Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Eine Zeit der Stille

Solch ein Klischee lässt man sich nicht entgehen. Im Kloster findet jeder die Ruhe, die er sucht. Patrick Leigh Fermor braucht sie, um ein Buch zu schreiben. Und zwar über das Ruhefinden im Kloster. Beißt sich da der Hund in den Schwanz? Wohl kaum.

Als gestandener Reiseschriftsteller, fast schon als Abenteurer zu bezeichnender Autor, hat er sich penibel auf sein neuestes Abenteuer vorbereitet. Sein Wissen über die Geheimnisse der ehrwürdigen Gemäuer ist umfangreich. Dennoch kann er nicht einschätzen, was ihn erwartet. Und das ist auch gut so. Zahlen und Fakten auf der einen Seite, gespannte Erwartungen auf der Anderen. So betritt er St. Wandrille in Frankreich, eine Abtei nordwestlich von Rouen, unweit der Seine. Postkartenidylle damals wie heute. Und ja, er wird die Ruhe finden, die es ihm erlaubt sein Buch zu beginnen, mit Geschichte(n) zu füllen und später zu veröffentlichen. Das Ergebnis hält der Leser in der Hand, und genießt den Entstehungsprozess.

In der Folge bereist er Solesme im Norden Frankreichs, La Grand Trappe im Dreieck Paris, Caen, Le Mans und die Felsenklöster in Kappadokien in der Türkei. Dort steht die Wiege des Mönchswesens überhaupt. Nun kann man dieses Buch als Reiseanleitung verstehen. Tipps zum Benehmen inklusive. Es sind vor allem einprägsame Reisereportagen, die nach Jahrzehnten nichts von ihrer Spannkraft verloren haben. Althergebrachte Rituale wie das Geißeln, was schon zur Besuchszeit Fermors fast nur noch symbolischen Wert hatte, stechen unter den Beschreibungen des Klosterlebens hervor.

Fermor rückt bewusst den Alltag in den Vordergrund seiner Betrachtungen und was sie mit ihm machten. Als Untermalung dient ihm seine enorme Lektüre, durch die er wahre Schätze erkennt. Weltliche wie ideologische Schätze. „Eine Zeit der Stille“ ist nicht das erste Buch über die (begrenzte) Zeit im Kloster. Und es war auch nicht das letzte Buch. Würde es eine Rangliste zu diesem Thema geben, dann ist dem Autor die Medaille samt Podestplatz sicher. Ohne viel Tamtam und wildes Spekulieren oder gar Werten lässt er die Bewohner und ihr Tun für sich sprechen. Nicht jeder ist für das Leben im Kloster gemacht. Aussteiger sind Fermor genauso nahe wie diejenigen, die ihr Kosterleben als wahre Berufung ansehen.

Vielleicht wird man nicht zwingend ruhiger bei der Lektüre, reicher an Wissen, offener für die Beweggründe hier zu leben und verständnisvoller für eine andere Lebenseinstellung wird man allemal. Patrick Leigh Fermor gebührt der Dank dafür ein nicht nur durchs Schlüsselloch geschaut zu haben, sondern manch schwergängiges Tor weit aufgestoßen zu haben.

Der Weg des Helden

In großen Fußstapfen wandeln, ist ein gewagtes Unterfangen. So manche ist dabei schon in ein großes Loch gefallen. Man kann auf den Spuren Goethes Italien erkunden, wie in der Nachwendekomödie „Go Trabi Go“. Oder den Weg gen Westen erkunden wie einst Lewis und Clark.

Tim Parks hat vor Jahrzehnten die Liebe entdeckt, zu einer Italienerin und zu Italien. Zuvor schon zur Geschichte des Landes. Speziell zu Giuseppe Garibaldi, dem Einiger des Stiefels. Der beschäftigte ihn schon während des Studiums der Geschichte.

