Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Vom Glück des Umziehens

Da steht man in Paris vor dem Palais Royal, Rue de Beaujolais 9. Ein imposantes Gebäude. Und? Fertig! Ein weiterer Punkt auf der Liste der zu besichtigenden Dinge abgehakt. Kann man machen, muss man aber nicht. Wer da wohl drin wohnt? Wer da wohl mal drin gewohnt hat? Was war da los? Ging hier die Post ab oder fand einer der Bewohner hier sogar seinen Frieden – und das in mehrfacher Hinsicht? Dann zückt man dieses kleine rosa Büchlein. Und blättert noch einmal darin. Ah, hier hat Colette gewohnt, die letzten sechzehn Jahre ihres Lebens verbracht. Hier schrieb sie mit einer eigens für sie angefertigten Schreibunterlage. Sie war am Ende ihres Lebens ans Bett gefesselt. Nur körperlich. Und dann liest man, dass dies hier ihre letzte Wohnung ihres rastlosen Pariser Lebens war. Station Elf.

Ihre erste Wohnung in Paris war vom Sommer 1893 bis zum Herbst 1896 in der Rue Jacob 28. Auf geht’s zur ersten Adresse. Mit dem Auto dauert es 16 min, zu Fuß nur unbedeutend länger. Und dann steht man in einer engen Straße, in der parkende Autos jedes Weiterkommen verhindern. Links und rechts Geschäfte. Man schaut nach oben … diesen Ausblick hat Colette nicht gehabt. Ist ja auch mehr als hundert Jahre her seitdem die berühmte Autorin hier lebte. Aber man versteht warum sie hier leben wollte. Mitten im Leben. Ein wenig Grün fehlt. Das hat Colette – vielleicht nicht hier, doch an anderer Stelle immer selbst in die Hand genommen. Balkone und Hauseingänge waren vor ihrem Gründrang nicht sicher.

Der Anhang dieses Büchleins ist für reisende Leser wie lesende Reisende eine Fundgrube. Manche Adresse sieht heute komplett anders aus – die ursprünglichen Häuser gibt es nicht mehr. Als ausgemachter Colette-Fan wird dieser Tag in Paris unvergessen bleiben.

Elf Wohnungen in der Stadt der Liebe. Elf Tapetenwechsel. Und wenn es mal nicht für den Umzug reichte, dann wurden Möbel gerückt. Umzug Null Punkt Fünf. Die kleinen Geschichten in den vier oder mehr Wänden – je erfolgreicher sie wurde desto größer die Appartements, die Anzahl der Räume und somit auch die der Wände – füllen jede Sehnsucht nach Paris mit noch mehr Sehnsucht. Durch die Detailgetreue sind ihre Stationen auch heute noch nachvollziehbar. Wer jedoch erwartet im Quartier des Ternes, dass sich an den Arc de Triomphe anschließt, Austern für neun Sous zu bekommen, wird herb enttäuscht werden. Und das nicht nur, weil es den Sous nicht mehr gibt…

Die Geschichten vom Zwang Neues zu erleben, sich von Liebgewonnen zu trennen, sich immer wieder ins Abenteuer zu stürzen, sind bis heute ein Leseschmaus. Wohl auch deswegen lesen sie sich bis heute (fast hundert Jahr später) immer noch flüssig und nachvollziehbar. Nicht nur für Paris- und Collete-Fans.

Lago Maggiore

Italien darf sich rühmen eine eigene Art des Reisens entwickelt zu haben: Italienreisen. Obwohl es vorrangig die Engländer waren, die diesen Begriff mehr oder weniger bewusst geprägt haben. Sie kamen, staunten und machten Italienreisen zu einem Must-Have. Geballte Architektur-Ensemble, grandiose Ausblicke, fantastische Küche – und wo geht das wohl am besten? Überall! Aber wo geht es noch ein bisschen besterer? Am Lago. Klar, am Lago ist es immer am schönsten. Und an welchem Lago am schönstesten? Am Lago Maggoire!

Ja, es ist eine Binsenweisheit mit orthographischen Ungereimtheiten. Aber wer einmal am Lago Maggiore tief eingeatmet hat, den Blick schweifen ließ, der weiß, was damit gemeint ist. Für alle anderen gibt’s dieses Buch als Appetitmacher.

