Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Eine Träne. Ein Lächeln

Das Wort Integration ist zu einem Feindbild geworden. Wohl aus deshalb, weil keiner so recht weiß, was dieses viersilbige Wort alles beinhaltet. Anpassen, mit dem Strom schwimmen, unauffällig sein. Das ist in den Augen der meisten die Definition von Integration. Das bedeutet aber auch die eigene Identität einzutauschen. Eigene Traditionen über Bord zu werfen. Die eigene Geschichte in einen Schleier des Vergessens hüllen. Luna Al-Mousli wuchs in Damaskus auf, einer der ältesten Städte der Welt. Wenn sie also von Traditionen spricht, sind manche älter als hierzulande ganze Landstriche bewohnt sind. Ihr Erstlingswerk „Eine Träne. Ein Lächeln“ ist die Essenz ihrer Erinnerungen. Keine ausschweifenden Anmerkungen, was das Leben ihr bot, was das Leben aus ihr machte. Viele kleine Anstupser, die sie nicht mehr vergessen kann, die sie prägten und niemals aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden. Der Duft von Jasmin, die Großmutter, die diesen immer zupfte und sammelte. Die politische Indoktrination in der Schule – Willkür und Stockhiebe. Die große Familie, die immer da war. Die Vorsicht vor dem Assad-Regime.

Mancher Leser wird vielleicht diese Ausführungen vermissen. Die Erinnerungen sind nicht nur für die Autorin Cliffhanger, um sich ihrer Wurzeln bewusst zu bleiben. Auch der Leser kann sich fortwährend einen Reim auf sie machen. Was macht es mit einem jungen Mädchen, wenn sie nach Joghurt ansteht und die Staatsmacht in Gestalt einen Soldaten sie betatscht? Angst? Unsicherheit? Ungläubigkeit? Vertrauensverlust?  Wahrscheinlich alles zusammen.

Luna Al-Mousli lebt heute in Wien. Ist sie integriert? Sie selbst ist sich da nicht so sicher. Die Sprache beherrscht sie akzentfrei. Sie kann tun und lassen, was sie möchte. Kann studieren. Kann sich entfalten. Sie ist ihres Glückes eigener Schmied. In Syrien ist Familie. Sind die Familientreffen. In Syrien ist sie geborgen. Aber auch immer auf der Hut.

Man darf dieses Buch nicht als Markstein für gelungene oder misslungene Integration ansehen. Es ist – bei aller wundervollen Gestaltung – ein Rückschauhalten einer jungen Frau, die ihren Weg gegangen ist, diesen nun ab und zu verlassen kann, um eigen Pfade anzulegen. Sie blickt zurück, was sie nicht daran hindert nach vorn zu schauen.

Unterwegs in meinem Apulien

Es gibt viele Sehnsuchtsorte über die es sich lohnt zu berichten. Und zwar genauso viele wie es Touristen gibt. Ingeborg Gleichaufs Sehnsuchtsort heißt Apulien. Gleich mehrere Jahre hintereinander verbrachte sie vor über zwanzig Jahren jeweils gleich mehrere Wochen im Süden Italiens. Familienurlaub und somit noch um einiges wertvoller als andere Urlaubsarten. Vor einiger Zeit gab sie dann endlich ihrer Sehnsucht nach und bereiste Apulien noch einmal.

Was wird sich wohl verändert haben? Auf alle Fälle nicht die Art der Vorbereitung. Die wichtigsten Eckpunkte standen schon vor Reiseantritt fest. Doch nicht allzu sehr in die Tiefe gehend. Denn dann würde ihr nicht mehr viel Raum für Neues bleiben.

Wohlwollend nimmt der Leser zur Kenntnis, dass er hier keinen weiteren reiseband in den Händen hält. Ingeborg Gleichauf gibt zwar hin und wieder Tipps, wo man sich gern niederlassen könnte, um der köstlichen apulischen Küche zu frönen, doch nur mit diesem Buch im Gepäck Apulien zu erobern, wäre zutiefst frevelhaft.

