Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Böhmisches Bäderdreieck

Františkovy Lázně, Mariánské Lázně und Karlovy Vary bilden das Böhmische Bäderdreieck. Das muss man niemandem mehr erklären. Und statistisch war jeder schon mal hier. Die Region ist – wie in diesem Reiseband beschrieben – zusammen mit Plzeň das touristische Zentrum im westlichen Tschechien. Prag ist nur ein Katzensprung entfernt, Franken gar noch näher und das Erzgebirge bildet im Norden eine natürliche Grenze, die man nur allzu gern überquert – egal in welche Richtung.

Diese drei Orte – Franzensbad, Marienbad und Karlsbad, die Namen sind geläufiger – sind der Innbegriff des Kurens in Mitteleuropa. Die Quellen der Region versprechen für allerlei Wehwehchen rasche Linderung. Doch was diese drei Orte auszeichnet ist ihr anhaltender Ruf. Von Goethe über Chopin bis hin zu diversen adeligen Staatsoberhäuptern genoss und genießt man hier die entspannte Atmosphäre. Auch wenn man teils im Dreieck springen muss, um voranzukommen. Denn es gibt Zeiten im Jahr, in denen die drei Städte und die Orte dazwischen wirklich überlaufen sind.

Was tun also, wenn man mitten in der Saison zwischen Menschenmassen umherspringen muss, um sich schlussendlich doch erholen zu können? Ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Aber es ist ein guter Anfang sich mit diesem Reiseband auf das Triangolat (gibt es das Wort überhaupt?) der mineralischen Genesung vorzubereiten.

André Micklitza schafft es in der Kürze des Buches ein Füllhorn an Aktivitäten, Besichtigungen und Wanderungen zusammenzustellen, das es einem tatsächlich erlaubt mehrere Wochen den Massen aus dem Weg gehen zu können und dennoch die Pracht der Region ausgiebig kennenzulernen. Und dabei auch wirklich nichts auszulassen!

Es ist klar wie das Quellwasser, dass man in den Kurzentren – allein schon der Wandelgang in Franzensbad ist ein Augenschmaus – niemals allein sein wird. Doch die großzügigen Anlagen bieten viel Platz für ruhige Erholungsminuten.

Es sind vor allem die kleinen Tipps – meist farbig unterlegt – die dem Besucher einen Vorsprung vor der Tourimeute bieten. Kleine Gassen, entlegene Pfade, erhabene Aussichtspunkte oder einfach nur Orte, an denen man sich leicht überzeugen lässt, warum so manches Schwergewicht aus Kultur, Politik und Adel hier dem Müßiggang frönten.

Hat man sich genug erholt, sofern das möglich ist, oder einfach mal zwischendrin, steht einem Besuch von Plzeň nichts mehr im Weg. Die Stadt setzte sich mit ihrer Braukunst selbst ein Denkmal – eines der Denkmäler, das man gern besichtigt… Doch auch hier gilt: Nur eine Attraktion ist zu wenig. Plzeň bietet mehr als literweise Hopfenkaltgetränke.

Je nach Entfernung ist das Böhmische Bäderdreieck zu jeder Jahreszeit eine unbedingte Reiseempfehlung. Ein Muss hingegen ist dieser Reiseband.

Oh! Wandern am Gardasee

Es ist ein wenig frevelhaft, wenn man den Gardasee nur mit Massen, die sich durch die engen Gassen schleppen in Verbindung bringt. Hier im Norden Italiens, wo Berge und Meer eine perfekte Symbiose eingegangen sind, gibt allen Unkenrufen zum Trotz, noch einen oder anderen Ort, an dem man tatsächlich Ruhe genießen kann. Ganz ohne Verkehrslärm, ohne die üblichen Sitzplatzblockierer in Fußballshirts und ohne hektisches Getrappel auf steinigen Pfaden. Man muss allerdings die Füße in die Hand nehmen und so manchen Aufstieg meistern. Als Belohnung winken atemberaubende Aussichten, leckere Mahlzeiten und ewige Erinnerungen.

„Immer diese Aussicht“ ist beispielsweise eine Wanderung überschrieben. So viel Zeit für die lachende Wahrheit muss sein. Und tatsächlich kommt man vor lauter Aussicht auf der Wanderung von Sasso zur Cima Comer kaum vorwärts. Also früh aufstehen und viel Zeit einplanen. Und unterwegs die richtige Abzweigung nehmen. Welche? Autor Peter Righi weiß es ganz genau! Als Belohnung warten ein palazzo con parco und immer wieder Aussicht, Aussicht, Aussicht. 180 Grad, mindestens.

