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Padua

Listet man eine reihe von Städten in Italien auf, die man unbedingt sehen muss, gehört Padua sicher nicht auf die Champions-League-Plätze. Abstiegsgefährdet ist sie allerdings auch nicht. Padua ist klein, kuschelig und vor allem prall gefüllt mit Historie. Eine der ältesten Unis Europas, der älteste Botanische Garten der Welt, Galilei unterrichtete (kann man bis heute besichtigen). Und ein Schmuckkästchen für alle, die feingestalteter Architektur mehr als nur etwas abgewinnen können.

Nun hat mich also entschieden Padua zu besichtigen. Was nun? Was gibt’s zu sehen, was muss man sehen, wo muss man hin? Suchmaschinen führen einen immer an die gleichen Orte. Nämlich die, die von Online-Reise- und Ausflugsportalen gefüttert wurden. Da rennt man dann den ganzen Tag hinter einem Fähnchen her, lässt sich erzählen, dass diese Säule eine Säule ist und dass genau dieses Haus alt ist. Hurra, ein Tankfüllung vergeudet für etwas, was jeder sofort erkennt (so schlecht ist das Internet dann auch wieder nicht…).

Padua muss man selbst erobern. Mit Sinn und Verstand, mit wachem Geist, mit Reiseband und … dieser Reisebeschreibung. Ulrike Rauh ist eine Italophile mit unbändiger Sehnsucht nach dem Stiefel. Von Milano bis Napoli hat sie den Leser schon mehrmals an die Hand genommen und ihn sanft an Orte geführt, die noch nie ein Fähnchen gesehen hat.

Padua ist wie die kleine Schwester von Bologna. Nicht nur wegen der alten Universitätstradition. Auch hier läuft gut beschattet durch Arkaden. Und zu sehen gibt’s hier auch jede Menge. Einfach Kapitel für Kapitel lesen, die von der Autorin gemachten Schritte nicht als Dogma verstehen sondern als liebevolle Stupser in die richtige Richtung. Wer Padua noch nicht kennt, fühlt sich augenblicklich wohl und kaum noch fremd in dieser pittoresken Stadt.

Das besondere an Ulrike Rauhs Büchern sind die gehauchten Liebeserklärungen an die besuchte und beschriebene Stadt. Sie hat immer einen Begleiter im Arm, der ihr und dem Leser SEINE Stadt näher bringt. Und das ist einzigartig! Und lässt so manches Zögern in schwungvolle Schritte verwandeln. Mit diesem Buch rutscht Padua mit einem Mal von den mittleren Wunschplätzen in die Königsklassenregion auf. Der Sommer wartet nicht. Padua wartet auf seien neugierigen Besucher, die dank dieses Buches bedacht und wohl belesen auf historischen Pflaster lustwandeln können.

Gelato

Gelato ist das Universalmittel zum Glücklichsein. Und das ein Leben lang. Schon vom ersten Schleck an, noch bevor man die ersten Schritte tut bis hin zum letzten Schritt – Eis, Gelato geht immer! Und ist so vielfältig. In Palermo, quattro canti – Etna-Gelato, grau mit rot gezuckerten Brocken. Milano, castello Sforzesco – ein Eis, Gelato, das schon beim Anblick dahinschmilzt, und den Connoiseur es ihm nachzutun. Italia é gelato = untrennbar miteinander verbunden.

Peter Peter wagt den Spagat zwischen Sachbuch und Sehnsucht. Seine Eiszeiten sind wahre Delikatessen, in der die Lesezeit mit Speichelfluss im Wettstreit steht – es gewinnt der Speichelfluss, versprochen.

