Kategoriearchiv: Urlaubslektüre

Ein sonderbarer Immigrant

Wer in Lagos, dem fälschlicherweise immer als Hauptstadt Nigerias bezeichneten Moloch, lebt, sollte an Absurditäten, Skurrilitäten und allerlei Fallstricke gewöhnt sein. Irgendwie ist das auch die Meinung des Erzählers. Lukmon. Denn irgendwie ist er selbst eine Skurrilität. Er ist Literaturwissenschaftler – die trifft man in der Millionenstadt auch nicht an jeder Ecke. Dass er in einer Bank arbeitet – als Literaturwissenschaftler – befeuert das Bild des Skurrilen. Er ist verheiratet mit Moriam, Krankenschwester. Ihnen geht es, wenn man den Rest der Bevölkerung Lagos’ betrachtet, relativ gut. Dennoch ist der Weg über den großen Teich ein Ziel, das sie nun endlich in Angriff nehmen wollen. Sie nehmen an der Greencard-Lotterie teil. Und … sie gewinnen – ob das wirklich so sein wird, zeigt sich erst im weiteren Verlauf des Buches.

Bisher ein Skurriler unter Landsleuten, trifft er in New Jersey auf seine Familie. Eine Bande von ungeahnten Skurrilitäten, die allerdings allesamt in einer fremden Umgebung aufgewachsen sind bzw. noch immer auf der Suche nach dem passenden Platz in der Gesellschaft sind. Lukmon wird zum Chronisten einer Generation von Immigranten, die ihm so nahe ist, dass er Platzangst bekommt.

Lukmon und Moriam sind nun Auswanderer, Immigranten. Die Zukunft in Nigeria sah düster aus. Das „was wäre wenn“ übertrumpft die Wurzeln und den Drang nach Veränderung vor der eigenen Haustür. Und was wird aus Taslim und Bashira, ihren Kindern? In Amerika sind zumindest die Chancen auf ein gutes, besseres, sichereres Leben größer.

Cousin Ismael ist die personifizierte Freiheitsstatue für die vierköpfige Familie, die aus der Zwanzig-Millionen-Stadt Lagos in die Fünfzehn-Millionen-Metropole New York zieht. Freiheitsstatue aber nur insofern, dass Ismael der Erste ist, den sie sehen. Der Cousin ist schon voll integriert, wie er meint. Schon beim Rundgang durch das Haus des Verwandten, dreht sich Lukmon der Magen um. Ismael hört gar nicht mehr auf die Dinge hervorzuheben, die er nun besitzt, die ihn von anderen unterscheiden. Ein Prahlhans erster Klasse! Das geht sicherlich vorbei, denkt sich Lukmon.

Doch er wird bald merken wie falsch seine Annahme ist. Denn im einst weit entfernten Amerika sind die, die ihm einmal nahe waren weiter entfernt als er es sich jemals hätte vorstellen können. Blut ist dicker als Wasser – doch die Familie ist wie eine Tüte Gummitiere, die zu lange in der Sonne lag: New York bietet ihnen Schutz. Doch im Inneren ist das Individuum nur ein Teil einer Masse, das sich nur schwer daraus lösen kann. Wo kommt man her, wo steht man, wohin führt der Weg? Die Masse bestimmt den Weg. Manche gehen so weit, dass sie ihre eigenen Wurzeln verleugnen … und das manchmal sogar freiwillig. Lukmon ist entsetzt, sieht aber auch Chancen, die die meisten nicht sehen wollen.

Sefi Atta ist in Lagos geboren, sie unterrichtet an der Mississippi State University – die Parallelen zwischen ihrem eigenen Leben und das ihrer Helden sind offensichtlich. Und darin liegt die Stärke all ihrer Bücher. Nähe und Distanz schließen sich in keiner Zeile aus. Die Symbiose aus Phantasie und eigenem Erlebten blüht in ihrem Werk auf jeder Seite wie eine farbenprächtige Wiese. Je tiefer man eintaucht, umso intensiver der Geschmack.