Da fühlt man sich manchmal wie ein Blatt im Wind. Ein Papierblatt. Zumindest, wenn man von Toscolano Maderno nach Gaino wandert. Und zwar durch das Tal der Papiermacher. Exquisite Mitbringsel mit wenig Gewicht inkl.

Oder mal so richtig Geschichte tanken. Dem, der jahrelang Europa auf der Nase herumtanzte selbst mal auf selbiger herumtanzen. Um wen es geht? Na, um Napoleon. Ein ganz besonderer Ort, mit ganz besonderer Geographie. Und Geschichte.

Das „Oh!“ im Titel ist nicht einfach so herausgepurzelt. Es ist eine Buchreihe, die diesen Titel wahrhaft verdient. Natürlich ist der Gardasee eine Top-Destination, unbestritten. Und es gibt unzählige Bücher mit allerlei Geheimtipps. Aber wer per pedes dieses Paradies erkunden will, braucht Erstens keine Gängeli, Zweitens wirklich hilfreiche Tippe, Drittens Kartenmaterial, das aussagekräftig die Route vorgibt, Viertens Standorte zum Innehalten und Fünftens garantiert nicht pfundweise Papier, um von A nach B zu kommen. Oder kurz gesagt „Oh! Wandern am Gardasee“ ist die perfekte Quinte für den neugierigen Wanderer.

Das kann immer noch in Wien passieren

Als Wien-Tourist kann man es nur schwer vorstellen, dass hier so etwas wie Alltag einkehrt. Alle paar Meter gibt es etwas zu entdecken, dass es so eben nur hier gibt. Mit großen Augen marschiert man an beeindruckender Architektur vorbei, schaut hier und da mal rein, überblickt von so manchem Hügel die Metropole, berauscht sich in einem der zahlreichen Museen und lässt es sich im Café gutgehen.

Der alltägliche Schmäh ist da nur ein Beiwerk, das man erst bei genauerem Hinhören zu verstehen weiß. Es sind jedoch die Alltagsgeschichten wie in diesem Buch, die den Wien-Touristen vom Wienexperten unterscheidet. Wer also dem Schlangestehen am Café Central oder (noch schlimmer, weil länger) am Sacher nichts mehr abgewinnen kann, wem das Belvedere schon näher ist als die heimische Umgebung, der wird den Wienern mit Genuss aufs Maul schauen. Und wenn’s nicht allzu wianerisch wird, versteht man es … zumindest akustisch. Inhaltlich wird’s da schon ein wenig verzwickter. Doch es gibt Abhilfe.

„Das kann immer noch in Wien passieren“ ist die Allzweckwaffe im Wunderschönfinden des Alltagssingsangs in der Donaumetropole! Denn nicht alles, was so melodisch ans Ohr geflogen kommt, ist mit Liebreiz und Wohlwollen behaftet. Es sind schon deftige Abreibungen, die man allerorten vernehmen kann. Das beginnt bei der familiären Aufarbeitung der eigenen Geschichte derjenigen, die nicht fliehen mussten. Was den Autor dieser Anekdote dazu veranlasst zu bemerken, dass sein Gegenüber zumindest dafür verantwortlich ist, dass seine Familie fliehen musste, wenn sie denn konnte. Starker Tobak, wenn so ein Dialog „zwischen Tür und Angel“ stattfindet.

Diese Alltagsgeschichten sind gespickt mit Perfidität, laissez-faire und einer ordentlichen Portion Schärfe und Wortwitz. Oberflächlich eine schonungslose Abrechnung mit der hauptstädterischen Arroganz gegenüber allen von außerhalb. Doch in der Tiefe liegt der wahre Schatz dieses Buches vergraben.

Nicht alles, was scharfkantig ist, verletzt. Als Trostpflaster kann man dieses Buch ebenso verstehen. Denn wird vorbereitet ist, entgeht so manchen Verbalscharmützel. Zartbesaitete können in Wien schnell unter die Räder kommen, wenn sie sich nicht bewusst sind, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und in Wien kocht man sehr heiß – also verbal. Als Zusatzlektüre für den einen oder anderen Reiseband ist dieses kleine Büchlein, das sich mit Macht gegen übertriebene Korrektheit wehrt, unverzichtbar. Und mit diesem Buch in der Hand, am richtigen Ort kommt man garantiert mit echten Wianern ganz schnell ins Gespräch.

