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Wiener Märkte – Kulinarische Spaziergänge

Nur ein kleiner Buchstabendreher und alles wird bunt. Wien – Wein. Wein – Wien. Wien verändert sich. Keine breiteren Boulevards, keine neuen Einkaufstempel, die seelenlos das Fußvolk anlocken – nein, überall sprießen neue und alte Märkte aus dem Boden, um dem Frischgebot der Zeit Tribut zu zollen. Georg Renöckl hat sich die Nase geputzt und ist selbiger gefolgt, um Wiens Attraktionen eine weitere bzw. gleich mehrere zu addieren.

Istanbul, Dubai, Goa ohne Märkte – undenkbar. Folklore, wohin man nur sieht. Das Gemeinschaftserlebnis Shopping, das gute Gefühl beim Erzeuger sich die besten Stücke aussuchen zu können, ein verstohlener Blick in die Körbe der „Mitstreiter“, ach, welch ein Erlebnis!

Von der Inneren und der Leopoldstadt über Mariahilf und Alsergrund bis zur Jesefstadt und Hernals, Ottakring, und Liesing schlendert Korbträger Renöckl mit dem Leser über gestandene und neue Märkte der Hauptstadt Österreichs. Und man mag es kaum glauben, aber jeder Markt hat ein unverkennbares Merkmal, den so genannten unique selling point, kurz USP. Also das besondere Etwas, was sonst niemand hat und weswegen man eben genau dorthin geht, und nicht woanders hin.

Wien-Besucher aufgepasst! Zur Stärkung vor und nach dem Spaziergang aufm Zentralfriedhof, nach dem Besuch des Kunsthistorischen, vor dem Staunen und Flanieren im Graben, wird sich erstmal gestärkt. Und zwar kräftig, und zwar vor Ort, und zwar direkt vom Hersteller. Auf geht’s!

Schon die ersten Worte des ersten Kapitels machen Appetit. Denn nur eine gewachsene Stadt kann am rechten Fleck den Bauch haben. Mittendrin. Im ersten Bezirk. Zentraler geht’s nicht. Auf der Freyung wird’s  bio. Seit drei Jahrhunderten kommt hier nur das an den Stand, was jedem gedeckten Tisch zur Zierde gereicht. Hier war schon immer ein Markt, und er wird es auch bleiben. Mit Tradition hat man’s halt an der Donau.

Einzigartig – und auch das verblüfft bei einer so großen Stadt – ist der Meiselmarkt, Wiens einzige Markthalle im 15. Aber er stand nicht immer da. 1990 wurde beschlossen an der originalen Stelle ein – na was schon – Einkaufszentrum zu bauen. Doch die Buden blieben, blieben erhalten und siedelten fünf Jahre später an ebenfalls historischen Ort um. Ein alter nicht mehr genutzter Wasserspeicher wurde zum neuen Anlaufpunkt für das Markttreiben.

Mit allen Sinnen genießen, allen Sinnen – wer das will, darf sich den Leibniz- und Viktor-Adler-Markt nicht entgehen lassen. Georg Renöckl nennt dieses Kapitel „Der Sound der Petersilie“. Kosten erlaubt, Staunen und Schmatzen erwünscht. Wenn man beim Lesen nicht schon Appetit bekommen würde, könnte man ja einfach weiterlesen. Doch die stimmungsvollen Spaziergänge machen erst einmal einen Gang zur Küche notwendig. Hunger stillen. Gegen das Reisefieber und den Entdeckerdrang hilft nur noch ein Wien-Trip. Am besten mit leerem Magen, damit so viel wie möglich aus diesem Buch besichtigt, gekostet, geschluckt und verdaut werden kann. Ein leicht verdauliches Buch, das niemals schwer im Magen liegen wird. Und dessen Wirkung lange anhält.

101 Lissabon

Schon seit einigen Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass Lissabon immer noch gern mit dem Image des ewigen Geheimtipps kokettiert. Über elf Millionen Besucher zählte Portugal 2016, einen Großteil vereinigte allein die Hauptstadt Lissabon auf sich. Siebekommt sogar noch in diesem Jahrzehnt (Hallo Berlin!) einen zweiten (funktionierenden) Flughafen. Ist man dann vor Ort, ist das Erstaunen groß: Sprachgewirr allerorten. Also doch kein Geheimtipp mehr? Nein!

