Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Venexia

Venedig und Klischees – gehört irgendwie zusammen. Hoffnungslos überlaufene cale und Brücken, Überschwemmungen und der Karneval. Aber auch Romantik, zauberhafte Aussichten und ein Füllhorn an einzigartigen Eindrücken. Doch all das ist ein Stück harte Arbeit. Mit dieser Einsicht kommt man diesem Prachtband schon ein gewaltiges Stück näher. Denn Venedig ist eben nicht nur Romantik in bella italia und ein Espresso zu exorbitanten Preisen. Hier leben Menschen, echte Venezianer, die die Stadt zu dem machen, was sie ist.

Stefan Hilden hat immer die Kamera im Anschlag. Was so martialisch klingt, war es anfangs auch. Er war auf Bilderjagd. Doch er merkt schon bald, dass er so nicht sehr weit kommt. Denn als Venezianer will man nicht auf Schritt und Tritt für die Ewigkeit eingefangen werden. So kam er ins Gespräch mit den Einwohnern der Serenissima. Und bald schon kamen diese einzigartigen Bilder zustande. Hochglanz, ja. Prospektmaterial, bedingt. Denn Venedig öffnet sich nur dem Aufgeschlossenen.

So darf Stefan Hilden den Palazzo Mora besuchen. Nicht einfach nur mal reinschauen, so wie viele andere auch. Nein, er durfte Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Immer schön am Rand bleiben, wurde ihm gesagt. Da weiß man schon, dass das Knarzen im Boden nicht einfach nur Nostalgie ist, sondern eine echte Warnung. Und ab jetzt verschlägt es dem Leser den Atem! Man riecht förmlich den Verfall, atmet Geschichte, sieht, was die Zeit mit dem Gebäude gemacht hat. Aber vor allem, was immer noch zu sehen ist! Lichtpunkte, die durch die brüchigen Fensterläden ihren Weg finden. Patina an kunstvoll geschmiedeten Geländern und Beschlägen. Aussichten, die so selten sind, dass man vor Neid erblassen könnte.

Manche Gebäude werden heutzutage als Ateliers genutzt. Mal expressionistisch wie im Cabinett des Dr. Caligari, mal verwunschen wie in einem Märchenschloss. Immer voller Leben, das sich auf den Straßen abspielt.

Aber auch Orte der Ruhe findet Stefan Hilden bei seinen Fotostreifzügen, die keine Jagd mehr sind. Keine auf Hochglanz polierte Gondeln findet den Weg vor die Linse, sondern genutzte Wasserfahrzeuge, die ihre Pflicht vor langer Zeit getan haben. Pures Mauerwerk kündet von dem, was mal war. Und immer mit im Bild: Die Sehnsucht, die Grandezza der Stadt, die einmal die Meere beherrschte. Deren Ruhm seit Jahrhunderten an- und die Besucher in Atem hält.

„Venexia – Hinter den Kulissen von Venedig“ spiegelt dem Betrachter nichts vor, wie es so manch Unerfahrenen in der Lagunenstadt ergeht. Die Stadt ziert sich etwas ihre nicht ganz so prächtigen Seiten zu offenbaren. Stefan Hilden leistet exzellente Überzeugungsarbeit und lässt sie bei aller fehlender oberflächlicher Eleganz erstrahlen. Venedig mal anders – dieser zu oft missbrauchte Satz trifft bei diesem Buch auf jeder der 180 Seiten zu.

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.

Secret Citys Italien

Es ist über sechzig Jahre her, dass Caterina Valente den Wirtschaftswunderkindern ihre Heimat Italien schmackhaft machte. Und noch immer folgt man ihrer Aufforderung mit ihr nach Italien zu kommen. Immer gern, immer wieder, immer wieder gern. Ein Reiseziel zu finden, ist nicht schwer. Die richtige Wahl zu treffen ist hingegen ein echtes Abenteuer. Will man dem Trubel der Großstädte aus dem Weg gehen und das wahre Italien kennenlernen, ist allein schon die Recherche eine kleine Reise.