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt als mittelmäßig zu bezeichnen, weil es die achtgrößte Fläche besitzt (bei 16 Bundesländern also genau in der Mitte liegt) oder weil es geographisch eben in der Mitte Deutschlands liegt, wäre ein nicht zu unterschätzender Fehler. Denn schon bei der bloßen Erwähnung der so genannten Must-Sees, staunt man, was tatsächlich alles in Sachen-Anhalt liegt: Zwei Lutherstädte, Eisleben und Wittenberg, der Harz, die Weinregion rund um Naumburg samt dem bedeutenden Dom mit der berühmten Uta, der Kyffhäuser und die Bauhausstadt Dessau. Von A wie Altmark bis Zeitz (Autokennzeichen ZZ, danach kommt nichts mehr in dieser Liste) ist also alles vertreten.

Das stiefkindliche Image, das das Land lange Zeit mit sich trug, ist endgültig abgeschüttelt. Die Landeshauptstadt Magdeburg wird immer öfter besucht, auch weil das karge Industrieimage einem landschaftlich ansprechenden Gesicht gewichen ist. Der Harz war, ist und wird immer ein Anziehungsort bleiben. Städte wie Wernigerode und Quedlinburg sind fester Bestandteil eines jeden Besuches. Und wer Naumburg besucht ohne den Dom zu besichtigen, dem fällt auch der Eiffelturm in Paris nicht auf.

Und dennoch gibt es im Land mehr zu entdecken als die Wirkungsstätten von Luther oder Willi Sitte (Maler der Leipziger Schule, ein Leben lang in Halle verwurzelt).

Wer weiß schon, dass auch Sachsen-Anhalt ein Burgenland aufzubieten hat? Ellenlange, gewundene Straßen unterm Blätterdach endloser Alleen machen allein schon die Anfahrt zu einem Erlebnis. Und wer im Wörlitzer park spazieren gegangen ist, wird immer wieder kommen. Zahlreiche kleinere Städte wie Weißenfels, Merseburg oder Tangermünde locken nicht mit der einen großen Attraktion, die man unbedingt gesehen haben muss. Ihr Charme liegt in dem Abenteuer sich Straßen und Gassen und Plätze selbst zu erobern.

Und dabei ist dieser Reiseband unerlässlicher Begleiter, hilfreicher Ratgeber und fortwährender Antreiber bei diesen Erkundungstouren. Die ausgewogene Mischung aus offensichtlichen Orten ,die man gesehen haben muss und dem, was man selbst auf dem zweiten Blick nur mit scharfgestellter Neugierbrille erkennt, lassen diesen Reiseband immer wieder in die Hand nehmen. Egal ob für den Tagesausflug, einen Städtetripp oder ausgeweitete Wanderungen – hier geht’s lang. Ohne Zwischenstopp durch Sachsen-Anhalt.

Sempre italia

Ach, würde der Urlaub doch ewig dauern! Würde für immer die Sonne scheinen. Würde für immer der Wein wie beim ersten Mal schmecken. Das ließe sich beliebig fortsetzen, denkt man an Italien. Einmal von hoch oben auf einen Lago schauen, leckere Pasta mit richtig viel parmigiano dort genießen, wo er produziert wird oder unter sengender Sonne sich Pizza in den Mund stopfen – dazu ein vino … und das Paradies kann einem gestohlen bleiben.

Jede Liebeserklärung an den Stiefel ist eine emotionale Reise, reich gespickt mit Erinnerungen und Ideen fürs nächste Mal. Denn ein nächstes Mal gibt es immer! Frances Mayes und Ondine Cohane sind verliebt. Verliebt in Italien – das allein reicht aber noch nicht. Sie halten ihre Liebe zu Land und Leuten in diesem Buch fest. Vierhundert Seiten amore – das kann „im normalen Leben“ die Eine/den Einen schon mal überfordern. Den Leser, den Liebeshungrigen, den Italienliebhaber überfordert es nicht. Denn vieles kennt man vielleicht schon. Manches wollte man schon immer mal besuchen. Und einiges gehört beim nächsten Mal in italia auf alle Fälle zum Reiseprogramm.

