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Nico

Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Zumindest, wenn man ein Boulevard-Magazin zu verantworten hat. Ein Leben mit Drogen, Tod, Abweisung, Verlust, Verrat – im schrillen Schein der Prominenz.

Nico, der Name sagt vielen nichts mehr. Doch wer auch nur ein bisschen in diesem Buch herumblättert (das intensive Lesen folgt dann ganz automatisch), wird sich der Bedeutung von Christa Päffgen, die sich Nico nannte, schnell bewusst. Sie war zeitweise die drohende Stimme von Velvet Underground. Sie war die Mutter eines der Kinder von Alain Delon. Sie war. 2018 hätte sie ihren 80. Geburtstag feiern können, stattdessen jährt sich ihr Tod bereits zum 30. Mal.

In ihrem Geburtsjahr 1938 dreht sich die Welt etwas schneller, etwas heftiger und in eine gefährliche Richtung. Pogrome sind kurz nach ihrer Geburt in Köln an der Tagesordnung. Kurz vor Ende des Weltkrieges flieht die Familie aus dem bombardierten Köln ins brandenburgische Lübbenau. Und schon kurz Zeit später flieht Christa ins nahe Berlin. Die Trümmer sind ihre Spielwiese, und das KaDeWe, das schon bald wieder eröffnet wird, ist ihre Bühne. Hier entdeckt sie ein Fotograf. Herbert Tobias. Sie wird einmal ein Star. Das weiß er, daran arbeitet er. Doch als „dat Christa“ wird das wohl nichts. Eine unerfüllte Liebe Tobias‘ ist Namenspate für die schlanke Blondine mit den hohen Wangenknochen und der unverwechselbaren Stimme. Nico is born. Die Magazine reißen sich um sie. Paris wird ihr neues Zuhause. Sie reist wie ein Star, obwohl sie da noch kein echter Star ist. Als Schauspielerin will sie sich probieren, doch ihr eigener Kopf steht ihr immer wieder im Weg.

Die Melancholie, die harsche Ablehnung jeglicher Konventionen vernagelt ihr so manche Tür. In Fellinis „La dolce vita“ spielt sie mit, sich selbst. An der Seite von Alain Delon soll sie in „Nur die Sonne war Zeuge“ die weibliche Hauptrolle übernehmen. Sie kommt zu spät und Marie Laforêt bekommt die prestigeträchtige Rolle. Nicht zum letzten Mal wird ihre eigensinnige Haltung zur Pünktlichkeit einer anderen die Bühne bereiten. Zu allem Überfluss wird sie schwanger, von Delon, der den Titel des Vaters seither aber kategorisch ablehnen wird. Das Kind wird ein Omakind, wird sogar von Nicos Mutter adoptiert.

New York ist die nächste Station in Nicos viel zu kurzem Leben. Erst hat sie Andy Warhol in Europa getroffen, nun steht sie schon im Studio mit Warhols neuestem Projekt: Velvet Underground. Die Band, die am häufigsten als Vorbild genannt wird, jedoch nie einen echten Hit hatte. All ihre Songs wurden erst später zu Ohrwürmern. Affären mit Jim Morrison von den Doors, Bob Dylan, Iggy Pop, um nur ein paar auserwählte Namen zu nennen, folgen. Doch bringen sie der stets betrübten Nico kaum etwas Zählbares ein. So umgeht sie aber das Stigma durch Beziehungen Ruhm zu erlangen.

Punk, New Wave, neue Deutsche Welle – Trends interessieren Nico nicht im Geringsten. Der nächste Schuss ist ihr näher als so manche Liebe. Sie versetzt ihr Harmonium, das Instrument, das sie beherrscht, das ihr den Lebensunterhalt sichern könnte. Patti Smith springt ein und kauft ihr ein neues. Ende der Siebziger geht es wieder bergauf mit Nico. Das Heroin wird durch Methadon ersetzt, Sohn Ari ist wieder an ihrer Seite. Er vergöttert seine Mutter, mit fatalen Folgen…

Tobias Lehmkuhl konnte für seine Biographie Nico nicht interviewen. Als sie starb, war er gerade mal Zwölf und hatte sicher noch nie was von Christa Päffgen oder Nico gehört. Mit vehementer Detailverliebtheit zeichnet er ein Bild einer Frau, die so undurchsichtig war, so verschlossen, so geheimnisvoll. Jedes einzelne Gerücht zu entkräften, Geheimnisse zu lüften kann also gar nicht gelingen. Muss es auch gar nicht. Denn sie selbst hat schon in jungen Jahren derart viele und vor allem verworrene falsche Fährten gelegt, dass hier der Begriff Legende seinen Ursprung zu haben scheint. Was jedoch stimmt und sich niemals ändern wird: Nico wird für immer das fleischgewordene Geheimnis bleiben.

