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Den Vater töten

Den Vater töten

Den Vater nie kennengelernt, von der Mutter unsanft aus dem gemeinsamen Heim geworfen – „Was soll aus so einem nur werden?“ Die Wahl scheint oft zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Gefühlskälte und einzigartigen Fähigkeiten hin und her zu pendeln.

Joe Whip ist mit seinen Zaubertricks seit einem Jahr der verzückende Star der Bars und Clubs der Spielerstadt Reno am Rande der Sierra Nevada. Norman Terence ist ein begnadeter Magier, der den 15jährigen ein neues Heim gibt und ihn in die Geheimnisse der großen Magier einweihen will.

Joe lernt begeistert – und dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Ersten will er betrügen können, ein Ansinnen, das ihm Norman sofort wieder austreibt. Zum Anderen ist er, gelinde gesagt, total verschossen in Christina, Normans Freundin.

Diese Liebe in eine – für ihn – handfeste Tat umzusetzen, soll aber noch einige Zeit dauern. Denn erst an seinem 18. Geburtstag werden Christina und Norman ihn mit zum Burning Man Festival mitnehmen. Eine Welt, die Joe in eine Parallelwelt versetzen wird. Verrückte allenthalben, Feuerspucker (wie Christina), Gestalten aus fernen Galaxien, dauerhafte musikalische Beschallung und der Drang sich endlich Christina zu vereinigen. Sie wird es genauso wollen wie er. Joe und Norman geraten in einen Streit. Die hippiemäßige freie Liebe wird bei Norman einem Besitzanspruch weichen. Joe ist besessen von der Idee Christina, die nie seine Mutter war, und sich doch wie eine um ihn kümmerte, zu erobern, zu verführen und schlussendlich zu besitzen. Dieser philosophische Diskurs bringt die beiden Männer näher als sie es sich je eingestehen würden.

Joe verlässt Norman und Christina, um in Las Vegas Karriere zu machen. Was ihm auch anfangs gelingt …

Nicht jeder Vater muss nun Angst um sein Leben haben, wenn sein Kind ihm eröffnet: „Ich lese gerade Amélie Nothomb – ‘Den Vater töten‘“ Die Anleitung zum Patrizid oder Vatermord hält sich in Grenzen. Rasend schnell entwickelt Amélie Nothomb die Geschichte und vertieft den Leser nicht minder langsamer in den Strudel der Geschichte. Das Ende ist eines Hitchcock Thrillers würdig. Wer kurz vor Ende des Buches meint, die Lösung zu kennen, ist ein Narr oder ein unsagbar begnadeter Magier. Ebenso wie Joe, Norman und ein Belgier.

Mein Nachrichtendienst

Mein Nachrichtendienst

Auch in der Fremde der Heimat verbunden sein – für Thomas Mann und seine Familie war ein (über-)lebenswichtiges Elixier. Der Zaubertrank waren die Briefe von Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia, Ehefrau und Rückstärkung des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dreihundertfünfundsiebzig Briefe schrieb sie von 1933 bis 1941 an ihre Tochter. Bis 1939 hielt sie es in Deutschland aus, emigrierte aber nach Enteignung und unerträglichen Demütigungen in die Schweiz, wo sie 1942 starb.

Als junge Frau eroberte sie die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre allseits beliebte Eloquenz bescherte ihr den Ruf einer exzellenten Gastgeberin und Rednerin. Diese Eigenschaft macht diesen fast zweitausend Seiten starken Doppelband zu einem Leseereignis, das seinesgleichen sucht. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn hatten bereits 1933 Deutschland verlassen müssen, um dem Naziterror „abroad“ sich entgegenzustellen.

Natürlich konnte Hedwig von Pringsheim nicht alles so schreiben wie sie es gern wollte. Sie wählte Vergleiche aus Literatur und Musik, um die emigrierte Familie „aus dem Laufenden zu halten“. Nicht alle dieser Codes erschließen sich dem Leser auf den ersten Blick. Herausgeber Dirk Heißerer gibt im hinteren Teil jedes der Bände eine Verständnishilfe und knackt die wohl formulierten Gleichnisse.

