Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Die Hungrigen

Es waren einmal zwei Brüder. Die lebten in einem Städtchen in Süditalien. Um sie herum war nichts. Auch das, was da war, war nichts. Paolo schuftete auf dem Bau. Sein Chef gängelte ihn, wo er nur konnte. Paolo ließ ihn reden. Fraß die Wut in sich hinein. Antonio, der Jüngere der beiden, würde bald die Schule abschließen. Er kannte keine Wut. Nur Hoffnungslosigkeit. Aber die würde sich legen. Davon war er überzeugt. Dass er selbst etwas dazu beitragen müsse, war ihm nicht klar.

Die Mutter verließ die Brüder schon vor Jahren. Ließ sie zurück mit dem gewalttätigen Vater. Doch auch dieses Kapitel ist schon gelesen – den Vater gibt es nicht mehr. Das Nichts um sie herum kompensieren Paolo und Antonio mit Kiffen, Pizza und belanglosem Sex. Das Morgen ist ebenso weit entfernt wie das Gestern.

Unmerklich geraten beide – unabhängig voneinander – in einen Strudel, der ihr Leben gar nicht noch mehr durcheinander wirbeln könnte. Dennoch tut er es. Gewalt und Hass, stumpfsinniger Leichtsinn und eine gehörige Portion Trauer werden alsbald mit Paolo und Antonio ein Triumvirat der Verzweiflung bilden. Immer wieder wünscht man sich beim Lesen, dass der Anfang bitte niemals das Ende sein darf. Denn im Tiefsten ihres Herzens sind die beiden nur verlorene Seelen, die sich krampfhaft aneinander schmiegen, um bloß nicht den Kitt, der sie zusammenhält, fressen zu müssen, um überleben zu können. Doch das Schicksal hat andere Pläne…

Mattia Insolia lässt zwei hoffnungslose Gestalten die Szenerie beherrschen, die eine viel zu große Bühne für zwei Brüder ist, denen jegliche Erfahrung im Leben versagt geblieben ist. Ihnen ist der einfache Weg mit Schuldzuweisungen der einzig verbliebene Weg, um voranzukommen. Die Hürden umlaufen sie, an Klippen hangeln sie sich hinunter. Dem Kick des Springens können sie nichts abgewinnen. Und so betreten sie die unheilvolle dunkle Halle des Abstiegs, um erst am Boden des Grundes zu erkennen, dass ihre Zweisamkeit das einzige Mittel ist, um überleben zu können. Doch da ist es schon zu spät.

Alles Eisen des Eiffelturms

Dieses Buch liest man nicht! Man flaniert durch dieses Buch hindurch. Sind die Füße ermattet, liest man es ein zweites Mal. Werden die Augenlider schwer, träumt man sich in ihm in die Stadt der Liebe, der Künstler, der Flaneure, des Lichts… Und eines Tages trägt am es in der Hand und tut es den Akteuren gleich. Dann, erst dann hat das Buch seinen Zweck mehr als erfüllt. Abgegriffen liegt in den Händen, die die Stadt einfangen wollen. Eselsohren sind die Leitpunkte der zahllosen Spaziergänge durch das Paris, das nicht mehr existiert. Ein Paris, das im Massentrubel ertrunken ist und mit immer wieder neuen erwachenden Angeboten um die Gunst der dürstenden Menge buhlt. Und sich dabei selbst stellenweise aufgibt.

Das Paris dieses Buches ist rund ein Jahrhundert jünger. Walter Benjamin und Marc Bloch. Geistige Väter – für manche Unruhestifter – eines Deutschlands, das in zwölf Jahren den Gegenentwurf zu allem Menschlichen liefert und in Tiefen stürzen wird, aus denen es bis heute nicht vollständig herausgeklettert ist.

Michele Mari ist der Marionettenspieler dieser zwei Köpfe, die in Paris als Passagiere der Verzweiflung gestrandet sind. Mit ihrem Willen gestrandet – ein Widerspruch? Mit Nichtem! Ihre Heimat ist nicht hier. Hier ist lediglich eine erste Endstation. Bis die Braunen und Grauen auch die Farbenpracht der Stadt an der Seine mit ihrem Schlamm bedecken. Es sind sie Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre zuvor. Sie lassen die beiden träumen, ackern, wünschen, hoffen, aber auch verzweifeln, argwohnen, frösteln, trauern. Ihre Bücher sind nur noch Asche. Ihre Namen Schall und Rauch. Doch nicht vergessen.

