Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Im Auge der Pflanzen

Es soll ja Menschen geben, die durch die Gegenwart von Tieren zu einem anderen Menschen werden. Meist sogar zu einem besseren Menschen. Sieht man genauer hin, sind die Veränderungen aber gar nicht so gravierend. Sie sind dann vielleicht ruhiger, gelassener. Lassen die Aufregung nicht mehr so oft zu.

Djamila Pereira De Almeida treibt es mit der Veränderung auf die Spitze. „Im Auge der Pflanzen“ steht Celestino, Käptn Celestino. Einst ein gefürchteter Mann der Meere, der sich heute noch damit brüstet – oder ist es eine Art öffentliche Beichte, um Zeugnis abzulegen? – unzählige Leben ins Jenseits befördert zu haben. Dabei ist er in der Wortwahl nicht zimperlich. Sprüche wie, dass Hälse – die er höchstselbst umgedreht hat – kein Alter haben. Blut, das aus allem herausquoll, wo es nur herausquillen kann.

Den Kindern der Nachbarschaft, die dem Alten gern mal über den Gartenzaun lugen, imponiert immer noch die Statur des Seebären. Doch die eigentliche Faszination auf die Menschen um den einstigen Unhold hat ihren Ursprung in dessen Garten. Hier gedeihen die prächtigsten Pflanzen. Und hier hat Celestino nun endlich Frieden gefunden. Vom Saulus zum gründaumigen Paulus. Ja, Märchen können auch wahr werden.

Die Emsigkeit und Unnachgiebigkeit der Vergangenheit gereicht ihm heute zum Vorteil. Seine ganze Hingabe gilt dem Grün um ihn herum. Mit unvergleichlicher Liebe zur Flora schneidet er im richtigen Moment triebe zurück, wässert mit Bedacht seinen Grund und Boden und lässt farbenfrohe Blüten um sich herum erstrahlen.

Es ist die Einfachheit der Worte, die Djamila Pereira De Almeida verwendet und die Taten, die sie ihrem Celestino angedeihen lässt, die den Leser dieses vorzüglichen Büchleins nicht in Ruhe lassen. Hier kommt kein großer Knall, der alles auf den Kopf stellt. Celestinos Leben ist schon längst von links auf rechts gedreht worden.  Er genießt das Hier und Jetzt. Das, was einmal war, ist und bleibt ein Bestandteil seines Lebens. Und das für immer. Doch Celestino bevorzugt es sich nun gerade jetzt gut gehen zu lassen.

Als Leser kann man es sicht ebenso gutgehen lassen. Wie ein Blatt im Wind, das sanft auf eine saftige Wiese fällt, wiegt man sich im sanften Schaukeln der Wörter. Man wird sicher nicht zu einem besseren Menschen, wenn man dieses Buch liest. Aber man legt es zufrieden nach der letzten Seite neben sich, um immer wieder darin zu blättern.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Spreewald

Man kann in die Wüste fahren und sich dort aus dem trockenen Boden gestampfte Museen anschauen. Inklusive Vergnügungspark und Rennstrecke. Da staunt man nicht schlecht. Doch das ist dann eher die Verbeugung vor dem Mut und der Ingenieurskunst. Hier hat sich der Mensch tatsächlich die Natur zum Untertan gemacht.

Wenn Mutter Natur dagegen dem Menschen nur eine begrenzte Chancenvielfalt gewährt, der Mensch dann aber immer noch mit offenem Mund sich ergeben verneigt, dann ist das eine Leistung, die viele Mütter und Väter hat. Wenn man es so sieht, dann ist ein Ausflug in den Spreewald fast schon mit einer Pilgerfahrt gleichzusetzen.

Wenn sich die Spree von der Weltstadt Berlin trennt und sich gemütlich ihrer Quelle entgegenwindet, passiert sie ein Stück Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes. Sumpfig ist es hier, die Spree teilt sich in unzählige Nebenarme, ein dichter Urwald verdeckt die Weitsicht – kurzum: Wir sind im Spreewald.