Am Anfang stand der praktische Gedanke Lebensmittel haltbar zu machen. Schnell merkte man jedoch, dass Kühle in heißen Zeiten eine echte Wohltat ist. Es dauerte nicht lange bis man Aromen dem kühlen Nass hinzufügte und das Wunder der glänzenden Augen war geboren. Das war vor langer, langer Zeit. Wo genau – darüber streiten sich die Gelehrten. Italiener beanspruchen natürlich diese Erfindung für sich selbst. Fakt ist jedoch, dass im und am Stiefel Eis ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie caffé. Es geht nicht ohne!

Und so liest man sich durch Rezepte – ja, hier gibt’s die volle Ladung gelato – über Zahlen – allein in Rom konkurrieren über tausend Eishersteller um die Gunst der Kunden – bis hin zu kurzen Biographien von Menschen, deren Vermächtnis darin besteht, Zucker, Wasser, Milch und Geschmäcker herzustellen und haltbar zu machen. Je natürlicher umso besser. Doch auch in Italien sind industrielle Eismassen auf dem Vormarsch. Wie man sie erkennt und eventuell umgeht – die Antwort ist rot, handlich und gehört einfach in jedes Reisegepäck, wenn es gen Süden geht.

Sogar an Reisetipps hat der Autor gedacht. Je weiter man in den Süden vordringt, desto bedeutsamer wird die Erfrischung im Laufe des Tages. Napoli ist das Herz der Eishersteller. Wer hier Urlaub macht und nicht einmal schleckt, der hat schon verloren. Das Veilcheneis, Gelato alla Violetta im Gran Caffé Gambrinus, Lieblinsgeis von Sisi, wenn sie wieder mal auf der Flucht vor dem höfischen Protokoll war, ist mittlerweile mehr Touristenattraktion (das merkt man schon am Preis) als wahres Kulturgut. Dennoch sollte man es sich gönnen und den Fensterplatz mit Blick auf die Piazza Plebiscito genießen.

Wer im gelato mehr als nur die schnelle Erfrischung sieht, sondern sich selbst mit dem damit verbundenen Lebensstil anfreunden kann, der wird mit diesem Buch eine Leckerei in den Händen halten, die nicht kleckert, sondern klotzt.

Die Pause ist vorbei

Diese kleine unerbittliche Kugel aus Metall, die unaufhörlich auf die ebenfalls metallene Glocke scheppert. Der Klang durchdringt Mark und Knochen. Jetzt geht’s weiter – womit auch immer. Die Pause ist vorbei! Marcello Gori stört die Glocke schon lange nicht mehr. Er studiert und studiert und studiert. Hat schon fast eine Inventarnummer. Doch irgendwann ist der Klang der Glocke nun mal auch ein Fanal für den Aufbruch zu neuen Ufern. Neu – klingt schrecklich! Es ist doch alles so wunderbar! Die Bar von Papa zu übernehmen? Niemals. Schließlich studiert er. Er weiß bis heute nicht wie es dazu kam. Nun gut. Das neue Jahr beginnt, der Bart kommt ab, das Dissertationsthema hat er im Kopf. Sogar drei Themen kann er Professore Sacrosanti vorweisen. Doch der holt den Langzeitstudenten elegant und wortgewandt – schließlich ist er Professor für Literatur – auf den harten Steinboden der ehrwürdigen Universitätsrealität zurück. Das, was Marcello vorhat, ist ehrenrührig. Doch eher was für das Spätwerk eines Wissenschaftlers. Er solle sich auf einen Autor beziehen, ihn genauestens untersuchen, vielleicht sogar eine verschollene Schrift entdecken. Der Professore hat da sogar schon eine Idee. Tito Sella. Klar doch, den kennt Marcello – kennt er nicht! Er komme auch aus Viareggio – so wie der Autor dieses Buches, Dario Ferrari. Das wäre doch was für Marcello. Kurz bei Wikipedia reingeschaut: Tito Sella, Terrorist, tot, seit fast zwanzig Jahren. Der Bart ist ab, die Zukunft wartet, und ist in etwa so trostlos wie eine mögliche Zukunft in der Bar von Papa.

