Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Der geheime Glanz

Die Schule ist für Ambrose Meyrick kein Zuckerschlecken. Die Gebühren für die Privatschule werden ihm nur dann zur Last gelegt – sprich man erinnert ihn daran, dass er doch ein solch gute Ausbildung genießen darf und deswegen sich jedweder Regel zu beugen hat – wenn er mal wieder aus der Reihe tanzt. Und Meyrick tanzt gern und vor allem oft aus der Spur. Geschichte, Mythologie, Architektur – das interessiert ihn. Sport hingegen weniger. Doch der wird als Teambuilding-Maßnahme angesehen. Die Suche nach dem heiligen Gral, Wissen, ist für ihn eine Tortur sondersgleichen.

Arthur Machen verarbeitet in seinem Roman von 1908, der erst 1922 veröffentlicht wurde, seine Erfahrungen mit dem englischen Schulsystem. Auch ihm lagen Abschweifungen näher als der Fokus auf den geradlinigen Wissensstrang. Das Ergebnis: Arthur Machen gilt als Begründer des mystischen Romans, der Schauergeschichten. Leider ist er – und bestimmt nicht wegen seiner Abschweifungen – ein wenig in Vergessenheit geraten.

Die Werkausgabe aus dem Elfenbein-Verlag verhilft ihm wieder in den Rang aufzusteigen, der ihm zusteht. Allein schon die Aufmachung der sechsbändigen Reihe lässt das Herz eines jeden höher schlagen, der Gänsehaut nicht nur bei Temperaturschwankungen empfindet, sondern beim Lesen sich in eine Welt versetzen lassen kann, die nur der Phantasie entspringt.

Man taucht mit jeder Seite in eine Welt ein, die längst vorüber gezogen scheint. Nur in Ansätzen sind der Wissensdurst und die Bruderschafterei noch heute erkennbar. Doch Machen gibt in „Der geheime Glanz“ denjenigen Mut mit auf den Weg, die sich in der Figur des Ambrose Meyrick selbst erkennen mögen. Ein Träumer ist dieser Meyrick nicht. Ein Phantast vielleicht. Ein Schwärmer auf alle Fälle.

Arthur Machen lässt keine Peitschen knallen oder Pistolen die Nachtstille zerreißen. Detailliert lässt er den Leser am Unheil seiner Protagonisten teilhaben. Jede noch so winzige Kleinigkeit, die der Held erlebt, in sich trägt oder erfahren muss, wächst sich zu einem gigantischen Berg des Unmuts heraus, so dass – wie im Fall des Ambrose Meyrick – diesen nur ein Ausweg als möglich erscheint. In „Der geheime Glanz“ durchaus sehr drastisch, dennoch nachvollziehbar. Wer Empfindungen nicht nur als Signal wahrnimmt und sich in Menschenseelen hineinlesen kann, der kommt an Arthur Machen, und schon gar nicht an „Der geheime Glanz“ vorbei.

Nachtdiebe

Es ist schon seltsam wie manche Bücher entstehen. Bodo Kirchhoff bedient sich dieses Mal bei sich selbst, beim Roman „Der Sandmann“. Und schöpft den Rahm seiner Handlung noch einmal ab, um daraus die Novelle „Nachtdiebe“ zu kreieren.

Quint und sein Sohn Julian sind zum ersten Mal gemeinsam auf Reisen. Nach Tunis – sicher nicht das erste Ziel, wenn man den einen aufregenden Roman schreiben will. Doch Bodo Kirchhoff schafft es mit Leichtigkeit dieser alten Stadt die Ehre zu erweisen und webt eine Geschichte aus mehr als nur tausendundeiner Nacht.

Quint stiehlt sich hinaus in die Dunkelheit seines eigenen Lebens. Als Lichtkegel an seiner Seite sein Sohn, der ihm ein ums andere Mal auf den Boden der Tatsachen zurückholen kann. Und Quint hat wahrlich Hilfe nötig. Christine, seine Frau ist beruflich in Paris. Und Quint kann nach Helen suchen. Sie war das Kindermädchen von Julian. Und von einem auf den anderen Tag verschwunden. Eine Postkarte ließ Quint aufbrechen. Die Karte von Helen war kurz und sachlich. Es gehe ihr gut. Sie ist am Leben. Und sie ist auch persönlich. Sie wünscht allen nur das Beste.