Wer dabei nur an ausgelassene Kahnfahrten mit strahlenden Gesichtern denkt, liegt niemals falsch. Aber der Spreewald ist mehr als sich durch diesen Urwald schippern zu lassen. Dass es hier mehr zu erleben gibt, beweist Peggy Leiverkus mit ihrem Reiseband über den Spreewald. Schon allein das Ankommen will sorgsam geplant sein. Hier fährt man nicht einfach mal ran und hüpft vergnügt in den Wald wie man es vielleicht sonst in der Pilzsaison macht. Nach Lübbenau mit dem Zug ist der sicherste Weg, das macht die Autorin auch gern so. Und da man Michael-Müller-Autoren fast schon blind vertrauen kann, ist dieser Rat Gold wert. Und schon ist man mittendrin im Geschehen. Als Erstes fällt auf: Alle Orts- und Hinweisschilder sind zweisprachig. Deutsch und Sorbisch, genauer gesagt Niedersorbisch. Und dass die erste Suche einer Kahntour gilt, ist selbstredend. Mit dem Auto komm man schließlich nicht weit! Wer den Spreewald auf eigene Faust, im eigenen Boot erleben will, kann dies auch tun. Die Verkehrsregeln sollte man aber tunlichst einhalten. Zu erleben gibt es in dieser gut besuchten, und dennoch wenig in den Medien stattfindenden Region massenhaft. Wie zum Beispiel die Byttna-Eichen. Die Wiesenlandschaft Byttna südöstlich von Staupitz lässt keine andere Möglichkeit zu als sich Erholung zu gönnen. Immer wieder säumen Eichen den Wanderweg, die seit ihrer Geburt so ziemlich alles erlebt haben, was möglich ist. Doch vom eigentlichen Weltgeschehen verschont blieben. Und das seit Jahrhunderten!

Immer mal wieder den Kahn verlassen und links und rechts Schauen, Staunen, Stirnrunzeln. Der Spreewald ist trotz zahlreicher Besucher immer noch ein kleiner Geheimtipp. Seine umliegenden Landschaften wie Fläming, der mit Tropical Island, einer umgebauten Zeppelinhalle und der Stadt Cottbus, die immer noch stiefmütterlich behandelt wird, bietet sich dem Besucher eine Region an, deren Vielfalt verblüffen wird. Um nichts zu verpassen, ist es ratsam sich diesen Reiseband schon vorher als Appetitanreger und unerlässliches Hilfsmittel eingehend einzuverleiben. Nicht zuletzt wegen der unzähligen und überaus nützlichen Tipps (Anfahrt, Ticketreservierung – besonders im Sommer zu empfehlen) und der in den farbigen Kästen unterhaltsamen Informationen abseits der gängigen Klischees erweist sich dieses Buch ein ums andere Mal als unerlässlich.

Ifni – Spaniens letztes koloniale Abenteuer

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. So steht es geschrieben, so ist es auch. Und es gibt unzählige Opfer, die diesem Opfer, zum Opfer gefallen sind.

Es ist Sommer 1921. Spanien führt wieder einmal Krieg, um seine koloniale Expansionspolitik unter Beweise zu stellen. In Marokko kommt es in Annual zu einer verheerenden Niederlage. König Alfonso XIII. dankte zwei Jahre später ab. Jahre später – die Diktatur von Primo de Rivera ist vorbei, Francos Diktatur steckt in den Startlöchern – wird heftig über die Gefangenen der „Katastrophe von Annual“, dem „Desaster“ diskutiert. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die die Macht in Spanien an sich reißen wollen und deren Anhänger. Aber auch für die Presse. Viele lassen sich vom Wahn der erforderlichen Befreiung mitreißen. Doch überall, wo einem starke Worte um die Ohren fliegen, gibt es mindestens einen, der versucht der Wahrheit – und es gibt immer eine Wahrheit! – ans Tageslicht zu befördern. Manuel Chaves Nogales, stellvertretender Direktor der Tageszeitung Ahora war vor Ort, in Marokko. Von den 300 spanischen Gefangenen hat er … keinen einzigen gesehen. Nicht einmal von ihnen gehört. Es gab ein paar Spanier, die hier lebten. Achtzig Jahre später hätten sie vielleicht in der spanischen Ausgabe von „Good bye España“ eine tragende Rolle gespielt. Aber als Gefangene eines missglückten Krieges taugen sie niemals.

Vielmehr ist Spaniens kolonialer Gegenspieler in der Region Frankreich als Gefängniswärter anzusehen. Doch wo keine Gefangenen, kein Wärter. Dann gibt es noch die Glücksritter, die sich die Farce zu Nutze machen wollen. Wenn es in den Medien diese Gefangenen gibt, die spanische Regierung deren Herausgabe fordert (sogar eine militärische Intervention in Betracht zieht), dann kann man die Situation ausnutzen und selbst ein paar Taler daran verdienen. Doch keiner hat mit Manuel Chaves Nogales gerechnet. Er kabelt in die Madrider Redaktion: „Es gibt keine Gefangenen!“. Nicht „es werden keine Gefangenen gemacht“, was eher einer Kriegsreportage gut stehen würde. Nein, es gibt schlichtweg keine Gefangenen!