Blättert man aber in diesem Buch, wird die Anzahl der zur Verfügung stehenden Urlaubstage das einzige Hindernis, das zu überwinden ist. So viele Orte, die man vielleicht schon mal gehört hat, aber deren geheime Ecken eben nun mal das sind, was sie sind, nämlich geheim. Auch wenn man meint, dass Städte wie Turin, Bologna oder Palermo kaum noch Geheimnisse in sich bergen. Autor Thomas Migge beweist auf knappe zweihundert Seiten, dass diese Annahmen nicht mehr sind als Vorurteile, die man allzu gern vor Augen führt.

Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, springt einem das Fernweh ins Gesicht! Eine prächtige Treppe im sizilianischen Caltanissetta. Stimmungsvoll erstrahlt im spätabendlichen Licht die viel besuchten (das muss man dann auch mal mit anderen teilen können) Stufen der einzigen Treppe Italiens, die komplett aus handgefertigten Kacheln sind. Wo man sich bisher nur zum Entspannen oder auf ein gelato niedergelassen hätte, lässt man nun das Auge schweifen und bewundert die Kunstfertigkeit der Künstler.

Wenn jemand ausschweifend seine Erkundungstouren durch Italien zum Besten gibt, kann es dann doch mal passieren, dass ein wenig Seemannsgarn gesponnen wird. Auch und gerade, wenn es um das Bergdorf Civita di Bagnoregio geht. Glauben Sie niemandem, der ausführt, wie er den letzten freien (und womöglich kostenlosen) Parkplatz des Örtchens ergattert hat. Über eine Brücke erreicht man dieses idyllische Plätzchen, das sich auf einem Tuffsteinfelsen einen ewigen Platz in der Liste der fotogensten Plätze der Welt sichert. Und über diese Brücke kommt man nur … zu Fuß. Was man dann aber erlebt, ist atemberaubend. Seit über zweieinhalb Jahrtausenden leben hier Menschen, seit den Etruskern. Und deren Priester haben hier über das Schicksal der Menschen entschieden, wahrscheinlich. Auch dieses Buch kann das Rätsel über das Fanum Voltumnae nicht endgültig lösen.

Ob das allerorten bekannte Parma, die geheimnisvollen Gärten der Bomarzo, Tarqunia oder Ostia vor den Toren der Ewigen Stadt – dieser Bildband mit seinen eindrucksvollen Bildern hält das Versprechen dem Charme von sechzig Städten auf den Grund zu gehen. Das Tal der Tempel bei Agrigent, selbst das pulsierende Palermo, aber auch das im Schatten Mailands stehende Pavia hübschen sich auf, um sich von ihrer besten, aber auch ihrer geheimnisvollen Seit zu zeigen.

Der lebende Berg

Schon Hannibal Lector wusste, dass wir das am meisten begehren, was wir täglich sehen. So muss es auch Nan Shepherd ergangen sein. Sie sah Zeit ihres Lebens die Cairngorms vor sich. Diese Erhebungen im Nordosten Schottlands faszinierten sie. Sie reiste viel, von Norwegen bis Südafrika. Doch zu rück in der Heimat wusste sie, dass nur diese Berge ihr Glück bedeuten können.

In der Mitte der Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts begann sie ihre Erlebnisse am, im und rund um die Cairngorms aufzuschreiben. Behielt sie aber drei Jahrzehnte in der Schublade. Nun sind sie in einer wunderbar gestalteten Neuauflage nachzulesen, zu bewundern und machen Lust auf Wandern. Auch diejenigen, denen das Auf und Ab nicht unbedingte Zuneigung abfordern, werden eingestehen, dass Nan Shepherds Worte Spuren hinterlassen.

Ihr Drang sich diesem Berg zu nähern, ihm seine Geheimnisse zu entlocken, ist atemberaubend. Kein Souvenirladen an den Hängen wird, kein Reiseguide wird mehr über diese Landschaft erzählen als die Englisch-Dozentin vom Aberdeen College of Education. Ob wolkenverhangene Gipfel, das glasklare Wasser, das duftende Moos, die gespenstischen Skelette der Bäume, die einzigartigen Aussichten … Nan Shepherd zieht mit ihren klaren Worten den Leser sofort in ihren Bann.

