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Glaube, Hoffnung und Gemetzel

Was ein Titel! „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ – wer da an Roman Polanskis Film „Der Gott des Gemetzels“ denkt, ist schon fast auf dem richtigen Weg. Denn auch der ist sicherlich keine Massenware, die Fans von seichten Stories mit prall gefüllter Action hinter dem Ofen lockt. Auch Nick Cave liegt es fern mit einem Buch neue Fangemeinden zu generieren. Seine Anhänger sind ihm treu. Und sie wissen, was sie an ihm haben.

Mehrere Male hat der Journalist Seán O’Hagan Nick Cave interviewt. Es handelt sich dabei mehr um Gespräche zwischen zwei Menschen, die es geschafft haben ohne viel Tamtam eine gemeinsame Ebene zu finden. Denn Interviews gibt Nick Cave nur sehr ungern. Quatschen, reden, ein echtes Gespräch führen – ja, das mag er. Und das kann er auch! Und wie!

Und ja, das einzigartige Thema der Gegenwart – Corona – spielt natürlich eine gewichtige Rolle in den Gesprächen. Die Zeit des Lockdowns war für jeden eine ungewöhnliche Periode. Es ist zu einfach gedacht, dass Künstler, die andauernd on tour sind, diese Zeit paradiesisch hätte sein müssen. Endlich hat man mal Zeit sich intensiv um neue Texte und Melodien zu kümmern. Wenn das mal so einfach wäre. Denn Erstens entstehen Melodien, Texte und somit Stücke und Alben nicht auf Knopfdruck (und wenn doch, dann sind sie von vornherein mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen) und Zweitens ist Zwang Gift für jeden Freigeist. Wie aus dem Nichts (die Erklärung, dass es dann doch nicht „wie aus dem Nichts“ geschah schiebt Nick Cave gleich nach) schickt Nick Cave Seán O’Hagan sogar einen Songtext zu. Aus einem Guss geschrieben, also ganz anders als er sonst textet, und durch den Interviewer O’Hagan inspiriert. Auch hier wieder: Kein Anbiedern seitens des Fragenstellers, sondern sofortiger Einstieg in den Diskurs.

Nick Cave ist nicht derjenige, der sich hinsetzt und dem Fragensteller seine Arbeit tun lässt und sich dann in endlosen Phrasen über Teamgeist oder was gerade angesagt ist, ergeht. Er ist der Boss seiner Band, ohne dabei die Anderen in den Hintergrund zu stellen. Klar ist Teamwork in einer Band unerlässlich. Doch den Ton gibt nur einer an.

Je mehr man in dieses Buch eintaucht, je mehr man Seite für Seite verschlingt, desto klarer scheint das künstlerische Tun sich herauszuschälen. Komplette Wahrheiten gibt es nicht, schon gar nicht in der Kunst. Und Nick Cave ist Künstler. Durch und durch.

Um es noch einmal klarzustellen. Hier liegt keine Selbstentblößung vor, um Fans zu gewinnen. Der Maestro entblättert sich auch nicht vollends vor dem geneigten Leser. Vielmehr ist „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ eine geschickte gesetzte Nadel, die dem Spender keine Schmerzen zufügt. Dennoch quillt das Eine oder Andere aus ihm heraus, so dass es jeder sehen kann. Was der Leser aus diesem Buch für sich selber mitnimmt, entscheidet nur er selbst. Und genau deswegen muss man dieses Buch lesen. Denn jeder nimmt etwas mit, was auf diesen Seiten geschrieben steht.

Leni Riefenstahl – Karriere einer Täterin

Es gibt einfacheres als eine Biographie über Leni Riefenstahl zu schreiben und ihr vollkommen gerecht zu werden. Überhaupt ist das Wort gerecht im Zusammenhang mit der Regisseurin und Schauspielerin ein schwieriges Unterfangen.

Kurz die Fakten: 1902 geborgen und reichlich zwei Wochen nach ihrem 101. (!) Geburtstag gestorben. Schauspielerin und Regisseurin von Filmen, die bis heute wegen ihrer monumentalen Einstellungen bekannt sind. Die bekanntesten Filme sind allerdings berüchtigt – nicht wegen ihrer Opulenz und Monumentalität, sondern wegen ihres politischen Zusammenhanges.

Und damit sind wir auch schon beim eigentlichen Problem: Brillante Künstlerin, aber auch politischer Trottel. So nannte man sie, um die Schmach ihrer Rolle in Deutschlands dunkelster Zeit zu umschreiben. Oberflächlich liegt man da sicherlich gar nicht so falsch. Aber unter der Oberfläche brodelte es fortwährend. Und das tut es bis heute.

