Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Die Schlacht um den Hügel

Es hätte auch anders kommen können! Florenz in Schutt und Asche gelegt werden können. Fiesole ebenso. Doch es kam anders. Florenz war offene Stadt, d.h. sie durfte weder angegriffen noch verteidigt werden. Dass das Kriegsrecht im Krieg nicht immer paragraphengerecht angewendet wird, ist die Kehrseite der Medaille. Unvorstellbar der Blick von den Hügeln in Fiesole auf die Renaissance-Perle Florenz wäre es anders gekommen.

Hanna Kiel war als Kunsthistorikerin, aber vor allem als Übersetzerin in Fiesole tätig. Ein zweischneidiges Schwert. Eines mit ganz scharfen Klingen! Ihre Chronik der Ereignisse zwischen Anfang August und September 1944 schrieb sie in einem literarischen Stil. Auch ohne exakte Zeitangaben gibt sie ein exaktes Bild von dem wider, was damals geschah.

Die Wehrmacht, die Partisanen und die Alliierten standen in ständigem Feuergefecht. Die Bevölkerung Fiesoles musste sich verkriechen, verstecken, in Deckung gehen, unter unmenschlichen Bedingungen das Pfeifen der Garanten ertragen. Inmitten dieser Situation kehrte tatsächlich so etwas wie Normalität ein. Eine Normalität, die man sich nicht wünscht, bis dato nicht vorstellen konnte und die man niemandem wünscht, aus heutiger Sicht. Auch wenn die Realität wieder einmal anders aussieht.

Die Distanz der Autorin und gleichzeitige Nähe, die ihre Worte verströmt, sind der Spannungsbogen, der dieses Buch am Leben erhält. Täter und Opfer haben Namen, ihre Herkunft ist nahbar. Ihr Tun unverständlich, dennoch nachvollziehbar. Nicht ganz so einfach ist die Einordnung wer denn nun Täter aus Überzeugung ist, wer Mitläufer und wer eindeutig ausschließlich in Verteidigungsstellung ist. Jeder muss sich mit der Situation abfinden. Doch nicht jeder tut es!

„Die Schlacht um den Hügel“ ist in Italien, das Laben, in dem Hanna Kiel lebte (und begraben ist) ein bekannteres Thema als in Deutschland, dem Land, aus dem Hanna Kiel kam. Sie war mit Klaus und Erika Mann befreundet, bot ihren Eltern Unterschlupf. Sie kämpfte ihren eigenen Kampf mit ihren eigenen Waffen.

Es sind nicht viele Seiten, die man braucht, um die schwierige Lage der Bewohner zu begreifen. Jedes Wort, jeder Satz, jede Seite sind ein Schlag ins Gesicht jeden Aggressors. Sei er nun damals in Fiesole dabei gewesen oder hat heute vor an anderer Stelle Unheil zu verbreiten. Die Schlussfolgerung, dass Kriege niemals eine für alle Seiten befriedigende Lösung bieten können, wird im Moment des Kampfes ausgeblendet. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Mit dem Abstand von achtzig Jahren ist dieses Buch ein nicht zu unterschätzender Beitrag im Kampf gegen den Wahnsinn.

Der Tod ist eine Liebkosung

Für ihn sind sie unausweichlich: Die Frau und die Katastrophe. Sie geht offensiv zur Sache. Mit jedem noch so kleinen Problemchen ihres Wagens (einmal hilft sie kräftig nach) behelligt sie den Mechaniker in der Werkstatt, in der ihre Familie schon immer ihre Wagen reparieren und auf Vordermann bringen lässt. Er hat keine Chance! Schon zappelt er in ihrem Netz aus Verführung und Begehren. Dass er und sie in einer Beziehung – sie ist verheiratet – sind, ist doch den beiden anfangs egal. Als es ernst wird, denkt sie daran einen Rückzieher zu machen. Mit dem Angelhaken im Fleisch überzeugt er sie, dass sie das Richtige tun … werden … sollen.

Kaum der Ehe entronnen – in ihrem Fall – kaum der Beziehung entkommen – in seinem Fall – beginnt der Beziehungsalltag. Alte Freunde sind zufällige Erscheinungen. Der Job wird zur Nebensache. Doch die anfänglichen Schmetterlinge sind satt gewordene Brummer geworden. Sie will den Rausch des Anfangs ewig fortführen. Er will Normalität.

