Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.

Brief an Matilda

Es ist nicht vielen vergönnt die Urenkel beim Erkunden der Welt zusehen zu dürfen. Auch Andrea Camilleri fühlte sein Ende nahen. Doch Matilda, seine Urenkelin, durfte er noch in den Arm nehmen. Im Bewusstsein, dass auch seine Zeit begrenzt ist, er und Matilda sich wahrscheinlich nie ernsthaft miteinander unterhalten können, fasste er den Entschluss und verfasste einen – sehr langen – Brief an sie. Auch wenn sie ihn nicht sofort lesen könne, so soll er ihr, wenn die Zeit reif ist, Uropas Entscheidungen nachvollziehbar machen.

„Brief an Matilda“ ist das Resümee eines der größten Schriftsteller Italiens, Europas und der Welt. Die Schlichtheit der Worte fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Matilda ist die Adressatin, sie soll ihn verstehen. Dass Andrea Camilleri die Welt an seinem Leben noch einmal teilhaben lässt, ist einmal mehr ein Indiz dafür, dass er ein Menschenfreund durch und durch war.

Auch er hatte dunkle Zeiten zu durchleben. Den Musolini-Faschismus durchschaute er rasch. Und er wurde Kommunist, was er bis ans Lebensende blieb. Auch das brachte ihm so manche Knüppel ein, der ihm zwischen die Beine geworfen wurde. Im Gegenzug hatte er aber auch Gönner und Freunde, die sein Talent erkannten und vor allem förderten, so dass er eine lebenslange Anstellung bei der RAI, dem staatlichen italienischen Rundfunk innehatte.

Seine Anfänge als Schriftsteller waren steinig und schwer. Bis ihm Montalbano über den Weg lief. Ein, zwei Romane. Mehr sollten es nicht werden. Doch die Fernsehserie und die Buchreihe ließen ihn umstimmen.

Von den Studentenrevolten der 68er über die Entführung des Ministerpräsidenten Aldo Moro bis hin zur Machtergreifung Berlusconis hat Andrea Camilleri die unterschiedlichsten Epochen Italiens miterlebt und teils mitbestimmt. Nur als Politiker wollte er sich nicht instrumentalisieren lassen. Ein Wahlerfolg wäre mehr als vorhersehbar gewesen. Doch wollte Camilleri nicht seine Leidenschaft – das Schreiben – an den Nagel hängen. Über hundert Bücher hat er geschrieben. Den Mund hat er sich allzu oft verbrannt. Mit der Mafia hat er sich angelegt. Mit einer Krimireihe erlangte er Weltruhm. Die historischen Romane waren ihm seine liebsten.

Jede Zeile, jedes Wort in diesem sehr langen Brief an seine Urenkelin Matilda sitzt unverrückbar. Es ist die Liebe, die in den Zeilen und sogar in den Zwischenräumen allgegenwärtig ist. Sie ist es auch, die man stets mit dem im Sommer 2019 verstorbenen Charmeur und Romancier in Verbindung bringen wird.

Der letzte Satz des Buches, in dem er Matilda auffordert ihm zu berichten, treibt einem die Tränen in die Augen. Denn Matilda lernt nun erst Lesen. Wann sie den Brief – dieses Buch – lesen kann, es verstehen kann, wird noch ein wenig dauern. Doch auch sie wird in dem Autor einen Menschen erkennen, den man gekannt, zumindest jedoch gelesen haben muss!

Linz abseits der Pfade

Als Donaumetropole steht Linz in direkter Konkurrenz zu Wien. Da verwundert es wenig, dass Linz immer ein wenig belächelt wird. Oft verschmäht. Der große Thomas Bernhard und der nicht minder kolossale Helmut Qualtinger machten ihren Unmut über die Stadt Luft. Vor dreißig, vierzig Jahren musste sich Linz noch unter einer Smogglocke verstecken. Seit 2009 – dem Jahr, in dem Linz sich als Kulturhauptstadt Europas ein Jahr lang präsentieren durfte – hat sich das Bild und auch das Image der Stadt gewaltig verändert. Und trotzdem: Linz bringen die meisten immer noch allein mit der gleichnamigen Torte in Verbindung. Und deren Image, dass sie staubtrocken sei.

