Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Der Blutchor

Dieuswalwe Azémar hat Urlaub. Es lebe die Kurzgeschichte! Und Gary Victor ist ihr König! „Der Blutchor“ ist mehr als eine Fingerübung, um Großes folgen zu lassen. Die neun Kurzgeschichten in diesem Band – man kommt ausnahmsweise nicht umhin auf den Preis zu verweisen: Weniger als ein Euro pro story, die eindeutig mehr wert sind – fesseln alle Sinne des Lesers. Naja, vielleicht bis auf den Geruchssinn.

Mitten im Haïti Duvalliers, wobei es fast schon egal ist, welcher nun gerade an der Macht ist, ob nun Papa oder Baby Doc (oder ist es doch ein anderer Präsident, der das Volk unter seiner Knute quält?), wächst einem Günstling des Präsidenten ein Schwanz. Und zwar dort, wo man ihn nicht vermutet oder eben gerade da. E nachdem wie ernsthaft man gerade drauf ist. Ein Skandal? Nein! Eine Schmach? Zumindest für Corneille Soisson. Der Name an sich ist schon einen Literaturpreis wert: Die Krähe sei sein. Und dieser besagte Soisson macht sich berechtigte Hoffnungen auf einen Ministerposten. Der Präsident ist dem eifrigen Wahlzettelfälscher zum Dank verpflichtet. Wäre da nicht diese Sache mit dem verflixten Schwanz! In Bohio, einer volkstümlichen Bezeichnung Haïtis, ist ein Schwanz nicht nur ein Schwanz, sondern ein Fluch, den nur ein bòkò, ein schwarzer Voodoopriester wieder lösen kann. Doch Corneille ist zu feige und springt in den sicher geglaubten Tod. Blöd nur, dass unter dem Fenster ein Müllwagen wartet und seine geheime Fracht auf der Deponie ablädt. Die Geschichte vom schwanzangehängten Günstling macht die Runde. Als das Ungetüm – so muss Corneille mittlerweile aussehen – eines Tages von Arbeitern entdeckt wird, scheint die Lage zu eskalieren…

In einer anderen Geschichte dringt Gary Victor ganz tief in die Seele eines Menschen ein. Frau und Kind sind weg. Bald auch sein Leben. Doch sein Tagebuch offeriert ein dunkles Geheimnis. Ameisen treiben den Junkie in den Wahnsinn. Nicht sein Schöpfer, sondern sein Programmierer scheint etwas Besonderes mit ihm vorzuhaben.

Und wenn Kokosnüsse wirklich den Weg vorzeichnen, sollte man Frauen mit Macheten aus dem Weg gehen. Dieser Ansicht ist der Autor der ersten Geschichte in diesem Buch.

Es bedarf einer ungeheuren Phantasie solche Geschichten zu erfinden und wunderbar vertraute Worte kleiden zu können. Wie ein Magier webt Gary Victor seltsame Begebenheiten in ein Netz aus feinster Gefühlsseide. Die Akteure halten die Webfäden teils mit zittrigen Händen fest, so dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt als offenen Mundes Seite für Seite zu verschlingen. Angst sich zu verschlucken muss keiner haben. Den Heimlichgriff beherrscht der Autor wie kein Zweiter. Blutüberströmt ohne vulgär zu sein, erregt ohne die Grenzen des guten Geschmacks auch nur anzukratzen und mystisch und schonungslos geradlinig zugleich sind die Geschichten in „Blutchor“.

Was sich auf dem ersten Blick wie die Biographie der Background-Sänger von Madonnas „Like A  Prayer“ anhört (schwarzer Jesus, der Blut weinnt – einer der inszenierten Skandale der 90er Jahre) , entpuppt sich schnell kurzweilige Meisterstücke der Stimme Haïtis, der von Gary Victor. Man hört die Stimmen, geht auf die Knie, schließt die Augen und seufzt wie ein Engel:  Fluchen sei an dieser Stelle bitte erlaubt: Verdammt, schon wieder ein Buch, das zu schnell ein Ende findet!