Was bleibt von uns

Die Straße der Hoffnung ist ein steiniger Pfad. Die wenigen ebenen Abschnitte sind mit Mut, Entbehrungen und Verlust geteert. Diese Erkenntnis muss Nahid seit Jahrzehnten begehen. Anfang der 80er war sie der Stolz der Familie. Als Frau im Iran war sie Medizinstudentin. Als sie Masood kennenlernt engagiert sie sich politisch. Sie demonstriert gegen die islamische Revolution. In ihrer Unbekümmertheit und dem felsenfesten Glauben daran, dass ihr Aufruhr vom Erfolg gekrönt sein wird, nimmt sie eines Tages ihre kleine Schwester Noora mit auf eine dieser Demonstrationen. Doch alles läuft aus dem Ruder, Noora verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Saber, Verbündeter und Freund wird zu Tode gefoltert. Weggefährten werden verhaftet, und niemand wird wieder etwas von ihnen hören. Nahid und Masood müssen fliehen. Schweden wird ihr neues Zuhause. Den erhofften Neuanfang erleben beide mit der Geburt ihrer Tochter Aram.

Die Rahmenhandlung, die Golnaz Hashemzadeh Bonde in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman skizziert, scheint auf den ersten Blick ein typischer Fluchtroman zu sein. Doch Nahid treibt etwas anderes um. Mittlerweile hat sie mehr als die Hälfte ihres Lebens gelebt, gehofft. Aram ist nun selbst erwachsen und erwartet ihr erstes Kind, eine Tochter. So wie Nahid nur Schwestern hatte – im Iran gelten männliche Nachkommen immer noch als größerer Segen als Mädchen. Ein Mädchen, ein Hoffnungsschimmer.

Den hat Nahid dringend nötig. Sie weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Ihre Wurzeln sind so weit entfernt, dass sie selbst nur schwer akzeptieren kann, eine Heimat zu besitzen.

Doch ist sie selbst Heimat. Und zwar des Krebses. Er hat von ihr Besitz ergriffen. Ihre Mutter kann ihr nicht beistehen. Sie lebt immer noch im Iran. Und ist immer noch verbittert über Nahids Weggang. Ganz zu schweigen vom Verlust des Nesthäkchens Noora.

Nahid versucht ihrer Tochter das zu geben, was sie selbst nie hatte. Hoffnung. Geborgenheit. Doch Aram ist in der Vergangenheit zu einer Art Projekt geworden. Nahid kann nur Ratschläge geben. Liebe und Geborgenheit flackern nur sporadisch auf. Darunter leidet Aram. Während der Krebs immer weiter voranschreitet, wächst in Aram neues Leben heran. Und Nahid kann nur noch einen Gedanken hegen: Als Großmutter von dieser Welt zu gehen.

„Was bleibt von uns“ ist ein intensiver Roman, der sich wie ein wohlwollender Virus unter die Haut setzt und im Herzen ein neues Zuhause findet. Nahid, ihre Mutter und ihre Tochter sind Frauen, die vom Verlust gezeichnet sind, die Gewalt am eigenen Körper (und der Seele) erfahren mussten und dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Wehmut, mal mehr, mal weniger, schwingt in ihrem Leben immer mit ohne dabei den Takt anzugeben.

Gesang für die Verlorenen

Kamerun in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Kolonialmächte England und Frankreich versuchen – nach ihren eigenen offiziellen Angaben – das Land in eine gesicherte Zukunft entlassen zu können. Nach ihren Regeln. Doch es regt sich Widerstand. Die UPC, Union der Völker Kameruns, Frontschild im Kampf für die Freiheit will einen raschen und vor allem gewaltlosen Übergang in die Unabhängigkeit. Ruben Um Nyobé – der im Buch wie des Damokles‘ Schwert der verheißungsvollen Freiheit über allem schwebt – ist ihr Anführer. Als die Partei Mitte der 50er Jahre verboten wird, muss er zusammen mit seinen Gefolgsleuten in den Untergrund gehen.