Als die Karriere von Leni Riefenstahl begann waren Frauen nicht unbedingt mit allumfassenden Rechten ausgestattet. Das Wahlrecht für sie war noch recht frisch. Karriere machen war nur wenigen Auserwählten vorbehalten. Und Leni Riefenstahl war mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein versehen worden.

Zeitsprung: Als sie mit den Dreharbeiten für die beiden Olympiafilme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ begann, konnte sie auf ein Budget zugreifen, dass alle Dimensionen sprengte. Dieser beruhte auf der Dankbarkeit von ganz oben, weil der Reichsparteitagfilm „Triumph des Willens“ so gut bei den Auftraggebern ankam. Später, als sie „Tiefland“ drehte, war es für sie ein Leichtes entsprechende Komparsen für den Film zu bekommen. Sie sollten dem gängigen Klischee entsprechen. Denn der Film gilt neben „Der ewige Jude“ und Jud Süß“ als perfides Beispiel für Judenhasse und Propaganda übelster Sorte. Bis zu ihrem Ende bestritt Riefenstahl den Film nachträglich bearbeitet zu haben, um einer sicheren Bestrafung zu entgehen. Sie hat nachweislich den Film umgeschnitten – unter anderem wurden Naheinstellungen entfernt, die Darsteller identifizierbar zu machen.

Nina Gladitz, selbst preisgekrönte Dokumentarfilmerin, kann aufgrund ihrer Kenntnisse des Genres Film Lügen der Riefenstahl aufdecken und das wohl im Rahmen aller Möglichkeiten exakte Abbild der Regisseurin entwerfen. Die Ästhetik ihrer Arbeiten ist unbestritten und anzuerkennen. Wenn der Weg das Ziel ist, so muss man Riefenstahl in einem Atemzug mit den widerwärtigsten Verbrechern der Nazi-Ära gleichsetzen. Je mehr man sich von dieser Zeit entfernt, je weniger Zeitzeugen diese Zeit aus eigenem Erleben darstellen können, desto schwieriger wird es von der damaligen Realität, gepaart mit den Erfahrungen, die man bis heute gemacht hat, ein heute verständliches Bild zeichnen zu können. Den politischen Aspekt darf man bei Riefenstahls Werken nicht außer Acht lassen. Niemals! Und dennoch faszinieren uns die Farbgestaltung, die Kameraperspektiven, die Geschwindigkeit, die Totaleinstellung (hach, das ist es wieder das „total“, hätte man auch früher schon drauf kommen können…). Auch und gerade durch dieses Buch wird es unmöglich sein Leni Riefenstahl ein kraftvolles „Aber“ hinten anzustellen, wenn man von ihr spricht. Und so verkehrt ist das gar nicht…

Einstein sagt

Wenn der Keks spricht, haben die Krümel Sendepause! Und wenn Einstein spricht, ist es auch muchsmäuschenstill. Und nicht nur, wenn man einmal im Leben die Relativitätstheorie verstehen will…

Einstein gehört auch fast siebzig Jahre nach seinem Tod zu denjenigen, denen man nur schwer Verfehlungen nachsagen kann. Das liegt zum Einen daran, dass er immer auch einen kleinen Schalk im Nacken hatte, den er nur allzu gern auch freien Lauf ließ. Bei Diskussionen mit Berlinern verglich er sich mit einem prämierten Huhn. Nur die Frage, ob er noch Eier legen könne, konnte selbst er nicht beantworten. Auch heute noch ein Brüller auf jedem langweiligen Get-Together.

Nachdenklich stimmen Einsteins Gedanken über seine deutsche Heimat. Die musste er verlassen, um drohender Gewalt durch die Nazis zu entkommen. Die Befürwortung eines atomaren Erstschlags gegen Deutschland bezeichnete er bis zu seinem Ende als seinen größten Fehler. Auch die Erkenntnis nicht unfehlbar zu sein und zu seinen Fehler zu stehen, diese auch immer wieder anzuprangern, ist wohl der zweite Grund Albert Einstein immer an den Lippen zu hängen.