Man muss wirklich kein Wandervogel sein, um beim Blättern und Lesen ins Schwärmen zu geraten. So eindringlich wurde selten zuvor eine Landschaft beschrieben. Man will umgehend sich Wanderschuhe zulegen, die Koffer packen und auf ihren Spuren wandeln. Flora und Fauna kennt man ja bereits aus den zwölf Kapiteln. Und dennoch wird man sicher das eine oder andere entdecken, dass Nan Shepherd vors Auge kam. Denn die Region hat sich verändert.

Als sie zum ersten Mal das Gebirge erkundete, war sie fast allein. Als sie sich entschloss ihre Gedanken zu veröffentlichen, gab es Straßen, Hütten, zarte Anfänge einer Tourismuslogistik. Wie oft Nan Shepherd hier oben war, lässt sich nicht einwandfrei nachvollziehen. Es müssen Hunderte, wenn nicht Tausende Wanderungen gewesen sein. Wo andere ihren Namen ins Gehölz schnitzen, um Nachkommenden ihre Anwesenheit aufzudrängen, schweigt die Autorin. Sie wird das hinterlassen, was wirklich wichtig ist: Den Berg in all seinen Facetten. Sie isst, was ihren Weg kreuzt. Sie trinkt das frische Wasser, dass kaum ein paar Meter zuvor dem Berg entsprungen ist. Sie wandert trittsicher, wo andere ins Stocken kommen. Und sie berichtet so treffsicher wie Robin Hoods Pfeil im Ziel steckt. Ein Klassiker, der niemals seine Kraft verlieren wird!

Reisen in die Ukraine und nach Russland

Vor knapp einhundert Jahren reiste der Journalist und Schriftsteller Joseph Roth in die Sowjetunion. Unter dem Pseudonym „Roter Joseph“ hatte er schon Artikel veröffentlicht, für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sollte er nun eine Reportagereihe über das riesige Land schreiben. Lenin, der Vater Revolution war tot. Stalin herrschte schon mit Nachdruck.

Joseph Roth wurde in Ostgalizien, heute in der Ukraine, geboren. So waren seine Reisen auch eine Reise zu seinen Wurzeln. Die Idee des Sozialismus war ihm nicht fremd, schien ihm schon gar nicht abwegig. Jedoch hatte er genug gehört, gelesen, vernommen, um nicht blind den stets eifrigen Agitatoren auf den Leim zu gehen.

Die in diesem Band zusammengefassten Reportagen zeigen ein Russland – pardon, eine Sowjetunion, auch wenn der Titel etwas anderes sagt – das es so einmal gegeben hat. Das prächtige Leningrad, das mittlerweile wieder seinen ursprünglichen Namen Sankt Petersburg angenommen hat, besticht durch seine Blüte in jeder Jahreszeit. Auch hier von lässt sich Roth nicht einlullen. Die Probleme sind offensichtlich, liegen teilweise auf der Straße.

Das echte Land lernt er erst auf dem Boot auf der Fahrt von Nishni Nowgorod nach Astrachan kennen. Hier ist alles friedlich. Zufrieden ruht man des Nachts. So unschuldig die Stimmung, so unschuldig die ruhenden Körper. Doch schon bei der Ankunft in Astrachan ist das ungute Gefühl wieder da. Die Propaganda schwärmt vom Fischreichtum, dabei sind es die Fliegen, die die Szenerie bestimmen.

Die russische Bourgeoisie hat sich still und heimlich mit der Situation abgefunden, dass es besser ist sich anzupassen. Ihr Fatalismus ärgert Roth am meisten. Die Stillosigkeit erschreckt ihn. Verständnis kann er nur bedingt aufbringen. Nach und nach dämmert es Roth, dass er als Künstler niemals in so einem Staat leben könnte. Das ist keine Frage der Einstellung, sondern des Überlebens.