Hotel Amerika

Eine Hochzeit ist ein festlicher Anlass, ein freudiges Ereignis, in den meisten Fällen eine einmalige Sache. Für die direkt Beteiligten auf jeden Fall. Für alle drumherum, die die daran arbeiten, die Angehörigen etc. oftmals eine stressige Angelegenheit. Für Shirley, Ingrid und Franz ist es der ganz normale Wahnsinn im Hotel Amerika. Sie sind nach Amerika gekommen, um das große Glück zu finden. So ein Glück wie Braut und Bräutigam wollen sie auch haben … anfangs.

Shirley, aus Irland eingewandert, posaunt vielsagend in die Welt hinaus, dass sie es ihr letzter Tag sei im Hotel Amerika. Dann käme sie als Gast wieder. Ingrid, Schwedin, ein junges Ding, die immer noch Schwierigkeiten mit der Sprache hat, findet in Shirley eine gute Freundin. Sie sind guter Dinge, dass ihr amerikanischer Traum in Erfüllung gehen kann. Und dann ist da noch Fritz. Aus Berlin. Am frühen Morgen kreuzt er die Finger, dass es endlich klappt mit einer Festanstellung im Hotel Amerika. Sie alle haben keine Flausen im Kopf – Shirley vielleicht ein bisschen. Ihr Job ist ein harter Job. Ihre Träume sind greifbar und doch so fern. Und mit dem heutigen Tag sollen diese Träume ein Stück weit Realität werden.

Doch es kommt anders. Die Braut wird mit einer Nachricht konfrontiert, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. Die Hochzeit steht auf der Kippe. Und im Hotel geht es drunter und drüber. Es ist nur ein Tag, der das ganze Leben aller verändern wird. Und diesen Tag beschreibt Maria Leitner auf wunderbare Weise.

Die Autorin selbst hatte ein bewegtes Leben. Sie genoss als eine der Wenigen eine fundierte Ausbildung. Sprach mehrere Sprachen. Reiste um die Welt. Doch die gesellschaftlichen Veränderungen im Deutschland des 20. Jahrhunderts – Krieg, Weimarer Republik, das Terrorsystem der Nazis – machten ihren Plänen fette Striche durch die Rechnung. Sie floh, kehrte aber ebenso oft, mit falschen Papieren ins brauen Deutschland zurück, um über das Voranschreiten des menschenverachtenden Systems berichten zu können. Doch ihre Flucht endete in einem Desaster. Ihre Bücher brannten als erste auf den Scheiterhaufen der unerwünschten Schriften. Sie hungerte, wandte sich an helfende Hände, wurden von den Nazischergen gefasst und starb einsam und vergessen in deren Gewahrsam. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod konnte dieser einwandfrei festgestellt werden. Die hilfreichen Hände, die Größen wie Feuchtwanger, Brecht und Mann den Weg in die Freiheit ebneten, waren für Maria Leitner nicht greifbar. Ihr Name geriet in Vergessenheit. Ihr erster Roman „Hotel Amerika“ ist nun endlich wieder verfügbar. Ein Juwel, dass eindrucksvoll beschreibt, wozu Menschen fähig sein können, wenn die Umstände die Wahl der Mittel bestimmen.

Wie man die lebenswerteste Stadt der Welt überlebt

Eigentlich kann man es kaum noch hören: Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt! Und dann ist man da und sagt: „Ja, stimmt!“. In fast jeder Hinsicht. Ein geballtes Inferno an Museen, prächtige Straßen, eine funktionierende Infrastruktur. Ein lebenswerter Ort, ein Ort, an dem man nur die Ohren offenhalten muss, um dem Schmäh die Schärfe zu nehmen. So wie Andreas Rainer, ein Alltagspoet – der Alltagspoet. Er schnappt an der Tramhaltestelle, an der Ampel, im Café (wo sonst?!) was auf und verarbeitet es ruck zuck zu einem poetischen Pamphlet, das Kopfnicken und „Echt jetzt?“ zugleich hervorruft.