Sie treffen Menschen, die wir heute als Götter verehren. Namen wie Donnerhall, die in Paris das alte Paris der Künstler suchen, es zum Teil aufbau(t)en, es zu ihrem Paris machten. Und nun? Die Enge der Heimat schnürt Walter Benjamin die Kehle zu. Und bevor dies andere tun, ist er lieber Vertriebener in Paris als getriebener in Berlin. Marc Bloch wird das Versagen der französischen Streitkräfte beim Blitzüberfall der Wehrmacht auch Anfeindungen einbringen.

Michele Mari würfelt Realität und Fiktion derart durcheinander, dass dem Leser schwindelig wird. Hat man erst einmal begriffen, dass es unerheblich ist dies auseinanderhalten zu müssen, ist „Alles Eisen des Eiffelturms“ Pflichtlektüre für den nächsten Trip in die Stadt der Liebe.

Lärm

Konrad Schnittweg ist weg. Abgeschnitten aller Verbindungen zu denen, die einmal eine Rolle in seinem Leben spielten. Nur ein Brief – der Presse zugespielt – verbindet ihn noch mit der Welt. Doch dieser Brief ist mehr als rätselhaft. In dem kündigt er, Konrad Schnittweg, der Psychotherapeut, an einen Europapolitiker umzubringen.

Und schon springt die Presse darauf an. Logisch, denn das ist ihr Job. Berichten, was berichtenswert ist. Die Verbindungen zur RAF sind naheliegend. Schnittweg ist ein gebildeter Mann. Ruhig bis sehr ruhig. Besonnen. Ein Schlingel, wenn es darum geht Frauen zu bezirzen. Ein guter Ehemann. Ruheliebend. Bei seinen Recherchen dem – mittlerweile muss man es so sagen – Phänomen Konrad Schnittweg auf die Spur zu kommen, ist Guy Helminger mitten in einem Puzzelspiel, in dem einige Teile nicht so recht ins Bild passen.

Während Kameraden, mit denen er bei der Bundeswehr gedient hat, ihn als ruhig bezeichnen, der keinen eigenen Musikgeschmack hatte, berichtet seine Ex, dass er seine Hose niemals geschlossen halten konnte. Und dass die Presse in Person von Axel Kleider aus dem Brand der Praxis Schnittwegs am Tage seines Verschwindens eine Riesensache machen will, ist auch nicht unverständlich. Helminger selbst hat Schnittweg schon kennengelernt. Schnittweg auf dem Rad, Helminger im Auto und plötzlich Schnittweg auf der Motorhaube und Helminger erstarrt darin. Nichts passiert. Schönen Tag noch. Wer soll da nicht verwirrt sein?!

Guy Helminger kreiert eine Story um einen Mann, den es so gegeben haben könnte. Auch der mögliche Weg in den Untergrund ist durchaus so oder in ähnlicher Form schon passiert. Man denke nur an Gudrun Ensslin, die aus ihrem Elternhaus (Vater Pfarrer) den Weg in den Untergrund fand und unter anderem mit Andraes Baader, Holger Meins und Ulrike Meinhof die erste Generation der RAF bildete. Für Axel Kleider, den Journalisten, der Schnittwegs Werdegang in der Zeitung breittrat, eben solche Vergleiche zog und Vermutungen anstellte, ein gefundenes Fressen. Doch er weiß nicht alles.

Guy Helminger weiß mehr. Behauptet er zumindest. „Lärm“ ist ein Roman. Die Geschichte, die dahinter steckt, ist umso spannender, weil die Fiktion die Faktenlage komplett schluckt. Alles kann, nichts muss … so gewesen sein. Wer mit wem und wann – Fragmente. Und da das Wort Frage in Fragmente steckt, oh nein … so weit sollte man beim Lesen nicht gehen. Man muss sich in die Geschichte richtig einlesen. So breitet sich vor einem ein Bild aus, das mit einem großen Berg Puzzleteilen beginnt. Zuerst dreht man alle teile mit dem Gesicht nach oben. Man sucht sich die Eckpunkte. Das ist am einfachsten, es gibt nur vier. Dann steckt man den Rahmen ab. Und nach und nach füllt man die Lücken. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer zusammenpasst – wenn das Bild komplett ist, freut man sich so sehr, dass man es in die Welt hinausschreien möchte. Vielleicht hört es ja sogar Konrad Schnittweg und kommt zurück. Und dann? Schmeißt er sicherlich den Tisch um. Und die Arbeit beginnt von vorn.