Ein Grund dafür könnte die 101er-Reihe von Iwanowski’s sein. 101 Geheimtipps und Top-Ziele verspricht die Unterzeile … und die folgenden zweihundertfünfzig Seiten halten dieses Versprechen auch! Zuerst die Fakten. Zahlreiche farbige Übersichtskarten, herausnehmbarer und funktionaler Stadtplan, unzählige aussagekräftige Abbildungen, Fakten, dass einem der Kopf glüht. Das haben andere Reisebücher vielleicht auch, aber … nein ABER, nicht so konzentriert, so übersichtlich, so handlich dargelegt. Eine Eins in Gestaltung, Aufmachung und Handhabung. Besser geht’s nicht!

Barbara Claesges ist gern gesehener Gast in Lissabon, Claudia Rutschmann hat sich auf Anhieb in die Stadt verliebt und nennt die Stadt seit über einem Jahrzehnt ihre Heimat. Und diese beiden Frauen führen mit Leichtigkeit nun den Leser in eine der beeindruckendsten Städte der iberischen Halbinsel, Europas, wenn nicht sogar der Welt.

Wer nun erwartet, das hier Schritt für Schritt einhundertundeins Sehenswürdigkeiten abgegangen werden, ein Blick nach links, einer nach rechts, der irrt. Die Aufzählungen dienen lediglich der besseren Orientierung. Ansonsten ist die Zählung Nebensache. Denn jeder Punkt enthält mehr als einen so genannten Hotspot. Wer sich die Mühe machen will, und alle Tipps und Ratschläge einmal durchzählen will, kommt sicher schnell auf eine vierstellige Zahl. Den beiden Autorinnen geht es nicht um die Anzahl der aufzuzeigenden „Plätze, wo es besonders schön ist“. Der Weg von A nach B und weiter zu C ist viel spannender und zeigt dem Leser, was Lissabon ist, wie es tickt. Eine Stadt, die ihre Pracht nicht verbirgt. Wer sich aber hinter die Kulissen wagt in einen Ozean an Erlebnissen eintauchen wird. Museen haben für die beiden Autorinnen den gleichen Stellenwert wie das Markttreiben, bewährtes Handwerk geht mit lukullischen Höhepunkten eine Allianz ein, die die Sinne zu Höchstleistungen antreibt. Und zwischendrin immer wieder kleine Infokästen, die wichtige Tipps geben, um nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein oder einfach nur eine Gedankenstütze darstellen.

Das Buch ist so kompakt, dass es in jeder Tasche verstaut werden kann, so dass man es immer schnell zur Hand hat. Die Souvenirjagd hat bereits mit dem Kauf dieses Buches begonnen. So einfallsreich und farbenfroh wurde die westlichste Hauptstadt von Kontinentaleuropa noch nie beschrieben. Lissabon ohne dieses Buch wäre nur halb so schön – mit diesem Buch unermesslich reich an Erfahrungen.

Magnus Carlsen – Das unerwartete Schachgenie

Elfterelftersechzehn. Nullkommafünf zu Nullkommafünf. Einskommaeinsmillionen. Zahlenkauderwelsch, das nur Kennern etwas sagt. Es war der 11. November 2016. Schach-WM zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und dem Herausforderer Sergeij Karjakin. Unentschieden nach Partie Eins. Punkteteilung. Patt im Spiel um 1,1 Millionen Dollar.

Bereits im Jahr zuvor überschlugen sich die Fachjournalisten beim Spiel des jungen Norwegers Magnus Carlsen. Nun hatte er die Möglichkeit sein außergewöhnliches Können noch einmal und schlussendlich unter Beweis zu stellen. Karjakin hatte zuvor mit allerlei Getöse auf sich aufmerksam gemacht. Carlsen ließ das scheinbar, zumindest äußerlich kalt. Es ging um Schach. Immer wieder wurde er gefilmt, wie er Schach spielte. Wenn andere aßen, Mails lasen, einkauften, telefonierten, Auto fuhren etc. spielte er Schach. Immer wieder. An den ungewöhnlichsten Orten, zu unmöglichsten Zeiten. Schach, Schach, Schach.