Leider werden Streit und Misstrauen zur Normalität. Und Gewalt. Erst wird es nur lauter. Nach knallt die Faust auf den Tisch. Es wird körperlicher. Aber anders als zuvor. Angsterfüllte Blicke. Die Beziehung im Würgegriff im Lauf der Dinge. Bis zum Äußersten.

Nun sitzt er hinter schwedischen Gardinen. Sinniert über sein Tun. Und kommt zu dem Entschluss, dass er gar nicht anders hätte handeln können. Das ewige Hin und Her zwischen Aktion und Reaktion ist ihm bewusst. Die Schuld sieht er auch, aber nicht bei sich. Das hat er zu oft schon getan. Hat alles nichts gebracht. Wer Schuld hat, bekommt die Chance es wieder gut zu machen. Er hat das Bewusstsein falsch gehandelt zu haben und in Zukunft rechtens zu handeln. Doch er…

Über siebzig Jahre ist „Der Tod ist eine Liebkosung“ alt. Ein Hit schon bei Erscheinen. Verfilmt. Zum Klassiker erkoren. Und noch immer fesselt er in seiner Stringenz und Klarheit den Leser. Weglegen, und sei es auch nur für Sekunden wird mit Schuldbewusstsein bestraft. Schon beim Cover ist einem klar, dass hier Opfer und Täter von jedem Leser anders bewertet werden. Eine offene Tür. Aus dem Dunkel ins Helle schauend – Luc Besson hat das Spiel von Gut und Böse ebenso eindrucksvoll in „Leon der Profi“ angewandt – und mittendrin die femme fatale. Ihr aber allein die Schuld zu geben, ist ebenso falsch wie billig. Und Billig hat in der suspense-Reihe vom Septime-Verlag nichts zu suchen. Schwarz und Weiß sind eben nur Kontraste und kein Bestandteil der Farbpalette. Sie richtig anzuwenden ist eine Kunst. Ein Kunst, die der norwegische Journalist und Autor Arve Moen exzellent anzuwenden versteht. Auch wenn dieser Roman als One-Hit-Wonder eingestuft wird, so wirkt er auf ewig nach bei denen, die Qualität und pure menschliche Reaktionen in Einklang bringen können.

Babas Vermächtnis

Oh, hier muss man aufpassen, dass man nicht in die Vorurteilsrolle verfällt. Swetlana lebt in Hamburg. Sie ist die Nichte des russischen Präsidenten. Ihr Vater wollte auch in die Politik, das passte dem kleinen Bruder nicht. Vater, Mutter und Swetlana gingen nach Hamburg. In Russland fühlte sich Swetlana nur geborgen als ihre Oma noch lebte, ihre Baba. Sie bracht dem Kind alles bei, was sie heute ausmacht. Die Liebe zur Poesie, eine gesunde Einstellung zur Kultur, den eigenen Kopf zu benutzen – nur die Schönheit hat sich Swetlana selbst erhalten. Und die pflegt sie mit allerlei Markenprodukten. Wobei ihr die eigentlich gar nichts bedeuten.

Swetlana besucht eine Eliteschule, in der ihre Mitschüler allesamt aus finanziell gut ausgestatteten Häusern stammen. Was einige aber nicht davon abhält sich wie die letzten Proleten aufzuführen. Hass, Schmach und unverhohlener Neid sind an der Tagesordnung.

Swetlana sehnt sich nach ihrer Baba. Sie gab ihr immer halt. Bot ihr Einhalt. Hielt sie niemals davon ab eigene Wege zu beschreiten. Vielleicht ändert sich Swetlanas Leben mit einer Reise nach Sankt Petersburg? Dort, wo sie aufwuchs, wo sie mit Baba glücklich war.