Georg Schwarzbach räumt mit so manchem Vorurteil über die Stadt auf. Als pulsierende Metropole kann man Linz sicher immer noch nicht bezeichnen. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner sehen das vielleicht anders. Auf geradem Wege erkennt man die Helligkeit der Stadt auf den ersten Blick. Doch wer links und rechts des Pfades ein Auge riskiert, wird viel mehr erkennen als das, was eh schon jeder aus dem Internet und der einen oder anderen Reportage kennt. Allerorten laden kleine Cafés zum Verweilen ein. Wer Glück hat, bekommt aufstrebende Bands zu Gesicht. Vor fast dreißig Jahren gastierte hier eine Band, die mit ihren schrammelnden Gitarren einmal die Welt erobern sollte: Nirvana. Auch David Bowie bevorzugte im Sommer 1990 Linz statt Wien.

Ein Kunstmuseum hat man sich vor zehn Jahren als Kulturhauptstadt Europas gegönnt. Besonders des Nachts ein leuchtendes Spektakel, das einen innehalten lässt. Doch dafür benötigt man nicht diesen Reiseband. Es sind die kleinen Läden, Clubs und Restaurants und deren Geschichten, die einen Aufenthalt in Linz so besonders machen. Kennt man sie nicht, weil dieses Buch im Reisegepäck fehlt, beschleicht einen doch schnell das Gefühl etwas verpasst zu haben. Denn dann ist Linz in zwei Tagen ausreichend erkundet.

Georg Schwarzbach beweist, dass man durchaus ein paar Tage mehr hier verbringen kann. Die Donau flussab- oder aufwärts, beiderseitig findet man das, was allgemein als Geheimtipp betitelt wird. Bruckner- und Stifterhaus gehören zum Rundgang dazu wie die Erinnerung an Warmer Hans, wo man Kafka verspreisen konnte. Klingt ziemlich irre. Kennt man die Hintergründe könnte man sich fast schon als Linzer fühlen.

Dieses kleine Büchlein tut mehr für Stadt Linz als so mancher Tourismusmanager. Es zeigt eine Stadt, die viele nicht auf dem Plan haben. Mal ein Abstecher, dafür ist Linz immer gut. Doch in die Stadt eintauchen, zwischen Klischee und Realität den Charakter der Stadt erschnuppern, erlaufen, aufsaugen – da reichen nun mal keine bunten Prospekte und Apps. Da braucht es ein Buch wie dieses.

Kalabrien Basilikata

Wenn man den Ball mit besonders viel Pfiff spielen will, muss man ihn am Spann nehmen. Dort entwickelt er dann die meiste Energie. Alte Fußballerweisheit.

Nimmt man Italien am Spann, trifft einen auch gleich die gesamte Wucht des Stiefels. Und genau dort ist Kalabrien. Dummerweise in der jüngsten Vergangenheit von vielen Medien als Ausgangsort der Kriminalität verteufelt. Sicher spielt die ’Ndrangheta hier eine gewichtige Rolle. Doch deshalb auf einen der schönsten Flecke der Erde verzichten? Keine Angst – als Besucher der Region, der seine Nase nur in den Wind steckt, muss man nichts und niemanden fürchten.

