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Die sieben Irren

Wer am Abgrund steht, überlegt sich jeden Schritt zweimal. Remo Erdosain steht am Abgrund, zusammen mit vielen anderen. Doch so richtig übelregen kann er nicht. Er hat Geld unterschlagen, sechshundert Pesos … und sieben Centavos. Einen Tag hat er Zeit das Geld zurückzugeben. Noch lebt er in seiner Dreifaltigkeit des Glücks: Haus, Job, Frau. Doch die Säulen dieses Glücks bröckeln. Den Job ist er ohnehin bald los. Wer klaut, ist nicht mehr tragbar. Auch wenn er die sechshundert Pesos … und sieben Centavos zurückzahlen kann (nur wie?).

Zuhause angekommen wartet seine Frau mit einer üblen Überraschung. Sie selbst sagt nicht viel. Ein Hauptmann, eine Hand am Säbel – übrigens hat Erdosain seine Hand an einem Revolver – erklärt ihm die Situation. Was soll Elsa mit einem Mann, der ihr nichts bieten kann? Bleibt noch ein Drittel des Glücks, sein Haus. Naja, es ist eben ein Haus. Vier Mauern, Dach, aber sonst nicht viel, was man lebenswert nennen kann.

Die sechshundert Pesos hat Erdosain inzwischen auftreiben können. Der melancholische Zuhälter – schon allein für die Erfindung dieses Namens müsste man Roberto Arlt mit Preisen überhäufen – hat ihm einen entsprechenden Scheck ausgestellt. Dieser Lude gehört mit Remo zu einer Ansammlung von Menschen, die Argentinien im Jahr 1929 mit einer Revolution überziehen wollen. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen. Diese reichen von Gottesstaat oder zumindest einer greifbaren Religion bis zur Diktatur. Hauptsache Anarchie!, könnte man meinen.

Immer weiter zieht es Remo Erdosain in einen chaotischen Strudel aus Phantasie und Realität. Immer öfter wechselt er die Seiten, von vor dem Spiegel in den Spiegel. Und wieder zurück.

Die Revolution braucht Geld und ein Fanal. Barsut könnte der Schlüssel sein. Er hat Geld. Eine Entführung oder gar mehr würde den sieben Irren irre in die Hände spielen. Doch kann das gutgehen, wenn ein wilder Haufen, der sich in end- und haltlosen Agitationen ergeht, das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen will?

Roberto Arlt gehört zu einer kleinen Kaste exzellenter Autoren in Argentinien. Doch fristet er ein Mauerblümchendasein. Sein bekanntestes Werk, „Die sieben Irren“, wurde immer wieder überarbeitet, nicht immer von ihm, so dass es schwerfällt den Originaltext mit den Ideen des Autors in Einklang zu bringen. Band Sieben der Oktavheft-Reihe aus dem Wagenbach-Verlag zieht den Leser in eine besondere Welt. Zweifellos ein Klassiker. Zweifellos eines der unnachgiebigsten Bücher der Literatur. Man kommt nur schwer vom Schicksal des Desillusionierten Remo Erdosain los. So skurril die einzelnen Akteure auch sind, so traurig ist jeder in seiner Gestalt. Melancholisch und roh ist die Sprache Roberto Arlts. Verworren und doch einsichtig die Aktionen der Spieler im Reigen der Verzweiflung.

Mutter und Tochter

Da staunt Homer Wycherly nicht schlecht. Der Ölmagnat hat sich gerade eine zweiwöchige Kreuzfahrt durch die Südsee gegönnt. Mal abschalten. Von alle dem Stress, von der Arbeit. Und vor allem von seiner Ex-Frau Catherine. Die hat ihm noch bei seiner Abreise eine furiose Szene gemacht und den Reisenden ein ordentliches Spektakel geboten. Und nun, endlich wieder daheim, da, wo er sich am wohlsten und sichersten fühlt, fehlt von seinem Schatz, seiner Tochter Phoebe jede Spur.

Phoebe ist so ein liebes Ding. Immer höflich, tut, was man ihr sagt. Der Abgang vom College in Stanford war zwar ein herber Rückschlag für den stolzen Vater, doch das College in Boulder Beach ist auch nicht zu verachten. Doch Phoebe ist weg. Ihre Mitbewohnerin Dolly Lang (toller Name, der passt auch so herrlich zu der leicht als einfältig zu beschreibenden Zimmergenossin) weiß, dass Phoebe zurückkommen wird. Schließlich hat sie ihr das ja gesagt. Kein Grund zum Zweifeln. Phoebes Freund Bobby hat dagegen eine harte Zeit hinter sich. Er vermisst Phoebe schmerzhaft. Eine Erklärung kann er Lew Archer auch nicht geben.

