Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Schalom

Schalom

Schalom – Friede, Schalom – Kriegerhelm, Schalom – hallo! Immer dasselbe Wort, drei verschiedene Bedeutungen. Im belarussischen ist es die Pickelhaube. Und die hat André auf dem Kopf. André ist Künstler und darf das. Und er ist Weißrusse, Belarusse. Gerade eben hat er noch an Vernissagen in Bonn teilgenommen, jetzt geht es wieder heim. Heim nach Belarus, nach Mogiljow. Ihn schaudert’s bei dem Gedanken daran. Zurück zu Frau und Kind und Schwiegermama, der er unbedingt Stiefeln mitbringen soll.

Ein letzter Tag in Bonn, Einkaufen heißt es nun. Wie jeder gute Tourist will er denen, die ihn sehnsüchtig erwarten auch was mitbringen. Doch André ist eben nicht nur Künstler, sondern auch begnadeter Trinker. Der letzte Tag beginnt mit Katzenjammer. Beim Bummel über den Flohmarkt erregt etwas seine Aufmerksamkeit. Erst flüchtig, doch dann immer heftiger. Eine Pickelhaube. Schalom Schalom! Hallo Mützchen! Der Schwiegermutterwunsch rückt in immer weitere Ferne. Ein schnelles Wortgefecht mit dem Verkäufer und schon hat André eine Kopfbedeckung und jede Menge Redestoff für den Trip nach Hause…

Artur Klinaŭ ist selbst Künstler, gibt die Zeitschrift „pARTisan“ in Weißrussland heraus. In seinem ersten auf Deutsch veröffentlichten Roman „Schalom“ nimmt er die weißrussische Seele aufs Korn. André hält sich nicht an Konventionen. Sein Weg zurück in die Heimat ist ein Roadtrip, ein homecoming-Dilemma im Prozentbereich. Mit Promille geben sich weder Autor noch Protagonist zufrieden. Es gibt immer einen Grund zum Trinken. Und zum Menschen kennenlernen. Die Pickelhaube, Schalom, ist der (Bier-) Büchsenöffner für die Völkerverständigung vom Rhein an den Dnepr.

André bedauert zutiefst hier verankert zu sein. Nicht in Minsk. Dort, wo Chaim Soutine und Marc Chagall wirkten. In Mogiljow ist niemand zuhause, den man kennt. Auch ihn kennt man nicht.

Die Pickelhaube verleiht dem nimmermüden Künstler und Geschichtenerzähler André das Gefühl von Erhabenheit. Er ist der General der Landstraße. Und je weiter er gen Osten reist, desto inniger wird die Beziehung zu seinem Alter ego, seiner Kopfbedeckung. Die Assoziationen, die sie und die er hervorrufen werden immer kruder. Doch Hauptsache ist doch, dass die Kehle geschmiert werden kann.

„Schalom“ liest sich wie aus einem Guss. Kein Schenkelklopferroman. Vielmehr ein hintersinniges Schriftstück, das den Leser immer weiterlesen lässt und die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält. Der vermaledeite Helm ist Türöffner und Stolperstein zugleich. André ist es recht. Er fordert es regelrecht heraus mit ihm ins Gespräch zu kommen. Und mit ihm zu trinken. Der Leser sitzt immer mit am Tisch, als stummer Beobachter.

Die Ararat-Legende

Die Ararat-Legende

Da steht ein Pferd vor dem Haus! Ahmet staunt nicht schlecht als er am Morgen erwacht. Ein prächtiger Grauschimmel. Mit reich verziertem Sattelzeug. Ein Geschenk des Himmels. Oder der Götter.

Am Fuße des Ararats ist das Leben karg, genauso wie die Landschaft. Die Menschen sind rechtschaffend und traditionsbewusst. Ahmet kann sich nicht lange über den Gaul freuen. Denn der rechtmäßige Besitzer, der Pascha, will ihn zurück. Er lädt Ahmet und die Weisen des Dorfes in den Palast ein, besser gesagt, er lässt sie vorladen. Die „Delegation“ gibt ihm erst einmal einen Einführungskurs in Tradition. Wenn einem hier in dieser Gegend, zu Füßen des Ararat etwas geschenkt wird, gehört es ihm. Zurückholen ist nicht drin. Der Pascha hört es sich an, sein Puls steigt, bis es zur Explosion kommt. Man wisse wohl nicht wer er sei. Ihm gehöre das prächtige Pferd. Und die Dorfbewohner hätten es ihm gestohlen. Augenblicklich sollen sie ihm sagen, wo das Tier sich befände. Seine Wutrede stößt auf taube Ohren. Ahmet wird eingekerkert. Schlimmeres wird ihm angedroht.

