Archiv der Kategorie: aus-erlesen kompakt

Padua

Listet man eine reihe von Städten in Italien auf, die man unbedingt sehen muss, gehört Padua sicher nicht auf die Champions-League-Plätze. Abstiegsgefährdet ist sie allerdings auch nicht. Padua ist klein, kuschelig und vor allem prall gefüllt mit Historie. Eine der ältesten Unis Europas, der älteste Botanische Garten der Welt, Galilei unterrichtete (kann man bis heute besichtigen). Und ein Schmuckkästchen für alle, die feingestalteter Architektur mehr als nur etwas abgewinnen können.

Nun hat mich also entschieden Padua zu besichtigen. Was nun? Was gibt’s zu sehen, was muss man sehen, wo muss man hin? Suchmaschinen führen einen immer an die gleichen Orte. Nämlich die, die von Online-Reise- und Ausflugsportalen gefüttert wurden. Da rennt man dann den ganzen Tag hinter einem Fähnchen her, lässt sich erzählen, dass diese Säule eine Säule ist und dass genau dieses Haus alt ist. Hurra, ein Tankfüllung vergeudet für etwas, was jeder sofort erkennt (so schlecht ist das Internet dann auch wieder nicht…).

Padua muss man selbst erobern. Mit Sinn und Verstand, mit wachem Geist, mit Reiseband und … dieser Reisebeschreibung. Ulrike Rauh ist eine Italophile mit unbändiger Sehnsucht nach dem Stiefel. Von Milano bis Napoli hat sie den Leser schon mehrmals an die Hand genommen und ihn sanft an Orte geführt, die noch nie ein Fähnchen gesehen hat.

Padua ist wie die kleine Schwester von Bologna. Nicht nur wegen der alten Universitätstradition. Auch hier läuft gut beschattet durch Arkaden. Und zu sehen gibt’s hier auch jede Menge. Einfach Kapitel für Kapitel lesen, die von der Autorin gemachten Schritte nicht als Dogma verstehen sondern als liebevolle Stupser in die richtige Richtung. Wer Padua noch nicht kennt, fühlt sich augenblicklich wohl und kaum noch fremd in dieser pittoresken Stadt.

Das besondere an Ulrike Rauhs Büchern sind die gehauchten Liebeserklärungen an die besuchte und beschriebene Stadt. Sie hat immer einen Begleiter im Arm, der ihr und dem Leser SEINE Stadt näher bringt. Und das ist einzigartig! Und lässt so manches Zögern in schwungvolle Schritte verwandeln. Mit diesem Buch rutscht Padua mit einem Mal von den mittleren Wunschplätzen in die Königsklassenregion auf. Der Sommer wartet nicht. Padua wartet auf seien neugierigen Besucher, die dank dieses Buches bedacht und wohl belesen auf historischen Pflaster lustwandeln können.

Gelato

Gelato ist das Universalmittel zum Glücklichsein. Und das ein Leben lang. Schon vom ersten Schleck an, noch bevor man die ersten Schritte tut bis hin zum letzten Schritt – Eis, Gelato geht immer! Und ist so vielfältig. In Palermo, quattro canti – Etna-Gelato, grau mit rot gezuckerten Brocken. Milano, castello Sforzesco – ein Eis, Gelato, das schon beim Anblick dahinschmilzt, und den Connoiseur es ihm nachzutun. Italia é gelato = untrennbar miteinander verbunden.

Peter Peter wagt den Spagat zwischen Sachbuch und Sehnsucht. Seine Eiszeiten sind wahre Delikatessen, in der die Lesezeit mit Speichelfluss im Wettstreit steht – es gewinnt der Speichelfluss, versprochen.

Am Anfang stand der praktische Gedanke Lebensmittel haltbar zu machen. Schnell merkte man jedoch, dass Kühle in heißen Zeiten eine echte Wohltat ist. Es dauerte nicht lange bis man Aromen dem kühlen Nass hinzufügte und das Wunder der glänzenden Augen war geboren. Das war vor langer, langer Zeit. Wo genau – darüber streiten sich die Gelehrten. Italiener beanspruchen natürlich diese Erfindung für sich selbst. Fakt ist jedoch, dass im und am Stiefel Eis ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie caffé. Es geht nicht ohne!