Diese kleinen Sticheleien gegen das lupenreine Image der Stadt sind mehr als nur eine kleine Brise Würze. Sie erzählen von dem, was dem Touristen verborgen bleibt. Es sei denn man kommt tatsächlich mit einem Herrn Ober ins „Gespräch“… Ihn heranwinken bringt nichts.

Andreas Rainer findet seine Geschichten auf der Straße. Da streiten sich Bauarbeiter und Polizei wer hier Vorrecht genießt. Oder es hagelt Beschwerden über die Arbeit – woanders ist auch nicht schlechter.

Dieses kleine Büchlein nimmt ein wenig die Schwere vom Titel „Liebenswerteste Stadt der Welt“. Hier leben auch nur Menschen, die allerdings mit einer ordentlichen Portion Schmäh dem Alltag die Stirn bieten. Derber Humor und Eleganz schließen sich also doch nicht komplett aus.

Und es gibt echte (Über-) Lebenshilfe für Wien. Wenn man einem Lehrer glauben darf, dann sollte man es tunlichst vermeiden psychisch Labile in der U-Bahn anzustarren. Das ist nicht nur Schulklassen zu empfehlen. Denn der Wiener steht über allen anderen Österreichern – was sicher nicht zu verallgemeinern ist, aber warum soll man sich als Gscherter zu erkennen geben (und den Unmut der Wianer sich zuziehen) – und das lässt er ganz gern auch mal sein Gegenüber spüren (schön mal verdutzt aus der Wäsche geschaut, wenn einem „a Sackerl“ angeboten wurde?).

Es gibt auch andere Städte, die für ihren Humor bekannt sind. Berlin zum Beispiel. Doch während man an der Spree mit der Dampframme zurechtgestutzt wird, wird man an der Donau sanft mit dem Hammer gestreichelt. Wien-Liebe to go steht wie ein Label auf dem Cover. Und so sollte man dieses Büchlein auch annehmen. Nicht zwingend am Graben sich auf einer Bank das Buch laut vorlesen. Auch nicht auf den Stufen der Albertina sich lauthals über (letztendlich sich selbst) lachen. Jedoch auf einer Bank leise vor sich hinschmunzeln während man darin blättert, sollte erlaubt sein. Und vielleicht trifft man auf diesem Weg genau den einen Wiener, der mit einem über diese „G’schichten“ bei einer Tschick lachen kann. Einen Versuch ist es allemal wert!

Fannys Rache

Eines gleich vorweg: Wer das alles ernst nimmt, wird mit Schamesröte, Kopfschütteln und einer gehörigen Portion Wut den Roman beiseitelegen. Wer allerdings darin scharfsinnigen Humor, Wortwitz und Hintersinn erkennt, wird mit 100prozentiger Genugtuung den Tag verbringen.

Fanny Kajsman lebt in ihrem Stetl sehr schlecht als recht. Der Vater hat sie zur Schächterin ausgebildet. Vorsicht vor Frauen, die mit dem Messer umgehen könne, will man warnen. Nicht ohne Grund. Und wenn die Person – wie im Falle von Fanny – einen ausgeprägten Starrsinn in sich trägt, dann können diejenigen, die sich ihr den Weg stellen meinen zu müssen, nur noch beten.

Ihr Schwager hat sich aus dem Staub gemacht. Und Fannys Schwester sitzen lassen. Einfach so. Er ist nach Minsk abgehauen. Vom Schwarzen Meer in den kalten Norden – brrr, wegen des Klimas hat er bestimmt nicht diese Entscheidung getroffen. Wie gesagt, Fanny trägt ein ordentliche Portion Starrsinn und mittlerweile auch Wut in sich. Sie packt ihre sieben Sachen und macht sich auf den Schwager zu suchen. Nicht, um ihn zurückzuholen, sondern um Rache zu nehmen – Fannys Rache. Auf ihre eigene Art und Weise. Da wir uns im frühen 20. Jahrhundert befinden, gibt es nicht viele Möglichkeiten gen Minsk „zu reisen“. Linienflüge, feste Busverbindungen, per Anhalter etc. – das gab’s damals noch nicht. Und mit einem gigantischen Messer einfach mal so Grenzen überqueren – ha, das ging nur damals.