Der Trip gerät zur Farce. Alle Träume scheinen sich je mehr sie sich von der verkaterten Mutter entfernt, je näher sie der Ostseemetropole kommt, in Luft aufzulösen. Der Mann an ihrer Seite ist ein Depp. Die Gedanken an die Kindheit, an Baba verblassen in der gleichen Geschwindigkeit in der sie dem Glück verheißenden Ziel näher kommt. Alles geschieht wie selbstverständlich. So vorhersehbar. Wie das Ableben des Freundes ihrer Mutter. Doch dann tritt etwas Unvorhergesehenes ein: Swetlana wird auf einmal gejagt…

Michael Hetzner zieht alle Register einer Geschichte um ein russisch stämmiges Mädchen, deren Familie zum erlauchten Kreis der Oligarchen zählt. Zuerst ein bisschen Klischeebedienung mit allerlei Markenhype und der ewigen Frage, ob Prada und Gucci vielleicht besser harmonieren als Hermes und Cavalli. Im gleichen Gegenzug lässt er Swetlana in einem guten Licht dastehen, wenn es um ihre Bildung geht. Sie ist ein schlaues Mädchen. Beeinflusst von ihrer Baba. Schönheit, russische Präsenz und Intelligenz bewahren sie aber nicht vor den Gefahren, die aus dem Dickicht wie ein Peitschenschlag herausdrängen.

La Storia

Es sind nur zwei Worte, „La storia“. Einfach nur eine Geschichte. Eine Geschichte wie sie zigfach im Rom der Vierzigerjahre vorgekommen ist. Nein, es ist nicht einfach nur eine Geschichte. Ida muss ihre beiden Sprösslinge irgendwie durchbringen. Nino, der Ältere, hängt mit seinen faschistischen Freunden rum. Das Schwarzhemd gibt ihm Halt, die Gemeinschaft stützt ihn. Useppe, der Jüngere, ist ein verträumter Schatz mit unbändiger Phantasie. Oft ist er allein, wenn seine Mutter unterwegs ist, um das Geld für die Familie zu erarbeiten. Um ihn herum sind Trümmer, Hoffnungslosigkeit, Krieg, Propaganda, aber auch bedingungslose Liebe. Was bleibt für Ida noch?

In den Armenvierteln der Ewigen Stadt ist die ehemalige Lehrerin auf sich allein gestellt. Die Preise explodieren, ihr bleibt nur ein Mittel: Stehlen. Flinke Hände und Improvisationstalent, auch wenn man dabei mal Stacheldraht anheben muss nur um ein Ei zu erhaschen.

Oft und gerne spricht man von harten Zeiten, wenn Krieg herrscht. Elsa Morante macht die Zeiten greifbar. So intensiv, dass man das Rascheln, dass das Umblättern verursacht fast zusammenzuckt. Immer tiefer liest man sich in eine Zeit, die man sich nicht zu erleben wünscht. Und das in einer Zeit, in der die Gefahren aus allen Ecken der Erdkugel wieder hervortreten.

Idas größte Sorge gilt ihrer Herkunft. Denn ihre Familie ist jüdisch. Sich wegducken ist unmöglich. Aber unter dem Radar der Faschisten bleiben, ist die einzige Möglichkeit ihre beiden Söhne zu vernünftigen Menschen zu erziehen. Was bei Nino weitaus schwieriger ist. Der Alltag von Ida und ihren Söhnen ist fast schon als normal zu bezeichnen. Sie geht einkaufen, stehlen, versucht Arbeit zu bekommen, den Lohn sinnvoll einzusetzen, die Rationen effizient zu verteilen. Was in ihrem Fall bedeutet: Erst die Kinder, den Rest teilt sie sich bestmöglich ein.

So wurde Rom noch nie beschrieben. „La Storia“ ist ein Klassiker der italienischen Kultur. Niemand kann sich dem Sog der Worte, Sätze, Seiten entziehen. Ja, über siebenhundert Seiten sind eine Aufgabe. Aber eine, die man mit inniger Hingabe meistert. So wie Ida die ihren erledigt, nicht weil sie muss, sondern weil sie es will. Das ist echte Menschlichkeit!

Das flüchtige Licht

Sie sind eine verschworene Gemeinschaft: Elio, Gianni, Aurelio und Spucino. Irgendwo, in einem Vorort Roms. Dort, wo die Hoffnung als trübes Licht am unerreichbaren Horizont nur ein verschwommenes Abbild seiner selbst verspricht. Die Vier kennen sich seitdem sie denken können. Als Enzo zu ihnen stößt, ist er nicht mehr als das fünfte Rad am Wagen. Er ist schmächtig. Passt überhaupt nicht zu ihnen. Was sie ihn auch spüren lassen. Doch der Kleine lässt sich nicht abschütteln. Denn irgendwie gehört er doch zu ihnen.