Soweit die Fakten. Hemley Boum fügt der Geschichte eine weitere Geschichtensammlung hinzu. Ein Weggefährte Nyobés ist Amos. Er ist verliebt in Esta, doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Denn Esta ist schon einem anderen versprochen. Ihre Tochter Likak, die sie allein erzieht, was an sich schon ungewöhnlich genug ist, ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie hat genauso ihren eigenen Kopf wie ihre Mama Esta. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Dabei bleibt sie immer liebenswert und angenehm offen. Ein Charakter, den man nur selten antrifft. Außerdem ist eine Art Hexe im Geheimbund Ko’ô. Hier treffen sich die Frauen des Ortes, um sich auszutauschen und um ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Doch der Frieden in der UPC, im Land und im Dorf ist fragil. Neid und Missgunst sind die erbittertsten Feinde des Fortschritts. Ein Seitenwechsel geht schneller von vonstatten als den Köpfen der Bewegung lieb sein kann. Der schnöde Mammon sorgt für Verwirrungen bei vielen und für Enttäuschungen auf Seiten der Unabhängigkeitskämpfer.

Esta und Amos gemeinsamer Weg ist jäh beendet als die zu viele Kameraden die Seiten gewechselt haben.

Pierre Le Gall ist die Giftspritze im Fleisch der Dorfgemeinschaft. Er sieht den gesellschaftlichen Veränderungen mit Skepsis entgegen. Den Menschen in dem Land, in das er als Unterdrücker kam, traut er wenig bis gar nichts zu. Seine Abneigung zeigt er offen. Seine Taten sind widerwärtig. Doch auch seine Tage sind gezählt.

Ausnahmsweise darf man mal ein Buch mit dem Ende beginnen. Denn hier sind die familiären Verflechtungen der handelnden Familien grafisch in einem Stammbaum dargestellt. Hat man sich mit den außergewöhnlichen Namen angefreundet, liest man sich in einen Rausch, aus dem man nie mehr aufwachen will. Wer mit wem, warum? Ein Höllenritt durch die Geschichte Kameruns und einen echten Freiheitskampf auf allen erdenklichen Ebenen. Erstaunlich wie frei die weiblichen Figuren in diesem Buch sich entfalten. Sie sind die wahren Heldinnen, für die der titelgebende Gesang als Marschmusik erdacht wurde. Sie schreiten stolz und unbeirrt voran. „Gesang für die Verlorenen“ steigert sich mit jeder Seite mehr in ein Geflecht aus Traditionen, progressivem Kampf bis hin zur teilweisen Aufgabe. Das Ende des Buches löst so manches entstandene Problem auf. Nämlich dann, wenn längst verschollene Figuren durch vier Fotografien und einen nicht enden wollenden Brief endlich ihren Frieden machen können und aus den Vergessenen präsente Helden erwachsen.

Der Traum des Richters

Das kann ja wohl nicht wahr sein! Da pinkelt dieser ungehobelte Bauerntrampel einfach gegen die Wand des Gerichtsgebäudes. Vor seinen Augen schüttelt er auch noch genüsslich ab. Das schreit nach Gerechtigkeit! Richter Urbano Pedernera muss ein Exempel statuieren. Der Delinquent Rosendo Villalba muss verurteilt werden. Die Sache hat nur einen Haken. Die Mauer, am der sich der Gaucho erleichtert hat, ist die einzige Mauer des Gerichtsgebäudes. Für den Rest des baldigen Prunkbaus fehlen noch die Ziegel. Der Richter fleht schon seit geraumer Zeit darum, dass ihm endlich das fehlende Baumaterial geliefert werden soll. Ein weiterer Punkt – und sicherlich der wichtigste – ist, dass Rosendo Villalba nicht im Traum daran gedacht hätte gegen die Mauer zu urinieren. Zumindest nicht in seinen Träumen. Sehr wohl aber im Traum des Richters von Malihuel. Das allein reicht schon, um Recht zu sprechen und den Übeltäter mit Strafarbeit zu belangen. Aktive Mithilfe beim Bau des Gerichtsgebäudes, ausgesetzt bis zur Lieferung der Ziegelsteine. So wird Recht gesprochen im argentinischen Malihuel des Jahre 1877.