Zum Beispiel Stresa – beginnen wir am Anfang, denn hierher kamen die Engländer zuerst. Sie sahen die Borromäischen Inseln. Sie blickten über den See, sahen die Berge, genossen die Sonnenstrahlen. Und errichteten Paläste, die heute als Hotels den Glanz der guten alten Zeit zum Besten geben. Heruntergezogene Mundwinkel sucht man hier vergebens. Alles ein bisschen edler, ein bisschen feiner, reiner und erlebnisreicher.

Eberhard Fohrer und Marcus X. Schmid gehen auf Entdeckungsreise rund um einen der beeindruckendsten Seen Oberitaliens. Vom Schweizer Nordufer – Locarno und Ascona verheißen noblesse und Verwöhnprogramm erster Klasse – bis in den Süden, vorbei am benannten Stresa und den idyllischen Borromäischen Inseln. Doch es gibt noch mehr zu sehen. So viel, dass man erstaunt ist, dass alles, wirklich alles(!), auf reichlich dreihundertfünfzig Seiten Platz findet.

Egal ob man nun das Nordufer bevorzugt, dem Süden noch ein Stück näher kommen will, oder Links und Rechts des Sees auf Erkundungstour geht, es kommt immer darauf an, wo man die ausgetretenen Pfade verlässt. Denn eines steht fest: Allein ist man hier nur selten! Besonders im Sommer. Umso wichtiger ist es, dass man sich auf ein geschultes Auge und unkomplizierte Wissensvermittlung verlassen kann. Die beiden Autoren kann man getrost als alte Maggiore-Hasen bezeichnen. So manche Ecke, so mancher versteckte Schatz wurde durch sie gehoben und dem Publikum zur Begutachtung dargeboten. Wer’s nicht gelesen hat, der läuft eben da lang, wo die Anderen auch langlaufen. Wer außergewöhnliche Orte braucht, um sich erholen zu können, dem steht eine dreihundertachtundsechzigseitige Entdeckungsreise bevor, die erst so richtig beginnt, wenn die letzte Seite, der letzte Abschnitt, der letzte farbig abgesetzte Infokasten, die letzte Info, die letzte Karte gelesen sind. Doppelt reisen – erst lesend, dann per pedes oder mobil. Auf alle Fälle wird es nicht langweilig!

 

Die Zeit der Fliegen

Mehr als fünfzehn Jahre ist es her, dass Inés verdächtige Nachrichten bei ihrem Gatten fand. Ernesto hat sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen. Denn ihr Rachfeldzug hatte Folgen für sie. Nun ist sie wieder in Freiheit. Die Sonne scheint nun wieder klarer für sie. Im Gefängnis hat sie sich bedeckt gehalten. Hat sich an Regeln gehalten – Regeln, die nun nicht mehr für sie gelten. Das Haus ist verkauft. Das Gewinn, was Erlös noch übrig bliebe, reicht ihr, um ein Geschäft aufzubauen. Insektenbekämpfung. Ökologisch unbedenklich. Und nur für das Ungeziefer das Finale des parasitäre Lebens.

Ihre Geschäftspartnerin ist Manca. Sie teilten sich eine Zeitlang die Zelle. Unzertrennlich waren sie von Justizias Gnaden. Unzertrennlich sind sie nun freiwillig. Manca hatte mit Drogen gehandelt.

Susana Bonar ist die vorletzte Kundin für Inés an diesem Tag. Sie kennt sie kaum, die Bonar umso besser. Inés ist erstaunt als sie zum Plausch in dem vornehmen Anwesen gebeten wird. Wein und Wasser … und eine ungeheuerliche Überraschung warten schon auf sie als sie die Terrasse betritt. Die Bonar kennt sie. Weiß wer sie ist, wie sie heißt … was sie getan hat. Damals, vor mehr als fünfzehn Jahren. Und sie hat auch gleich Verwendung für die Frau, die die Nebenbuhlerin aus dem Weg schaffte und dafür anderthalb Jahrzehnte einsaß. Denn auch Susana Bonar verdächtigt ihren Gatten eine Affäre zu haben. Und die stört oder besser: Muss aus dem Weg geschafft werden. Ein Bündel Dollar, ein dickes Bündel soll Inés überzeugen noch einmal ihre Fähigkeiten einzusetzen. Doch Inés zögert. Da ist ihre Tochter, die ihr Leben allen Widrigkeiten zum Trotz gut meistert. Ihre Tochter, die sie eigentlich nicht kennt. Die aber glücklich ist.