Enzo ist es schließlich, der der Tristesse der Kleinstadt entkommen kann. Er stromert herum und läuft unversehens … vor die Linse des Monsignore. Der sitzt fest verwurzelt in seinem Stuhl. Lässt sich darin herumtragen. Ein Fingerzweig von ihm, und alle spuren. Armbewegungen wie ein Sturm. Sein Wort hat Gewicht. Er ist Regisseur. Nun sollte man meinen, dass er einen Tobsuchtsanfall bekommt, weil ihm so ein räudiger Straßenköter wie Enzo ins Bild läuft und alles noch einmal neu positioniert werden. Alles und alle noch einmal auf Position muss. Doch der Monsignore ist gnädig, fast schon unterwürfig. Enzo hat ihn verzaubert. Für einen Menschen wie den Monsignore sind Bilder wichtiger als alles andere auf der Welt.

Florian L. Arnold schreibt über die Macht der Bilder. Irgendwann trennen sich die Wege der Fünf. Es zieht sie fort von diesem tristen Ort, der als Synonym für Ausweglosigkeit steht. Nach und nach sehen sie sich. Das, was sie nun verbindet, ist Enzo. Er trat vor die Kamera, mehr als einmal und mehr als unerwartet, ungewollt. Denn der Monsignore sah in ihm etwas, was sonst niemand sah. Was selbst er noch ne gesehen hat. Doch das Licht, das einst auf ihn fiel, ist flüchtig…

Roma, Cinecitta, Lazio – Sehnsuchtsorte nicht nur für Erholungssüchtige. Hier entstehen Träume. Hier zerplatzen Träume. Für einen Augenblick sind sie real. Und im nächsten sind sie nicht mehr als Erinnerungen. Die Leichtigkeit mit der diese Träume entstehen und auch zerplatzen, ist das große Plus dieses Romans. Wie im Rausch liest man sich in eine Welt, die man so noch nie erlesen hat. Man kann nicht aufhören, muss immer weiter lesen. Dabei weiß man doch, dass die Lichter bald ausgehen werden, ja, ausgehen müssen. Und doch hofft man immer wieder, dass sich alles zum Guten wendet. Vielleicht tut es das ja auch, ohne, dass man es spürt…

Für uns gibt es keinen Namen

Als Pechvogel kann man Ada nicht bezeichnen, aber eben auch nicht als Glückspilz. Mit Mitte Zwanzig steht sie am Anfang ihrer Karriere. In Mailand hat sie einen begehrten Job in einer Werbeagentur bekommen. Ihr gegenüber sitzt Alessio. Schüchtern, in sich gekehrt beginnt sie ihr neues Leben. Es wird aufregend. So sehr, dass sie vieles um sich herum vergessen könnte.

Mit 17 wurde Ada schwanger. Ihre Tochter Claudia wächst derweil bei ihren Eltern am Lago Maggiore auf. Eine echte Bindung zu der Kleinen kann sie kaum aufbauen. Am Meer, wo sie ein paar Tage gemeinsam verbringen, macht ihr ihr eigenes Dilemma sichtbar. Die Kleine zuckt bei jeder zärtlichen Geste zusammen. Die Distanz zwischen Mutter und Tochter ist sichtbar. Als Schutzschild vor Verletzungen behauptet Ada schon mal, dass Claudia ihre Schwester ist.

Mit Alessio läuft es gut. In jeder Hinsicht. Dass er schwul ist, scheint niemanden groß zu interessieren. Schon gar nicht die beiden selbst. Es entsteht ein Konstrukt, das man einfach nicht in Worte fassen kann.

Gaia Manzini zaubert aus dieser nicht greifbaren Situation mehr als ein Kaninchen aus ihrem Hut. Ada ist Hin und Her gerissen. Auch wegen Francesca. Sie knnte das Zünglein an der Waage sein. Für Ada, für Claudia, für ihre Familie und letztendlich auch für Alessio.