Als Einstimmung nimmt die Autorin den Leser mit auf das Castel del Monte. Das achteckige Bollwerk, das dem Kopf Kaiser Friedrichs II. entsprang ist das gegensätzlichste Monument der Region. Ein Ort der Ruhe wegen der extrem dicken Mauern und zugleich ein Ort voller Lebendigkeit. Denn Kinder und Burgen – das kann nicht leise vonstattengehen. Zudem befindet man sich innerhalb eines echten Nationalmonumentes. Wer schon mal ein italienisches Ein-Cent-Stück in den Händen hielt, erkennt das Gemäuer sofort.

In einem Reiseband hat Ingeborg Gleichauf gelesen, dass Apulier nicht gerade offen auf Fremde zugehen. Zurückhaltung liegt ihnen näher als Offenherzigkeit. Pah, da kann sie nur drüber lachen (so auch über so manchen engstirnigen Deutschen, der dialektbeseelt am Morgen seine Brötchen kaufen will, köstlich). Vincenzo ist der lebende Beweis, dass das Vorurteil komplett falsch ist und wahrscheinlich einer einzigen, nicht repräsentativen Begebenheit zugrunde liegt. Kaum angekommen, fühlt sich Familie Gleichauf als Familienmitglied einer apulischen Gemeinschaft.

„Unterwegs in meinem Apulien“ hält, was es verspricht. Über einhundert Seiten höchstpersönlicher Eindrücke, die Essenz mehrerer Reisen in den Süden Italiens, dort, wo die Sonne erbarmungslos brennt, das Meer in kitschigem Blau erstrahlt und die Mahlzeiten auf den Tellern an Frische kaum zu überbieten sind. Als Reiselektüre immer wieder anregend und ein Erinnerungsstück nicht nur für die Autorin.

99x Rheingau

Für alle, die noch nicht wissen sollten: Folgt man dem Sonnenuntergang von Mainz aus gelangt man unweigerlich in den Rheingau. Enthusiasten und Fans dieser Region sagen, wenn‘s am schönsten ist, ist man da!

Sabine Fladung und Lydia Malethon können dieser Behauptung nur zustimmen, denn sie sind Kinder dieses Landstriches. Ihre Begeisterung für ihre Heimat teilen sie in diesem Buch, das auf den ersten Blick knapp einhundert Orte, Dinge und wissenswerte Infos für den geneigten Rheingau-Neuling, aber auch für ausgefuchste Rheingau-Experten parat hält. Wer sich jedoch in dieses Buch vertieft, entdeckt den einen oder anderen Punkt mehr, so dass aus neunundneunzig Tipps ganz schnell hundert, hundert und ein Dutzend … Hinweise werden.

Schon gleich der erste Punkt ist nichts, was man anfassen kann. Nichts zum Herumwandern. Es ist die Geschichte des Freistaates Flaschenhals. Was nach einem Werbegag einer Brauerei klingt, war tatsächlich einmal Realität. Nach dem ersten Weltkrieg zeichneten die Siegermächte auf der Landkarte ihre Einflussgebiete auf. Mit dem Zirkel. Der kann bekanntlich keine Ecken zeichnen. Und so ergab sich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zwischen Lorch und Kaub. Es gab eigenes Geld, jedoch reichte das Land nicht, um seine Bewohner zu ernähren. Der Schwarzmarkt florierte. In Nacht- und Nebelaktionen wurden schon mal Kühe von A nach B, bzw. in oder aus dem Freistaat geschafft. Vier Jahre hielt die scheinbar heile Welt. Frankreich besetzte das Gebiet und dem Flaschenhals wurde der Kronkorken der Grande Nation aufgesetzt.

Dass der Rheingau weltoffen ist, beweist die Tatsache, dass das Bermudadreieck ebenfalls hier liegt. Was? Die beiden Autorinnen erlauben sich die Anleihe und schreiben über das kulinarische Bermudadreieck. Kronenschlösschen, Zum Krug und Adlerwirtschaft bilden die Eckpunkte dieses lukullischen Gebildes, das in der Mathematik und Physik als stabilste geometrische Verbindung gilt. Gediegen, gehoben, sternprämiert. Und immer lecker! Was hilft es davon zu reden oder darüber zu schreiben – Mund auf, Gabel rein und genießen.