Das Dorf, die Rebellen (die Wilden, die Indios) sehen in dem Richter allerdings immer noch eine Respektperson. Sein Wort gilt. Ihm hat man sich zu fügen. Doch als die Träume – und vor allem die anschließende daraus resultierenden Bestrafungen – überhand nehmen, ist es aus. Man dreht den Spieß um. In den Träumen des Richters erheben sich die Geschmähten. Das Vexierspiel beginnt…

Carlos Gamerro ist mit „Der Traum des Richters“ eine skurrile Geschichte gelungen, die Ihresgleichen sucht. Hat man sich in dieses Buch vertieft, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Traum. Don Urbano in Paris: Statt Champagner gibt es eine billige Plörre zu trinken. Im Krieg gegen die Aufständischen klappt kein einziger Plan. Und die Autorität schwindet mit jeder Stunde, in der er die Augen geschlossen hält.

Es muss die Hölle sein für jemanden, der als Militär erfolgreich war. Und nun mit ansehen muss, dass eine anscheinend einzigartige Gabe durchaus auch Schattenseiten haben kann. Mit enormem Wortwitz fesselt Gamerro den Leser an den Lesesessel und entlässt ihn auch nach der letzten Seite noch nicht komplett in den realen Alltag. Immer wieder flackern einzeln Passagen aus dem Buch auf und zaubern ein Lächeln ins Gesicht Lesers. So werden Tagträume gemacht!

Das Lachen des Geckos

Not macht erfinderisch. Da übt man auch gern mal einen Beruf aus, dem sich der Rest der Menschheit verweigern würde. Und dabei trifft man sicher auch Menschen, die einen noch ungewöhnlicheren Beruf haben. Und den mit voller Hingabe ausfüllen.

Félix Ventura ist so einer. Er hat einen ungewöhnlichen Beruf, den er mit Hingabe und der ihn mit Genugtuung erfüllt. Félix Ventura erfindet Lebensläufe. Was ist daran so besonders? Seine Kundschaft gehört meist einer sehr angesehenen Schicht an. Man macht was her. Doch die eigene Vergangenheit ist meist so grau wie der Alltag derer, die man beeindrucken will. Einfach nur an ein paar Stellschrauben drehen – damit ist es nicht getan. Wer zu Félix Ventura kommt, braucht Eroberer unter den Ahnen, die mit dem Schwert dem Bösen Paroli boten.

Félix Ventura kann ganz gut davon leben. Denn er ist gut. Wirklich gut, in dem, was er tut. So kreiert er José Buchmann. Fotograf. Kriegsfotograf. Mutter Künstlerin. Lebte und arbeitete rund um den Globus. Und eben dieser José Buchmann kommt nun zum zweiten Mal auf die Welt. Elegant, weltläufig kommt er daher. Doch die Warnung niemals nach Chibia zu gehen – Félix Ventura warnt ihn mehr als eindringlich – schießt er in den Wind. So viel Nonchalance hat ihm der Vergangenheitserfinder ihm nicht mit auf den Weg geben können. Denn in Chibia lauert die ungeschminkte Wahrheit…

Ob der Erzähler auch eine erfundene Vergangenheit hat? Er weiß so ziemlich alles über Félix Ventura. Er sieht ihn ja tagtäglich. Alles, was Félix im Haus tut, bleibt nicht unentdeckt oder unbeobachtet. Denn der Erzähler ist ein Gecko. Ein Tiger-Gecko. Auch er hat eine bewegte Vergangenheit, die mit so manchem Klienten von Félix Ventura teilt…

José Eduardo Agualusa gelingt es mit „Das Lachen des Geckos“ dem Leser eben dieses ins Gesicht zu zaubern. Kein Wort ist überflüssig, jedes Satzzeichen ist ein Ausrufezeichen! Sprechende Geckos bergen in sich die Gefahr albern zu wirken. Dieser Gecko ist ein weiser Gefährte in einer unwirklichen Umgebung. Der Hauptcharakter des Buches ist ein außergewöhnlicher Mann. Ein Scharlatan, so empfindet man ihn ab der ersten Seite. Erst zum Ende muss man sich eingestehen, dass man Félix Ventura Unrecht getan hat. Denn er macht Träume wahr, er öffnet Türen. Und er kennt die Menschen.