Das metallene Läuten dröhnt im Schädel und wird wohl nicht so schnell verhallen. Denn das Thema über den Schriftsteller (und Terroristen, und mutmaßlichen Mörder!) hat es in sich. So wenig über ihn bekannt zu sein scheint, umso ertragreicher sind die Recherchen für Marcello, der sich über sich selbst wundert. Denn so akribisch, teils verbissen, hat er noch nie gearbeitet. Und es macht sogar Spaß! Hui, die Pause – die Lebenspause, Arbeitspause – scheint wirklich vorbei zu sein. Und das Dröhnen kommt nun von ganz anderer Seite.

Auch das Verhältnis zu seinem Doktorvater bekommt mit einem Mal ganz andere Züge. Der ist vielleicht neugierig! Und das mit Grund…

Dario Ferrari rast nicht mit überirdischer Geschwindigkeit durch das fiktive Leben des Langzeitstudenten Marcello, auch nicht durch das Leben von Tito Sella. Alles Fiktion! Das ist wichtig! Vielmehr streichelt er behutsam, doch unnachgiebig das Gaspedal, um die schwierigsten Kurven mit Rasanz und Vorsicht zu nehmen. Zwischengas und Kupplungsspiel sind in „Die Pause ist vorbei“ elegant ausbalanciert, ein Ausbrechen nach links oder rechts oder gar eine komplette Drehung wird dank behutsamen Eingreifen des Protagonisten, vermieden. Wenn Realität und Fiktion verschwimmen, entstehen Bilder, die sich einem einprägen. Und so wird es diesem Buch auch ergehen! Buonissimo!

Der Horizont der Nacht

Durch Bari zu streifen und sich nicht ablenken zu lassen von all der Pracht in den Auslagen, der Brise, die vom Meer herrührt, in den engen Straßen nicht dem Zauber der Architektur zu erliegen – schwierig. Für Avvocado Guido Guerreri ist Bari die Stadt, in der er lebt. In der er arbeitet. Die ihm so viel gibt und auch viel genommen hat. Ein Freund bittet ihn um einen Gefallen. Er solle zuhören, was Elvira Castell zu berichten hat. Treffpunkt ist die Buchhandlung, die nur nachts geöffnet hat. Ein Trick des Besitzers der Schlaflosigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Elvira Castell hat Giovanni Petacci ermordet. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Pistole – Schuss – Blut – Tod. So einfach ist das! Jetzt gilt es die gesamte Gnade des Gesetzes angedeihen zu lassen. Denn: Elvira Castell wollte eigentlich mit Petacci reden, ihn aus der Wohnung (die mittlerweile ihr gehört) zu schmeißen. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Bis vor kurzer zeit gehörte die Wohnung Elena. Elena Castell, Elviras Zwillingsschwester. Sie nahm sich das Leben. Mit verdammt großer Wahrscheinlichkeit wegen Petacci. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der mit Tricks und fiesen Spielchen sich durchs Leben mogelte. Gewalt in jeglicher Form war ihm als Mittel recht. Nun ja, es kam wie es kommen musste…

Als Anwalt muss er Elvira raten sich zu stellen. Denn nur so kann Recht gesprochen werden und hoffentlich der Gerechtigkeit genüge getan werden. Und die bald schon Angeklagte kann sich keinen besseren Rechtsvertrter wünschen als Avvocado Guido Guerrini. Ein versierter Anwalt, der mit allen Wassern gewaschen ist ohne dabei Rechtsbeugung zu begehen. Das Problem ist nur: Er ist mitten in einer fetten Lebenskrise! Seine Frau hat ihn schon vor Jahren verlassen, seine Freundin soeben erst. Und die Moral seines Berufsstandes gibt ihm immer häufiger zu denken. Seine Klienten sowieso. Der Sinn des Lebens bzw. die Sinnsuche danach rückt ihm immer öfter in den Fokus. Er sucht Rat bei Freunden, bei Psychologen. Die Antworten sind nicht universell, eher Ausgangspunkte für eigene Erkenntnisse. Und dann sind da noch immer wieder neue Indizien, die den Fall der Elvira Castell in scheinbar immer neues Licht tauchen. Hoffnungsschimmer oder Blendgranaten, deren Ursprung er nicht erkennen kann oder soll?