Normalerweise entwickelt man beim Lesen immer eine Vorstellung wie sich die Geschichte entwickeln könnte. Und dann ist man entweder überrascht, wenn’s anders kommt oder nickt freudig strahlend, wenn man dem Gedankengang des Autors folgen konnte. Hier liegt der Fall anders. Es ist unmöglich vorherzusagen, welche Wendungen auf alle Beteiligten warten werden. Wer dennoch richtig vermutet, hat geraten.

Die sanfte Wortwahl und die unaufgeregte Schreibweise verleihen „Für uns gibt es keinen Namen“ eine unstillbare Sehnsucht nach der nächsten Seite. Der Fortgang der Geschichte ist nur ansatzweise spürbar. Die Gänsehaut reicht trotzdem bis unter die Haut. Muss man öfter lesen.

Meine Freundin Lo

Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – Belle Époque. Es herrscht Frieden. Die, die sich regelmäßig treffen, kennen den Krieg nur aus Erzählungen. Eine Schauspielerin, besagte Lo, ein Journalist, eine Theaterdirektor, ein Dichter und ein Politiker. Sie frotzeln, sie diskutieren, reden ohne Unterlass und genießen das Leben. Zwei von ihnen werden ein Paar, genießen den Sommer. Am Ende verlässt sie ihn, um mit einem der Anderen davonzugehen. Kurz und knapp ist diese Geschichte zusammengefasst. Nicht weniger, aber viel mehr!  René Schickele, der Autor dieses kleinen, faszinierenden Büchleins schreibt – ob bewusst oder unbewusst – eine Gesellschaft, die sich seit einiger Zeit wiederholt. Heute nennt man sie die Generation Y. Zur damaligen Zeit – der Roman erschien 1910 – steckten sie allerdings schon in der Diskussion mit Themen, die heute die Generation Z bewegt: Freiheit, Zwanglosigkeit, Regellosigkeit. War man vor reichlich elf Jahrzehnten reifer als heutzutage?

Die Parallelen zur Gegenwart – denkt man sich den ganzen technischen Schnickschnack weg, den man heutzutage unbedingt braucht – sind unübersehbar. Lo, die Schauspielerin, ist ein Star. Wie viele Follower sie wohl heute hätte? Wie oft sie wohl in Boulevard-Magazinen auftreten würde? Ihr liegen die Männer zu Füßen. Sie genießt das. Es ist aber nicht ihr Lebenselixier ihre Verehrer mit falsch verstandener Emanzipation vor den Kopf zu stoßen. Sie hat ihren eigenen Kopf, und mit dem will sie durch die Wand. Kopfschmerzen bei sich selbst nimmt sie gern in Kauf.

Erst im Nachwort treten die Hintergründe der Geschichte klar zu Tage. Der Dichter ist einfach in mehr las nur groben Zügen als der Autor des Buches selbst zu erkennen. Die Schauspielerin ebenso. „Meine Freundin Lo“ als rein autobiographischen Roman zu sehen, wäre dann aber doch überzogen. Schickele gibt sich selbst mehr Raum, um der Schmach der Abfuhr zu entgehen. Dennoch liest sich das Nachwort wie eine Bestätigung dessen, was man da eben auf mehr als hundert Seiten gelesen hat. Nur wer es selbst erlebt, kann so schreiben. Und doch eine Erkenntnis zeigt sich erst ganz am Ende. Das erste Kapitel steht hier nicht am Beginn des Buches, sondern als süßer Abschluss. René Schickele fand es nicht als passend. Also ließ er es einfach weg. Nun sind beide wiedervereint. Zwar nicht in der eigentlichen Reihenfolge, dennoch untrennbar miteinander verknüpft.

Wenn ein Buch das Prädikat „unbegrenzt haltbar“ verdient – so der Name der Bücherreihe, zu der dieses Buch wie die Faust aufs Auge passt – dann dieses!

Rom erleben

Für eine Stadt wie Rom braucht man einen kundigen Guide. Die Überzahl an Attraktionen erschlägt jeden, der nicht vorbereitet ist. Und die Enttäuschung danach etwas übersehen zu haben oder einfach mal den Weg – wegen Nichtwissens – nach rechts oder Links nicht eingeschlagen zu haben, überwiegt dann vielleicht doch das Erlebte.