Leichendieb

All das Leid der Welt ist soweit weg für den Erzähler. Terror, Elend, Verwahrlosung, Gewalt – weit weg von seinem Leben. Und außerdem ist Sonntag. Angeln ist zwar weg der Laichzeit nicht erlaubt. Aber raus in die Natur, in die Ruhe – das kann ihm keiner verbieten. Das eine oder andere Bierchen trägt dazu bei sich träge zu fühlen. Sulamita zu Hause kümmert sich um die Kinder. So was grenzt schon fast an Glück.

Und so sitzt er im Grünen, lauscht dem Nichts des Sonntags. Bis ein Brummen, ein Motorengeräusch seine Aufmerksamkeit erregt. Der laute Knall, die Rauchsäule lassen ihn all das erlebte Gute prompt vergessen. Das war’s dann wohl mit der Ruhe am Sonntag! Und nicht nur am Sonntag … Denn nun macht er sich auf dem Weg nachzuschauen. Er watet, er schwimmt zu dem Wrack und sieht die klaffende Wunde am Kopf des Piloten und einzigen Menschen an Bord. Die beruhigenden Worte, dass alles gut werde, helfen nicht viel – der Pilot stirbt in seinen Armen. Ihm schießt durch den Kopf, dass der Mensch an sich nicht gut sei. Denn Gelegenheit macht Diebe. Die Uhr ist nur ein Zubrot im Vergleich zu dem, was sonst noch entdeckt: Ein Päckchen wie aus einem Film. Luftdicht verpackt. Viel Klebeband drumherum, um es vor Feuchtigkeit zu schützen. Ein in zahllosen Filmen geschulter Kennerblick, ein Schnitt, eine Zungenspitze probiert, Taubheitsgefühl: Alles klar – Kokain. Das ist mehr wert als eine goldene Uhr. Wenn man es an den Mann bringen kann. Das trainierte Kaufmannsauge füllt die Päckchen im Kopf schon ab. Ein roter Stern auf jedes Päckchen. Niedriger Preis. Und im Handumdrehen sind ein Kilo und einhundert Gramm reinstes Kokain verkauft. Und sein Neustart in Corumbá läuft so wie er es will. Die Polizei schläft heute Nacht in seinem Arm, in Person von Sulamita. Das sollte also auch nicht das Problem sein. Doch es kommt alles ganz anders. Denn einfach so in einen etablierten Markt einsteigen (und vor allem dann auch wieder „einfach so“ auszusteigen) ist unmöglich – das erzählt ihm seine „Informantin“ bei der Polizei. Und wenn man dann noch ein törichten Fehler begeht, in dem man beim Vater des toten Piloten arbeiten will und ihm anonym den Tod des Sohnes mitteilt … besonders, wenn der Leichnam verschwunden ist … ja, dann … dann sieht man sich mitten in einem Film wieder, in dem man unfreiwillig die Hauptrolle spielt. Jetzt muss er zum Helden werden. Vorerst ist er nur ein Leichendieb.

Patrícia Melo krallt sich mit diesem Buch jeden Leser, der die erste Zeile zum Anlass nimmt weiterzulesen. Immer tiefer schlägt sie ihre Krallen ins Fleisch der Neugier und lässt ihn nicht mehr los. Die Aussicht, dass es bis zur letzten Seite keine Lesepause gibt, spürt man erst, wenn man das Buch wieder zuklappt. Doch Vorsicht! Man wird es vielleicht noch einmal lesen. Und dann schnappt die Falle erneut zu!

Polly Polydeukes

Da sind sie, die Brandlers. Mama, Papa, Sohn und Tochter. In trauter Einigkeit. Tochter Polly ist ein aufgewecktes Mädchen, das boxt und auch sonst nicht auf die Nase gefallen ist. Und wenn es doch mal blutet, dann rappelt sie sich auf, schüttelt sich und … weiter geht’s.

Weiter geht’s ist gar nicht so verkehrt. Für sie geht der Weg weiter, immer weiter, niemals aufgeben. Besonders, wenn man den eigenen Vater sucht. Nicht Herrn Brandler. Ihren Erzeuger sucht sie. Schon ihr ganzes Leben lang. Jetzt bricht sie endlich auf, ihn nicht nur im Herzen, in ihren Gedanken, sondern ganz real, geographisch zu suchen.

