Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Straßburg

James Bond shoppte hier mit Vorliebe erlesene Pasteten. Theodor Heuss wurde hier getraut, und zwar von einem gewissen Albert Schweitzer (ja, genau dem Albert Schweitzer). Und in keiner anderen Stadt der Welt teilte man den Bewohnern immer wieder neue Pässe aus. Die Rede ist von Straßburg / Strasbourg. Zwei Schreibweisen einer Stadt – schon daran erkennt der neugierige Reisende, dass eine wechselvolle Geschichte vorhanden sein muss.

Und die ist noch lange nicht zu Ende. Denn Straßburg / Strasbourg ist eine europäische Stadt. Hier residiert das Europäische Parlament. Ein ausgedehnter Spaziergang durch das Europaviertel gehört zum Programm dazu wie der Besuch des Münsters. Die Autoren Antje und Gunther Schwab haben bei der Auswahl der sieben von ihnen vorgestellten Spaziergänge darauf geachtet, dass bewährte Pfade wie auch nicht sofort erkennbare kleine Schätze, die einen Straßburg-Besuch unvergesslich machen werden.

Schon beim ersten Durchblättern des Buches bekommt man ein Gefühl für die Stadt. Klar, dass sich die offensichtlichen Highlights Straßburgs um den Münster drehen. Ein imposantes Bauwerk, das für viele sicherlich der ausschlaggebende Grund sein dürfte der Stadt am Zusammenfluss von Ill und Rhein-Marne-Kanal einen Besuch abzustatten. Und wer wirklich nur das sucht – also Münster plus ein paar (garantiert) überteuerte Geschäfte – der kommt mit einem Prospekt weit genug, um sich wohl zu fühlen. Wer aber Straßburg besuchen will, weil er davon überzeugt ist, dass Städte in dieser Größenregion mehr als eine Sehenswürdigkeit zu bieten haben, der wird auf den 200 Seiten über und über mit nützlichen Hinweisen versorgt werden.

Die farblich abgesetzten Kästen – passend zur neuen Leitfarbe der MM-City-Reihe – sind die Schatzkisten des neugierigen Individualisten, der nach der Abreise noch sehr lange von seiner Reise schwärmen wird. Auch und vor allem dank dieses Reisebandes.

Ausflüge in die Umgebung, beispielsweise zum Klosterberg Mont-Ste-Odilie, auch hier wieder mit einem „“Straßburg im Kasten“ versehen, der Infos beinhaltet, die andere Reisebände vermissen lassen, werten nicht nur das Buch auf, sondern vermitteln einen Einblick in das Lebensgefühl eines „Meiselockers“. So werden die Straßburger bzw. so wurden die Straßburger lange Zeit genannt. Warum? Steht alles im Buch.

Einen exzellenten Reiseband zeichnet aus, dass er einem nicht nur sagt, wo es lang geht, sondern, dass er dem Benutzer / Leser / Reisenden auf Anhieb das Gefühl gibt sich sicher zwischen fremden Mauern bewegen zu können. Antje und Gunther Schwab begleiten den Besucher Straßburgs nicht nur auf seinen Spaziergängen durch die Stadt – sie sind unaufdringliche und stets präsente Tippgeber.

Eisbären

Eine Frau liegt in ihrem Bett. Ihr Mann muss noch arbeiten. Dann endlich! Er ist da! Endlich ist ihr Mann wieder zuhause. Doch die Situation ist ein bisschen fremdartig. Sie solle das Licht ausgeschaltet lassen. Sie will reden. Er auch.

Fünf Jahre sind sie nun schon Sie und Walther. Er nennt sieliebevoll Eisbär. Immer wieder läuft ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er sie mit diesem Kosenamen ruft. Seit damals als sie sich im Zoo – bei den Eisbären – kennengelernt haben.

Und seit diesem Tag ist ihre Liebe unverbrüchlich. Sie wächst sogar mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen. In dem Gespräch im Dunkeln – was man als Synonym ansehen kann – ziehen jedoch kleine dunkle Wolken am Horizont auf. Wie war das damals? Als sich bei den Eisbären trafen. Sie wartete. Nicht auf Walther. Auf einen anderen. Walther war der Charmeur, der einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen kann. Und schon war es um sie, um sie beide geschehen.