Manca ist Feuer und Flamme ob der Aussicht auf finanzielle Erlösung. Sie würde den Job sofort übernehmen. Doch die Expertin ist aber Inés. Doch die hat ein Gewissen. Was tun?

Claudia Piñeiro hat die Figur der Inés schon vor über zwanzig Jahren erfunden. Hin und Her gerissen folgte man damals schon Inés auf ihren Weg durch die Straßen auf der Suche nach Erlösung. Die Verurteilung war rechtens, aber Gerechtigkeit sieht anders aus – Inés’ Schicksal bewegte. Nun der Weg zurück ins Leben. Ein Jahre gönnt ihr die Autorin Ruhe bis die Vergangenheit wieder die Kontrolle über Inés’ Leben gewinnen will. Doch Inés ist älter geworden, reifer, schlauer, gewiefter. Ein Segen für alle, die schon einmal mit ihr gelitten haben. Ganz die Eine, die dem Leser nie mehr aus dem Sinn gehen wird!

Ámbar

Die fünfzehnjährige Ambar weiß, was es heißt, ihr Leben immer wieder von Vorne zu beginnen. Ihr krimineller Vater hat ihr dieses Mal versprochen, dass sie an einem Ort bleiben werden – doch dann kommen ihm seine Machenschaften wieder einmal in die Quere. Verletzt und mit einem Toten im Schlepptau heißt es wieder einmal zu fliehen. Doch dieses Mal scheint er auf Rache zu sinnen. Je weiter Ambar ihn dabei begleitet umso mehr Gedanken macht sie sich über sich selbst und ihren Vater.

Das Buch wird als Thriller angepriesen. Als solchen habe ich es nicht empfunden. Es ist eher ein Drama rund um Ambar. Sie erzählt die Geschichte selbst. So erfährt man viel über ihr Leben an der Seite des kriminellen Vaters. Über ihren Wunsch nach einem ganz normalen Leben und ihre Sehnsüchte, die denen anderer Teenies gleichen. Allerdings ist sie kein „normaler“ Teenager. Sie kennt sich mit Waffen aus, kann Wunden versorgen und hat gelernt, dass sie niemandem vertrauen kann – schon gar nicht den Versprechungen ihres Vaters. So wirkt sie einerseits bemitleidenswert, andererseits wieder sehr abgebrüht.

Die Geschichte folgt Ambar und ihrem Vater auf ihrem neuesten Roadtrip durch Argentinien. Könnte nach Abenteuer klingen. Für Ambar ist es aber nur eine erneute Zumutung mit unbestimmten Ausgang. Hier aber wächst sie über sich selbst hinaus und beginnt sich selbst Fragen zu stellen und Entscheidungen zu treffen, die nicht immer nur den Vater in den Vordergrund stellen.

Obwohl ich durch die Beschreibung (als Thriller) etwas anderes erwartet habe, hat mir die Geschichte zugesagt. Sie ist sicher nicht leicht zu lesen: Weniger wegen der vielen blutigen und brutalen Szenen als vielmehr wegen dem, was Ambar all die Jahre mitmachen musste. Dennoch merkt man hier, dass sie einen Schritt weitergehen wird und hofft natürlich mit ihr mit, dass sich die Situation ändern wird.

Fazit: Ein krimineller Roadtrip durch Argentinien, bei dem es um die Frage geht, ob sich Ambar aus dem immer drehenden Hamsterrad befreien wird oder nicht.

Tizianas Rosen

Na das ging ja schnell: Nicht einmal vier komplette Seiten gelesen und schon ein Geständnis der Täterin. Tiziana Mara hat Ulrich Vanderhoff ermordet. Wie will man da als Autor Geld verdienen?! Stefan Györke muss nun nur noch reichlich einhundertsiebzig Seiten füllen, um aus dem „Ich war’s“ einen Krimi zu kreieren, der auch ab Seite Fünf Spannung verspricht und den Leser bis zur letzten Seite fesseln wird. Soviel sei schon mal verraten: Er schafft es! Spielerisch!