Kreuz und quer durch das Land, das immer noch und immer wieder überraschen kann. Immer mit der Kamera im Anschlag und mit dem gezückten Stift in der Hand tauchen die beiden ab in eine Kultur, die mit Sehnsucht nur annähernd beschrieben werden kann.

Jede Region wird so lange bereist bis die Autorinnen das Besondere gefunden haben, das ihre Liebe am besten beschreibt. Die seitenfüllenden Abbildungen locken den Leser in die Geschichten hinein, die so wortgewandt jeder Kritik widerstehen. Für ganz Eilige gibt’s am Kapitelende eine kleine Zusammenfassung und Tipps, was man nicht verpassen darf. Für eifrige Leser sind diese Zeilen Erinnerungslückenfüller. Denn jede Region steckt voller Abenteuer, die man erleben muss.

Und für jeden ist etwas dabei: Radfahren, Weindegustationen, Wandern, Erkundungstouren, Schlemmen …

Im Meer der Italienbücher geht man schnell unter, wenn man nur nach dem Einband seine Wahl trifft. Zu groß die Menge an Reisebüchern, Bildbänden, Ratgebern. „Sempre italia“ ist ein leidenschaftliches Kraftpaket, das man immer wieder hervorholt und sich inspirieren, Träume fliegen lässt und in eine Welt eintaucht, die gar nicht soweit entfernt von der eigenen Haustür das dolce vita mit einem einzigen Umblättern real werden lässt.

New York Ghost

Da arbeitet man Tag für Tag. Gibt alles für die Firma. Soziale Kontakte – Fehlanzeige. Und dann sagt einem niemand, dass da draußen die Welt untergeht?! So sehr man darüber schmunzeln möchte, so bitter ist die Wahrheit für Candace Chen. Während sie den Kopf in ihre Arbeit hängt, grassieren in New York lebensgefährliche Pilzsporen. Immer mehr Menschen flüchten aus der Stadt. Die Straßen werden immer leerer. Bis … ja, bis schlussendlich nur noch Eine übrig ist. Eine in der Stadt die losen Fäden ihres Daseins und die der Firma in den arbeitsamen Händen hält. Candace hat die Apokalypse schlichtweg … verarbeitet. Verarbeitet im Sinne von durch Arbeit verschlafen.

Die Renaissance der Yuppies geht einher mit der zweiten Entstehung der Hipster, die mit den eigentlichen Hipstern so gar nichts gemein haben – Stil ist zeitlos, affektiert. Immer mehr Menschen müssen sich spezialisieren, um im Beruf Schritt halten zu können. Das wirft allerdings das Problem auf, dass man nichts mehr links und rechts des Wegs etwas wahrnimmt. Das machen ja schließlich „die Anderen“. Die Anderen sind immer eine Gemeinschaft. Man selbst ist Spezialist und qua Definition Einzelgänger, in der Krise Einzelkämpfer. Candace wird das schon noch merken. Spät, als die Pilzsporen New York übersät haben und ein ungeheures Fieber verursacht haben. Nun muss sie sehen wie sie Anschluss findet, um einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben ziehen zu können.

Wie war das vor einigen Jahren als Corona jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde unseres Lebens bestimmte? Maskenpflicht, Einschränkungen bei jedem Schritt in der Öffentlichkeit, Kontaktverbote. Kaum ein Roman der jüngeren Vergangenheit ist uns so nah wie „New York Ghost“. Die Spötter und Zweifler auf den Barrikaden finden in diesem Roman sicher nicht die ersehnte Befriedigung. Doch die „Kritik am System“ ist durchaus erkennbar. Da ist eine junge Frau, die das Pflichtgefühl über ihre Entwicklungsmöglichkeiten als Mensch stellt. Nur nicht den Chef verärgern, nicht anecken, immer brav arbeiten. Und kostet es die letzte freie Minute. Und wofür? Für Nichtbeachtung in einer Gesellschaft, die sich digital immer mehr vereint, ohne dabei zu merken, dass Vereinigung virtuell nur partiell stattfinden kann.

