Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Altes Handwerk in Venedig

Altes Handwerk in Venedig

Wenn ein Ort mit einer besonderen Handwerkskunst wirbt, deren Erzeugnisse man dann als besonderes Mitbringsel den Daheimgebliebenen überreichen kann, hat das oft den bitteren Beigeschmack des Kitschigen. In Orten an der Küste kann man Gefäße mit einem Anker mitnehmen. In den Bergen mit Wildtieren. Das sieht im ersten Moment ganz hübsch aus, aber sobald die Urlaubsstimmung verflogen ist, wirkt es billig.

Kitsch und Venedig – eine durchaus vorstellbare Verbindung. Eine kleine Gondel hier, eine Karnevalsmaske da. Und alles Made in … na jedenfalls nicht Made in Venice. Jana Revedin hat sich auf die Suche nach dem Gegenstück zur Touristenmassenproduktion begeben. Und sie wurde fündig! Wer allerdings diese Handwerkserzeugnisse mit nach Hause nehmen will, muss richtig tief in die Tasche greifen. Manches ist so besonders venezianisch, dass man es gar nicht mit nach Hause nehmen kann.

Die Autorin besucht unter anderem Carlo Capovilla. Er hat sich auf Hochsitze der besonderen Art spezialisiert. Hoch auf den Dächern der Stadt sieht der aufmerksame Besucher eigenartige Holzkonstruktionen. Terrassen auf dem Dach – Altana genannt. Von hier lässt sich das Treiben auf den Kanälen aus sicherer Entfernung betrachten. Gerade in den Sommermonaten, wenn die Stadt aus allen Nähten platzt ein Ruheort. Denn schließlich vervierhundertfacht sich die Einwohnerzahl der Lagunenstadt jährlich. Man stelle sich dies in einer Stadt wie Shanghai mit weit über 20 Millionen Einwohnern vor…

Wer in Venedig das Glück hat einen echten Palazzo zu besichtigen, dem fällt der schmucke Terrazzo auf. Roberto Patrizio fertigt diese fliegenden Marmorteppiche an. Kleine farbige Steine schimmern in den schillerndsten Farben und verleihen den Räumen eine gewisse Eleganz. Für die Autorin und ihren Fotografen Gernot Gleiss öffnet er sogar sein Lager. Hier lagern unzählige Marmorbruchstücke: Breccia Pernice gibt ein feuriges Rot, Verde Piave ein geheimnisvolles Grün usw.

Auch Steffano Gottardo gewährt den beiden Einlass in seine Werkstatt. Er darf das Siegel „Made in Venice“ auf seine Erzeugnisse kleben. Er stellt die echten, die wahren Karnevalsmasken her. In Handarbeit – versteht sich. Touristen sind ihm nicht willkommen. Ein Schild am Fenster seiner Werkstatt gibt dies zu verstehen – „No photos please“ – prangt da in Großbuchstaben.

Bücher über Venedig gibt es sie Sand in der Lagune. Doch keines zeigt so eindrucksvoll das wahre Gesicht der einstigen Handelsmetropole wie dieses Buch. Authentisch und ganz nah dran am Leben in einer der meistbesuchten Städte der Welt.

Quer durch Athen

Quer durch Athen

Alltagsliteratur aus Griechenland, aus Athen ist im Moment – wenn man den Nachrichten glauben darf – eher trist und von Angst, Hass und Niedergang geprägt. Korruption, eine im Untergang begriffene Wirtschaft und ein Land, das vor großen Umwälzungen steht, sind die aktuellen Themen.

Petros Markaris verschließt in seinen Werken nicht die Augen vor dieser Situation. Doch er schafft auch ein Refugium der Gelassenheit, eine träumerische Reise in die Vergangenheit: Mit der Elektrischen durch die griechische Hauptstadt. Vom Hafen in Piräus nach Kifissia. Der Autor lebt seit Jahrzehnten in Athen und hat im Laufe der Jahre unzählige Geschichten seiner neuen Heimat gesammelt. Und nun fährt er mit dem Leser die Strecke der Stadtbahn von Anfang an ab. Links und rechts liegen nicht nur Zeugen der Menschheitsgeschichte, sondern auch die kleinen Schicksale, die eine Stadt ausmachen. Und so ganz nebenbei erhält der Leser Einblick in die Befindlichkeiten der Griechen.