Tiziana lebt in Zürich, ihre Eltern stammen aus Sizilien. Sie kommt sich wie in einem Film vor als sie von einer renommierten Anwaltskanzlei zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Alle sind freundlich zu ihr. Das Arbeitsklima schient erstklassig zu sein. Viel Arbeit, die obendrein auch noch Spaß macht – was will sie mehr. Ulrich Vanderhoff ist ihr neuer Chef. Ein Charmebolzen, eine elegante Erscheinung … und nicht abgeneigt auch außerhalb der Arbeitszeit Tiziana zu umwerben. Sie ebenfalls. Doch aus der anfänglichen Schwärmerei, der atemlosen Phase des Kennenlernens wird schnell Routine. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Kein Lächeln mehr. Kein Schmachten. Seinerseits. Tiziana fügt sich dem Schicksal und tut, was man ihr aufträgt. Auch als sie einem anderen Partner der Kanzlei zugewiesen wird – Ulrich scheint alle Verbindungen zu ihr durchgeschnitten zu haben – ergibt sie sich ihrem Schicksal. Zudem nähert sie sich auch wieder ihren Eltern an. Der Abnabelungsprozess von Mama und Papa (und ihren Geschäften!) ist in ihren Augen abgeschlossen.

Und dann … auf einmal … Rosen vor ihrer Tür … von Ulrich … und dann … ist … Ulrich … tot! Schnell erkennt sie, was zu tun ist. Das Geständnis überzeugt die Ermittler. Zunächst. Doch nichts ist wie es scheint…

„Tizianas Rosen“ rauscht wie eine Freccia rossa durchs Hirn des Lesers. Eine Liebesgeschichte, die furios beginnt und Knall auf Fall endet. Eine nebulöse Verbindung zu Tizianas Eltern. Eine Anwaltskanzlei im noblen Zürich. Und eine Hauptakteurin, die mehr weiß und mehr kann als man an der Oberfläche sieht. Wer spielt hier eigentlich Spielchen? Der Gentleman, der einst als Schwertschlucker durch Sizilien zog? Die Eltern, die immer nur das Beste für ihre Tochter wollten? Kommissar Zufall? Dunkle Machenschaften sind der Nährboden für diesen einzigartigen Krimi, der sich gar nicht wie ein Krimi verhält.

Apulien

Fernab der Klischees von den typischen Rundbauten, den Trulli, dem immer warmen Badewetter und einer unüberschaubaren Anzahl von architektonischen Kostbarkeiten reist Reisebuch-Autor Andreas Haller durch einen Landstrich, der einen fast das Blinzeln vergessen lässt.

Da sind die großen Städte Bari und Lecce. Wer noch nicht dort war, bekommt schon nach wenigen Zeilen eine ziemlich exakte Vorstellung von dem, was da vor dem Auge erscheint, ist man schon bald in einer dieser Städte. Viel Hintergrundinformation für das, was im Vordergrund steht. Nicht nur in den gelben Kästen, die dem Leser Historie und Histörchen als Wegbegleiter und –bereiter dienen. Da ist für jeden was dabei. Tipps für die Unterkunft oder den schnellen und großen Hunger, Einkaufstipps – vor allem aber das komplette Programm für den Tag, um nichts zu verpassen. Jeder einzelne Abschnitt ist klar gegliedert, inkl. kleiner Hilfestellung wie sehr man dies oder das besuchen wollte.

Das Buch arbeitet sich von Norden nach Süden durch Apulien. Und dann immer im Wechsel von Küste und Hinterland. Da weiß man oft gar nicht wo man anfangen soll. Auch hier ist dieser Reiseband, immer hin schon die elfte Auflage, ein nützlicher Ratgeber. Denn wer nun wirklich gar keine Vorstellung hat, was er in Apulien besuchen möchte, liest sich einfach von Anfang bis Ende durch das Buch. Fündig wird man auf jeden Fall. Und Spannung und Vorfreude sind garantiert.

Dass am Anfang eines neuen Kapitels, das Buch ist in sechs Regionen unterteilt, schon die ersten Kurzzusammenfassungen wie kleine Appetithappen auf den hungrigen Leser warten, ist ein echter Segen. Besonders die Tipps zum Reisen vor Ort – wie gut kommt man denn nun von A nach B? etc. – sind echte Alleinstellungsmerkmale auf dem Reisebuchmarkt. Alles noch einmal kompakt zusammengefasst am Ende des Buches.