Sinnsuche oder Justizskandal? Nein, das ist hier nicht die Frage! Gianrico Carofiglio taucht seinen Protagonisten immer wieder tief in die eigenen Untiefen. Der Blick wird nicht selten klarer. Doch was diese Erkenntnisse bedeuten – das erforscht er zusammen mit dem Leser. Im Nu ist man in einer Sinnsuche gefangen, die ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit viele Antworten gibt. Mann (Guerrini) muss sie nur als solche erkennen. Wieder einmal beweist Gianrico Carofiglio sein Gespür für verzwickte Lebenssituationen, die ausweglos erscheinen und trotzdem viel Licht ins Dunkel bringen.

Tage im August

Das wird ihr Sommer! Anna ist vierzehn (im italienischen Original ist die Vierzehn, die Autorin bat darum in der deutschen Übersetzung ihr Alter anzupassen) und verbringt ihr Leben in einem Nonneninternat. Doch nun stehen Papa und ihr Bruder vor dem Tor und holen sie ab. Savoia, Badeort vor den Toren Roms ist das Ziel ihrer Träume.

Papa ist ganz aufgekratzt. Denn auch die zweite Mama wird da sein. Was Annuccia, wie sie liebevoll auch genannt wird, und ihren Bruder nicht gerade in Verzückung geraten lässt. Denn die zweite Mama ist streng, hart, fast schon gefühllos. So kommt es den beiden Teenagern vor.

Ab und an dröhnen über ihren Köpfen die Kampfgeschwader der Alliierten, es ist Sommer 1943 und in der Welt herrscht Krieg. Lapidare Wünsche verpuffen in der Gischt des rauschenden Meeres. Nicht unentdeckt bleiben die gierigen Blicke der Männer – jedweden Alters. Anna sieht sich in einem Spießrutenlauf wieder, dem sie nicht entkommen kann. Anzügliche Bemerkungen wischt sie beiseite. Das Antatschen ist bedeutend unangenehmer. Sie weiß sich aber nicht zu wehren.

Sie ist in erster Linie froh dem strengen Reglement und Regiment der Nonnen für eine zeitlich begrenzte Weile entkommen zu sein. Es gibt Eis, Papa ist liebevoll, ihr Bruder ist immer an ihrer Seite. Selbst der Krieg um sie herum scheint für die Ferienzeit zu pausieren. Anna ist hungrig. Hungrig nach dem Leben. Das Kind Anna war einmal. Ohne es laut auszusprechen, beginnt Anna sich wie eine Frau benehmen zu wollen. Sie weiß gar nicht, was das bedeutet. Umso bedeutsamer ist es auf eigenen Beinen die ersten wackligen Schritte zu unternehmen.

Doch so mancher Erwachsener (maskulin) sieht in ihr mehr … als das junge Mädchen, das die Welt erkunden will. Und sei diese Welt am Strand von Savoia auch schon geographisch am Ende…

Dacia Maraini legte mit „Tage im August“ ein furioses Debüt hin. 1962 war das. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Viel Zeit für Veränderungen. Begriffe wie Emanzipation und Selbstverwirklichung sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Die Thematik ist immer noch eine Problematik. Zu junge Mädchen, zu alte Männer, zu viel von all dem, was nicht gut ist im Miteinander. Und das ist nur die Oberfläche, an der dieser Roman zuerst kratzt und im Laufe immer tiefer in Fleisch ritzt. Ferragosto, spiaggia vacanza, gelato, dolce vita – si!, mehr davon. Für Annuccia, wird es ein Sommer, der sie prägen wird.