So entsteht beim Lesen ein exaktes Abbild der Verhältnisse im Deutschland unter der Knute der Nazis und ihrer Schergen. Das jüdische Großbürgertum war durch – in einigen Teilen der Welt, aktuell im sich erschreckend rasant sich zum Schlechten entwickelnden Ungarn, weit verbreitete Vorurteile – besonders unter Beschuss geraten. Materiell litt die einstige wirtschaftliche und intellektuelle Elite besonders unter den Repressalien.

„Mein Nachrichtendienst“ ist eine Biographie einer Familie im dunkelsten  Deutschland, aber gleichsam eine Leidens- und Lebensgeschichte eines Landes, das so stolz auf seine Dichter und Denker, seine Errungenschaften und seinen Ruf als Land der Forscher war und es auch durfte. Dass die Nazis den Subtext nicht erkannten, liegt an ihrer Engstirnigkeit und Inflexibilität, aber vor allem an der geschickten Handhabung der Sprache durch Hedwig von Pringsheim. Der Doppelband ist sicherlich kein Buch, das man nebenbei liest. Der Stoff ist ein harter, teils amüsanter, weil er durchgegangen ist. Vor allem aber authentisch. Denn die Verfasserin der Briefe bot lang dem Regime die Stirn. Ihre Eigensinn und ihr scharfer Verstand erlaubte es ihr Einblicke zu geben, die so manchem „Weggucker“ verborgen blieb. Nun sind diese Briefe in einem eleganten Schmuckschuber in zwei Bänden erhältlich und definieren die literarische Aufarbeitung des zwölfjährigen Reiches neu.

Kerfe des Waldes

Kerfe des Waldes

Kerfe sind den meisten unter dem Begriff Insekten bekannt. Diese kleinen Biester, die im Sommer über der leckeren Torte herumschwirren. Aber auch dieselben kleinen Biester, die dafür sorgen, dass die Blumenpracht auch eine Pracht bleibt.

Hier ist nun das Standradwerk zur Bestimmung der Kerfe des Waldes. Alle „kleinen Biester“ werden hier in Originalgröße – das unverwechselbare Merkmal der Buchreihe – abgebildet. Aber nicht einfach nur so. Nein, feingliedrige Zeichnungen, die wirklich jedes Detail abbilden, verzaubern den Leser ab dem ersten Umblättern.

Vom Hirschhornkäfer haben viele schon einmal gehört. Wie er aussieht – davon haben noch weniger eine Ahnung. Und da Weibchen und Männchen unterschiedlich aussehen, werden auch beide abgebildet. Schmetterlinge faszinieren den Betrachter wegen ihrer Flugeleganz. Aber wer hat schon mal die Möglichkeit einen Schmetterling aus der Nähe in aller Ruhe zu beobachten? Meist sind die flinken Leichtgewichte sofort wieder weg. Dank der Abbildungen im Buch erfährt man, dass ein Zitronenfalter nicht nur komplett gelb ist, er hat vier kaum wahrnehmbare rote Punkte.

Prof. Dr. Gottfried Amann – der Autor – beschränkt sich allerdings nicht nur auf die bloße Abbildung der Kerfe des Waldes, Vielmehr erläutert er wissenschaftlich und zugleich leicht verständlich die Eigenschaften der vorgestellten Tiere.

Im Bilderteil legt er sein Hauptaugenmerk auf die Darstellung der Kerfe, aber nicht nur darauf allein. Eier, Larven und Puppen sowie die Fraßbilder werden genauso dargestellt. Wer also bei seinem nächsten Waldbesuch an einer angeknabberten Pflanze vorbeischaut, kann nun genau bestimmen, welches gefräßigeTier sich hier zu schaffen gemacht hat.

Die unglaubliche Vielfalt der Kerfe in unseren Wäldern erstaunt immer wieder. Und genauso erstaunt es den Leser, welch Aufwand die Macher des Buches betrieben, um wirklich jedes Insekt abzubilden.

Cloud city

Cloud City

Dem Alltag davon schweben – den eigenen Gedanken, dem eigene tun nachgehen und nachhängen – urbane Gestalten gestalten ihren Rhythmus differenziert. Die Kurzgeschichten in „Cloud city“ unterscheiden sich gehörig von dem, was man als geübter Leser kennt und erwartet. Mark Heydrich erfindet Figuren, die es so nicht gibt. Oder doch?! Er lässt sie gewähren in ihrem Handeln, er wertet nicht. Und: Er gibt dem Leser viel Freiraum für Interpretationen.