Jette, Jakob und die andern

Bilderbuch, paradiesisch, sorgenlos – stellt man diese Worte vor das Wort Kindheit, ist alles in Ordnung. Jette und Jakob können davon ein Lied singen. Ihre Kindheit ist paradiesisch, frei von Sorgen, wie im Bilderbuch. Doch die Idylle bröckelt. Sie sind in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Norddeutschland geboren.

Im Radio tönt der „Braune“ wie Mama ihn immer nennt. Das Leben geht weiter. Dann schickt der „Braune“ auch noch seine Männer auf den Hof. Das Leben geht weiter. Auf dem Hof wird’s eng. Immer mehr Familien suchen Unterschlupf, der ihnen bereitwillig geboten wird. Das bedeutet für Jette und Jakob mehr Spielkameraden. Gerade und besonders, wenn Papa wieder mal im Krieg unterwegs ist – Margret Steckel versteht es brillant und bisher kaum gekannt die vordergründigen Auswirkungen des Krieges auf ein Kind zu beschreiben.

Schule war bisher nur der Ort, vor dem man Angst hatte, weil dort so viel Neues war. Zum Glück hat Jette in Uschi eine Klassenkameradin, die auch außerhalb ihre Freundin ist. Das mildert den Eintritt in den neuen Lebensabschnitt. Denn Papa ist ja wieder mal im Krieg unterwegs. Doch die Zeit, in der der Krieg dann auch wirklich nicht da war, genauso wie Papa, ist vorbei. Stalinorgeln ist nicht nur ein neues Wort für die Kinder in der Schule und auf dem Hof. Es sind die dezibelüberschlagenden Boten einer grauen Zukunft.

Die kommt schneller als erwartet. Der Krieg ist aus. Die Briten stehen vor der Tür. Nette Typen, die Jette die ersten Fremdwörter beibringen. Dann kommen die Russen. Und mit ihnen ein weitreichende Veränderung.

Margret Steckel wurde in den 30er Jahren in Mecklenburg geboren. So wie Jette, Jakob und die andern. Somit steckt sicher auch eine ordentliche Portion Eigenerleben in diesem kleinen Büchlein. Sie erzählt die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg als Außenstehende aus der Sicht der Kinder. Die sollten „so was“ nie erleben! Ohne zu verniedlichen oder gar zu verharmlosen umschreibt sie eine Zeit, die eh schon düster genug war. Da muss sie nicht auch noch in die gleiche Kerbe hauen, möchte man meinen.

„Jette, Jakob und die andern“ ist ein mahnendes Buch. Auch wenn Kinder nicht alles und sofort einordnen können, nehmen sie Veränderungen wahr. Das „Wie sie damit umgehen“, ist die große Herausforderung für alle, die Verantwortung tragen. Margret Steckel nimmt diese Herausforderung an. Ihre Novelle macht Mut, lädt zum Schmunzeln, im gleichen Maße regt sie auch zum Nachdenken an.

Der schöne Heilige

Blasphemie! Heilige sind nicht schön, sie sind heilig! Doch das ist nicht die einzige Neuerung, die von diesem Roman ausgeht. Es ist Philippe Soupaults erster Roman, ein neuer Star am Literaturhimmel. Und – und das ist noch viel bedeutender – ein Hauch von Surrealismus schwingt in ihm mit.

Jean X und Philippe Soupault – einer der Hauptakteure heißt genauso wie der Verfasser – kennen sich von Kindesbeinen an. Sie mögen sich. Sind unzertrennlich. Und doch entwickeln sie sich in unterschiedliche Richtungen. Der eine will schreiben, der andere die Welt aus den Angeln heben. Jean X wird den ganzen Roman über unter dem Deckmantel des Pseudonyms Jean X verborgen bleiben. Wer jedoch schon ein paar Texte von Philippe Soupault gelesen hat – es empfiehlt sich also nicht mit „Der schöne Heilige“ die Entdeckungsreise ins Werk Soupaults anzutreten – kennt Jean X in und auswendig. Es ist der Autor selbst! Zusammengefasst: Philippe Soupault schreibt einen Roman über zwei Freunde, die beide gleichermaßen er selbst sind. Puh, das ist echt neu!