Zu Beginn des Turniers war er 25 Jahre alt. Als alter und neuer Weltmeister war er um ein Jahr gealtert. Was aber nur daran lag, dass er am Tag der Tie-Break-Partien Geburtstag hatte. Cleveres Marketing oder Zufall? Egal, selbst Schachablehner bekamen einen ungefähren Einblick ins Leben dieses Ausnahme-Könners. Die Fangemeinde wuchs. Die Zuschauerzahlen ebenso. Und Carlsens Bekanntheitsgrad übertraf im November 2016 fast schon den der Präsidentschaftskandidaten in den USA. Doch kennt man den jungen Kerl nur weil man ab und zu im Fernsehen das Ballett von Springer und Läufer gesehen hat? Nein.

Aage G. Sivertsen kennt Magnus Carlsen. Und dank ihm kennt Magnus Carlsen nur die ganze Welt ein bisschen besser. Ein Vierteljahrhundert alt und schon eine Biographie. Das gibt’s doch sonst nur bei enervierenden Melodievergewaltigern aus Castingshows, die meinen, weil sie ihr Pickelgesicht vor Millionen Followern im Netz zeigen, dass sie was zu sagen hätten.

Großartige Erkenntnisse über den Lauf der Welt kann man auch von Magnus Carlsen nicht erwarten. Aber das sollte man auch nicht. Es ist doch viel interessanter wie dieser junge Kerl dazu kam den wohl langweiligsten Sport der Welt auszuüben. Skifahren und Norwegen bilden sonst eine Einheit. Und bei der Ruhe, die er ausstrahlt, wäre doch eine neuer Ole Einar Björndalen (Biathlon) fast schon die logische Konsequenz gewesen. Doch Magnus Carlsen war schon als Kind vom Spiel der Könige fasziniert. Er wollte Schach spielen. Spielend Schach in sich aufsaugen. Druck gab es nicht. Mit dreizehn Jahren war er Großmeister, was vielleicht vergleichbar mit dem schwarzen Gürtel im Judo ist. Auf reisen zu Turnieren hatte er keinen Sinn für Sehenswürdigkeiten. Die einzigen Türme, die ihn interessierten, waren sie auf vier von 64 Feldern auf dem Schachbrett. Und royalen Häuptern die Hand schütteln bzw. sie umzustoßen (als Zeichen der Aufgabe), überließ er großzügig anderen.

Aage G. Sivertsen schafft es den stillen Mann der Figuren ins rechte Licht zu rücken, ohne an seinem ihm angedichteten Heiligenschein zu kratzen. Fernab von Lobhudelei lässt er Vorgänger Carlsens zu Wort kommen, die dem neuen Superstar ihren Respekt erweisen. Auch wer bisher noch nie mit Schach in Berührung gekommen ist, wird diese Biographie erst beiseitelegen, wenn nichts mehr zu lesen ist.

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.

Für Christus und Venedig

Nur Wenige können eine echte Berühmtheit in ihrer Ahnenreihe vorweisen. Vielleicht mal ein Maler, der in einer Künstlerkolonie wirkte. Vielleicht ein Backgroundsänger bei einem echten (!) Superstar. Aber einer, der Geschichte schrieb, wird nur selten in Pausenerzählungen genannt. Sibyl von der Schulenburg kann da schon mit etwas mehr aufwarten. Feldmarschall Graf Johann Matthias von der Schulenburg – der Name macht schon was her. Auf der Insel Korfu im Ionischen Meer vor der Küste zwischen Albanien und Griechenland erlebte einen heißen Sommer 1716. Es war August. Wer Korfu schon einmal zu dieser Jahreszeit erlebt hat, kennt die klimatischen Gegebenheiten. Und zu dieser Zeit sollte sich das Schicksal des Eilandes entscheiden. Wird es weiterhin zum Abendland gehören? Oder werden die Horden aus dem Osten Korfu zu einer Insel ihres Reiches machen können?

Venedig ist damals das schützende Schild der Insel. Europa hat sich eingerichtet. Hier und da flackern Konflikte auf, doch hier im beschaulichen Mittelmeer sind die Wogen noch weitesgehend glatt. Das Osmanische Reich jedoch streckt seine Fühler gen Westen aus. Doch die Fühler verwandeln sich in nach allem greifenden Tentakeln. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, dass das Osmanische Reich dem Sonnenuntergang entgegenreitet und dem Westen östliche Manieren beibringen will.