Jagd nach einem Schatten

Seite 153, untere Hälfte: „Wer bist Du?“. Ein Aufschrei geht durch den Leser. Wird er sich nun zu erkennen geben? Alles auf den Tisch legen, seinen Antrieb, seine Verfehlungen.

Bis zu diesem Punkt hat man schon einiges gelesen von einem gerissenen, gescheiten jungen Mann. Samuel Ben Nissim Abul Farag wurde als Sohn des Rabbis von Caltabellotta vielleicht nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, doch der Zugang zu Büchern und Schriften und somit zu Wissen war für ihn ein offenes Tor. Gar nicht töricht beschritt er oft und vor allem gern den Weg des Wissens. Ein aufgewecktes Kerlchen, der im Rahmen seiner Möglichkeiten – wir befinden uns im 15. Jahrhundert – seiner Rebellion freien Lauf ließ.

Er ist befreundet mit einem Moslem. Mehr als befreundet. Doch die Liebe soll nicht lange währen. Große Veränderungen warten auf den wissbegierigen (Betonung auf „gierig“!) Jüngling. Eine gesicherte Zukunft ist ihm mehr als sicher. Doch eine, nennen wir es Unachtsamkeit, die Quellen geben dazu auch keine konkreten Auskünfte, zwingen ihn zur Flucht. Aus dem jüdischen Samuel wird der getaufte Guglielmo Raimondo Moncada. Sein neuer Name bezieht sich auf seinen Taufpaten.

Neuer Name, neues Glück! Der Papst, Sixtus IV. bekommt Wind von dem engagierten Prediger. Er lädt ihn ein die Karfreitagsmesse zu zelebrieren. Wieder einmal kennt der Weg des Mannes aus dem tiefsten Süden Italiens, das es so damals noch gar nicht gab, nur eine Richtung: Nach oben, nach vorn. Und wieder klopft das Schicksal an die Tür. Und wieder muss Samuel, dieses Mal als Guglielmo flinke Füße beweisen. Die historischen Fakten liegen dieses Mal aber etwas offener dar: Es war Mord. Mord an einem Geldverleiher, der, nachdem er herausgefunden hat, wer sich hinter Guglielmo in Wirklichkeit verbirgt, noch einmal nachkobert. Das hätte er nicht tun sollen…

Flavio Mitridate, wieder eine Namenswahl, die nicht zufällig geschieht, reist in der Folge durch ganz Europa. Als Kenner vieler Sprachen ist er ein gern gesehener Mitarbeiter und Wissensvermittler. Irland soll er besucht haben. In Deutschland hat er garantiert gelebt und gearbeitet. Doch Mitridate – der natürlich Samuel heißt oder Guglielmo – zieht es zurück in die Heimat. Heimweh? Oder doch irrwitziger Versuch mal zu schauen, ob er doch durch kommen kann mit all dem, was die Vergangenheit ihm bescherte?

Andrea Camilleri stieß Anfang der 70er Jahr auf die mosaikhafte Geschichte eines Mannes, der unter drei Namen für Furore sorgte. Exakte und vollständige Schriften gab es nicht, jedoch Bruchstücke. Leonardo Sciascia hatte sich schon einmal der Geschichte angenommen. Der literarische Wegbereiter Andrea Camilleris, der am 6. September 2018 seinen 93. Geburtstag feiert, ließen diese Bruchstücke keine Ruhe. Seine Gedanken zu dem „Schatten“ erhellen jede noch so kleine lichtverschlingende Stelle in der Geschichte von Samuel, Guglielmo und Flavio. Immer wieder unterbricht er den Leserfluss und unterrichtet den Leser über das, was dieser soeben gelesen hat und was ihm noch bevorsteht. Das Triptychon der Gerissenheit bekommt mit jeder Seite mehr Konturen. So lange bis es ein Gesamtwerk von unendlicher Strahlkraft ergibt. Der Dank gilt in diesem Fall nur einem: Andrea Camilleri.