Soupaults (im Roman) Bewunderung für Jean X ist grenzenlos. Er ist fasziniert von dessen Ehrlichkeit und Forscherdrang. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist Paris. Hier treffen sie Michel Palmyre, der im echten Paris Guillaume Apollinaire hieß und Philippe Soupault, den Autor, zu seinen ersten Veröffentlichungen verhalf.

Es ist ein rechtes Auf und Ab in der Beziehung der beiden. Jean X treibt immer wieder in die Ferne. Als er endgültig verschwindet, ist Soupault betrübt, als einzige Hinterlassenschaft an den Freund hat der ihm sein Tagebuch hinterlassen. Dieses dient als Rechtfertigung über ihre Freundschaft öffentlich zu reden und zu schreiben. Denn Ereignisse, die man gemeinsam erlebt, haben nun mal zwei Seiten, von denen sie betrachtet werden können.

Wer erkannt hat, dass Jean X und Philippe Soupault ein und dieselbe Person ist, jeder mit einem eigenen Charakter ausgestattet, wird sich an „Der schöne Heilige“ nicht satt lesen können. Man streift durch das Paris der literarischen Avantgarde wie über ein Feld gerade frisch erblühter Blumen. Alles duftet so unschuldig. Man ist der erste, der zwischen den Blättern hindurch wandert. Und wenn man mal nicht weiter weiß, hilft einem der Autor Soupault den Hauptakteur Soupault zu verstehen. Wenn es noch einen Grund bedurfte Philippe Soupault anzupreisen – bitte sehr, hier ist er!

Die letzten Nächte von Paris

Es könnte schlimmer sein! Nur noch eine letzte Nacht in Paris. Und dann ganz viele Nächte nicht in Paris. Doch der namenlose Erzähler hat noch mehrere vor sich. Und die verbringt er mit Georgette. Beziehungsweise verbringt er sie nicht neben Georgette, sondern meist hinter ihr. Sie zu verfolgen, ihrem Sirenengesang zu folgen, ist sein Elixier.

Georgette ist des Nachts der schillernde Schmetterling, der das Dunkel der Nacht vergessen lässt. Tagsüber ist jedoch die graue Maus, die man sehr wohl wahrnimmt, aber nicht mit übermäßiger Beachtung beschenkt. Nicht Georgette allein machen die Nächte von Paris so eindrücklich. Es ist das Drumherum, das den Erzähler unmerklich in einen Strudel hineinsaugen, dem er nicht entkommen kann. Er befindet sich auf einer Reise, die man so nirgends buchen kann, auch wenn Georgette sich sonst für vieles bezahlen lässt.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Andernorts sind diese Jahre golden oder roaring. In Paris treibt der Erzähler in eine krimireife Zeit. In der Zeitung liest er von einem Matrosen, den die Polizei dingfest machen hat. Er den Freund seiner Freundin ermordet, zerstückelt und die Reste dessen menschlicher Existenz in der Seine entsorgt.

Octave, Georgettes Bruder, ist auch so ein Früchtchen. Wie einst Nero will er sich ein flammendes Denkmal setzen. Doch es wird dann doch die letzte Ruhestätte.

Und Volpe schießt den Vogel im Skurrilitätenkabinett ab. Er kann alles, kennt jeden, hat überall seine Finger im Spiel. Doch greifbar wird er niemals sein. All diese Typen und noch einige mehr trifft der Erzähler bei seinen Erkundungen Georgettes. Autark ist er schon lange nicht mehr. Das Milieu hat ihn gefangengenommen. Nur noch ein kleiner Schritt bis er selbst dazugehört…

„Die letzten Nächte von Paris“ sind Philippe Soupaults Liebeserklärung an Paris. Die Poesie seiner Worte hallen noch lange nach. Beispielsweise wenn er Georgettes Schatten als das wahre Licht ihrer Schönheit beschreibt. Oder wenn er vom albernen Xylophon der Bummler spricht. Wer Paris wie es einst war kennenlernen will, wer dem heutigen Paris auf den Grund gehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Picasso und die anderen spielten in Paris nicht mehr lange die große Rolle wie vor zehn, zwanzig Jahren. Montmartre und Montparnasse waren vom Künstler-Walhalla zum Spektakel für allerlei schaurige Gestalten verkommen. Der Mythos Paris kränkelte. Und Philippe Soupault kritzelt eifrig seine Fieberkurve.