„Rom erleben“ ist für ein jüngeres Publikum gedacht. Die Interessen der „Zielgruppe“ sind eben anders gelagert. Nichts desto trotz gibt es Orte in Rom, die man einfach gesehen haben muss. Und wenn man dann von einer Warteschlange überrascht (also von deren Dimension) oder wegen nicht vorhandener Vorreservierung abgewiesen wird, kann der Tag schon mal so richtig verdorben werden. Hier kommt dieser Reiseband ins Spiel.

Allein schon die Handhabung ist durchdacht. Einmal im Uhrzeigersinn gedreht, macht sich die Ringbindung schon bezahlt. Wie ein überdimensionales Notebook erschließt sich dem Leser/Besucher Roms eine neue Welt. Skizzen, Karten, Wegstrecken sind anschaulich dargestellt, dass digitale Hilfsmittel überflüssig werden. Die Erläuterungen beispielsweise zum Pantheon oder zum Forum romanum sind zeitlos. Wer sich vom empfohlenen Alter des Reisebuches ob des ausgewiesenen Alters nicht abschrecken lässt, wird hier auch als „Altersgruppenüberschreiter“ einen kundigen Ratgeber finden. Zahlreiche Abbildungen sowie unzählige Ausflugstipps, denn auch außerhalb der alten Stadtgrenzen gibt es mehr als nur ein must see. Erwähnenswert sind auch die Tipps zu Orten, die man zwar besuchen kann, die man aber nicht vermisst, wenn man sie nicht besucht. Das kann bei der begrenzten Zeit in Rom viel wert sein.

Kurz und knapp, umfassend, sehr gut handhabbar. Das sind die Hashtags, die dieses Reisebuch treffend beschreiben. Egal, ob man sich erholen oder den Körper an die Grenzen führen will, hier wird alles geboten. Bis hin zur typisch römischen Küche. Selbst wer Rom schon kennt, wird hier Orte entdecken, die er so noch nie gesehen hat. Andiamo a roma! Enttäuschungen wird es garantiert nicht geben!

Lichter auf der Piazza Maggiore

Das Jahr 1977 war in vielen Ländern Europas ein entscheidendes Jahr. Deutschland erlebte eine neue Welle der Gewalt, die im Deutschen Herbst ihren gewaltvollen Höhepunkt erreichte. In Italien geschah ähnliches, movimento 77. In dieser Zeit spielt Enrico Palandris Roman „Lichter auf der Piazza Maggiore“, der zwei Jahre später erschien. In Italien ein Kultbuch über die Proteste der italienischen Jugend, wie es im Klappentext heißt.

Doch alles beginnt mit zwei Augenpaaren, die sich irgendwann treffen. Das eine Paar gehört Anna, das Zweite Enrico. Seine Augen suchen und finden sie. Wie selbstverständlich finden auch ihre Augen die seinen. Liebe auf den ersten Blick. So kitschig das auch klingen mag – hier trifft es zu hundert Prozent zu. Wie ein Blitzschlag trifft es die beiden.

Enrico engagiert sich in den Protesten gegen die Pläne der Regierung das Leben der Menschen zu regulieren. Diese Proteste schwingen sich bald schon zu blutigen Straßenschlachten hinauf. So wie die Liebe zwischen Anna und Enrico. Es wird ihr Sommer der Liebe. Zehn Jahre nach Woodstock. Und doch so gar nicht versüßlicht wie im Summer of love.

Denn je weiter der Sommer in Bologna voranschreitet, desto heftiger werden die Proteste. Auch innerhalb der Studentenbewegung brodelt es. Gewaltexzesse oder friedliche Kommunikation? Die Bewegung ist gespalten. Parallel dazu lässt die Anziehungskraft zwischen Anna und Enrico ebenfalls nach. Beide sind nicht in der Lage ein echtes Wirgefühl zu entwickeln. Was so technisch, so statisch, so gefühllos klingt, ist für beide die bitterste Erkenntnis ihres jungen Lebens.