Dieser Nogales war kein Hallodri, der sich blind und mutig in ein Abenteuer stürzte. Er war ein Intellektueller, der um die Macht der Worte wusste. Und er wusste diese Macht einzusetzen. Die Unnachgiebigkeit und die nüchterne Wiedergabe der Fakten machen seine Reportagen zu einem Pageturner, dem man gern nachgibt. Die so genannte vierte Gewalt, die Medien, relativieren im Fall des „Annual“, des Desasters, die perfiden Machtspiele einer künftigen Diktatur.

Erst jetzt entdeckt man Manuel Chaves Nogales in seinem Heimatland wieder. Gleichzeitig auch im deutschen Sprachraum. Francos Schergen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Name Nogales war fast für immer aus dem journalistischen wie literarischen Gedächtnis Spaniens gelöscht. Zum Glück nur fast! Diese Stimme darf niemals versummen. Der Kupido-Verlag plant weitere Veröffentlichungen aus dem umfangreichen und abwechslungsreichen Werk des Spaniers.

Beinahe Alaska

Es gibt Reisen, die die ganz im Zeichen allgemein gültiger Sinnsprüche stehen. Der Weg ist das Ziel, ist so ein Spruch. Oft als Mutmacher, weil etwas nicht geklappt hat, missbraucht. Doch nicht nur einmal bewahrheitete sich der tiefere Sinn, und schiebt so manche Trübsal beiseite. So wie in „Beinahe Alaska“. Eine Fotografin und Autorin, Mitte 40, hat sich ihren Trip ins Eis Alaskas anders vorgestellt. Von Grönland kommend malt sie im Kopf schon die Bilder und für sich und die Ewigkeit. Es sind imposante Bilder. Sie werden beeindrucken. Sie, die Betrachter, den Auftraggeber.

Gibt es ein Buch, das sachlich, neutral die Freuden einer Kreuzfahrt ohne Beigeschmack erzählen kann? Nein! Denn eine Kreuzfahrt hat immer das schlechte Gewissen an Bord. Giftige Gase, die in den Himmel und die Nase steigen, sorgen dafür, dass ausgerechnet diese Kreuzfahrt ins Eis der Arktis zu einer der letzten Fahrten ins ewige Eis werden kann. Und dann die Passagiere. Oft meint man, dass es an jedem Ort der Welt immer Einen gibt, mit dem man selbst niemals ein Wort wechseln würde. Nervenaufreibend ist da noch die liebevollste Umschreibung für dessen Charakter. Und dann der durchgetaktete Ablauf an Bord, der zweifelsfrei notwendig ist, doch mit freier Entfaltung im Urlaub so gar nichts zu tun haben kann.

Die Ich-Erzählerin saugt alles in sich auf. Schließlich ist sie nicht zum Vergnügen hier. Diese Reise ist für sie Arbeit. Auftraggeber pochen auf die Deadline, die einzuhalten ist. Ihr eigener Anspruch steht bald schon im Gegensatz dazu. Landgänge sollen eine Abwechslung zur Routine an Bord sein. Doch auch mit festem Boden unter den Füßen sind die Mitfahrer nicht zum Umdenken und Anderssein zu bewegen. So bleibt ihr nur die Hoffnung, dass Alaska die Wende bringen wird. Das Ziel muss das Ziel bleiben. Doch es kommt anders. Das Eis, das seit Jahren zum Rückzug geschrieben und erzählt wird, schlägt dem Funktionsjackengeschwader die geballte Kraft seiner Ausmaße um den Bug. Schluss. Bis hierhin, und keine Buglänge weiter. Alaska? Weit weg. Hier setzt nun der Verstand ein. Die Erzählerin, Arezu Weitholz hat so eine Reise unternommen, und ist mit guten Gewissen als Zwillingsschwester der Erzählerin zu bezeichnen, hadert mit ihrer Mission, zweifelt an sich und ergibt sich nicht kampflos…

Alaska wird ein Traum bleiben, zumindest im Buch. Was der Autorin bleibt, sind die Erlebnisse auf dem Weg. Und die sind der Treibstoff, die den Leser zum Umblättern ein ums andere Mal antreiben. Steht anfangs noch die Aussicht auf das Ziel im Vordergrund, rücken die Begleiter steig in den selbigen. Ein köstlicher Bericht, eine Reise, die anders geplant war, ein Reiseziel, das nie erreicht wird. Und genau deswegen ist „Beinahe Alaska“ das vollkommene Reisebuch.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.