Italien war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Flickenteppich aus größeren, aber vor allem vielen kleinen Reichen. Manche waren so klein, dass man sie mühelos mit einem Blick erfassen konnte. Europas Machthaber tummelten sich hier, stritten sich um Handelswege und somit um die Macht. Dem machten Mazzini, Cavour, König Emanuel II. und ebendieser Garibaldi ein Ende. Jede auf seine Art. Nicht immer geeint, doch schlussendlich siegreich. Um Rom vor der totalen Zerstörung zu bewahren, Frankreich war wild entschlossen, die Besatzer der Ewigen Stadt mit allem, was ihnen zur Verfügung stand den Garaus zu machen, entschloss sich Garibaldi zu kapitulieren. Und den Weg ans Meer anzutreten. Dazwischen lag jedoch der Appennin. So weit der grobe geschichtliche Abriss – Tim Parks kann das viel besser erklären.

Und das tut er auch. In diesem Buch. Aber auf seine eigene Art und Weise. Im Jahr 2019, also mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Garibaldi, schnürte er seinen Tornister und die Wanderschuhe, und er wanderte mit seiner italienischen Liebe auf dem Weg des Helden. Von Rom bis an die Adria.

Jedes Kapitel ist mit zwei Daten versehen. Dem von Garibaldi, und dem von Parks. So entsteht auf beeindruckende Art eine leicht nachvollziehbare Kopie eines einzigartigen Marsches. Durch seine Recherchen ist Tim Parks in der Lage genau die Leiden, die Hoffnungen, die Orte, die Wege nachzuvollziehen, die einst der große Freiheitskämpfer ging.

Oft fragt man sich im Urlaub, wer der Namensgeber der Straße oder des Platzes ist, den man mit großen Augen und offenem Mund bestaunt. In Italien stößt man pausenlos auf eine Via Cavour oder eine Via Garibaldi. Das ist bei den meisten der Anstoß mal nachzuhaken. So konsequent hat aber nur Tim Parks nachgeforscht. Nun ist er auf dem Weg quer durch Italien. Es geht ihm nicht darum als Extremsportler in die Annalen einzugehen. Einmal einen historischen Weg nachzuvollziehen, nicht einfach nur abzuschreiten, um anschließend ein „Bravo!“ einzuheimsen. Als Historiker weiß er um die nachhallende Bedeutung Garibaldis. Da macht ihm kaum noch jemand etwas vor. Er will selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man Großes vollbringt. Und wie es sich heute anfühlt. Die Zeiten haben sich geändert. Navigationsgeräte erleichtern die Suche enorm. Die Hinterlassenschaften aufzuspüren, Ausblicke von damals mit denen von heute zu vergleichen – darin liegt die Einzigartigkeit des Unterfangens Garibaldi erlebbar zu machen. Es gelingt Tim Parks auf jeder der fast fünfhundert Seiten. Bravo!

Ifni – Spaniens letztes koloniale Abenteuer

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. So steht es geschrieben, so ist es auch. Und es gibt unzählige Opfer, die diesem Opfer, zum Opfer gefallen sind.

Es ist Sommer 1921. Spanien führt wieder einmal Krieg, um seine koloniale Expansionspolitik unter Beweise zu stellen. In Marokko kommt es in Annual zu einer verheerenden Niederlage. König Alfonso XIII. dankte zwei Jahre später ab. Jahre später – die Diktatur von Primo de Rivera ist vorbei, Francos Diktatur steckt in den Startlöchern – wird heftig über die Gefangenen der „Katastrophe von Annual“, dem „Desaster“ diskutiert. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die die Macht in Spanien an sich reißen wollen und deren Anhänger. Aber auch für die Presse. Viele lassen sich vom Wahn der erforderlichen Befreiung mitreißen. Doch überall, wo einem starke Worte um die Ohren fliegen, gibt es mindestens einen, der versucht der Wahrheit – und es gibt immer eine Wahrheit! – ans Tageslicht zu befördern. Manuel Chaves Nogales, stellvertretender Direktor der Tageszeitung Ahora war vor Ort, in Marokko. Von den 300 spanischen Gefangenen hat er … keinen einzigen gesehen. Nicht einmal von ihnen gehört. Es gab ein paar Spanier, die hier lebten. Achtzig Jahre später hätten sie vielleicht in der spanischen Ausgabe von „Good bye España“ eine tragende Rolle gespielt. Aber als Gefangene eines missglückten Krieges taugen sie niemals.