Dacia Maraini verarbeitet in diesem Roman einen Teil ihrer eigenen Jugend, ihrer Erfahrungen im heimischen Palermo und am Badeort Mondello. Da sie während des Schreibens in Rom lebte, verfrachtete sie die Handlung in die Nähe der Hauptstadt. Was allerdings für die Geschichte an sich keine Rolle spielt. Bis heute ist „Tage im August“ aktuell und immer wieder lesenswert.

Zwei Menschen

Was ein Urlaub?! Mehrere Monate Rom. In den 60ern. Als Amerikaner. Forrest und seine Frau genießen die Zeit in der Ewigen Stadt … nicht. Nicht im Ansatz! Sie nörgelt, er lässt es zu. Es gibt keinen Grund, keine gründe für den Streit, den anhaltenden Zwist. Sie reist ab. Er ist … irgendwas zwischen konsterniert und erleichtert. Wobei Letztes doch die Oberhand gewinnt. Sie reden noch miteinander. Schreiben sich. Sie hält ihn über den Stand der Familie – sie haben zwei Töchter – auf dem Laufenden. Doch mehr ist da nicht (mehr).

Forrest war Broker in New York, stammte aus dem Mittleren Westen. Für ihn war New York mit all seinem Trubel die große weite Welt. Jetzt streift er durch Rom. Sitzt in Cafés, beobachtet Leute. Auch einen Jungen. Der ist ihm schon einmal begegnet. Er hat ihn schon einmal gesehen. Hier kommt Donald Windhams unglaubliches Gefühl für Sprache mit voller Wucht zum Einsatz. Er könnte jetzt eine herzzerreißende, von unerfüllten Sehnsüchten zerfleischende Gier heraufbeschwören oder sich in endlosen Gefühlsduseleien ergehen. Er belässt es bei fast nüchterner Betrachtung. Forrest spricht den Jungen an. Nimmt ihn mit…

Marcello ist Siebzehn. Ein Alter, in dem die Welt ihn nicht versteht. Die Welt ist in allernächster Nähe vor allem sein Vater. Er ist der Ernährer der Familie und bestimmt somit alles. Alles! Ein Patrone reinsten Ausmaßes. Die verständnisvolle Mama tut, was in ihrer Macht steht, um ihrem Nachwuchs die Auswüchse dieser Macht hinfortzufegen. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Bildung für die Mädchen und Arbeit für den Sohn: Nein und Ja. So sieht es im Leben der jungen Heranwachsenden aus.

Auch Marcello irrt durch die Stadt. Party hier, Party da. Und den Kopf voller Pläne. Und vor allem voller Fragen.

Auch wenn Forrest und Marcello zig Jahre trennen, so trommeln diese Fragen wie ein steter Hammerschlag gegen alles, was lärmt. Es wird ein Jahr, das ihnen die Augen öffnen wird. Türen werden sich öffnen. So mancher Schleier wird durchlässiger. Happy end inklusive.

Donald Windham ließ sich Zeit zwischen seinem Erstling „Dogstar“, der einschlug wie eine Bombe und selbst Thomas Mann zu Schwärmereien hinreißen ließ. Mitte der 60er Jahre barg auch diese Storyline um einen verheirateten Strohwitwer abroad und einem sinnsuchenden Teenager Zündstoff für eine skandalträchtige Betrachtung. „Zwei Menschen“ ist so neutral verfasst, fast komplett befreit von jeglicher Emotionalität auf den ersten Blick, dass Kritiker von vornherein mundtot gemacht wurden. Es sind „nur zweihundert Seiten“. Doch jede Seite berauscht den Leser auf wundersame Weise.

Piemont

Feinschmeckern läuft schon bei den Untertiteln das Wasser im Mund zusammen: Albi – mmmh Trüffel, Barolo – oh ja, schenken Sie gern noch einmal nach. Nur die Piemont-Kirsche – die sucht man vergebens. Die gibt’s nämlich gar nicht!