Bitte schweigt

Hat man schon das eine oder andere Buch von Philippe Soupault gelesen, ist man geneigt ihm alles abzukaufen. Die Glaubwürdigkeit liegt über all seinen Werken. Ob er nun einen Glücksritter portraitiert, der das System, die Gesellschaft für sich selbst bestimmt und Bestehendes den Spiegel vorhält oder er sich mit seinen Verwandten anlegt, weil er schonungslos (ohne bewusst provozierend selbigen ein Bein zu stellen) ihr Leben aufdeckt – Philippe Soupault hat die political correctness in ihrer reinsten Form zur Kunstform erhoben.

Ein Chronist seiner Zeit, die er selbst verändern wollte und es auch tat – mit André Breton verfasst er „Die magnetischen Felder“, den ersten surrealistischen Text überhaupt – wollte er nie gewesen sein. Die autobiographischen Züge in seinen Werken sind unverkennbar. „Bitte schweigt“ kann getrost in „Bitte schwelgt“ umbenannt werden. Denn schweigen, diesen Wunsch muss man Soupault abschlagen, kann man nicht.

Gedichte, Poesie ist schwer einzuordnen, schwer zu beschreiben oder gar zu bewerten. Viele versuchen es immer wieder, doch der Kreis der Rezipienten, die die Wertung auch verstehen, bleibt überschaubar. Denn Gedichte verstehen ist das Eine, sie zu interpretieren das Andere. Beides wird niemals vollständig entschlüsselt werden.

Und so kommen die Gedichte wie ein frischer Wind daher. Kein „Reim Dich oder ich beiß Dich“, sondern wohlformulierte Zeilen, die zum Nachdenken anregen. Arthur Rimbaud umschrieb das Dichten als Fähigkeit zum Sehen. Ja, schon dieser kurze Satz ist nicht einfach in Alltagssprache zu übersetzen. Sehen kann jeder, dessen Augen funktionieren. Eine naturwissenschaftliche Voraussetzung. Doch Dichten, (Ge-)Dichten ist mehr als pure „Formuliererei nach Formeln“. Die Fähigkeit Gesehenes mit Gefühlen in Verbindung zu setzen, ist mehr als nur eine Grundvoraussetzung. Womit wir schon wieder bei Formeln und Regeln sind.

Die Gedichte und Lieder in diesem Buch, die Philippe Soupault vielen seiner Weggefährten wie Guillaume Apollinaire, Blaise Cendrars, Tristan Tzara oder André Breton widmete, liest man mehrmals. Nicht ums sie einfach nur „verstehen zu können“, sondern weil sie es wert sind öfter gelesen zu werden. Und wenn man dann irgendwann einmal in Montparansse oder Montmartre an den Wirkungsstätten dieser Köpfe vorbeischlendert, wünscht man sich dieses Buch zur Hand zu haben und das eine oder andere Gedicht zu lesen.

 

Bushäuschen in Georgien

Würde es Katie Melua nicht geben, hätte Eduard Schewardnadse nicht so aktiv an der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt, man wüsste nichts von Georgien. Im Kaukasus liegt das Land. Stalin kam von hier. Fußballfans erinnern sich noch an epische Matches von Dynamo Tblissi. Aber das war’s dann auch schon.

Wer interessiert sich schon für Georgien, könnte man ketzerisch fragen. Finns halten es mit Finnland. Franks mit Frankreich und Georgs mit Georgien – könnte man meinen. In diesem Fall stimmt es aber. Georges Hausemer kennt Georgien, hat viel gesehen und viel darüber geschrieben. Viele Reportagen, die man in Tageszeitungen und Büchern noch einmal nachlesen kann. Vergessen all die Anstrengungen von Politikern (aus welchen Gründen auch immer) verpuffen im Nachrichtenwust des Schreckens. Und da springt Georges Hausemer in die Presche.