Schnelles Handeln ist gefordert. Seit einiger Zeit steht Graf Johann Matthias von der Schulenburg in Diensten des Dogen von Venedig. Dem „gehört“ auch Korfu. So kurz vor dem europäischen Festland, dort, wo heute Albanien und Griechenland eine gemeinsame Grenze haben, ist es von nicht unerheblicher strategischer Bedeutung. Fällt Korfu, fallen die Türken von einer weiteren Seite in Europa ein. Europas Streitmächte ziehen von dann, um den Eroberungsplänen Einhalt zu gebieten. Doch so schnell wie man möchte, kommt man einfach nicht voran. Und immer mehr kristallisiert sich Korfu als Dreh- und Angelpunkt einer möglichen Wende im Kampf der Systeme heraus. Korfu darf nicht fallen! Aufopferungsvoll wirft sich der Graf in die Schlacht.

Sibyl von der Schulenburg hat uneingeschränkten Zugang zu den Archiven ihrer Familie und nutzt diesen Vorteil, um Geschichte für Geschichte aus der Geschichte auszugraben, zu analysieren und in diesem historischen Roman ihrem berühmten Vorfahren ein Denkmal zu setzen. Sie setzt ihm keinen Glorienschein auf. Wohl aber inszeniert sie ihren Urururur … großvater als wahren Helden, der diese Auszeichnung nur zu gern in Empfang genommen hätte. Als Leser, als Korfu-Besucher – übrigens hat die zweitgrößte Ionische Insel eine weitere adelige Persönlichkeit von Weltrang hervorgebracht: His Royal Highness Prinz Philip, Duke of Edinburgh, dem Gemahl der Queen – ist man dankbar für den liebevoll geschrieben und tiefgehend recherchierten Roman, den man als Strandlektüre genauso verschlingen wird wie als Wanderroutenbuch für Ausflüge über die Insel. Die Hitze im August ist übrigens immer noch die gleiche…

Der Riss

Ein Buch über einen Konflikt zwischen zerstrittenen Parteien im Krieg braucht eigentlich nur zwei Zutaten: Partei A und Partei B. Der sich daraus erschließende Zwist ist oft bekannt und das Buch bietet nur selten etwas Erhellendes. „Der Riss“ von Paolo Eimilio Petrillo – der Name lässt es erahnen, von welcher Seite das Problem/der Konflikt betrachtet wird – nimmt sich eines weiteren Themas an. Eines Themas, das man so nicht vermutet hat und dass auch sonst kaum Beachtung findet.

Deutschland und Italien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Europa wird vom Mantel des Schreckens verhüllt. Menschenmassen werden ermordet. Und die Allianz zwischen dem Führer und dem Duce steht fest wie ein Fels in der Brandung. Ein Band, das auch die Alliierten nur schwer zerschneiden können. Doch dann kam der 8. September 1943. Italien löst die Verbindung zum Deutschen Reich. Wie kam es dazu? Und vor allem, welche Spuren hat die Vertragsauflösung hinterlassen?

Fünf Jahre hat Paolo Emilio Petrillo für die Recherchen zu diesem Buch aufgewendet. Fünf Jahre, die ihm viel Neues zeigten und nun als Buch auch auf Deutsch zu neuen Erkenntnissen führen werden. Die Komplexität des Buches erlaubt es nicht auf einzelne Begebenheiten in einer Buchbesprechung einzugehen. Irgendwas würde immer fehlen – und somit den ersten Eindruck verfälschen.

Dieses besagte Datum war ein Einschnitt im Verhältnis Deutschlands zu Italien. Und umgekehrt natürlich auch. Aber war es auch ein Bruch für die Italiener und Deutschen? Oder doch nur für das, was als Italien und Deutschland bezeichnet wird? Fakt ist, dass schon kurze Zeit später dieses Mal in friedlicher Absicht die Deutschen zurückkamen – als Besucher. Als Sonnenanbeter. Und die Italiener? Begrüßten sie mit offenen Armen. Doch kein Riss, der nicht zu kitten ist? Ein eindeutiges Ja!