Nun ist es so, dass man dieses Buch nicht Seite für Seite durchliest und dann zufrieden beiseite legt. Es dauert ein bisschen bis man es ausgelesen hat. Die Dosis macht das Gift und eben auch die Erkenntnis. Hier sind gleich mehrere Füllhörner an Weisheiten in kompakter Form für den Leser zusammengefasst. So fällt es einem doch schwer die einzelnen Zitate noch einmal wiederzugeben, wenn man sich zu vielen Seiten widmet. Jeden Tag eine Seite oder pro Woche ein Kapitel sind vollkommen ausreichend, um dem Genie ansatzweise auf die Spur zu kommen.

Lauernd auf das nächste Bonmot blättert man sich vorsichtig weiter. Berauscht sich an seinen Einsichten über sich selbst. Erschrickt über Gedanken über die Menschheit. Und nickt zustimmend mit dem Kopf, wenn er sich zur Atombombe äußert.

Es sind die zahlreichen Einschläge, die seine Worte hinterlassne, die dem Leser teils die Augen öffnen oder gar neue Gedankengänge offenbaren. Viel wurde über Einstein geschrieben. In Bern, wo er einen stupiden Job annahm, um den Kopf für seine Forschungen freizubekommen (und das nötige Kleingeld für die notwendigen Ausgaben zu erwirtschaften), kann man durch sein Appartement schlendern, im Museum seine Nobelpreismedaille und seinen Kinderwagen bestaunen. Doch in seinen Kopf kann niemand hineinschauen. In diesem Buch kann man es doch – ein bisschen. Ihn besser verstehen ebenso. Klein, kompakt, inhaltsschwer.

Sachsen

Einen Reiseband über ein Bundesland zu schreiben, ist eine heikle Sache. Denn es gibt nicht das EINE, das TYPISCHE, das ein Bundesland attraktiv macht. Jedes Bundesland hat eine Vielzahl von Attraktionen, die es wert sind besucht zu werden. Und Sachsen kann sich rühmen die komplette Palette von Interessen bedienen zu können. Das klingt auf den ersten Blick sehr allgemein. Doch schon beim ersten Aufschlagen des Bandes treffen die zahlreichen Abbildungen ins Herz des Lesers.

Von der barocken Pracht der Landeshauptstadt Dresden, über landschaftliche Reizpunkte zwischen den drei großen Städten Leipzig, Dresden und Chemnitz bis hin zu idyllisch verankerten Aussichtspunkten in den Höhen der Gebirgszüge im Süden – alles da, alles erreichbar.

Das Bundesland Sachsen ist das Bundesland, das in den vergangenen drei Jahrzehnten die größte Veränderung zu verzeichnen hat. Wo einst gigantische Schaufelradbagger die Erde aufwühlten, um selbiger wichtige Energieträger zu entreißen, tummeln sich in den warmen Monaten heute Sonnenanbeter und Erholungssüchtige. Rund um Leipzig ist eine Seenlandschaft entstanden, die ihresgleichen sucht. Auch im Westen der heimlichen Hauptstadt Sachsens, wo noch in den Achtzigern die Schornsteine unentwegt dicke Rauchsäulen in den Himmel stießen, ist eine Wohnlandschaft gewachsen, mit der nur wenige Städte weltweit konkurrieren können. Und in ein paar Jahren kann man sogar mit dem Paddelboot bis ans Meer gelangen.

Burgen und Schlösser hatten schon immer eine besondere Anziehungskraft auf Menschen. Heutzutage sind sie ein beliebtes Ausflugsziel. Wer zwischen Leipzig und Dresden (oder von Leipzig aus gen Süden unterwegs ist) die Autobahn verlässt, kommt um die zahlreichen Hinweisschilder auf die historischen und weithin sichtbaren Hinterlassenschaften nicht herum. Massive Gemäuer, die jedem Ansturm standhielten – außer dem der Besucher – verspielte Erbauerträume bis hin zu Wehranlagen, die im Laufe der Jahre immer wieder einem neuen Zweck dienten.

Traditionelles Handwerk im Erzgebirge, Braukunst, Montanarchäologie, weltberühmte, einzigartige Museen (Grassimuseum in Leipzig, um dessen Völkerkundemuseum viele Ausstellungsmacher die Stadt beneiden und das Grüne Gewölbe im Dresdner Zwinger, um nur zwei besonders herauszuheben), die Geburtsstätte des Porzellans in Europa in Meißen, Sportstätten, die Geburtshelfer und Erinnerungsplätze in einem sind … die Liste der Sehenswürdigkeiten in Sachsen scheint endlos zu sein.