Enrico entschließt sich Anna einen Brief zu schreiben. In ihn packt er alles wozu er in der Lage ist es zu Papier zu bringen. Doch dieser Brief wird nie den Weg in den Briefkasten und somit zu Anna zu finden. Er ist entschlossen ihr den Brief vorzulesen. Am Telefon – Anna kennt das schon. Auch sie hat einmal einen ähnlichen Brief geschrieben. Auch sie las ihn dann am Telefon vor. Zwei Seelen, die niemals zu einem großen Ganzen verschmelzen können. Falsche Zeit? Falscher Ort? Nein. Einfach nur die falsche Einstellung.

„Lichter auf der Piazza Maggiore“ geht unter die Haut. Der Anfang ist wie eine Anleitung zum Glücklichsein. Zwei Menschen, die auf wunderbare Weise zusammenfinden, ihre Glück für sich allein beanspruchen, sich um die Meinung anderer nicht scheren. Nach und nach erkennen sie, dass auch das Wir nur ein Teil von etwas Größerem ist. Wer sich intensiv den Brief Enricos an Anna durchliest, sieht darin das Dilemma einer ganzen Generation. Mut im Nachhinein zu beweisen ist einfach. Ihn vorher aufzubringen, erfordert mehr als Worten und flüchtige Taten.

nackt!

Über die griechischen Götter wurden sicher schon mehr Bücher geschrieben als so mancher Fußballstar Follower hat. Und doch gibt es immer wieder Bücher, die den geneigten Leser verblüffen. So unverhohlen, so unverblümt, so lustig und dabei informativ wie Anna Derndorfer hat noch niemand die Olympioniken, die Bewohner des Olymps beschrieben.

Zeus, der alte Schwerenöter, der seiner Frau so oft fremdgegangen ist, dass selbst Pornolegende Ron Jeremy verlegen den Schwanz einziehen muss, war nicht der einzige Übeltäter im Himmel. Auf Athene, Hera und … ach wie sie alle heißen, waren (und sind!) keine Vorbilder.

Wie wäre denn ihr heutiger Status! In einer Zeit, in der mehr Regeln das Freisein bestimmen als noch vor einigen Jahrzehnten, würden die Helden in Roben tagein tagaus vor den Pranger gestellt werden. Selbst Sisyphos, das fleißige Arbeitsbienchen – wer weiß schon, dass seine Bewerbung bei Ramstein sicher von Erfolg gekrönt sein würde, denn er war eigentlich Sprengmeister – bekommt sein Fett weg.

Es ist köstlich zu lesen wie sich die Titanen und Götter immer wieder selbst ein Bein stellten. Ihr Vorteil: Sie machen die Regeln selbst und eine (ger-) echte Justiz gibt es nicht. Fast wie auf Erden, möchte man meinen. Denkt man an einige Regierungen, die gar nicht mal so weit entfernt liegen… Da halten sich Staatsoberhäupter auch für gottähnlich.

Es ist immer ein Fest kann man sich in einem Gespräch auf die Geschichte beziehen, Anekdoten zum Besten geben. Wer „nackt!“ (gern auch angezogen) gelesen hat, kann mitreden. Und so manche Schweinerei mit schmissigem Wortlaut in die Runde werfen. Ja, das Buch ist mythisch, nicht mystisch. Und ja, das Buch ist mit mehr als einem Augenzwinkern zu verstehen. Wer aber hat schon die Zeit alle Biographien der antiken Götter zu lesen? Und dann auch noch jede Verbindung sich zu merken?! Allein Zeus’ Affären würde schon an der Aufzählung der Zahl Pi auf die zigste Stelle nach dem Komma gleichkommen. Nee, nee. Anna Derndorfers Buch ist die Quintessenz dessen, was als Grundlage aller Göttergeschichten gilt. Hier wird man vortrefflich bedient und es bleibt sogar was hängen. Welchen Beruf hatte Sisyphos doch gleich bevor er Stein-Den-Berg-Hoch-Roller wurde? Und alle, denen immer wieder vorgeworfen wird, dass sie vorher zuviel nachdenken, sei der Verweis auf Prometheus ans Herz gelegt. Sein Bruder Epimetheus, der der hinterher nachdenkt, ist das griechische Sinnbild für das in den Brunnen gefallene Kind. Da hätte zwar Prometheus, der der vorher nachdenkt, ihm auch mal sagen können, aber die Bürde des Vorausschauens kann eben schon mal zu Erinnerungslücken führen…