Peter Amann hat die südlichsten Zipfel Italiens – Kalabrien und Basilikata – genau erkundet und auf fast sechshundert Seiten das zusammengefasst, was sehenswert ist, was man unbedingt sehen muss und an welchen Stellen man besonders die Augen offenhalten sollte. Sechshundert Seiten, das liest man nicht mal eben schnell durch, reist und kehrt zufrieden zurück. Solch einen Reiseband liest man mit Bedacht. Oder man nutzt ihn als Wegweiser, um die Reiseroute so genau wie möglich zu erstellen. Hat man diese erste Hürde genommen, hält man einen spannenden Reiseband in den Händen, der einem in ruhigem Fahrwasser die schönste Zeit des Jahres genießen lässt. Selbst wenn man einfach nur so die Seiten durch die Finger rinnen lässt und zufällig auf einer Seite stoppt, gerät man in Erklärungszwang, warum man so geistesabwesend vor sich hingrinst. Beispiel gefällig? Cosenza. Keine Stadt, die man auf dem Plan hat, wenn man nicht schon einmal intensiver eine Karte von Süditalien inspiziert hat. Gotenkönig Alarich soll hier seinen sagenumwobenen Schatz verloren haben. Wir reden hier von Tonnen von Gold! Bisher wurde der Schatz noch nicht gefunden. Aber so ein bisschen Legende schürt die Abenteuerlust enorm. Ein Dutzend Seiten widmet der Autor der scheinbar unbekannten Stadt, und schon bekommt man das Gefühl, dass man mehrere Tage hier verbringen kann, ohne auch nur eine Sekunde der Langeweile anheim zu fallen. Allein die Kirchengemäuer können stundenlang aus ihrem ereignisreichen Leben berichten. Die Stadt ist immerhin fast zweieinhalb Jahrtausende alt.

Karten, Skizzen, unendlich viele Abbildungen und eine Unmenge an Informationen dazwischen machen es einem leicht Kalabrien und Basilikata in vollen Zügen – ohne selbst in selbigen zu sitzen – genießen zu können. Immer wieder wird der Informationsaustausch zwischen Autor und Leser durch kleine Infokästen mit Anekdoten und Hintergrundwissen unterbrochen. Die Lese-Aha-Balance ist immer in der Waage.

Am anderen Ende der Stadt

Pures Lebensgefühl, keine Einschränkungen am Horizont – so wuchs Pascal auf. So beschrieb Gérard Scappini es in den Kindheitserinnerungen „Ungeteerte Straßen“ – so eindrucksvoll, so kindlich naiv, so lyrisch. Das Leben geht weiter. Die ungeteerten Straßen sind passé. Das Wohnsilo am anderen Ende der Stadt ist klinisch rein. Und hier ist das neue Zuhause. Und es ist durchorganisiert. Findet sein Vater. Er und seine Mutter, und auch seine Schwester, sehen nur die grauen Betonblöcke einer anonymen Trabantenstadt. Fernab von den Freunden, die immer noch auf ungeteerten Straßen ihren Weg suchen.

Der Nachfolgeband, der die Jugend im Beton-Quartier beschreibt, muss sich Pascal anstrengen, um Schönes zu finden. Seine Mutter lenkt sich ab, indem sie einkauft, damit es im Betonklotz halbwegs gemütlich wirken kann – mit ordentlich Wut im Bauch, denn auch sie vermisst die Unregelmäßigkeiten des Lebens im alten Zuhause. Pascal durchlebt binnen kürzester Zeit eine Achterbahn der Gefühle. Der Englischlehrer ist ein Sadist. Die Züge auf dem Bahnhof sind viel interessanter. Missbrauch und erste Liebe liegen bei Pascal so eng beieinander, dass er kaum noch unterscheiden kann. Er weiß nur eines: Den Mund halten hilft. Trauer und jugendlicher Übermut wechseln sich derart schnell ab, dass man – ob man nun will oder nicht – das Buch doch das eine oder andere Mal beiseitelegen muss. Die von Vater verordnete Frischzellenkur bringt der Familie erstmal nur Sorgen. Sorgen, wie sie nur ein Teenager haben kann. Sorgen, die der Familie nicht gut tun.

Hat man sich an dieses atemlose Schreiben gewöhnt, kann man den Zeilen wieder genussvoll folgen. Vor Jahren spielte Pascal noch auf unebenen Straßen, jetzt ist das Leben selbst uneben wie ein pickeliges Teenagergesicht. Der glatte Asphalt hat so gar nichts, was nach Leben aussieht! Die Schule lässt Pascal bald hinter sich. Unfreiwillig. Die Arbeit im Arsenal – naja. Bringt Geld. Dass jedoch bringt Pascal auch schnell durch.

Eine Jugend in Frankreich lautet der Untertitel des Buches. Die Fröhlichkeit der Kindheit ist der Schroffheit der Jugend gewichen. Altes ist vergessen, das Neue zeigt noch nicht sein wahres Gesicht. Und so schließt „Am anderen Ende der Stadt“ mit dem schlussfolglichen Cliffhanger: Einberufung zur Armee!