Ling Ma zeichnet ein düsteres Bild unserer Zeit. Dennoch geht das Leben weiter. Leben vergehen, Leben entsteht. Die Kritik, dass immer erst etwas passieren muss, damit sich grundlegend etwas ändert, ist auf jeder Seite spürbar. Veränderung ist nicht immer planbar. Manchmal ist es sogar kontraproduktiv – um im Sprachgebrauch der „Vor-Pilzsporen-Zeit“ zu bleiben – eine umwälzende Veränderung zu planen. Man kann halt nicht alles voraussehen. Und das ist es doch, was das Leben so spannend macht.

Kukum

Veränderungen sind immer mit Schwierigkeiten verbunden. Nun sind diese Schwierigkeiten nicht immer gleich als solche erkennbar. Oft siegen die Abenteuerlust und der Forscherdrang über die Unebenheiten der Situation. Almanda geht – ganz nüchtern betrachtet – ein Risiko ein als sie Thomas folgt. Nicht einfach so! Vielmehr ist es ein tiefe Liebe, die ihr das Vertrauen schenkt, das sie benötigt, um immer weiter zu gehen.

In einem Kanu zog er einmal an ihr vorbei. Immer öfter kreuzten sich ihre Blicke. Und ganz automatisch – manches kann, darf, man nicht erklären – sind Thomas und Almanda ein Paar. Sie spricht nur wenig die Sprache der Innu, zu denen Thomas gehört. Er spricht kaum französisch. Doch die Sprachbarriere ist nicht das, was sie zu sein scheint. Denn sie ist überwindbar.

Immer weiter taucht Almanda in eine ihr fremde Welt ein. Das Kanada, das sie bisher kannte, ist hier draußen ein anderes Land. Die Innu leben mit der Natur. Die Jahreszeiten sind die einzigen Gradmesser. Wenn man Hunger hat, geht man jagen. Aber nur so viel wie man gerade benötigt. Und wenn der Hunger wiederkommt, geht man wieder auf die Jagd. Mit Thomas’ Schwestern gärbt sie Karibufelle. Redet mit ihnen, saugt das Fremde in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser der endlosen Seen, an deren Ufern die Innu leben.

Doch die Idylle bekommt Risse als der natürliche Lebensraum der Innu vom technischen Fortschritt, sprich Maschinen, Fabriken und dem dazugehörigen Lärm inklusive eines neuen Rhythmus empfindlich gestört wird. Die Siedlungen der Innu müssen diesem „Fortschritt“ weichen. Es beginnt eine neue Zeit. Wieder einmal. Doch dieses Mal müssen Almanda und Thomas das Neue gemeinsam bewältigen.

Lange bevor der Fortschritt den amerikanischen Kontinent eroberte, lebten hier Menschen. Unter anderem auch die Innu. Hier verwandelte sich die Asche ihrer Ahnen in nährstoffreichen Boden lange bevor auch nur ein einziger Fremdling jemals amerikanischen (kanadischen) Boden betrat. Michel Jean gibt den so genannten Ersten Völkern mit „Kukum“ eine Stimme, die weithin zu vernehmen ist. So bedächtig Thomas durch den Wald schreitet, so gefühlvoll beschreibt Michel Jean die Lebensgewohnheiten seines Volkes. Es ist die Geschichte seiner Urgroßmutter, die diesem Buch zugrunde liegt. Manchmal wie im Märchen, manchmal so echt die Schlange an der Supermarktkasse treibt die Geschichte den Leser an nicht stehen zu bleiben. Immer weiter zieht es ihn, um zu erfahren, ob es nicht ausreichend ist eine Veränderung im Leben zu erfahren.

