Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Ich bin ein Laster

Zwanzig Jahre sind Agathe und Réjean schon ein Paar. Sie die sensible Frau an seiner Seite, die Rockmusik mag – er der Anpacker, der bei französischem Folk ins Schwärmen gerät. Sie haben sie arrangiert. Was auf den ersten Blick wie pure Langeweile aussieht, entpuppt sich alsbald als Eheerhaltungsmaßnahme auf höchstem Niveau.

Agathe weiß, dass Réjean niemals zum Angeln fährt, wenn er sagt zum Angeln zu fahren. Sie nimmt es hin. Immerhin klappt es im Bett vorzüglich, besser denn je. Und sein Spleen immer das neueste Chevy Modell fahren zu müssen, naja, daran hat sie sich gewöhnt. Kurz vor ihrem 20. Hochzeitstag jedoch kehrt Réjean nicht mehr vom Angeln zurück. Sein heiß geliebter Wagen (zumindest solange bis das Update draußen ist) steht mutterseelenallein am Straßenrand. Der Picknickkorb ist unberührt. Die heile Welt, so wie sie sie kennt, beginnt zu bröckeln.

Das Leben muss weitergehen. Agathe sucht sich einen Job bei Stereoblast. Wer alte Elektronik in achtbare Münze verwandeln will, ist hier richtig. Umsatzqueen ist hier Debbie. Sie bringt Lahme zum gehen, verwandelt Elektroschrott in wohlklingende Töne und ist für Agathe der Rettungsreifen, den sie sich nicht mal im Traum erwünschte. Starthilfe ins neue Leben. Auch ein Mann steht schon fast auf der Matte von Agathe. Martin heißt er. Zunächst zögernd, ist er ihr bald näher als ihm lieb sein kann. Was Agathe nicht weiß, er und sie teilen ein und denselben Schmerz.

Auch Réjean beginnt ein neues Leben. Er ist nicht tot! Das vermuten nur alle. Leider weiß er das nicht. Denn seit dem seltsamen Unfall ist sein Gedächtnis so neblig wie die Gebirgszüge der Anden, so löchrig wie ein Schweizer Käse und er ein völlig anderer Mensch. Körperlich war schon immer eine imposante Erscheinung. Das mochte Agathe an ihm. Auch das weiß er nicht mehr. Er würde sie nicht mal mehr erkennen, wenn sie vor ihm stünde. Nicht einmal, wenn sie ihm seinen Namen ins Gesicht schreien, ihn abgöttisch küssen würde. Er würde es nicht verarbeiten können. Was heißt hier „könnte“? Er kann es nicht als es ihm passiert…

„Gegensätze ziehen sich an“, „Was sich liebt, das neckt sich“ oder ähnliche Weisheiten schießen dem Leser beim während des Lesens durch den Kopf. Doch Michelle Winters unternimmt nichts, um diese Klischees auch nur ansatzweise zu bedienen. Und schlittert man unversehens in einen Abgrund hinein, den man nicht kommen sah, den man gern in Kauf nimmt, der ein abruptes Ende nimmt. Die kolossale Kunst einer ungewöhnlichen Beziehung Würze zu geben und dabei die Schärfe zu nehmen, gelingt der Autorin mit Bravour, so dass einem nur eines übrig bleibt: Das Buch noch einmal zu lesen! Und noch einmal und noch einmal und noch …

Turin ist unser Haus

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie! Schauen Sie sich in Ruhe um! Diese Wohnungsbesichtigung wird niemand so schnell vergessen. Die Wohnung hat sogar einen Namen: Turin.

Jahrelang als Industriestadt ohne jeglichen Charme verschrien, lässt es sich nicht verleugnen, dass Turin Mailand, der prachtvollen Metropole gleich um die Ecke, immer wieder das Wasser abgräbt. Turin ist eine Industriemetropole. Das lässt sich nicht leugnen. Doch das kulturelle Erbe muss und darf sich nicht verstecken. Giuseppe Culicchia ist Turiner – mittlerweile der Liebe wegen Immi-Mailänder – und sein Herz wird immer an Turin hängen. Nicht an Juventus, sondern am FC Turin, granatrot nicht schwarz-weiß. Und so ist auch sein Buch, seine Liebeserklärung an die Stadt.