Ilona kam mit dem Regen

Was tun, wenn man in Panama gestrandet ist? Essen, trinken, essen, trinken, trinken, schlafen. Der Gaviero Maqroll hat es nicht einfach. Fern vom heimatlichen Kolumbien steckt er nun fest in Panama. Die Taschen leer, den Kopf voller Ideen. Da läuft ihm eine Freundin über den Weg. Gerade im Philosophieren (ach ja, sein Leben besteht nicht nur aus essen, trinken und schlafen, sondern auch Welten erklären) ist Ilona der Blitz in dunkler Nacht. Welch eine Freude! Doch die Freude währt nur kurz, auch mit Ilona ist das Leben in Panama nicht entscheidend erträglicher geworden. Aber es wird um die Komponente Liebemachen bereichert… Der Gaviero Maqroll ist leidlich zufrieden. War das eigentlich ein Zeichen, dass der Himmel sich auf- und Ilona einmal mehr in sein Leben trat?

Gerade als die beiden wieder einmal dem Leben auf der Straße nachschauen und Stewardessen beim Einchecken im Hotel beobachten, platzt Ilona mit einer donnernden Idee heraus. Er solle still sein und sich ihre Idee erst bis zum Ende anhören. Ein Stundenhotel für Stewardessen! Kein echten Stewardessen, natürlich. Sondern eben Mädchen, die in den echten Uniformen ähnelnder Arbeitskleidung den „Fluggästen“ die Wartezeit ein wenig versüßen könnten. Passagier und Bordpersonal würden einen geringen Obolus entrichten, den Ilona und er einstreichen könnten. Wenig Einsatz, viel Ertrag – Maximalprinzip nennt das der Marketingfachmann.

Famose Idee! Finden beide. Bis schon nach kurzer Zeit ein echter KLM-Pilot nach der KLM-Stewardess fragt. Famos ist die Idee immer noch, aber an den Feinheiten muss noch gefeilt werden. Schließlich geht es um ein Ticket raus aus der Langeweile und zurück ins Leben.

Das hat sich Larissa schon gezogen. Sie kam mit der Lepanto hierher, hatte von der Villa Rosa gehört, dem Bordell, das man gründet, wenn man sich in Panama langweilt. Ihre Reise ist nicht minder abenteuerlich als das des Gaviero Maqroll. Ab und zu mietet sich in der Villa Rosa ein. Stundenweise. Doch schon bald ist sie die Alleinunterhalterin der beiden gelangweilten Hotelbesitzer. Doch ihre Aura versprüht keinen Liebreiz. Es ist die Gefahr, die den Gavier in der Nase kitzelt. Wie recht er doch behalten soll…

Álvaro Mutis lässt zum zweiten Mal seinen Gaviero Maqroll das Leben die ganze Geschmackspalette des Lebens kosten. Ein bisschen zu bitter für den ausgemachten Abenteurer, der wie ein Tom Sawyer wirkt, der niemals erwachsen werden will. Gedankenverloren und weltentrunken ist er das Paradebeispiel eines niemals desillusionierten Lebemannes, der dem Leben immer eine Zitronenlimonade ab(w)ringen kann.

Zürich abseits der Pfade

Dieser Reiseband wird für Enttäuschungen sorgen! Und zwar bei denen, die schon in Zürich waren und dieses Buch nicht dabei haben konnten. Denn dieses Buch verzichtet auf die großen Sehenswürdigkeiten wie Frauenkloster und Bahnhofsstraße – ohne sie dabei aus den Augen zu verlieren – und zeigt eine Weltstadt, die gern ihre Türen öffnet und den Blick auf die eigene Geschichte freigibt.