Vielmehr ist Spaniens kolonialer Gegenspieler in der Region Frankreich als Gefängniswärter anzusehen. Doch wo keine Gefangenen, kein Wärter. Dann gibt es noch die Glücksritter, die sich die Farce zu Nutze machen wollen. Wenn es in den Medien diese Gefangenen gibt, die spanische Regierung deren Herausgabe fordert (sogar eine militärische Intervention in Betracht zieht), dann kann man die Situation ausnutzen und selbst ein paar Taler daran verdienen. Doch keiner hat mit Manuel Chaves Nogales gerechnet. Er kabelt in die Madrider Redaktion: „Es gibt keine Gefangenen!“. Nicht „es werden keine Gefangenen gemacht“, was eher einer Kriegsreportage gut stehen würde. Nein, es gibt schlichtweg keine Gefangenen!

Dieser Nogales war kein Hallodri, der sich blind und mutig in ein Abenteuer stürzte. Er war ein Intellektueller, der um die Macht der Worte wusste. Und er wusste diese Macht einzusetzen. Die Unnachgiebigkeit und die nüchterne Wiedergabe der Fakten machen seine Reportagen zu einem Pageturner, dem man gern nachgibt. Die so genannte vierte Gewalt, die Medien, relativieren im Fall des „Annual“, des Desasters, die perfiden Machtspiele einer künftigen Diktatur.

Erst jetzt entdeckt man Manuel Chaves Nogales in seinem Heimatland wieder. Gleichzeitig auch im deutschen Sprachraum. Francos Schergen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Name Nogales war fast für immer aus dem journalistischen wie literarischen Gedächtnis Spaniens gelöscht. Zum Glück nur fast! Diese Stimme darf niemals versummen. Der Kupido-Verlag plant weitere Veröffentlichungen aus dem umfangreichen und abwechslungsreichen Werk des Spaniers.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.

Berlin – Moskau, Eine Reise zu Fuß

Der Titel hält. Was er verspricht: Eine Reise von Berlin nach Moskau. ABER: Nicht mit dem Auto, Flugzeug oder Zug, sondern per pedes, zu Fuß. Gibt man die Strecke ohne irgendwelche Haltepunkte heutzutage in sein Navi ein, ergibt sich eine Strecke von 1774 km, die man in 15 Tagen schafft. Zu Fuß! Das wären 120 Kilometer pro Tag und fünf Kilometer pro Stunde. Ohne Schlaf, ohne rast, ohne Begegnungen. Da hat an hinterher … nichts zu erzählen.

Wolfgang Büscher will aber erzählen. In einer Nacht im Jahr 2001 zieht er die Wohnungstür hinter sich zu und läuft der Sonne entgegen. Am Stadtrand der Hauptstadt liegt eine tote Maus. Im ersten Ort nach der Stadtgrenze kauft er Nähzeug, braucht nur die Schere, um Pflaster zuzuschneiden. Denn rechts wird der Schuh immer drücken, bis Moskau.

Je näher er am Ausgangspunkt ist desto ferner sind ihm die Menschen. Je mehr er sich vom vertrauten Zuhause entfernt, desto tiefer taucht er in ihr Leben ein.

Die Karte am Anfang des Buches sieht auf den ersten Blick wie eine moderne Karte mit historischem Weg aus. Immer gerade aus. Berlin – Seelow – Oborniki – Torun – Białystok – Grodno – Minsk – Smolensk – Moskau. Eine Vierteljahr wird er die Last auf seinen Schultern verfluchen. Drei Monate dem Großvater folgen, erinnern, mit ihm fühlen. Fast hundert Tage (Hallo Navi, Deine Prognose war mehr als optimistisch!) immer wieder Menschen begegnen, die ihm warmherzig bis ablehnend entgegentreten, offen und misstrauisch seinem Vorhaben gegenüberstehen, ihn belächeln, bewundern, hinter seinem Rücken tuscheln. Vier Länder sind es „nur“, die durchquert. Noch mehr Kulturen, die ihn immer weiter wegholen von dem, was in seinem fünfzigjährigen Leben als „normal“ erlernt wurde.

Wolfgang Büscher lässt keinen Zweifel daran, dass er in Moskau ankommen wird. Die üblichen Zweifel, das aufkommende Heimweh – das jeder kennt, der in der Fremde seinem Forscherdrang nachgibt – sind essentieller Bestandteil seiner Route. Das Staunen über das gewagte Vorhaben lässt den Leser immer wieder umblättern, um zu schauen, was den Wandersmannautor als Nächstes vor die spitzgefederte Flinte kommt. Und man wird niemals enttäuscht.