Eine Wohnung betritt man durch eine Tür, eine Pforte. In Turin ist das der Bahnhof. Porte Nuova heißt der. Riesig. Von kommt man überall hin, außer zu m Flughafen. Wenn man auf den Zug wartet, muss man stehen, Bänke sucht man vergebens. Porta Susa, der zweite große Bahnhof ist die Hintertür. Kleiner, gemütlicher, mit Bänken.

Schlendert man durch den Korridor, die Via Roma, bekommt man einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Hier hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Fußgängerzonen haben das allabendliche Geprotze mit getunten Autos verdrängt. Doch auch die typischen Weinbars sind verschwunden. Schuh- und Jeansläden haben das Regiment übernommen. Giuseppe Culicchia sieht seine Stadt nicht durch die rosarote Brille – wenn überhaupt durch die granatrote des FC – er sieht wie sich Turin verändert hat und es noch weiter tun wird.

Aus der Wohnungsbesichtigung wird schnell eine Rundreise durch Geschichte und Alltag in der piemontesischen Stadt, die mehr als nur Fiat zu bieten hat. Alte Pallazzi, weite Plätze und eine kulinarische Tradition, die einen jeden guten Vorsatz vor der Tür ablegen lässt. Naschen erlaubt heißt das Gebot der Stunde. Wenn er von der detailverliebten Haselnussauswahl eines Schokoladenherstellers spricht, läuft einem nicht nur das Wasser im Munde zusammen, man muss – egal in welchem der zwanzig beschriebenen Zimmer – einfach einmal im Leben die Stadt mit allen Sinnen erobert haben.

Einen Reiseband braucht man, um nichts zu übersehen, um zu erfahren wie man ohne Sinnesverlust von A nach B kommt. Mit „Turin ist unser Haus“ hat man die Einheimische in der Tasche. Beziehungsweise immer bei und in der Hand. Allwissend, zuvorkommend, am laufenden Band vor sich hinplappernd ist dieser außergewöhnliche Band eine Offenbarung, derer sich nur wenige Städte rühmen dürfen.

Aktueller Nachsatz (14. März 2020): Derzeit ist Turin wie ganz Italien Sperrzone. Das wird sich ändern – keiner weiß wann. Nur dass es so sein wird, steht fest. Und dann ist man froh, dass es jetzt schon dieses Buch gab. Turin wird für jeden Besucher, der dieses Buch gelesen hat, wieder eine offene Stadt sein.

Nagasaki, ca. 1642

Man mag s kaum glauben, aber Seki Keijiro war mal ein erfolgreicher Samurai, der erfolgreich so manche Schlacht schlug. Zu seinem Leidwesen herrscht nun schon seit geraumer Zeit Frieden. Er sozusagen arbeitslos. Den hoffentlich bald endenden Lebensabend, bzw. die „freie Zeit“, verlebt er im Schoß seiner Familie. Ein Baby krabbelt an ihm herum, rauf und runter, er lässt es über sich ergehen. Sich mit dem Schwiegervater unterhalten – unmöglich.

Nachrichten verbreiten sich zu dieser Zeit viel langsamer als wir es heute gewöhnt sind. Schnell bedeutete damals „nur ein paar Tage“. Ein Schiff wird kommen. Eines der Ostindien-Kompanie. Da war doch mal was! Seki Keijiro, der Faulste unter den Faulsten, erlebt so was wie seinen zweiten Frühling. Er könnte doch bei Handelsvertretung am Hafen einen Job annehmen und sich den Kahn mal genauer betrachten. Oberflächlich gesehen ist das die Geschichte eben dieses zweiten Frühlings. Doch dahinter steckt etwas viel Größeres. Das weiß außer Seki Keijiro aber keiner. Nicht seine Familie, nicht seine Freunde, niemand! Es ist sein kleines Geheimnis, das sich alsbald zu einer großen Sache ausweiten wird.