Kerstin Sucher und Bernd Wurlitzer gelingt mit diesem Buch der ganz große Wurf: Ein Land, ein Buch, eine Sehnsucht. Umfassend, detailreich und immer wieder überraschend. Selbst Sachsen werden „große Oochen machen“ (die Ausflüge ins nicht immer und überall beliebte Säggssch inklusive), wenn sie ihre Heimat noch einmal und immer wieder neu entdecken.

Hans Becker O5

Eine geradlinige Biographie sieht anders aus: Am Ende des 19. Jahrhunderts in eine österreichische Adelsfamilie (allerdings ohne Pomp und Glanz) an der adriatischen Küste geboren. Royalist. Jurist. Künstler. Journalist. Wissenschaftler. Propagandaleiter für die Vaterländische Front. Einer der Ersten, die ins KZ deportiert wurden, nachdem die Nazis Österreich annektierten. Wieder in Freiheit beharrlicher Kampf gegen die Besatzer. Diplomatendienst in Südamerika. Ermordung. In Vergessenheit geraten.

Wer das nächste Mal Wien besucht, schaut am Stephansdom mal ganz genau hin. Neben dem Eingangsportal sieht man noch das O5 in einen der Steine geritzt. Wenn man es nicht sucht, findet man es auch nicht. Die 5 in O5 steht für den fünften Buchstaben im Alphabet, das E. Zusammen OE, ein Symbol für die Befreiung Österreichs vom braunen Terror. Im Gegensatz zum Rest der Welt, der unter dem Hassregime litt, erinnert aber nichts mehr an Hans Becker, der eine Woche vor Heiligabend im Jahr 1948 durch die Waffe in der Hand eines ukrainischstämmigen Querulanten ums Leben kam.

Der Journalist Erhard Stackl macht sich in seinem Buch auf Spurensuche. Diese Suche führte ihn nicht nur in Archive und zur Familie Beckers, sondern bis ans gegenüberliegende Ende der Welt. Seine Recherchen zur Person Hans Beckers sind von einer langen Suche und ausführlichen Ergebnissen geprägt. Sie führen den Leser in eine Zeit über die schon viel geschrieben wurde. Die Leben vieler führender Köpfe sind wie ein offenes Buch. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube an Neuentdeckungen.

Die Widerstandgruppe O5 war ein Sammelbecken für den Widerstand gegen Hitler. Hier engagierten sich Konservative, Linke, Künstler, Intellektuelle beseelt vom Kampf für ein freies Österreich. Ihr wichtigster Kopf – Hans Becker – ereilte das Schicksal, das so manch einer teilen musste: Er geriet in Vergessenheit.

Doch das ist nun Vergangenheit. Dank der vierhundert Seiten starken Biographie fällt das Licht der Erinnerung nun auf den Mann, der im Untergrund, teils im Hintergrund, Strippen zog, Aktionen plante, niemals aufgab. Die Jahre im Konzentrationslager konnten ihn nicht brechen. Im Gegenteil: Hier knüpfte er Kontakte und fand die Kraft, die ihm in der Zeit in relativer Freiheit die Hoffnung niemals verlieren ließ.

Immer wieder stößt man in den Kapiteln auf Menschen, denen bis heute ihrer Strahlkraft nicht entrissen wurde. Doch es sind diejenigen, die im Schatten kämpften, die dieses Sachbuch zu einem Abenteuerbuch machen, das man erst beiseite legt, wenn die letzte Seite gelesen ist.

 

Kennst Du den Berg

Fassen wir kurz zusammen: Galsan Tschinag wurde 1943 in der Mongolei in die Familie der Stammeshäupter der Tuwa geboren. Als junger Mann ging zum Studium in die DDR, nach Leipzig. Aus dem Jungen der Steppe wurde der aufgeweckte, aufgeschlossene junge Mann, der nun – darum geht es nach „Kennst Du das Land“ im zweiten Teil seiner Biographie – wieder in sein Geburtsland zurückkehrt. Ende der Sechziger Jahre. Im Westen fliegen Steine, im Osten verfestigt sich der Sozialismus, wenn auch teils mit Gewalt. Und um es offen auszusprechen: Die Mongolei war damals wie heute für die meisten ein Land, das man eigentlich gar nicht kennt.

Aus dem unerfahrenen jungen Mann ist ein gereifter junger Mann geworden. Er ist glücklich behaupten zu können, dass er in beiden Ländern eine Heimat gefunden hat. Doch beide sind ihm nah und fremd zugleich. Ein Zweispalt, der nur schwer nachzuvollziehen ist, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Oder: Die Biographie von Galsan Tschinag gelesen hat.

