Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Der Weg des Helden

In großen Fußstapfen wandeln, ist ein gewagtes Unterfangen. So manche ist dabei schon in ein großes Loch gefallen. Man kann auf den Spuren Goethes Italien erkunden, wie in der Nachwendekomödie „Go Trabi Go“. Oder den Weg gen Westen erkunden wie einst Lewis und Clark.

Tim Parks hat vor Jahrzehnten die Liebe entdeckt, zu einer Italienerin und zu Italien. Zuvor schon zur Geschichte des Landes. Speziell zu Giuseppe Garibaldi, dem Einiger des Stiefels. Der beschäftigte ihn schon während des Studiums der Geschichte.

Italien war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Flickenteppich aus größeren, aber vor allem vielen kleinen Reichen. Manche waren so klein, dass man sie mühelos mit einem Blick erfassen konnte. Europas Machthaber tummelten sich hier, stritten sich um Handelswege und somit um die Macht. Dem machten Mazzini, Cavour, König Emanuel II. und ebendieser Garibaldi ein Ende. Jede auf seine Art. Nicht immer geeint, doch schlussendlich siegreich. Um Rom vor der totalen Zerstörung zu bewahren, Frankreich war wild entschlossen, die Besatzer der Ewigen Stadt mit allem, was ihnen zur Verfügung stand den Garaus zu machen, entschloss sich Garibaldi zu kapitulieren. Und den Weg ans Meer anzutreten. Dazwischen lag jedoch der Appennin. So weit der grobe geschichtliche Abriss – Tim Parks kann das viel besser erklären.

Und das tut er auch. In diesem Buch. Aber auf seine eigene Art und Weise. Im Jahr 2019, also mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Garibaldi, schnürte er seinen Tornister und die Wanderschuhe, und er wanderte mit seiner italienischen Liebe auf dem Weg des Helden. Von Rom bis an die Adria.

Jedes Kapitel ist mit zwei Daten versehen. Dem von Garibaldi, und dem von Parks. So entsteht auf beeindruckende Art eine leicht nachvollziehbare Kopie eines einzigartigen Marsches. Durch seine Recherchen ist Tim Parks in der Lage genau die Leiden, die Hoffnungen, die Orte, die Wege nachzuvollziehen, die einst der große Freiheitskämpfer ging.

Oft fragt man sich im Urlaub, wer der Namensgeber der Straße oder des Platzes ist, den man mit großen Augen und offenem Mund bestaunt. In Italien stößt man pausenlos auf eine Via Cavour oder eine Via Garibaldi. Das ist bei den meisten der Anstoß mal nachzuhaken. So konsequent hat aber nur Tim Parks nachgeforscht. Nun ist er auf dem Weg quer durch Italien. Es geht ihm nicht darum als Extremsportler in die Annalen einzugehen. Einmal einen historischen Weg nachzuvollziehen, nicht einfach nur abzuschreiten, um anschließend ein „Bravo!“ einzuheimsen. Als Historiker weiß er um die nachhallende Bedeutung Garibaldis. Da macht ihm kaum noch jemand etwas vor. Er will selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man Großes vollbringt. Und wie es sich heute anfühlt. Die Zeiten haben sich geändert. Navigationsgeräte erleichtern die Suche enorm. Die Hinterlassenschaften aufzuspüren, Ausblicke von damals mit denen von heute zu vergleichen – darin liegt die Einzigartigkeit des Unterfangens Garibaldi erlebbar zu machen. Es gelingt Tim Parks auf jeder der fast fünfhundert Seiten. Bravo!

Der Tallinn-Twist

Ein erfolgreicher Tag beginnt mit einem frühen Start. Im Fall von Marie Vos begann der erfolgreiche Tag – sinngemäß – schon vor Jahren. In Sonderermittlungsabteilungen der EU in Brüssel hat sie sich einen Namen gemacht und ein kleines Netzwerk geschaffen. Nun sitzt sie im Taxi im Stau, weil ein paar Demonstranten gegen die Privatisierung der Wasserwirtschaft demonstrieren. Im Handgepäck hat sie Haftbefehle gegen Betrüger, die mit EU-Mitteln das dolce vita in vollen Zügen genossen haben. Und schon klingelt ihr Telefon – der erfolgreiche Tag ist noch nicht zu Ende.