Fünf Jahre ist das nun her. Sie wartet voller Sehnsucht, dass er endlich nach Hause kommt. Ihr Schlafzimmer ist tief ins Schwarz der Nacht getaucht. Ein Geräusch. Ja, es ist Walther. Und dann dieses Gespräch. Kein Smalltalk unter Eheleuten á la „Wie war Dein Tag?“.  Je tiefer die Nacht die Szenerie aufsaugt, desto düsterer wird den beiden ihr eigenes Schicksal klarer vor Augen geführt…

Über 50 Jahre ist diese Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nun schon alt. Alters- oder gar Gebrauchsspuren sucht man vergebens. Das Ende … das Ende könnte selbst ein Stephen King nicht plötzlicher auf Tapet bringen. Das Außergewöhnliche an dieser Ausgabe der Kunstanstifter ist seine künstlerische Gestaltung. Karen Minden hüllt die anfangs unscheinbare Story in eine anfangs wattegefütterte Auflage. Man möchte sich einkuscheln, um der Frau und ihrem Walther nahe zu sein. Denn so viele Zuneigung verlangt nach Teilen mit Anderen. Mit reduzierter Farbpalette in Blau, Weiß und Schwarz taucht man ein in eine Welt, in der am Ende nicht mehr ist wie es anfänglich war. Marie Luise Kaschnitz als auch Karen Minden brauchen nur wenige Sätze bzw. Pinselstriche, um den Leser in ihren Phantasien zu fesseln.

In der Schweiz

Tom Sawyer und Huckleberry Finn hatten Mark Twain zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Das gefüllte Wallet erlaubte dem Reporter Twain über den Tellerrand, sprich Atlantik, zu schauen. Nur um zu schauen, was in der „Alten Welt los ist“. Das geflügelte Wort „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ trifft in seinem Fall nicht ganz zu. Wenn Mark Twain eine Reise tut, so schreibt er ein Buch! „In der Schweiz“ ist nicht einfach nur ein Klassiker des Genres Reisebericht, es ist der Reisebericht, an dem sich seit fast anderthalb Jahrhunderten viele Reiseschriftsteller die Zähne ausbeißen.

1878/79 reiste Twain durch Europa. Italien und Deutschland lagen auf seiner Route. Und natürlich auch die Schweiz. Die Faszination Schweiz von heute ist mit der von damals durchaus zu vergleichen. Und so schippert Twain über den Vierwaldstättersee und der Leser kann – sofern er dieses Büchlein dabei hat und selbst auf dem See beispielsweise von Weggis nach Flüelen unterwegs ist – dieser Faszination nicht nur etwas abgewinnen, sondern immer noch so nachempfinden. Das Publikum ist ein anderes. Aber heute noch wird man so manches Unikat antreffen können.

So wie Twain, der hier als anonymer Erzähler in Erscheinung tritt, jedoch keinen Zweifel daran lässt, dass dessen Name Twain, Mark Twain ist. So trifft er einen äußerst aufgeschlossenen Landsmann. Einer wie er im Buche steht. Small Talk auf unterstem intellektuellen Niveau. Toleranz ja, Akzeptanz – da hört der Spaß mit und in der Fremde auf. Dieser Amerikaner gibt dem Erzähler / Twain Tipps, wo er abzusteigen hat. Er weiß alles, kennt jedes Hotel und kennt so ziemlich jeden Amerikaner, der zur selben Zeit wie er in der Schweiz weilt. Twain macht sich einen Spaß daraus diesen Landsmann zu foppen. Immer wieder lässt er sich beratschlagen, wo er absteigen solle. Natürlich dort, wo die meisten Amerikaner sind. Der Amerikaner verbringt so viel Zeit in Hotelllobbies, dass er alle kennt. Twain reist lieber außerhalb der Hotels und beschaut sich Land und Leute. Und kauft eine Kuckucksuhr…

Einhundert vierzig Jahre ist dieser Reisebericht alt. Und immer noch so frisch wie am ersten Tag. So duftend wie eine Alm. So rein wie ein kehliges Kinderlachen. So unübertroffen auf den Punkt wie Tells Pfeil im Apfel. Kann man sich doch einmal von der Umgebung loseisen, so sollte man sich in dieses Buch vertiefen und den Worten Twains folgen. Ein befreiendes Gefühl zu erleben, dass manches sich eben doch nicht ändern wird.