Bei all der Fülle an sorgsam beschriebenen Höhepunkten darf man nie aus den Augen lassen, dass das Buch der Wegweiser ist. Anschauen ist wichtiger, genießen ist Gesetz. Den Reiseband beiseite zu legen ist mindestens so frevelhaft wie ihn im Gepäck zu lassen. Griffbereit sollte er immer sein. Egal wie man unterwegs ist, per pedes, per Rad, mit dem Bus, dem Zug oder im Auto. Die lockere Sprache ohne dabei den Ernst des (Er-)Lebens aus dem Blick zu verlieren, passt in das Lebensgefühl an der unteren Rückseite des Stiefels. Wer A sagt, muss auch pulien sagen. Wer A sagt, muss auch ndreas Haller vertrauen. Er reiste 2024 mehrmals nach Apulien, um der Neuauflage das Neueste hinzuzufügen, Bewährtes zu aktualisieren und neue Wege zu beschreiten. Vor allem Pedalisten werden hier auf ihre Kosten kommen. Elf Wanderungen runden den Reiseband ab. Allesamt für jedermann zu bewältigen. GPS-Koordinaten im Buch sind mehr als nur bloße Festhaltepunkte zum Entlanghangeln. Und für Puristen gibt’s wie immer die faltbare Karte zum Herausnehmen und im Buch zahlreiche Karten und Pläne. Wer nun immer noch nicht weiß, was er in Apulien machen soll … dem ist … nein … der liest das Buch einfach noch mal.. Die Erkenntnis kommt garantiert!

Stadtluft Dresden, Nr.9

Mit Statistiken ist das so eine Sache. Alles in Zahlen zu (ver-)packen ist ein brauchbares Tool, um sich in Szene zu setzen und der Allgemeinheit etwas an die Hand zu geben. Im Jahr von Wahlen ein lieb gewonnenes Ritual. Doch so richtig nahrhaft sind die wenigsten Statistiken, wenn es bei den bloßen Zahlen und Ziffern bleibt.

In Dresden werden neun der größeren Kulturinstitutionen von Frauen geleitet. Da wird also das letzte I nicht groß geschrieben, sondern gehört zur genauen Definition der Berufsbezeichnung dazu. Ja, und was macht man nun mit dieser Zahl Neun? Man stellt die Eine oder Andere dieser neun „innen“ vor. So wie die Künstlerin Stephanie Lüning. Schaumschlägerin im besten Sinne des Wortes. Weltweit sorgen ihre Objekte – luftig-leichte Schaumskulpturen – für Aufsehen. Nora Schmid verantwortet seit einiger Zeit die Semper-Oper im Herzen der Stadt. Eine Rückkehrerin, die im Interview mit dem Kulturjournalisten Andreas Berger eine selten erlebte Offenheit an den Tag legt. Bedeutend ernster wird es im Gespräch mit Julia Schellong, die die erste Traumaambulanz Seelische Gesundheit“ in Dresden eröffnete. Drei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, und dabei hat man noch nicht einmal ein Viertel des aktuellen Bookzins „Stadtluft“ erlesen.

Nur einmal im Jahr – da sind sie wieder, die unumgänglichen Zahlen – erscheint das wohl dickste Magazin im gigantischen Buchformat, deswegen Bookzin. Ein guter Brauch zur Weihnachtszeit sich mit der Stadt vertraut zu machen. Und das in jeder Hinsicht. Man muss sich trauen ein dickes Magazin wie dieses in die Hand zu nehmen. Und dann taucht man ein in eine Stadt, die im Jahr 2024 mit vielen Nachrichten zu kämpfen hatte. Allen voran die unzähligen Berichte über den tragischen Einsturz der Carolabrücke und der damit einhergehenden Diskussion über den Zustand deutscher Brücken, deutscher Ingenieurskunst und deutscher Bürokratie inkl. der klammen Kassen. Dresden wurde zum Synonym für das Versagen beim Thema Brückenzustand.