Söderberg – in Brüssel kennt man sich – will sie in einer brisanten Sache dabei haben. In ein paar Stunden wird Dennis Bahr verhaftet werden. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, der die Seiten gewechselt hat. Doch welcher Seite nun seine Loyalität gilt, ist unklar. Auch er hat seine Finger bei der Neuordnung der Wasserwirtschaft im Spiel. Marie soll ihn verhören und ihm suggerieren, dass sie seine einzige Chance sei halbwegs ungeschoren aus dem Schlamassel rauszukommen. Bahr trägt einen Peilsender, was er natürlich nicht weiß. Marie und Söderberg verfolgen angestrengt den weißen und die roten Punkte auf dem Monitor. Gleich wird Bahr verhaftet … er telefoniert und … ist komplett aus der computergestützten Überwachung verschwunden! Ein erfolgreicher Tag sieht anders aus.

Auch für Dennis Bahr. Als er wortwörtlich wieder auftaucht, sind seine Lebensgeister erloschen. Und noch ein Wort zur Neuordnung der Wasserwirtschaft. Die Wasser-Konzerne lassen sich von der EU ihre neuen Projekte finanzieren, die Folgekosten tragen dann die Kommunen und der Verbraucher. Um diese Schieflage halbwegs kontrollieren zu können, wurde die Taskforce Neuordnung der Wasserwirtschaft gegründet.

Als ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin, was in Maries Fall nicht anderes bedeutet, als dass sie die Grundausbildung inkl. einiger Kampfsportarten absolviert hat, hat sie einige Einblicke in die Arbeit im Verborgenen erhalten. Eine Fähigkeit, die ihr in der Folge so manches Licht aufgehen lässt.

Sie ist froh als sie ein Ticket nach Tallinn in den Händen hält und ein bisschen Abstand vom trockenen Alltagsjob in Brüssel bekommt. Frontarbeit. Denn hier könnten die Hintermänner sitzen, die Dennis Bahr auf dem Gewissen haben, die mit der Neuordnung der Wasserwirtschaft sich selbst – und nur sich selbst – ein sanftes Ruhekissen aufschütteln könnten. In Tallinn, Estland hat sich eine Gruppierung formiert, die die nationale Keule schwingt, um sich Macht zu sichern. Da spielen monetäre Überlegungen schon fast keine Rolle mehr. Marie lernt Europa, die EU, das ganze System von einer Seite kennen, die man sonst nur aus Romanen kennt. Daheim, in Brüssel, gehen die Untersuchungen auch in Marie Abwesenheit weiter. Söderberg sichert ihr uneingeschränkte Hilfe zu. Doch echte Ergebnisse liefert ihr nicht ihr Arbeitgeber. Private Hilfe ist oftmals viel effizienter…

Korruption, Betrug, und das alles im ganz großen Stil. Und ein Mord: Thomas Hoeps und Jac. Toes – die kongenialen Einzeltäter, die im Team unschlagbar sind – haben den Leser am Haken. Die Aktualität des Stoffes, die Brillanz ihrer Schlussfolgerungen, das unfassbar spannend gestaltete Set fesseln bis zur letzten Zeile.

Opus 77

Da sitzt sie nun. Am Klavier, ihrem Instrument. Es herrscht angespannte Ruhe. Denn das Publikum ist nicht wegen ihr angereist. Sie kamen wegen ihres Vaters, dem Claessens. Dem Dirigenten. Dem Gott am Pult. Arianes Vater ist gestorben. Sie pflegte ihn in seinen letzten Tagen, fütterte ihn. Ihn den Übermenschen, aber der niemals ihr Vater war.

Lange hat sie sich den Kopf zerbrochen, welches Stück sie spielen solle. Die Wahl fiel schlussendlich auf Dimitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, Opus 77. Sie als Pianistin und ein Violinkonzert? Selbst als Klassiklaie fällt der Widerspruch auf. Ihr Bruder David ist doch der begnadete Soloviolinist. Schon von Kindesbeinen an spielte er auf dem elterlichen Bösendorfer, so dass selbst die Mutter das Zimmer verließ. Ach ja, die Mutter. Einst schillernde Gestalt, doch im Schatten des großen Mannes (hinter dem ja bekanntlich immer eine starke Frau steht) verwelkte sie zusehends bis nur noch Falten des Zorns und der Abschottung ihr Antlitz kleideten.