Und Quint? Was wünscht er sich? Helen? Christine? Julian! Klar. Aber mit wem zusammen? Helen wollte nie das, was nur Christine zustand – ein wunderbarer Satz, der die Tragweite des Themas mit wenigen Worten einfängt.

Quint ist in Tunis. Er findet das Hotel, in dem Helen arbeitet. Aber sie ist schon wieder weiter gezogen. Quint bleibt trotzdem. Die Wirtin des Hotels, Melrose, eine Reminiszenz an vermeintlich bessere Zeiten, sieht in ihm mehr als nur den einen Gast. Und Quint hat auch so manche schwache Minute. Und dann ist da noch Dr. Branzger. Der weiß mehr als er zugibt. Er kennt Helen auch. War hinter ihr her, wenn man das einmal so schnöde sagen darf. Und in einem schwer erreichbaren Versteck sind Helens Aufzeichnungen. Die will, die muss Quint lesen…

Allein schon die Wahl der Namen ist richtungsweisend. Quint – ein außergewöhnlicher Name. Ruhig, besonnen, nachdenklich, kalkulierend, zurückhaltend. Helen – Verheißung anmutend, fremd und nah zugleich. Dr. Branzger – so heißt niemand, der sich mit Wohlgefallen Freunde macht. Und Melrose – Phantasie, träumerisch. Daraus formt Bodo Kirchhoff mit dem ihm eigenen Stil eine Phantasiewelt, die sich in ihren Grundfesten nicht erschüttern lässt. Hier und wackelt es zwar ordentlich im Gebälk, doch aus den Angeln wird sich diese Welt nicht so schnell heben lassen.

Der dünne Mann

Als Leser hätte man es eigentlich wissen müssen: Kaum fünf Kapitel gelesen und schon steckt man im tiefsten Leseschlamassel. Nichts mit sich langsam in die Geschichte einführen lassen, die Figuren kennenlernen. Wie Pistolenschüsse wird man niedergestreckt und ist unversehens ein Teil der Geschichte.

Nick Charles war mal Privatdetektiv, in New York. Bis 1927. Dann heiratete er Nora, die dank einer Erbschaft die wahre Bedeutung von Arbeit nicht kennen muss. Und Nick genießt das Leben mit ihr, neckt sie, dass er sie nur geheiratet habe, um mit ihr das Erbe durchzubringen. An ihrer beiden Seite ist Asta, das Schoßhündchen, das nur allzu gern sein Herrchen in den Bauch boxt.

Zwischen Drinks und … eigentlich nichts, also zwischen mehreren Drinks holt Nick Charles die Vergangenheit ein. Zuerst macht er die Bekanntschaft von Dorothy, die ihm sagt, dass er sie kenne. Ihr Vater Clyde war mal Klient von Nick, damals er noch Detektiv war. Sie wolle ihren Vater wieder sehen. Seit ihre Mutter wieder geheiratet hat, darf sie Clyde Miller Wynant nicht mehr sehen. Ist wohl auch besser so. Denn Clyde ist ein verschrobener Kerl. Kurze Zeit später meldet sich auch Herbert Macaulay bei Nick. Er ist der Anwalt von Clyde Wynant. Auch er suche nach Clyde, der zu einem wichtigen Termin nicht auftauchte. Und am Tag darauf ist Julia Wolf tot. Sie war die Sekretärin von Clyde Wynant, und sicher noch ein bisschen mehr. Wie gesagt, fünf Kapitel, nicht einmal dreißig Seiten und schon steckt man in einem Fall, von dem man jetzt schon weiß, das niemals alles so sein wird, wie es scheint. Schon gar nicht als Dorothy tränenüberströmt auftaucht und Nick eine Pistole übergibt. Die habe sie in einer Bar gegen ihr Diamantarmband getauscht. Das, was sie am Handgelenk trägt, fragt Nick Charles lakonisch…