Mit brachialer Präzision wirft er dem Leser Bruchstücke von Leben hin, konstruiert vage Geschichten und lässt Handlungsstränge und Ende offen. Der Leser wird unweigerlich in die Zeilen hineingezogen, um muss nun – wohl oder übel – für sich entscheiden, was er dem Helden antut oder welchen Weg er ihn einschlagen lässt. Das wird dem Leser aber erst beim Lesen bewusst. Einmal in den Fängen des Autors, gibt es kein Entkommen mehr. Wie Sand rinnt die Geschichte durch die Finger. Sie festzuhalten obliegt demjenigen, der die Zeilen vor seinem lesenden Auge hat. Ein Spiel, auf das man sich einlassen muss.

Hat man den Dreh raus, öffnet sich ein Paradies der Sinne. Auswanderer verlieren ihren Mut, Banalitäten wie eine defekte Glühbirne erheben sich zum Dreh- und Angelpunkt einer Brunchrunde unter Freunden. Und immer mit dabei: Der Leser. Unmerklich wird er Bestandteil der Geschichten.

Mal werden Rachegelüste in die Tat umgesetzt, oder nicht?! Der Leser muss jetzt entscheiden. Ist er Konsument, Zuschauer oder Beteiligter?

„Cloud city“ ist Mit-Mach-Lesen erster Klasse.

Untat

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Sechzehn Grundsätze umfasst der Pressekodex der deutschen Presse. Einer davon lautet, dass man immer der Wahrheit verpflichtet ist und keine unlauteren Methoden anwendet. Man darf die Menschenwürde und Ehre nicht verletzen. Hehre Ziele, an die sich gute Journalisten auch halten. Nun gibt es aber – wie in jeder Branche, was keine Entschuldigung sein soll – auch schwarze Schafe. Die kommen an ihre Geschichten nur, wenn sie den Pressekodex missachten und so manche Grenze überschreiten.

Zwei dieser Exemplare spielen die Hauptrollen in Guido Rohms Krimi „Untat“. Ein Entführer und Mörder – sie nennen ihn Oscar, weil er es ihnen so vorgibt – kündigt die Entführung eines Kindes an. Die beiden sollen ihn dabei begleiten. Über ihn berichten. Hinterher. Wenn alles vorbei ist. Wenn er sein Lösegeld hat. Wenn er, Oscar, in Sicherheit ist.

Und schon haben wir, die Leser, die erste Zwickmühle. Normalerweise braucht ein Krimi immer einen (oder mehrere) Schurken. Und einen (oder mehrere) gute Jungens.

Oscar ist der Typ Mensch, den man seine kriminellen Absichten sofort ansieht. Die beiden namenlosen Journalisten erkennen in ihm eine krude Mischung aus Peter Lorre und Edward G. Robinson. Überhaupt hegen die beiden eine tiefgehende Liebe zu amerikanischen Gangsterfilmen. Leider haben sie daraus auch ihr Wissen über Verbrechen bezogen. Denn Hollywood ist nicht die reale Welt, und umgekehrt.

Oscar macht den beiden unmissverständlich klar, wer hier die (dreckigen) Hosen anhat. Er! Zwei Tage dauert die Vorbereitung des Verbrechens, für das sogar im Knast wenig Sympathie herrschen wird. Zwei Tage ohne entsprechende Hygiene, ohne passendes Essen. Die beiden Schreibtischtäter (zumindest waren sie es bis vor Kurzem noch) rümpfen elitär-angewidert die Nase, fassen die Umstände aber als zum Spiel dazugehörig auf. BCP – Bier, Chips und Pornos bestimmen nun den Tagesablauf. Am dritten Tag verschwindet Oscar, um das Verbrechen zu verüben. Ohne die beiden, Naseweise. Die würden nur stören.

Fast wie im richtigen Leben läuft auch hier nicht alles glatt. Guido Rohm lässt den Leser im Unklaren, was da eigentlich passiert. Andeutung reiht sich an Vermutung, Vermutungen liefern sich ein Bäumchen-Wechsel-Dich mit perfiden Träumen. Der Leser wird hin und hergerissen vom geschickten Spiel des schwerfällig Haupttäters mit seinen willigen Helfern. Am Ende … ja das Ende. Selber lesen!