Mit einer selten dagewesenen Klarheit und Reinheit der Sprache – Tschinag schreibt auf Deutsch, niemand muss also seine Gedanken interpretieren und möglichst gefühlsnah übersetzen, was allein schon eine Meisterleistung ist. Wenn aber Worte wie Bangigkeit auf das störrische Parteiphlegma (Dogma trifft es nicht minder exakt) treffen, erholt sich der Leser im Nu vom etwaigen Kulturschock. Wie im Vorübergehen schafft es der Autor beide Länder nicht nur zu vergleichen, sondern sogar Brücken zu bauen.

Eben noch in einer Unterkunft der Karl-Marx-Universität in einer bis heute sehr lebenswerten Umgebung, und schon eine Seite weiter findet man sich in einer Landschaft wieder, die dem Begriff Unendlichkeit eine weitere Dimension hinzufügt. Eben noch das unendliche Wissen der Bibliothek genossen, und schon stehen die Genossen neben einem und fordern zur Agitation auf.

Galsan Tschinag half damals, hilft bis heute die ihm eigene innere Ruhe. Er analysiert im Stillen und schreibt sich anschließend seine Erkenntnisse von der Seele. Als Leser bleibt einem nichts anderes übrig als um Gleichschritt umzublättern. Seite für Seite wird der Autor eine treuer Begleiter, den man immer besser kennenlernt. Renitenz ist ihm fremd. Doch dem unvermeidlichen Schicksal mit einem geschickten Schritt zur Seite aus dem Weg zu gehen, hat mehr Reiz als man vermuten mag. Immer wieder lässt Tschinag seine Brillanz aufblitzen, wenn es darum geht sich selbst treu zu bleiben. Und ein ums andere Mal ertappt man sich beim Lesen dabei, dass man innerlich eine Siegerfaust ballt. Unerlässlich für alle, die schon den ersten Teile gelesen haben, eine Appetitmacher für alle, denen der erste Teil entgangen sein sollte. Und man darf sich jetzt schon auf die Fortsetzung freuen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass ausgerechnet die nicht in einer Reihe mit den ersten beiden Bänden stehen soll.

Verrisse

Wie kann man sich einem Thema heutzutage allgemeinverständlich nähern, dessen Wurzeln weit zurückliegen, das heute noch Früchte trägt – aber eben nur bei einer bestimmten Klientel? Es geht um die Klassik, die klassische Musik. Einem Großteil der Bevölkerung ein Buch mit sieben Siegeln. Der Rest ist entweder borniert und lässt nichts, was danach kam, gelten oder lässt sich von den Popmelodien von anno dazumal in der Werbung dazu hinreißen sich als gebildet, weil Klassikmusik hörend, zu bezeichnen. Denn damals … ja, damals war alles noch handgemacht, echte Musik eben. Aber bei Weitem nicht von jedermann geliebt oder gar geachtet. Vielmehr wurden Beethoven, Schönberg, Brahms, Bruckner, Verdi, Wagner, Mahler und Strauss, der Richard, geächtet. Und wenn nicht sie persönlich, dann ihre Werke.

Wenn am Samstagabend die Glotze stundenlang das dillethantische „Bühnentun“ durch ein einziges Talent-Highlight Vergessen gemacht wird, steigen die Zuschauerquoten und jeder Zuseher wird zum Kunstexperten, weil er der Expertenmeinung das „mega“ unreflektiert abnimmt und nachplappert. Doch wie war das denn vor zweihundert oder hundert Jahren? Ein Skandal wurde tatsächlich auf der Bühne dargeboten, von Künstlern erbracht, die wahrhaft Neues wagten. Der Beweggrund stand im Vordergrund. Nichts liegt Thomas Leibnitz, dem Autor dieses Buches, ferner als Skandale und Verrisse an den Bühnenrand zu treiben, um dem Treiben von damals einmal mehr Feuer zu geben. Die, die sich ohnehin für Klassik interessieren, liefert er faktenreich und ausführlich Hintergrundwissen. Diejenigen, die sich noch nie für Klassik interessierten, ködert er mit dem Titel – vielleicht kommt der Eine oder Andere doch noch zu dem Entschluss, dass Klassik doch nicht so „old school“ ist wie vermutet. Wer jedoch irgendwie noch zwischen „Ach nee“ und „irgendwie bin ich schon daran interessiert, aber…“ schwankt, kommt auf alle Fälle auf seine Kosten. Denn Thomas Leibnitz lässt nicht die Fachleute mit all ihrer Eloquenz und ihrem Fachwissen auftreten, sondern verleiht der zuweilen Schwere die gewisse Eleganz und Leichtigkeit, die der Klassik durchaus zu Eigen gemacht werden kann. Es müssen nicht immer blitzende Nippel sein, um Aufmerksamkeit zu erregen…