Inferno

Süße achtzehn ist Ursula. Die Schule hinter, das Leben vor sich. An der Kunstschule angenommen. Das Leben kann kommen. Die Straßen sind voller Eindrücke. Eindrücke, die ihr Leben beeinflussen. Das Offensichtliche jedoch bleibt Ursula noch verschlossen. Im Unterricht erschießt sich ein Mitschüler. Weil er es nicht mehr aushielt zu schweigen. Weil er kein Verräter sein wollte. Weil er nur diesen einen Ausweg sah.

Ursula bemerkt sehr wohl die Veränderungen um sie herum. Massen drängen auf die Straße, Uniformen bestimmen immer mehr das, was sie tagtäglich sieht. Auf der Straße, in der Schule, ja sogar zuhause. Häuser brennen. Menschen werden nicht einfach nur aus Versehen geschupst, sie werden verprügelt, geschlagen, ihnen die Klamotten vom Leibe gerissen. Es ist die Zeit des so genannten Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich. Wer nicht ins Bild passt, muss die Konsequenzen ziehen. Auch Ursula. Ihr Vater und ihr Bruder, besonders Letzter, tragen das Abzeichen, das sie zur neuen Elite zugehörig anzeigt. Ihr Bruder sieht die neuen Herren als Chance. Eine Chance zum Weiterleben. Ihr Vater hat schon aufgegeben, läuft mit. Besser man hält den Mund, denn die Wände haben Ohren. Und es werden immer mehr.

Ursulas Freund anerkennt die neuen Herren nicht. Er ist einer derjenigen, die Widerstand leisten. Und er hat Glück im Unglück. Man ist ihm und seiner Gruppe schon auf der Spur. Im Geheimen treffen sie sich. Planen ihren Untergrund, ihre Aktionen. Doch Verräter gibt es allenthalben. Vorsicht ist für ihn mehr als eine Worthülse. So mancher hält dem Druck nicht Stand. Das weiß Ursula. Sie war dabei als einer zusammenbrach…

Mela Hartwig zeichnet ein detailliertes Bild einer Grauzone. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiß in der Familie Ursulas. Eher ein Braun-Weiß. Doch selbst der Bruder besinnt sich seiner Familie und warnt, denn der Vater wird argwöhnisch (der auch das Abzeichen trägt) beobachtet. Die Täter handeln aus verschiedenen Motiven. Opportunismus und Machtgetue liegen oft näher beieinander als man es sich selbst eingestehen will.

Vor 85 Jahren begann dieses dunkle Kapitel. Vor 80 Jahren brannten die Feuer und beleuchteten dieses dunkle Kapitel für die Welt. Vor 70 Jahren schrieb Mela Hartwig diesen Roman. Und 2018 ist er endlich erschienen. Wein wird mit den Jahren immer besser, sagt man. Dieses Buch war von Anfang an ein Juwel. Doch nach dem Krieg waren auch die Verlage vorsichtig. Das Inferno der noch nicht lang zurückliegenden Zeit sollte nicht wieder aufgerüttelt werden. Und so schlummerte dieser Schatz jahrzehntelang in Archiven und wartete auf seine Entdeckung. Endlich wurde dieser Schatz gehoben. Ein mahnender Schatz, denn die Wortverdreher halten bereits wieder Hof und spitzen die Giftpfeile…

Äquatoria

Es muss ein Phantasialand sein, dieses Äquatoria. Ist es aber nicht. Es ist die Region Afrikas, die sich von der Westküste, São Tomé und Príncipe über Kongo, Tansania bis zur Ostküste in Sansibar erstreckt. Ende des 19. Jahrhunderts war es ein Abenteuer hier vor Anker zu gehen. Es war die Zeit der großen Entdecker. Legendär das Treffen von Stanley und Livingstone („Doctor Livingstone, I presume“). Es war die Zeit der widerwärtigen, perversen Neuaufteilung des schwarzen Kontinents. Und in diese Zeit fiel auch die Forschungsexpedition von Pierre Savorgnan de Brazza. Nie gehört? Aber doch wohl schon mal von Brazzaville, der Hauptstadt Kongos? Des „kleinen Kongos“, auch Kongo-B oder Kongo-Brazzaville genannt. Das „große Kongo“, jetzt Demokratische Republik Kongo hieß einmal Zaïre.