Unterwegs sammelt Fanny so allerlei Unrat auf. Einen stummen Fährmann – welch Symbolbild – und  die liebe Verwandtschaft. Denn im Russland des frühen 20. Jahrhunderts waren Juden über ganz Europa verteilt. Klar, dass man hier und da immer wieder auf Cousinen und Cousins, Nichten und Neffen etc. trifft. Allesamt nicht gerade vorzeigbar. Günstlinge der Hölle, die geschickt ihre Fähigkeiten und ihre Chuzpe nutzten, um sich einen Vorteil zu verschaffen.

Fanny stapft beseelt von ihrem Vorhaben durch die Weite des russischen Reiches und nimmt keinerlei Rücksicht auf Verluste. Eine weibliche Heldin durch ein Land, das mit, um es vorsichtig auszudrücken, mehr als eine Handvoll Ressentiments gegenüber Juden hegt. Die resolute Art wie Fanny jedwedem Problem entgegentritt und mit dem riesigen Messer im Gepäck, lässt den Leser ein ums andere Mal vor Freude aufjaulen. Man selbst möchte ihr nicht begegnen, ihr bei ihren Begegnungen zuzuschauen, ist ein Fest. Manchmal tut es gut und ist es hilfreich einem Buch einen Stempel aufdrücken zu können. In diesem Fall ist das unmöglich. Das ganze Cover wäre dann voller Stempel. Großartig, witzig, böse, hintersinnig, brutal ehrlich, … die Rose und das Schwert auf dem Cover (keine Anlehnung an die sächsische Asterix-Ausgabe „De Rose und’s Schwärd“) sind mehr als schmückender Kaufanreiz. Wer „Fannys Rache“ nicht liest, dem entgeht eine wortgewaltige und intelligente Erfahrung, die die Gegenwart teils in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Noto

Noto sollte das Glück endgültig perfekt machen. Tat es auch. Doch die barocke Prachtstadt ist nicht dafür bekannt Endgültiges zu schaffen. Sie selbst fiel Ende des 17. Jahrhunderts einem verheerenden Erdbeben zum Opfer. Dank prall gefüllter Taschen wurde auf und in den Trümmern eine Stadt errichtet, deren barocke Pracht weltweit beispiellos ist. Die honigfarbene Stein und der kitschig-blaue Himmel sind die Basis für diese Sehnsucht.

So muss es auch Konrad und Adriano gegangen sein als sie schon nach kurzer Zeit beschlossen sich hier ein Häuschen zu kaufen. So unterschiedlich die beiden waren, so untrennbar waren sie als Paar. Waren. Denn Adriano ist tot. Seit einem Monat. Und Konrad reist nach Noto, um sich ihrer zu erinnern. Und nach dem Rechten zu sehen. Doch eigentlich wird es eine Reise, die unvergesslich wird. Eine Reise, die so manches auf den Kopf stellt. Eine Reise ins Ungewisse. Doch das weiß Konrad noch nicht.

Adriano der Lebemann und Konrad der Besonnene. Wenn Gegensätze sich wirklich anziehen, dann in diesem Fall. In Noto waren sie ein Paar. Es gab kein Ihn und Ihn, es gab nur Sie. Doch das ist alles Vergangenheit.

Konrad wird von einer Freundin begleitet, die in ihrer Unverblümtheit unweigerlich zur einzig wahren Medizin für ihn wird. Jack, der gemeinsame Hund von Adriano und Konrad, ist der Wirbelwind, der die melancholischen Lüfte der Erinnerung ein ums andere Mal durcheinanderwirbelt. Und Santi ist ein echtes Unikum. Einmal beschützt er Konrad, ein anderes Mal stürzt er ihn fast in den Abgrund. Eine echte Wundertüte, die aber genau das ist, was Konrad von Zeit zu Zeit aus seiner Trauer holt. Und je länger Konrad in Noto die Luft des Südens einatmet, die Erinnerungen an ihm vorüber paradieren, umso schmerzhafter wird ihm klar … das Paradies existiert nur in der Erinnerung.

Adriano Sack versteht es meisterhaft die Trauer mit Leichtigkeit zu umgarnen und die ihr anhängende Schwere zu nehmen. In Rückblenden läuft ein verschwommener Film in Endlosschleife, der Konrad immer wieder in ein Loch zieht, aus dem er sich kaum allein zu befreien vermag. Und das alles vor der umwerfenden Kulisse Notos. Wer noch nie hier war, lernt die einladenden Fassaden ebenso kennen wie die versteckten Aussichtspunkte der Stadt. Wenn es so sieht, hält man hier einen exzellent geschriebenen Roman und einen Reiseband in Einem in der Hand.