Bücher über Georgien gibt es sicherlich viele. Ganz sicher mehr als über andere Kaukasusrepubliken. Da ist es schwer eine Nische zu finden. Trara! Hier ist die ultimative Nische! „Bushäuschen in Georgien“ – auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Wer denkt bei Georgien schon an Bushäuschen? Naja, einer, ein Luxemburger, der sein Land als das großartigste Großherzogtum der Welt beschreibt. Der Titel erregt Aufsehen. Und blättert man ein wenig darin herum, ist man überrascht. Denn europäische Nahverkehrsnetze funktionieren (meistens), ihre Haltepunkte sind durchgestylt, austauschbar, bieten Schutz vor Regen und geben Auskunft über die Fahrzeiten. Georgische Nahverkehrsnetze funktionieren meistens nicht. Die Haltstellen oder Bushäuschen sind nicht genormt. Schutz vor Wind und Wetter bieten sie auch nur sporadisch. Und Auskünfte sucht man in der Regel vergebens. Aber, und das kann man gar nicht oft genug betonen und hervorheben: Sie haben Charme. Und eine Geschichte. Nicht immer die Gleiche, zum Glück, nicht immer mit Happy End, doch sie haben Geschichten.

Selbst Einheimische wie Dato, der Fahrer und Dolmetscher des Weltreisenden Hausemer sind erstaunt, was da alles in der Gegend rumsteht. Sie sehen aus wie eine Guillotine, sind aus Baggerschaufeln wild zusammengeschustert worden, bieten Eseln einen trostlosen Rastplatz oder wurden im wahrsten Sinne des Wortes in (nicht auf oder vor oder neben) der Natur erbaut. Die süffisanten Texte von Georges Hausemer erlegen den letzten Zweifler am Nutzen dieses Buches, sofern es sie je gab. Nie wurde ein Land – übrigens Partnerland der Frankfurter Buchmesse 2018 – so eindrucksvoll durch die Hintertür einem breiten Publikum zugängig gemacht. Im Jahr 2017 ging der bedeutendste Literaturpreis Luxemburg, der Prix Batty Weber an Georges Hausemer für sein Lebenswerk. Und während in Georgien so mancher beim Warten auf den nächsten Bus – und das kann dauern – darüber nachdenkt, was der neugierige Ausländer, der so eifrig die avantgardistischen Hinterlassenschaften der UdSSR aus Beton, die wellblechbedachten Treffpunkte der Busnutzer, die verlassenen Orte des Stillstands fotogarfiert, so treibt, hat der bestimmt schon wieder den nächsten Coup in Gedanken fast abgeschlossen. Die georgischen Buchmesseteilnehmer 2018 werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.

Der Minutenschläfer

Was ein Name: Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen. Ganz altes Adelsgeschlecht. Tief in deutscher Geschichte verwurzelt. Piekfein. Weiß nicht, was „die da unten“ alles so treiben. Sollte man meinen, wenn man den Namen liest. Doch Hasi, so wird Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen von allen gerufen, schlägt ein wenig aus der Art. Neunundzwanzig Jahre, Radfahrer, abgebrochenes Studium, dem Geldsegen abgewandter Hans-Guck-In-Die-Luft. Ein Freund bietet ihm an in seiner Immobilienfirma zu arbeiten. Ohne Erfolg. Hasi ist zu ehrlich. Statt seinen potentiellen Kunden die Vorzüge der gezeigten Immobilie anzupreisen, weist er auf die Mängel hin. Auch dazu scheint er nicht gemacht. Und dann auch noch das: Ein Wagen schneidet ihn, Hasi liegt im Gebüsch. Und die Polizei, die zufällig gerade vorbei patrouilliert, hält ihn für einen Dieb, der gerade seinen nächsten Coup plant.

Nur kurze Zeit später muss Lydia Klimm, die Chefin der achten Mordkommission die Leiche einer jungen Frau identifizieren. Sie kennt die Eltern des jungen Dings, das auch nicht gerade vor Ehrgeiz strotzt. Den Silberlöffel im Mund will sie lieber mit ihrem Freund am Mittelmeer eine Kampfschule eröffnen. Kämpfen kann sie, nur eben nicht gut genug, um einer Diebesbande (dieses Mal ist es echt!) das Handwerk zu legen. Das japanische Küchenmesser teilt ihre Kehle. Und nun kommt Hasi wieder ins Spiel.