Die Verwahrten

Die Verwahrten

Sicherheitsverwahrung. Verwahrung. Was soll das heißen? Woher kommt dieses Wort? Komisches Wort. Verwahrung. Ist jemand oder etwas nicht verwahrt, ist er/es dann verwahrlost?

Bis vor kurzer Zeit war es so, dass Schwerstkriminelle ohne Aussicht auf die so genannte Resozialisierung (noch so ein Wort, das man immer gern benutzt, aber über dessen eigentliche Bedeutung man sich nie Gedanken macht) nach Verbüßung ihrer Strafe in eine Sicherheitsverwahrung kamen. Und zwar so lange, bis sie keine Gefahr mehr für die Allgemeinheit darstellten. Diese Gangart haben aber Europäischer und Bundesgerichtshof verworfen. Wer seine Strafe verbüßt hat, ist frei.

Peter Neugebauer ist 49 Jahre alt und ist seit drei Tagen auf freiem Fuß. Er wollte zu seiner Verlobten, all das nachholen, was ihm in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht erlaubt war. Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und schwere Körperverletzung warf man ihm (zu Recht) vor. Nun steht er wieder in einer Zelle, nur wenige Schritte breit. Ab und zu kommt ein Wärter, Ankläger und Richter in einer Person vorbei und löchert ihn wohlformuliert mit Fragen, gibt klare Anweisungen. Peter Neugebauer ist nun 1/2011. Eine Nummer – mehr nicht. Schnell wird klar, dieses Gefängnis ist anders, härter als das, aus dem er gerade entlassen wurde.

2/2011 und 3/2011 geht es nicht anders. Auch sie sind Nutznießer des neuen Gesetzes und frei – zumindest auf dem Papier. Exekutive und Judikative versuchen der Sache Herr zu werden, indem sie Bauernopfer kreieren, die Presse hinhalten und Gefangene beschwichtigen. Ein perfides Spiel. Leider ist die ganze Sache ein Spiel. Ohne Happy end. Ohne Gewinner. Nur Verlierer.

Susanne Preusker beschreibt in diesem Roman die beklemmende Enge der endgültigen Zelle so anschaulich, dass es dem Leser graust. Die Täter, die nun Opfer sind – ob das gerecht oder gar recht ist, darüber müssen sich die Gelehrten streiten – leiden wie einst ihre Opfer. Die Handlungsunfähigkeit, das Desinteresse und die Ohnmacht der Politik schreit zum Himmel.

„Die Verwahrten“ ist nicht nur spannend zu lesen ist, sondern wird auch die Diskussion um eines der heikelsten Themen der Justiz befeuern kann.

Die Autorin arbeitete als Gefängnispsychologin und Psychotherapeutin. Ihr Erstling „Sieben Stunden im April“, in dem sie ihre eigene Geiselnahme und Vergewaltigung verarbeitete, erregte großes Aufsehen. „Die Verwahrten“ ist ihr erster Roman.

Mord auf vier Pfoten

Mord auf vier Pfoten

Dem Volk aufs Maul schauen – das tun Autoren zumeist. Lilo Beil schaut den Haustieren des Volkes aufs Maul. Denn die haben uns Menschen etwas voraus: Sie verstehen unsere Worte. Wir hingegen verstehen das Miaue und Gewuffe nicht.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass die vierbeinigen Detektive in den Geschichten von Lilo Beil die besseren Ermittler sind. Manchmal sogar die besseren Menschen… Die Täter laufen auf zwei Beinen – bad. Die Kommissare verlassen sich auf ihre Spürnase und doppelt so viele Stützen – good. Das wusste schon George Orwell, der seinen Helden in „Animal farm“ diese Weisheit ins Maul legte.

Die Autorin nimmt Anleihen bei Märchen wie dem vom „Fischer und seiner Frau“, bei Wegbereitern des Krimi-Genres wie Agatha Christie und dem Meister der Spannung Alfred Hitchcock.

In ihren Geschichten verleiht sie den Detektiven nur leicht menschliche Züge – der Leser, der ja nun mal menschlich ist, muss den Gedankengängen schließlich folgen können…

Zweiundzwanzig tierisch-köstliche Fälle serviert die Autorin dem Leser auf dem Silbertablett. Ohne große Anstrengungen darf er sich nun der Lösung der Fälle widmen. Ein Lesespaß für alle Zweibeiner, die ihre Vierbeiner bisher immer unterschätzt haben. Ideal zum Selberlesen und Verschenken.