Der Journalist und Deutschland-Korrespondent Petrillo nimmt sich die Verflechtungen der Jahre 1915 bis 1943 vor. Nicht einmal dreißig Jahre, die aber für Europa, für die Welt eine wegweisende Zeit war. Zwei Weltkriege ließen selbige aus den Fugen geraten, führten Veränderungen in ungeahntem Ausmaß in einer sehr kurzen Zeit herbei. Derartige Umwälzungen kannte man nicht. Und man (in Deutschland sowieso, im Rest der Welt mit unterschiedlichem Ergebnis) gewöhnte sich nur schwer daran.

Mit akribischer Recherche und nicht nachlassender Energie befragt Petrillo Historiker, Politiker und Diplomaten wie sie – mit einigem (zeitlichen) Abstand – sie den 8. September 1943 bewerten. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches Abbild der Geschichte zweier Länder, die noch geographisch so nah, gefühlt aber weit auseinander liegen. Die Geschichte des zweiten Weltkrieges muss nicht neugeschrieben werden. Viel Neues wird es nie mehr geben. Doch Paolo Emilio Petrillo ist es zu verdanken, dass ein bislang unterbewertetes Kapitel in den Fokus gerückt wird.

Kapstadt und Garden Route

Welche Worte verursachen zu 99 Prozent hundertprozentig Fernweh? Süden und Afrika. Ach, wie glücklich müssen die Touristiker aus Südafrika sein?! Und wer es geschafft hat eine Reise nach Südafrika, Kapstadt entlang der Garden Route zu buchen, ist dem Paradies so nah wie nie zuvor. Doch eine Sache fehlt noch? Der richtige Plan, um diese Reise nicht vor der Himmelspforte zu beenden, sondern durch sie hindurch zu schreiten und auf ewig davon in Erinnerungen zu schwelgen.

Einmalige Erfahrungen sammeln, entlegene Aussichtspunkt für immer im Kopf verankern, geheimnisvolle Plätze erkunden. Doch wo suchen? Auf einer millionenfach besuchten Internetseite? Gefangen im Stechschritt-Tempo einer organisierten Reisegruppe? „Wenn Sie nach links schauen, sehen Sie den Atlantik. Und rechts der Indische Ozean. Und hinter uns – das ist ein Elefant, ein typisches Tier für dieses Land.“ Na toll, und dafür soll man nun Monate, wenn nicht sogar Jahre gespart haben?

Für alle, die sich entschieden haben das großartige Südafrika auf eigen Faust zu bereisen, gibt es nur eine Alternative zum von A bis Z durchorganisierten Gruppenerlebnis: Dieses Reisebuch. Über fünfhundert Seiten, gespickt mit Tipps für alle, die Freiheit nicht nur vom Stammtisch kennen, sondern sie riechen, schmecken, fühlen wollen.

Marita Bromberg und Dirk Kruse-Etzbach kennen die Sehnsucht nach dem Süden und nach Afrika. Es hat sie schon vor Jahren gepackt. Und seit den ersten Besuchen hat es nicht nachgelassen. Mittlerweile ist die elfte Auflage dieses Reisebuches erschienen. Noch immer finden sie Tipps für all diejenigen, denen es genauso gehen wird. Fast scheint es so als ob sie ihre eigenen Nachfolger als Autoren mit ihrem Buch, ihren Büchern, heranzüchten. Denn in ihren Ausführungen sind sie so detailliert, dass man gar nicht anders kann, als sich selbst als Südafrika-Experten mit dem Spezialgebiet Kapstadt und Garden Route zu bezeichnen.

Wem die Garden Route auf Anhieb nicht so viel sagt, dem sei ein Blick in die beiliegende Karte ans Herz gelegt. Denn dieser Weg führt von Kapstadt im Westen nach Port Elizabeth im Osten des Landes. Vorbei an Weinanbaugebieten, Orten, die so vertraut klingen (Heidelberg), Botanischen Gärten (wie dem der Stellenbosch University), die diesem Namen alle Ehre machen … und zwischendurch geben die Infokästen immer wieder Einblicke in Geschichte, lockern Anekdoten den Lesefluss und weisen exakte Karten den richtigen Weg. Wie immer in den Büchern des Iwanowski-Verlages: Farbig abgesetzte Abschnitte wie „Was kostet das Reisen in Südafrika?“, die die Urlaubsplanung nicht nur erleichtern, sondern fast schon wie ein Kinderspiel erscheinen lassen. Dieses Buch als unverzichtbar zu bezeichnen, würde nur annähernd der Wahrheit entsprechen. Jeder, der eine solche Reise bucht, sollte per Gesetz dazu verpflichtet werden, dieses Buch zu lesen.