Das gibt’s doch nicht – wird man noch öfter sagen, blättert man sich voller Ungeduld durch den Reiseband. Man beginnt bei Land und Leuten, was in einem Trescher-Reisebuch auch bedeutet Persönlichkeiten ausführlich zu begegnen. Vom Schriftsteller Cesare Pavese über Umberto Tozzi bis hin zum Autor der heimlichen Hymne Italiens „Azzurro“ Paolo Conte. Alle stammen aus dem Piemont.

Und dann kommt das Kapitel, das einem die Reiselust ins Unermessliche steigern lässt: Küche. Cucina. Das ist im Piemont reichhaltig … in jeder Hinsicht. Bis auf eben die berühmten Piemont-Kirschen. Nüsse, Nudeln, Naschereien. Ein Füllhorn, ach was, eine ganze Armada an Füllhörnern präsentiert sich an jeder Ecke und verführt. Auch schon beim Lesen.

Natürlich nimmt Turin den meisten Platz im Buch ein. Ein Industriestadt, die vielen erst auf den zweiten Blick ihre Pracht vor Augen führt. Palazzi und breite Prachtstraßen zeugen von der Macht, die von hier ausging. Turin als Hauptstadt des Piemonts vereinnahmt den Besucher gnadenlos für sich. Die ehemaligen Hausherren, das Haus Savoyen ist weithin sichtbar durch die Prachtbauten immer noch nicht wegzudenken.

Saluzzo hingegen muss man schon suchen. Und vor allem besuchen. Denn hier herrscht hauptstädtisches Flair im Kleinen. Die Stadt hat immer noch das Potenzial Turin den Rang abzulaufen. Doch die Savoyer entschieden sich für Turin. Saluzzo ist ein Kleinod, das nur eineinhalb Stunden Zugfahrt entfernt südlich von Turin, den Besucher mit seinem Charme in Empfang nimmt.

Ob nun in luftigen Höhen im Aostatal wandern oder durch die Weinberge wandeln oder gar bis zum Lago Maggiore seinen Erholungsurlaub ausdehnen – mit diesem Piemont-Reiseband ist man bestens gerüstet ohne dabei auf angenehme Überraschungen verzichten zu müssen. Und dass Alba mehr als nur Trüffel zu bieten hat, dürfte so manchen Leser/Besucher verblüffen.

Wer Schatzsuchen liebt wird hier schnell fündig. Mondovi, Valle Grana, Langhe – allesamt keine Orte, die man sofort parat hat, wenn jemand das Piemont ins Spiel bringt. Doch wer diese Worte besucht hat, wird noch lange danach von seinen Erlebnissen zehren und andere mit seinen Erzählungen anstecken.

Der Engel von Rom

Da steht er nun, Jack Rigel aus Omaha, Nebraska, Sohn einer alleinerziehenden Katholikin. Mitten in Rom. Dieser jahrtausendalten Stadt, dieser junge Kerl aus einem Land, in dem alles, was älter als fünfzig Jahre ist wie eine Antiquität angesehen wird. Priester soll er werden, damit die Familie wieder gut dasteht. Autor will er werden, weil … ja, weil, der neue Jack Rigel mit dem alten Jack Rigel nichts mehr zu tun haben will. Aber ohne Italienischkenntnisse kommt man in Italien nicht weit. Schon gar nicht als überambitionierter, völlig vom eigenen (eingeredeten) Anspruch überforderter Jüngling, der eigentlich immer noch seiner großen Liebe Clarissa nachhängt.