Lydia Klimm passt eher zum Ruf von Hasis Familie, oberflächlich betrachtet: Für die Witwe ist es bis zur Rente nicht mehr weit, sie fährt einen noblen Sportwagen, und sie ist in der Berliner High Society bzw. mit ihr vertraut.

Ebenfalls gut vernetzt ist Hasi. Alle mögen ihn, bieten ihm ihre Hilfe an, doch Hasi ist ein Schlawiner. Wenn’s brenzlig wird, also eine Arbeit in Aussicht ist, sucht er das Weite. Doch jetzt hängt er am Haken. Ein Sommerjob. Wie aufregend. Er soll eine Villa hüten. Eine Villa mit Stil und so mancher Kostbarkeit. Also keine richtige Arbeit. Blöd nur, dass in der Nachbarschaft eine junge Frau ermordet wurde und Hasi irgendwie auf die Fahndungsliste gekommen ist. Sogar an erster Stelle.

Und dann wird ein Matisse gestohlen. Eine Frau liegt in einer Blutlache. Hasi ruft die Polizei, die jedoch wenig erfreut ist als sie feststellt, dass da gar keine Leiche liegt. Alle sehr mysteriös in Milljöh!

Hasi hat es nicht leicht, doch nimmt es ebenso. Noblesse oblige. Der Geldadel hingegen, die Neureichen, die protzig-prolligen irgendwie zu Geld gekommene Mischpoke, juckt Hasi wenig. Wie alles im Leben nimmt er sie hin. Manchmal profitiert er von ihnen, manchmal aber auch kann sie ihm sehr gefährlich werden.

Sue und Wilfried Schwerin von Krosigk – kein Wunder, dass ihr Held Hartung Siegward Graf von Quermaten zu Oytinghausen heißt – haben einen Helden geschaffen, der nicht so recht ins Bild passt. Wohl erzogen, stilsicher, ehrlich in einer Welt, die besonders letzteres überhaupt nicht zu sein scheint. Nein, sie ist es nicht. Irgendwie wünscht man sich so einen zu kennen. Andererseits sind solche Schnorrer aber auch eine Plage. Als Leser schaut man zu und amüsiert sich über die Tolpatschigkeit von Hasi, ist baff von seiner Überlebenskunst und fasziniert von den Gedankengängen der erfahrenen Ermittlerin, die ihre Kollegen gern mal „Ihr Lieben“ nennt. Und wer weiß, vielleicht wird aus Hasi ja noch was?! Mal sehen, wie es weitergeht.

Ein großer Mann

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und jede auch noch so strahlende Familie muss sich mit einem schwarzen Schaf herumplagen. Der Seidenfabrikant Gavard gehört zu den Oberen Zehntausend im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts. Eines Tages werden seine Söhne Guillaume und Michel den Laden übernehmen und den Reichtum mehren. Lucien hingegen, der Nachzügler wird wohl eher nicht ins Geschäft einsteigen. Er ist das schwarze Schaf, der Taugenichts. Doch aus dem Taugenichts, der an Wochenenden nicht mit Spazierengehen darf, der aus der Schule genommen wird (sollte eine Strafe sein … der Schuss sollte gewaltig nach hinten losgehen), der aber handwerkliches Geschick wie kaum ein Zweiter besitzt, soll einmal ein großer Mann werden.

Ein kleiner Schuppen dient Lucien als Experimentiergarage. Eines Tages tost er mit einem nicht nur sprichwörtlich großen Knall aus dieser Garage heraus. In einem Auto, einer Teufelsmaschine, jedoch von ihm selbst entworfen und gebaut. Wird doch noch was aus dem Jungen? Der Vater stirbt, Michel steigt bei Gavard, der Autofabrik, zu der sich die Garage mittlerweile gemausert hat, ein. Guillaume wird bald folgen. Bei einer Verfolgungsjagd während eines Autorennens stirbt Michel. Ein trauriger Tag im Privatem, geschäftlich ein Scoop. Jede Zeitung berichtet vom tragischen Unfalltod. Die Auftragsbücher sprengen die Vorstellungskraft. Fehlt nur noch der private Erfolg.