Paraguay ist für viele ein Land, das ganz weit weg liegt, von dem na nichts weiß. Armenhaus Südamerikas. Aber auch ein Land, in dem schon früher einmal Deutsche Zuflucht fanden. Und zwar die, die besser keine Zuflucht im Paradies hätte finden würfen. Nazis. Kriegsverbrecher. Menschenschänder. Abschaum. Doch soll Pollys Vater auch einer von ihnen gewesen sein? Immer wieder trifft sie auf Spuren dieser Deutschen, die ihr mit Freude – wegen der gemeinsamen Sprache und Wurzeln – begegnen. Ihr aber auch Misstrauen entgegenbringen, weil sie mehrere Generationen später weit weg von zu Hause rumzuschnüffeln beginnt. Ihr Bruder ist ihr dabei die einzige Stütze.

Auch als sie mit wahren Wohltätern, Jesuiten, in Berührung kommt. Ihre Missionierung vor mehr als einhundert Jahren war nicht minder blutiger als die Gräueltaten der anderen Deutschen, die nun hier unten im Paradies ihre neue Heimat gefunden haben, und die alte Heimat immer noch triefend im Herzen vor sich hinbluten lassen.

Walter Hönigsberger ist nicht dafür bekannt, schnöde Geschichten voller rührseliger Gefühle aufs Papier zu bringen. Er geht in die Tiefe, wie schon in „Clos Gethseman“, in dem er dem Ursprung der ersten Weinbauern auf den Grund geht. Und so auch in „Polly Polydeukes“. Sie muss sich durchkämpfen – durchboxen – bis sie für sich eine Antwort erhält, die ihr genug ist. Hat sie bisher im Boxstall ihrer Gegner zermürbt und mit dem Gong ihren Kampf beendet, muss sie nun in einen Ring steigen, der keine Seile hat, die nachgeben und sie mit neuem Schwung in die Arena zurückkatapultieren. Jeder Niederschlag tut weh. Und ein Ende dieses Kampfes ist noch lange nicht abzusehen.

Oben Erde, unten Himmel

Cineasten kommt bei diesem Titel sofort „Der dritte Mann“ in den Sinn. Als Paul Hörbiger – des Englischen nicht mächtig – Himmel und Hölle im Fingerzeig verwechselt (in der deutschen Synchronisation wurde der Fehler allerdings behoben).

Suzu lebt in so einer Welt. Hinter dem geheimnisvollen Wort Kodokushi verbirgt sich ein trauriger Begriff. Menschen, die völlig allein lebten, isoliert von der Welt draußen, sterben – wohl die einzige Gemeinsamkeit mit dem Rest der Welt. Doch wie im Leben so im Tod: Niemand nimmt davon Notiz. Wenn der Tod bemerkt wird, kommt die Putzkolonne von Herrn Sakai. Pflichtbewusst und stumm, fast unmerklich beseitigen sie die Reste eines Lebens. Fräulein Suzu ist eine dieser unauffälligen Arbeitsbienen, die Dienst verrichten, aber niemals erkannt werden.

Fräulein Suzu verrichtet ihren Dienst wie man es von ihr erwartet. Sie wischt, fegt, sammelt ein. Ohne groß dabei nachzudenken. Im Laufe der Zeit verfestigt sich in ihr der Gedanke, dass sie doch nicht so allein ist auf der Welt. Im Team arbeiten ist eben doch mehr als nur Arbeit.

Und die Schicksale der Menschen, deren Leben sie schematisch wegwischt? Ein Mann, der schon vor Jahren aus dem System ausgestiegen ist, wie es in den Medien heißt, ist allem Anschein nach doch nicht selbst gewählt aus dem Leben geschieden. Er hinterlässt einen Sohn. Einen behinderten Sohn. Und schon ist ein Kamerateam zur Stelle, das die Arbeit der Reinigungsbrigade begleiten soll. Suzu zögert erst. Was, wenn ihre Familie sie erkennt? Die weiß nichts von ihrem außergewöhnlichen Job. Aber wie soll sie erkannt werden in ihrem anonymen Outfit, das so anonym ist wie sie selbst? Sie willigt ein sich filmen zu lassen.