An Bord des Schiffes ist auch Abel van Rheenen. Als Dolmetsch ist er nicht zwingend nötig an Bord, doch durch seine Beziehungen, traut man sich nicht recht ihm in die Schranken zu weisen. Gründe dafür gebe es reichlich. Wie ein aufgezogenes Laufwerk, ein unruhiges Kind nervt er alle an Bord mit seinem niemals stillstehenden Mundwerk. Zu alles und jedem hat er eine Meinung, die er unumwunden und sofort preisgeben muss. Als  das Schiff anlegt, entspinnt sich ein raffiniertes Spiel zwischen dem dahinzusiechen drohenden Seki Keijiro und dem Plappermaul Abel van Rheenen.

Christine Wunnicke erweckt in ihrer Novelle ein Land zu einer Zeit, von dem und aus der wir so gut wie gar nichts wissen. Alles Fiktion, aber der unbeirrbare Schreibstil lässt eine Welt erstehen, die so nah und so greifbar erscheint, dass man jedes Wort für gegeben annimmt.

Wo Du nicht bist

Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, der hat die Operette „Das Land des Lächelns“ sicher schon mal gehört. Oder vielleicht bei Heinz-Rudolf Kunze. „Wo Du nicht bist, kann ich nicht sein…“ bei HRK folgt dann allerdings „… wir haben so viel Glück auf dem Gewissen“. Irma Weckmüller kann dieser Zeile nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnen. Und das ist das Traurige an dieser rührenden, aufwühlenden und einzigartigen Geschichte.

Die Zwanzigerjahre liegen in den letzten Zügen als Martha sich ihrer Schwester Irma anvertraut. Ihr Dienstherr hat sie mehr als einmal bedrängt. Und jetzt sind die widerwärtigen Annäherungsversuche bzw. das Ergebnis nicht mehr zu vertuschen. Irma ist schwanger. Die Adresse von Dr. Bragenheim und ein paar Mark hat er ihr zugesteckt. Sie solle tun, was zu tun ist. Ansonsten wäre sie ihre Stelle los. Doch der Doktor kann nichts mehr für das arme Ding tun. Irma, die ihre Schwester begleitet und immer an ihrer Seite steht, ist wenig angetan vom Doktor.

Der hingegen schon. Erich Bagenheim hat etwas in Irma entdeckt, dass ihn in KaDeWe zieht. In die Stoffabteilung. Dorthin, wo Irma arbeitet. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit, verdient gut und ihr Vorgesetzter, lässt sie Stoffe mit nach Hause nehmen, schenkt ihr sogar einen Kinderwagen für das Kleine von Martha. Ganz ohne Gegenleistung. Irma steht wirklich auf der Sonnenseite des Lebens, findet Martha. So war es, so ist es, so wird es immer bleiben. Bei Letzterem soll sich Martha gehörig täuschen.

Erich und Irma nähern sich vorsichtig an. Ihr soll ja schließlich nicht dasselbe passieren wie Martha. Ausgenutzt und verstoßen, ohne einen Atemzug dazwischen. Doch Erich ist anders als die Männer, die Irma bisher kannte. Zuvorkommend, höflich, ehrlich und immer für eine Überraschung gut. Bei einem Essen mit Freunden, seinen Freunden, macht er ihr einen Heiratsantrag. Den sie freudig strahlend annimmt. Der glücklichste Abend in ihrem Leben hat aber einen bitteren Beigeschmack. Das Gespräch rückt unweigerlich in die Politik hinein. Manche der am Tisch Versammelten sind geradezu entrüstet als sie erfahren, dass Erich und weitere Gäste Juden sind. Schmähungen gab es immer. Doch so direkt, fast schon Hass, zumindest von tief sitzenden Vorurteilen geprägte Parolen, das ist neu.