Und so liest man sich durch Rezepte – ja, hier gibt’s die volle Ladung gelato – über Zahlen – allein in Rom konkurrieren über tausend Eishersteller um die Gunst der Kunden – bis hin zu kurzen Biographien von Menschen, deren Vermächtnis darin besteht, Zucker, Wasser, Milch und Geschmäcker herzustellen und haltbar zu machen. Je natürlicher umso besser. Doch auch in Italien sind industrielle Eismassen auf dem Vormarsch. Wie man sie erkennt und eventuell umgeht – die Antwort ist rot, handlich und gehört einfach in jedes Reisegepäck, wenn es gen Süden geht.

Sogar an Reisetipps hat der Autor gedacht. Je weiter man in den Süden vordringt, desto bedeutsamer wird die Erfrischung im Laufe des Tages. Napoli ist das Herz der Eishersteller. Wer hier Urlaub macht und nicht einmal schleckt, der hat schon verloren. Das Veilcheneis, Gelato alla Violetta im Gran Caffé Gambrinus, Lieblinsgeis von Sisi, wenn sie wieder mal auf der Flucht vor dem höfischen Protokoll war, ist mittlerweile mehr Touristenattraktion (das merkt man schon am Preis) als wahres Kulturgut. Dennoch sollte man es sich gönnen und den Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito genießen.

Wer im gelato mehr als nur die schnelle Erfrischung sieht, sondern sich selbst mit dem damit verbundenen Lebensstil anfreunden kann, der wird mit diesem Buch eine Leckerei in den Händen halten, die nicht kleckert, sondern klotzt.

Paris Wissenswertes und Kurioses – 55 erstaunliche Fakten

Wer mit Informationen voll ausgestattet nach Paris reisen will, muss fürs Extragepäck zahlen. Die Flut an Büchern ist schier unendlich. Und verständlich! Schließlich will man diese faszinierende Stadt auch mit allen Sinnen und komplett aufsaugen. Aber ganz ehrlich: Das ist unmöglich mit einer Reise zu schaffen, auch wenn das Verkehrssystem in Paris es rein zeitlich zulassen würde.

Seit einigen Jahren ist es chic sich mit dem Rad fortzubewegen. Dafür stehen tausende Leihräder zur Verfügung. Aber auch rund zehn Prozent davon müssen täglich(!) repariert werden. Und rund fünf Prozent werden erst gar nicht wieder zurückgegeben.

Weitaus berühmter ist die Metro und ihre kunstvoll gestalteten Metrostationen. Dabei galten sie vor einhundert Jahren, als man begann sie im Jugendstil zu errichten als altmodisch. Apropos Mode. Paris ohne Mode? Geht nicht. Den Grundstein dafür legte übrigens ein … Engländer.

Fünfundfünfzig Fakten, die nicht zwingend erforderlich sind, um Paris zu erkunden, jedoch jeden Spaziergang zu einem besonderen Erlebnis machen, sind in diesem Leichtgewicht versammelt. Es passt in jede Tasche, ist dank des Harteinbandes schnell zur Hand und sorgt Seite für Seite für ein Aha oder Oh lala. Das reicht vom Baguette (die Entstehungsgeschichte ist spannender als man denkt) über Geisterbahnhöfe bis hin zu Fakten, die ein wenig von der überbordenden Pracht der Stadt ablenken (für diejenigen, die ab und zu doch mal zu viel von der Schönheit der Stadt bekommen).

Die liebe volle und ansprechende Gestaltung des Buches führt dazu, dass man es immer wieder aus der Tasche zieht und sich mit scheinbaren Nebensächlichkeiten den Rundgang versüßt. Manchmal erschrickt man doch: Paris ohne Eiffelturm. Das war mal der Plan. Er sollte kurz nach der Weltausstellung 1889 abgerissen werden. Raten Sie mal wie hoch wäre der Stahlrest, wenn er auf der Grundfläche zusammengeschmolzen zur Besichtigung angeboten wäre! Es ist weniger als man denkt…

In diesem Buch hingegen steckt mehr als es das Ausmaß des Buches vermuten lässt.