„Viel Geschrei, wenig Wolle“ – so wurde Verdis „Sizilianische Vesper“ verrissen. Öd und dürr und wahrhaft trostlos urteilte man über Brahms. Und Beethovens Spätwerk war in den Augen bzw. Ohren (was bei Beethoven nicht eines gewissen Witzes entbehrt) von Ernst Woldemar „abschreckend, geschmacklos und entsetzlich“. Ob es damals schon so was wie einen Shitstorm gegeben hat? Heute würden postwendend tausend Beethoven-Follower dem Kritiker die Klinge an den Hals drücken – verbal und anonym, natürlich.

„Verrisse“ lässt keinen Zweifel aufkommen, dass Musik und Geschmack oft eine unheilige Allianz eingehen. Das war so, das ist so und wird es auch immer bleiben. Die Macht des Wortes ist bis heute ungebrochen. Und genau so sollte man auch dieses Buch annehmen. Acht Musiker – die eingangs Erwähnten – waren Geachtete und Geächtete in einer Person. Wer sich von harter Kritik treffen ließ, in dem zerbrach etwas. Wer unbeeindruckt die Kritiker machen ließ, musste sich nicht minder um den Verlust der Zuhörer sorgen. Was das Buch heute noch interessant und lesbar macht, ist die uneitle Sichtweise des Autors zu den teils heftigen Verrissen der damaligen Zeit. Starke Worte verlieren niemals ihre Wirkung.

Monsieur Orient-Express

Monsieur Orient-Express, Belgier, mit dem gewissen Sinn fürs Wesentliche – das kann doch nur Hercule Poirot sein! Non, ist er nicht. Auch wenn einem sofort die Assoziationen zu dem Mann, der die kleinen grauen Zellen so geschickt einsetzte, in den Kopf schießen. Es handelt sich um Georges Lambert Casimir Nagelmackers. Geboren im Sommer 1845. Vater Bankier, die Mutter stammt aus einer Industriellenfamilie, die sich in Teilen bis in die Regierung hochgearbeitet hatte. Der „goldene Löffel im Mund“ wurde dem Sprössling also in die Wiege gelegt. In der Schule waren Sprachen – Latein und Griechisch – seine erfolgreichsten Fächer. Privat war es in der Familie Nagelmackers eher kühl. Die Eltern wurden gesiezt, die Kinder speisten zusammen mit dem Personal. Damit der junge Georges sich endlich die Liebe zu seiner Cousine aus dem Kopf schlägt, schickte ihn die Familie in die Neue Welt. Und hier kam er einer neuen, großen, nachhaltigen Liebe auf die Spur: Der Eisenbahn.

Die katastrophalen Zustände der amerikanischen Eisenbahn – die Wände dünn wie Zeitungspapier, Toiletten nur von außerhalb zu betreten etc. sollten der Grundstein sein, der Georges Nagelmackers zu dem machte, was er einmal werden sollte: Der Chef des Orient-Express.

Georges sah, dass die Welt zusammenwuchs. Doch überall nur Schranken, in jeder Hinsicht. Sein Traum war es – und schon ein paar Jahre später legte er einen weiteren Grundstein dafür, dass Schranken bald nur noch für „die Anderen“ gelten sollten – die Welt miteinander zu verbinden. Und natürlich das Portemonnaie zu füllen. Sein Portemonnaie.

1883 nahm der Orient-Express das erste Mal Fahrt auf. Von Paris nach Konstantinopel. Luxuriös reiste man. Es ruckelte zwar hier und da ein wenig, dafür war man aber binnen Tagen am anderen Ende des Kontinents.

Dass dabei viel Kohle (auch hier wieder: in jeder Hinsicht!) verbrannt wurde, beunruhigte den Visionär Nagelmackers nur am Rande. Geldgebern kann man ja schließlich aus dem Weg gehen. Das klappt aber nur zeitweise. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris greift er nach einem weiteren Strohhalm, um das finanziell angeschlagene Unternehmen einmal mehr zu retten. Gen Osten soll der Luxuszug nun gleiten. In jedem der größten Pavillons, die in der Weltmetropole Paris ihr Land präsentieren, lässt er Waggons seiner Eisenbahnlinie ankarren. Nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass ein Waggon 35 Tonnen wiegt, die Pavillons nicht ans Schienennetz angeschlossen sind und die Pferdewagen eigentlich nur vier Tonnen bewegen können.