Je weiter der Westen (nicht nur geographisch, sondern vor allem soziologisch) am Horizont verschwindet, je näher der Osten rückt, desto flüssiger wird Wolfgang Büschers Aufnahmebereitschaft. Die Assoziationen werden sind immer öfter im Hier und Jetzt verwurzelt als am Anfang seiner Reise. Und fast erscheint es als dass das Ziel Moskau zu schnell erreicht ist…

München – Was nicht im Baedeker steht

Wie sich die Zeiten ändern. Wer heute eine Reise plant, sucht sich bei Instagram Hotspots, die er dann besucht und ins rechte Licht rückt. Manch einer greift zum Reisebuch, um sich ereignisreiche Touren zusammenzustellen. Das war vor einhundert Jahren schon so. Also, das mit dem Reisebuch. „Der Baedeker“ war ein geflügeltes Wort. Doch schon damals gab es findige Schreiber, die dem Baedeker Konkurrenz machten. Denn selbst in der Bibel der Reiselustigen konnte bei Weitem nicht alles aufgeführt werden, was die Stadt zu bieten hatte.

Peter Scher und Hermann Sinsheimer machten es sich zur Aufgabe dem Besucher die Seele Stadt anzudienen. Das beginnt beim Franziskaner und hört bei der Weißwurst noch lange nicht auf. Ringelnatz und Valentin gehören ebenso dazu wie Thomas Mann. Dabei vermeiden sie es geschickt den Leser mit Gewalt darauf zu stoßen, wo man die Größen der Stadt antreffen kann. Soweit wollte man dann doch nicht gehen. Man stelle sich vor, dass sie detailliert beschrieben hätten, wann und wo man der Prominenz auflauern kann. Das wäre schon damals – vor fast hundert Jahren – ein Skandal gewesen. Nein, es geht ihnen darum zu zeigen, dass München ohne ihre Charaktere eben nur eine durchaus vorzeigbare Stadt mit mittlerem Charakter ist. Dass dem nicht so ist, davon kann man sich auf den 150 Seiten dieses Büchleins selbst überzeugen.

Ganz wichtig: Wie verhält es sich und man selbst mit dem Eingeborenen? Allein schon die Fragestellung deutet darauf hin, dass es bei diesem Buch keineswegs um einen bierernsten Reiseführer handelt, in dem man die wichtigsten Plätze und Sehenswürdigkeiten abarbeitet wie eine Matheprüfung. Zwischen den Zeilen lesen. Sich nicht zwangsläufig als unbedarfter Neuling zu erkennen geben. Im Strom mitschwimmen können. Darum geht es den beiden Autoren. Doch Vorsicht, München ist eine Stadt im Aufbruch. Vielerlei ungute Gesellen tummeln sich des Nachts in den Bierkellern und auf den Straßen. Ein paar Jahre zuvor, zettelte ein Postkartenmaler aus dem benachbarten Österreich einen Aufstand an, bei dem Tote gab. Dass ausgerechnet der einmal Weltgeschichte schreiben soll, konnte man 1928 noch nicht ahnen. Das allerdings hätte millionenfaches Leid verhindert.

Natürlich ist dieses Buch kein Reiseband, den man an der roten Fußgängerampel schnell mal rausholt, um sich des Weges zum nächsten Stop zu versichern. Es ist ein vergnüglicher Ausflug in die bayrische Landeshauptstadt, die immer noch einen Besuch wert ist. Und vielleicht entdeckt man sogar noch Parallelen von Damals und Heute. Wer genau liest, wird sie finden…

Los, Babe, Abenteuer!

Wenn man schon nicht selbst in den Urlaub fliegt, dann will man doch zumindest etwas von der Welt lesen. Die Ersatzdroge für diejenigen, die dem Virus die Stirn bieten und einfach keine Angriffsfläche bieten. Und wenn man schon in der Lage ist, sich zurücklehnen zu können, um anderen beim Reisen zuzusehen, dann will man die eigenen Ansprüche um keinen Preis der Welt zurückschrauben. Was nichts anderes heißt als von den und vom Besten zu lesen.