Lew Archer wurde von Homer Wycherly damit beauftragt das flügge gewordene Früchtchen aufzuspüren. Archer würde gern mit der Mutter, der so verhassten Catherine sprechen. Doch Homer Wycherly hält das für keine gute Idee. Vielmehr verbietet er es sogar der Spürnase. Der gute Ruf der Familie stünde auf dem Spiel. Wie soll man da ermitteln, wenn die wohl wichtigste Person – nach der Vermissten, natürlich – nicht involviert werden soll?

Klinken putzen heißt es für den feinsinnigen Schnüffler. Je mehr er fragt, desto verworrener wird der ganze Fall. Ein zwielichtiger Immobilienhai hat offenbar seine gierigen Finger im Spiel. Und so unschuldig wie Phoebe dem Vater vorkommt, ist die Kleine gar nicht. Ein bisschen zu sehr zugeknöpft, dann wieder überbordend tatkräftig. Depressionen? Mmmh, vielleicht. Beim Psychodoc war sie jedenfalls. Aber nur ein paar Mal. So viel weiß Dolly Lang. Doch Lew Archer weiß immer noch nicht mehr. Geschweige denn, wo er den nächsten Hebel ansetzen soll.

Und so reist er von Motel zu Hotel, quer durch Kalifornien, nur um schlussendlich festzustellen, dass es nur einen Ort gibt, an dem die Lösung sich zeigen wird. Doch ihr Aussehen ist erschreckend. Die Lügen sind bis ins Innerste der Familie Wycherly vorgedrungen und haben ihre Unheil bringenden Wurzeln tief ins Fleisch von Homer, Catherine, Phoebe sowie auch Trevor und Helen, Homers Schwager und Schwester, geschlagen.

Jede Aktion zieht eine entsprechende Reaktion nach sich. Das hat bereits vor mehreren Hundert Jahren Isaac Newton formuliert. Doch das, was Ross Macdonald seinen Helden angedeihen lässt, ist finsterste Bigotterie und ein feistes Lügengebilde. Zum Glück alles nur Fiktion. Mit geschmeidiger Sprache und zielstrebiger Eloquenz stolpert Lew Archer nicht einen Moment. Jeder Ansatz von Hindernissen wird als Sprungbrett für weitere Erkenntnisse geschickt ausgenutzt. Die Vergangenheit wird niemals ruhen so lange Männer wie Lew Archer ihre Aufträge ernst nehmen.

Die Seidenstraßen

Seidenstraße 28, Bagdad – hier gibt’s das beste bakllavë der Stadt. Nein, darum geht es nicht in nächsten genialen Wurf von Peter Frankopan. Es geht sehr wohl um Straßen, um verheißungsvolle Pfade des Erlebens. Seine Seidenstraßen sind jedoch Synonyme der Geschichte. Er benutzt den Begriff Seidenstraßen als Vehikel, um Kindern die Weltgeschichte näherzubringen. Natürlich ist die auch eng mit den Seidenstraßen der Vergangenheit verknüpft. Denn die eine Seidenstraße – wie oft angenommen wird- gab es nicht. Es waren Wege von Ost nach West und, was oft vergessen wird, ebenso von West nach Ost.

Einst brachten Karawanen Gewürze und Tuch ins Abendland. Im Gegenzug stürmten Handelsleute aus West, Süd und Nord voller Dollarzeichen (oder Talerzeichen?) in den Augen gen Osten. Es entstand ein Mythos, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Peter Frankopan löst diese starren Vorstellungen auf wie einst Alexander den Gordischen Knoten. So eroberte Alexander Asien, oder zumindest einen Teil.

Für Peter Frankopan sind die Seidenstraßen Lebensadern. Sie führen je nach Betrachtungsweise zum Islam oder in die Hölle, befördern Sklaven, befeuern Konflikte. Wie der Windhauch der Geschichte streift der Autor das Wissen des Lesers. Vieles hat man schon mal gehört, kann es jedoch nicht mehr so recht einordnen. Der Orient als Zankapfel, der Allianzen schmiedet und auch wieder zerbrechen lässt. Das britische Empire war da ganz groß im Geschäft.