Auch Athen hat seine Victoria-Station, genau wie London. Sie befindet sich unter den Kyriakou-Platz und wurde 1948 wiedereröffnet. In diesem Jahr fanden zum zweiten Mal die Olympischen Sommerspiele in London statt. Die Namensgebung geht auch auf die englische Königin Victoria zurück. Kyriakou-Platz ist immer noch eine gängige Bezeichnung für den Platz, obwohl er schon seit Jahrzehnten Victoria-Platz heißt. Neuerungen setzen sich nur schwer durch …

An jeder Station bitte Petros Markaris die Mitreisenden / Leser zum Aussteigen. Als eloquenter Stadtführer begleitet er die wissensdurstige Menge durch das Chaos der Metropole. Am Ende der Reise fühlt man sich wie ein Einheimischer und kann ebenso manche Anekdote widergeben.

„Quer durch Athen“ ist einer der wenigen literarischen Stadtführer, die es in den Olymp der Stadtrundgänge schaffen. Das liegt zum einen an der überaus interessanten und unendlichen langen Geschichte der Stadt, aber auch an der eingängigen Sprache des Autoren.

Petros Markaris ist vor allem durch seine Kriminalromane des Kommissars Kostas Charitos bekannt geworden. Seine Reisebeschreibung scheint wie eine Flucht aus den Zwängen der Ermittlungen, ein Ausstieg vom Alltag. Doch Markaris kann nicht von seiner Stadt loslassen. Im August 2013 erhält er für seine Verdienste um die Vermittlung der deutschen Sprache und den internationalen Kulturaustausch die Goethe-Medaille.

Abu Dhabi und Dubai – Willkommen in der Zukunft

Abu Dhabi und Dubai

Ein guter Ratgeber für den Urlaub ist das örtliche Reisebüro. Ein besserer Ratgeber ist ein ausgewählter Reiseband. Der beste Ratgeber für eine geplante Reise in ein unbekanntes Land ist derjenige, der schon mal da war und seine Erfahrungen niedergeschrieben hat. Rüdiger Neukäter gehört eindeutig in die letzte Kategorie. Bisher nur als Transitflughafen bekannt, entschließen er und seine Frau sich doch in die Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate zu fliegen. Im Kopf Klischees und angelesenes Wissen, im Herzen die Jugend und den Tatendrang eines Forschungsreisenden geht es in die teilweise klimatisierte Hitze der arabischen Halbinsel.

Wenn Plastik für eine moderne Welt steht, die die Realität zu kopieren versucht, so sind Abu Dhabi und Dubai der vitale Beweis, dass Plastik durchaus seinen Reiz hat. Gigantische Einkaufszentren mit unvorstellbarem Erlebniswert – in der Mall of the Emirates in Dubai gibt es sogar eine Skihalle, in der Abfahrtalauf möglich ist – versüßen den Aufenthalt auf eine bisher unbekanntes Art und Weise. Doch Rüdiger Neukäter wäre nicht er selbst, würde er als anerkannter Weltenbummler nicht auch hinterfragen. Eine Shopping-Mall mit hunderttausenden Quadratmetern Verkaufsfläche mag auf den ersten Blick verlockend erscheinen, doch was wäre, wenn sie nicht da wäre? Würde der „normale“ Tourist etwas vermissen?

Das Land per pedes erfahren, ist das Ziel des Ehepaares. Auch wenn Taxifahren in den Emiraten wegen der unerschöpflichen Ölvorkommen mit einem Trinkgeld abgetan werden kann, so sind es die Ausflüge in teilweise sandstaubiger Luft, die den beiden in Erinnerung bleiben werden.

