch Sonnenbrillengläser. Fast wie am Königssee, der gleich um die Ecke liegt. Doch alles ein wenig beschaulicher, ruhiger, gelassener. Sein kleiner Bruder in der Badersee. Hier ist das R an der richtigen Stelle. Wer also nach einem Badesee fragt, sollte sich einer optimalen Aussprache bedienen.

Dieses Buch mutet wie ein Werbeprospekt an. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Sollte sie auch. Schließlich ist man in Bayern. Zum Baden in die Berge. Was auf den ersten Blick wie ein Witz daherkommt, wird schon auf den ersten Seiten in ernste Absichten verwandelt. Und wenn dann auch noch kleine Anekdoten mit Hintergrundwissen dem Leser den letzten Zweifel aus den Augen wischen, steht einer erholsamen Zeit an den Seen zwischen den Gipfeln der Alpen nichts mehr im Weg. Da kann noch so viel vom Öl-Boom am Tegernsee geredet werden, 150 Jahre Schifffahrtstradition wiegen so manches auf. Wobei das mit dem Öl-Boom natürlich nicht so ernst gemeint ist…

Dieses Buch ist alternativlos. Die Region ist mehr als eine Alternative zu Meer oder Bergen. Wer beides hat, muss beides vermarkten. Und bewerben. Dieses Buch jedoch als reines Werbeobjekt zu sehen, wäre fatal. Denn 264 Seiten voller Tipps und Hinweise zu dem, was man 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche benötigt, sind eine nicht zu unterschätzende Stütze im Kampf gegen die Langeweile.

Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel

Kurz und knackig soll eine Kurzgeschichte sein. Was so einfach klingt, ist die Königsdisziplin in der Literatur. Wenn die Geschichten dann auch noch für jedermann verständlich sind, die meisten ansprechen und vor allem unterhaltsam sind, ist man der Gott der Literatur. Oder das Arschloch! Wie im Fall von Charles Bukowski.

Er würde in der heutigen Zeit mehr provozieren als Donald Trump. Und vor allem mehr gegen ihn wettern als Robert De Niro. Das wäre ein Spaß. Doch Charles Bukowski ist nicht mehr. Seine Werke jedoch haben bis heute Fans, die dem direktesten aller Schreiber die Treue halten.

Die Sammlung von Kurzgeschichten in diesem Buch könnte man fast als eine Aneinanderreihung von Kapiteln ein und desselben Buches halten. Alles beginnt in Los Angeles, wo er (mal ist es der Autor selbst, mal eine fiktive Person mit einem anderen Namen, die Buk aber in Nichts nachsteht) und Linda leben. Im Portemonnaie herrscht Ebbe. Wie immer. Im Kühlschrank auch. Alles halb so schlimm, wäre nicht auch der Schnapsvorrat auf Diät gesetzt. Was tun? F… Klar, was sonst. Immer wieder, zwei-, drei-, viermal. Bis es nicht mehr geht. Auch wenn Linda sehr geschickt ist.

Die rüde Reise in die befleckten Seiten geht weiter. Tucson, New Orleans, Tijuana, San Diego. Überall dasselbe Bild. Es fehlt an Kohle, um an Stoff zu kommen. Und der Stoff, der da ist, stört nur beim … naja, wobei wohl?!

Schonungslos offen kaputtiert sich Buk durchs Leben. Ist er desillusioniert? Nicht im Geringsten. Das Leben hat ihn angenommen, der Tod reibt sich schon lüstern die Hände. Einen wie ihn hat selbst er noch nicht erlebt. Und der Teufel ist der einzige, der einen ebenbürtigen Gegner neben sich akzeptiert.

Schulden und Wettgewinne sind für die Figuren in den Geschichten zwei getrennte Sachen. Ein Gewinn wird gebührend gefeiert. Schulden nur im äußersten Notfall getilgt. Zum Beispiel dann, wenn der Ladenbesitzer droht nicht mehr anzuschreiben.

Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe. Sie dringen wie Silberpfeile ins Herz des Lesers. Dort verdampfen sie in wabernden Wolken und setzen sich fest im Gedächtnis fest. Nicht die einzelnen Worte, oder gar Sätze. Es sind Impressionen, die man nie wieder vergessen wird. Wie die Erstbesteigung des Eiffelturms, oder die ersten Seiten von Tom Sawyer. Unvergesslich. Charles Bukowski gehört auf jede Bucketlist. Also eine Liste von Dingen, die man getan haben muss. Wer Buk nicht gelesen hat, wird für immer in der Zwangsjacke der political correctness gefangen bleiben. Wer die Zeilen aufsaugt wie ein Schwamm, wird mit einer wortgewaltigen Waffe gegen den Zynismus der standardisierten Welt in den Kampf ziehen können.

Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange

Die kuriosesten, die beliebtesten, die ungewöhnlichsten Orte der Welt. Diese Titel in den Wühltischen der Buchhändler nimmt man gegebenenfalls nur mit, wenn der Preis unter dem der Parkuhr liegt. Inhaltlich bieten sie auf maximal zehn Prozent der Seiten einen wirklichen Mehrwert. Und nun ein Buch über Luxemburg? Ein Land, das man, wenn man zu spät bremst, schon wieder verlassen hat?

Ja! Und zwar zu Recht! Im Wust der 100er oder 111er Bücher sticht dieses kleine Büchlein nicht allein wegen der Gestaltung hervor, sondern vor allem wegen seines wirklich kuriosen und detailliert recherchierten Inhalts hervor. Muss man dabei haben, wenn man das einzigartigste Großherzogtum der Welt (ein weiterer Titel der Wasserschweine – der Name capybarabooks stammt von den possierlichen Tieren) besucht.