Was tun, sprach Zeus

Was tun, sprach Zeus

Never change a winnig team – kein antiker Spruch, aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Gerhard Wagner sammelt Sprüche, um ihren Ursprung zu untersuchen. Zweihundert Sprüche hat er unter die Lupe genommen. Nachdem er in seinem ersten Buch Redewendungen aus dem Mittelalter auf Herzen und Nieren geprüft hat, ist es nun für den Leser ein Fortschritt, dass er einen Schritt zurückging und die Antike genauer betrachtet.

Und einmal mehr wird der Leser verblüfft sein, wie viel Antike noch im heutigen modernen Alltag steckt: So mancher Verein erblüht unter der Ägide eines charismatischen Präsidenten. Die Spieler leben dann im Elysium – auch weil einige von Amors Pfeil getroffen werden – um dann wie von Furien gehetzt, den Lebensfaden abgeschnitten zu bekommen. Bis hierhin kann jeder etwas mit den Aussagen etwas anfangen. Wohlformulierte Worte, die es dem Zuhörer erlauben sich eine Meinung vom Sagenden zu bilden. Meist ein positives Urteil. Denn der Aussprechende bezeugt dadurch ein gewisses Maß an Wissen und Weltoffenheit.

Und jetzt kann man sogar seine Redewendungen erläutern und herleiten. Was will man mehr?! Die Würfel sind gefallen, das Unwissen ist eine terra incognita. Man ist nicht mehr am Ende seines Lateins, wenn man nach dem Weg fragt.

Gerhard Wagner gelingt es mit seinen knappen, teils süffisanten Beschreibungen den alltäglichen Kampf der verkürzten und unbestimmten Sprache neues Leben einzuhauchen. Nur wer sich gewählt und abwechslungsreich bewähren kann, wird Erfolg haben. Somit sollte dieses Buch nicht unter „Sprücheklopfer“ stehen, sondern bei den Ratgebern. Banausen und Koryphäen werden nun in epischer Breite erklären können, wieso und warum sie so und nicht anders argumentierten. Ein Glücksfall für jeden, der sich auch über Sprache definiert.

Wo Thales in den Brunnen fiel – Ein philosophischer Reiseführer in die Antike

Wo Thales in den Brunnen fiel

Und wieder ein Reiseband aus dem Primusverlag, den man so nicht kommen sah. Nachdem man Berlin historisch erreisen konnte, sind nun die Philosophen dran. Reisen zu den Orten ihre Wirkens. Reisen zu den Orten, an denen sie ihnen ihre genialen, universellen Ideen kamen. Ein Exkurs in die Geschichte des Denkens, mal ernst, mal zum Schmunzeln.

Der titelgebende Thales, dessen Satz so manchen Schüler zur Verzweiflung brachte, war nicht nur Mathematiker und Physiker, sondern auch Politiker und Astronom. Und zwar in Milet, an der heute türkischen Westküste, nur wenige Kilometer südlich von Ephesos. Eine Anekdote besagt, dass er den Himmel beobachtete und dabei den vor ihm liegenden Brunnen übersah. Und plumps – war es um ihn geschehen. Aber das ist nur eine Anekdote, ob sie wahr ist, weiß niemand. Vielleicht verspottete man ihn auch nur, weil er immer so wissbegierig das Himmelszelt mit den Augen verschlang. Erst im Jahr 585 v.u.Z. legte sich der Spott als er eine totale Sonnenfinsternis auf den Tag genau vorhersagte und damit Frieden der Region bescherte. Denn als sich die Sonne am helllichten Tag verzog, schlossen die verhärteten Fronten Frieden.

Nur eine Geschichte von vielen aus diesem amüsanten und originellen Reiseband. Reisen in die Antike – dafür gibt es unzählige Anlässe und Anbieter. Ein Orakel hier, ein verfallener Tempel da. Ein antikes Schlachtfeld vor Augen, eine Siegessäule im Rücken. Und immer der Lerngedanke im Kopf. So macht Erholung nur bedingt Spaß.