Irma und Erich sind nun verlobt, doch die braune Brut in den Ämtern verhindert mehr. Eine Hochzeit ist unmöglich. Mischehe, Verunreinigung deutschen Blutes – das geht nicht! Auch Martha hat sich verändert. Max, ihr Sohn, den sie nicht wollte, entwickelt sich prächtig. Doch Martha steckt voller Hass. Auch gegen Irma. Das Blatt scheint sich gewendet zu haben. Jetzt muss Irma zusehen wie sie zurechtkommt, und Martha steht auf der Sonnenseite des Lebens. Es kommt noch schlimmer: Erich wird nach Theresienstadt gebracht. Später – das erfährt Irma aber erst nach dem Krieg – sogar nach Auschwitz-Birkenau. Sie weiß, dass sie Erich niemals wiedersehen wird.

Aber sie kämpft. Kämpft um ihre Liebe und die Anerkennung. Erich ist tot. So traurig es ist. Sie will ihn trotzdem heiraten. Schließlich wurde ihr die Eheschließung unrechtmäßig verweigert. Doch im Nachkriegsdeutschland sitzt der Stachel des Hasses gegen Juden noch tief. Irma Weckmüllers Kampf ist einzigartig.

Das dachte sich auch Anke Gebert als sie von dieser ungewöhnlichen Geschichte hörte. Sie recherchierte, wälzte Aktenberge, traf sich mit Nachkommen von Irma Weckmüller. Ihre Entschlossenheit als alleinstehende Frau sich gegen Bürokratie-Windmühle trotzt jedem Leser höchsten Respekt ab. Sie wollte nicht Frau Dr. Erich Bragenheim werden, um Rentenansprüche zu untermalen. Sie tat, was eine Ehefrau tut: Sie verteidigt ihre Familie. Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wird im Frühjahr 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt werden. Mehr als nur ein Symbol – ein Stück Geschichte, ein Mahnmal, und die Geschichte dahinter ist bemerkenswert. Auch und gerade weil Anke Gebert es meisterlich versteht die Perfidität der Nazizeit so eindringlich und ohne falsche Pietät und Betroffenheit nachvollziehbar zu machen. Es ist eben doch noch nicht alles über diese finstere Zeit erzählt.

Spaziergänge durch das musikalische Leipzig

Bach, Schumann, Wagner und Mendelssohn-Bartholdy (immer noch beliebter Versprecher im Radio: “Es werden Werke gespielt von Mendelssohn und Bartholdy“, ein Klassiker – wobei wir auch schon bei einem Teil der Zielgruppe dieses Büchleins sind…) sie alle gehören zu Leipzig wie der Zoo, die Messe und der Sport. Doch selbst Leipziger, die mehr oder weniger regelmäßig ins Gewandhaus pilgern und / oder mit mehr oder weniger offenen Augen durch die Stadt schlendern, werden mit diesem Buch öfter in Erstaunen versetz werden. Auf sechs Spaziergängen erlebt man Leipzig wie man es noch nie erlebt, gar erhört hat.

Während man in der Stadt (jeder echte Leipziger bezeichnet die City oder auch downtown immer noch als Stadt) gar nicht umhin kommt an Größen wie Bach, Mendelssohn-Bartholdy und Wagner ungemerkt vorbeizukommen, so ist der Spaziergang Nummer Sechs für viele eine echte Offenbarung. Im Stadtteil Schönefeld steht eine Kirche. Sie überragt alles in dieser Gegend. Dass sich hier Clara Wieck und Robert Schumann am 12. September 1840 das Jawort gaben, ist vielen der umliegenden Bewohner unbekannt. Übrigens lohnt es sich das Areal außerhalb der Kirche zu erkunden. Ein Geheimnis, das von außen nicht sichtbar ist, wartet auf jeden Neugierigen. Nur ein paar Gehminuten entfernt gelangt man in die Clara-Wieck-Straße, in der sie allerdings nie wohnte. Verbürgt ist allerdings, dass sie und ihr Gatte im nicht allzu weit entfernten Abtnaundorfer Park oft spazieren gingen. Ein Park, vor allem der Parkteich, der schon seit Ewigkeiten, sofern es das Wetter zulässt, Kinderscharen das Eislaufenlernen ermöglicht. Heute ist es ein Ort der Ruhe mit teils wild wuchernden Sträuchern, der Flora und Fauna Platz zur Entfaltung gibt.