Um nicht komplett schon vor einer Reise in den Rheingau alles zu verraten, sei an dieser Stelle angeraten, dieses Buch noch vor allem anderen ins Reisegepäck gehört. Sabine Fladung und Lydia Malethon haben nicht nur den Rahm der Region abgeschöpft, sondern sind tief in den Schmelztiegel Rheingau hinabgestiegen. Neben nützlichen Informationen verführen die beiden den Leser mit so mancher Anekdote. Die günstige Lage des Rheingaus in der Mitte Deutschlands erlaubt jedem mal schnell einen kleinen Abstecher nicht nur zum Weingenuss zu tätigen. Und mit diesem Buch von Kennern wird man selbst schnell zum Fan.

Die Seele des Flusses – Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien

Als der Eiserne Vorhang Rost ansetzte und brüchig wurde, starteten Reisejournalisten und Neugierige aus aller Herren Länder, um wahre Abenteuer „gleich um die Ecke“, in Europa erleben zu können. Sie zogen über unendlich weite Felder, die nie von der Zivilisation wie wir sie kennen berührt wurden. Sie stapften durch Moore. Sie bereisten Flüsse. Drei Jahrzehnte später fällt es wieder einmal schwer Landschaften zu entdecken, die zuvor kaum jemand gesehen hat. Und da kommt Paolo Rumiz daher und behauptet den Po, also den Fluss (erster und letzter Sprachwitz zum Thema Po, versprochen) als erster entdeckt zu haben. Was? Ein Fluss, der durch die Industriemetropole Turin fließt, der Piacenza sanft streichelt, der die Musikstadt Cremona prägt, der zu Parma gehört, obwohl er die Stadt gar nicht berührt, ein Fluss, der das Dorf Brescello (hier wurden die Don Camillo & Peppone-Filme mit Fernandel gedreht) umschließt, der weit verzweigt in die Adria fließt, so dass sie als legitimer Bestandteile des Flusses gilt. Und diesen Fluss will noch niemand kartografiert haben? Noch nie irgendjemand erkundet haben?

Es ist mehr ein symbolischer Erkundungsakt, den Paolo Rumiz hier vornimmt. Denn natürlich wurde der Po schon erkundet. Und natürlich gibt es Karten. Aber es gibt keine ausgewiesene Erkundungstour von der Quelle bis zur Mündung. Und wenn doch, dann ist sie bei Weitem nicht so beeindruckend wie dieses Buch!

Bei Hochwasser ist der Fluss eine gefräßige Bestie, die ihre Hauer in die Böschung beißt und alles mitreißt, was nicht sicher im fruchtbaren Boden verankert ist. In den Sommermonaten ist der Fluss der ruhige Begleiter, der die erbarmungslose Sonne vergessen lässt.

Paolo Rumiz erkundet Italien von dem italienischen Fluss aus. An Land gehen und sich umschauen – ja, das tut er auch. Doch vor allem findet er auch die Geschichten, die das Leben am Fluss so schreibt. Fischer und Restaurantbesitzer sowie seine Mitstreiter auf den Flussgefährten (vom kleinen Bötchen bis zur Barke) erzählen sie ihm von ihrer Sicht auf den Fluss. Und Paolo Rumiz hört ruhig zu und berichtet in diesem faszinierenden Buch von eben diesen Leben. So langsam der Fluss in so manchen Abschnitten dahingleitet, so beruhigend wirken seine Worte auf den Leser. Wie ein Zugvogel gleitet er auf dem Fluss dahin, der vom Piemont über die Lombardei und die Emilia Romagna bis ins Veneto reicht. Paolo Rumiz ist der Po noch nicht genug, er will auch die Seitenarme und Zuflüsse erkunden. Und so treibt es ihn bis an die oberitalienischen Seen. Seine selbst gezeichneten (und im Buch abgebildeten) Karten sind die Grundlage für eine Reise, die nur ein Prädikat verdient: Abenteuer.

Ein Abenteuerroman auf höchsten sprachlichem Niveau, der jeden Leser in die Fluten reißt und ihn ein einmaliges Erlebnis beschert.