Kindern Geschichte schmackhaft zu machen – daran scheitern regelmäßig Generationen von Geschichtslehrern. Peter Frankopan kann sich getrost als überragende Ausnahme von der Regel bezeichnen. Unfassbar sitzt man vor dem riesigen Buch und staunt wie einfach doch Zusammenhänge her- und dargestellt werden können. Vorbei die Zeit, in der man fast ohnmächtig sein Haupt auf den Pult legte und inständig hoffte, dass das Zahlenherunterbeten endlich ein Ende finden wird.

Auf den beschriebenen Seidenstraßen herrschte niemals Ruhe. Berittene Armeen und bekömmliche Köstlichkeiten kommen in Eintracht daher. Die beeindruckenden Illustrationen von Neil Packer lenken den Leser nicht ab, sie verstärken die ersten und garantiert bleibenden Eindrücke um ein Vielfaches. Mal als Untermalung des Textes, mal als Verstärkung auf einer komplett eingefärbten Seite, doch als verbürgtes Highlight im Doppelseitenformat. Warum aufhören, wenn Bücher am schönsten sind. Peter Frankopan ist der Märchenonkel der Geschichte. Die Vorgängertitel „Licht aus dem Osten“ und „Kriegspilger“ bescherten Geschichtsinteressierten einen ungeahnten Zustrom an Neulingen, die sich durch diese Bücher ihrer und anderer Geschichte zuwandten.

„Die Seidenstraßen – Eine Weltgeschichte für Kinder“ wird nicht nur unterm Weihnachtsbaum für Furore sorgen, sondern ganze Bücherregale um ein faktenreiches, grandios gestaltetes Wissenswerk auf eine neue Stufe heben.

Wissen wir wohin wir gehen?

Prominente Umgebung hier in Vincennes, im Jahr 1749. Der Marquis de Sade wird hier auch so manchen Tag, manche Woche, Monate, Jahre verbringen. Gemeint ist natürlich nicht der Ort Vincennes, sondern das dort ansässige Gefängnis. Denis Diderot hat es sich redlich verdient hier einzusitzen. Mitte Dreißig ist er und hat noch immer nichts von seinem Jungencharme und seiner unbändigen Leidenschaft verloren.

Schon als Kind konnte man den kleinen Denis nicht bändigen. Wissbegierig war er von Anfang an, und er legte es auch nie gänzlich ab. Messerschmied wie sein Vater wollte er nicht werden. Priester, wie der Vater es wollte, schon gar nicht. Aber nach Paris wollte er. Und er dufte es. Nach zwei Wochen Versichern, dass der Filius in guten Händen ist, reist der Vater aus Paris wieder ins heimische Langres im Nordosten ab. Jetzt beginnt für Denis das eigentliche Abenteuer. Bohème-Leben und Studien – das Leben hat Denis Diderot angenommen. Und er verliebt sich. In Nanette. Ein bildhübsches Ding, doch leider nicht mit der gleichen Neugier, Eloquenz und Exaltiertheit wie Diderot ausgestattet. Sie ist Näherin, was den Vater dazu bringt der Hochzeit keine Erlaubnis zu geben. Diderot war noch keine dreißig Jahre alt, nicht volljährig und musste – um das Erbe zu erhalten – die Erlaubnis einfordern. So lebten Nanette und Denis in wilder Ehe und in Sorge, dass jemand hinter ihr Geheimnis kommt. Als Nanette schwanger wird, sind „Bruder und Schwester Diderot“ weiteren Anfeindungen ausgesetzt. Ein uneheliches Kind – so was gehört sich nicht.

Beruflich geht es mit Diderot bergauf. Er übersetzt Lexika und verdient ganz gut. Privat jedoch geht es bergab. Die Unterschiede zwischen Nanette und Denis sind zu groß, zu offensichtlich. Ganz der moderne Mann der Zeit, nimmt sich Diderot eine Mätresse, Marie-Madeleine de Puisieux. Sie ist das ganze Gegenteil von Nanette. Eine Schönheit im Geiste, doch ihre Hülle hält in keiner Weise einem Vergleich mit Nanette stand. Als Schreiberin ist sie auch nicht gerade eine Koryphäe, die besseren Passagen ihrer Bücher werden Diderot zugeschrieben.