Der Pascha hat drei Töchter. Die beiden Ältesten sind wahre Prachtstücke, elegant, gebildet. Sie lieben es in ihrem goldenen Käfig, im Palast zu leben. Die Dritte schlägt ein bisschen aus der Art. Auch hübsch anzusehen, nicht ganz so feingliedrig wie ihre älteren Schwestern. Gülbahar ist eher bodenständig, hat einen Draht zu den Menschen draußen, vor dem Palast. Und auf einen hat sie besonders ein Auge geworfen…

Yaşar Kemal beweist mit der Ararat-Legende seine unglaubliche Fähigkeit mit sanften Worten einen harten Konflikt auszudrücken. Über allem thront der ehrwürdige Viertausender Ararat, ein wahrhaft heiliger Berg, der den Menschen im Tal immer mal wieder den Weg weisen muss. Er ist die Lebenskonstante der Bergbewohner, wer sich ihm in den Weg stellt, bekommt seinen Zorn zu spüren, doch wer sich liebt, wird ihn ihm Zuflucht finden. Und das ist bis heute so!

Reise nach Island – Kulturkompass fürs Handgepäck

Island fürs Handgepäck

Das Jahr 2016 könnte das Jahr Islands werden. Sie sind endlich mal bei der Fußball-EM dabei – und nicht länger immer mal wieder „nur“ ein Stolperstein für Qualifikanten – und die Panama-Papers rücken das Land wieder einmal negativ in den Fokus der Öffentlichkeit. Bisher galt es als Reiseziel für Individualisten. Unendliche Weiten, unberührte Natur. Ha, da haben wir’s! Unberührte Natur. Von wegen! Schon in den ersten Geschichten des Buches wird klar, dass auch in Island nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein gigantisches Kraftwerkprojekt drohte hier in einer Katastrophe zu enden. Die Rahmenbedingungen stimmten nicht so ganz. Und die Isländer? Die warten erstmal ab. Hektik ist ihnen fremd. Macht sie irgendwie sympathisch.

Der „Kulturkompass fürs Handgepäck“ vereint Texte aus Zeitschriften und Extrakte aus Büchern von Isländern bzw. Islandfans. Sie sind das Salz in der Suppe der Fakten über den Inselstaat im Norden des Atlantiks.

Wenn man im Flieger nach Reykjavik sitzt – was so um die sechs, sieben Stunden dauert – hat man genug Zeit sich auf die Gepflogenheiten des Landes einzurichten. Hier haben Trolle noch ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Hier ist man stolz auf di eigene Identität. Hier kommen mehr Schriftsteller auf einen Einwohner als sonst wo in der Welt. Hier werden Speisen angerichtet, die es auch wirklich nur hier gibt…

Island ist so fremd und doch so nah, dass es notwendig ist sich mit dem Land auseinanderzusetzen. Ansonsten ist man aufgeschmissen! Dieses kleine Büchlein ist die Quintessenz dessen, was einem auf der Insel erwartet. Von Halldór Laxness, dem Nobelpreisträger über Jules Verne, der seine Figuren hier zum Mittelpunkt der Erde vorstoßen ließ, bis zu Gudmundur Andri Thorsson geben alle Autoren einen – dokumentarischen bis hin zu fiktionalen – Einblick in das Inselleben. Die volle Breitseite isländische Kultur!

Graubünden

Graubünden

Na das ist ja ein Ding! Ein Reiseband, der mit einer Lüge beginnt. Grau ist hier in Graubünden nichts. Nicht einmal die Theorie. Alles farbenfroh! Buntbünden träfe es wohl besser! Über diesen Kanton kann man nichts Graues berichten. Friedrich Dürrenmatt durfte das, er ließ den Schrott, den Kindsmörder aus „Es geschah am hellichten Tag“ seine Opfer an einer Straße, die nach Graubünden führt sein Unwesen treiben. Aber das war‘s schon.

Bleiben wir noch ein wenig bei den Künstlern, also solchen wie Dürrenmatt. Alberto Giacometti, der Bildhauer, dessen Statuen zu den am höchsten gehandelt der Welt gehören, wurde im Stampa geboren. Und das liegt in Graubünden, dem Kanton im Südosten der Schweiz mit Grenzen zu Österreich, Liechtenstein und Italien. Leckermäuler lechzen förmlich nach dem Bündner Fleisch. Bei vielen hört hier das Wissen über Graubünden auf.