Dieser junge Mann, der aus einem nicht am Hungertuch nagenden Elternhaus aus dem Friaul stammte, begegnete auf seiner Expedition unter anderem Albert Schweitzer. Auch seine humanistischen Ideen brachten ihn später dazu die Expansionsbemühungen Frankreichs mehr als in Frage zu stellen. Weswegen seine letzten Aufzeichnungen rund ein Jahrhundert von Staatsseite unter Verschluss gehalten wurden.

Anlass ist der hundertste Todestag des Abenteurers. In Brazzaville, die Stadt die seinen Namen trägt soll das Mausoleum errichtet werden, dass ihm den gebührenden Respekt erweisen soll. Respekt für einen, der Kolonialisierung, Unterwerfung und Versklavung mit zu verantworten hat? Ja! Patrick Deville ist ebenso fasziniert wie abgestoßen von der Person Brazza.

Sein Roman folgt dem Weg, den der italienische Adelige in französischen Diensten einst einschlug. Am Kongo sollte eine Mission eröffnet werden. Es wurde ein Handelsplatz. Wofür? Waren aller Art, aber vor allem Menschen.

Pierre Savognan de Brazza bereiste Gabun, verhandelte mit Königen (Makoko, König der Teke überließ ihm die Stadt, die einmal seinen Namen tragen sollte) und starb im gleichen Jahr wie Jules Verne und nur ein Jahr nach Henry Morton Stanley. Die Zeit zuvor wird von Autor Patrick Deville gewissenhaft auf dem Kartentisch der Geschichte seziert. Parallelen zur Gegenwart sind erschreckend naheliegend und geben den Zeilen den entsprechenden Schwung.

Mit Verve und Detailversessenheit zieht Deville den Leser in eine Zeit, die längst vergessen schien. Er führt ihn an Orte, die wie Zaubersprüche Exotik verheißen. Immer dichter wird der Dschungel der Geheimnisse um Machtgier, Geld und Perversion. Den Zauber kann Äquatoria niemand nehmen. Ein bisschen daran kratzen vielleicht. „Äquatoria“ ist eine Mischung aus Realität und Märchen. Die Fakten sind nachweislich unverrückbar. Die Sprachgewalt lässt Leseraugen leuchten wie damals als zum ersten Mal Hänsel und Gretel ans Ohr drangen. Patrick Deville zeichnet aber kein verklärtes Bild einer romantisierten Welt. Vielmehr ist es eine Rundreise durch das Herz Afrikas.

Charley Moon

Little Summerford – die Dreifarbigkeit des Paradieses: Gold-gelbe Äpfel, grüner rasen und blaue Bäche. Hier wächst Charley Moon auf. Ein besonderes Kind. Artistisch im Herzen und gewieft sich vor alltäglicher Arbeit zu drücken. Phantasievoll und herzensgut. Und ein bisschen in Rose verliebt. Ihrer Oma gehört der Kramladen in dieser Idylle, die niemanden loslässt. Und wenn doch einmal einer loslassen sollte, ziehen ihn die Heimatstricke wieder zurück…

In dieser Idylle wächst Charley Moon auf. Seine Familie gehört zum Inventar des Dorfes wie die Mühle, in der er wohnt. Vom Geldverdienen verstand seine Familie noch nie viel. Charley begeistert durch sein Talent. Bei Theateraufführungen spielt er stets die erste Geige. Als eines Tages – Charley ist schon längst kein kleiner Junge mehr – ein Theaterschauspieler in dem verschlafenen Nest festsitzt, beeindruckt ihn Charleys Bühnenpräsenz. Selbst auf dem absteigenden Ast fasst er rasch den Entschluss zusammen mit Charley die Provinzbühnen Britanniens zu erobern. Der Plan gelingt. Armytage und Moon sind beliebte Gäste auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch Freunde raten ihm Armytage abzustoßen. Der versuche nur seine Haut zu retten und mit armseligen Engagements seinen Namen verzweifelt in den Gazetten zu halten.

Ein paar Jahre später ist Charley Moon eine Größe im Theaterbusiness. Little Summerford ist weit weg. Auch die Unbekümmertheit ist verflogen. Little Summerford von Charley geleugnet, aus seinem Herzen gestrichen. Regelmäßig schreibt Rose ihm noch. Doch Charley ist verbittert, antwortet nicht.