Der Untertitel „Willkommen in der Zukunft“ ist Ausdruck der Verzweiflung und schieren Staunens. Die Einheimischen haben das Geld und fröhnen meist dem Müßiggang. Der Service wird von Gastarbeitern vorrangig aus Asien bestritten. Zeitlich begrenzt und ohne Möglichkeit die Familien nachzuholen. Die arbeitende Mittelschicht besteht aus sehr guten ausgebildetem Personal aus Europa und Amerika. Eine Drei-Klassen-Gesellschaft, die aber funktioniert. Touristen fällt vor allem der ungewohnte nicht aufdringliche Service auf. Von allen Seiten wird man bemuttert, die Inneneinrichtungen sehen nicht nur in Katalogen so überschwänglich aus – sie sind tatsächlich so verschwenderisch.

Rüdiger Neukäter hat vor allem als Reisender durch Asien einen Ruf erschrieben. Indonesien und Sri Lanka waren bisher seine bevorzugten Destinationen. Nun richtet er sein Augenmerk auf ein weiteres aufstrebendes Land. Seine Verwunderung kommt ebenso zum Tragen wie die Bewunderung für die arabische Sichtweise auf den Tourismus der Zukunft. Er gibt Informationen aus erster Hand an zahlreiche Urlauber weiter.

Römische Villen und Paläste

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Einmal die eigenen Erlebnisse für alle Ewigkeit bewahren können. Einmal echten Profis über die Schulter schauen. Einmal nur. Massimo Listri lässt sich über die Schulter schauen. Bei seinen Streifzügen durch Rom. Seine Besuche in den Villen und Palästen der Ewigen Stadt sind ein Hingucker. Nein, sie sind mehr. Sie sind die Abziehbilder unserer Phantasie. So stellen wir uns Rom vor. Weitläufige Gartenanlagen. Elegant geschwungene Aufgänge. Protzige Fassaden. Rom ist voll von solchen Gebäuden. Und sie sind exzellent erhalten. Nur nicht für jeden besuchbar.

Und da kommt der Fotograf Massimo Listri ins Spiel. Denn er darf. Er darf ins Innere der einstigen Macht- und Prachtbauten. Mit dem Auge fürs Detail führt er den jungfräulichen Leser gewandt durch gestandenes Mobiliar. Hier wurden die Geschicke ganzer Generationen bestimmt und gelenkt.

Das Titelbild zeigt den Ausblick in den Garten der Villa Medici. Ein weißer Prunkbau mit reich verzierter Fassade, die dem Besucher eine ordentliche Maulsperre verpasst. Zwei Löwen bewachen lebensecht den Zugang zur Villa. Verspielt hält einer der beiden eine Kugel in der Pranke. Die Anspielung auf das Machtstreben der toskanischen Familie, die im Mittelalter ganz Europa, inkl. Papsttum in den monetären Klauen hielt. Überladene Deckenmalereien lassen den Rundgang kurz stocken. Wie eine Erzählung aus vergangenen Zeiten schweben Engel und leichtbekleidete Grazien über dem Betrachter. Im Garten tummeln sich Statuen, Brunnen sind mehr als nur Wasserspender.

Doch „Römische Villen und Paläste“ ist mehr als „nur“ ein Bildband. Die ausführlichen und kenntnisreichen Texte von Carlo Cresti und Claudio Rendina erläutern jedes noch so kleine Detail. Sie sind die wahren Helden dieses Buches. Sachlich und darauf bedacht nicht auszulassen, geben sie den Blick frei, den Massimo Listri mit seiner Linse so gefühlvoll freigeschaufelt hat. Ihre Texte verleihen dem überirdischen Bildband die Bodenhaftung.

Ein Buch für Frühaufsteher, denn daran satt sehen, kann man sich nicht in ein paar Minuten. Ein Buch für Rom-Enthusiasten, denn so haben Sie Rom noch nie gesehen. Ein Buch für Ästheten, denn noch nie wurde ein Großstadt so grazil dargestellt.

Herrenhäuser in der Normandie

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Verwitterte Fassaden im strahlenden Grau der Sommersonne. Akkurat geschnittene Heckenfronten. Holzschindeln, deren Abnutzungsgrad an Wiederaufbau denken lässt. Geschickte Handwerkskunst an den Fachwerken. Ja, wir sind in der Normandie. Weit ausladende Behausungen mit endlos erscheinenden Dachflächen. Rustikal und dennoch erhaben stehen sie allen Winden trotzend im saftigen Grün der Landschaft: Herrenhäuser.