Der kommt in Form von Claire daher. Hübsch ist gar kein Ausdruck für die zarte Fünfundzwanzigjährige, die das Herz des Fünfzigjährigen Lucien erobert. Hübsches Beiwerk zum hübschen Anwesen, das ganz hübsch ins hübsche Bild des erfolgreichen Unternehmers im Glanze des Erfolges passt. Doch das Gesetz von Licht und Schatten kann auch Lucien nicht außer Kraft setzen…

Seine Arbeiter – er betrachtet sie wirklich als „seine“ – streiken. Steine fliegen, Scheiben gehen zu Bruch, wer sich den Arbeitern in den Weg stellt, wird verprügelt. Claude ist ihm in dieser Zeit nur im Weg. Er hat nur eine Liebe, und hat Schornsteine, verpestet die Luft und sorgt für Bewegung.

Ralph Putnam ist die Rettung für die junge Strohwitwe, die sich nicht damit abfinden kann nur als schmückendes Beiwerk des Großindustriellen, des großen Mannes zu gelten. Ganz Paris schwärmt von Putnam, dem charmanten Tenor, dessen Gesang verzaubert und dessen Aussehen die Frauen scharenweise schwärmen lässt. Dass er ein „Negertenor“ ist, verstärkt nur den Reiz. Einen Reiz, dem sich auch Claude nicht vollends entziehen kann. Derweil geht Lucien neue Wege…

Wem die Geschichte des Autobauers ein wenig bekannt vorkommt, dem sei versichert, dass Philippe Soupault sehr wohl ein reales Vorbild für seinen Romanhelden im Auge hatte. Und zwar seinen Großonkel. Vielen ist der als Louis Renault bekannt.

Der Neger

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Mann bringt eine Prostituierte um, wird aber nicht bestraft. Punkt. Aus. Ende. Das ist dann aber kein Stoff für eine Geschichte. Auch wenn der Titel noch so sehr für Aufregung sorgen sollte.

Der namenlose Ich-Erzähler dieser Geschichte trifft eines Tages Edgar Manning. Er ist der Neger. Ein großer, grober Kerl, der das Leben genießt. Laut und kräftig, rauchend und trinkend. Es war Schicksal ihn zu treffen. Ein Freund, ein Reverend, hat ihn kurz vor seiner Abreise vor diesem Edgar Manning gewarnt. Er, Edgar, hat die Angewohnheit Menschen in seinen Bann und mit in den Abgrund zu ziehen.

Doch es kommt anders. Da steht er: Breitbeinig, breitschultrig, bereit das Leben mit seinen Pranken zu verschlingen. Die Frauen liegen ihm zu Füßen. Edgar ist Drummer in einer Jazzband. Das sagt er, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Doch sein Geld verdient er mit Drogen und Mädchen. Beides verkauft und benutzt er.

Edgar, der Neger, der Afrika nur symbolisiert und mit Nichtem im Herzen trägt trifft Europa. Sie ist Prostituierte und ihm anfangs willig, später ist sie tot.

Alles geht rasend schnell in diesem Kurzroman. Philippe Soupault hetzt in seinem Erstling den Erzähler von ein Ah zum nächsten Oho. London, Paris, Barcelona, Lissabon – egal, wohin der Erzähler auch geht, Edgar Manning ist schon da. Mal Musiker, mal schwer schuftender Malocher. Und immer mit einem Geheimnis gesegnet. Und immer mit offenen Armen für den Freund. Oder doch Fremden? Edgar ist ein Außenseiter, ein Exot, Outlaw, immer jemand, der die Gesetzmäßigkeiten missachtet und eigene Regeln aufstellt. Freunde hat er nicht. Dem Erzähler begegnet er mal distanziert, ein anderes Mal überhäuft er ihn überschwänglich mit Umarmungen. Dem Erzähler schwinden die Kräfte Edgar Manning einordnen zu können. Und so schaut er ihm mit großen Augen beim Leben zu.