Stadtluft Dresden, Nr. 10

Was waren das für Tage im Mai 2014! Ganz Madrid lag unter einer Bengalo-Glocke. Real Madrid hatte soeben zum zehnten Mal die Champions League (inkl. der Vorgänger-Turniere) gewonnen. „La Décima“ wurde zum Volksfest und zum geflügelten Wort, zu einer Marke. Ganz so euphorisch lassen sich die Macher der  „Stadtluft Dresden“ nicht feiern. Grund hätten sie allerdings dazu.

Zum zehnten Mal erscheint nun die „Stadtluft“. Ein Bookzin, kein Magazin, ein Bookzin. Literarisch, investigativ, lesenswert. Und dieses Mal mit einem Rundumschlag für und mit Dresden. Selbst Außerdresdner dürfen hier schreiben, was ihnen an Dresden nicht zwingend die Euphorie in die Knochen treibt. Poetry-Slammer und Comedy-Autor André Herrmann setzt den Unzulänglichkeiten der Stadt eine qualvoll-stimmgewaltiges Denkmal – die Carolabrücke, die vor Kurzem erst aufwendig saniert wurde, brach später wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ein gefundenes Fressen für Spötter, Hauptmahlzeit für Comedy-Schwergewichte.

Verleger Michael Faber (aus Leipzig!) sieht sich in einer nicht ganz realen Gerichtsverhandlung, der er sich stellen muss. Denn es geht um ihn, seinen Vater, sein Erbe. Una Giesecke schwärmt für den Schilli, den Schillerplatz, und macht stante pede dem Leser Lust, mehr als nur einen Fuß ins das Viertel zu setzen. Wehmütig blickt Jens Wonneberger auf seine Studentenzeit in Dresden zurück und wirft einen eindrucksvollen Lichtstrahl auf die urbane Baracke, die schon fast ein Sinnbild für die Stadt einmal war. Und wenn Schokolade glücklich macht – was macht dann ein Artikel über die Dresdner Schokoladentradition (hier wurde einst ein Drittel der kompletten deutschen Produktion hergestellt!) mit dem Leser?! Er setzt Lesespeck an. Lecker, anhaltend und tut überhaupt nicht weh, oder gar leid. Charlotte Gneuß, Literaturpreisträgerin und Dresdner Stadtschreiberin 2024, reist einhundert Jahre zurück. In ein Dresden, dass vibriert, glüht, elegantiert, lehrt, Gaststätte für die Großen der Zunft ist, aber auch ein brauner Sumpf ist. Ihre Schlaglichter brennen sich wie Bengalos ins Gedächtnis.

Zehn Jahre sind ein Grund zum Feiern. Die Einen lassen den Himmel verschwinden. Die Anderen strahlen wie ein Honigkuchenpferd und sind stolz auf dieses literarisch einzigartige Jahrzehnt. Zurecht! Die zehnte Ausgabe der Stadtluft brilliert von der ersten bis zur letzten Seite.

Nie eine langweilige Zeile

Kurzgeschichten sind die Königsdisziplin der Literatur. Auf wenigen Seiten das erzählen, wo Andere sich episch auslassen (was natürlich aus seinen Reiz hat!). Unnützes Beiwerk fliegt raus, die Essenz der Geschichte hat nun die dankbare Aufgabe den Leser zu fesseln. In der Kürze liegt die Würze. Ein Meister dieses (seines) Faches war Saki. Mit bürgerlichem Namen Hector Hugh Munro. Geboren in Birma als es noch britische Kolonie war, gefallen auf dem Schlachtfeld von Beaumont-Hamel während des Ersten Weltkrieges – er hatte sich freiwillig zum Dienst verpflichtet.

Hier nun die Essenz der Essenzen aus dem literarischen Werk von Saki. Der Titel lässt es erahnen bzw. lässt – ganz im Stil von Saki – eine gewisse Großspurigkeit erkennen. Wie in seinen Geschichten kommt der Titel schnell auf den Punkt und … er hat recht! Es gibt keine. Keine langweiligen Zeilen, geschweige denn auch nur eine einzige langweilige Zeile! Und es gibt Tausende von Zeilen! Schließlich ist das Buch knapp tausend Seiten stark. Ein echt heißer Ritt durchs unebene Gelände der berauschenden Phantasie. Nichts ist wie es scheint. Wer meint schon nach wenigen Zeilen zu wissen, wie es ausgeht, warum der Eine oder Andere genauso handelt, wird immer wieder am Ende der Geschichte eines Besseren belehrt. Denn Saki ist ein wahrer Hexenmeister. Nicht nur die Protagonisten werden aufs Glatteis geführt, der Leser wird mit ihnen ebenfalls auf dem rutschigen Parkett ins Schlingern kommen.