Der goldene Topf

Der Student Anselmus ist – um es mit heutigen Worten zu sagen – ein echter Tolpatsch. Gleich zu Beginn dieser Novelle lernen wir ihn kennen als er gerade auf dem Markt in einen Obststand poltert. Zugleich geht das Gezeter los. Die Alte, die hier ihre Äpfel feilbot, nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihr Gekeifer lockt die anderen Marktweiber an und ehe Anselmus sich versieht, ist er umringt von einer Schar nicht minder aufgeregter schreiender Händlerinnen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als die Geldbörse zu zücken und den entstandenen Schaden überaus großzügig – so schnell wurde ihm noch nie ins Portemonnaie gegriffen – zu begleichen.

Auf den Schock muss sich Anselmus erstmal einen genehmigen. Doch was war passiert? War der Student abwesend, abgelenkt? Und wenn ja, wovon? Oder ist er gar ein Träumer, ein Hans-Guck-In-Die-Luft? Mit nichten. Er versteht es wie kein anderer Schriften zu kopieren. Nein, kein Fälscher. Ganz offiziell. Kopierer gab es damals, vor mehr als zweihundert Jahren, noch nicht. Sein Ziel soll es sein einmal am Hofe in Dresden angestellt zu werden.

Davon träumt auch Veronika. Sie ist – wiederum, um es mit heutigen Worten zu sagen – ziemlich verschossen in Anselmus. Sie kommt aber nicht so recht voran in ihrem Werben. Rat weiß da ihre Mutter. Denn sie hat geheimes Wissen, das ein paar hundert Jahre zuvor garantiert in einem flammenden Inferno geendet hätte – Stichwort Scheiterhaufen.

E.T.A. Hoffmann leiht dem Studenten Anselmus einen Teil seines eigenen Lebens. Auch er hatte nicht immer Glück. Er konnte zeichnen, musizieren, sogar komponieren und schreiben, im Sinne von Geschichten schreiben. Ein Studentenstreich kostete ihn fast den Staatsdienst. Nach Jahren des Reisens verschlug es ihn kurzzeitig nach Dresden. Dort, wo auch Anselmus residiert. Zu dieser Zeit hatte sich Hoffmann schon einen gewissen Ruf als Dichter erarbeitet. „Der goldene Topf“ vergrößerte in der Folge sein Renommeé. Für ihn ging es bergauf. Anselmus selbst muss noch einige Prüfungen bestehen. Fast schon ein bisschen blauäugig träumt er sich immer öfter in eine Phantasiewelt.

Und die wird im Buch einzigartig durch Alexander Pavlenko illustriert. Romantisches Geplänkel in wohl geformten Schnitten, die organischen Formen ähneln. Beängstigende Szenarien mit bizarren Mustern. Die Scherenschnitte – als das Buch erschien eine beliebte Ausdrucksform, und wohl deswegen so eindringlich das geschriebene Wort untermalen – sind die einzigen Stopper in der Novelle. Hoffmanns Erzählweise fordert den Leser und zieht ihn gleichzeitig in eine Welt voller Poesie. Die Abbildungen sind das optische Highlight dieser besonderen Ausgabe.

Stunde der Flut

D-E-S-I-L-L-U-S-I-O-N-I-E-R-T. So könnte man Charlie Deravin am einfachsten beschreiben. Momentan ist der Polizist aus einem trostlosen Städtchen an der Südküste Australiens vom Dienst suspendiert. Er hatte seinen Vorgesetzten geschupst. Der flog über seinen Schreibtisch und verknackste sich das Handgelenk. Und nun muss Charlie Deravin, der Mann, der keiner Flieg was zu Leide tun kann – konnte – regelmäßig zur Therapie. Das allein ist schon Strafe genug.