Die Jahre vergehen. Und Charley merkt immer mehr, dass der Ruhm schneller verschwindet als er gekommen war. Heuchelei und Missgunst gehen ihm immer mehr gegen den Strich. Fast schon reumütig kehrt er dahin zurück, wo er Charley Moon sein darf. Ganz ohne Skript, ohne Maske, ohne Schaupiel.

Reginald Arkell gibt der Sehnsucht Zucker. So süß wie Erdbeermarmelade auf Toast liebkosen seine Zeilen die Phantasie des Lesers. Die heile Welt hat einen Namen: Little Summerford. Rose und Charley sind die Zutaten für ein Gericht, das als paradiesisch anzusehen ist. Die Verkommenheit der Geschäfts stört Charley so lange nicht wie er Erfolg hat. Doch die harten Schläge in die Flanken fordern immer – je öfter sie ihn treffen – ihren Tribut. Auf der Sonnenseite des Lebens gibt es keine Schatten. Und so darf Charley, der nie jemandem etwas Böses angetan hat, schlussendlich wieder Einzug ins Paradies halten. Auch wenn die Geier vor den Toren des Dorfes schon warten…

Geheimnisse der Mode

Die Mode ist wohl der einzige Teil einer Kultur, der seine Geheimnisse preisgibt wie kaum eine andere Branche. Designer, Experten, Influencer haben nur ein Ziel: Trends zu setzen. Und sie bedienen sich – alle miteinander – der selben Sprache. Alles kommt wieder, alles ist erlaubt. Doch ganz ehrlich: Wenn es wirklich so wäre, wie langweilig wäre dann die Mode?

Wenn dem so wäre, dann könnte man mit diesem Kalender aber so richtig Staat machen. Kann man aber auch so! Elegante Kamelhaarmäntel, Leggings oder die Abendtasche – unverzichtbar oder doch nur Mittel zum Zweck? Völlig egal, der Träger bestimmt, was passt. Sich auf die Spielarten der Mode einzulassen, ist der eigentliche Charakter der Mode. Kombinationen, Variationen, Mut und Stilfindung gehören dazu wie ausdrucksstarke Bilder. Und gleich mehr als fünfzig davon bereichern 2019 die modischen Entscheidungen im Wochenrhythmus. Doch nicht nur allein die eindrucksvollen Abbildungen sorgen für erhöhten Herzschlag eines jeden fashion victims, sondern auch die kurzen Erläuterungen woher beispielsweise die Baskenmütze stammt. Die Basken waren nämlich keineswegs die Erfinder der flachen Kopfbedeckung mit dem Zipfel…

Stilikonen wie Marlene Dietrich zeigen, dass Stil nicht zwingend eine Frage des Geschlechts ist. Sie war der Archetyp des Rollenspiels. Eine Marlenehose, gehört heutzutage zum guten Ton und ist eindeutig dem ersten Superstar der deutschen Filmgeschichte zuzuordnen. Im April zeigt sie mit der ihr eigenen Eleganz, dass Fliegen nicht mit der Klatsche gejagt werden sollten, sondern eine Zier eines jeden Halses sein können.

Dieser Wochenkalender ist ein echtes Füllhorn an modischen Highlights. Aus allen Zeiten, aus allen Himmelsrichtungen. Und dabei geht es nicht nur Kopftücher und Manschetten. Wer sich die Texte genau durchliest, entdeckt garantiert auch noch das Eine oder Andere, was bisher im Verborgenen agierte. Wer kennt schon die Gibson Girls?! Keine Girlband, vielmehr das Ergebnis der Illustrationen eines gewissen Charles Dane Gibson. Was sie so besonders macht? Die Antwort gibt’s in der Woche nach Ostern 2019.

Ring, Rosa, rote Haare geben den Modetakt im Herbst an. Sneaker und Tattoos holen im trüben November die warme Jahreszeit noch einmal zurück. Bevor im Dezember Western-Mode, Wasserwelle und Yves Saint Laurent als Vorboten des Zylinders das Modejahr 2019 mit allerlei (Neu-)Entdeckungen ausklingen lassen.

Bei der Schar an Modehomepages und Modesendungen kommt man schnell ins Schwitzen, wenn man modisch was hermachen will. Hose, Shirt, Schuhe sind probates Mittel, doch noch lange nicht alles, was „etwas für die tun kann“. „Geheimnisse der Mode“ ist ein Hingucker, der voll im Trend liegt.