Ob nun Mendelssohn oder Schumann-Haus, ob Büsten, oder Konzertbesuche: Leipzig ohne Musik und Musiker ist einfach undenkbar. Vom Weltruf des Gewandhauses profitieren unter anderem auch die Nachwuchskünstler des Akademischen Orchesters, das mit seinen sechs Konzerten pro Jahr im Gewandhaus (fast immer komplett ausverkauft) für musikalische Abwechslung im Kulturprogramm Leipzigs sorgt. Leipzig lässt sich gern erobern. Die Wege sind kurz, meist fußläufig zu erreichende Hingucker und eine rege Kulturszene machen es jedem Besucher leicht sich in die Stadt trotz aller sichtbaren Bausünden der Vergangenheit und Gegenwart zu verlieben. Dieses kleine Büchlein passt in jede Tasche. Obwohl man es eh nicht verstauen wird, da es ein Füllhorn an Geschichte und Geschichten in sich birgt. Obwohl viel Gebäude wie das alte Gewandhaus nicht mehr mit eigenen Augen zu bestaunen sind, so leben sie mit diesem Buch wieder auf.

Klagenfurt – Was der Tourist sehen sollte

Wer Österreich besuchen will, schreit sicher nicht als Erstes, dass er in Klagenfurt sein Haupt betten wird. Wien und Salzburg haben in den meisten Fällen den Vorzug. Wer sich – nicht trotzdem oder dennoch – entschließt der Hauptstadt Kärntens eine Visite abzustatten, darf sich auf ein Fest einstellen. Voraussetzung ist allerdings, dass er oder sie dieses Buch zumindest einmal schon gelesen hat. Mit Zahlen kommt man Klagenfurt nicht auf die Spur. Hunderttausend Einwohner – mal mehr mal weniger, hier ist schon das erste Fest im Gange, wenn man den launigen Ausführungen Egyd Gstättners zur Einwohnerzahl Klagenfurts folgt – aber was sagt das schon aus. Vierhunderttausend Übernachutngen bei einhunderttausend Einwohnern, das Vierfache. Immerhin. Belgrad hat fünfzehnmal mehr Einwohner, verzeichnet aber nur nicht einmal eine Übernachtung pro Einwohner. Zahlen sind Schall und Rauch.

Egyd Gstättner ist Kärtner, gebürtiger Klagenfurter. Und er ist für zweihundert Seiten der Reiseführer, den man nirgendwo anders buchen kann. Der Friedhof könnte mit Berühmtheiten der Stadt belegt sein. Doch die zogen es vor außerhalb ihrer Geburtsstadt das Zeitliche zu segnen: Udo Jürgen und Maria Lassnig liegen (sich gegenüber) auf dem Zentralfriedhof in Wien. Nur Ingeborg Bachmann hat hier ein Grab. Und die wollte bestimmt nicht zurück – sie starb im römischen Feuer.

Vom Eishockeyclub bis zur Bäckerei, vom Verleger bis zu verschwundenen Friseurladen kennt Gstättner hier jedes Staubkorn und seine Geschichte. Wie ein Papa seinen Flilius an die Hand nimmt, leitet er den Besucher durch seine Stadt. Bald ist man vertraut – man duzt sich – und erkennt, dass das, was vermeintlich fehlt durch Anekdoten wieder den Platz einnehmen darf, der bisher leer geblieben war.

Ohne Unterlass wird man in und durch eine Stadt gezogen, die man ohne Egyd Gstättner sicherlich der Vergessenheit anheimfallen ließe. Sie steckt voller Histörchen, die einen ab und an schmunzeln lassen, öfter ein „oho“ entlocken, aber ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Die Welt wird nicht besser, wenn man dieses Buch gelesen hat. Sie wird aber auch nicht schlechter. Die eigene Welt wird durch das Buch und den unweigerlich folgenden Besuch der Stadt um einiges reicher. Zum Glück hegt Egyd Gstättner keine Ambitionen den Posten des Tourismusmanagers der Stadt zu ergattern. Wäre eh vergebens, da es so scheint als sitze hier ein Buch auf diesem Posten.

