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Bilder der Freiheit

Bilder der Freiheit

Freiheit: Ein wunderbar dehnbarer Begriff, der besonders Politikern, und noch mehr denen, die sich als Politiker fühlen, am Herzen liegt. Kann man so herrlich damit spielen. Und es gibt kaum jemanden, der den Begriff negieren möchte. Gewinner auf allen Seiten.

Freiheit bedeutet auch immer Ausbruch aus der Unfreiheit. Wolfdietrich Jost gibt in seiner Geschichte eine passende Argumentationshilfe. Sein Text „Zu neuen Ufern“ ist der Gewinner des diesjährigen Literaturwettbewerbs „Antho? – Logisch!“ und darf den Reigen der Texte in diesem Buch eröffnen. Sarkastisch und mutmachend zugleich nimmt er die Personalpolitik eines Unternehmens unter die Lupe. Entlassung als Chance?! Entlassung als Chance! Zweieinhalbtausend Mitarbeiter werden auf die Straße, frei gesetzt. Jetzt liegt es an ihnen etwas daraus zu machen. Zynisch? Nein! Er reiht die Fakten aneinander und schafft mit den Mitteln der Literatur eine Freizone der Gedanken.

Die in diesem Buch gesammelten Texte sind Zeilen für den Kopf. Kurz und prägnant zeigen sie die unendliche Gedankenvielfalt zum Thema Freiheit. Der Leser bekommt Zeile für Zeile Bilder vorgesetzt und kreiert seine eigenen Bilder (hinzu). Freiheit ist ein Wort, das oft inflationär gebraucht wird. Es ist individuell und gemeinschaftlich einsetzbar. Jeder hat seine eigene Definition, je nach Tagesform und Situation. Die Freiheit das zu tun, was man machen möchte, ist ein hehres Ziel. Doch genauso flexibel wie ein Gummiband. Freiheit geht immer mit Regeln und deren Einhaltung einher. Wer die Regeln befolgt, hat mehr Freiheiten als der, der sie nicht befolgt. Klingt komisch?

Bricht man den Begriff Freiheit immer weiter herunter, was an sich schon eine Befolgung der Regeln beinhaltet, kommt man schnell zu dem Entschluss, dass die Regeln der Freiheit nicht die Selbige behindern.

„Bilder der Freiheit“ ist für alle, die Freiheit nicht nur als leere Worthülse betrachten. Aus allen Bereichen des Lebens setzen sich die Autoren zusammen. Ihre Ansichten verleiten dazu so manchen Text noch einmal zu lesen. Immer wieder entdeckt man neue Facetten der Argumentation, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Man muss sich nur die Freiheit nehmen die Zeilen sich entwickeln zu lassen. Das ist Freiheit in Reinform.

Gebrauchsanweisung für Amsterdam

Gebrauchsanweisung für Amsterdam

Kein Rätselbild: Fahrrad am Brückengeländer und Tulpen auf dem Gepäckträger. Klar, wir sind in Amsterdam. So viel Klischee muss sein. Häuslebauern ist diese Stadt suspekt. So schöne Häuser und alle Bewohner sind draußen auf den Straßen und den Grachten. Warum nur? Siggi Weidemann weiß es und gibt wortstark und emotionsgeladen die Antwort darauf: Es ist halt Amsterdam! Muss man gesehen haben. Sehen ja, aber richtig!

Hineinsehen ist in Amsterdam immer noch möglich. Auch wenn es immer mehr Wohnungen gibt, deren Bewohner die ihr Innerstes mit Gardinen versuchen zu verbergen. Touristen erkennt man übrigens daran, dass sie gezielt in die Wohnungen schauen. Amsterdamer lässt der Blick in Nachbars Stube kalt.

Zurück zum Klischee des Titelbildes. Fahrräder, fiets genannt. Jeder hat eines, jeder fährt eines, jeder lässt es sich je nach Modell klauen. Und jeder kauft sich schlussendlich irgendwann einmal ein Geklautes wieder. Der Rundlauf des Rades ist der Kreislauf des Fahrradlebens. Helme sind in der Grachtenmetropole verpönt. Auch hier gilt wieder: Mit Helm – Touri, ohne Helm garantiert Einheimischer. Es ist nicht ungefährlich in Amsterdam Rad zu fahren. Nicht selten bleiben Radler in den Straßenbahnschienen stecken und stürzen. Am besten am Morgen radelnd die Stadt erkunden. Oder am Sonntag, rät der Autor.