Bettina Spoerri und Miklós Klaus Rózsa sind immer an der Seite des Lesers, wenn es gilt Barrikaden aus dem Weg zu räumen. Jedes noch so unauffällige Haus, an dem man ohne dieses Buch achtlos vorüberlaufen würde, führt im Lebenslauf eine kuriose Geschichte mit sich. Die Stadt an Limmat und gleichnamigen See genießt heute den Ruf die Stadt mit einem der teuersten Pflaster zu sein. Das stimmt größtenteils auch. Selbst für den kleinen Hunger bringen die Münzen schon einiges an Gewicht auf die Waage. Was der Attraktivität Zürichs aber nicht abträglich ist.

Wie Forscher durchläuft man schon beim Lesen Straßen, Gassen und überquert Plätze, die man selbst als Transitstrecke sonst nur wahrnimmt. Dass hinter den Mauern und Fassaden teils Weltgeschichte geschrieben wurde, wird beim Queren nur allzu oft übersehen.

Von der Badekultur der Stadt über alte Kinos, Genossenschaften, lauschige Restaurants bis hin zu Architektursünden, Kapitalismuskritik und idyllischen Ausblicken, die die Zürcher gern den Besuchern überlassen – hier wird der Titel so ernst genommen wie selten in einem Buch. Abseits gucken und staunen, ohne selbst im Abseits zu stehen, das ist der große Vorteil, den man als Buchbesitzer und Zürichbesucher genießen kann.

Immer wieder vertiefen sich die beiden in ein Zwiegespräch, dass vom Leser aktiv belauscht werden darf. Mit den Augen an den Fassaden klebend oder im Buch blätternd, schlendert man durch eine Stadt, die sich im Zwiespalt eingerichtet hat. Auf der einen Seite Mietpreise, die viele ins Umland treibt, auf der anderen Seite wiederum eine entspannte Atmosphäre, die jeden Tag wie einen Erlebnistrip erscheinen lässt.

„Zürich abseits der Pfade“ ist kein klassischer Reiseband mit Grafiken und allerlei Buntmalerei. Hier sprechen die Worte zum Leser. Immer wieder muss man wegen der Fülle der Informationen kurz innehalten. Vielleicht dabei ein Eis schlecken – mal sehen, wem neben den Autoren das besondere an den Eiswagen auffällt? – oder einfach nur auf der Bank sitzen. Was man allerdings nicht machen sollte, ist diesen Band außer Acht lassen. Er ist begehrt! Weil umfassend informativ und unterhaltsam geschrieben. Das merkt man aber der ersten Seite.

Die Lehmbauten des Lichts

Jedem den Jemen. So einfach lässt es sich leider nicht machen. Der Jemen gehört noch lange nicht zu den Top-Destinationen für Erholungssuchende. Schon gar nicht für die, die schon am Morgen im Pool ihr erstes Heineken-„Bier“ intus haben und sich am Büffet ein cholsterinwertversauendes Würstchen mit pappigem Rührei einverleiben. Es ist ein Land für Abenteurer oder Leute, auf Einladung von Kulturorganisationen im Land ein ausgedehnter Aufenthalt ermöglicht wird. Dann sollte aber auch darüber berichtet werden. Guy Helminger gehört zur letzten Sorte und hat seinen Auftrag zur vollsten Zufriedenheit aller erfüllt. So nüchtern darf man sich diesem Buch aber nun auch nicht nähern. Denn Guy Helminger hat ein realistisches, gefühlvolles und lebensnahes Portrait eines Landes erstellt, das von der Geschichte und ihren Akteuren arg gebeutelt wurde. Im folgenden Jahr, 2020, begeht man – wie auch immer – den dreißigsten Jahrestag der Wiedervereinigung des Jemens. Damit sind die möglichen Gemeinsamkeiten zwischen dem Land am Golf von Aden und dem Roten Meer aber auch schon erschöpft.

Erschöpft wirkt Guy Helminger nicht im Geringsten, wenn er davon berichtet wie er im Jemen ankommt, sich durch ein fremdes Land vorsichtig bewegen muss und es nach einigen Wochen wieder verlassen hat. Das war 2009. Bis heute haben sich die Nachrichtenmeldungen über das Land kaum verändert: Elend, Krieg und Hunger sind die Hauptschlagworte, wenn über das Land berichtet wird.