Jack studiert brav Latein. Eines Tages wird er auf eine Menschenansammlung aufmerksam. Er schlängelt sich durch die Massen und traut seinen Augen nicht. In einem ristorante sitzt Angelina Amadio. Eine von ihm vergötterte Schauspielerin. Und er platzt mitten in eine Szene. Huch, hier wird gedreht?! Jack lässt aber auch wirklich keine Fettnäpfchen aus! Mitten harschen Worten wird er aus der Szene geholt. Von niemand geringerem als Sam – auch den kennt Jack. Aus einer Fernsehserie. Nicht minder erfolglos als die Karriere von Angelina Amadio, die alle nur den Engel von Rom nennen. Das rührt noch aus einer Zeit als sie mal so was wie eine echte Berühmtheit war.

Ronnie Tower – so der Rollenname von Sam – ist erfreut Jack zu sehen. Denn er könnte dem Schauspieler helfen sich bei Angelina zu entschuldigen. Ronnie/Sam spricht nämlich kein Italienisch. Noch weniger als Jack. Für Jack ist es die einmalige Gelegenheit der Frau nahezukommen, die ihm schlaflose Nächte bereitete. Deal. Jack entschuldigt sich. Angelina ist mehr als verwirrt. Und mit einem Mal sind Jack und Ronnie/Sam dickste Freunde.

Es sind schon eigenartige Zufälle, die Jack Rigel den Weg ebnen werden, den er so viele Jahre lang geträumt hat einzuschlagen. Er trifft die Frau seiner Teenager-Träume. Ein echter Engel, die sogar den Spitznamen Engel trägt. Doch der wahre Engel ist ihm kurz zuvor begegnet. Nur hat Jack es wieder einmal verpasst ihn zu erkennen. Erst später, Jahre später wird er sich dessen bewusst.

Jess Walter rauscht durch das Leben des Unglücksraben Jack, und man ist live dabei, wenn er unbewusst die ersten Wendeschritte unternimmt. Niemals ist man in unsicheren Gefilden. Das wird schon gut gehen. Es wird gut gehen. So viel ist sicher! Was als „Beiwerk“ mit dranhängt, das wird jeden überraschen.

Der Lauf der Dinge

Siebenhunderteinundsechzig Tage. So lange dauerte es nach eigenem Bekunden des Autors bis „Der Lauf der Dinge“ fertig war. Andrea Camilleri war da schon Autor, unter anderem fürs Fernsehen. Doch ein Buch, einen Roman hatte er noch nicht veröffentlicht. Das sollte auch noch dauern.

„Der Lauf der Dinge“ nimmt vieles vorweg, was in den folgenden Jahren das literarische Werk Andrea Camilleris bestimmen wird. Die Liebe zu Sizilien und vor allem den Sizilianern. Ihre Eigenheiten – die viel beschworene Omerta, das Gesetz des Schweigens. Oder ihre unerbitterliche Zuneigung zu dem, was sie lieben – Menschen, ihrem Stil, ihrer Tradition. Nicht immer verständlich, doch unabdingbar will man alles verstehen (was eh nicht möglich ist…).

Da steht der Maresciallo schwitzend in seinem Büro. Die Hitze treibt ihm den letzten Lebenssaft aus den Poren. Da erscheint ein Bauer und bereichtet vom Fund einer Leiche. „Normalerweise“ würden jetzt Heerscharen von Ermittlern ausrücken, den Tatort absperren, Spuren sichern, nach Zeugen suchen. Hier läuft das alles ein bisschen anders. Der Bauer wird in den Schwitzkasten genommen. Sinnbildlich – warm ist es eh schon genug! Kennt er wirklich nicht den Namen des Toten? Oder steht er gar in einer engeren Beziehung zu dem Opfer? Was sich im Laufe daraus entwickelt – die Rückblenden sind ein Füllhorn an Erklärungen – benötigt ein besonderes Gespür für Geschichten. Unversehens ist man in einem Dickicht aus dienlichen Phrasen, gestammelten Eingeständnissen und einer undurchsichtigen Geschichte gefangen. Immer tiefer reitet man sich ins literarische Glück und findet es auch noch grandios sich selbst in den Fallstricken der Geschichte zu verfangen. Schließlich liest man einen Camilleri. Den allerersten Camilleri!