Die Zauberflöte

In fast jeder Firma gibt es Einen, der sich seinen Posten mit Mitteln erschlichen hat, die Anderen Grund zur Spekulation geben. Unvermögen und Duckmäusertum, gepaart mit Angst – eine gefährliche Mischung.

Dieuseul Lapénuri ist so einer. Aber Angst muss man vor ihm nicht haben. Er ist der Prügelknabe für seinen alten Herren. Seine Frau Anodine verachtet ihn, den Schlappschwanz. Und dennoch hat er es geschafft, dass ihn der Präsident von Haïti zum Minister für moralische und staatsbürgerliche Werte ernennt. Ja, die Familie seiner Frau verkehrt in den höchsten Kreisen. Den Präsidenten halten sie für unfähig, umschmeicheln ihn und seine Entourage jedoch kräftig. Auch, dass die Gemeinde samt Pfarrer ordentlich die Werbetrommel rührte, damit er den Ministerposten bekommt, spielt sicher eine gewisse Rolle. Nur Dieuseul, der Name bedeutet Gott allein, weiß welches Geheimnis hinter seiner Ernennung steckt. Wenn er doch nur gerissener wäre, könnte er die Situation noch viel mehr ausnutzen. Als er noch ein kleiner Beamter im Finanzministerium war – auch hier hatte er nicht viel dazu beitragen müssen, den Job zu erhalten – hatte er gelegentliche amouröse Abenteuer mit den weiblichen Büroangestellten.

Nur bei Rita biss er regelmäßig auf Granit. Sie machte ihm unmissverständlich klar, dass ihr Frauen lieber sind als Männer. Wohl auch deswegen versteht er sich bis heute mit ihr besser als mit den anderen.

Nun ist er Minister, soll die Korruption mit den Werten des Landes bekämpfen, was nach der Ansicht eines jeden, der das Land kennt, ein Widerspruch in sich ist. Rita wünscht ihm Kraft, insgeheim weiß sie, dass er nur scheitern kann. Sein Vater weiß ganz genau, dass sein Junge scheitern wird. So stürzt Dieuseul Lapénuri in das größte Abenteuer seines Lebens.

Und das hält auch gleich einen ganz dicken Brocken für den Frischling parat. Der Innenminister reicht ihm ein Dosier weiter, in dem es um das Festi Masi geht. Eine Kampagne der schwul-lesbischen Vereinigung Haïtis. Ein heikles Thema in einem Land, in dem Religion eine derart große Rolle spielt. Unterstützung bekommt er dennoch von oberster Stelle. Denn der Präsident scheint ein persönliches Interesse an dem Thema zu haben. Und Dieuseul Lapénuri weiß auch warum… Dass andere das auch wissen, weiß er allerdings nicht!

Gary Victor zaubert einmal mehr eine Gesellschaftsskizze aufs Papier, die dem Leser zum Einen das unbekannte Haïti zeigt, zum Anderen einen unbändigen Lesespaß bereitet. Ich weiß was, was Du nicht weißt. Dafür weiß ich nicht, was Du alles weißt. Das Wechselspiel zwischen Wissen und Macht wird durch Gary Victor auf ein höheres Niveau gehoben.

Sarajevo

Wenn man nicht permanent mit dem Finger über die Landkarte Europas streicht, hat man seine Probleme Hauptstädte den richtigen Ländern zuzuordnen. Ja, Sarajevo – die Stadt kennt man – ist eine Hauptstadt. Und zwar die von Bosnien-Herzegowina. Sie liegt, ähnlich wie Madrid in Spanien, so ziemlich in der Mitte. Manche erinnern sich noch an Vučko, das Wölfchen, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1984. Sein „Sarajevoooo“ schallt bis heute nach. Leider gibt es auch die Bilder einer Stadt, die wie kaum eine andere im Krieg belagert wurde. Wo einst Sportler im fairen Wettkampf um Medaillen stritten, erinnern Einschüsse an das Widerlichste, was Menschen hervorbringen können.

Eine Stadt – zwei Gesichter. Eine Stadt – zwei Welten. Das ist Sarajevo, die Unbekannte. Autor Marko Plešnik ändert mit jedem Umblättern dieses einzigartigen Reisebuches das Bild der Stadt in den Köpfen der Leser.