Vielleicht ist der „Schupser“ auch das Resultat seiner eigenen Vergangenheit. Sein Vater war auch Polizist, Ermittler bei Schwerbrechen. Die Familie lebte in einer typischen Polizistensiedlung. Wohin man sah standen nur kleine Häuschen, die einmal Ferienhäuser waren, später als Siedlung für diejenigen, die für Recht und Ordnung sorgten, umgestaltet wurden. Hier war man unter sich, raufte (zum Spaß), trank, grillte. Jeder kannte jeden – man passt auf sich auf! Und trotzdem war das Leben hier stickig. So manche Ehe zerbrach. Auch die von Rhys und Rose, Charlies Eltern. Die Mutter nahm sich eine noch schäbigere Bruchbude, um von ihrem Mann getrennt zu sein. Ihr Untermieter machte ihr immer wieder Sorgen. Er benahm sich wie die Axt im Walde. Zahlte die Miete nicht, scherte sich einen Dreck um die kleinsten Hausarbeiten. Charlie und sein Bruder Liam machten ihm damals – vor zwanzig Jahren – eindrücklich klar, dass er hier nicht mehr erwünscht sei. Und Rose war wieder allein.

Das war kurz bevor Rose Deravin verschwand. Seitdem ist Charlie auf der Suche nach den Gründen, und natürlich ist er auch auf der Suche nach dem Täter. Den gibt es bis heute – zwanzig Jahre nach der Tat – nicht. Damals konzentrierte man sich ziemlich schnell auf den Rhys Deravin. Ein knallharter Ermittler, der die Lebenslust irgendwo zwischen Tatortbesichtigung und Täterjagd verloren hatte. Doch man sprach ihn frei. Für Charlie ein Schlag ins Gesicht.

Nun hat er mehr Zeit als ihm lieb ist, um der Vergangenheit die Stirn zu bieten und dem Täter, sofern es ihn gibt, den Atem in den Nacken zu hauchen. Lange fischte Charlie im Trüben, seit Jahren stochert er auf dem Trockenen nur herum. Doch jedoch er gräbt, umso größer sind seine Chancen doch noch auf fruchtbaren Boden zu stoßen, bis die Flut losgetreten wird…

Garry Disher kann es nicht lassen. Mehrere Krimireihen, vom gewieften Kriminellen über den engagierten Polizeibeamten bis hin zum Eigenbrödler, tragen seine Handschrift. Die Geschichte von Charlie Deravin und der Suche nach seiner Mutter ist ein echter Disher. Behutsam beschreibt er die nicht gerade einladende Gegend, in der eigene Regeln gelten. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich heimisch, obwohl kaum ein Handlungsort auf dieser Erde weiter entfernt sein könnte. Es soll ja Leser geben, die Garry Disher noch nicht kennen – jetzt lernen sie ihn auf Anhieb mit seinen besten Seiten kennen.

Hätte ich Dein Gesicht

Das Leben in Seoul könnte so schön sein. So ereignisreich. So erfüllt und aufmerksamkeitserregend. Wenn man denn das richtige Aussehen hat. So oberflächlich es sich anhört, so oberflächlich ist es auch.

Doch für Kritik an ihrem Stil interessiert sich Kyuri nicht. Sie arbeitet in einem so genannten Room-Salon. Dort unterhält sie reiche Geschäftsmänner. Die fühlen sich pudelwohl in ihrer Gesellschaft. Dass der Druck auf der jungen Frau enorm ist, bemerken sie nicht mal ansatzweise. Wollen sie auch nicht. Und Kyuri mit dem bildhübschen Gesicht unternimmt auch alles, um dem Stress kein Gesicht zu geben. Was tut man nicht alles, um erfolgreich zu wirken?!

Miho scheint es bereits geschafft zu haben, das so schön, ereignisreiche, erfüllte Leben zu führen. Ihre Kunstwerke werden anerkannt, verkaufen sich gut. Mehr oder weniger unfreiwillig bewegt sie sich in einem elitären Kreis.

Davon kann Ara nur träumen. Als Friseurin steht sie auf der anderen Seite des Scheins der heilen Welt. Seit ihrer Kindheit ist sie stumm. Ihre Welt ist die Welt des K-Pops. Ihre Lieblingsband versorgt sie anhaltend mit Musik, und das Management der Band mit Dauerklatsch und –tratsch. Auch sie träumt davon dieser Scheinwelt zu entkommen, sich in reale Abenteuer stürzen zu dürfen.