„Wo Thales in den Brunnen fiel“ ist die alternative Lernmethode dem Grundgedanken unserer heutigen Zeit und Forschung nachzugehen. Und das im wortwörtlichen Sinne. Warum nicht mal auf den Spuren von Denkern und Lenkern wandeln? Dorthin reisen, wo sie wirkten, wo sie ihre Spuren hinterließen.

John Gaskin gibt Hilfestellung bei der Planung des nächsten außergewöhnlichen Urlaubs.

Ernst beiseite!

Ernst beiseite

Jeden Tag, jede Stunde, irgendwo auf der Welt: Ein Mann und eine Frau (okay, total p.c. eine Frau und eine Frau oder ein Mann und ein Mann) zermartern sich ihr Hirn wie sie dem in Bälde neuen Erdenbürger denn nun rufen sollen. Schließlich kommt irgendwann der Moment, an dem auch die Nachbarn den kleinen Racker beim Namen rufen hören. Und dann sollte doch gefälligst nicht schallendes Gelächter die Reaktion sein. Ja, die Namenswahl ist in den meisten Fällen durchaus verzwickt.

Jeder kennt mindestens ein Beispiel aus seinem Bekannten- oder Freundeskreis, bei dem die Namenswahl offenbar in geistiger Umnachtung geschah. Schlimm wird es erst, wenn es die Geber nicht merken, was sie dem Empfänger antun. Es gibt immer wieder Forschungen, die (angeblich) belegen, dass Kevins es nicht unbedingt einfacher haben im Leben. Und das nur weil in den 90er Jahren mal einer mit einem Wolf tanzte.

Oder nur weil der Lieblingsdarsteller aus der Lieblings-Soap soooo niedlich ist, wird es der Nachwuchs nicht automatisch. Was passiert, wenn dieser Lieblingsdarsteller etwas tut, was mit keiner gesunden Lebenseinstellung zu vereinbaren ist? Das Kind rennt dann ein Leben mit diesem Stigma rum.

Auch Sprachmelodie, also die Verbindung von Vor- und Zunamen sollte stimmig sein.

William Wahl hat sich Gedanken zum Thema Namenswahl und -vergabe gemacht. Seine Schlussfolgerungen sind schlüssig und teils bissig. Nichts für Zartbesaitete. Fünfhundert Namen hat er auf Ursprung und Bedeutung untersucht. An dieser Stelle verzichtet man am besten auf irreführende Negativbeispiele, um nicht den einen oder anderen zu verprellen. Denn nur weil einer Menno heißt, ist er nicht gleich quengelig oder eine Mischung aus Mensch und Benno (in Anlehnung an Mel Brooks‘ „Spaceballs“, in dem es einen Möter – halb Mensch, halb Köter – gibt). Menno kommt aus dem Ostfriesischen. Apropos ostfriesisch: Dieser Menschenschlag muss in Deutschland oft und gern für do manchen Ulk (nicht Ulf) herhalten. William Wahl hat eine Liste der dämlichsten friesischen Namen erstellt. Lassen Sie es bitte die Ockes und Arfsts Ihrer Umgebung nicht merken, dass sie Bestandteil dieser Liste sind.

„Ernst beiseite!“ ist das Buch, das werdenden Eltern noch zum Glück fehlt. Denn sobald sie einen möglichen Namen für ihren Nachwuchs hier entdecken, wird es knifflig. Die Suche beginnt von vorn und unter ganz anderen Gesichtspunkten. Trotzdem sollte dieses Buch zur Hand genommen werden, um Missverständnisse von vornherein zu minimieren. Liebe werdende Eltern, lasst Euch nicht einschüchtern. Erfolg hängt nicht vom Vornamen ab. Jedoch sind Vorurteile in jeder Gesellschaft vorhanden. Und nicht jeder ungeplante Nachwuchs muss mit höherer Gewalt in Verbindung gebracht werden. Suchen Sie nicht weiter nach Synonymen für „Gottes Geschenk“, und wenn dann nur in fremden Sprachen, die in fernen Ländern und Kontinenten gesprochen werden. Jedes Kind ist kostbar, muss aber nicht gleich Precious (englisch) oder Ivie (edo, Sprache in Nigeria) heißen. Namensvielfalt ist Kulturgut, das man schützen sollte. Und zwar in jeder Hinsicht.