Tattoo & Religion

Wer vor Jahrhunderten seinen Freigeist, sein Weltgewandtheit, sein Weltenwissen demonstrieren wollte, zeigte nur allzu gern seine Tätowierung(en). Ein Seemann schmückte Arm und Oberkörper mit einem Kreuz, einem Herz und einem Anker. Glaube, Liebe, Hoffnung. Somit war klar, dass hier einer einem gegenübersteht, der die Welt gesehen hat, den kein Sturm so leicht umhaut. Dann kamen die Knasttätowierungen. Ein Träne am Auge, drei Punkte auf dem Handrücken – Vorsicht!, der kann auch anders! Und heute? Die Schlampenstempel gehören der Vergangenheit an – zu Beginn des Jahrtausends waren sich noch ein Zugehörigkeitssymbol des Abgrenzens, is noch gar nicht so lange her.

Tausende von Tattoo-Studios überleben dank des anhaltenden Dranges sich ewig als einzigartig darzustellen. Wie bei so vielen Trends kristallisieren sich aber immer wieder echte Könner ihres Faches heraus, die die breite Masse an „Handwerkern“ im schwammigen Licht ihrer verwischten Hautbildchen in die Bedeutungslosigkeit rücken.

Und so gibt es zahlreiche Bücher mit zahlreichen Bildern von mehr oder weniger originellen Tattoos. Paul-Henri Campbell sticht mit seinem Buch „Tattoo & Religion“ aus dieser Masse auffällig hervor. Er interviewte rund um den Erdball wahre Meister, die mit der Nadel wahre Kunstwerke schufen, die ihre Träger / Besitzer tatsächlich aus der Masse der Tätowierten herausstechen lassen. Natürlich fallen dem Betrachter, dem Leser zuerst die eindrucksvollen Bilder auf. Schließlich sind die Hauptakteure, die bleibenden Eindrücke, geritzt in die Epidermis der Unvergänglichkeit. Doch schon einmaligem Durchblättern kehrt man schnell zum Anfang zurück, um die Interviews eingehend zu studieren. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob man sich selbst zur Leinwand machte oder nicht. Ein gut gesetzter Strich bleibt nun mal in Erinnerung!

Schon die Pilger vor Jahrhunderten ließen sich die religiöse Symbole in die Haut ritzen, um den Daheimgebliebenen von ihren Reisen ein zweidimensionales Andenken präsentieren zu können. Instagram Null Punkt Null, sozusagen. Wobei das Demonstrieren eher der Zugehörigkeit zu einer Gruppe diente als pures Präsentieren der eigenen Einzigartigkeit.

„Tattoo und Religion“ – mehr als nur ein Buch über Zeichnungen und Gottesglaube. Für viele ist das Tätowieren an sich schon eine Lebenseinstellung, eine Art Religion. Und wie so oft in der organisierten Kirche, geht es irgendwann auch mal ums Image, sprich ums Geld. Henk Schiffmacher aus Amsterdam kann sich rühmen Lady Gaga auf seiner Pritsche unter sich leiden zu sehen. Bei ihm – und da stellt er eine echte Ausnahme dar – war zuerst das Talent da. Dann kamen die Ideen (Tattoo-Conventions, ein Tattoo-Museum), erst dann der Ruhm und somit auch der prall gefüllte Klingelbeutel. Seine Ansichten und Erfahrungen zur Körperkunst sind nicht unbedingt mit einer Bibel gleichzusetzen, seine Jünger werden dieses Kapitel jedoch verschlingen. Alles in allem ist dieses Buch eine Abwechslung zum vielfachen Dilettantismus, der fast schon an Beleidigung grenzt, wenn man des Sommers durch die Straßen läuft. Ob das reduzierte Linienspiel von Chaim Machley oder farbgewaltige Kirchenfensterbilder von Mickaël de Poissy – dieses Buch begeistert nicht nur wegen der Darstellungen was Tätowierkunst überall auf der Welt im Stande ist zu vollbringen, sondern und vor allem durch die Ansichten der Meister. Für Kenner, für Puristen, für alle dazwischen.