Etwas mehr als 300.000 Einwohner hat Sarajevo. Nur zwölf Hauptstädte haben weniger Einwohner, darunter aber „Zwerge“ wie der Vatikan und Monaco. Eine übersichtliche Stadt. Und eine Stadt, die so unfassbar viele unentdeckte Straßen, Gassen, Aussichtspunkte, Erholungsorte hat wie nur wenige Kapitale der Welt. Oft bemüht man gern die strapazierte Redewendung vom Schmelztiegel an der Grenze der Kulturen. Oft ist es aber nicht mehr als ein Klischee. In Sarajevo kann man es aber tatsächlich rund um die Uhr erleben. Zwischen Glockenläuten und den Ruf des Muezzins, locken die Düfte aus den Küchen den Besucher aus der Reserviertheit des Neugierigen.

Viele Herrscher hinterließen ihre Spuren in der Olympia-Stadt. Während nach dem Balkankrieg an den Boulevards glas- und metallglänzende Büro- und Konsumtempel aus dem Boden gestampft wurden (dafür ist immer Geld da), hat man sich in den Seitenstraßen Sarajevos unzählige Traditionsorte erhalten und wiederaufgebaut, die das Landestypische nicht nur als Standarte vor sich hertragen. Köstliche Leckereien und Gassen, deren Name die Handwerkskunst im Namen tragen. Kunstvoll gestaltete Architektur. Das alles zieht den Besucher in seinen Bann. Bereits beim Lesen des Reisebuches taucht man derart tief in die Stadt ein, dass man sich nach wenigen Seiten als Experten bezeichnen möchte. Ohne Aufforderung nimmt der Autor den Leser an die Hand und führt ihn allwissend durch eine Stadt, die ihre Geheimnisse gern zeigt, ihre Seele aber nur dem geneigten Sinnessucher darlegt. Auch wenn vielerorts – fotogen – so genannte Grenzen sichtbar gemacht sind, so spürt man in der Stadt diese  kaum. Als Tourist fühlt man sich sicher mit diesem Buch in der Hand. Attraktive Rundgänge mit so manchen Aha-Effekt, angereichert mit landestypischen Anekdoten machen jeden Schritt durch diese unbekannte Balkanmetropole der kleineren Art zu einem Erlebnis, das noch lange große Spuren hinterlassen wird, vor allem wegen der allgegenwärtigen Geschichte.

Wem das alles noch nicht reicht, der wird in den anschließenden Kapiteln in eine Landschaft geführt, die durch ihre Unberührtheit ein Alleinstellungsmerkmal erhalten hat. Die Thermalquellen von Ilidža oder die Ausgrabungsstätten von Butmir sorgen mit ihrer Vielfalt dafür, dass kein Gast der Langeweile anheimfallen kann. 6 Komma Null, 6 Komma Null … um noch einmal die Olympischen Spiele 1984 zu bemühen als Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrer unvergessen Eistanz-Kür zum Bolero von Maurice Ravel eine unerreichte Bestmarke aufstellten.

Rendezvous mit Tieren

Andrea Camilleri war ein Lebewesenfreund. Die Liebe zu den Menschen hat er in jedem seiner Bücher, auf jeder Seite, in jeder Zeile zum Ausdruck gebracht. Die Liebe zu Tieren hat er in diesem Erzählband manifestiert. Um ihn herum waren von frühster Kindheit an Tiere. Hunde, Katzen, Vögel – keine Scheu, keine Angst, nur tief empfundene Liebe. Ein echter Camilleri!

Es ist wenig erstaunlich wie persönlich Camilleri in diesem Buch wird. In all seinen Büchern fließt das Erlebte nicht nur brauchbar ein, es ist essentieller Bestandteil seiner Kunst. Immer wieder liest man aus und in seinem Leben. Warum sollte er also an diesem Erfolgsrezept etwas ändern?

Es beginnt mit einem Hasen. Die Hasenjagd war in seiner Familie schon immer sehr beliebt. Doch Meister Lampe schlägt jedem noch so gewieften Jäger ein Schnippchen. Fast scheint als ob er seine Verfolger verspottet, wenn sie wieder einmal gesenkten Hauptes den beschwerlichen, weil erfolglosen Heimweg antreten müssen. In der Nachbetrachtung kann Andrea Camilleri, der die Geschichte mit dem Hasen als Junge erlebte, herzhaft darüber schmunzeln.