Manche sind Festungen, die schon ein Jahrtausend lang hier verwurzelt sind und sich schon so manchem Ansturm erwehren mussten. Ein Blick ins Innere lässt Phantasien vom savoir-vivre und vom Leben wie Gott in Frankreich aufkeimen. Auf den Dachböden lagern riesige Fässer, in denen edle Tropfen reifen. Auf dem saftigen Grün geht Federvieh dem Müßiggang nach. Seerosen beschützen Neptuns Gefährten in liebevoll gestalteten Teichen. Wenn man jetzt und hier vom Blitz getroffen wird, man würde nichts vermissen.

Apropos vom Blitz getroffen. Dreihundertsechzig Seiten für unglaubliche zehn Euro. Guter Geschmack muss nicht teuer sein. Schon beim ersten Durchblättern wird die Phantasie beflügelt. Einmal verführerisches Burgfräulein oder mutiger Ritter sein. Ritterspiele in scheinbar unberührter Natur veranstalten. Kein einziges Anwesen wirkt irgendwie gekünstelt. Mutter Natur hat ihrer Vorstellung immer wieder ein neues Gewand verpasst. Doch die anscheinende Belassenheit ist das Ergebnis Jahrhunderte langer Pflege und Weiterentwicklung.

Régis Faucon hat diese architektonischen Erbstücke gekonnt in Szene gesetzt. Yves Lescroart füllt die Wissenslücken gekonnt mit historischen Fakten ohne dabei den schillernden Charakter des Bildbandes zu sehr ins Wissenschaftliche zu ziehen.

„Herrenhäuser in der Normandie“ ist eine Zierde für jeden Bücherschrank. Doch es nur als Vorzeigestück zu bezeichnen, wäre Platzverschwendung. Geballtes Fachwissen trifft auf geschultes Auge. Das Ergebnis ist eine geballte Ladung Fernweh mit Nebenwirkungen wie Reisefieber.

Kapverden – Afrikanische Perlen im Atlantik

Kapverden - Afrikanische Perlen im Atlantik

Joachim Frank ist ein Urlauber wie er im Buche steht. Seine Reiseziele sucht er neben sich Erholungsgrad, Erlebnisgehalt und Wetteraussichten auch nach Originalität aus. Und mit den Kapverden, Kapverdischen Inseln, Cabo Verde liegt er ganz weit vorn. Das macht auf den ersten Blick unwahrscheinlich neidisch. Doch Joachim Frank ist so freundlich dem Leser alle seine Eindrücke mitzuteilen.

Die Kapverden liegen rund 500 Kilometer vor der Küste Senegals. Zwölf Inseln, die schwer zu beackern und zu bewohnen sind. Es ist ein gemütliches und beschauliches Leben hier mitten in der Blütenpracht der Inselgruppe. Wer weggehen kann, geht. Wer als Tourist die Inseln erobern kann, kommt.

Die Kapverden sind das ideale Reiseziel für alle, die in der Natur ungestört wandern wollen, die noch Berge erobern wollen wie einst Tom Sawyer den Mississippi. Für alle, die die Wörter Abenteuerlust und Entdeckergeist noch nicht aus ihrem Wortschatz gestrichen haben. Für alle, denen es bei „all-inclusive“ einen gruseligen Schauer über den Rücken jagt.

Joachim Frank und seine Frau nehmen das Abenteuer Kapverden in Angriff. Dieses Mal durfte er allein aussuchen, wohin die Reise geht. Gut gemacht. Wie jeder gute Tourist, bereitet sich Joachim Frank genauestens auf die Reise vor. So folgt dem obligatorischen Vorwort (wie die Reise zustande kam) ein kurzer Abriss in Landeskunde und –geschichte.

Und schon beginnt die Erkundung der grünen Felsen bzw. der grünen Landzunge.

Die Kapverden sind vulkanischen Ursprungs – Wanderungen zu den Gipfeln und Kratern sollte man nur geschulten Wanderern überlassen, ansonsten gibt es auf den Kapverden jede Menge Guides, die Gruppen an den Rand der Weltentstehung führen.