Und Marcus X. Schmid kommt hier erst so richtig in Fahrt. Ähnlich dem Bernina Express. Da hat man kaum das Buch aufgeschlagen, und schon wird man mit der harten, aussichtsreichen realität vertraut gemacht. Denn Graubünden leistet sich eine Privatbahn, die RhB, die Rhätische Bahn. Und zu der gehört der Bernina Express über den gleichnamigen Pass auf über zweitausend Metern Höhe. Wenn Berlin am Savigny-Platz am berlinischsten ist, wie einmal der Schauspieler Otto Sander sagte, so ist die Schweiz hier wohl am schweizerischsten. Über den Morteratschgletscher ins Puschlav. Keine Orte, die einem wie Schnitzel oder Kartoffelsalat über die Lippen gehen, doch eingehend besucht werden können und sollten. Der Morteratschgletscher ist der Größte in Graubünden. Acht Kilometer ist er (noch) lang und einen Kilometer (noch) breit. Er reicht nicht mehr bis an die Schienen des Bernina Express heran, jedoch sind Wege zu ihm vorhanden, ausgeschildert und leicht zu bezwingen. Also nicht nur für geübte Kletterer zu bewundern. Wie es genau hingeht, weiß der Autor und teilt dies freundlicherweise im Buch mit.

Was sich zuerst wie ein Balkan-Hauptgericht anhört, gerät schnell zum Erlebnis für alle Sinne: Puschlav oder auch Valposchiavo. Hier ist man schon fast in Italien. Hier wächst Wein. Für das Wort Regen scheint es auch keine Übersetzung zu geben. Auch hier hat der Autor wieder einen Tipp parat, den man sich zu Herzen nehmen sollte: Mit dem Zug fahren, Fensterplatz im Panoramazug reservieren und sich zurücklehnen. Außer die Augen offenhalten, hat man nichts weiter zu tun. Das Staunen, das freudige Stöhnen, das Verzücken – kommt alles von ganz allein! Der Autor setzt noch einen drauf. Gletschertöpfe soll es hier geben. Wer mit dem Begriff nichts anfangen kann, blättert um und staunt…

Schon das Titelbild verrät, dass Graubünden ein Zugfahrland ist. Meisterleistungen der Ingenieurskunst lassen schmucke Züge, die RhB fährt generell in (Schweizer?) Rot, riesige Talschluchten überwinden, die dem Passagier ein erhabenes Gefühl bereiten. Mitten in den Bergen, in etwa gleiche Entfernung zu den Gipfeln wie in die Täler lassen den Begriff Mitte, oder gar das Mittelmaß, zu etwas Großartigem reifen. Das einzige, was einem hier noch passieren kann, ist der Wetterumschwung. Von extrem schön zu sehr schön. Aber auch dagegen gibt es etwas: Die Lektüre dieses Buches! Mit reist man immer extrem gut informiert, extrem gut unterhalten und immer extrem erholt.

Das Haus im Dunkel

Das Haus im Dunkel

Es braucht seine Zeit bis man sich im Dunkeln zurechtfindet. Langsam tastet man sich voran. Vorbei an im Wind wehenden Vorhängen, die wie Buchseiten einem um die Nase wehen. Hindurch die zahllosen Zimmer, die wie Kapitel das Ganze ergeben. Mittendrin im Stoff, der sich nach und nach dem Leser entfaltet.

Ein Autor lebt in diesem großen, dunklen Haus. Mit Mutter und Sklavin. Die Beziehungen untereinander sind nüchtern. Miriam, die Sklavin spricht nicht. Sie ist treue Dienerin und Abbild der realen Phantasie. Die Mutter existiert nur noch als gebährende Hülle der Existenz des Erzählenden. Einzig allein die Katzen, die ihm überall hin folgen, die die Mutter als Schlafplatz nutzen, sind dem Leben zugetan. Sein Verleger ist nun auch tot. Nach jahrelanger Haft wegen Ablehnung eines jungen Autors. Das Haus – ist es real? Oder ist es das steingewordene Hirngespinst einer Phantasie?