Und nun sitzt Denis Diderot im Gefängnis. Die gekonnt formulierten Hetzen gegen die Kirche und die Monarchie waren wohl doch zu viel. Seine Gleichnisse trieben den Betroffenen die Zornesröte ins Gesicht. Sie saßen aber auch am längeren Hebel. Einhundertdrei Tage sitzt Denis Diderot ein. Diese Tage nutzt er sich zu profilieren. Rousseau war schon immer einer, dem er folgte. Voltaire schwebte wie segensreicher Geist über ihm. Auf der anderen Seite standen Doppelmoral und höfisches Kleingeistertum. Willkommene Gegner, die nun es erst recht verdient hatten einen mitzubekommen.

Denis Diderot war für viele Philosophen und Schriftsteller ein Wegbereiter. Ein Wegbereiter für die Aufklärung. Goethe konnte sich an seinen Schriften nicht sattlesen. Der aufgeweckte Geist, der ewig frische Hauch des Fortschritts, der ihn umwehte, lassen den Namen Diderot noch heute wohlklingen.

Christiane Landgrebe ist eine Spezialistin für Biografien außergewöhnlicher, in den Hintergrund gerückter Freigeister. Bereits in ihrer Biographie über Schwedens Königin Christina bewies, dass scheinbar Vergessene sehr wohl ihre Spuren bis heute erstrahlen lassen. Nun also Denis Diderot. Autor, Übersetzer, Philosoph – Querdenker, Freigeist, Atheist. Der beeindruckende Detailreichtum und die treibende Schreibweise lassen den Leser nicht eher ruhen bis die letzte Seite erlesen wurde. Die exakte Benennung der „Tatort Diderots Wirken“ lassen darüber hinaus jeden Parisaufenthalt in einem neuen Licht erstrahlen.

Der Gott des Geldes

Wie stellt man sich einen perfekten Tag vor? Am Strand liegen, den Wellen nachschauen. Die Sorgen in letzte Hinterstübchen verfrachten. So ähnlich könnte ein perfekter Tag aussehen. Oder mit einem Flugzeug über einer Stadt kreisen, vielleicht sogar zwischen Hochhäusern kreuzen. Saskia Rokovic könnte so einen perfekten Tag durchaus erlebt haben. Könnte. Denn es wäre mehr als zynisch der Restauratorin ein Hochgefühl zu unterstellen als sie im Flugzeug über Frankfurt schwebt. Denn ihre Handgelenke sind fixiert. Und das Reiseziel ist nicht von ihr gewählt. Die Polizei hat sie im Gewahrsam. Terrorverdacht. Schlimmer geht’s nimmer.

Und dabei hatte alles so schön begonnen. Finanziell ziemlich klamm, wirft ihr der Geldautomat ihrer Bank statt der geforderten einhundert Euro dreimal einhundert Euro entgegen. Was einmal klappt, klappt vielleicht auch ein zweites Mal? Jackpot! Ein drittes Mal?

Sohn Emil sieht nun endlich die Zeit gekommen ein moderner junger Mann zu werden. Er insistiert noch einmal und drängt ob des erfreulichen und unerwarteten Reichtums auf sein erstes Smartphone. Seine Sorgen möchte Saskia gern haben. Denn was so aussah wie ein perfekter Tag, wird bald zur Höllenwoche.

Ihr Gatte Harry wird angeschossen. Der Computerprogrammierer ist ein verschlossener Typ. Wenn er nicht mit der Sprache rausrücken will, kann auch Saskia nichts dagegen tun. Doch der Schuss am Güterbahnhof ist mehr als nur ein Warnschuss. Und schon steht die Polizei auf der Matte. Denn Harry ist spurlos verschwunden. Und jemand hat ihn entführt. Sein Handy nimmt ein unfreiwilliges Bad in einem Bach bei Frankfurt. Und die Polizei ist auch keine große Hilfe. Karrieregeile Cops, geldgierige Banker ohne Gewissen, die Bundesbank, die Russen und zwischendrin die kleine Restauratorin Saskia Rokovic, die einfach nur ihren Harry wieder haben und wissen will, was das Computergenie mit dem Hackerangriff auf mehrere Bankenserver zu tun hat.