Lissabon

Es gab Zeiten, in denen eine Reise nach Lissabon einer Reise ans Ende der Welt gleichkam. Und das obwohl von hier Reisen an selbiges begannen. Heute pflegt die Stadt ihr Image als geheimer Hotspot am westlichen Rand Europas. Jetzt kommt man von allen Enden der Welt, um Lissabon zu besuchen. Autor Johannes Beck erlag der Faszination der Stadt auch. Als Zivi und kurze Zeit später lernte er die Stadt kennen und vor allem lieben. Die zehnte Auflage des Reisebandes MM City Lissabon ist nicht nur ein kleines Jubiläum, es ist vor allem ein Reisebuch, das dem Besucher eine Stadt aufzeigt, die sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt hat und sich dennoch ein paar Fleckchen ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Und diese gilt es zu entdecken.

Lissabon hat sich wie viele andere Städte auf Touristen eingestellt. Schnelle Wege zu den Hotspots der Stadt erleichtern es dem Spontantouristen vieles ganz schnell zu erreichen. Nachteil: Alle sehen dasselbe. Für einen Ein-Tages-Trip nicht ungewöhnlich und sehr erleichternd, doch Lissabon hat dann eben nur gesehen. Es wirklich erlebt zu haben, kann man so nicht behaupten.

Dieses Buch ist vollgestopft mit Reisetipps, die jedem Touristen in die richtige Richtung lenken. Das beginnt bei Ratschlägen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln – ja, die Straßenbahnen in Lissabon sind nostalgisch, tragen aber bei entsprechender Planung ein gewaltiges Sparpotential in sich, Stichwort rechtzeitig Tickets kaufen – und es endet noch lange nicht mit allen Sinnen beeindruckenden Spaziergängen. Von denen gibt es übrigens ein ganzes Dutzend in diesem Buch, die schon beim Lesen die Stadt erstrahlen lassen.

Dass Gegensätze sich anziehen, stellt beispielsweise Tour 7 unter Beweis. Campo de Ourique ist ein Viertel, das von der Kuppel der Basílica da Estrella überragt wird. Das Lissabon des Herzens ist hier zu Hause. Die Tour ist aber nicht allein ein Spaziergang auf totem Pflaster, es ist mehr ein Boulevard der weichenden Dämmerung. Denn der zweite Teil führt in nach Amoreiras, das von einem futuristischen Einkaufszentrum nicht minder bestimmt wird. Und der Spaziergang führt in die Unterwelt. Physisch, nicht sinnbildlich! Mãe d’Agua lautet das Zauberwort, von hier wurde Lissabon mit kostbarem Nass versorgt. Eine Führung lohnt sich und Gummistiefel braucht man auch nicht.

Johannes Beck zeigt dem Leser / Gast ein Lissabon, das er vielleicht schon aus Reportagen zu kennen glaubt, garniert es ausreichend mit versteckten Ohos und Ahas, dass man das Gefühl bekommt die Stadt schon ewig zu kennen. Besonders die farbig unterlegten Kästen („Lissabon im Kasten“) enthalten genug Stoff, um hinterher mit seinem Fachwissen angeben zu können. Ein unverzichtbarer Begleiter durch eine Stadt, die man nach dieser Lektüre doch nicht so gut kannte wie man dachte.

Durch den Süden Frankreichs

„Umso weniger man denkt, desto einfacher wird es“, mit dieser epochalen Erkenntnis reicht es allenfalls für ein projektbezogenes „Kommentatoren“-Engagement in einer Randsportart. Wer mit dieser Einstellung Frankreich im Allgemeinen und dessen Süden im Speziellen erleben will, kommt über Bouillabaisse und Sonnenbrand nicht hinaus!

Manfred Hammes liebt die Côte d’Azur, die Rhône, das Languedoc, den Train de pigne … halt alles, was im Süden Frankreichs den Süden Frankreichs ausmacht. Und das spürt man mit jeder Zeile dieses Buches, mit dem man diesem einzigartigen Landstrich näher kommt und ihn in sich aufsaugt. Ein Reiseband soll Appetit machen, Hilfestellung leisten und die richtige Weg anzeigen. Das tut dieses Buch! Doch es erlaubt dem Leser / Reisenden mehr als nur einen Blick über den Fischsuppentellerrand hinaus.