Es beginnt die Suche nach Clyde Wynant. Ja, er ist ein Typ, mit dem man ungern Probleme teilt. Und seine Ex erst. Mimi. Die führt immer was im Schilde, glaubt man Herbert Macaulay. Aber der muss das ja sagen, ist schließlich der Anwalt von Clyde Wynant. Und dann ist da noch die Sache von damals, als der Erfinder Clyde Wynant des Diebstahls bezichtigt wurde. Und die Sache mit Mimis Neuem. Der macht sich wohl an Dorothy ran. Deswegen die Knarre.

Nick Charles wollte eigentlich nur Weihnacht in New York verbringen, zusammen mit Frau und Hund, ein bisschen Christmas shopping. Ein paar Drinks (zu viel), entspannt im Hotel herumliegen, essen, trinken, shopping. Dashiell Hammett lässt ihn gewähren, doch gibt ihm gleichzeitig noch jede Menge Denksport mit auf den verkaterten Weg. Ein Klassiker, ein Wegbereiter des noir. Der Wortwitz und die Rasanz lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Amerigone

Zimmer 1503 des Hilton in New York. Hier wartet der Manager Parker Saturn auf Iwan Rubleski vom Westküstenbüro seiner Firma. Er kennt ihn nicht, hat nie von ihm gehört. Was auch nicht verwunderlich ist. Namen kommen und gehen. Sie sind alle austauschbar. Die Maschinerie läuft auch ohne Namen. Dessen ist sich Parker Saturn – was eine Name! – bewusst. Erspielt das Spiel mit. Hat ein riesiges Haus, zwei entzückende Kinder – one of a kind – und eine umwerfende Ehefrau. Die perfekte Managervita. Und nun sitzt er in Zimmer 1503, das er für zwei Tage mieten musste, und wartet auf einen Mann, der in etwa dasselbe macht wie er. Nur halt am anderen Ende der Staaten. Parker Saturn ist bestens vorbereitet. Hoffentlich ist das Iwan Rubleski auch.

Es klopft. Rubleski ist endlich da. Groß wie Parker, aber bedeutend wuchtiger in den Ausmaßen zu den Seiten hin. Extrem blond, extrem blauäugig, was die Farbe der Augen betrifft. Und er legt gleich los. Wie toll doch alles sei. Der Markt ist willig, bereit, um abgeerntet zu werden. Wie wäre es, wenn Parker ihm nach dem Meeting die Stadt zeigt? Er kennt New York noch nicht. Erstmal Frühstück. Parker ist ob der Rasanz in Rubleskis Entscheidungen ganz baff. Das Frühstück kommt. Sieht gut und reichhaltig aus. Iwan Rubleski unterhält sich ein bisschen mit dem Jungen, der das Frühstück brachte, fragt ihn nach seinen Zielen, wo er herkommt etc. Smalltalk und ein bisschen oberlehrerhaft. Und Dominic, der Zimmerkellner, antwortet pflichtbewusst – es ist das letzte, was er sagen wird. Denn ohne Vorwarnung stürzt sich Rubleski auf den ahnungslosen Burschen und sticht ihn ab. Sein Puls bleibt dabei offensichtlich im grünen Bereich. Ganz im Gegenteil zum Puls von Parker Saturn! Der ist nun derjenige, dessen Körper komplett in Erregung und Starre zugleich verfällt.