Niemandsland

Der Traum von Europa – keine Erfindung der Neuzeit. Napoleon hat’s probiert, die Wahl der Waffen war gelinde gesagt unglücklich. Und dennoch hat die Vorstellung überlebt. Keine Kleinstaaterei mehr, Numismatiker bekommen bei dem Gedanken daran nicht mehr Münzen aus Monaco, San Marino, dem Vatikan oder Andorra sammeln zu können schwitzige Hände. Die müssen sich dann eben auf historische Münzen spezialisieren.

Gehen wir rund zweihundert Jahre zurück. Napoleon knechtet Europa. Kurz vor Moskau ist dann erstmal Schluss mit dem „Wie das Messer durch die warme Butter“-Gehen. Bei Leipzig wird ihm der Gnadenstoß versetzt. Europa ist frei. Frei vom N im Lorbeerkranz. In Wien wird der ganze Kontinent neu geordnet. Der ganze Kontinent? Nein, non, nee. Moresnet kommt davon. Mores … was? Ein kleines Gebiet, das an Belgien grenzt. Eine Zinkmine gibt es hier. Allerdings eine, die es in sich hat. Ein Günstling Napoleons, Jean-Jacques Daniel Dony hat sie übernommen, und mit einem wohl ausgefeilten Verfahren schafft er es reines Zink herzustellen. Zuvor war der der Badewannenhersteller des kleinen Mannes mit dem großen N. Ein ausgefuchster Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann. Jedenfalls hat man in Wien beim Kongress Moresnet vergessen. Es gehört niemandem. Nix deutsch, nix holländisch, nix belgisch. Und nun?

Philip Dröge stellte sich diese Frage auch und hat sich auf die Suche nach dem Ort gemacht, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er durchforstete Archive, Zeitzeugen konnte er keine mehr befragen. Und er formte aus seinen Ergebnissen ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Niemandsland“. Während in Wien mehr getanzt wurde, statt sich zu bewegen, fummelten Kartografen am neuen Europa herum. Die Niederlande und Preußen sollten eine gemeinsame Grenze bekommen. Also sollten die holländische Ost- und die preußische Westgrenze einen gemeinsamen Verlauf haben. Hatten sie auch bis auf … eben dieses Moresnet. Es ist Februar 1816, der elfte. Da fällt es auf. Das Loch im Zaun. Das Loch, durch das Moresnet geschlüpft ist. Ein Jahr später – Europa war damals schon sehr träge – macht man einen Lokaltermin. Wieder einen langsamen, aber aus einem anderen Grund. Ist die Kutsche zu schnell, ist man vorbei an Moresnet. Ein kleines Gebiet, zweihundertsechsundfünfzig Einwohner, ein Tal und ein paar Berge. Und eine Mine, die besagte Zinkmine. So mancher meint nun sagen zu müssen: „Herrlich! Keine Regeln! Keine Gesetze!“ – kurzsichtig. Denn Neutral-Moresnet, wie es nun heißt, wird zum sprichwörtlichen Zankapfel. Wem gehört es? Welche Gesetzgebung gilt? Wer treibt die Steuern ein? Okay, diese Frage ist vernachlässigbar, weil die Einwohner von Kelmis, dem Hauptort (Moresnet gibt es in der Region gleich mehrmals, so dass selbst google maps Probleme hätte einen richtig zu leiten) zu bitterarm sind, dass ihre Abgaben nicht einmal die hohle Hand eines Adligen füllen könnte. Und wer regiert die paar Quadratkilometer eigentlich? Jetzt lohnt sich ein Blick ans Ende des Buches. Da stehen gelistet die Machthaber von Neutral-Moresnet. Und hier wird klar: Über hundert Jahre dauerte die Odyssee des Landstriches an. Und nicht immer hat einer den Hut auf. Paradiesische Zustände für Schmuggler, Gauner und sonstige Glücksritter. Denn eine echte Grenze mit Zaun usw. gab es nicht…

Philip Dröge gelingt es mit einfachen Worten und beharrlicher Recherche amüsant ein spannendes und weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte (wessen?) darzustellen. Er verzichtet darauf die große Politik zu verklausulieren und ebnet so den Weg für den Leser selbige endlich einmal zu verstehen.