Selbst einem so gewöhnlichen Haustier wie einem Hund kann der Autor eine ausgefeilte Geschichte angedeihen lassen. Aghi hieß sein treuer Begleiter. Ein echter Freund. Doch er hat ein dunkles Geheimnis, das letztendlich dazu führt, dass Aghi von der Familie getrennt werden muss.

Einem Distelfink und einem Papagei mit Namen Pimpigallo verhilft er zu einer dauerhaften Freundschaft. Dass dabei die Stimmgewalt der gefiederten Gefährten eine gewichtige Rolle spielt, ist mehrere Lacher während des Lesens wert.

Andrea Camilleri beim Beobachten, Beschnuppern und Erforschen der Fauna zuzuschauen, ist ein Genuss allerersten Ranges. Die Hingabe, die er seinen zweibeinigen Freunden der Spezies homo sapiens widmet, lässt er auch den Tieren zugute kommen. Das reicht bis hin zum echten Tierretter, der ein kleines Kätzchen vor den ortsüblichen Rowdies rettet.

Als Zugabe zu den eindringlichen Texten spendiert Paolo Canevari seine außergewöhnlichen Zeichnungen, die die Stimmung des Buches so einfangen, dass sich Phantasie und Realität vermengen. Zu diesem Rendezvous erscheint man nicht mit schwitzigen Händen und hochrotem Kopf. Es wird alles gut werden. Das verspricht der Name Andreas Camilleri. Und er hält seine Versprechen…

München – Was nicht im Baedeker steht

Wie sich die Zeiten ändern. Wer heute eine Reise plant, sucht sich bei Instagram Hotspots, die er dann besucht und ins rechte Licht rückt. Manch einer greift zum Reisebuch, um sich ereignisreiche Touren zusammenzustellen. Das war vor einhundert Jahren schon so. Also, das mit dem Reisebuch. „Der Baedeker“ war ein geflügeltes Wort. Doch schon damals gab es findige Schreiber, die dem Baedeker Konkurrenz machten. Denn selbst in der Bibel der Reiselustigen konnte bei Weitem nicht alles aufgeführt werden, was die Stadt zu bieten hatte.

Peter Scher und Hermann Sinsheimer machten es sich zur Aufgabe dem Besucher die Seele Stadt anzudienen. Das beginnt beim Franziskaner und hört bei der Weißwurst noch lange nicht auf. Ringelnatz und Valentin gehören ebenso dazu wie Thomas Mann. Dabei vermeiden sie es geschickt den Leser mit Gewalt darauf zu stoßen, wo man die Größen der Stadt antreffen kann. Soweit wollte man dann doch nicht gehen. Man stelle sich vor, dass sie detailliert beschrieben hätten, wann und wo man der Prominenz auflauern kann. Das wäre schon damals – vor fast hundert Jahren – ein Skandal gewesen. Nein, es geht ihnen darum zu zeigen, dass München ohne ihre Charaktere eben nur eine durchaus vorzeigbare Stadt mit mittlerem Charakter ist. Dass dem nicht so ist, davon kann man sich auf den 150 Seiten dieses Büchleins selbst überzeugen.

Ganz wichtig: Wie verhält es sich und man selbst mit dem Eingeborenen? Allein schon die Fragestellung deutet darauf hin, dass es bei diesem Buch keineswegs um einen bierernsten Reiseführer handelt, in dem man die wichtigsten Plätze und Sehenswürdigkeiten abarbeitet wie eine Matheprüfung. Zwischen den Zeilen lesen. Sich nicht zwangsläufig als unbedarfter Neuling zu erkennen geben. Im Strom mitschwimmen können. Darum geht es den beiden Autoren. Doch Vorsicht, München ist eine Stadt im Aufbruch. Vielerlei ungute Gesellen tummeln sich des Nachts in den Bierkellern und auf den Straßen. Ein paar Jahre zuvor, zettelte ein Postkartenmaler aus dem benachbarten Österreich einen Aufstand an, bei dem Tote gab. Dass ausgerechnet der einmal Weltgeschichte schreiben soll, konnte man 1928 noch nicht ahnen. Das allerdings hätte millionenfaches Leid verhindert.

Natürlich ist dieses Buch kein Reiseband, den man an der roten Fußgängerampel schnell mal rausholt, um sich des Weges zum nächsten Stop zu versichern. Es ist ein vergnüglicher Ausflug in die bayrische Landeshauptstadt, die immer noch einen Besuch wert ist. Und vielleicht entdeckt man sogar noch Parallelen von Damals und Heute. Wer genau liest, wird sie finden…