Groll

Vittorio Leonardi starb eines natürlichen Todes, sagt der Arzt, der ihn untersuchte und den Tod feststellte. Und darüber hinaus sein Freund seit Schultagen war. Auch gibt es keinerlei Hinweise auf ein Verbrechen.

Jahre später sitzt seine Tochter Marina der Anwältin Penelope Spada gegenüber und spricht von ihrem Unwohlsein wegen des Todes ihres Vaters. Jahre später!

Ist schon seltsam. Da unterhalten sich zwei Frauen über den Todes des Vaters der Einen. Die Andere hört gewissenhaft zu und mittendrin fällt ihr urplötzlich der Name der Einen auf. L-E-O-N-A-R-D-I. Das war mal was! Fünf Jahre zuvor war Penelope Spada noch bei der Staatsanwaltschaft. Unter der Flut von Anzeigen stach ihr damals eine besonders hervor. Es ging um die Loge P2 und ihr illegales Schneeballsystem. Das wurde zerschlagen und ein entsprechendes Gesetz zur Vermeidung solcher Untriebe erlassen. Die Loge hatte (und hat?) weitreichende Verbindungen in alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Die Ermittlungen führten Spada auch zu dem Namen Leonardi. Vittorio Leonardi. Anerkannter Chirurg und ehemals Abgeordneter. In Spadas Kopf klingeln alle Alarmglocken.

Eigentlich müsste sie den fall ablehnen. Es gibt einfach keine Hinweise auf ein Verbrechen. Aber dieser Familienname – es ist ihre Nemesis.

Vittorio Leonardi starb also an einem Herzinfarkt. Fakt. Kurz zuvor wollte er sein Testament ändern lassen, dass auch seine Ex-Frau, Marinas Mutter, berücksichtigen sollte. Marina selbst hat – auf dem Papier – ihren Pflichtteil bekommen. Doch sie vermutet, nein, sie weiß!, dass ihr eigentlich mehr zusteht. Und die Witwe des Doktors, ist nur schwer aufzufinden. Penelope Spada steht vor einem kniffligen Fall, wenn es denn überhaupt einen Fall gibt.

Gianrico Carofiglio führt die aufgewühlte Situation – Penelope Spada hat wirklich allen Grund aufgewühlt zu sein – mit weisen Worten und bedachtem Tun in ruhige Gewässer. Jede Ermittlung, jedes Gespräch, jeder Hinweis sind winzige Teile eines unüberschaubaren Puzzles, das Penelope Spada zusammensetzen muss. Gern würde sie zuerst die Ecken legen, dann den Rahmen zusammenfügen und sich dann Stück für Stück dem Mittelteil widmen. Doch binnen Bruchteilen von Sekunden befindet sie sich in einem Labyrinth aus Schweigen und Intrigen. Und wenn sie sich nicht allzu ungeschickt anstellt … wer weiß … vielleicht verschwinden dann auch die kreischenden Geister der Vergangenheit?!

Camanchaca

Die Wüste ist öde. Für einen jungen Mann, dessen Zähne ihn viel älter erscheinen lassen, dessen Gewicht zum Spott von Anderen einlädt, dessen Familie zerbrochen ist, ist die Wüste der ganz normale Alltag. Sein Leben ist öde. Er wäre gern Sportreporter geworden. Fußball. Im Stadion sein, mit Leidenschaft das Goooooooooooooooooooooooooool verkünden.

Doch das Leben war in seinem kurzen Leben schon verdammt hart zu ihm. Die Eltern getrennt, weil Papa eine Neue hat. Mama und ihre chronischen Geldsorgen. Die Einsamkeit.