Autor Joachim Frank bereist verschiedene Inseln der Kapverden. Von schroffer Wildschönheit bis hin zur Badeinsel nimmt er jedes Angebot wahr. So – und nur so – entsteht für den Leser ein allumfassender Einblick in eine Inselwelt, die uns bisher verborgen blieb. Wer kennt schon jemanden von den Kapverdischen Inseln?

„Kapverden – Afrikanische Perlen im Atlantik“ ist ein Appetizer für alle, die auf der Suche nach dem nächsten Urlaubsziel sind. Ein bisschen Europa, ein bisschen Afrika, saubere Luft, atemberaubende Natur. Der Autor weiß zu verzaubern. Die Natur ist der eigentliche Held dieses Reisebandes. Die Wanderungen durch sie hindurch der Weg der Erkenntnis. Das Buch – ein wehmütiger Rückblick auf die wohl schönste Zeit des Jahres.

Unterwegs in Sizilien

Unterwegs in SizilienUlrike Rauh ist eingefleischten Italienreisenden als Autorin phantasievoller und harmonischer Spaziergänge durch Venedig, Rom, Florenz, Neapel und Ischia bekannt. Da ist es fast schon eine Schlussfolgerung, dass nun eine weitere abwechslungsreiche Destination am Stiefel Ulrike Rauh ins Visier genommen hat: Sizilien.

Die Autorin hat sich fest vorgenommen, ihre Freunde in Noto zu besuchen. Noto – so ganz nebenbei gesagt – war auf der Tourismusmesse in Berlin übrigens die einzige Stadt Siziliens, die mit einem Stand auf sich aufmerksam machte. Ende des 17. Jahrhunderts wurde wie durch ein Erdbeben komplett zerstört. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine bis heute blühende Barockstadt auf dem Lavaboden gestampft.

Doch die Reise geht weiter. Durch das Tal der Tempel, Cefalu bis nach Palermo. Eine Stadt, die ihres gleichen sucht. Mafiahochburg, Heimat der schönsten Gärten Südeuropas, die in Italien verwirrenderweise Villa heißen, die die Autorin feststellt. Auch die Besteigung des Ätnas darf bei der Rundreise nicht fehlen. So, reichlich einhundert Seiten gelesen und erfahren, was alles gesehen haben muss. Die eigene Reise kann also beginnen.

Wer „Unterwegs in Sizilien“ so abschließt, darf nicht nach Sizilien einreisen. Das müsste verboten werden. Denn Ulrike Rauhs Bücher muss man mehrmals lesen – zwischen den Zeilen. Erst dann wird die Tragweite ihrer Worte sichtbar. Erst dann tritt die Schönheit der Landschaft vor den Vorhang des Nichtwissens. Erst dann kann man die Vielfalt Siziliens so richtig aufsaugen.

Ulrike Rauh nimmt sich außerdem die Zeit die Landschaft auf der Leinwand festzuhalten. Einige ihrer Bilder sind im Buch zu sehen und machen apettito auf mehr. Mehr Reiseimpressionen. Mehr Anekdoten. Mehr Sizilien. Ulrike Rauh beschreibt nicht nur nuancenreich, was sie alles gesehen hat. Sie hat sich vor der Reise informiert und lässt nun den Leser daran teilhaben. Wie ein Reiseleiter, nur ohne drohenden Signalschirm, der einem verheißt, dass es nur hier – und nirgendwo anders! – die Extraportion Wissen gibt. Ulrike Rauh und Sizilien – eine wortwörtliche Allianz, die man dank des Wiesenburgverlages immer wieder genießen kann.

Tango fatal

Tango fatal

Wenn man sich die vergangenen Jahre betrachtet, ragen Menschen aus einem Land besonders hervor: Argentinien. Alles überragende Fußballer wie Diego Armando Maradona und Lionel Messi. Ein Papst. Und seit neuestem Königin Máxima, Prinzessin der Niederlande. Des Weiteren bringt man Argentinien, und zwar nur Argentinien, mit einem weiteren kulturellen Erbe in Verbindung: Dem Tango. Zwar wurde auch Uruguay durch die UNESCO zum Erhalt des Tanzes „verdonnert“, doch ist nur die Region vom südlichen Ufer des Rio de la Plata bis nach Feuerland dafür berühmt.