Die Schiffbrüchige

Es gibt sicherlich Wichtigeres in einem tödlichen Sturm Fremden aus seinem Leben zu erzählen. Dennoch ergreift Anguille die Gelegenheit und redet sich in einen Rausch ohne Punkt, dafür aber mit umso mehr Kommas. Anguille, dieser ungewöhnliche Name hat sie von ihrem Papa bekommen. Er bedeutet Aal. Als Fischer stand für ihn ab dem Moment, in dem er von der Schwangerschaft seiner Frau erfuhr, fest, dass sein Nachwuchs einmal so heißen wird. Dass es Zwillinge werden, konnte keiner ahnen. Auch dass sich beide Schwestern so unterschiedlich entwickeln werden, stand in den Sternen. Connaît-Tout, ihr Vater – auch sein Name hat eine tiefschürfende Bedeutung: Rechthaber – schaut oft in die Sterne. So weiß er wie am nächsten Tag das Wetter wird. Für einen Fischer fast wichtiger als der Ruf des Muezzin.

Ali Zamir zeigt in seinem preisgekrönten Erstling „Die Schiffbrüchige“ dem Leser seine Welt, seine Heimat, die Komoren. Die kleine Insel im Indischen Ozean findet so gut wie gar nicht in der breiten Öffentlichkeit statt. Vielleicht mal als Frage in einer Quizshow oder als mutiges Neugier-Mach-Stück in einem Auslandsmagazin. Hier rumort es seit Jahren. Die Komoren beanspruchen die Insel La Mayotte, die ein Überseedepartement Frankreichs ist. Politisch gehört es also zu Europa, zur EU, was besonders unter denen, die nichts mehr zu verlieren haben, für Begehrlichkeiten sorgt.

Die abgedroschene (und vor allem blödsinnige) Floskel von den Armen, die trotz alledem das Leben genießen und feiern, trifft hier schon lange nicht mehr zu. Gefeiert wird, wenn man feiern will. Gekämpft wird, weil man kämpfen muss … ohne Uhr und ohne Kalender.

Erste Liebe, die erste Zigarette, jugendliche Frotzeleien und ungestüme Annäherungsversuche gehören hier genauso zum Alltag wie das Scheitern darin. Es ist die durchgehend poetische Sprache – die phantasiereiche Namensgebung ist da nur ein Bruchteil des Ganzen – die diesen Roman zu einem echten Pageturner macht. Das anhaltend hohe Tempo lässt den Leser mit der Schiffbrüchigen – im Wortsinn wie im übertragenen Sinn – mitfiebern. Die Wogen der Emotionen sind von den Wellen des Sturmes eingerahmt. Die Umstände, die zu dieser einzigartigen Schau-In-Meine-Welt-Geschichte führen, sind dramatisch. Dennoch blühen diese Erinnerungen einer Frau, die im Ozean mit dem Leben ringt, wie ein Blüte so wie die Gischt auf den Kronen der Wellen.

Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim befindet sich seiner Meinung nach in der dritten Phase seines Lebens. Nach Kindheit und Erwachsensein genießt er nun das Rentnerleben. Doch das Leben hält eine vierte Phase für ihn parat: Das Vergessen. Alzheimer. Was gestern war, liegt im Nebel. Bald auch das, was einmal war. Byongsu Kim ist aber ein normaler Rentner. Und seine Erwachsenenphase war es keinesfalls. Denn er war Killer.