Sechzehn Postkarten schickt Autor Manfred Hammes an den Leser. Sechzehn Kapitel verführen, verzaubern und lassen den Leser sich in eine Region verlieben, die mit offenen Armen auf Besucher wartet, doch ihre wahren Schätze nur dem Neugierigen offenbart. Joseph Roth und Vincent van Gogh bereichern gleich das erste Kapitel. Letzter war dermaßen von dem Licht angetan, dass er es sich nicht vorstellen konnte jemals wieder woanders zu malen. Eine unglückliche Liebe, wie hinlänglich bekannt ist. Doch die Provence ohne van Gogh wäre auch irgendwie unvorstellbar. Wesentlich kühler ist es, wenn der Mistral durchs Rhônetal bläst. Dann sinken die Temperaturen sichtbar – im Ernst: Wer das Thermometer währenddessen beobachtet, kann den Temperaturabfall nicht nur spüren, sondern auch sehen.

Doch man fährt nicht in die Provence, an die Côte oder in die Pyrenäen, um van Goghs Motiven nachzujagen oder dem Thermometer beim Sinken zuzuschauen. Man will ein Lebensgefühl in sich aufnehmen. Und dazu gehört auch Wein. In loser Reihenfolge berichtet Manfred Hammes über die Flüssigkeit, die in Maßen ein Genuss ist, bei Mangelerscheinungen Objekt der Begierde ist und im Übermaß den Kopf wegen zu viel Input anschwellen lässt.

Zu viel Input kann man diesem Buch nicht vorwerfen. Es gibt halt nur zu wenig Zeit, um alles aus diesem Buch zu besuchen, auszuprobieren oder nachzuempfinden. Wobei das Nachempfinden ganz einfach ist. Besonders mit diesem Buch in der Hand oder zumindest im Reisegepäck. Siebenhundert Seiten sind kein Leichtgewicht. Aber Kultur hat nun mal ihren Preis! Den Preis des Wissens und des Abenteuers. Es ist ein Leichtes sich Land und Leute eigen zu machen ohne dabei anzuecken.

„Literatur, Kunst, Kulinarik“ lautet die Unterzeile des Buches. Es ist schwer eine rundum funktionierende Handhabung des Buches zu empfehlen. Wer den Süden Frankreichs besuchen will, aber partout nicht weiß, wohin, dem fällt die ehrenvolle und segensreiche Aufgabe zu die siebenhundert Seiten zu lesen. Wer sich in Nizza, Perpignan, Montpellier auskennt wie in der sprichwörtlichen Westentasche, findet in den Ecken selbiger noch so manchen Krümel Wissenslücke, der ihm bisher verborgen blieb. Wann und wo auch immer man dieses Buch in die Hand nimmt, wird man fündig, um die nächsten fünf Minuten oder fünf Urlaube gehaltvoll verbringen zu können. „Durch den Süden Frankreichs“ ist mehr als nur eine Ergänzung zu einem klassischen Reiseband. Ohne dieses Buch ist Südfrankreich nur der Süden unseres Nachbarn, mit diesem Buch ist dieser Landstrich die zweite Heimat, die man jeden Tag neu entdeckt.

Leb wohl, Berlin

Der Herbst 2018 stand ganz im Zeichen Berlins. Das babylonische Treiben zog Fernsehzuschauer in Scharen vor die Glotze. Und alle fanden es chic und schnieke diesem Berlin bei einem Kurzbesuch auf die Spur zu kommen. Doch es war halt alles nur Fiktion.

Christopher Isherwood, der Weltreisende mit dem eingebauten Radar fürs Besondere im Alltäglichen, war auch in Berlin. Doch er hat dieses Berlin, das den Herbst noch bunter machte, selbst erlebt. 1929 setzte er zum ersten Mal einen Fuß auf märkischen Boden. Vier Jahre sollte seine Spürnase in Berlin schnüffeln, aufsaugen und seine Hände dieses Berlin in Buchform verewigen.