Da wird dem Bischof übel mitgespielt. Noch übler ergeht es den Würdenträgern, denen der Besuch des Bischofs angekündigt wird. Sollen sie nun zu Mitverschwörern werden oder dem geistigen Anführer ein Bein stellen? Und immer wieder sind Verwandte Ziel des Spotts und der bitterbösen Streiche des Autors. Das kommt wohl daher – nein, es kommt ganz sicher davon – dass er selbst eine nicht kindgerechte Kindheit verbringen musste. Der Vater meist abwesend, die Mutter früh verstorben. Sie wurde von einer Kuh zu Tode getrampelt. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte schon fast eine Kausalkette zwischen dem Schicksal und dem literarischen Schaffen auf direkter Linie herstellen. So wuchs Munro unter Tanten auf. Die waren heillos überfordert mit der Erziehung des künftigen Autors und seinen Geschwistern. Züchtigung war an der Tagesordnung. Das prägt!

Fakt ist, dass hier nicht der Untersatz „das gesamte Werk“ zum Lesen animiert, sondern die selbstbewusste Aussage „Nie eine langweilige Zeile“, die nun mal stimmt. Ausnahmslos! Die Kratzspuren auf dem Cover können ebenso als Sinnbild gesehen werden. Denn jede Geschichte, jede Seite, ja, jede Zeile gehen unter die Haut.

 

Jahresendzeitgrüße eines maritimen Zeitgenossen

 

Zur Weihnachtszeit bekommt man heutzutage gern mal über die sozialen Medien unmotivierte und unpersönliche Grüße, garniert mit einem Bild/dem ersten Treffer einer Suchmaschine, in der allen eine gesegnete Zeit gewünscht wird. Nichts Persönliches – so viel zu den „sozialen“ Medien. Endzeitstimmung.

Und dann gibt es die Grüße, bei denen man sich wie selbstverständlich weigert sie nach den freien Tagen dem Recyclingkreislauf zu übergeben. Handgemachtes. Selbst Erdachtes. Mit Raffinesse gestaltete PERSÖNLICHE Grüße. Und so was gibt s in diesem Buch!

Niko Pross ist Arzt… und seefahrtbegeistert … und Künstler. Ein Strich hier, ein Strich da, und fertig ist eine stimmungsvolle Karte, die man sich gern auch außerhalb der besinnlichen Tage noch das eine oder andere Mal anschaut.

Seit über vierzige Jahren macht Niko Pross das nun. Er malt maritime Jahresendzeitgrüße und verschickt sie. Das lag es vielleicht nicht unbedingt nahe ein Buch zu gestalten – er musste überredet werden. Und dennoch ist eine kunstvolle Chronik der vergangenen fast vierzig Jahre entstanden.

1988 beginnt dieses Buch. Jedes Jahr eine Karte mit Motiven, die nicht nur Seemänner ins Schwelgen geraten lässt. Und jetzt kommt der gewisse Kniff, mit dem dieses Buch eben nicht nur Kunstinteressierte oder alte Seebären begeistert. Jedes Kapitel wird mit historischen Ereignissen garniert. Rückblick und Kunstgenuss in Einem.

Und wer auch nur ein bisschen geschichtliches Verständnis und Gedächtnis besitzt, kommt schnell darauf, dass der Beginn des Buches in die Zeit der großen Umbrüche fällt. 1988 – da bröckelt so einiges. Unter anderem der Eiserne Vorhang, der im Folgejahr endgültig der Schrottpresse übergeben wird. Aber auch das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem Polizei und Presse derart überfordert waren, dass sie Fehler am laufenden Band produzierten. Da kommt ein Fels in der Brandung wie das Haus der Reederei F. Laeisz gerade recht. Diese Reederei betreut unter anderem die Polarstern, ein Forschungsschiff, das bei der Erforschung des Klimawandels einen entscheidenden Beitrag liefert.