Viele Sagen und Mythen ranken sich um den leidenschaftlichen Tanz. Ein getanzter trauriger Gedanke sei er. Oder eine Sucht. Oder ein Bordellreptil. Vieles mag stimmen, doch der Gedanke, dass der Tango ein getanztes Leben sei, verleiht dem Ran-tan-tan-tan die bedeutungsvolle Schwere.

Mauri Antero Numminen, der finnische Avantgard-Musiker bringt es in seiner Geschichte auf den Punkt. Ja, ein Finne bildet den Auftakt zu einem zutiefst lateinamerikanischen Buch. Denn der finnische Tango ist eine eigenständige Musikrichtung. Für Faktensammler lohnt sich der Erwerb dieses Büchleins schon allein deshalb.

Auszüge aus Henning Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ und aus Jorge Luis Borges‘ Werk sowie ein „Vollständig unvollständiges Alphabet des Tangos“ von Jörg Krummenacher und zahlreiche kleine Anekdoten aus allen Ecken und Winkeln der Welt komplettieren dieses richtungsweisende Werk in Sachen Auszüge aus großen Werken zu einem Thema. Normalerweise sind Bücher wie diese reine Werbemaschinen, um Werke aus dem eigenen Verlag unters Volk zu bringen. „Tango fatal“ ist nur einem Ziel verpflichtet: Den Tango in die Bücherregale zu tragen.

Ein stringenter Rhythmus, melodisch, ja fast schon tragisch, durch ein Bandoneon in eine tanzbare Form gebracht – das ist Tango. Zumindest fürs Ohr. Doch Tango geht tiefer. Durch das Ohr ins Hirn, und von da direkt ins Herz, das die Impulse unweigerlich in die müden Knochen weiterleitet. Ein leichter Tonus durch zuckt erst die Arme, Hände und Finger. Dann können sich auch die anderen Extremitäten nicht länger zur Wehr setzen. Der ganze Körper taucht ein in das Feuer des Tangos.

Die Autoren verzichten weitesgehend auf die stereotypen sexuellen Verdächtigungen, die mit dem Tanz einhergehen. Vielmehr berichten sie von der Unmöglichkeit Tango in Berlin zu tanzen oder von der guten alten Zeit eines Carlos Gardel, dem größten Tango-Interpreten. Wer Tango liebt, dessen Liebe wird hier Seite für Seite, immer wieder und wieder neue befeuert. Die einzig zulässige Bücherverbrennung der Gegenwart!

Baden-Württemberg in 101 Orten

Baden-Württemberg in 101 Orten

Im Leben eines Reisenden kommt irgendwann die Erkenntnis: Jetzt habe ich die ganze Welt bereist, aber vor der eigenen Haustür bellen mich immer noch die Hunde an. Höchste Zeit die Heimat kennenzulernen! Der Konrad-Theiss-Verlag aus Stuttgart schlägt als erste Etappe das heimatliche Baden-Württemberg vor. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt durchaus mehr als 101 Orte im Südwesten der Republik, die es wert sind besucht und erkundet zu werden. Doch irgendwo muss nun mal eine Grenze gezogen werden. Dennoch sind die vorgestellten 101 Orte nicht irgendwie oder willkürlich ausgewählt worden.

Selbst Profireisende, vielleicht sogar Einheimische werden hier noch überrascht werden. Garantiert! Pro Seite wird ein außergewöhnlicher Ort mit dem gewissen Etwas vorgestellt, unter Werbefachleuten nennt man das dann den Unique Selling Point, also den einzigartigen Wiedererkennungswert. Daneben wird ein aussagekräftiges Bild gestellt. Die Autoren Andreas Braun und Gabriele Renz haben es sich nicht einfach gemacht Baden-Württemberg 101 einzigartige Gesichter zu verleihen. Sei es ein originell, von Tomi Ungerer gestaltetes Toilettenhäuschen in Plochingen oder das Heidelberger Schloss oder der Atommeiler in Obrigheim, der bezeichnenderweise in der Kraftwerkstraße steht.