Eine rentable Bahn auf die Schiene zu bringen, ist bis heute ein Fass ohne Boden. Das musste auch Georges Nagelmackers erkennen. Doch im Gegensatz zu den Vorständen der Gegenwart, die die Vokabel Subventionierung so inflationär benutzen wie manch anderer Toilettenpapier, ließ er sich nicht von seiner Idee abbringen den westlichsten Westen mit dem östlichsten Osten zu verbinden. Geblieben ist allen Unkenrufen zum Trotz mehr als nur die nostalgische Vorstellung einmal tief im Sessel zu versinken und vom Eiffelturm, am Stephansdom vorbei entlang der Donau, über den Balkan ans Goldene Horn zu reisen. Diese Vorstellung inspirierte Menschen seitdem es die Eisenbahn gibt, nicht nur Agatha Christie.

Gerhard J. Rekel lässt den Mythos Orient-Express einmal mehr aufleben. Dieses Mal jedoch bekommt er ein Gesicht. Georges Nagelmackers schürte  mit seiner Idee Sehnsüchte, die bis heute und in alle Ewigkeit nachwirken. Und dieses Buch sorgt dafür, dass nichts davon in Vergessenheit gerät.

Principessa Mafalda – Biografie eines Transatlantikdampfers

Es waren einmal zwei Schwestern. Hübsch anzusehen, präsentabel herausgeputzt und elegant – so wie es sich für Königskinder gehört. Als die erste ihre ersten Schritte ins Leben wagte, kam sie ins Wanken, kippte links zur Seite und versank im Meer. Die zweite folgte ihr Monate später. Ihr glückte, was ihrer älteren Schwester nicht gelang. Unter dem Jubel der Zuschauer glitt sie ins Leben…

Ja, wenn die Geschichte der Schifffahrt ein Märchen wäre, so hätte sie an dieser Stelle ein Happy end. Der Stapellauf der Principessa Mafalda, benannt nach der Tochter des italienischen Königs lief im Oktober 1908 in Genua vom Stapel. Ein Jahr zuvor sank ihr Schwesterschiff Jolanda – auch nach einer Tochter von Vittorio Emmanuele III. benannt – gleich beim Eintauchen ins Mittelmeer. Mit der Principessa Mafalda sollte es möglich sein in reichlich zwei Wochen von Genua nach Buenos Aires fahren zu können. Das wollte sich kaum jemand entgehen lassen.

Während in der ersten Klasse die Überfahrt zu einer Dauerparty verkam, darbten die Massen auf den unteren Decks. Mitgebrachtes Essen wurde sparsam rationiert, während oben an Deck die Prosecco-Korken knallten. Die enorme Recherchearbeit von Stefan Ineichen führt dazu, dass man im Nu sich an Bord dieses Dampfers versetzt fühlt. Die zahlreichen Abbildungen untermalen das von ihm Geschilderte, und machen jede Seite zu einem Reiseerlebnis, das ebenso luxuriös ist wie es damals – vor hundert Jahren – gewesen sein muss.

Eine Reise über den Atlantik endet nicht mit der Ankunft im Zielhafen. Auch hier hält Stefan Ineichen so manche Anekdote parat. Wenn beispielsweise der sizilianische Autor Luigi Pirandello auf den damals unumstrittenen Star des Tangos Carlos Gardel trifft, dann vibriert die Luft im Künstlercafé der argentinischen Metropole.

Oft bleibt von den großen Schiffen der Vergangenheit nur der bittere Nachgeschmack der Katastrophe im Gedächtnis. So ist es leider auch in diesem Fall. Die Mafalda glitt nur zwei Jahrzehnte über die Wellen der Meere. Die letzte Fahrt endete abrupt vor der Küste Brasiliens. Eine Welle hatte sich selbständig gemacht und den Rumpf des Stolzes der italienischen Dampfschifffahrt beschädigt. Nur wenige Stunden nachdem der Schaden bemerkt wurde, sank das Schiff am Abend des 25. Oktober 1927 und riss mehr als tausend Passagiere und Crew in die Tiefen.