Auch seine Figuren sind fiktional, orientieren sich aber stark an echten Typen, die Berlin zu jener Zeit den echten Glanz verliehen. Die berühmteste ist zweifelsohne Sally Bowles. „Cabaret“ soll ihr Denkmal werden. Als Isherwood sie trifft – Realität und Fiktion verschwimme in diesem Band auf wundersame undwunderbare Art und Weise – erwacht Berlin im Scheinwerferstrahl des Hedonismus. Mr. Issiwu wie ihn seine Vermieterin nennt, ist ständiger Begleiter und Beobachter dieses Berlins, das sich noch einmal für die große Party rausputzt. Denn schon bald regiert der braune Terror. Die ersten Ausuferungen sind schon da. Prügeleien und Pöbeleien auf offener Straße werfen ihren angsterfüllenden Schatten voraus, während in den Sälen unter den Kronleuchtern Champagner in Strömen fließt, die Bühnen zum letzten Mal ein Beben verkünden, das bald schon Donnergrollen weichen soll.

Es sind aber nicht nur die Zeilen, die dem Leser hier in eine Zeit entführen, die die Phantasie beflügeln. Christine Nippoldt ist die kongeniale Begleiterin an Isherwoods Seite. Ihre Illustrationen helfen dem Leser nicht nur auf die Sprünge das Gelesene vor Augen zu haben, sondern springen den Leser an, dass er eintauchen kann in eine Welt, die so weit weg zu sein schien.

Dieses Berlin hat nichts mit der so genannten Hipsterkultur der Berliner Gegenwart zu tun. Man trank richtigen Alkohol ohne exotische Zutaten, rauchte puren Tabak, kein flüssiges Gemisch, dessen Namen mehr an Pornodarsteller als Markennamen erinnern, und man feierte aus ganzem Herzen, weil man es wollte und nicht nur, damit das Social-Media-Profil einen hübschen Zuwachs verzeichnen kann. Jede Zeile in diesem Buch, jede Abbildung lässt den Wunsch im Leser erwachen, sich frisch frisiert und im besten Zwirn der Lebenslust hinzugeben.

Die Allee der Zähne

Ihm geht es wie vielen, die dieses Land besuchen: Alle sind fasziniert von der Gastfreundlichkeit und den Geheimnissen des Handelns. Und wenn ein Händler beispielsweise Tomaten als Geschenk anbietet, dafür aber ein Gedicht als Gegenleistung fordert, sagt man brav seine Verse auf. Phantastisch! Aber leider die falsche Sprache, die der Händler nicht versteht. So muss man bezahlen. Lokalkolorit nennt man das dann wohl. Ihm, das ist Guy Helminger, und dieses Land ist der Iran, wohin Helminger 2007 reiste.

Seine Tagebuchaufzeichnungen sind in diesem Buch zu einer Reiseimpression verschmolzen, die Geheimnisse aufdeckt, zum Schmunzeln anregt und vor allem Appetit auf mehr machen. Der Iran des Jahres 2007 ist nicht der Iran der Gegenwart. Es regierte zu dieser Zeit Mahmud Ahmadineschād, ein Präsident, der den Iran wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte, dabei aber leider ein vollkommen verzerrtes Bild zeichnete. Ein Bild von einem rückschrittlichen Land, das jedweden Fortschritt westlicher Lesart verteufelte, das eigene Volk knechtete und die Errungenschaften der Geschichte auf ganz eigene Art interpretierte. Der Iran von heute ist weltoffener, doch nicht minder traditionsbewusst.

Guy Helminger erzählt von einem Land, das sich in seiner Gegensätzlichkeit von den meisten absetzt. Auf der einen Seite strenge Revolutionsgardisten, die sich im Glanze ihrer Macht sonnen. Auf der anderen Seite Jugendliche, die mit Religion nicht so viel am Hut haben wie allgemein angenommen. Revolution allerorten. Es sind die täglichen Begegnungen mit echten Menschen, die ihm – und somit auch dem Leser – den Iran näherbringen. Näher als es reisebände vermögen, intensiver als jeder Fernsehbericht von zehn Minuten Länge. Immer wieder lacht man mit dem Autor über die Sprachbarrieren und deren unvermeidliche Irritationen.