Es ist nun aber nicht so, dass Joseph Roth die Sowjetunion, also Russland und die Ukraine auf Teufel-Komm-Raus selbigen wünscht. Die stetig steigende Alphabetisierungsrate begrüßt er ebenso wie die unbeugsame Disziplin im Lande. Auch wenn die ihm ein bisschen zu Deutsch erscheint mit einem Hauch Verrücktheit. Schon während des Lesens fragt man sich selbst, wie seine Reportagen heute sich lesen würden.

Joseph Roth zu lesen ist wie eine endlose Autofahrt durch unentdeckte Landstriche. Es geht immer vorwärts, keine Frage. Selbst, wenn man anhält, ist das Fortkommen immer garantiert. Mal muss man schmunzeln, mal schüttelt man den Kopf – je nach Vorkenntnissen des heutigen Russlands und der Ukraine. Auch fast hundert Jahre nach Erscheinen haben diese Reportagen nichts an Strahlkraft verloren.

Die feine New Yorker Farngesellschaft

Um sich abzulenken, „auf andere Gedanken zu kommen“ oder sich selbst zu vervollkommnen, spielen die Einen Darts, Andere hegen ihre Garten, bauen ihn zur Festung um, damit ja kein anderer ihre mühevolle Arbeit beneiden kann. Und dann gibt es Menschen die schreiben Tagebuch, schließen sich (positiv) verschrobenen Hobbyforschern an, werden Pteridologen (ja, die gibt es wirklich, es sind Farnfroscher) und reisen mit ihnen nach Oaxaca (ja, auch das gibt es wirklich und liegt im Süden Mexikos).

So einer ist Oliver Sacks. Berühmt unter anderem durch „Zeit des Erwachens“, brillant durch Robert De Niro auf die Leinwand gebracht. Er war mit den Mitgliedern der New Yorker Farngesellschaft in Mexiko, und er schrieb Tagebuch über diese Reise. Und nun ist dieses Tagebuch essentieller Bestandteil der Reihe „Büchergilde unterwegs“.

Oliver Sacks ist einer von ihnen. Er ist Mitglied dieser feinen New Yorker Farngesellschaft. Auch er kann sich an Blattformen, an der in Oaxaca so reichlich vorkommenden Vielfalt an Farnen ergötzen. Seine Aufzeichnungen sind einerseits natürlich leidenschaftliche Erinnerungen an die Entdeckungen seiner Mitreisenden. Andererseits sind sie auch eindringliche Beschreibungen einer einzigartigen Landschaft.

Fast wäre das Buch nicht zustande gekommen. Als Sacks mit Dick Rauh und dessen Frau unterwegs war, wären sie fast von einem Laster überfahren worden. Dann wären die Tagebücher unvollendet. Und die sie vervollkommnenden Zeichnungen von Dick Rauh wären nie ans Tageslicht gekommen. Es ging ja nochmal gut!

Ob man nun selbst Botaniker ist oder Pflanzen nicht die unbedingte Liebe entgegenbringt, dieses Reisetagebuch ist mehr wert als alle Goldschätze der Mayas zusammen, bevor sie von Cortez‘ Schergen geraubt wurden. Die Leidenschaft für Farne, zu Zuneigung zum Land und die unverbrüchliche Gabe dieses in Worte zu fassen, überwältigt den Leser ab der ersten Seite. Und es wird nicht weniger bis zum Ende der knapp zweihundert Seiten!

Ein Winter auf Mallorca

Das Bild Mallorcas ist immer noch geprägt von Bettenburgen an überfüllten Stränden mit entfesselten Alkoholleichen. Auch wenn die Tourismusverantwortlichen seit Jahren dagegen vorgehen, so wird dieses Bild noch sehr lange vorhalten. Dass sich die Insel dem geneigten Betrachter auch anders präsentieren kann, auch das dürfte hinlänglich bekannt sein. Und wenn man so will, ist dieser Reisebericht von George Sand, der auf ihre Reise auf die Insel im Winter 1838/39 zurückgeht.