Viva

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – und schon hat man ein schmackhaftes Gericht, das nährt und die Sinne anregt. Jeder passionierte Koch kennt das! Als Schriftsteller tappt man schnell in die Falle des Faselns, der Unkorrektheiten. Patrick Deville hat mehrmals bewiesen, dass Fiktion und historische Fakten durchaus eine Liaison eingehen können, die auf Gleichberechtigung basiert. Er verwob die Geschichte Kampucheas zu einem atemberaubenden Thriller. Er durchstreifte das dunkle Herz Afrikas, den Kongo. Und er ließ eine Arzt und einen Abenteurer ihrem Drang nach Erlösung folgen. Nun also Mexico. Trotzki, Kahlo, Lowry. Leo, Frida, Malcolm.

Lew Dawidowitsch Bronstein ist viel und weit gereist. Von Sibirien über Finnland, Frankreich und den Balkan bis nach Istanbul. Er sah New York, Kanada und ist nun in Mexico gelandet. An seiner Seite, seine Frau. An seinem Herzen sein Pass. Sein gefälschter Pass auf den Namen Trotzki. Der Maler Diego Rivera konnte den Präsidenten, nicht nur die mexikanischen Behörden, überzeugen den Geflüchteten – einen Weltenbummler konnte man Trotzki wegen seiner zahlreichen Flüchte nun wirklich nicht nennen – Asyl zu gewähren. Wohnen wird er bei Frida Kahlo, der Malerin. Wäre alles nicht so tragisch, könnte man dieses Asyl als das Sommerhaus der Stars bezeichnen.

Malcolm Lowry ist ein mittelloser Schriftsteller, der von den Almosen seines Vaters lebt, die er sich pünktlich am Monatsersten persönlich an einem Bankschalter ins Portemonnaie steckt. Er hat große Pläne. Den Liebesroman zu schreiben, auf den die Welt gewartet hat. „Unter dem Vulkan“ wird er heißen, wird erfolgreich sein.

Rund um das Blaue Haus, dem Haus Frida Kahlos, schwirren weitere gestalten der Geschichte. Wie zum Beispiel B. Traven, der sagenumwobene Schriftsteller, der Mexico auf das literarische Aufmerksamkeitstableau hievte. Ob sich alle tatsächlich getroffen haben, ob sie sich mochten, sich anregten, mag bezweifelt werden. Doch der unbestechliche Schreibdrang, den Patrick Deville einmal mehr an den Tag legt, lässt diese Fragen erst gar nicht aufkommen. Alles könnte in den Tagen des Jahres 1937 wirklich so gewesen sein. Ein Jahr, in dem Spanien im Bürgerkrieg ertrank. Der deutschen Kultur die Grundlagen genommen wurden und die Welt in den gefräßigen Schlund des Krieges schaute.

Ein wenig Vorbildung ist  wie bei allen Romanen von Patrick Deville – schon vonnöten, um die Brillanz des Buches erkennen zu können. Wer die Bilder von Frida Kahlo auf Anhieb unter Tausenden erkennt, wem die Bedeutung Diego Riveras nicht ganz abhandenkommt, wer Trotzki nicht nur als sturen alles plattmachenden Revolutionär wahrnimmt, wer Mexico nicht nur als Land mit immensen Problemen ansieht, der wird in diesem Geschichtsspiel der Extraklasse ein Hochgefühl der Leselust erleben.

Kaltes Licht

„I found my thrill on blueberry hill“, schmachtete einst Fats Domino. Sergeant Alan Auhl findet seinen momentan auf der Blackberry Hill Farm Wrights. Die werden eines Tages durch eine Schlange in helle Aufregung versetzt. Lassen den Schlangenfänger holen und die unnütze Bodenplatte anheben, unter der sich das Vieh versteckt hat. Was da zum Vorschein kommt, ist ein Fall für die Cold Case Abteilung, für die Auhl aus dem Ruhestand geholt wurde.