Lange suchen musste der Autor nicht, um seine Geschichten zu finden. Jeder, mit der durchs Land reiste, mit dem er faszinierende Orte besichtigte, sprach über Korruption. Ohne Bakschisch geht hier nichts. Was den Gesamteindruck von Land und Leuten nicht im Geringsten trübte. Denn so manche vermeintlich gefährliche Situation löst sich nach einigem Hin und Herr schnell in Wohlgefallen auf. Etwa bei einer Verfolgung wie in einem Agententhriller: Guy Helminger wird – wie so oft – von einem Fremden angesprochen. Er möchte jedoch nicht dessen Dienste in Anspruch nehmen. Helminger sieht wie der Verschmähte sich mit einem Anderen unterhält. Beide Männer verfolgen den Autor. Schon bald ist ein Dritter im Spiel und man trifft sich in einem dunklen Keller wieder – Geheimpolizei! Doch die haben sich nur gewundert, warum jemand so viel fotografiert.

Der Jemen ist heute – zehn Jahre nach Guy Helmingers Reise – immer noch kein Land, das zusammengewachsen ist, und in dem man als Tourist barrierefrei von A nach B kommt. Für die Menschen im Land, die mehr unter der Knute von Rebellen leiden als in den meisten Diktaturen der Welt, ist es ein Leben, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Da scheint die Sehnsucht nach diesem Land, die in diesem Buch durchaus geschürt wird, wie ein unanständiger Wunsch.

Zypern

Würde man alphabetisch reisen, käme man niemals auf die romantischste Insel der Welt. Wieso Zypern die romantischste Insel der ist? Weil man das Eiland auch die Insel der Aphrodite nennt. Weniger romantisch ist hingegen die politische Situation. Denn Zypern ist zweigeteilt, was man in Deutschland eher nachvollziehen kann als im Rest der Welt, Korea mal ausgeschlossen.

Wer Zypern wählt, auswählt, der reist meist in den griechisch dominierten Teil der Insel. Der Norden, der türkisch geprägt ist, fristet dagegen ein Mauerblümchendasein. Noch! Denn es tut sich was. Jährlich steigende Besucherzahlen, ein sich entwickelnde Infrastruktur und die Suche nach Neuem hat dem kleineren, nördlichen Teil einen nicht erhofften Aufschwung beschert. Und das mit Recht.

Mitten durch die Hauptstadt Nikosia / Lefkosa beläuft die Grenze, die Mauer. Nicht so unerbitterlich wie einst in Berlin, aber vorhanden und ihren Zweck erfüllend. Wichtig für Touristen: Sie ist durchlässig! Der Pass eines EU-Staates ist vollkommen ausreichend.

Und was sieht man dann auf der „anderen Seite der Mauer“? Zum Beispiel eine Kreuzkuppelkirche, die einer rumänischen Königin so gut gefiel, dass sie sich einen Nachbau bei sich gönnte. Das Original steht in Iskele. Oder Beylerbesyi, griechisch Bellapais – da man sich allerdings auf türkischer Seite befindet, wird man vergeblich nach dem griechischen Namen suchen, bleiben wir bei der türkischen Schreibweise, ein idyllisches Bergdorf, das durch Lawrence Durrells „Bittere Limonen“ weltweit Beachtung erlangte. Die Abtei des Friedens ist mehr als nur eine touristische Attraktion des Ortes. Sie prägt eine ganze Umgebung. Zum Glück hat sich Autor Ralph-Raymond Braun genug Zeit bzw. Zeilen gegeben, um diesen Ort gebührend ins Licht zu rücken. Spätestens jetzt ist Zypern mehr als nur eine Insel, an der man zwei Wochen lang Cocktails am Hotelpool schlürft.

Zypern steckt voller Geheimnisse, die nur darauf warten erkundet zu werden. Ob alle auf den über vierhundert Seiten genannt werden, ist dabei unerheblich. Denn dann wären es ja keine Geheimnisse mehr. Doch die sehenswerten Dinge, die man sehen muss, sind ausnahmslos im Buch enthalten. Immerhin schon zum sechsten Mal.