Und wer erinnert sich noch an Dolly? Das Klonschaf. Das war … wann`? 1996. Das Jahr, in dem Niko Pross seinen Jahresendgruß mit einer Nacht ohne Finsternis gestaltet. Die Zeichnungen haben keinen Bezug zu aktuellen Ereignissen, das auch nicht nötig. Er ist keine Chronist, sondern einfach ein begeisterter Künstler, der dem Jahresausklang einen gebührenden Rahmen verleihen möchte. Und das gelingt, Seite für Seite. Die Chroniken haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sind ganz subjektive Erinnerungen. Das und vor allem die eindrucksvollen Zeichnungen machen dieses kleine Buch zu einem echten Hingucker!

Warum ist Weihnachten am 7. Januar?

Reizthema Religion. Für die Einen unverzichtbarer Teil ihres Lebens, für die Anderen unverzichtbarer Teil ihrer Lebenseinstellung. Die Gründe auf beiden Seiten sind so unterschiedlich wie die Religionen selbst. Missverständnisse sind immer vorprogrammiert, weil Religionen Leitfäden sind und die Hüter dieser Leitfäden sie meist auch „nur“ interpretieren können. Da ist es wichtig einmal genauer hinzuschauen.

Wolfgang Reinbold tut dies in seinem Podcast, der es mittlerweile auch ns lineare Fernsehen geschafft hat. Das best of ist nun – bereits zum weiten Mal – in einem Buch zusammengefasst.

Besonders in der Weihnachtszeit kommen in unseren Breiten wieder verstärkt religiöse Rituale in Mode, man hört so einiges hier und da – aber bei der Einordnung – warum, weshalb, wieso? – hapert es bei den meisten. Wer weiß schon warum Gold, Weihrauch, Myrrhe von den Heiligen drei Königen als Geschenke mitgebracht wurden?! Und wie viel hat eigentlich Halloween mit christlicher Lehre zu tun? Und was ist ein Segen, im eigentlichen Sinn?

Das geht’s schon los. Worte, die jeder kennt, sicherlich auch benutzt. Aber! Den sinn dahinter kennen nur wenige. Dieses kleine Buch – reichlich einhundert Seiten – trägt wahrscheinlich mehr zum Verständnis der Religionen bei als so mancher Interpret der Religionen.

Da immer mehr Religionen zum Alltag gehören, werden in diesem Buch nicht nur die vorherrschenden Religionen und ihre Traditionen vorgestellt, sondern auch Religionsgemeinschaften besprochen, die man vielerorts nur dem Namen nach kennt. Aleviten, Eziden, Bahai. Gehört – ja, Wissen – mmmmh, wahrscheinlich weniger.

Natürlich kann man das Buch hintereinander weglesen wie einen Roman. Doch schon bald wird man merken, dass doch nicht alles im Bewusstsein stecken geblieben ist. Also empfiehlt es sich, das Buch häppchenweise zu genießen. So liest man an einem Tag von Abraham, Chanukka und König Charles und hat schon einen weiten Bogen geschlagen.

50 Museen in Wien, die Sie gesehen haben müssen

Wien ohne Museumsbesuch ist möglich, aber … irgendwie auch wieder nicht. Die Stadt atmet an jeder Ecke royale Geschichte aus. Man kommt nicht umhin, doch mal die Nase in das eine oder andere Museum zu stecken. Man muss sie ja auch nicht suchen.

Allen voran die Albertina. Das Museum für alle, die vor allem vor Gemälden tief in sie eindringen können. Zentral gelegen, ist das Museum nicht nur Regenschutz an Schmuddeltagen, sondern und vor allem ein Augenschmaus für jedermann. Allein schon Monets Seerosen fesseln so manchen Durchgangsbesucher für etliche Minuten.

Gleich um die Ecke wird’s übersichtlicher – die Albertina kann auf einen Fundus im siebenstelligen Bereich zurückgreifen. Das Globusmuseum mag um einiges kleiner sein, doch die elegante Präsentation in den teils deckenhohen Vitrinen lässt Fernweh aufkommen. Und im Erdgeschoss ist die gesamte Welt versammelt. Denn befindet sich das Esperanto-Museum. Erstaunlich wie präsent die künstliche Weltsprache sich darstellen lässt.