Claire Pascal ist seine Partnerin. Sie empfindet so gar keinen Thrill bei dem Gedanken mit dem alten Mann an alten Fällen arbeiten zu müssen. Doch das Skelett mit den tadellosen Zähnen und der Münze in den schlaffen Klamotten sieht das anders. Die Münze ist von 2008, also können alle ungelösten Fälle davor ausgeschlossen werden. Ein Anhaltspunkt. Alan Auhl will, bevor er sich mit Claire über die Akten der letzten fünfzehn Jahre hermacht, in der Umgebung die Leute befragen. Wem gehörte das Grundstück, bevor die Wrights einzogen? Irgendwelche Auffälligkeiten, Besonderheiten?

Eine Spur scheint Donna Crowther zu sein. Sie war in der Gegend als Babysitterin bekannt. Sie und ihr Freund Sean stritten sich des Öfteren heftig. Er ist mittlerweile als vermisst gemeldet. Vom Alter könnte er den Plattenmann sein.

Die Arbeit der Cold Case Abteilung ist nervenaufreibend. Alle arbeiten gleichzeitig an mehreren Fällen. Und die Chefin ist ein echtes Herzchen. Sie fordert, treibt an, ist aber fachlich nicht zu unterschätzen. Ein erfahrener alter Hase wie Auhl tut der Moral der Truppe gut, findet die Chefin. Die jungen Beamten sehen das ein bisschen anders. Was sie nicht wissen, ist, dass Alan Auhl eine Seele von Mensch ist. Er kümmert sich um die Nachbarn, und für deren Kinder nimmt er sich jede Zeit, die er hat, wenn sie ihn brauchen. Und er ist einer, der einer Kollegin in einer persönlichen Misere gern das Bett anbietet.

Zwischendurch immer wieder Leichen. Dr. Neills dritte Frau bedroht den Doktor. Der wendet sich an Auhl. Der wiederum kennt Neill schon seit Jahren. Zwei Frauen hat der schon verschlissen, soll heißen auf höchst verdächtige Weise verloren. Frau Nummer Drei bekam als „Begrüßungsgeschenk“ von Auhl die Warnung vorsichtig zu sein mit auf den Weg. Und jetzt soll Neill das potentielle Opfer sein?

Bleibt da noch Zeit für den Mann unter der Bodenplatte? Robert Shirlow hat er geheißen. Seine Schwester hat sich nach der Berichterstattung gemeldet. Es kann nur ihr Bruder sein. Die Hintergründe der Tat jedoch lassen selbst einen so erfahrenen Schnüffler wie Alan Auhl erschaudern.

Garry Disher bringt in diesem Buch, einer Reihe, genug Stoff zu Papier, um ganze Krimibücherregale zu füllen. Alan Auhl ist der richtige Mann, um solche Fälle lösen zu können. Besonnen, hartnäckig, gewieft. So einer fehlte schon lange!

Die Cannabis-Connection

So ziemlich jeder hat eine Leiche im Keller. Bei dem Einen stinkt’s, bei Anderen zahlt die Versicherung. Den Einen stört’s, der Andere ignoriert’s. Bei Dr. Marcel Kamrath kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der überhaupt einen Keller hat, in dem er eine Leiche deponieren kann. Ein Emporkömmling ohne Beigeschmack.

So scheint es, doch dem ist nicht so! Das Abi hinter sich, mitten in Amsterdam, die Zukunft weit vor sich hergeschoben. Anfang der Achtziger – Amsterdam – und mittendrin Marcel Kamrath. Straßenschlachten mit der Polizei, Hausbesetzerszene, Drogen. Nicht nur mal so einen durchziehen. Nein, richtig professionell mit Hasch den einen oder anderen Gulden verdienen. Bis die Jugos das angestammte Revier von Knabbel und Babbel übernehmen wollen. Knabbel, das ist Marcel, Babbel ist Sander. Sander van Haag. Sein Kompagnon. Das und vieles andere mehr ist über dreißig Jahre her. Sander ist nicht mehr. War ein trauriges Ende. Und für Marcel das Ende einer zweilichtigen Laufbahn.

Nun sitzt er im Bundestag, kann schon bald auf einen Ministerposten hoffen – die Kanzlerin hatte es ihm angedeutet. Immer noch fährt er Fahrrad. Die einzige Routine findet er in der Eckkneipe bei den drei Bs: Bier, Bulette und einen Bottich mit scharfem Senf. Hier ist er nicht der geschniegelte Politprofi, sondern der Stammgast mit dem nach ihm benannten Gedeck.