Susanne Jaspers und ihr Begleiter, es handelt sich dabei um Georges Hausemer, der für das eben erwähnte Buch über das einzigartigste Großherzogtum verantwortlich zeichnet, suchen nicht nur nach Kuriosem, sie finden es auch bzw. lassen sich finden. Wer sonst sucht schon in Luxemburg nach dem Kongo? Doch sollen Baobabs, Affenbrotbäume wachsen. Tun sie aber nicht. Vielmehr findet man an Ort und Stelle ein Geburtshaus. Und zwar von einem, der im Kongo war. Wer? Steht im Buch.

Bleiben wir noch ein wenig bei Zahlen, also Büchern, die im Titel mit einer griffigen Anzahl von Sehenswürdigkeiten (meist dreistellig, am besten eine Schnapszahl). Oft wundert sich man über die Inschriften an Gebäuden. In Ermangelung der Sprachkenntnisse tut man es als Lobhudelei an den Bauherren oder den Baumeister ab. In der Hauptstadt Luxemburgs, Luxemburg, genauer in der Rue de Glacis steht eine Felswand. Hübsch anzusehen, aber nur nicht wirklich das Highlight eines Luxemburgbesuches. Doch eine Tafel regte bei der Autorin und ihrem Begleiter die Neugier an. Denn einige Buchstaben waren großgeschrieben. MItten Im Wort! So viel offensichtliche Geheimniskrämerei sucht ja gerade die Herausforderung. Die Lösung wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel. Wer in der ersten Klasse bei der allerersten Grundrechenart, die man gelehrt bekam, aufgepasst hat, hat schon mal den ersten Summanden…

Kuriose Orte brauchen eine besondere Art der Zuwendung. Sei, um sie zu erhalten, sei es, um sie darzustellen. Susanne Jaspers Aufgabe ist es diese Orte aufzuspüren und dem Leser, der sich schon beim Lesen in einen Besucher transformiert, diese Orte näher zu bringen. Luxemburg an einem Tag – das war einmal. Von nun an ist Luxemburg eine mehrwöchige Destination mit hohem Bildungs- und Erholungswert.

Ach ja, und die Hühnerstange … da kommt niemand drauf, was damit auf sich hat.

Die Katzen / Los gatos

Carlos Maria und Marta sind Cousin und Cousine. Ihre Kindheit bei den Hilaires ist das, was man schlechthin als sorglos bezeichnen kann. Wie Bruder und Schwester sind sie unzertrennlich. Sie raufen, sie spielen, sie lernen gemeinsam. Als echter Junge muss er sie dominieren. Sie lässt es geschehen. Doch nicht ohne die typische Art eines Mädchens. Er fühlt sich dann immer besser.

Die Jahre ziehen ins weite Land der Metropole Buenos Aires. Marta wird größer und größer, reicht schon fast an Carlos Maria heran. Ihm fallen die Veränderungen an Marta auf. Doch noch weiß er mit diesen Auffälligkeiten nichts anzufangen. Als Rolando in die unschuldige Zweisamkeit tritt, fühlt sich Carlos Maria genötigt den Beschützer mehr als gewohnt herauszukehren.

Noch immer kann er mit den Veränderungen nichts anfangen.

Eines Tages – Carlos Maria und Marta sind ausnahmsweise mal nicht unzertrennlich – findet Carlos Maria einen Brief seines Vaters. Die erwachsene Sprache darin versteht er. Die Andeutungen weiß er genau und richtig zu entschlüsseln. Das Rätsel um ihre Zuneigung ist gelöst, sofern es dieses Rätsel jemals gab…

„Die Katzen“ von Julio Cortázar gehört zu einem Schatz, der erst nach dem Tod des Autors gehoben wurde. Ein Vierteljahrhundert – wie gut, dass auch heutzutage noch Jubiläen etwas zählen – fand man in einem Schrank in Paris, wo Julio Cortázar 1984 starb, strebten Tausende von Manuskripten ans Tageslicht. Die Presse eiferte dem nach und strebte ebenso ans Tageslicht der Sensationen. Eine ausgiebige Recherche folgte. Waren die Seiten wirklich von Cortázar? Und warum konnten sie so lange vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben? Ja, und keine Ahnung  sind die einzig glaubhaften Antworten. Hauptsache war und ist jedoch, dass sie endlich ans Tageslicht kamen.

Die hier vorliegende Ausgabe aus dem Lilienfeldverlag ist eine doppelte Sensation. Denn erstmals wurde dieses Werk veröffentlicht und zum Zweiten dann auch gleich noch in einer zweisprachigen Ausgabe. Carlos Maria und Marta sind zwei ausgelassene Kinder, später Teenager, die ihrer Zuneigung rat- und schutzlos ausgeliefert sind. Für Carlos Maria gibt es nur eine Möglichkeit: Flucht. Marta ist da pragmatischer. Das Herumtollen gehört zum Menschwerden wie Verlust und Zugewinn. Sie ist Carlos Maria zugetan. Rolando allerdings auch. Anders, doch nicht minder intensiv.

Julio Cortázar versteht es meisterhaft die beiden Pole nicht aufeinanderprallen zu lassen. Vielleicht ist das auch nicht möglich, weil beide die gleiche Ladung in sich tragen. Abstoßen – darauf würden beide nie im Leben kommen. Doch aneinander haften, kommt genauso wenig in Frage. Als Leser hängt man hingegen an jeder einzelnen Zeile dieses Buches.