Da bietet sich Christoph Höhtker förmlich an. Er reiste oft und viel und hielt seine Eindrücke schriftlich fest. Eifrige Zeitungsleser kennen seine Reiseeindrücke bereits. In seinem nassforschen „Los, Babe, Abenteuer!“ sind diese nun endlich zusammengefasst und um zwei Geschichten erweitert worden. Dem Autor beim Beobachten und Abdriften beizuwohnen, gleicht einem rasanten Ritt auf einem Gefährt, das zwar das ungefähre Ziel kennt, den Weg jedoch lediglich als Empfehlung wahrnimmt.

Wenn also in der Abflughalle auf dem Flughafen von Lanzarote Liam Gallagher in der Ecke hockt (oder zumindest jemand, der ihm in Gestik und shape verdammt nahe kommt), liegt der Vergleich mit Michel Houellebecq nicht zwingend auf der Hand. Dass es beim französischen Autor vorrangig ums Nichtarbeiten geht bzw. dass jeder, dem die Arbeit Freude bereitet ein Idiot sei, lässt die Folgerung einen Surfshop mit sich selbst als einzigen Kunden schon näher liegen. Ein Affront für jeden Lagerarbeiter, der die Nachrichten über Kurzarbeit und Umsatzeinbußen mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt, weil er weder weniger arbeitet noch systemrelevant ist – und trotzdem jeden Tag von Früh bis Spät sein Tagwerk verrichtet.

Es sind die kleinen Beobachtungen und die daraus resultierenden Erkenntnisse, die jede Geschichte zu einem Ereignis machen. Grillen, die zirpen. Vögel, die jubilieren, weil ihre nächste Mahlzeit sich lautstark zirpend (die Grillen) ihnen anbietet. Oder wenn im Frankfurt der Buchmesse die Stadt auf einmal im Fokus steht statt der Millionen bedruckter Papiere. Selbst dem Radioprogramm kann er auf der Autofahrt in heimischen Gefilden noch einen Hauch Sinn entlocken.

Höhtker macht, was er will. Er verknüpft Erinnerungen mit dem Offensichtlichen und kreiert einen Abenteuer-Cocktail, der schon in der Kehle brennt ohne die Flamme jemals löschen zu können. Mit Höhtker reisen, heißt unbändiges, atemloses Aufsaugen im scheinbar ereignislosen 3D des Alltäglichen.

Die versprengten Deutschen

Zuerst reiste Karl-Markus Gauß in seiner guten Stube herum und erforschte aus der Froschperspektive die Geschichte Europas. Dann zog es ihn in die Metropolen der Welt, in denen er noch mehr Geschichte fand. Es war die große Geschichte Europas, die er fand. Und nun? Nun sucht er nach den Geschichten. Nach der Geschichte der Deutschen, die in der vermeintlichen Fremde ihre deutschen Wurzeln noch pflegen, sie teils sogar suchen, mit ihnen hadern.

Fündig wird er im Baltischen Raum, in Litauen, Memelgebiet, wie es hier und da einmal hieß. Er trifft Luise. Sie hat ihre Muttersprache erst spät wieder erlangt. Jahrzehntelang war sie frei wie ein Vogel im Wind. Ihr Nest war in Litauen. Ihre Wiege stand in Deutschland. Immer wieder wechselten wie bei so vielen die Herren, die die Geschicke des Landes leiteten. Immer mit Repressionen verbunden. Dabei ist es egal, ob es nun Deutsche im Namen eines menschenverachtenden Feldzuges sind oder Russen auf dem Kreuzzug gegen die Besatzer waren. Sie flatterte aufgeregt zwischen den fronten hin und her. Meist aus einem zwang heraus. Was von ihr noch deutsch ist, kann sie kaum noch bezeichnen.

Gauß reist weiter. Quer durch Europa. Bis ans schwarze Meer. Bis an den südlichen Zipfel Europas. In die Berge, ans Meer. Doch immer in die Seelen der Menschen. Er ist wahrhaft kein Seelenfänger im bösartigen Sinn. Schon gar niemand, der das Deutschtum vergöttert, es in etwas verwandelt, was einen bitteren Beigeschmack mit sich führt. Gauß sucht, Gauß findet, Gauß hört zu, Gauß schreibt nieder. Die von ihm gesuchten, gefundenen, niedergeschriebenen Geschichten sind eindrucksvolle Einblicke, die man ohne ihn niemals gelesen hätte.