Knabbel, den Namen hat er vergessen, verdrängt, gelöscht. Doch dann bleibt ihm das zweite B fast im Halse stecken. Babbel, Sander steht vor ihm. Und mit ihm die alten Zeiten. Doch anders als bei einem Wiedersehen nach Jahrzehnten unter Freunden, beschleicht Dr. Marcel Kamrath das Gefühl, dass Babbels plötzliches Auftauchen nicht ganz so spontan ist, wie es scheinen mag.

Babbel gibt ihm ein vorsintflutliches Handy, mit dem er immer erreichbar ist. Er macht Andeutungen, die Kamrath so manchen Schauer über den Rücken jagen. Kann Babbel Kamraths Aufstieg verhageln? Oh ja. Denn Babbel weiß Dinge, die einen Minister zu Fall bringen können. Doch wird er es auch tun? Und wenn ja, warum?

Hinter dem Autorenduo Hoeps / Toes verbergen sich Thomas Hoeps aus Deutschland und der holländische Gerichtsreporter Jac. Toes. Thomas Hoeps übersetzt die Kapitel seines Kollegen ins Deutsche und zusammen sind sie das perfekte  Autorenpaar für europäische Kriminalgeschichten. Zeit zum Ausruhen gönnen sie weder ihren Figuren noch dem Leser. Auf zwei Zeitebenen – Amsterdam vor mehr als drei Jahrzehnten und die Gegenwart – kreieren sie ein Schreckensszenario, das den Leser einfach nicht mehr loslässt. In einer Zeit, in der die Cannabis-Legalisierung nur noch eine Frage der Zeit erscheint, kommen dunkle Machenschaften ans Licht, die diesem Fortschritt das Licht der Erkenntnis gehörig abdunkeln.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Lesereise Estland

Estland. Welcher der drei baltischen Länder ist das nun? Das oben, in der Mitte oder das ganz unten? Es ist das Obere. Das an Finnland grenzt. Wer allein schon den Landesnamen in Originalsprache liest, kommt schnell auf die richtige Lösung: Eesti. Die Hauptstadt ist Tallinn. Damit ist das Wissen über Estland für die meisten schon ausgereizt. Ach ja, Estland liegt an der Ostsee. Und weiter?

Stefanie Bisping zeigt in ihrer Lesereise ein Land, das gar nicht so weit weg ist. Weder geografisch, noch sind die Menschen mit ihrer Kultur so weit entfernt, dass das Land wie eine völlig fremde Welt erscheint. Gleich im ersten Kapitel werden die Esten sehr anschaulich charakterisiert. Eigenbrötler, die die Gemeinschaft genießen. Eine Eigenschaft, die in unseren Breiten gern als Ideal angesehen wird.

Seit 1991 ist das Land unabhängig. Und seitdem nimmt die Wirtschaft mit ihrem Füllhorn an Innovationen immer wieder Anlauf sich an die Spitze zu katapultieren. Meist gelingt das auch. Wenn es so etwas überhaupt gibt, ist Estland das digitalisierteste Land Europas. Parktickets, Wahlzettel, Parlamentsabstimmungen – alles ohne Papier. Alles digital. Selbst in den abgelegensten Ecken des Landes, auch wenn nicht überall das Netz gleichmäßig stark vorhanden ist.

Die augenscheinliche Diskrepanz zwischen selbstgewählter Einsamkeit und fröhlichem Miteinander wird sichtbar, wenn man sich die Bevölkerungsverteilung anschaut. Dreißig Einwohner pro Quadratkilometer – zum Vergleich München hat ungefähr genauso viel Einwohner. Hier teilen sich über viertausend einen Quadratkilometer. Sobald es in Estland ein fest gibt, und davon gibt es mehr als Stunden im Jahr, trifft man sich, singt zusammen und genießt die estnische Küche. Die ist wie das Land einem ständigen Wandel unterworfen. Wo vor nicht allzu langer Zeit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse die Teller füllten, haben sich einheimische Köche den einheimischen Pflanzen und allem, was der einheimische Boden hergibt, verschrieben. Allein die Aufzählung der Zutaten, lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Zu Estland gehört eine Vielzahl von Inseln. Irgendwas zwischen anderthalbtausend und zweitausend werden es wohl sein. Als estnische sozialistische Sowjetrepublik lebten hier fast ausschließlich Linientreue, meist Fischer, deren Boote am Abend weggeschlossen wurden. Schließlich war der Weg bis ins „freie Finnland“ überschaubar kurz. Heute erblühen hier kleine Paradiese. Idyllische Strände, unberührte Natur und ehrliche gelebte Traditionen. Wer echte Ruhe sucht, hat vielleicht nicht unbedingt den bequemsten Anfahrtsweg, wird aber im Gegenzug mehr als belohnt mit dem, was er im Tiefsten sucht. Die umfassend überarbeitete Neuauflage ihrer Lesereise kennt nur ein Ziel: Estland als weißen Fleck von der Landkarte der Reiseziele zu verbannen und in den Fokus derer zu rücken, die im Handumdrehen Moderne und Traditionsbewusstsein ohne viele Verrenkungen zu finden hoffen. Selten wurde ein Land so umfassend in kompakter Form beschrieben.