Kurze Zeit später erklärt Iwan Rubleski ihm, warum … nein, nicht warum er den Kellner erstochen hat … sein Idee vom Raubtierkapitalismus. Wobei in seinen Augen das Raubtier den Ton angibt. Rubleski gefällt die Verkommenheit und Bigotterie der amerikanischen Gesellschaft. Und er genießt sie in vollen Zügen…

Dem Gesetz der Dramatik folgend müsste hier eigentlich Schluss sein. Das Drama hat seinen Höhepunkt erreicht. Der Tod als Höhepunkt einer sich langsam anbahnenden Katastrophe, der keiner entkommen kann. Bei Mark SaFranko ist es der Beginn einer Odyssee, die mit dem Mord an dem Zimmerkellner nur einen ersten Anstieg erfährt. Die Klimax ist noch mehrere hundert Seiten entfernt. Da kommt was auf den Leser zu! Die Selbstverständlichkeit mit der der irre Iwan seine Ideen umsetzt – ob nun lange im Voraus geplant oder spontan – erschrickt und fasziniert zu gleichen Teilen. Und nach jedem Umblättern fragt man sich unwillkürlich, was sich der Autor als nächstes einfallen lässt. Nur so viel sei verraten – langweilig wird’s nicht!

Die Erfindung des Lächelns

Das war schon ein Ding, damals 1911, da hing die Mona Lisa einfach nicht mehr da, wo sie nach Meinung aller zu hängen hat. Im Louvre in Paris. Sie war gut versteckt, aber eigentlich greifbar. Vincenzo Peruggia, Glaser, der kurz zuvor die Scheibe, die das wertvollste Gemälde der Welt schützen soll, ausgetauscht hatte. Er kannte sich bestens aus. Drei Jahre später hat man ihn gefasst, das Gemälde zurückgebracht und alle waren zufrieden. Eine Legende war geboren. Doch warum Peruggia da Vincis Werk klaute, ist bis heute ein Rätsel. So ist die Geschichte. Ist hinlänglich bekannt. Kann man in mehr oder weniger langen Versionen nachlesen.

„Die Erfindung des Lächelns“ ist der historische Roman zu dieser Geschichte. Tom Hillenbrand ist der Autor, und er vermeidet es kunstvoll dieser dramatischen Geschichte sinnfreie Fakten oder gedankenlose Spinnereien hinzuzufügen.

Juhel Lenoir ist der Ermittler in diesem Fall. Er bekommt Druck von allen Seiten. Das berühmteste Gemälde der Welt – einfach gestohlen. Da erwartet jeder(!) schnelle Resultate. Doch wie soll das gehen? Einfach mal bei Picasso nachfragen, „na, was gesehen oder gehört?“. Das kann man doch nicht machen! Warum eigentlich nicht?! Auch Guillaume Apollinaire, der Dichterfürst ist mehr als nur verdächtig. Die Verbindungen zu einem ähnlichen Vorfall ein paar Jahre zuvor sind nun einmal da.

Mit wunderbar leichter Feder streift Hillenbrand die Vorhänge des Vergessenen zurück und führt den Leser auf die Weltbühne der Kunst vor reichlich einhundert Jahren. Isadora Duncan, die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit und ihres reichlich durchgeknallten Gurus Aleister Crowley, bis heute gleichermaßen vergötterter wie verteufelter Satanist, treten ebenso auf wie die Herren, die die musikalische Untermalung aus dem manschettierten Handgelenk schütteln, Claude Debussy und Igor Strawinsky.

Die Haute Volée der Pariser Kunstszene versammelt sich in diesem Buch und prahlt leuchtend mit ihrer Reputation. Dass es nicht in Kitsch abgleitet und als belanglose „Noch so’n Buch über ein fast vergessenes Ereignis“-Persiflage auf dem Ramschtisch landet, dafür sorgt allein schon das Fachwissen des Autors. Penibel hat er sich in den Fall und vor allem in die Zeit eingearbeitet. Kleinste Details werden hier nicht aufgeplustert, sondern behalten ihren Status bei.

Ein Kriminalroman, der so echt ist wie das Lächeln der Mona Lisa. Hintergründig und fundiert. Immer wieder setzt man das Buch ab und lässt die Gedanken schweifen. Und sei es nur, um sich die Szenerie, die Straßencafés, die Ateliers vor Augen zu führen. Tom Hillenbrand ist ein Verführer, der die Romantik des Verbrechens – dieses Verbrechens – als Druckmittel zum Weiterlesen einsetzt.