Es ist Sommer, die wärmste Jahreszeit. Alles blüht. Man reckt sich nach dem Leben. Und Suzu? Sie auch, und das obwohl ihr ganzes Leben in einem stillen Umbruch begriffen ist. Wann wird sie es bemerken?

Milena Michiko Flašar wacht wie eine alles überschauende Mutter über das Wohl ihrer Protagonistin. Ruhig und behutsam erlaubt sie ihr erste Schritte in die „Welt da draußen“. Die Welt ist nicht schön – schnell verliert man sich in ihr. Fräulein Suzu ist aber nicht allein. Sie muss es nur einmal erfahren, um sich komplett in ihr verwirklichen zu können. Denn dann dreht sie sich weiter.

Aminas Lächeln

Jeder hat mit seinem ganz persönlichen Druck zu kämpfen. Ein Gerüstbauer spürt sicher einen ganz anderen Druck, wenn er die Bauteile auf seinen Schultern trägt als eine junge Tunesierin – Amina – die jeden Tag, jede Stunde, jede Minute daran erinnert wird, dass sie rein äußerlich nicht „von hier ist“. Und irgendwann hält auch das stärkste Ventil nicht mehr stand. Dann platzt es aus einem heraus.

Im Falle von Amina ist dieses Es so, dass sie einen Mann in der U-Bahn zusammenschlägt. Sie ist Boxtrainerin, weiß also, wie sie zuschlagen muss. Weiß, wo es weh tut. Und wenn er, der sich nun am Boden vor Schmerzen krümmt, ihr zuvor ins Gesicht gespuckt hat, ist das alles zum Teil auch nachvollziehbar. Wenn es denn so war.

Wenn der Samenspender sich plötzlich von der Vaterfigur zum Vater entwickeln soll, ist das für eine der beiden weiteren beteiligten Personen ein ähnlicher Fall. Ada und Eva sind ein Paar. Ihre Kinder wurden von Ingo gezeugt. Der ist ständig präsent. Doch nicht als Vater, sondern als Freund. Als Eva vorschlägt, dass ihr Nachwuchs Ingo Papa nennen kann, bricht eine Welt zusammen. Nicht für die Kids. Nicht für Ingo. Ada wurde nicht gefragt. Nun läuft sie weg. Weg aus München. Weg ach Hamburg. Doch auch hier ist die Sache nicht aus der Welt. In ihrem Kopf spielen ihr die wüstesten und wütendsten Gedanken einen Streich.

Alles nur Einbildung? Oder alles wahr? Björn Bicker gibt den Personen in seinen Kurzgeschichten einen Raum, den sie nicht kennen. Sie treten ein und werden von sich selbst in eine Rolle gedrängt, die sie nie wahrnehmen wollten. Die sie nicht kannten. Und schon gar nicht wussten, dass sie diese Rolle mit Leben füllen können. Sie sind nicht von dieser Welt, diese Rollen. Aber die Menschen sind von dieser Welt. Nur aus verschiedenen Ecken, Ländern, Städten, aus verschiedenen Kulturen. In ihnen rattert der unaufhörliche Zug des Gewissens. Und manchmal stoppt er an Orten, die sie nicht kennen. Nun stehen sie im Nirgendwo und wissen nicht wie ihnen geschieht. Der Ausbruch aus dem einen Leben als Einbruch in ein Loch, das sie nicht ausfüllen können.

Manchmal muss man im Buch ein paar Seiten zurückblättern, um sich zu vergewissern, dass man tatsächlich hier gelandet ist. So eigenwillig sind die Gedanken des Autoren. Immer wieder findet man sich in einer Welt wieder, die man den Akteuren nie zugetraut hätte. Und das ist wahre Spannung!

Ein Einzelfall

Strathdee, Australien, irgendwo zwischen Sydney und Melbourne – hier ist alles ein bisschen strathdee. Strathdee-gut, strathdee-lecker, strathdee-hübsch. Mittelmäßig, aber in einer angelegten Skala am unteren Rand der Mittelmäßigkeit. Strathdee-hübsch war auch Bella, 25 Jahre. Sie war es. Denn ist sie tot. Ermordet. Und ihre ältere Schwester Chris sitzt im Polizeiwagen, um die Leiche, auf die die Beschreibung von Bella passt zu identifizieren. Es gibt bessere Gründe chauffiert zu werden, auch in Strathdee.