Die Adern Wiens

Straßen als Adern einer Stadt zu bezeichnen, ist schon seit Jahren in Mode. Wer in Wien während der Rush hour im Stau gestanden hat, könnte leicht das Gefühl bekommen, dass ein verlangsamter Puls nicht zwingend zum Herzstillstand führen muss. Man kann sich links und rechts an der Architektur erfreuen. Nach ein paar Wochen wirkt allerdings auch das nicht mehr.

Norbert Philipp studierte in Wien und schwimmt mit in seinem Buch durch die Arterien und Venen einer der faszinierendsten Metropolen Europas. Die eine oder andere Straße ist so bekannt, dass man meint sie müsse nicht mehr vorgestellt werden. Doch selbst die Kärtner Straße birgt noch Geheimnisse in sich, die man erst durch dieses Buch erkennt. In dem Kapitel über die berühmteste Einkaufsmeile Wiens wartet der Autor gleich mit einem interessanten Fakt auf. Wer Wien allein erleben will, der macht am besten einen großen Bogen um die Kärntner, besonders zwischen halb und um Fünf. Dann ist diese Fußgänger-Straße am belebtesten, am beliebtesten … am vollsten.

Ein sehr langes und abwechslungsreiches Leben hat die Währinger Straße hinter sich und sicher auch noch vor sich. Es geht Auf und Ab. Burgerbuden und Häuser mit Geschichte, dichter Verkehr und lauschige Plätze zum Entspannen bilden auf sowie links und rechts der Währinger Straße ein Netz, das moderne Urbanität stilvoll vorlebt.

Auf seiner inspirierenden Reise auf Wiens Straßen, den Adern der Stadt, trifft Norbert Philipp zwangsläufig auf die ereignisreiche Geschichte der Mariahilfer Straße. Vor nicht allzu langer Zeit war hier das Infarktrisiko am größten. Beginnend am Museumsquartier lieferten sich Autos und Fußgänger ein atemraubendes Rennen. Bis die Stadt beschloss die Bergaufstrecke (vom Museumsquartier kommend) – und natürlich auch die Gegenrichtung – nur noch für Lieferanten zu öffnen. Die anliegenden Geschäfte liefen Sturm. Wie sollen denn jetzt die Kunden in die Geschäfte kommen? Das ist der Untergang! Doch alles kam anders. Heute trollen sich, besonders am Abend Musikanten, Skater und Bummler auf der verkehrsberuhigten Straße und machen sie zu der Straße mit dem ungehindertsten Menschfluss der Stadt.

Eine Stadt muss sich entwickeln, um überleben zu können. Eine Metropole wie Wien immer wieder neu zu erfinden, weiterzuentwickeln, bedarf Mut und Weitsicht. Nicht immer sind die Veränderungen sofort spürbar und noch seltener werden sie umgehend angenommen.

„Die Adern Wiens“ sind besonders strapazierfähige Ströme, die den Besucher aufnehmen und ihn an die unterschiedlichsten Orte führen. Als Bettlektüre ist dieses Buch die ideale Einstimmung auf den folgenden ereignisreichen Tag und eine Ergänzung zu so manchem Reiseband. Wer die beiden Bände „Wien abseits der Pfade“ vom Braumüller-Verlag schon als unerlässlich kennengelernt hat, wird mit diesem Buch eine unkonventionelle Ergänzung mit enormem Hintergrundwissen entdecken.