Nun sitzt er im Auto zusammen mit Papa, Nancy, seiner neuen Frau und seinem Halbbruder, der die ganze zeit nur am Gameboy zockt. Gen Peru geht es. Zum Einkaufen und zum Zahnarzt. Er lässt alles über sich ergehen. Nur die Musik auf seinem mp3-Palyer lässt ihn ein wenig träumen. Er erinnert sich an die Besucher bei Opa und Oma. An die Träume. An das Champions-League-Finale 1999, Manchester United gegen die Bayern. Wie oft hat er – nicht nur in Gedanken – dieses denkwürdige Spiel als Reporter vom Sofa aus noch einmal angeschaut und kommentiert. Der sicher geglaubte Siege der Bayern, der in der Nachspielzeit so effizient wie brutal zermalmt wurde. Fast so wie sein Leben…

Diego Zúñiga lässt die wahren Hintergründe all dessen im Nebel des Vergessens verschwinden. Niemand hat einen Namen, außer Onkel Neno. Der ist tot. Überfahren. Vom Vater des Jungen, der so still und teilnahmslos die Wüste durchquert. Er darf die Einkaufsliste, die ihn seine Mutter gegeben hat nicht vergessen. Doch dabei will er so gern alles Mögliche vergessen. Oder Antworten bekommen. Ein anderes Leben führen.

Für Touristen ist die Reise von Chile nach Peru unter Garantie ein Abenteuer, das sie nie vergessen werden. Für den Jungen ist es lästige Pflichterfüllung. Er braucht keine Zeit, um sich zu erinnern. Die Gedanken um den Tod des Onkels, die Trennung der Eltern sind allzeit präsent. Es wird kein happy end geben. Wie sollte das auch aussehen?

Marcitero

Wer bisher Sizilien als Land seiner träume erachtete, der war noch nie in Marcitero. Marcio – verdorben, faulend – schwingt im Namen mit. Und eigentlich heißt das Dorf mit den nicht einmal einhundert Einwohner anders. Alle von außerhalb nennen es so. Und die Einwohner von Marcitero haben es aus Trotz einfach übernommen.

Auch trägt hier niemand seinen eingetragenen Namen. Alle rufen sich nur bei Spitznamen. Und die sind weiß Gott nicht freundlich gemeint. Fast die Hälfte der Einwohner trägt die Spuren der Raufereien wie eine Monstranz vor sich her. Die Obrigkeit traut sich nicht ins Dorf. Und Nordkoreas Diktator würde man hier mit allen Ehren begrüßen. Frauen sind … na ja, was soll man sagen … Objekte. Mehr nicht. Und wer abzuhauen versucht, der bekommt den starken Arm der Starrköpfe zu spüren. Wer aus der Stadt kommt, ist ein Intellektueller. Und solche Leute mag man hier nicht. Straßen fegen? Bene, aber danach wird sie sofort wieder so richtig eingesaut. Der Nachbar hat einen neuen Zaun – rumms, eingetreten. In Marcitero hält der gute Ton ein ausgiebiges Mittagsschläfchen.

Ausgerechnet hierhin hat es den Erzähler verschlagen. Er bleibt trotzdem. Alles an diesem Ort ist abstoßend. Selbst der Wein. Der schmeckt wie Essig. So mag man hier seinen vino! Nino Vetri setzt diesem fiktiven Ort ein Denkmal für die Ewigkeit. Die Landschaft ist karg, aber ansehnlich. Wenn die Bewohner von Marcitero das ändern könnten, sie täten es. Garantiert! Warum also bleibt man an einem Ort, der so gar nichts Freundliches an sich und schon gar nicht in sich hat? Selbst der Erzähler weiß es nicht.

Immer tiefer taucht er in diese seltsame Gesellschaft ein. Sitzt mit den Einheimischen am Tisch, trinkt den ungenießbaren Wein – würde er Bier trinken, würde man ihm das Gesicht derart verzerren, dass man meint er stamme von hier. Er nimmt an einer Beerdigung teil, wo es auch nicht gerade respektvoll zugeht.

„Marcitero“ als Sinnbild für die sizilianische Kultur zu nehmen, wäre zu viel des Guten. Das überlässt man lieber Michele Corleone in „Der Pate III“. Doch so weit ist man hier gar nicht von der Wahrheit entfernt. Man liebt und hasst seine Heimat gleichermaßen. Den Nachbarn muss man hassen. Das war schon immer so. Das Dorf dezimiert sich selbst. Das ist gut so in den Augen der Einwohner von Marcitero. Andererseits – mit wem soll man sich dann am Abend besaufen und die Fäuste fliegen lassen? Ach, es ist ein Jammer, dass Marcitero fiktiv ist. Oder doch nicht?