Den Machern gelingt es Jahr um Jahr eine Lektüre dem Leser an die Hand zu geben, die das Offensichtliche als Grund nimmt unter die Oberfläche zu schauen und in den Tiefen der Stadt echte Geschichten zu finden, die es eben nun mal nur hier gibt. Da kann es schon mal passieren, dass die Zeit still steht. Zum Beispiel, wenn Gerd Püschel sich im Residenzschloss Gedanken zur Zeit macht. Sie rennt, muss genutzt werden, und manchmal erscheint sie im Gewand der Vergangenheit. An dieser Stelle muss der Vorteil eines solchen Bookzins einmal in den Vordergrund gehoben werden. Die Artikel sind keine gehetzten Texte, die nach Zeilenzahl eingeordnet werden. Es scheint als ob jedem Autor so viel Platz gegeben wird wie er möchte. Viel Platz (viele Zeilen, um zu den Zahlen – wenn auch nur ungenau – Platz (!) einzuräumen), um sich dem Objekt der Begierde zu nähern. Einleitungen, die man nur noch selten findet, Themenaufbau, Zuspitzen der Geschichte etc. So flaniert Gerd Püschel anfangs durch die philosophischen Abhandlungen des Augustinus von Hippo, der die Zeit in seinen „Confessiones“ in drei Zeiten einteilt: Gegenwart von Vergangenem, von Gegenwärtigem und von Zukünftigem. Alsbald erspäht der Autor chinesische Touristen, die sich in der Kulisse der Ausstellungsräume als stelenhafte Social-Media-Artefakte in Szene setzen. Und wie kommt man da nun auf die Verbindung Dresden-Zeit-Europa? Das ist die große Kunst, die man nur in einem derartigen Bookzin ausleben kann. So viel sei an dieser Stelle verraten, mehr aber auch nicht.

Noch einmal zurück zu den Frauen und Dresden. Julija Nawalnaja muss im Mai 2024 den Friedenspreis entgegennehmen. Ja, sie muss. Denn der eigentliche Preisträger, ihr Mann Alexej Nawalny ist da seit knapp einem Vierteljahr tot. Unter unerklärlichen Umständen im Gulag ums Leben gekommen. Ihr Tag, ihre Geschichte, ihre Emotionen beschließen die neunte Ausgabe der Stadtluft Dresden. Bis zu diesem Punkt hat man die Antwort auf die Frage wie wild der Wilde Mann ist von einer Frau beantwortet bekommen. Es wird die weibliche Seite der Stadt mit all ihren bunten, queeren, nachdenklichen, fröhlichen Seiten gezeigt – von wem? Einer Frau natürlich. Und wie es im Leben nun mal so ist: Auf Frauen zu warten lohnt sich. Die nächste Stadtluft Dresden kommt in einem Jahr…

Hüte Dich vor der Frau

Jacy und Jed – so typisch amerikanisch wie Kaugummi und Cola. Ihr Trip zu Jeds Vater nach Michigan lässt ihn nachdenklich werden, sie, Jacy, ist voller Vorfreude. Endlich lernt sie Doktor Ash kennen. Sie will es so, er will es so. Noch bevor das Baby da ist. Jed legt seine Hand auf ihren Bauch. Jacy weiß, dass alles richtig ist, wie es ist. Doch dann – am Ende eines jeden Kapitels, manchmal auch mittendrin – dieser leise Zweifel, nur wenige Worte. Ah, es ist zum Haareraufen! Megan Abbott spielt mit dem Leser wie ein Kleinkind mit Murmeln. Diese kleinen Nadelstiche, die Frauen setzen, um …

Doktor Ash ist eine Offenbarung, findet Jacy. Freundlich, ruhig, besonnen, ein wenig unbeholfen in romantischen Dingen. Doch Jed ist ganz gut geraten – darin sind sich der Doc und Jacy einig. Der Ausflug hat sich gelohnt. Alles wird gut. In Eden gibt es kein Wider. So vergehen die Tage und die Nächte. Jeds Zärtlichkeiten, die Ruhe, die von Doktor Ash ausgeht – alles perfekt. Mars. Brandt die Haushälterin – ja, die kann Jacy nicht einschätzen. Die ist da, wenn sie d sein muss. Und weg, wenn sie man in Ruhe gelassen werden soll.

Den Familiengeschichten lauscht Jacy so konzentriert wie ein kleines Kind, das vor dem Weihnachtsbaum sitzt. Jeds Mom starb bei seiner Geburt. Was den Doc den Job an den Nagel hängen ließ. Umso herzlicher ist die Stimmung nun, wenn alle zusammen sind. Tags und bei Nacht.