Alles begann als er mit sechzehn den prügelnden Vater das Handwerk legte. Es folgten Jahrzehnte des Mordens. Unhi, seine Tochter, ist mehr oder weniger direkt die Folge seines Berufes. Er adoptierte sie als ihre Mutter nicht mehr ihre Mutter sein durfte, so Byongsu Kims Wille. Das Leben plätschert so vor sich hin. Bis er eines Tages Jutae Park begegnet. Offensichtlich ein Kollege. Byongsu Kim kann es noch erkennen, ob jemand aus seiner Gilde seinen Weg kreuzt. Und immer öfter kreuzt Jutae Park in der Nachbarschaft auf.

Und das gerade jetzt, als Unhi ihrem Vater den neuen Mann an ihrer Seite vorstellen möchte. Offenbar ein Jäger – das schließt Byongsu Kim aus dem Fahrzeug. Doch er erkennt den Mann nicht. Nicht sofort. Denn der Mann, der Unhi einmal heiraten will, ist Jutae Park. Der Mann, den Byongsu Kim umbringen muss, damit der nicht mit ihm oder Unhi dasselbe tun kann. Und das muss schnell gehen, bevor Jutae Park endgültig aus dem Gedächtnis des pensionierten Killers verschwindet.

Die Zeilen, das Tagebuch, das der Killer Byongsu Kim führt, klingt schlüssig. Er hat in seinem Leben viele Menschen umgebracht. Aus Reue hat er die Tochter eines der Opfer zu sich genommen. Im Alter lässt sein Gedächtnis nach, zur Vorbeugung führt er Tagebuch. Und der Jutae Park ist der Geheimnisvolle, der Mann im Dunkeln, der, den Byongsu Kim – als letzten Akt – beseitigen muss. Doch es ist alles ganz anders!

In Korea waren King Young-Has „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ die Buchsensation des Jahres. Er selbst ist ein gefeierter und geehrter Autor. Endlich nun ist dieses Werk auf Deutsch erhältlich. Was wie ein Katzenjammer beginnt wandelt sich im Laufe des Umblätterns in einen Thriller noir, der weltweit seinesgleichen sucht. Je weiter man im Tagebuch blättert, je deutlicher wird der Widerspruch zwischen Realität und Einbildung – wunderbar durch die immer mehr verblassende Schwärze der Seitenzahlen. Wenn das Gedächtnis einem so viele Streiche spielt, dass man schlussendlich nur noch eine Wahl hat – zu kapitulieren – kann man als Leser nur hoffen, dass der Wahnsinn kein Ende findet. Die Erlösung wird dem Protagonisten verwehrt, dem Leser steht ein überraschendes Ende bevor…

Hintergrund für Liebe

Ein Mann – nicht irgendein Mann – eine Frau – nicht irgendeine Frau – eine Reise – nicht irgendeine Reise. Eine Reise, zu einer Zeit, in der nicht viele sich die Mühe machen konnten und gut vorbereitet in die Sommerfrische zu fliehen. Viele flohen vor dem braunen Terror!

Der Mann ist Kurt Wolff, die Frau Helen – noch nicht Wolff – zumindest sind Er und Sie dem späteren Verlegerpaar mehr als nur ähnlich. Das Ziel der Reise ist Südfrankreich. Er ist der erfahrene Lebemann, wissend, charmant, abenteuerlustig. Sie hängt an seinen Lippen, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Das muss bald auch er feststellen.

Denn sie ist bald verschwunden. Das Weltmännische an ihm wird allzu schnell in Langeweile gehüllt. Der Mann, der sie aus Deutschland entführte, ist nicht mehr der Mann, der im Süden das kleine unschuldige Ding verzaubern kann. Sie ist selbständig genug, um das Leben in der Fremde genießen und es sich leisten zu können. Sie braucht keinen Luxus, um Freude zu empfinden. Ein kleines Haus genügt ihr. Langusten sind schmackhaft, doch die einfache Küche liegt ihr mehr. Genauso die einfachen Menschen, die das Leben um seiner selbst mögen.