Autor Gerhard J. Rekel hat seiner Heldin Saskia einen vollgepackten Rucksack mit auf den Weg gegeben. In ihm befindet sich aber nicht viel, nur jede Menge Mut. Und den wird sie brauchen. Denn Saskia will auf eigene Faust ermitteln, wo Harry ist und warum er nicht wie üblich vor dem Laptop hockt und statt sich zu bewerben irgendwelche Algorithmen zusammenschustert. So groß die Probleme in den vergangenen Wochen und Monaten auch gewesen seien, Familie Rokovic war zumindest glücklich. Auch wenn es sich nicht immer so anfühlte. Immer tiefer stürzt Saskia bei ihren Nachforschungen in ein Geflecht aus Falschheit, Gier und Besessenheit, inklusive Verfolgungsjagden, Schüssen und widersprüchlichen Aussagen. Spannend bis zur letzten Seite!

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Man kann und darf nicht müde werden die Menschenverachtung des Naziregimes immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn diese Zeit ist immer noch allzu präsent in ihrer Wirkung. Evelyn Steinthaler richtet den Blick der Leserschaft auf diejenigen, die vor den Nazis, während der Nazizeit und auch danach in aller Munde waren. Manche mehr, manche weniger, einzelne wurden fast vergessen.

Als deutscher Künstler sogenannter arischer Abstammung hatte man auf dem Papier erst einmal nicht zu befürchten. Stellenknappheit an Theatern oder beim Film gab es nicht. Zu viele hatten ihre Stühle und Stellungen freiwillig verordnet räumen müssen. Die, die blieben konnten sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt: Entweder Haken schlagen oder Hacken zusammenschlagen!

Heinz Rühmann war bis in dieses Jahrhundert der unangefochtene Star des deutschen Films. Jeder Auftritt ein Lacher, und wenn das nicht, dann zumindest ein Kracher. Dann kamen erste Gerüchte auf, dass sich der UFA-Star mit dem Regime eins gemacht hätte. Der Ruhm der Vergangenheit schlug tiefe Schatten auf sein Grab. Gänzlich abschließen kann man das Kapitel der Verquickung von Rühmann mit den Nazis wohl niemals. Zu viel blieb damals schon im Verborgenen. Fakt jedoch ist, dass sich Rühmann von seiner Frau Maria Bernheim, einer Volljüdin wie es geschmacklos im damaligen Sprachgebrauch hieß, scheiden ließ. Der Tipp, dass Maria Bernheim mit einem Ausländer aus einem neutralen Land in Sicherheit wäre, da sie mit dem Ja-Wort auch dessen Staatsbürgerschaft annehmen würde, kam von Herrmann Göring persönlich. Sie heiratete einen Schweden. Rühmann selbst begann alsbald eine Affäre mit seiner Kollegin Hertha Feiler, die er bei Dreharbeiten zu „Lauter Lügen“ (!) kennengelernt hatte. Mit ihr blieb er bis ans Ende ihrer Tage zusammen.

Viele Künstler wurden gerettet unter der Fuchtel der Staatsregierung. Wer ihnen hold war, durfte fast ungestraft tun lassen, was er wollte. Bestes Beispiel: Gustav Gründgens. Hans Albers verkörperte nur allzu oft und allzu gern den Idealtypus dessen, was der Führung in den Kram passte. Groß, blond, blau… naja. Sein Ruf nach der dunklen Zeit litt nur bruchstückhaft. Klaus Mann sah in ihm den Archetypen des Nazis. Er irrte dieses Mal. Denn Albers ließ keine Möglichkeit aus „denen da oben“ verbal einen mitzugeben. Riskant, denn auch er war mit einer Jüdin verbandelt. Nicht verheiratet. Was ihnen beiden wohl zugutekam. Öffentliche Auftritte mit ausgestrecktem rechten Arm oder den Regierenden der Zeit mied er wie der Teufel das Weihwasser. Anders als Rühmann. Doch auch er musste einsehen, dass aufrechte Haltung und Geldverdienen unter der Diktatur unmöglich war. Die Liaison wurde unter der Decke gehalten. Doch die Schergen Göbbels‘ spürten das Liebespaar immer wieder auf. Es gab nur einen Ausweg. Mit Geschick schickte Hansi (Berg), seiner Frau, Freundin, Geliebte sich selbst ins Exil. Hans (Albers) blieb zurück. Alkoholexzesse, aber auch rege Dreharbeiten halfen ihm über den Verlust hinweg. Nach dem Krieg trat Hansi ein zweites Mal in Hans‘ Leben. Der war inzwischen anderweitig gebunden. Ganz resolute Frau nahm Hansi einmal mehr das Heft in die Hand. … Auf dem Grabstein von Hansi Berg, steht neben ihren Geburts- und Sterbejahr der Name „Hansi Berg-Albers“.