Als plötzliche Blutungen bei Jacy einsetzen, ist es vorbei mit der Idylle. Die Luft schmeckt anders. Der See liegt nicht mehr so ruhig. Irgendwie ist die Stimmung gekippt. Mrs. Brandts unaufdringliche Art weicht einer mystischen, angsterfüllten Stimmung. Jacy fühlt sich mit einem Mal überhaupt nicht mehr geborgen. Die Holzhütte, die Doktor Ash so liebevoll, so geschmackvoll eingerichtet hat, erdrückt Jacy von Stunden zu Stunde mehr. Sind es anfangs nur kleine Wortfetzen, die Jacy aufhorchen lassen, sind es bald schon ganze Sätze, die Jacy an allem zweifeln lassen, was bisher als normal erschien. Die Warnungen der Mutter, Weisheiten aus dem Abfalleimer einer Enttäuschten, leuchten wie grelle Warnschilder am Highway des Lebens.

Megan Abbott lässt es einmal mehr krachen. Wie eine zärtliche Mutter nimmt sie den Leser an die Hand, um ihn dann mit teuflischer Vehemenz in den Abgrund zu stoßen. Bauchkribbeln wie in der Achterbahn ist da noch das angenehmste Gefühl. Die Palette an Abgründe ist schier unendlich beladen. Und immer fällt ein Stück herunter, mitten in den Schoß der ungläubigen Jacy. Wer ist hier noch frei von Lug und Trug? Wem kann man hier überhaupt noch trauen?

Musik in Wien

Wien, Neustiftgasse Ecke Kellermanngasse. Ein Hauch von Melodik macht sich breit. Die Ersten zögern, bleiben stehen. Dann bricht es aus ihnen heraus: „Oh Du lieber Augustin, Augustin…“. Was ist geschehen? Sie haben das Denkmal vom lieben Augustin entdeckt. Er hat die Nacht in einer Pestgrube überlebt. Schlawiner oder Glückspilz? Das Lied ist bekannt, auch über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Den Grundstein für die Allianz von Musik und Wien hat es bestimmt nicht gelegt, ist aber mindestens genauso eng damit verbunden wie Hietzings bekannteste Mieter: Liszt, Strauss, Beethoven. Apropos Beethoven. Will man Wien zu Fuß auf seinen Stationen folgen, muss man sich gut rüsten. Der gute Mann ist andauernd umgezogen. Mal „nur schräg gegenüber“, mal „gleich ans andere Ende der Stadt“. Ein echter Marathon, der wie so viele Stadtrundgänge auf den Spuren großer Namen (meistens sind es dann doch Musiker, zumindest Künstler) auf dem Zentralen enden.

Peter Rupperts „Musik in Wien“ ist der ultimative Reiseband für alle Musikfreunde, die in Wien schon so manche Ecke erkundet haben und die man nur schwer noch beeindrucken kann. Das geballte Musikwissen der Stadt in einem Buch – Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, triumphale Erfolge und nicht minder bittere Niederlagen und Tumulte. Es sind die kleinen Anekdoten, die dieses Buch so besonders machen.

Und wer weiß schon, dass auch Alma Mahler-Werfel selbst komponierte? Ihre Werke sind leider größtenteils verschollen. Dachbodenfunde zu bestimmten Jubiläen sind also nicht ausgeschlossen.

Auch begnügt sich Peter Ruppert nicht damit nur all die großen Namen aufzuzählen und ihnen auf der Spur zu bleiben. Sie alle hatten Schüler und Verehrer, die ihnen nachreisten oder schon da waren. Haydn lehrte Beethoven. Es passt nicht, geht sich nicht aus. Beethoven grübelt, wettert gegen den Alten. Sucht Rat bei Johann Georg Albrechtsberger. Doch auch der ist mit dem ungestümen Rheinländer überfordert. Später wird Albrechtsberger auf Anraten von Mozart Domkapellmeister zu St. Stephan. Im Wiener Stadtteil Meidling, im Zwölften, ist eine Gasse nach ihm benannt.