Die „Principessa Mafalda“ war als große Hoffnung für alle Beteiligten ins Leben gestartet. Für die meisten versprach das Ziel ihrer Reise ein besseres Leben. Für die Betreiber war es ein Vorzeigeobjekt. Dass dieser Ruhm nur eine kurze Zeit halten würde, war nicht beabsichtigt, vielmehr war der Fortschritt Antriebsmotor für weitere Dampfschiffe. Die Mafalda war kurze Zeit nach ihrem Stapellauf nur eines von mehreren Schiffen, die der Mafalda in Sachen Eleganz und Ruhm allerdings nicht das Wasser reichen konnten. Ob die Mafalda ohne ihr ungeheuerliches Ende noch heute so dermaßen die Gemüter bewegen würde, kann man nicht sagen. Was aber auf alle Fälle stimmt, ist die Tatsache, dass durch Bücher wie dieses die Legende niemals untergehen wird.

Hemingway im Schwarzwald

Hemingway – ein Name wie Donnerhall. Als der kleine Ernie 1899 zur Welt kam, war das sicher nur ein kindliches Schreien. Ein paar Jahrzehnte später jedoch war der als Stilikone nicht mehr vom Thron zu stürzen. Muss ein gutes Jahr gewesen sein, dieses 1899: Ein anderer Künstler, der eine ganze Branche prägte, wurde ebenfalls im Sommer 1899 geboren. Alfred Hitchcock. Der bezog seine Genialität aus den Erfahrungen seiner Kindheit.

Hemingway ebenso.

Ernie, wie er oft genannt wurde, zog es früh an den Schreibtisch. Und das ist in seinem Fall wortwörtlich gemeint. Als Journalist für den Toronto Star schickte man dem Teenageralter Entwachsenen nach Paris. Das muss man sich mal vorstellen. Gerade mal alt genug, um in einer Bar Alkohol zu bekommen und dann ins Paris, das vor Verlockungen nur so strotzte. Zu einer Zeit, in der Europa einen gewaltigen Umbruch erlebte, und noch erleben sollte. Der Krieg – die Ordnungszahl ließ man glückverheißend oder unglückunwissend beiseite – war nur auf dem Reißbrett und dem Diktatspapier vorbei. Doch die neu gezogenen Grenzen noch lange nicht akzeptiert.

Nun ist der aufstrebende, vor Tatendrang strotzende junge Autor in der Stadt, die für Künstler das Paradies ist (noch nicht finanziell), in einem Land, das einen verheerenden Krieg verkraften muss und auf einem Kontinent, der brachliegt. Doch irgendwann kommt auch für ihn die Zeit sich einmal Ruhe zu gönnen.

Deutschland soll es sein. Freiburg, nicht weit von der Grenze entfernt. Der Schwarzwald erinnert ihn an seine Heimat. Dort, wo er das Fischen erlernt und lieben gelernt hat. Doch viele sind misstrauisch, besonders die Wirtsleute. Zum Glück ist der Wechselkurs im August 1922 sehr günstig. Für einen Dollar gibt’s mehr als sechshundert Mark – als er Deutschland ein paar Wochen später wieder verlässt, ist es mehr als das Doppelte. Ein Jahr später hätte er das Billionenfache bekommen… Da jetzt einen Zusammenhang herzustellen, wäre eine Milchmädchenrechnung. Fakt jedoch ist: Hemingway kehrt zurück nach Paris, seine Ehe geht ihrem Ende entgegen und sein Schreibdrang, das Verlangen nach literarischer Betätigung steigt und steigt. Schon bald erscheint seine erste Erzählung. Später wird sein Aufenthalt im Schwarzwald in „Schnee am Kilimandscharo“ den Raum einnehmen, den man so nicht vermuten konnte.

Thomas Fuchs folgt den Spuren des Literaturnobelpreisträgers durch den Schwarzwald. Mit viel Anlauf – ohne die zeit zuvor zu kennen, fehlen dem Leser die Verknüpfungen zur Besonderheit dieses Urlaubs im Schwarzwald – sammelt er immer mehr Spuren und nimmt Fährten auf, die schlussendlich in einer Geschichte zusammenfinden, die dem Meister alle Ehre machen würden. Es ist nur eine Anekdote im ereignisreichen (selbst veröffentlichten) Leben Hemingways. Aber eine, die großen Einfluss auf den viel zu kurzen Rest des selbigen hatte. Für Fans ein Muss, für Neugierige ein gefundenes Fressen.