 

Dringliche Angelegenheiten

Fast schon möchte man Hugo in den Arm nehmen, auch wenn es ihn unfassbar schmerzen sollte. Der arme Tropf hat aber auch das Pech am Fuß wie die sprichwörtliche Sch… Wo anfangen? Also, am Ende des „Treffens“ mit Carlos David steht der Tod. Carlos David ist tot. Erschossen, die Beine gebrochen, die Überreste in einen Sack gestopft und anschließend selbigen in einem Bach „versenkt“. Flucht. Also, Hugo ist geflüchtet. Verständlich. Gerade, wenn man ihm Glauben schenken will, dass er unschuldig ist.

Unterwegs entgleist der Zug, mit dem Hugo in scheinbar sichere Gefilde fliehen will. Eine gigantische Katastrophe mit Dutzenden Toten. Hugo überlebt. Im Leichenberg krallt er sich an das Heiligenbild, das ihm Glück bringen soll. Er reagiert noch auf Nachrichten von Marta, seiner Freundin. Sporadisch. Sie schnappt sich ihre Tochter und bricht auf zu ihrer Schwester. Alles überhastet, scheinbar ohne Plan.

Währenddessen sucht die Polizei in Person von Ermittler Dominguez nach dem Mörder eines jungen Paraguayers namens Carlos David. Und ziemlich schnell stehen sie auch vor der Tür von Marta. Dort ist allerdings nur ihre Mutter Olga anzutreffen. Und die ist ein echtes Goldstück. Gegenüber dem Bullen erzählt sie nur das, was er ohnehin schon weiß. Sie macht sich ihren eigenen Reim auf die Geschehnisse. Auch weiß sie, dass Hugo in dem verunglückten Zug war. Das weiß bald jeder im Land, denn so eine Katastrophe ruft natürlich auf die sensationsgierige Presse auf den Plan.

Und Hugo? Der hängt wie ein verletzter Vogel in den Fängen sämtlicher Leute, die ihm aus unterschiedlichen Gründen auf den Fersen sind. Wie in einem Film von Hitchcock sucht er verzweifelt nach einem Ausweg. Doch die richtigen Entscheidungen zu treffen, war noch nie sein Ding. Der große Wurf ist immer nur anderen gelungen. Hugos „Dingliche Angelegenheiten“ sind nur für ihn von immenser Bedeutung. Genauso wie er eine dringliche Angelegenheit für viel andere ist. Für seine Freundin, seinen Kompagnon, die Polizei, die Hilfskräfte, die Medien…

Paula Rodríguez spinnt ein enges Geflecht aus Hoffnung, Verzweiflung und düsteren Wolken am Horizont. Alles ist vorbei jetzt muss jeder zusehen wie er sich aus seiner Situation befreit. Immer weiter spinnt sie das Netz, in dem die Beteiligten fast bis zur Regungslosigkeit gefangen sind. Ihre Schilderungen sind so eindringlich, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Kopfschüttelnd leidet man mit dem vermeintlich unschuldigen Hugo. Lacht über die Bigotterie der Schwester von Marta. Und fühlt mit Evelyn, Martas Tochter, die Entdeckungen macht, die ihr mindestens genauso peinlich sind wie ihrer Mutter und Tante. Zwischendrin ertappt man sich dabei der Hoffnung Nahrung zu geben, dass das alles ganz schnell vorbei ist. Doch dann wäre das Lesevergnügen ebenso schnell beendet.

Die drei Häscher

Mr. Phillipps und Mr. Dyson – vom literarischen Gott per Zufall zusammengeführt, verbindet die Liebe zu Büchern. Man trifft sich, man streitet ohne jemals Groll aufkommen zu lassen, man steigt in die Tiefen der Phantasie hinab.