Nun muss man wissen, dass George Sand eigentlich Amantine Aurore Lucile Daupin de Francueil hieß und von August dem Starken abstammte. Keine schlechte Voraussetzung für ein erfolgreiches und vermutlich finanziell gesichertes Leben. Doch ihr Leben war nicht so glamourös wie man es ihrer Herkunft nach vermuten könnte. Sie arbeitete bei der Zeitung „Figaro“, wo sie sich ihr weltweit bekanntes Pseudonym George Sand zulegte. Ihre spitze Zunge und ihr unkonventionelles Leben brachten ihr schnell einen speziellen Ruf ein.

Ihr Sohn Maurice litt an Rheuma. Die milde Inselklima Mallorcas sollte ihm Heilung verschaffen. Außerdem im Gepäck: Ihre Tochter Solange und der Komponist Frédéric Chopin. Ein unverheiratetes Paar mit zwei Kindern auf dieser Insel. Eine Frau, die nur allzu gern Männerklamotten trägt. Hier, auf dem Eiland, dem man nicht so ohne Weiteres  den Rücken kehren kann, ein landwirtschaftliches Stück Erde mitten im Meer, tief in den Schranken der Religion verwurzelt – geliebte Gäste stellt man sich hier anders vor. Die Kuratorin der Buchreihe „Büchergilde unterwegs“ und Reisejournalistin Julia Finkernagel nennt dieses Familienkonstrukt eine merkwürdige Celebrity-Patchwork-Familie. Das trifft den Nagel auf den Kopf. In etwa so wie die Mallorquiner von eben dieser Promi-Familie vor den Kopf gestoßen wurden.

Aber „Ein Winter auf Mallorca“ ist kein Vorläufer von Instagram-Stories von irgendwelchen C-Promis, die ungehobelt ihren Reichtum zur Schau stellen. Es der Reisebericht, den man lesen muss, geht es auf die liebste Insel der Deutschen. Und wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, kann man die Aussichten der Skandalautorin auch knapp zweihundert Jahre später noch genauso nachempfinden wie die Zigarren rauchende Autorin selbst. Ihre Eindrücke von der Insel – natürlich geprägt von der Sorge um ihren Sohn und den leidenden Chopin – hallen bis heute nach. Es ist das ursprüngliche Mallorca, das längst verschwunden ist. So wie jeder Quadratmeter auf der Welt sich in den vergangenen zweihundert Jahren verändert hat. Das Buch genießt man am besten abgeschieden, auf einer Finca, auf einem Felsen an der Küste – da kommt man sich gleich wie Bohème vor, einer, der nicht so recht dazugehören will, es aber partout nicht wahrhaben will, nicht dazugehören zu dürfen. Noch heute muss George Sand für dieses Buch jährlich mindestens ein Preis verliehen, zumindest gedankt werden.

Das Buch von der Riviera

Klaus und Erika Mann sind die wohl berühmtesten Kinder ihre noch berühmteren Vaters Thomas Mann. Bewusst oder unbewusst versuchten sie stetig aus dem Schatten ihres (Über-)Vaters zu treten. Der junge schon recht erfolgreiche Autor und die nicht minder begabte und anerkannte Schauspielerin unternahmen 1931 eine Reise an die Côte d’Azur. Ihre Eindrücke sind in diesem Buch festgehalten.

Das Geschwisterpaar kannte „die eleganteste Küste der Welt“ bereits. So waren sie keine Entdecker im herkömmlichen Sinne. Vielmehr konnten sie Eigenheiten der Bewohner, die Schönheiten der Landschaft und die regionale Küche eingehender betrachten. Fast schon geblendet von ihren eigenen Erfahrungen hasten die beiden zeitweise durch die Gassen Marseilles, über die Boulevards von Nizza, durch die Restaurants zwischen Toulon und Cannes. Wie Reiseredakteure erfassen sie jede auch noch so nützlich erscheinende Information und bauen sie in ihre Aufzeichnungen ein. Im MTV-Stil hetzen sie den Leser von Highlight zu Highlight, schupsen den Leser in Boutiquen, um ihn gleich wieder hinaus zu zerren, weil eine Straße weiter das nächste Abenteuer wartet. Trotzdem überkommt einen nie das Gefühl, dass Klaus und Erika Mann nur an der Oberfläche kratzen. Detaillierte Tipps welches Hotel für welchen Geldbeutel ideal ist, wo die Bouillabaisse am besten schmeckt, wo Jean Cocteau sich verewigte … unzählige Anekdoten bereichern diesen Reiseband.