In die Geschichte eintauchen ohne dass dabei staubige Luft (symbolisch wie real) stört, das kann man in Soli. Ein imposantes Amphitheater, ein nicht minder beeindruckende Basilika und der Fundort der Aphrodite – an, wenn das nichts ist, um nach dem Urlaub mit Erinnerungen im Kopf noch lange davon zu zehren?! Es sind erstaunlich viele Grundrisse in diesem Buch versammelt. Das allein schon deutet darauf hin, dass man sich auf Zypern auf die geballte Ladung Historie gefasst machen muss. Es sind aber vor allem die farbig abgesetzten Kästen, die diese Geschichte lebendig werden lassen. Dass dabei auch die aktuelle Lage nicht außer Acht gelassen werden kann, ist ein notwendiges Übel. Bestens versorgt ist man mit diesem Reiseband. Da auf Zypern eh kein Heimweh aufkommt, müssen derartige Symptome gar nicht erst bekämpft werden. Gegen die Langeweile – sofern sie denn überhaupt aufkommt – helfen die Seiten Null bis 458. Denn selbst der Buchumschlag steckt noch voller Tipps und Infos, die man nicht übersehen sollte.

Roter Staub, Mosambik am Ende der Kolonialzeit

Isabela Figueiredos Kindheit ist wie die von Millionen, Milliarden vor ihr auch. Sie bestimmt mit dem sie spielt. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle. Und doch ist ihre Kindheit etwas ganz Besonderes. Sie wächst als Weiße in Mosambik auf. Die Hautfarbe spielt also doch eine Rolle. Leider. Denn ihr Vater, ein Weißer, der aus Portugal in die – mittlerweile – Kolonie im Osten Afrikas auswanderte, wo die Autorin geboren wurde. Ihr Vater ist der Elektriker der heutigen Hauptstadt Maputo. Ihr Vater ist für mehrere Block  verantwortlich. Ihr Vater hat es in der Hand, wie seine Angestellten – undwieder einmal muss die Rede von der Hautfarbe sein, es sind Schwarze – arbeiten. Spuren diese nicht, wird es laut, wird er brutal. Und er nimmt sich, was er will, was er braucht. So wie so viele der Weißen. Der Machthaber. Derer, die meinen über den Einheimischen, den Schwarzen zu stehen.

Doch der vermeintliche Traum platzt, als in Portugal die Nelkenrevolution die Wende einleitet und kurze Zeit später Mosambik, scheinbar ebenso sanft in die Unabhängigkeit entlassen wird. Und Isabela in die tiefste portugiesische Provinz geschickt wird. Ihre Eltern wird sie erst als junge Frau wiedersehen.

Das, was sie in Mosambik erlebte, wird dann kein Thema mehr sein. Erst durch dieses Buch, das Schreiben daran, wird sie sich der Tragweite ihrer eigenen Vergangenheit bewusst. Aus Respekt ihrem Vater gegenüber wird dieses Buch erst geschrieben sein, wenn er tot ist. Denn die retornados, die Rückkehrer aus den Kolonien, werden nun auch in der Heimat mit anderen Augen gesehen.

Ab der ersten Seite legt die Autorin richtig los. Sie sucht nicht nach Ausflüchten, da sie sich nicht schuldig fühlen kann. Sie war ein Kind in einer Zeit, die sie nicht zu verantworten hatte. Ihr Beitrag dazu, dass solche Zeiten nicht vergessen werden, dass sie nie wieder passieren, ist mehr als die meisten Politiker / Verantwortlichen je getan haben, je tun werden. Aufrüttelnd, schonungslos und mit der Distanz der Jahre kratzt Isabela Figueiredo nicht an der Oberfläche eines der dunkelsten Kapitel portugiesischer Geschichte. Sie legt Wunden frei, was vielen nicht gefiel als das Buch 2009 erstmals erschien. Rassismus und Feigheit, Allmachtsfantasien und Überheblichkeit sind essentieller Bestandteil der Aufarbeitung dieses Kapitels. Einmal verübtes Leid kann nicht ausgelöscht werden. Zwischen Liebe und Zorn wirft sie den Leser Hin und Her zwischen Erstaunen, Wut und Mitgefühl.