Andrea Camilleri ist 2019 verstorben. 2025 jährt sich sein 100. Geburtstag. Sucht man nach den Werken Camilleris findet man „Der Lauf der Dinge“ nur nach langer Suche. Oft – zu oft – werden nur die Montalbano-Krimis in ihrer zeitlichen Abfolge aufgelistet. Doch der wirklich erste Roman – kein Montalbano, obwohl ein Krimi – taucht bisher nur auf ausgesuchten Expertenseiten auf. Das ändert sich ab sofort!

Dieses kleine Büchlein in dem markanten Rot – ein untrübliches Zeichen für Qualität – setzt endlich einen Anfangspunkt ins Werk (ins Deutsche übersetzte Werk) von Andrea Camilleri. Ein Fundstück nicht nur für Fans, sondern für alle, die guter Literatur mit offenem Geiste entgegengehen.

Kärnten

Wer in Kärnten von Grenzerfahrungen spricht, hat sich einiges vorgenommen. Die Nähe zu Italien und Slowenien prägen schon immer diesen Landstrich, dieses Bundesland. Die größte und Hauptstadt ist Klagenfurth. Celovec, so der Name auf Slowenisch, begegnet einem allerorten. Hier wächst man zweisprachig auf. Viele sogar dreisprachig, weil das Italienische ebenso nicht wegzudenken ist. Und jedes Jahr im Frühsommer wird’s dann wieder deutscher, wenn die Tage der deutschsprachigen Literatur stattfinden. Das Literaturfestival für den deutschsprachigen Raum.

Bleiben wir noch ein wenig in Klagenfurth / Celovec, am Wörthersee und den unglaublichen Ausblicken in die Karawanken. Wer hier urlaubt, der sucht nicht zwingend die Action mit Gebrüll, der will tief einatmen, Natur erleben – und ab und an darf auch das Blut in Wallung geraten. Von fast jedem Punkt in Klagenfurth hat man grandiose Aussichten. Nach Oben und in der Horizontalen. Und wenn einem etwas die Sicht versperrt, dann ist auch das ein Augenschmaus.

Für ambitionierte Wanderer und Kletterer ist der Nationalpark Hohe Tauern das Traumziel schlechthin. Alles überragend der Großglockner. Aus dreitausend Meter Höhe ins Tal, in die Täler schauen ist hier nicht die ewig zu suchende Attraktion – hier ist das der Normzustand.

Sabine Becht und Sven Talaron machen nicht nur mit zahlreichen Bildern von Jausen und idyllischen Ausblicken Appetit auf diese Gegend, es sind die unzählbaren Tipps, die diesen Reiseband so nützlich machen. Wer also seinen Urlaub in Kärnten verbringen will, aber keine Ahnung hat, was ihn erwarten kann, der wird sich schon ein paar Tage mit diesem Buch beschäftigen können. Und dann hat er die Qual der Wahl. Fest steht jedoch, dass er bestens vorbereitet in den Westen Österreichs reisen wird.

Detailreiche Karten, unterhaltsame und informative Kästen, in denen man hinter die Kulissen schaut und klar gegliederte Kapitel sind das Pfund, mit dem dieses Buch wuchern kann, und alle anderen Reisebände verblassen lässt. Überall lauern in diesem Buch Tipps, kleine Infokästen, Wegweiser, Ortkennungen, deren Klang vertraut ist. Doch, dass das alles hier in Kärnten liegt, ist vielleicht nicht immer jedem bekannt. Es ist immer alles nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Das erleichtert die Planung erheblich. Doch wo sind die besten Routen? Wo die eindrucksvollsten Aussichtspunkt? Und wo die besten Ratsplätze? Lesen hilft dabei enorm, sich Kärnten nachhaltig im Kopf zu behalten.