Den beiden gelingt es spielerisch Emotionen und Fakten zu verbinden. Schon nach wenigen Seiten brennt im Leser das Fernweh. Voll jugendlichem Elan reisen sie von Marseille über Toulon, Cannes, Nizza und Monte Carlo bis Menton. Das sind die Orte, die den meisten Ohren Eleganz, Savoir-vivre und auch ein bisschen Snobismus verheißen. Das war vor knapp 80 Jahren noch nicht ganz so verbreitet, aber die Ansätze waren schon klar zu entdecken. Auch die kleinen malerischen Orte zwischen diesen Touristenhochburgen wie Sanary, Beaulieu, Villefranche, Hyères oder auch Cassis bleiben nicht unerwähnt.

In präzise formulierten Sätzen verleihen die Manns der Riviera die Goldmedaille für Anmut, Grazie und Lebensstil. Frech und ohne Vorurteile begegnen sie einer Welt, die doch so weit weg ist, von dem, was Deutschland in dieser Zeit darstellte. Exakte Wegbeschreibungen erlauben es heute noch teilweise die Wege der beiden zu kreuzen. „Das Buch von der Riviera“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das man vor dem Riviera-Urlaub gelesen haben muss.

Von B nach B. Begegnungen auf dem Radweg Deutsche Einheit

Alljährliche Herbstroutine im offiziellen Berlin: Anfang Oktober wird staatsragend der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Alle klopfen sich huldvoll auf die Schulter. Das ist im angemessenen Maßstab auch angebracht. Doch die Vereinigung eines Volkes, eines Landes, das vier Jahrzehnte in entgegengesetzte Richtungen marschiert ist bzw. marschiert wurde, passiert nicht von Heute auf Morgen. Und wer vor ’89 keine Beziehungen nach Drüben hatte, der hat auch heute noch sicher seine Schwierigkeiten damit.

Mina Esfandiari lebt in Berlin. Sie interessiert diese Vereinigung im besonderen Maße. Doch sie will nicht einfach nur wissen, wie man innerhalb von dreißig Jahren die Strecke von A nach B zurückgelegt hat, sie will wissen, was passiert ist in dieser Zeit … auf der Strecke von B nach B. Gemeint ist natürlich der politisch vorgeschriebene Weg von Bonn nach Berlin. Von der alten Bundeshauptstadt in die Neue, in die wieder erwachte Weltstadt Berlin. Zunächst muss sie aber die Zugstrecke in umgekehrter Richtung nehmen, die zufällig auch von B nach B führt.

In Bonn angekommen, nimmt sie ihr erstes Quartier in Besitz. Immer bei Menschen, die ihr für eine Nacht gern ein Couch zur Verfügung stellen. Immer am Puls der Zeit. Da kann es schon mal passieren, dass eine Gruppe aus Spanien und ein Weißrusse zur selben Zeit vor dem Bad stehen. Was aber viel faszinierender ist, sind die Begegnungen mit Menschen, die man so niemals bei der Google-Suche nach Deutscher Einheit finden würde. Sie haben ihre ureigene Sicht auf die Dinge und ihre Stadt. Kein glatt gebügeltes Eventprogramm, das findige Tourismus-Experten ausarbeiten ließen. Ein echtes Leben sucht Mina Esfandiari … und sie findet es dreißigfach. Denn ihre Reise hat dreißig Etappen. Mehr als die Tour de France. Und die sind auch „nur“ auf dem Fahrrad unterwegs.