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Zeitfieber

Höchste Zeit, dass mal jemand ein Buch darüber verfasst. Und nachdem Simon Garfield sich mit Briefen und Karten auseinander gesetzt hat, nimmt er sich nun dem umfangreichen Thema Zeit an. Ja, Zeit … ähm, was kann man dazu schon groß sagen? Habe ich oder habe ich nicht! Bin ich in Eile oder lass den Tag so an mir vorüberziehen. Jaaa, der Ansatz ist nicht schlecht. Doch Simon Garfield wäre mit seiner Sicht der Dinge der Liebling aller Journalistikdozenten auf der ganzen Welt. Eine Überraschung jagt die Andere! Versprochen!

Simon Garfield fängt mit einem Unfall an. Als er mit seinem Sohn vom Saisoneröffnungsspiel von Chelsea gegen Leicester (vor der fulminanten Meisterschaft der Foxes) mit seinem Sohn nach Hause radelt, stößt er mit einer Passantin zusammen. Und was hat das mit Zeit zu tun? Muss er sehr lange auf die Ambulanz warten? Vor seinem geistigen Auge läuft der Unfall noch einmal in Zeitlupe (!) ab. Das war der Ursprung dieses Buches.

Von nun an sprintet der Autor durch die Geschichte, hangelt sich von Fakt zu Fakt, von Anekdote zu Anekdote. Er erzählt von rasanten Zugfahrten und Fahrplänen, die von nun an unser Leben bestimmen. Und kramt so manch wunderliches Ding aus der Klamottenkiste. Wer weiß schon noch, dass die Französische Revolution fast mehr Einfluss auf unser Leben gehabt hätte als sie es ohnehin schon hat? Ganz eifrige Köpfe wollten den Tag in zehn Stunden unterteilen. Die ersten Uhren wurden schon in Auftrag gegeben. Diesen Gedanken muss man erst mal auf sich wirken lassen …

Und weiter geht’s. Beethoven – Musik – LPs – CDs. Eine logische Kette. Beethovens Neunte ist je nach Laune des Dirigenten so um die vierundsiebzig Minuten lang. Passt also genau auf eine … CD. Und das nur, weil der Sony-Chef, der die Entwicklung der CD vorantrieb, dieses Stück so liebte. Eine LP konnte pro Seite nur 22 Minuten fassen. Im Radio haben die meisten gespielten Lieder eine Länge von drei Minuten, maximal dreidreißig. Radio Edit nennt man das dann. Und viele Nachrichtenchefs sind immer noch der Meinung, dass Nachrichten im Radio nach Einsdreißig beendet sein müssen. Mehr verkrafte der Hörer nicht.

Die Zeit, sie rennt, und sie bestimmt unseren Alltag. Stimmt nur fast. Denn wir selbst halten uns an den Messgeräten fest als ob es um unser Leben ging – das ja bekanntlich auch endlich (und vor allem messbar) ist. Die Zeit kann stillstehen – symbolisch und auch nur für einen Moment. Ein Schnappschuss kann ein Zeitzeugnis sein. Aus Gründen der Zeitersparnis werden SMS und Twitter-Nachrichten mit Abkürzungen verfasst. Bei der Arbeit werden exakt die Ankunftszeit und das Arbeitsende festgehalten. Zeitlose Mode ist eine Erfindung der Macher. Ach man könnte so viel über die Zeit schreiben, um selbige sinnvoll zu nutzen. Simon Garfield hat dies getan. Die Zeit vergeht wie im Fluge, mit einem Lächeln oder einem Staunen im Gesicht liest man die über dreihundert Seiten. Immer wieder stockt man, runzelt die Stirn, blättert noch einmal zurück, will dass das Buch nie endet.