In „Die Allee der Zähne“ erzählt Guy Helminger keine erfundenen Geschichten. Alles echt, alles genau so passiert. Und deswegen gehört dieses Büchlein zur Pflichtlektüre für alle, die den Iran besuchen wollen. Schreckensszenarien wie die von seinem Rückflug, als er erfährt, dass sein Sitzplatz bereits wieder vergeben wurde, da er sich nicht rechtzeitig (was auch immer rechtzeitig bedeuten soll) gemeldet hat, sind nur Randnotizen privater Natur (schlussendlich ging aber alles gut). Teheran und Isfahan standen auf dem Reiseplan des Autors sowie ein Abstecher in ein Dorf, das sich einer Besonderheit rühmen darf. Besteigt man eines der Minarette der Moschee und bringt sie leicht zum Schwanken, wackelt auch der Geschwisterturm. Mittlerweile gibt es dort auch Souvenirminiaturen dieser Besonderheit. So unaufgeregt dieses Buch geschrieben ist, so unaufgeregt sollte man auch die News über Iran annehmen.

Gebrauchsanweisung für Iran

Taarof – wie schmeckt das? Ist nichts zu essen. Ist auch kein Ort. Es ist die iranische Antwort auf gutes Benehmen, Höflichkeit, Gastfreundschaft. Was fast nie in Reportagen und Nachrichtenmeldungen gezeigt wird, ist gelebte Gastlichkeit. Niemals einen Taxifahrer nach dem Weg fragen, wenn man noch nie etwas von Taarof gehört hat! Denn sonst hat man schnell mal die Polizei im Nacken. Denn die Antwort ist meist ausweichend. Und dann beginnt eine Art Feilschen. Bei dem übrigens keiner den Platz als Verlierer verlassen wird.

Auch ist es durchaus üblich die Gastgeberin mit überbordenden Komplimenten, die hierzulande schon längst in die Klamottenkiste gepackt wurden, zu loben. Man wünscht ihr zum Beispiel, dass ihre Hände niemals schmerzen sollen. So viel Enthusiasmus wird in Europa eher misstrauisch beäugt.

Einen ganz speziellen Tipp hat Bita Schafi-Neya, Halbiranerin mit deutschem und iranischem Pass, für ganz Neugierige. Nowruz heißt das Neujahrsfest, bei dem mindestens sieben Sachen, die mit einem „S“ beginnen, auf dem Tisch stehen müssen. Sib, der Apfel, für die Gesundheit – Somagh, Gewürz, für den Geschmack des Lebens – Senjed, Maulbeeren, für die Saat des Lebens – Serkeh, Essig, für die Fröhlichkeit (so weit sind unsere Kulturen doch nicht auseinander) – Sir, Knoblauch, für den Schutz – Sonbol, Hyazinthe, für die Freundschaft  und Samanu, der Weizen für Wohltat und Segen. Ein riesiges Fest, das mehrere Tage dauert und entsprechend zelebriert wird.

Keine Scheu, generell gilt in Iran: Wenn man eingeladen wird, zusagen. Alle Horrormärchen sind nicht wahr. Vielleicht ein paar. Aber mit gesundem Menschenverstand kann man den sofort erkennen – wie überall auf der Welt.

Diese Gebrauchsanweisung verdient ihren Titel von Anfang bis Ende. Ob nun Tipps, was man besichtigen soll, kann, muss, wie man die iranische Währung versteht (Rial und Tomen sind ein und dasselbe nur sind Tomen um eine Null am Ende gekürzt), warum die Traditionen gepflegt und schienbar fast überall und jederzeit missachtet werden können – die Rettung im Dickicht der kulturellen Eigenheiten naht in Form dieses Buches.

Das letzte Kapitel des Buches heißt: „Quo vadis, Iran?“. Wohin steuert das Land der unermesslichen Ölvorkommen und endlosen Reichtümer? Diese Frage kann auch die Autorin nicht beantworten. Doch sie kann die Frage eines jedes Lesers mit einem „Sofort!“ parieren. Nämlich die Frage, wann man in diesem nun nicht mehr so fremden Land die schönste Zeit des Jahres verbringen wird.