Philippe Soupault ist der vergessene Mitbegründer der Surrealisten um André Breton und Louis Aragon. Guillaume Appolinaire gehörte zu seinem Freundeskreis, ihm verdankte er seinen Durchbruch als Literat. „Der Neger“ ist ein Gleichnis. Nicht umsonst heißt die Ermordete Europa und der Mörder ist der Neger. Heinrich Mann lobt im Vorwort die Tiefe dieses Romans im Speziellen und die des Werkes im Allgemeinen. Philippe Soupault zu lesen, bedeutet vor allem eines: Eine Nähe zum Autor und seinen Protagonisten aufzubauen ohne zu viel Vertrautheit aufkommen zu lassen. Der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz wird bei Soupault wie durch Zauberkraft aufgehoben. Edgar Manning ist keiner, mit dem man am Tisch sitzen möchte. Aber es bereitet eine diebische Freude ihm zuzusehen. Sympathie? Nicht unbedingt. Neugier? Auf alle Fälle.

London Calling

Irgendwie kommt einem alles so seltsam bekannt und im gleichen Atemzug auch wieder fremd vor. „London Calling“ – Klassiker des Rock, des Punk – und dann die Frau auf dem Buchcover, schon mal gesehen. Annette Dittert war die viel zu wenig beworbene Internetwaffe der Tagesschau auf dem Weg in die Moderne. Ihr Blog „London Calling“ war für die, die ihn kannten Pausengespräch, Informationsquelle, Flucht in eine gar nicht so ferne Welt, die erst durch ihre Reportagen näher rückte. Damals war Großbritannien noch nicht Brexitannien. Heute lebt Annette Dittert an Elbe und Themse gleichermaßen.

Das Buch „London Calling“ ist keineswegs der Rückschritt in die Vergangenheit, das Internet – ihr Blog – war nur die Grundlage dafür. Wer London besuchen will, muss sich vorher informieren. Die Stadt ist vollgepfropft mit Attraktionen, wer eine verpasst, trägt schnell den Stempel „Du warst ja gar nicht da!“ auf der Stirn.

Annette Dittert arbeitete als Korrespondentin in Warschau, New York und eben London. Warschau, das war die Stadt im Umbruch. New York, der urbane Wahnsinn der Veränderung, und in London, so scheint es, sind die Wurzeln der Vergangenheit gleichzeitig die Knospen der Zukunft. Und mittendrin Annette Dittert. Die Sprachbarriere war nicht existent. Die Neugier groß, der Forscherdrang die Triebfeder und mit der ihr eigenen Energie und Eloquenz machte die Autorin London zu ihrer Heimat. Um dem Wahnsinn der Preistreiberei zu entgehen, und auch um sich London eigenwillig anzueignen, bezog Annette Dittert ein Hausboot. Wer den Blog kennt, kennt auch Emilia. Emilia, das Hausboot. Dort lebt Annette Dittert noch heute.

Doch „London Calling“ ist keine Liebeserklärung an das Hausboot, es ist eine Liebeserklärung an London, die Metropole, die zum Sinnbild der Abspaltung, des gefräßigen Kapitalismus und der Internationalität geworden ist.

Das Buch beginnt mit dem Referendum zum Brexit. London wollte drinbleiben und London entschied sich für den Ausstieg. Und das obwohl Großbritannien schon immer einen Sonderstatus in der EU hatte. Worüber regen sich also alle auf? Im Zug werden Tränen vergossen, als Zugreisende merken, dass die Frau, die das gerade mit der Heimat telefonierte, Deutsche ist. Sie entschuldigen sich bei ihr, machen ihrer Angst Luft. Kurz nach ihrer Ankunft wird Annette Dittert ins Castle eingeladen, also in eine Wohnung, die den Briten heilig zu sein scheint, in der sie niemals spontan, und schon gar keine Fremden einladen. Da kann man sich noch so gut vorbereiten – London ist immer für eine Überraschung gut. Und „London Calling“ hat davon gleich Dutzende in petto.

Selten gelingt es Autoren eine Stadt so zu portraitieren, dass man als Leser auf lange Sicht hin etwas davon hat. Wer sich bei Annette Dittert einhakt und sich ihr London zeigen lässt, wird die Stadt schnell als Heimat empfinden. Der Lockruf der Großstadt war noch nie so intensiv!