So wie die Autorin und Fotografin. Marburg, Bad Hersfeld (hier musste man immer den Pass vorzeigen), Kassel, Einbeck, Quedlinburg, Dessau, Beelitz sind nur ein paar der Orte ihrer 1.280 Kilometer langen Tour von West nach Ost, von Damals ins Heute, oder einfach nur von B nach B.

Wer ihr auf Instagram folgt, hat schon so manches miterleben dürfen. Kleine Grüße aus der Proviantküche. Das Hauptmenü folgt nun in diesem exzellent gestalteten Buch, das – oh Wunder – nicht in Deutschland verlegt wurde, sondern im benachbarten Luxemburg! Die grafische Gestaltung und die mehr als aussagekräftigen Fotografien, die fast ausschließlich von Mina Esfandiari stammen, ergeben ein Zeitdokument, das noch lange Bestand haben wird. Keine rührseligen Geschichten von Trennung und Schmerz, sondern echtes Erstaunen darüber, was tatsächlich geschafft wurde. Offen gesagte Meinungen über das, was noch zu schaffen sein muss. Und vor allem echte Erlebnisse, die so nur einmal erlebt werden können. Den Radweg Deutsche Einheit wurde zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit ins Leben gerufen. Er verbindet bereits vorhandene Radwege und ermöglicht auf seinem Weg sieben Bundesländer zu entdecken. Und – Mina Esfandiari kann ein Buch darüber schreiben – man hat die Möglichkeit unendliche viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen.

Das Glück auf Erden

Von wegen „Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“! Wenn schon Rücken, dann zwischen zwei Buchrücken. Auch wer sich augenverdrehenden Pferdeschwärmerein bisher verschlossen hat, bekommt nun beim Lesen dieser Reportage-Kollektion feuchte Augen. Denn keine Wendy-Phantasien werden hier befriedigt, sondern die Sehnsucht nach dem Neuen, dem weit Entfernten, der Freiheit die Welt auf traditionelle Weise erkunden zu können.

Stefan Schomann reist durch die Welt. Nicht hoch zu Ross. Doch reist er da hin, wo man es noch tut. Pferde haben seit Menschengedenken eine bedeutende Rolle gespielt. Die Reiterarmeen der Perser, als Nutztiere, um in unwegsamem Gelände ihren Herren die Arbeit abzunehmen odereinfach nur als Fortbewegungsmittel. In manchen Regionen der Erde besitzen Pferde einen höheren Wert als die kostbarsten Juwelen. Von Marokko über Südtirol, Südafrika bis Portugal. Vom Balkan bis in die mongolische Steppe. Von Dülmen bis ins Limousin. So abwechslungsreich die Welt, so vielschichtig die Liebe zu den zahmen, mal wilden, doch immer eleganten Vierbeinern.

„Das Glück auf Erden“ ist mehr als nur ein bloßer Buchtitel, um Assoziationen bei Lese zu wecken. Es handelt tatsächlich vom Glück auf Erden, das für viele nunmal auf den Rücken der Pferde zu finden ist. Keine Jubelarien wie erhaben man sich fühlt über die Köpfe hinweg die Welt erkunden zu können. Es sind journalistische Glanztaten, weil der Autor sämtliche Klischees außen vor lässt und das beschreibt, was er sieht, was ihm erzählt wird. Es kommt ein bisschen Lagerfeuerstimmung auf, wenn von der Eleganz geschwärmt wird, wenn der wahre Pferdeflüsterer aus dem Nähkästchen plaudert, wenn die Weite der Landschaft so greifbar vor einem erscheint, dass man das Pferdegetrappel unterm Gesäß spürt, ohne dabei im Sattel zu sitzen.

Das Buch ist kein Ponyhof, genauso wie das Leben. Aber es könnte so einfach sein, sich die Welt im Trab, im Galopp oder einer anderen Gangart eigen zu machen. Es muss was Wunderbares sein einen Meter über den Anderen zu sich selbst zu finden. Westernromantik auf einem erhöhten Niveau!