Ende gut, alles gut? „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist ein bewegender Portraitband aus immer noch nicht aufgearbeiteter Zeit. Kurt Weill und Lotte Lenya oder auch Meta Wolff und Joachim Gottschalk dienen neben den bereits erwähnten Paaren für die Perfidität des Naziregimes. Was tun, wenn der schwarze Tod nicht nur an der Tür klopft, sondern seine Krallen schon tief ins eigene Fleisch geschlagen hat? Ein Neuanfang ist schwer. Besonders, wenn man nicht weiß, ob man als Deutscher überhaupt willkommen ist, wenn man die Sprache des Exils nicht spricht, wenn der Lebensabend einem näher ist als dessen Anfang. Mit Gefühl und Faktenreichtum seziert Evelyn Steinthaler die Leben von vier paaren und ihren Leidensgenossen ohne dabei polemisch zu werden oder sich in Vermutungen zu ergehen.

Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Rebellinnen

Parteigehorsam, sich aufopfern für die Partei – wer sich heutzutage mit dieser Einstellung den Kameras stellt, wird nicht mehr ernstgenommen. Die Phrasen von Partei- und Staatsführung wurden schon mehr als einmal entlarvt. Damit holt man keinen mehr hinterm Ofen hervor. Vor reichlich einhundert Jahren machte eine Frau aber mit genau dieser Einstellung Furore. Rosa Luxemburg. Ihr unermüdlicher Kampf für die Sache der Partei, der SPD, in der sie sich bezeichnenderweise nie wohlfühlte, begleitete sie bis in den Tod. Mehrere Jahre verbrachte sie in Gefängnissen. Ihre Assistentin Mathilde Jacob war ihre Verbindung zur Außenwelt. Sie tauschten Schriften und Neuigkeiten wie andere Insassen Zigaretten. Als die Haftbedingungen immer schlimmer wurden, wurde ihr Kampf auch gegen Krankheiten und Mangelerscheinungen immer heftiger.

Heftige Gegenwehr hatte auch Hannah Arendt auszuhalten. Auch sie – wie Rosa Luxemburg – musste von frühester Kindheit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verteidigen. Gerade noch rechtzeitig schaffte sie den Sprung aus dem faschistischen Deutschland. Ihr als Verständnis angesehenes Werk über Adolf Eichmann, einem, wenn nicht dem Bürokraten der Massenvernichtung, brachte ihr Hasse und Häme entgegen. Nur wenige konnten ihrer Argumentation folgen. Doch Hannah Arendt blieb im Inneren eine Rebellin. Je stärker der Gegenwind desto überzeugender ihre Argumente.

Die Dritte im Bunde dieses spannenden Buches ist Simone Weil. Vielleicht die Unbekannte unter den Dreien. Ihr Kampf für Humanität ging soweit, dass sie sich selbst ihrem Ich verweigerte und das Aushängeschild ihrer eigenen Philosophie wurde. Das begann beim für ihre Figur unvorteilhaften Kleidungsstil und endete noch lange nicht bei der Essensverweigerung.

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil drei Frauen waren, die ihre Überzeugung über das eigene Vorankommen stellten. Vielmehr gingen sie in ihrer Lebenseinstellung auf. Nicht im Sinne eines erkauften Selbstdarstellungsprozesses, sondern in der Verweigerung sich anzupassen und dem Fortschritt – mag er noch so abstrus und utopisch klingen – den Vortritt zu lassen.

Im Februar 2019 würde Simone Weil ihren 110. Geburtstag feiern können. Rosa Luxemburgs feige Ermordung jährt sich im Januar zum einhundertsten Mal. Simone Frieling erteilt diesen drei ausnahmslos beeindruckenden Frauen das Wort. Voller Wucht, jedem Widerspruch das passende Argument entgegenstemmend ist Band 76 der blue-notes-Reihe spannend wie ein Krimi, rasant wie eine Bergabfahrt und mahnend wie eine Kampfschrift, das den Leser nicht kalt lässt.

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…