Nun denn. Hebt an. Lasst die Zeremonie beginnen. Doch Ariane setzt ab. Sie lässt ihr Leben, das ihres Vaters Revue passieren. Und das erwählte Musikstück ist nun wirklich kein Zufall. Dimitri Schostakowitsch und sein Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, op. 77 ist kein leichtes Stück. Der Hauptakteur, der Violinist spielt ununterbrochen. Vierzig Minuten lang gönnt ihm der Komponist keine Pause. Das Konzert wurde 1948 komponiert und fiel in seinem Heimatland, der Sowjetunion, komplett durch. Schostakowitsch war bei Stalin unbeliebt. Dessen Speichellecker schikanierten den Komponisten wo es nur ging. Sein Lehrauftrag wurde ihm schon entzogen.

David Oistrach – der gleiche Vorname wie der Bruder der Erzählerin, bestimmt kein Zufall – wurde das Konzert auf den Leib geschrieben. Außerhalb der Sowjetunion wurde das Stück gefeiert. Nur daheim eben nicht.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Violinkonzertes beschäftigt, erkennt die Parallelen zwischen Musik und Roman. Das beginnt bei den Kapiteln Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Kadenz und Burlesque und hört bei den Charakterisierungen der handelnden Personen noch lange nicht auf. Alexis Ragougneau inszeniert seinen Roman mit enormer Akribie, so dass man sich schon bevor der Maestro ans Pult tritt im schönsten Konzertsaal der Literatur meint. Das Saallicht wird gedimmt, die Musiker stimmen ihre Instrumente, nervöses Sesselrutschen, die Solistin nimmt Platz. Anders als im Roman geht’s nun wirklich los. Geschickt wird das Thema eingeführt das Tempo zeiht an, um kurz vor Schluss (Kadenz) die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

Ein Buch für Musikliebhaber, für Leser mit einem offenen Ohr für die Pracht der Musik. Und für Leser, deren Horizont eben das ist. Unantastbar und ein Weg voller Überraschungen.

In der Ferne sprechen die Bäume arabisch

Auch wenn es immer wieder versucht wird, ist Integration keine Frage von Zahlen, Tabellen und Diagrammen. Sie findet im Kopf statt. Und es gehören immer zwei dazu. Derjenige, der integriert wird und derjenige, der integrieren kann. Die Sprache ist sicherlich der Schlüssel zum Erfolg. Doch was ist mit den alltäglichen Dingen? Die, die in keinem Reiseratgeber stehen.

Usama Al Shahmani wurde im Irak geboren, lebt nun in der Schweiz und schreibt in seinem weitgehend autobiographischen Buch „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ auf sehr poetische Art und Weise von den Schwierigkeiten die neue Kultur (in seinem Fall die der Schweiz) für sich anzunehmen. Das beginnt beim anfänglichen Unverständnis über den Begriff des Wanderns. Das kannte er bisher nicht. Einfach in den Wald gehen und „ein bisschen herumzulaufen“, sich die Lust um die Nase wehen zu lassen. Im Hintergrund hat er sein schwebendes Asylverfahren. Geht alles gut, wird er bald arbeiten mit einer soliden Bezahlung. Doch das dauert. Und so verbringt er die Zeit mit einem schlecht bezahlten Job und …, er probiert es mit dem Wandern. Die Ruhe der Natur lässt alte Erinnerungen aufflammen. Doch die stören ihn keineswegs. Im Gegenteil. Instinktiv verbindet er das Jetzt mit dem, was einmal war. Dem Rauschen der Blätter, die gesamte Geräuschkulisse kommen ihm seltsam vertraut vor.

Es sind die kleinen Geschichten, die die Neuentdeckung der neuen Umwelt einem die Seiten so wissbegierig umblättern lassen. In poetischen Worten – als studierter Sprachwissenschaftler weiß er um die Kraft der Worte und kann sie entsprechen einsetzen – nimmt Usama Al Shahmani den Leser an die Hand und zeigt ihm seine alte Welt und die neue Welt, die dem Leser vertrauter sein sollte. Er schafft es dem schon immer Umgebenden neue Aspekte abzugewinnen. So lernt man selbst das Alltäglich noch einmal neu kennen.

Man wird in eine Welt hineingezogen – integriert – die man selbst zu kennen scheint. Doch immer wieder stößt man an die eigenen Grenzen des Verständnisses. Hat man das erstmal verinnerlicht, versteht man die Schwierigkeiten „der Anderen“ um ein Vielfaches besser. Und das kann ja nun wirklich nichts Schlechtes sein.

Im Auge der Pflanzen

Es soll ja Menschen geben, die durch die Gegenwart von Tieren zu einem anderen Menschen werden. Meist sogar zu einem besseren Menschen. Sieht man genauer hin, sind die Veränderungen aber gar nicht so gravierend. Sie sind dann vielleicht ruhiger, gelassener. Lassen die Aufregung nicht mehr so oft zu.