Die frisch verheiratete Wonna will aus ihrem genormten Leben ausbrechen. Drei Fehlgeburten hat sich schon hinter sich. Ihr Mann betrachtet es als Norm mit einer Frau ein geordnetes Leben zu führen. Gefühle und emotionale Ausbrüche gehören nicht dazu. Dass seine Mutter dem jungen Glück permanent auf der Spur ist, um es gelinde auszudrücken – Wonnas Schwiegermutter kontrolliert das gesamte Leben, gibt unerwünschte Ratschläge etc. – lässt das junge Glück schnell ersticken.

Vier Frauen, die auf unterschiedliche Art und Weise ihren Lebensweg beschreiten. Immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit und dem großen Glück, das für einige mit Schönheitsoperationen gleichzusetzen ist. Die Oberflächlichkeit als Projektionsfläche für die eigene Perfektion – daran muss man sich gewöhnen, als Leser. Die ersten Kapitel – jede der Vier erzählt aus ihrem Leben – sind der erwartete Kulturschock für alle, die dem Klischee, dass der asiatische, im Speziellen koreanische Lebensstil so ganz anders ist als der eigene.

Jede hat schon jung viel erlebt, um genug Stoff für eine eigene Biographie zu haben. Als vor rund zehn Jahren das erste Mal der so genannte Gangnam-Style durch das Web geisterte, war es eine neue Welt, die persifliert wurde. Francis Cha schreibt unumwunden über eine Welt, die jede Feministin auf die Palme treibt. Ein Leben zwischen Gefallsucht und den Erwartungen der Familie und der Gesellschaft ist für jede der Vier eine Gratwanderung auf der Rasierklinge.

Drei Uhr morgens

Kein Fußball, keine Kontaktsportarten, kein Kaffee, kein Alkohol, ja nicht einmal Mineralwasser mit Sprudel – für einen Jungen, der die neunte Klasse besucht nicht das, was man sich als Paradies vorstellt. Doch Antonio muss sich fügen. Schon als er jünger war, nahm er ab und zu die Geräusche, die ihn umgaben extrem nachhaltig wahr. Nun hat er die Diagnose: Epilepsie.

Papa wohnt nicht mehr mit Mama und Antonio zusammen. Doch nach dem letzten Anfall und dem anschließenden Krankenhausaufenthalt legt sich der Erzeuger mächtig ins Zeug. In Marseille soll es einen Arzt geben, Professor Henri Gastaut, der auf dem Gebiet der Epilepsie-Forschung bahnbrechende Erkenntnisse verzeichnen kann. Durch Zufall ist sogar in wenigen Tagen ein Termin bei ihm frei. Zum ersten Mal nach zig Jahren reisen Antonio, Mama und Papa gemeinsam. Ein einmaliges Unternehmen. Die Untersuchungen stören Antonio kaum, sie führen sogar zu einem Ergebnis. Nur eine leichte Epilepsie. In drei Jahren sollen sie wiederkommen. Und Gastaut hat sogar noch mehr gute Nachrichten. Antonio scheint künstlerisch begabt zu sein. So wie van Gogh, Dostojewski und Poe. Und er darf wieder Getränke mit Sprudel zu sich nehmen. Und Fußball spielen.

Die Jahre vergehen. Antonio lebt weiterhin mit Mama zusammen. Papa woanders. Schneller als gedacht, vergehen die drei Jahre. Statt vier sind es nur zwei Tabletten pro Tag. Als der Termin bei Professor Gastaut steht, ist die Krankheit Normalität, die man eh nicht ändern kann. Antonio verzieht das Gesicht als er dieses Mal allein mit Papa nach Marseille reisen soll. Und so einmalig der erste Trip zu Dritt gen Marseille war, so ungewöhnlich ist Professor Gastauts Methode, um festzustellen, ob Antonios Epilepsie bald schon der Vergangenheit angehören wird: Er soll zwei Tage und zwei Nächte wach bleiben – dafür gibt er ihm Tabletten. Die bisherigen Tabletten bleiben in der Verpackung.