Was wäre Wien ohne kaiserliche Pracht?! Nicht zu übersehen sind das Kunst- und das Naturhistorische Museum. Prachtbauten, die traditionelle Darstellung der Objekte im modernen Gewand vereinen. Beide gehören zu Wien wie Donau und Schnitzel.

Dieser Museumsband verbindet informativ und sehr gut handhabbar das Offensichtliche, Bekannte mit dem leicht versteckten. Wer weiß schon, dass Wiener Aktionismus und ein Kindermuseum (wo nun wirklich niemand meckert, wenn man Kunst anfasst) ebenso zum Stadtbild gehören wie Uhrenmuseum und Illusionen, die einen fast vergessen lassen, dass man sich in einem Museum befindet – sofern man dies möchte.

Wer Wien schon kennt, war garantiert schon in einem der zahlreichen Museen. Sie gehören einfach zu einem Wientrip dazu. Doch die kleinen, versteckten Kleinode machen diesen handlichen Band zu einem unverzichtbaren Begleiter. Und oft ist es erstaunlich nah bis zum nächsten Schauerlebnis. Die klare Gliederung und die kurzen ausreichenden Infos zur weiteren Recherche sind ein echter Anker auf dem voller Attraktionen steckenden Wiener Pflaster.

Vieles hat man vielleicht schon mal gehört, doch so recht weiß man dann doch nichts darüber. Die Texte im Buch sind Ratgeber, Appetitmacher und Wegweiser in Einem. Von Kaffee über Militärgeschichte bis zu Musik – auch hier gilt wieder: es geht nicht ohne! – ist alles dabei. Stellt sich nur die Frage wie viele Museen schafft man in einem Urlaub? Wie viele Besuche sind nötig, um Seite für Seite aus dem Buch zu besuchen? Denn eines steht fest: Man will sie alle sehen!

Dog Star

Blackie ist weg und mal wieder da. Weg aus der Besserungsanstalt. In der war er, weil … ja, das ist erstmal unerheblich. Jedenfalls ist er weg. Einfach so. Schnappt sich seine Gitarre und läuft los. Immer der Sonne entgegen. Was so poetisch klingt, ist einfach nur eine Wegbeschreibung. Er springt auf einen LKW. Lässt sich treiben. Um der Poesie dieses „sich die Freiheit um die Nase wehen zu lassen“ noch mehr die Intensität zu klauen, lässt Donald Windham die zärtlichen Versuche mit der Gitarre ein wenig Romantik aufkommen zu lassen im Ruckeln des LKWs ersticken.

Blackie will heim. Heim bedeutet für ihn allerdings nur dorthin zu gehen, wo seine Mutter wohnt. Die ist sichtlich überrascht ihn zu sehen. Fragt aber auch nicht weiter nach, was ihn wieder zurücktreibt. Die Besserungsanstalt anzurufen, um den Verlust der Einrichtung als Bereicherung ihres eigenen Lebens zu erklären, kommt ihr aber nicht in den Sinn. Blackie ist halt wieder da. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Whitey ist der Grund warum Blackie ausgebüchst ist. Whitey, der Junge, der allen Respekt einflößte. Groß, stark, durchsetzungsfähig. Das hat Blackie imponiert. Doch Whitey – wer’s immer noch nicht kapiert hat: Gegensätze ziehen sich an. In diesem Fall in jeder Hinsicht – war mehr als nur ein Leidensgenosse in der Besserungsanstalt.

Und nun ist Blackie zurück. Heimatliche Gefühle kommen gar nicht erst auf. Alles um ihn herum scheint in Gleichgültigkeit zu versinken. Empathie, Zuneigung oder gar Liebe ist vollkommen aus dieser trostlosen Gegend verbannt. Kindheitserinnerungen als ausgelassene Spiele draußen – drinnen gab’s ja nichts, an dem man sich erfreuen konnte! – sind blasse Reflexionen einer Zeit, die es nie zu geben schien. Blackie ist wie ein Gast ohne Attribute. Willkommen oder nicht willkommen spielt keine Rolle. Er ist da. Und damit muss es auch reichen. Wer ihm Liebe entgegenbringt, wird von ihm mit Gefühlskälte zurückgegrüßt. Blackie will nur eines: Ein Leben führen. So mit Job und so. Mit Haus und so. Mit Anhang? Naja, vielleicht.