Djamila Pereira De Almeida treibt es mit der Veränderung auf die Spitze. „Im Auge der Pflanzen“ steht Celestino, Käptn Celestino. Einst ein gefürchteter Mann der Meere, der sich heute noch damit brüstet – oder ist es eine Art öffentliche Beichte, um Zeugnis abzulegen? – unzählige Leben ins Jenseits befördert zu haben. Dabei ist er in der Wortwahl nicht zimperlich. Sprüche wie, dass Hälse – die er höchstselbst umgedreht hat – kein Alter haben. Blut, das aus allem herausquoll, wo es nur herausquillen kann.

Den Kindern der Nachbarschaft, die dem Alten gern mal über den Gartenzaun lugen, imponiert immer noch die Statur des Seebären. Doch die eigentliche Faszination auf die Menschen um den einstigen Unhold hat ihren Ursprung in dessen Garten. Hier gedeihen die prächtigsten Pflanzen. Und hier hat Celestino nun endlich Frieden gefunden. Vom Saulus zum gründaumigen Paulus. Ja, Märchen können auch wahr werden.

Die Emsigkeit und Unnachgiebigkeit der Vergangenheit gereicht ihm heute zum Vorteil. Seine ganze Hingabe gilt dem Grün um ihn herum. Mit unvergleichlicher Liebe zur Flora schneidet er im richtigen Moment triebe zurück, wässert mit Bedacht seinen Grund und Boden und lässt farbenfrohe Blüten um sich herum erstrahlen.

Es ist die Einfachheit der Worte, die Djamila Pereira De Almeida verwendet und die Taten, die sie ihrem Celestino angedeihen lässt, die den Leser dieses vorzüglichen Büchleins nicht in Ruhe lassen. Hier kommt kein großer Knall, der alles auf den Kopf stellt. Celestinos Leben ist schon längst von links auf rechts gedreht worden.  Er genießt das Hier und Jetzt. Das, was einmal war, ist und bleibt ein Bestandteil seines Lebens. Und das für immer. Doch Celestino bevorzugt es sich nun gerade jetzt gut gehen zu lassen.

Als Leser kann man es sicht ebenso gutgehen lassen. Wie ein Blatt im Wind, das sanft auf eine saftige Wiese fällt, wiegt man sich im sanften Schaukeln der Wörter. Man wird sicher nicht zu einem besseren Menschen, wenn man dieses Buch liest. Aber man legt es zufrieden nach der letzten Seite neben sich, um immer wieder darin zu blättern.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Spreewald

Man kann in die Wüste fahren und sich dort aus dem trockenen Boden gestampfte Museen anschauen. Inklusive Vergnügungspark und Rennstrecke. Da staunt man nicht schlecht. Doch das ist dann eher die Verbeugung vor dem Mut und der Ingenieurskunst. Hier hat sich der Mensch tatsächlich die Natur zum Untertan gemacht.

Wenn Mutter Natur dagegen dem Menschen nur eine begrenzte Chancenvielfalt gewährt, der Mensch dann aber immer noch mit offenem Mund sich ergeben verneigt, dann ist das eine Leistung, die viele Mütter und Väter hat. Wenn man es so sieht, dann ist ein Ausflug in den Spreewald fast schon mit einer Pilgerfahrt gleichzusetzen.

Wenn sich die Spree von der Weltstadt Berlin trennt und sich gemütlich ihrer Quelle entgegenwindet, passiert sie ein Stück Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Sumpfig ist es hier, die Spree teilt sich in unzählige Nebenarme, ein dichter Urwald verdeckt die Weitsicht – kurzum: Wir sind im Spreewald.