Viele Orte bieten aber mehr als eben nur die im Buch beschriebenen Sehenswürdigkeiten. Der Hölderlinturm in Tübingen ist sicher eine Attraktion, aber bei Weitem nicht die Einzige. So wird „Baden-Württemberg in 101 Orten“ zum Stichwortgeber einer ausgedehnten Reise durch das Land der Schwaben und Badener. Und so sollte man dieses Buch auch annehmen. Ein Wegweiser durch knapp 36.000 Quadratkilometer. Von „Mannem“ bis „Konschtanz“, von Rust bis Ulm.

Dieses Buch ist ein wahres Füllhorn der Reisevorbereitungen: Bildband, Wegweiser, Ratgeber und Lesebuch in einem. Wer mit diesem Buch seine Reisevorbereitung bestreitet, kommt immer ans Ziel. Und Nachbars Lumpi gewöhnt sich auch nach und nach an den willkommenen weit gereisten Gast …

Burma / Myanmar

Burma - Myanmar

Eine Reise nach und durch Burma, Birma, Myanmar kann schnell zum Politikum werden. Obwohl die Diktatoren vor einigen Jahren ihre bislang schwer gesicherten Grenzen für Investoren weit geöffnet haben, steht das Land immer noch unter der Fuchtel der Militärjunta. Die Opposition, die von der Lichtgestalt Aung San Suu Kyi angeführt wird, sitzt zwar im Parlament, jedoch sind ihre Sitzplätze von vornherein limitiert gewesen. Viele der ehemaligen Regierungsmitglieder sind heute anerkannte und oft gesuchte Ansprechpartner bei Investitionen. Soweit die politische Sichtweise Myanmars.

Touristisch ist Myanmar auf dem Weg ein Tiger zu werden, der das Zeug hat den großen Nachbarn Thailand den Rang abzulaufen. Christoph Hein und Udo Schmidt sind durch das Land gereist, das in den vergangenen Jahrzehnten so stark gebeutelt wurde. Sie haben Menschen getroffen, die Diktatur, Besatzer, Korruption und auch die neuerliche Wende zur Eigenverantwortung überlebt haben. Sie berichten wie Burma war und Myanmar ist. Wie es sein wird, kann man nur erahnen. Die beiden Autoren sind Korrespondenten für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und den ARD-Hörfunk für die Region Südostasien. Mit Beharrlichkeit und Akribie schaffen sie es Geschichten aus den Menschen herauszukitzeln, die einzigartig sind, die so noch nie erzählt wurden.

„Reportage „Burma / Myanmar“ ist bekunden der Autoren keine Reisereportage. Zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Die Pagoden am Wegesrand bleiben auch dort. Hier stehen die Menschen im Vordergrund. Und die sind es schließlich, die ein Land prägen. Nicht prachtvolle Paläste – das ist was fürs Fotoalbum. Die Herzlichkeit, der Kampfeswille, die Wandlung und das Traditionsbewusstsein bestimmen den Alltag in Myanmar. Und über allen leuchtet das personifizierte Charisma: Aung San Suu Kyi. Fast scheint es so als ob es kein Buch über das Land ohne die Lady – wie sie respektvoll im Land genannt wird – existieren darf. Doch ihre Lebens- und Leidensgeschichte ist nun mal wie gemacht für ein Buch. Wer Ausflugstipps erwartet, wird in diesem Buch enttäuscht – das machen die Autoren von Anfang an klar. Wer jedoch das zauberhafte, wahre Myanmar entdecken will, kommt auf den 130 Seiten voll auf seine Kosten. Die Autoren nehmen den Leser mit auf Entdeckungstour durch ein Land, das in den vergangenen Jahren durch die blutige Niederschlagung des Mönchs-Aufstandes und einen verheerenden Tsunami in den Medien Erwähnung fand. Doch Burma / Myanmar hat weitaus mehr zu bieten…