Chris kann Bella identifizieren. Aber das hilft nun auch nicht mehr. Das macht Bella nicht wieder lebendig. Nate, Chris’ Ex ist zur Stelle. So wie er es immer war, wenn sie ihn brauchte. Und wie es nun mal in Strathdee so ist, zerreißt man sich schon bald das Maul darüber, dass der Ex Nate wieder bei Chris ist. In so einer schlimmen Zeit für Chris. Doch dieses Mal ist er wirklich eine Hilfe. Denn mittlerweile rollt eine Lawine auf das Kaff zu, die gewaltig Staub aufwirbeln wird.

Mit einem Mal – nach einem aufwühlenden Artikel am Tag nach Bellas Auffinden – wird Strathdee zum Mittelpunkt der Welt. Nach und nach tauchen Reporter auf. Die Kameras stehen nicht mehr still. Unzählige mit bunten Senderlogos geschmückte Mikrofone setzen Farbakzente in der Einöde.

Unter ihnen auch May Norman. Die Frau, die die erste Meldung über den Tod einer 15jährigen Pflegerin aus Strathdee abgesetzt hat. Sie war die Erste. Reporter-Ehrgeiz. Und sie will noch mehr Kapital aus ihrer Pole-Position schlagen…

Emily Maguire macht aus einer Mücke einen Elefanten – um im Jargon zu bleiben. Nein macht sie natürlich nicht! Ein Mord ist immer eine Sensation. Leider auch für die, die damit ihren Lebensunterhalt finanzieren und eigentlich nur unterhalten (und natürlich informieren wollen). Doch in Strathdee ist man auf nichts und niemanden vorbereitet. Bella war ja auch nicht auf ihren Mörder vorbereitet. Das Kaff ist so elend langweilig, dass sogar das wiedermalige Zusammensein von Chris und Nate eine Sensation ist. Bellas Tod rückt immer weiter in den Hintergrund. Bald schon dreht sich alles um den Ort, das ungleiche Paar und … am Rande dann doch wieder um Bellas Tod. Die Heuchelei der einfallenden Heuschrecken ist aber auch eine Chance für den Ort, zumindest für Einige. Der Pub war noch nie so voll. Der Pub, in dem Bellas Schwester arbeitet – Saufabende, die man als Gesprächsrecherche absetzen kann… Der Einzelfall als dauerhafter Fall der Perfidität im freien Fallen in den Abgrund.

Zeus oder der Zwillingston

Wenn eine Pflegeanstalt Narrenwald heißt, dann ist der erste Schritt für eine amüsante Geschichte schon getan. Wenn dann auch noch Zeus auf einem geflügelten Pferd die heiligen Hallen betritt, gibt es keinen Zweifel mehr, dass im Himmel Jahrmarkt ist. Als Klamaukrebellen fungieren hier die Anstaltsherren Gottlob Abderhalden und Bonifazius Wasserfallen. Bei den zahlreichen Umtrunken im Kollegenkreis sind ihre Zöglinge, die Dauerbewohner von Narrenwald willkommene und viel beschriebene Objekte der Begierde.

Nun an, Zeus ist also im Narrenwald und hat die Nase voll von der Unsterblichkeit. Oder doch nicht? Wankelmütigkeit beweist er seit Äonen, das kann man überall nachlesen. Abderhalden und Wasserfallen sind mehr als erfreut über die Ankunft des Titanensprosses. Das ist ’ne Type, wähnen sie die beiden Anstaltsleiter doch einmal mehr auf der Comedybühne des Kollegenkabaretts. Sie hätten es besser wissen müssen.

Als Halbgötter in Weiß – also Zeus nicht ganz unähnlich – sind sie gebildete Menschen. Sterblich, im Gegensatz zu ihrem Patienten. Und wer auf diesem Niveau agiert, sollte doch schon mal von Zeus und seinen Taten gehört bzw. gelesen haben. Haben sie anscheinend nicht, denn dann wäre ihnen sofort aufgefallen, dass Zeus sehr wohl die Begabung besitzt Menschen in seinen Bann zu ziehen. Beim Zeus, hätten sie doch bloß mal aufgepasst!