Wer dabei nur an ausgelassene Kahnfahrten mit strahlenden Gesichtern denkt, liegt niemals falsch. Aber der Spreewald ist mehr als sich durch diesen Urwald schippern zu lassen. Dass es hier mehr zu erleben gibt, beweist Peggy Leiverkus mit ihrem Reiseband über den Spreewald. Schon allein das Ankommen will sorgsam geplant sein. Hier fährt man nicht einfach mal ran und hüpft vergnügt in den Wald wie man es vielleicht sonst in der Pilzsaison macht. Nach Lübbenau mit dem Zug ist der sicherste Weg, das macht die Autorin auch gern so. Und da man Michael-Müller-Autoren fast schon blind vertrauen kann, ist dieser Rat Gold wert. Und schon ist man mittendrin im Geschehen. Als Erstes fällt auf: Alle Orts- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Deutsch und Sorbisch, genauer gesagt Niedersorbisch. Und dass die erste Suche einer Kahntour gilt, ist selbstredend. Mit dem Auto komm man schließlich nicht weit! Wer den Spreewald auf eigene Faust, im eigenen Boot erleben will, kann dies auch tun. Die Verkehrsregeln sollte man aber tunlichst einhalten. Zu erleben gibt es in dieser gut besuchten, und dennoch wenig in den Medien stattfindenden Region massenhaft. Wie zum Beispiel die Byttna-Eichen. Die Wiesenlandschaft Byttna südöstlich von Staupitz lässt keine andere Möglichkeit zu als sich Erholung zu gönnen. Immer wieder säumen Eichen den Wanderweg, die seit ihrer Geburt so ziemlich alles erlebt haben, was möglich ist. Doch vom eigentlichen Weltgeschehen verschont blieben. Und das seit Jahrhunderten!

Immer mal wieder den Kahn verlassen und links und rechts Schauen, Staunen, Stirnrunzeln. Der Spreewald ist trotz zahlreicher Besucher immer noch ein kleiner Geheimtipp. Seine umliegenden Landschaften wie Fläming, der mit Tropical Island, einer umgebauten Zeppelinhalle und der Stadt Cottbus, die immer noch stiefmütterlich behandelt wird, bietet sich dem Besucher eine Region an, deren Vielfalt verblüffen wird. Um nichts zu verpassen, ist es ratsam sich diesen Reiseband schon vorher als Appetitanreger und unerlässliches Hilfsmittel eingehend einzuverleiben. Nicht zuletzt wegen der unzähligen und überaus nützlichen Tipps (Anfahrt, Ticketreservierung – besonders im Sommer zu empfehlen) und der in den farbigen Kästen unterhaltsamen Informationen abseits der gängigen Klischees erweist sich dieses Buch ein ums andere Mal als unerlässlich.

Ifni – Spaniens letztes koloniale Abenteuer

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. So steht es geschrieben, so ist es auch. Und es gibt unzählige Opfer, die diesem Opfer, zum Opfer gefallen sind.

Es ist Sommer 1921. Spanien führt wieder einmal Krieg, um seine koloniale Expansionspolitik unter Beweise zu stellen. In Marokko kommt es in Annual zu einer verheerenden Niederlage. König Alfonso XIII. dankte zwei Jahre später ab. Jahre später – die Diktatur von Primo de Rivera ist vorbei, Francos Diktatur steckt in den Startlöchern – wird heftig über die Gefangenen der „Katastrophe von Annual“, dem „Desaster“ diskutiert. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die die Macht in Spanien an sich reißen wollen und deren Anhänger. Aber auch für die Presse. Viele lassen sich vom Wahn der erforderlichen Befreiung mitreißen. Doch überall, wo einem starke Worte um die Ohren fliegen, gibt es mindestens einen, der versucht der Wahrheit – und es gibt immer eine Wahrheit! – ans Tageslicht zu befördern. Manuel Chaves Nogales, stellvertretender Direktor der Tageszeitung Ahora war vor Ort, in Marokko. Von den 300 spanischen Gefangenen hat er … keinen einzigen gesehen. Nicht einmal von ihnen gehört. Es gab ein paar Spanier, die hier lebten. Achtzig Jahre später hätten sie vielleicht in der spanischen Ausgabe von „Good bye España“ eine tragende Rolle gespielt. Aber als Gefangene eines missglückten Krieges taugen sie niemals.

Vielmehr ist Spaniens kolonialer Gegenspieler in der Region Frankreich als Gefängniswärter anzusehen. Doch wo keine Gefangenen, kein Wärter. Dann gibt es noch die Glücksritter, die sich die Farce zu Nutze machen wollen. Wenn es in den Medien diese Gefangenen gibt, die spanische Regierung deren Herausgabe fordert (sogar eine militärische Intervention in Betracht zieht), dann kann man die Situation ausnutzen und selbst ein paar Taler daran verdienen. Doch keiner hat mit Manuel Chaves Nogales gerechnet. Er kabelt in die Madrider Redaktion: „Es gibt keine Gefangenen!“. Nicht „es werden keine Gefangenen gemacht“, was eher einer Kriegsreportage gut stehen würde. Nein, es gibt schlichtweg keine Gefangenen!