José Luís Peixoto lässt Leser und Hauptfigur im Titel des Buches sitzen. Was ist echt, was schwebt zwischen den Sphären? Erst ein längst verloren geglaubter Freund, Anker der eigenen Existenz bringt wieder Schwung in die weiten, leeren Flure des Hauses. Prinz Calilatri verabschiedete sich einst mit den Worten die Welt zu erobern. Nun ist er zurück vom Feldzug der Sehnsucht. Hat alles gesehen, alles erlebt, will nicht mehr in fremden Gefilden wandeln. Die Invasion beginnt. Wirft alles bisher Bewährte, lethargisch Erduldete über den Haufen der leeren Blätter und wohl geformten Worte.

Flucht oder Verharren? Was ist richtig, was ist falsch? Die eingefahren, ausgetretenen Pfade des Lebens wirbeln Staub auf. Ob sich hier neues Leben ansiedeln kann? Oder wird das Haus dem Erdboden gleichgemacht?

Schon während des Lesens häufen sich die Fragen über „Das Haus im Dunkel“.  Schnell huscht man über so manche Zeile hinweg, um dann doch noch einmal zurückzublättern, um ganz sicher zu gehen alles auch wirklich richtig eingeordnet zu haben. Dieses Buch liest man unfreiwillig mehrmals. Die Rituale des Stillstands sind die Säulen der Beständigkeit im gesicherten Mauern. Wer sich jedoch nicht bewegt, fällt automatisch dem Rückschritt anheim. Für einen Autor der sichere Tod. José Luís Peixotos Held muss sich – wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben – einer echten Herausforderung stellen. Ein literarischer Hochgenuss für alle Buchstabenfetischisten, die das Wort nur in bedeutungsvollen Sätzen akzeptieren. Wie ein Nachschlag beim Lieblingsessen serviert der Autor dem Leser ein trauriges Szenario, das nach und nach seinen Schrecken verliert.

Schnitzeltragödie

Schnitzeltragödie

Wohnungsauszug – Zeit des Neuanfang, aber auch der Rückbesinnung. So auch der namenlose Held dieses Buches. Alles muss besenrein übergeben werden. Abgeschlossen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schlüssel rumdrehen, zum letzten Mal, und Auf Nimmerwiedersehen! Man sperrt zu und alles ist vergessen und vorbei. Nicht ganz, denn da sind noch die Erinnerungen. Die Gedanken an die Tragödien, die sich hier abspielten. Zumindest bei Harald Darer.

Der Mann, der hier sein Heim verlässt, tut dies aus gutem Grund. Ein Neuanfang mit Frau und Kind. Und er muss die Wohnung, das bisherige Leben, die Erinnerungen hinter sich lassen. Bitterböse G’schichten spielten sich hier ab. Allesamt Tragödien. Datteltragödien, Leberkästragödien … Schnitzeltragödien, Tragödien vom Erwachsenwerden, Tragödien des Alltags. Von wegen „Das ganze Leben ist ein Quiz“. Es ist eine Tragödie! Oder besser, gleich mehrere.

Harald Darer vermischt in seinen Erinnerungskurzgeschichten beißende Satire mit argwöhnisch beäugten Begebenheiten eines Mannes, der Gefallen daran findet sich und andere zu hinterfragen. Wenn er sich zurückerinnert wie er die Millionenfrage im Fernsehen beantwortet, der Kandidat – Hansi Hinterseer – sich immer mehr in seine Moonboots zurückzieht, im Schweiße seines Angesichts seiner eigenen Unwissenheit vor Scham im Stuhl versinkt (köstlich für jeden, der das System Hansi Hinterseer durchschaut hat!), ist man am Ende des Kapitels enttäuscht, dass die Geschichte schon vorbei sein soll. Man will mehr. Und man bekommt mehr!

Jeder Nation wird eine gewisse Art von Humor nachgesagt. Auch den Österreichern. Derb und manchmal auch ein wenig hinterfotzig. Mit einer Prise Charme, bzw. Schmäh. So muss es auch sein! „Schnitzeltragödie“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die ein permanentes Lächeln auf die Lippen zaubert, Schenkelklopfen andeutet und dem Leser vergnügliche Stunden bereiten wird. Man liest die Kapitel nicht hintereinander, man liest sie dosiert. Pro Tag ein Kapitel und selbiger ist gerettet. Und wetten, dass man beim nächsten Metzgerbesuch, Markteinkauf, Kurzurlaub auf genauso jemanden trifft, der wie der Fleischklopfer aufs Schnitzel passt?! Das nennt man dann wohl nachhaltige Literatur.