Eines Tages klopft Dyson an der Tür von Phillipps. Zu wohlerzogen um mit wahrhaften Gefühle herauszuplatzen, erzählt er ihm, was geschah. Er trödelte – ein Gentleman seines Schlages trödelt nicht, er genießt die Ruhe der Dämmerung der Nacht – also beim Genuss der dämmerigen Abendstimmung vernahm Mr. Dyson ein Geräusch. Er konnte es erst nicht einordnen. Dann bemerkte er wie ein Goldstück an ihm vorbeirollte und dann (fast) von der Kanalisation verschluckt wurde. Fast! Er beugte sich hinunter, um den vermeintlichen Penny an sich zu nehmen. Hier nun bemerkt er den wahren Schatz, den er zwischen den Fingern hält. Eine, ach was, DIE römische Münze. Ein goldener Tiberius. Selten, wenn nicht sogar einzigartig. Was die Geschichte so gruselig macht – es handelt sich um ein Buch von Arthur Machen! – ist die Tatsache, dass Dyson nur durch seine eigene Vorsicht auf den Fund aufmerksam wurde.

Hinter sich hörte er Schritte. Er ging in Deckung, suchte Zuflucht in einer dunklen Ecke, so dass ihn der Schritterzeuger nicht entdeckte. Der Plan ging auf. Ein zweiter Mann folgte. Folgte dem Ersten. Bewaffnet. So viel steht fest. Und Dyson in der dunklen Ecke. Phillipps erfreut sich an dem Abenteuer seines Freundes. Doch mehr auch nicht. Auch weil er die Geschichte um die Goldmünze kennt. Und sein Wissen bereitwillig mit Dyson teilt.

Dyson hat kurz darauf eine wirklich befremdende Begegnung, mit Mr. Wilkins. Ziemlich komischer Kauz, dem Dyson irgendwie helfen muss, meint er. Als Dank erzählt ihm Wilkins eine Geschichte, die so ungeheuerlich ist, dass Dyson fast das Blut in den Adern gefriert. Sie handelt von einer Reise, fast ohne Wiederkehr. Von blutrünstiger Lynchjustiz. Dyson ist erschüttert, aber vor allem fragt er sich, warum der fremde Wilkins ihm so bereitwillig diese Schauergeschichte erzählt hat.

Arthur Machen lässt den Leser ordentlich zappeln bis er endlich ein wenig Licht in seine Geschichte der „Drei Häscher“ bringt. Das sind üble Gesellen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Und sie sind verschwiegen, fast unsichtbar. Erkennt man sie, ist es eigentlich schon zu spät. Das muss auch Dyson erfahren. Und Phillipps ist auch nicht ganz ausgenommen von der Gefahr seinem geordneten Leben den Rücken zu kehren…

Filmriss

Ein Trucker fährt noch einmal los, obwohl er eigentlich seinen freien Tag hat. Doch die Angst den Job zu verlieren, die nörgelnde Kinderbande daheim samt Ehefrau lassen ihn nicht los. Und so fährt er die Strecke von San Francisco nach Los Angeles und zurück, die er tagein tagaus hinter sich bringt doch noch einmal. Eine kurze Pause, ein kurzer Flirt mit der Kellnerin, und weiter geht’s. Das kleine Mädchen, das Blumen pflückt, sieht er zu spät. Er überfährt sie. Von Panik erfasst, flüchtet er. Im Radio hört er von der Suche nach dem rücksichtslosen Trucker. Er wird gestellt. Ein wütender Mob setzt ihm heftig zu – ein Mann will ihm helfen und wird zu Tode geprügelt. „Der Mann, der davonkam“ – so sollte der Film zu diesem Plot lauten. So sieht es zumindest Richard Hudson.

Er ist der Top-Gebrauchtwagenverkäufer von Hal Honests Gebrauchtwagenimperium. Im Handumdrehen hat er einem erfolglosen Verkäufer in Los Angeles dessen Firma abgeknöpft. Er stellt einen fähigen Geschäftsführer ein. Alles läuft wie am Schnürchen. Kurze Ansage, die keine Zweifel zulässt und schon hat er, was er will. Und das nicht nur im Geschäftlichen. Und doch ist Richard Hudson gelangweilt. Es läuft einfach zu gut für ihn. Immer was auf der hohen Kante – man weiß ja nie. Immer einen Spruch und genügend Argumente auf der Zunge – man weiß ja nie. Und immer das Glück auf seiner Seite – man weiß ja nie wie lange noch.