Die getrennten Wege, die Sie und Er im Urlaub gehen, tun beiden gut. Und wie es der Zufall will, finden beide das auch bald schneller heraus als sie jemals zu träumen wagten. Unter der Sonne Südfrankreichs gibt ihnen das Schicksal eine zweite Chance. Doch nun treffen sich nicht mehr die Kleine, die nur allzu gern große Augen macht und der Große, der sich nicht gern kleinmachen wollte. Es treffen sich Mann und Frau, die sich erstaunlich schnell aufeinander treffen, um miteinander die Welt aushebeln werden…

Manchmal muss man getrennte Wege gehen, um sich zu finden. Im Leben wie im Roman. Kurt Wolff musste Deutschland verlassen, um den Schergen der Nazis zu entgehen. An seiner Seite Helen Wolff. Auch sie hat geschrieben, allerdings – als Frau eines Verlegers, selbst Verlegerin – ohne jemals etwas zu veröffentlichen. Günter Grass, Uwe Johnson und Max Frisch konnten durch ihre Arbeit dem amerikanischen Publikum zugängig gemacht werden.

„Hintergrund für Liebe“ wurde zu Beginn der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben. Doch erst jetzt – durch das fortwährende Engagement des Verlegers Stefan Weidle – wurde dieser nachhaltige Roman einem Publikum präsentiert, das den Namen Kurt Wolff vielleicht kennt, aber den seiner Frau bisher nur beiläufig wahrnahm. Helen Wolff trat nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe an. Die Reiseerinnerungen sind so anschaulich, dass jeder Eindruck der Autorin bis heute nachvollziehbar ist. Ihrer Beziehung zu Kurt Wolff, die im Roman noch zarte Knospen trägt, beim Wachsen zusehen zu dürfen, ist ein Riesenglück für alle Leser, denen die Geschichten hinter der Geschichte am Herzen liegen.

Lesereise Toskana

Wenn man schon ein Reisebuch schreiben will, warum dann nicht gleich über eine der schönsten und eindrucksvollsten Regionen der Welt? Julia Lorenzer ist nicht die typische Reiseführerin, die durch die wundervolle Architektur der toskanischen Städte wandert und links und rechts des Weges auf das eine oder andere Schmuckstück hinweist.

Ihr Anliegen ist es Geschichte und Gegenwart zusammenzuführen. Zu wissen wie etwas entstand – und warum – ermöglicht es erst die Gegenwart einzuordnen. Von überzeugenden Filmkulissen, die schon und noch lange von der Einzigartigkeit dieses Landstriches zeugen über mehr oder weniger erfolgreich herrschende Bewohner der prächtigsten Palazzi, die man jemals sah bis hin zu lukullischen Genüssen, die den Geschmack Toskana so nachhaltig prägen, findet die Autorin immer einen Weg den Leser für diese Region einzufangen.

Meer, Berge, endlose Aussichten, gespickt mit kulturellen Hinterlassenschaften, die jeden Hobbyfotografen zum Profi reifen lassen – die Toskana bietet für jeden Geschmack das passende Ambiente. Mit gleichbleibender Empathie berichtet Julia Lorenzer von der berühmte Mille Miglia, von die Übernahme der Toskana durch die Habsburger und stellt einen Koch vor, der der Liebe folgte, um einer weiteren Liebe zu begegnen.

Diese Lesereise macht Appetit auf Toskana, auf noch mehr Toskana. Wenn Julia Lorenzer beschwingt von Thermalbädern berichtet, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. So als ob man mitten im gesunden Wasser liegen würde. Beim Waten durch einen eiskalten Bach hingegen schüttelt es wohl die meisten. Auch das ist eben die Toskana.

Auf einer Reise durch die Toskana begegnen einem auf Schritt und Tritt historische Persönlichkeiten – allen voran die Medici – deren Namen einem geläufig sind. Doch ihr Wirken ist im Laufe der Zeit hinter einen mehr oder weniger dichten Schleier getreten. Dieses Buch weht diesen Schleier immer wieder an und lässt so Geschichte wieder aufleben.  Auf einer Bank in den Hainen um Piesola oder in einem der zahlreichen Täler auf dem Weg von Pisa nach Livorno oder einfach nur an den Ufern des Arno kommt man damit dem Geheimnis der Toskana auf die Spur.