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Zürich

Zürich

Es ist kein Wunder, das viel Zürich für die Hauptstadt der Schweiz erachten. Irgendwie laufen hier alle Fäden zusammen. Mark van Huisseling ist gebürtiger Berner, ein Attribut, mit dem er als Lehrling mal vorgestellt wurde und das ihm überhaupt nicht passte. Nun lebt er in Zürich. Er liebt Zürich seit dem Tag als er zum ersten Mal mit seinen Eltern durch die Stadt an der Limmat fuhr. Hier wollte er leben, was erleben.

Und er liebt die Stadt. Nicht übermäßig, nicht blind, doch in jeder Zeile schwingt mal leise, mal lauter die Schwärmerei mit. Er weiß aber auch, und das schreibt er deutlich, dass das Paradies hier bestimmt nicht zuhause ist. Irgendwo zwischen Sehnsucht und Hassliebe bewegen sich seine (Stadt-)Ansichten. Wer Zürich noch nicht kennt, kommt schnell in die Versuchung als altklug zu gelten. Denn Mark van Huisseling gibt die Stadt so exakt wieder wie er nur kann. Und das mit einfach sprachlichen Mitteln ohne dabei abzuflachen. Ein Lesespaß, der erst mit dem Besuch in Zürich endet.

Das Buch zeigt dem Leser – egal, ob er schon Zürcher zu den Bewohnern der Stadt sagt oder sie noch als ZürIcher bezeichnet – wie die Stadt tickt, wie die Menschen die Stadt erobern, formen und nutzen. Kein Cocktail-Must-Have im Sowieso, kein Unbedingt hier das Zürcher Geschnetzelte einnehmen und da den Blick auf die Stadt genießen. Das muss man sich schon selber erarbeiten.

„Zürich“ ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt. Vor dem Urlaub, um sich ein wenig zu informieren und die Don’ts am Ende des Buches zu umgehen. Währenddessen schmökert man immer wieder darin, um die Do’s (gleich nach den Don’ts am Ende des Buches) nicht zu verpassen. Und schlussendlich erinnert man sich jedes Mal, wenn man es durchblättert, an einen Besuch erinnert, der einzigartig war. Hier in der Stadt, in der die einzige Kunstrichtung der Welt mit einem exakten „Gründungsdatum“ – dada – „erfunden wurde“.

Die kurzweiligen Texte laden zum Niederlassen ein. Eine Bank, die irgendwo auf der Welt, ist immer da. Setzen. Buch aufschlagen. Und Träumen, Sehnsucht pflegen und Pläne schmieden. Wenn ein Buch das Prädikat „Reisefieber-Virus“ verdient, dann dieses. Und der edle Einband zeigt dem Vorbeigehenden gleich, dass hier niemand sitzt, der in Zürich nur den Weg zum nächsten H&M oder McDonald’s sucht, sondern ein echter Genießer, der einem eigenen Weg folgt, um sich Erholung, Genuss und Entspannung zu suchen.

Kleiner Mord zwischendurch

Kleiner Mord zwischendurch

Ein schönes Sprichwort: „Wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“ Konrad Killer macht seinem Namen alle Ehre und verdingt sich als selbiger. Eine Güllegrube war bisher sein exotischster Tatort. Einer, der sich bei ihm eingebrannt hat. Nun bekommt er wieder einen Auftrag. Die Methode wird ihm überlassen. Er weiß zwar nicht, wer der Auftraggeber ist – wie immer – das interessiert auch nicht. Doch er kennt den „Reisegast“, wie das potentielle Opfer firmenintern genannt wird: Konrad Killer. Ja, er soll sich selbst beseitigen.

Das ist die erste Geschichte der Kurzkrimisammlung von Mitra Devi. Schwarz, tiefschwarzer Humor. Besser kann ein solches Buch nicht anfangen. Es wird schwer werden diese noch zu toppen. Und hier irrt man als Leser gewaltig. Denn schon Geschichte Nummer Zwei setzt noch einen drauf. Wieder unter dem Motto „Wer Andern ein Grube gräbt, …“ Elvira kann es einfach nicht lassen. Sie lügt. Sie lügt gern. Und gut. Bisher jedenfalls. Ein neuer Kollege hat es ihr angetan. Ihn will sie beeindrucken. Und erzählt ihm ein dunkles Geheimnis. Sie sei im Zeugenschutzprogramm, hat mal einen Mafioso hinter Gitter gebracht. Blöd nur, wenn der Gegenüber die gleiche Geschichte parat hält, sie aber – weil sie wahr ist – nicht weitererzählen darf…

Eine Reporterin, die die Geschichte ihres Lebens wittert und schlussendlich wortwörtlich mit dem Tod ringt – Eine Schriftstellerin, die unter der Masse ihrer Pseudonyme zusammenbricht – Derbe Späße unter Freunden: Das sind die Zutaten dieses Kleinods der Nicklichkeiten. Kein Charakter ist unsympathisch, alle haben ihr Scherflein zu tragen – Mord ist eben nicht Jedermanns Sache!