Er kehrt sogar zu seiner Familie zurück. Die lebt immer noch in Los Angeles. Der erfolglose Vater Leo war einst ein erfolgreicher Regisseur. Seine Mutter macht im Ballettraum immer noch eine fabelhafte Figur. Und die Stiefschwester ist auch nicht zu verachten. Richard Hudson hat’s drauf!

Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen seinen Traum zu verwirklichen. Den Film machen, den er immer machen wollte. Dumm ist er nicht. Ein Drehbuch schreiben kann er auch. Pop Leo kann das beurteilen. Gesagt – getan.

Dass beim Film nicht alles wie am Schnürchen läuft, ist auch Richard nicht neu. Doch ein ausgefuchster Typ wie er, lässt sich davon nichts ins Bockshorn jagen. Schlussendlich steht der Film. Zwar keine neunzig Minuten wie der Big Boss es verlangte. Aber immerhin dreiundsechzig Minuten lang. Voller Spannung, voller Dramatik. Exzellenter Schnitt. Und dennoch … kommt alles ganz anders. Und das nicht nur wegen der Übermenge an Alkohol, die für den titelgebenden Filmriss sorgen wird.

Charles Willeford lässt einen echten Goldjungen erstehen. Ihm gelingt alles. Schnodderschauze und eine bis ins Mark reichende Gewieftheit sind die Erfolgsgaranten für den American Way of Life. Doch der ist steinig. Und es gibt immer einen, der noch gewiefter ist, und vor allem am ganz lange Ende des Hebels sitzt. Da kann man schon mal verzweifeln. Und verzweifelte Dinge tun.

Der Schlafwagendiener

Was war er froh als er den Job als Schlafwagendiener ergattert hat. Nun konnte Baxter endlich anfangen zu sparen. Auf das ersehnte Zahnmedizinstudium. Ein liegengelassenes Buch brachte ihn auf die Idee diesem Ziel so einiges über sich ergehen zu lassen. Doch das Studium kostet Geld. Viel Geld. Ihm fehlen noch einhundertundein Dollar. Doch ihm fehlen mittlerweile auch nur noch zehn Strafpunkte – dann ist er den lukrativen Job auch wieder los. Und Strafpunkte werden verteilt wie der Sandmann den Schlafsand verteilt. Vor allem aber werden sie willkürlich verteilt.

Baxter wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren. Kaum dreißig Jahre später hat er nicht mehr als ein Ziel vor Augen. Das Zahnmedizinstudium. Doch als junger, schwuler Schwarzer ist das Ziel – momentan – nicht mehr als eben dieses. Er ist den Launen der Passagiere auf den langen Zugstrecken durch die Wildnis Kanadas komplett ausgeliefert. Und wenn einmal jemand mit einem Scheinchen wedelt, ist es meist eben nur ein Wedeln. Die Verheißung ist der ständige Begleiter.

So wie die ewigen Nörgeleien der Fahrgäste. Es ist zu kalt, obwohl allen anderen schon die Schweißperlen über die erhabene Stirn läuft. Trunkenbolde müssen in ihre Kojen verfrachtet werden. Unzufriedenheit allenthalben. Und Baxter bleibt ruhig. Lässt alles über sich ergehen. Nur noch einhundertundein Dollar – und zehn Strafpunkte. Die beiden Zahlen gehen eine unheilige Allianz ein, die Baxter rund um die Uhr durch den Kopf geht.