Dann hätten sie vielleicht nicht zwingend vorhersehen können, dass ausgerechnet Rosa Zwiebelbuch sich in Zeus festbeißt. Und das wortwörtlich. Fest umklammert ihr Gebiss die Wade des Göttervaters. Die sie bisher umgebende Stille weicht einem nicht stillstehenden Gebrabbel wirrer Gedanken. Abderhalden und Wasserfallen sehen sich einer für sie neuen Herausforderung gegenüber: Sie müssen arbeiten.

Mariella Mehr lässt in ihrem Psychiatrieroman „Zeus oder der Zwillingston“ die Puppen tanzen. Dieses Buch als rein lustiges Buch zu sehen, würde nicht einmal die Oberfläche berühren, die man zu kratzen scheint. Sie schickt Menschen in die Arena, die etwas zu sagen haben. Ihr Tun, ihre Worte, ihre Gedanken sind der schuldige Schund als Ergebnis wahlloser Heilmethoden wohlgefälliger Eliten auf dem Boden der Heilmacht. Sie alle klagen ihr Leid und wen auch immer an. Sie werden niemals gehört werden, finden aber durch dieses Buch mehr als nur Gehör. Witzig, tiefgreifend und nachhaltig!

Die Leipziger Passagen und Höfe

Wer Gäste hat, die zum ersten Mal Leipzig besuchen – so was soll’s ja tatsächlich noch geben – der zeigt als Erstes die Passagen der Innenstadt, der City, der Stadt wie der Leipziger sagt. Olle Goethe hat im Auerbachs Keller in der Mädlerpassage oft genug gezecht – bestimmt auch so manche zeche geprellt – das muss man zeigen, muss man gesehen haben. Stimmt! Aber, und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben, damit ist die Tour noch nicht einmal annähernd am Anfang einer großartigen Tour durch die Passagen und Höfe der Messestadt.

Jeder Stadtobere Leipzigs hält etwas auf die Messetradition in der Stadt. Hier wurden schon vor Jahrhunderten Salz, Gewürze, Felle … eigentlich alles, womit sich der Geldbeutel füllen lässt, Märkte und Messen abgehalten. Das erwirtschaftete Geld floss zu einem gewissen Prozentsatz auch ins Stadtsäckl. Und nach und nach wuchs die Stadt, zeigte, was man sich leisten konnte und ließ Marktplätze (überdacht) entstehen, die bis heute zum Bummeln einladen. Von der Luxusuhr bis zum handgebastelten Mitbringsel im Pop-Up-Store fand man schon immer alles innerhalb des Stadtkerns. Und nach der Wende erstrahlten die alten Handelsplätze, auch dank einiger (zu vieler) unseriöser Geschäftspraktiken im neuen Glanz. Die Geschädigten können dem sicher nur wenig abgewinnen. Besucher hingegen werden noch Wochen nach de Besuch von der Eleganz schwärmen.

Wolfgang Hocquél setzt dem unverwechselbaren Wahrzeichen der Stadt Leipzig ein neuerliches Denkmal. So schmal das Buch auf den ersten Blick aussehen mag, so prall gefüllt sind seine fotografischen Schätze. Das Füllhorn an Bling-Bling ist endlos. Als ob extra für das Fotoshooting jede einzelne Scheibe noch einmal auf Hochglanz poliert wurde. Kenner wissen, dass es hier immer so aussieht. Man zeigt, was man hat und schmückt sich gern damit.

Selbst Leipzig-Kenner werden hier und da in Staunen geraten. Die großen Passagen sind jedermann bekannt. Speck’s Hof, die bereits erwähnte Mädlerpassage und sicher auch Oelßner’s Hof lassen aufhorchen. Aber Jägerhof und Kretschmanns Hof – da muss man schon nachdenken. Obwohl man bei jedem Spaziergang durch die City daran vorbeiläuft. Ab sofort hält man kurz inne.

Auch Leipzig lässt den Fortschritt nicht spurlos an sich vorbeiziehen. Die neu geschaffenen Höfe am Brühl haben in diesem Buch ebenso ihre Daseinsberechtigung (der Mix aus neuerem Bestand und totalem Neubau war anfangs umstritten, mittlerweile nimmt man es in Leipzig als gegeben hin), wie die verschwundenen und versteckten architektonischen Perlen links und rechts von Brühl, Katharinenstraße und Marktplatz. Einfach nur Durchblättern ist bei diesem Buch nicht möglich. Lesen, Staunen, Stehenbleiben und nochmals Staunen – anders geht’s halt doch nicht.