Donald Windham zeichnet ein Bild einer emotional verkümmerten Umgebung und Gesellschaft. Alle, was an Gefühlen zur Sprache kommt, ist kein Werben um Zuneigung, sondern um Anerkennung. Niemand schient in der Lage zu sein sich selbst zu erkennen. Es geht nur darum irgendwie irgendeinen Platz zu finden. Das Glück ist eine launige Diva. Das hat Blackie längst erkannt. Auch wenn er es sicher nicht so poetisch ausdrücken würde. Sein Funken Hoffnung ist die Tatsache, dass er sich noch nicht ganz aufgegeben hat. Er will vorankommen. Warum und wie, das ist ihm schleierhaft. Festgefahrene Strukturen geben ihm den Halt, der er nicht zu finden wagt. Das Buch erschien in einer Zeit, in der der „Fänger im Roggen“ die Literaturszene gehörig durchschüttelte. „Dog Star“ stößt nicht ins selbe Horn, sondern ist in seiner nur oberflächlichen emotionalen Verkümmertheit viel intensiver.

Zwei Menschen

Was ein Urlaub?! Mehrere Monate Rom. In den 60ern. Als Amerikaner. Forrest und seine Frau genießen die Zeit in der Ewigen Stadt … nicht. Nicht im Ansatz! Sie nörgelt, er lässt es zu. Es gibt keinen Grund, keine gründe für den Streit, den anhaltenden Zwist. Sie reist ab. Er ist … irgendwas zwischen konsterniert und erleichtert. Wobei Letztes doch die Oberhand gewinnt. Sie reden noch miteinander. Schreiben sich. Sie hält ihn über den Stand der Familie – sie haben zwei Töchter – auf dem Laufenden. Doch mehr ist da nicht (mehr).

Forrest war Broker in New York, stammte aus dem Mittleren Westen. Für ihn war New York mit all seinem Trubel die große weite Welt. Jetzt streift er durch Rom. Sitzt in Cafés, beobachtet Leute. Auch einen Jungen. Der ist ihm schon einmal begegnet. Er hat ihn schon einmal gesehen. Hier kommt Donald Windhams unglaubliches Gefühl für Sprache mit voller Wucht zum Einsatz. Er könnte jetzt eine herzzerreißende, von unerfüllten Sehnsüchten zerfleischende Gier heraufbeschwören oder sich in endlosen Gefühlsduseleien ergehen. Er belässt es bei fast nüchterner Betrachtung. Forrest spricht den Jungen an. Nimmt ihn mit…

Marcello ist Siebzehn. Ein Alter, in dem die Welt ihn nicht versteht. Die Welt ist in allernächster Nähe vor allem sein Vater. Er ist der Ernährer der Familie und bestimmt somit alles. Alles! Ein Patrone reinsten Ausmaßes. Die verständnisvolle Mama tut, was in ihrer Macht steht, um ihrem Nachwuchs die Auswüchse dieser Macht hinfortzufegen. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Bildung für die Mädchen und Arbeit für den Sohn: Nein und Ja. So sieht es im Leben der jungen Heranwachsenden aus.

Auch Marcello irrt durch die Stadt. Party hier, Party da. Und den Kopf voller Pläne. Und vor allem voller Fragen.

Auch wenn Forrest und Marcello zig Jahre trennen, so trommeln diese Fragen wie ein steter Hammerschlag gegen alles, was lärmt. Es wird ein Jahr, das ihnen die Augen öffnen wird. Türen werden sich öffnen. So mancher Schleier wird durchlässiger. Happy end inklusive.

Donald Windham ließ sich Zeit zwischen seinem Erstling „Dogstar“, der einschlug wie eine Bombe und selbst Thomas Mann zu Schwärmereien hinreißen ließ. Mitte der 60er Jahre barg auch diese Storyline um einen verheirateten Strohwitwer abroad und einem sinnsuchenden Teenager Zündstoff für eine skandalträchtige Betrachtung. „Zwei Menschen“ ist so neutral verfasst, fast komplett befreit von jeglicher Emotionalität auf den ersten Blick, dass Kritiker von vornherein mundtot gemacht wurden. Es sind „nur zweihundert Seiten“. Doch jede Seite berauscht den Leser auf wundersame Weise.