Doch was soll schon groß passieren? Der Zug ist voll auf dem Weg gen Westen, einmal quer durchs und übers Land. Das bedeutet gutes Trinkgeld. Nicht so viel, dass er am Ende der Reise das Studium beginnen kann. Wohl aber lang genug, um genug Strafpunkte zu sammeln … Jemand könnte ihn dabei ertappen, dass er sein größtes Geheimnis – seine Homosexualität – offenbart. Der Zug könnte stehenbleiben. Es könnte zu Tumulten kommen. Die Ungewissheit der Weiterreise könnte dazu führen, dass Baxter sein Strafpunktekonto bis zum Bersten auffüllt. Turbulenzen in jedweder Hinsicht könnten ihm alles verbauen, was er sich erträumt und schon aufgebaut hat. Andererseits ist er es gewöhnt stillschweigend alles über wich ergehen zu lassen. Zu schwiegen. Zu lächeln. Nicht zu viel zu verraten. Doch dann passiert es: Der Zug bleibt stehen…

Suzette Mayr macht aus einer ganz normalen Zugfahrt des Jahrs 1929 einen Roadtrip ins Ungewisse. Ein junger Mann, der gegenüber Anderen ein komplett anderer Mensch sein muss, gerät rund um die Uhr in Situationen, die ihm Kopf und Kragen kosten können. Er könnte sogar wegen seiner Homosexualität ins Gefängnis kommen. Soweit denkt er aber nicht. Er denkt nur an sein Studium und daran diesem Ziel alles unterzuordnen. Kurz vor dem Ziel muss er jedoch feststellen, dass Glück und persönliche Ziele oft auf unterschiedlichen Gleisen unterwegs sind.

Die Straße in die Stadt

Es sind keine Flausen, die Delia sich in den Kopf setzt oder sich setzen lässt. So oft sie kann verlässt sie das lieblose Heim in dem kleinen Dorf, in dem sie lebt, um in die Stadt zu gehen. Die Stadt. Dort will sie einmal leben. Mit Mann und Kind. Aber eigentlich nur, weil es die Stadt ist. Und nicht das dreckige kleine Kaff, in dem sie der Niemand auf dem Präsentierteller ist. Sie will jemand sein. Jemand in der Stadt, denn nur dort ist man wer.

Ach, süße Sechzehn! Azalea wohnt auch dort. Die große Schwester. Sie hat alles: Einen Gatten, Kinder, … einen Pelzmantel und ein Bett, von dem aus sie ihr kleines Reich regiert. Dazu gehört es ihren Mann anzufauchen. Und auch ihren Freund – per Telefon. Das Dienstmädchen – auch das hat Azalea – kümmert sich schon um den „Rest“.

Noch ein Jahr dann ist Delia so alt wie Azalea als sie heiratete … und das Dorf verließ. Verlassen konnte. Bald wird auch Delia diesen Schritt gehen. Doch mit wem? Mit Giulio? Der ist total verschossen in sie. Der Sohn des Doktors. Also keine schlechte Partie. Oder doch mit Nini. Cousin soundsovielten Grades, der der Familienhölle entkam und in Delias Familie Unterschlupf fand. Doch Nini ist mehr an Büchern und Lesen interessiert.

Delia saugt die Stadt auf wie einen Schwamm. Dass hier erst recht nicht alles azurblau ist, bemerkt sie nicht. Erst als ihrer Schwester sämtliche Glücksfelle davonzuschwimmen drohen – ihr Liebhaber will sich binden, aber nicht an Azalea – und sie selbst schwanger ist, beginnt der Ernst eines Lebens, für den der Ausweg in die Stadt keine Option mehr ist. Und es kommt noch schlimmer für die unschlüssige Delia…

Natalia Ginzburg beweist schon in ihrem ersten Roman ihr enormes Geschick knallharte Realität mit weicher Stimme Gehör zu verschaffen. Die naive Delia muss pronto lernen, dass die citta ebenso Himmel wie Hölle bedeuten kann. Und zwar ganz anders als sie es sich in ihrem so bisherigem kurzen Leben vorstellen konnte. Ihre Wünsche und Träume sind vollkommen legitim. Der Weg zu deren Erfüllung ist steiniger als sie es überhaupt überblicken kann. Sie verzweifelt nicht. Erst ein endgültiger Schicksalsschlag lässt sie ihre Blindheit vergessen.