Wenn heutzutage von Assimilation, Eingewöhnung gesprochen wird, ist es immer mit einer Forderung verbunden, sich gefälligst unterzuordnen und sich selbst aufzugeben (was natürlich niemand so meint, wie er es sagt…). Das ist kein Phänomen der Gegenwart. Wer die Heimat verlässt, geht ein Wagnis ein. Das Wort Abenteuer hat im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und hat was von einem Erlebnisparkbesuch, der mit Einbruch der Dunkelheit endet, weswegen Wagnis hier wohl angebracht erscheint. Dieses Wagnis mündet in eine Neuentdeckung der eigenen Wurzeln. Neues kommt hinzu, Altes tritt vereinzelt in den Hintergrund.

Gauß staunt selbst über die Vielfältigkeit des Deutschseins. Und lässt den Leser mit seinem Staunen nicht allein. Immer weiter treibt es ihn in Gemeinschaften, in Landstriche, die mehr deutsche Prägung haben als an der Oberfläche zu sein vermag. Diese europäische Deutschlandreise ist ein intelligenter Streifzug durch Europa zu deutschen Wurzeln, tiefer in die Kultur als so manches von Oben gewünschte Verhalten.

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

100 Highlights Jakobswege in Spanien und Portugal

Die Berichte über den Jakobsweg haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. War anfangs „nur“ von dem Jakobsweg die Rede, hat man sich mittlerweile eines Besseren belehrt und spricht – was der Wahrheit entspricht von den Jakobswegen. Wobei keineswegs ein Nachmittagsbummel durch die Gemeinde mit einem Abstecher in den Jakobsweg gemeint ist.

Dieses Buch verdient im Berg der Bücher über den Weg der Wege eine besondere Erwähnung. Zum Einen geht es um den einen Weg nach Santiago de Compostela und wie man über die klassische Route von Frankreich aus kommend in Spanien, die Traumroute am Meer, den ältesten Weg oder die Pfade in Portugal wandert. Zum Anderen besticht dieses Buch durch die eindrücklichen Bilder und verführt durch die appetitanregenden Zeilen von Grit Schwarzenburg und Stefanie Bisping. Stefanie Bisping ist Reiseberichtlesern wohl bekannt. Bei der Wahl zur Reisejournalistin des Jahres landet sie regelmäßig in den Top Ten, 2020 als Gewinnerin, im Jahr darauf auf dem zweiten Platz. Von der Antarktis bis Rio, von den Virgin Islands bis Australien, von Russland bis Bali ist ihr keine Destination fremd. Sie macht ihr Reiseziele und –routen zur ihrer Sache.

Einhundert Mal machen die beiden Halt. Einhundert Mal machen die beiden ihrem Erstaunen mit unvergleichlicher Empathie Luft und dem Leser Lust. Einhundert Mal Rührung, Staunen, (Be-) Wundern, Innehalten, Schwelgen, sich lukullischen Genüssen hingeben. Jedem einzelnen der beschriebenen einhundert Orte entlocken sie seinen eigenen ganz besonderen Reiz. Es wird nicht langweilig beim Durchblättern und Lesen in diesem Prachtband.

Ob nun das einst arg gebeutelte Guernica, eine Flasche asturischer Apfelmost in Sidreria, das niemals alternde Salamanca oder Federvieh wohin man schaut, wenn man sich in Barcelos umschaut (kein Schreibfehler, es ist nicht Barcelona gemeint).

Wer hier wandert, weil es andere vor einem ja auch geschafft haben, und weil es momentan irgendwie trendy ist hier zu wandern, kommt Seite für Seite zu der Erkenntnis, dass man sehr wohl hier wandern kann, weil es andere auch tun. Gleichermaßen muss man sich eingestehen, dass der Antrieb dies zu tun ein Irrweg ist. Hier wandert man, um mit allen Sinnen zu genießen. Und so erlebt man auch dieses Buch. Mit unstillbarer Vorfreude blättert man hoffnungsvoll durch die Seiten und man weiß, dass da schon das nächste Abenteuer wartet.