Augen auf beim Wienbummel. Immer wieder, fast schon an jeder Ecke, trifft man auf Namen, die der Stadt ein gewisses Flair gaben. Doch das hörte nicht einfach mit dem Ende des Walzerzeitalters oder des Kaiserreiches oder gar mit dem Ende der klassischen Musik auf. Moderne Komponisten wie Arnold Schönberg oder Alban Berg übernahmen den Ruhm ihrer Vorgänger nahtlos. Der Zeitungsausschnitt im Buchklappentext über ein Konzert mit moderner Musik lässt die „ausgelöste Stimmung“ bis heute erahnen – das als Watschenkonzert in die Geschichte eingegangene Ereignis gehört zu Wien wie Falcos „Vienna Calling“ oder Wolfgang Ambros’  „Es lebe der Zentralfriedhof“. Ihnen allen widmet sich dieses Buch und wird für jeden, der mit einem Liedchen auf den Lippen, mit der unstillbaren Neugier eines Wientouristen, ohne Bedenken sich der Stadt hingeben will, zu einem dienlichen Begleiter.

Fenua

Wie sieht das Paradies aus? Für die Einen ist es eine Insel im Mittelmeer, auf man sich eine neue Existenz aufbauen will. Doch der Wille allein ist niemals ausreichend… Für einen Fußballprofi beispielsweise ist es das siegbringende Tor am Tage der Geburt des ersten Nachwuchses. Da trägt man schon mal gern die Kugel vor sich her… Für echte Träumer, Phantasten, kreative Seelenwanderer ist es die Südsee.

Paul Gauguin wählte eine der Inseln als sein Elysium. Hier schuf er Werke, die an Reinheit nicht zu überbieten sind und Groß und Klein, Jung und Alt, Kunstbesessene und Genießer gleichermaßen immer noch in Verzückung setzt. Die Meuterer der Bounty fanden hier ihr Glück bis der Alltag (inkl. der „kleinen Wehwehchen“) sie einholte und ihr Captain so manchen Kiel holen ließ.

Ach ja, die Südsee. Das Paradies! Das Paradies? Erst kürzlich bekam es Risse, als die Bewohner Vanuatus (immer wieder spannend wie viele Aussprachemöglichkeiten immer noch im Fernsehen kursieren) ihr Paradies fast wortwörtlich untergehen sahen. Patrick Deville ist auch dem Mythos Paradies auf der Spur. Auch er ist Gauguin auf der Spur. Und den Meuterern der Bounty. Und Herman Melville. Und Robert Louis Stevenson. Und Jack London. Und und und. Dieses Paradies – das von Patrick Deville – ist rissig. Loser Boden, von klitzekleinen Atomen aufgesprengt. Stürmische Winde, die die Palmen nicht nur romantisch von Links nach Rechts wehen lassen, sondern ihre mächtigen Stämme brechen lassen wie Streichhölzer. Gigantische Stahlrösser, die mit rauschenden Bugwellen den Horizont binnen Sekunden verschwinden lassen. Und dennoch taucht man ein in eine Welt, die eben trotz aller Unkenrufe und sichtbarer Verletzungen immer wieder und immer noch als Paradies in den Gedanken verankert ist.

Die Welt ist hier schon lange nicht mehr in Ordnung. Romantisch mit bitterer illusionsbefreiter Poesie reist er übers Meer, um … Ja, warum? Was sucht er? Bestätigung, dass seine Vorstellung vom Paradies nicht falsch ist, sie niemals falsch war? Oder kratzt er wie eine Berserker an der Oberfläche, um Schätze zu bergen, die man einfach bergen muss, um nicht gänzlich der Realität anheimzufallen?

Es ist von allem ein bisschen. Aber in erster Linie ist „Fenua“ ein Buch zum Träumen. Gedankenverloren blättert man Seite um Seite durch eine Welt, die selbige erst zur Welt macht. Sich Illusionen hingeben zu können, ist nicht einfach nur blinde Folgsamkeit. Bei Patrick Deville ist es eine Kunstform, die nur er beherrscht. Preisgekrönt, betörend, verstörend und verführerisch knüpft er kaum sichtbare, aber unverhohlen spürbare Bande zwischen dem, was im Bücherschrank seit Generationen Sehnsüchte schürt und dem, was in den Nachrichten für Entsetzen sorgt. Sich auf dieses Abenteuer einzulassen, verlangt nicht Mut. Nur die Bereitschaft sich dem Paradies annähern zu wollen. Dann ist das Lächeln im Gesicht wahrhaft und … paradiesisch. Willkommen in der Heimat, denn nichts anderes bedeutet im Tuvaluischen Fenua (Betonung auf der ersten Silbe!).