Oft sind Kurzkrimis etwas für die trüben Tage, wenn es draußen nasskalt vor sich hinstürmt. Da macht man es sich zu Hause gemütlich, gruselt sich ein wenig und / oder belächelt die Protagonisten. „Kleiner Mord zwischendurch“ ist eine Ganzjahres-Allwetter-Krimisammlung, die man getrost zu jeder Tages- und Jahreszeit genießen kann. Die short stories sind mehr als nur Fingerübungen zwischen den Recherchen für die neuen Fälle von Nora Tabani, der Züricher Privatermittlerin, die Mitra Devi geboren hat. Es sind findige Stücke, die einem ab der ersten Zeile in ihren Bann ziehen. Absetzen unmöglich. Man fiebert mit. Rätselt, was die Geschichte hinter der Geschichte sein könnte. Und wie sie ausgehen mag. Ein erstklassiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Autorin und Leser.

Wien abseits der Pfade, Band II

Wien abseits der Pfade 2

Man hätte es sich ja schon fast denken können. Ein etwas anderer Reiseband durch Wien, der die Wege neben den ausgetretenen Pfaden beschreibt reicht nicht aus. Schnell war die Idee von einem Nachfolgeband geboren und nun ist die Geburt vonstattengegangen, das Neugeborene erfreut sich bester Gesundheit. Jetzt kommen die alle Neugierigen, um das neue Produkt zu begutachten. Doch sie bringen keine Geschenke, sie wollen etwas von dem Neuen. Dann sollen sie es auch bekommen, meint der stolze Vater Georg Renöckl. Aber seien Sie gewarnt: Die Postkarenidylle der Donau-Metropole wird ganz schön ins Wanken geraten!

Stephansdom, das Kunsthistorische, Stadtgarten – alles wunderbare Plätze, an denen es sich aushalten lässt. Keine Frage. Aber das kennt man schon, ist so bekannt, dass man es kaum noch wahrnimmt. Links und rechts schauen, immer mal wieder abbiegen, schnüffeln, stöbern, erkunden – das steht von nun an auf dem Eroberungsplan für Wien.

Auf den ersten Blick klingt es nicht besonders schmeichelhaft, wenn eine Tour durch Wien angeboten wird, die die hässlichsten Orte der Stadt zeigt. Doch Mr. Ugly macht das mit so viel Charme, dass es selbst dem weltberühmten Wiener Schmäh die Schamesröte in die Wangen schießen lässt. Eugene ist Engländer mit irischen Wurzeln und hat nun selbige in Wien geschlagen. Er will nicht den Ruf der Stadt zerstören, sondern eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und ihren Auswirkungen auf die Zukunft in Gang bringen. Seine Touren sind also keine reinen Touristenangebote. Aber für Besucher sicherlich erkenntnisreicher als so manch andere begleitende Führung.

Eine Großstadt wie Wien bringt man nur schwerlich mit Landwirtschaft in Verbindung. Und mit Schnecken schon gar nicht! Doch sind sie es, die vor den Toren der Stadt zu tausenden wachsen, gedeihen, ja sogar gezüchtet werden. Und zwar vom einzigen Schneckenzüchter Wiens. Zum Abschied gibt es für den neugierigen Leser noch ein Rezept für Schneckenbeuschel, bzw. Altwiener Schneckenragout. Altwien – also keine Erfindung der Moderne wie beruhigend.

Beruhigend kann man nun auch wieder nach Wien reisen. Denn es gibt ein neues Buch, das die (bisher) unbekannten Seiten zeigt. Vorbei die Zeiten, in denen man – wie immer – das ewig Gleiche betrachtet, nur weil man einmal da ist. Die Spannung war irgendwie weg. Jetzt kommt neuer Schwung in die Wien-Besuche. Und dieses Mal lohnt es sich wirklich den reiseband vorher komplett durchzulesen und einzelne Ausflüge zu planen. Am Ende gibt es ausgewählte Tipps für Orte zum Verweilen und Vertiefen.

Bei so viel neuen Orten, die man noch nicht kennt, und die man unbedingt sehen will und muss, stellt sich nur noch eine Frage: Wann kommt Band 3?