Dieser Nogales war kein Hallodri, der sich blind und mutig in ein Abenteuer stürzte. Er war ein Intellektueller, der um die Macht der Worte wusste. Und er wusste diese Macht einzusetzen. Die Unnachgiebigkeit und die nüchterne Wiedergabe der Fakten machen seine Reportagen zu einem Pageturner, dem man gern nachgibt. Die so genannte vierte Gewalt, die Medien, relativieren im Fall des „Annual“, des Desasters, die perfiden Machtspiele einer künftigen Diktatur.

Erst jetzt entdeckt man Manuel Chaves Nogales in seinem Heimatland wieder. Gleichzeitig auch im deutschen Sprachraum. Francos Schergen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Name Nogales war fast für immer aus dem journalistischen wie literarischen Gedächtnis Spaniens gelöscht. Zum Glück nur fast! Diese Stimme darf niemals versummen. Der Kupido-Verlag plant weitere Veröffentlichungen aus dem umfangreichen und abwechslungsreichen Werk des Spaniers.

Beinahe Alaska

Es gibt Reisen, die die ganz im Zeichen allgemein gültiger Sinnsprüche stehen. Der Weg ist das Ziel, ist so ein Spruch. Oft als Mutmacher, weil etwas nicht geklappt hat, missbraucht. Doch nicht nur einmal bewahrheitete sich der tiefere Sinn, und schiebt so manche Trübsal beiseite. So wie in „Beinahe Alaska“. Eine Fotografin und Autorin, Mitte 40, hat sich ihren Trip ins Eis Alaskas anders vorgestellt. Von Grönland kommend malt sie im Kopf schon die Bilder und für sich und die Ewigkeit. Es sind imposante Bilder. Sie werden beeindrucken. Sie, die Betrachter, den Auftraggeber.

Gibt es ein Buch, das sachlich, neutral die Freuden einer Kreuzfahrt ohne Beigeschmack erzählen kann? Nein! Denn eine Kreuzfahrt hat immer das schlechte Gewissen an Bord. Giftige Gase, die in den Himmel und die Nase steigen, sorgen dafür, dass ausgerechnet diese Kreuzfahrt ins Eis der Arktis zu einer der letzten Fahrten ins ewige Eis werden kann. Und dann die Passagiere. Oft meint man, dass es an jedem Ort der Welt immer Einen gibt, mit dem man selbst niemals ein Wort wechseln würde. Nervenaufreibend ist da noch die liebevollste Umschreibung für dessen Charakter. Und dann der durchgetaktete Ablauf an Bord, der zweifelsfrei notwendig ist, doch mit freier Entfaltung im Urlaub so gar nichts zu tun haben kann.

Die Ich-Erzählerin saugt alles in sich auf. Schließlich ist sie nicht zum Vergnügen hier. Diese Reise ist für sie Arbeit. Auftraggeber pochen auf die Deadline, die einzuhalten ist. Ihr eigener Anspruch steht bald schon im Gegensatz dazu. Landgänge sollen eine Abwechslung zur Routine an Bord sein. Doch auch mit festem Boden unter den Füßen sind die Mitfahrer nicht zum Umdenken und Anderssein zu bewegen. So bleibt ihr nur die Hoffnung, dass Alaska die Wende bringen wird. Das Ziel muss das Ziel bleiben. Doch es kommt anders. Das Eis, das seit Jahren zum Rückzug geschrieben und erzählt wird, schlägt dem Funktionsjackengeschwader die geballte Kraft seiner Ausmaße um den Bug. Schluss. Bis hierhin, und keine Buglänge weiter. Alaska? Weit weg. Hier setzt nun der Verstand ein. Die Erzählerin, Arezu Weitholz hat so eine Reise unternommen, und ist mit guten Gewissen als Zwillingsschwester der Erzählerin zu bezeichnen, hadert mit ihrer Mission, zweifelt an sich und ergibt sich nicht kampflos…

Alaska wird ein Traum bleiben, zumindest im Buch. Was der Autorin bleibt, sind die Erlebnisse auf dem Weg. Und die sind der Treibstoff, die den Leser zum Umblättern ein ums andere Mal antreiben. Steht anfangs noch die Aussicht auf das Ziel im Vordergrund, rücken die Begleiter steig in den selbigen. Ein köstlicher Bericht, eine Reise, die anders geplant war, ein Reiseziel, das nie erreicht wird. Und genau deswegen ist „Beinahe Alaska“ das vollkommene Reisebuch.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.