Und nun soll der achtzehnjährige Antonio, der sein halbes Leben mit Tabletten und ohne Vater verbracht hat, achtundvierzig Stunden mit dem Mann, der ihm fremd und nah zugleich ist, in einer Stadt am Leben teilhaben, die ihm nicht minder fremd ist?!

Antonio staunt nicht schlecht wie nah sich zwei Menschen sein können, die sich kaum kennen. Ohne Scheu wechseln Fragen und Antworten den Besitzer. Er lernt seinen Vater kennen, erfährt mehr über sich und das Leben im Allgemeinen als er sich je vorstellen konnte. Unter die Restaurantbesuche, Jazzkonzerte (inklusive einer Einlage seines Vaters), nächtlichen Streifzügen durch das finstere Marseille der Achtzigerjahre mischt sich die Normalität. Wenn der Vater mit dem Sohne …

Gianrico Carofiglio lässt zwei Menschen zwei Tage miteinander leben, um für ihr gesamtes folgendes Leben miteinander verbunden zu sein. Der eigentliche Grund – der Krankheit Herr zu werden – tritt allmählich in den Hintergrund bis das unvermeidliche Ende immer näher rückt. Das ist der traurigste Moment beim Lesen.

Das Cottage in Wien

Ja, so ein Cottage in Wien – da lässt’s sich gut leben. Das dachte man sich auch vor mehr als einhundertfünfzig Jahren. Und vor genau einhundertfünfzig Jahren gründete sich der Wiener Cottage Verein. Die Stadt wuchs, wurde aber nicht attraktiver. Als Kaiserstadt natürlich nicht hinzunehmen! Stadtplanerisch orientierte man sich an Paris, Baron Haussmann krempelte die Stadt gerade gehörig um. Stilistisch war man eher in London und England fündig geworden.

Ein ganzes Viertel – damals noch – vor den Toren der Stadt. In Währing, heute der 18. Bezirk von Wien, gleich hinter Alsergrund, wenn man sich von der Donau entfernt. Die Türkenschanze war ein Quartier, von der aus die Belagerer von einst, die Türken, die Stadt ganz gut im Blick hatten. Und hier sollte nun der Wohnungsnot, dem Staub und Gestank der Stadt (immerhin schon eine halbe Million Einwohner) Einhalt geboten werden.

Einzeln stehende Häuser sollten es sein. Viereckiger Grundriss. Zwei Etagen. Und niemand durfte den Blick des Anderen versperren. Oder hier ein die Sinne beeinträchtigendes Gewerbe betreiben. Es sollte also nicht stinken, so wie in der Großen Stadt „da unten“.

Wer heute durch Wien schlendert, tut sich beim ersten Besuch schwer den Ersten überhaupt zu verlassen. Die Pracht der Gebäude im Inneren und am Ring ist einfach zu überwältigend. Doch sind es nur Minuten Fußweg bis in den Achtzehnten. Und schon ist man im „Koteesch“, im Cottage-Viertel. Arthur Schnitzler hat es hier hin verschlagen, „Bambi“ wurde hier auf die Welt gebracht. Historischer Boden.

Norbert Philipp beschreibt sehr anschaulich in seinem Buch wie das Viertel entstanden ist und wie es sich stetig veränderte. Hier trifft man mit Sicherheit weniger Touristen in einem Jahr als am Stephansdom an einem Nachmittag. Und mit genau so großer Sicherheit kann man sich hier ebenso wenig satt sehen. Jedes Häuschen ein Unikat. Nur auf den ersten Blick ähneln sich die Zweigeschosser. Wer innehält, erkennt auch ohne fachmännischen Blick die Unterschiede. Es ist grün hier. Ruhig. Gediegen. Nicht ganz so wie in Hietzing in Nähe des Schlosses Schönbrunn, dennoch nicht minder sehenswert. Im Gegenteil, vielleicht sogar etwas abwechslungsreicher. Und hier stehen nicht alle paar Meter Gedenktafeln. Eine Architekturflaniermeile, die man an vielen Tagen ganz für sich allein haben kann. Wenn man weiß, wo man schauen und innehalten muss. Mit diesem Buch ist das kein Problem.