Entspanntes Leben und Amsterdam gehören zusammen wie Paris und der Eiffelturm oder mürrisch sein als Berliner Taxifahrer. „Dank dem Internet“ gibt es keine Geheimtipps mehr, nur noch Orte, die man immer wieder gern oder eben zum ersten Mal besucht. Und davon hat Amsterdam im Überfluss! Grüne Oasen der Ruhe wechseln sich mit mehr oder weniger liebevoll gestalteten Museen ab. Rot beleuchtete Straßenzüge voller Gaffer stehen neben wie leer gefegten kleinen Gassen, in denen sich wahre Shoppingparadiese verbergen. Eine kulinarische Weltreise kann man hier unternehmen. Im Kontrast dazu „das Essen aus der Wand“, aus einem Imbiss-Automaten.

Siggi Weidemanns Streifzüge sind Anleitungen zum Verweilen in einer Stadt, die wie ein Klischee wirkt und doch so vielfältig, bunt und abwechslungsreich ist wie keine andere Stadt auf der Welt. Modernes Leben und Lebenslust sind hier keine Gegensätze, sondern gelebtes Allgemeinwohl. Fast scheint es als ob man in der Grachtenstadt keinen Ratgeber braucht, außer diesen hier. Wohlwollend verzichtet der Autor auf das Hinweisen wo man gewesen sein muss, so man typisch amsterdamisch essen gehen sollte oder was man auf gar keinen Fall verpassen darf. Man muss nur die Augen und Ohren offenhalten. Und ein bisschen Anpassung an die Gepflogenheiten sollte man mitbringen. Alternativ und anders ist die Stadt auch auf den zweiten Blick. Doch fremd ist sie zu keinem Zeitpunkt.

Styleguide Wien

Styleguide Wien

Styleguide – das Wort hat irgendwie was Modernes an sich. Ein Reiseband für den modernen Reisenden, der immer nur das Neueste, das Abgefahrenste, das Außergewöhnliche sucht. Also kein Reiseband für die ganze Familie?

Ganz im Gegenteil! Denn die beiden Autorinnen sind Familie, sind Mutter und Tochter. Und sie wohnen in Wien, lieben Wien und – was ganz wichtig ist – sie kennen Wien. Und von wegen immer nur das Moderne … sie kennen beide Seiten Wiens. Die altehrwürdigen Bauten mit ihren Geschichtchen und das sich immer wieder verändernde Wien.

Wien zu erfassen ist nicht einfach. Die Stadt bietet sich an sie schlendernd zu erkunden. Staunenden Blickes mit hoch erhobenen Haupt schreitet man durch das Vermächtnis von k.u.k. und erblickt so manches Kleinod und großartige Errungenschaften. Aber hat man dann Wien wirklich gesehen? A bissl! Mehr net!

Angie und Brigitte Rattay helfen dem Neugierigen gehörig auf die Sprünge. Schon beim ersten Durchblättern hat man das Programm für zwei volle Tage zusammen. Die beiden Autorinnen gliedern ihr modern gestaltetes Buch (mit Gummiband als Lesezeichen) nach den Stadtteilen Wiens. Sie beginnen natürlich im Ersten, soll heißen im ersten Bezirk, dort wo Stephansdom, Café Korb und Albertina von außen und innen den Gast „verwienern“. Selbst wer Wien schon kennt, beißt sich vor Wut in den Allerwertesten, und fragt sich „Wieso kenne ich das nicht?“. Tja, ganz einfach, den falschen Reiseführer befragt. Aber keine Angst, beim nächsten Mal wird alles besser! Denn dieser Reiseband gehört einfach zu Wien wie Walzer, Eitrige und Schmäh.

Bildreich mit kurzen, prägnanten Texten ist dieses Buch ein ständiger Begleiter, der regelmäßig Tipps gibt. Und da man sich vorrangig in einem Bezirk bewegt, muss man nicht andauernd die kompletten über zweihundertfünfzig Seiten durchblättern, sondern bleibt in der „Umgebung“.

Neben den offensichtlichen Highlights, die natürlich nicht in einem Buch über Wien fehlen dürfen – Naschmarkt und Donauinsel – sind auch kleinere, vielleicht nicht so bekannte Anlaufpunkte vermerkt. Heißhungerbefriediger im 12 Munchies, Cineastische Hochgenüsse im Votivkino oder was auf die Ohren in Teuchtlers Plattenladen im Sechsten. Drei Orte, die nur in wenigen Reisebänden stehen, und doch das komplette, wahre Wien zeigen.

Wer Wien besucht, nur um behaupten zu können auch hier einmal gewesen zu sein, braucht dieses Buch nicht, der braucht überhaupt kein Reisebuch. Wer Wien jedoch als Höhepunkt seiner Reisen erleben will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Wohlfühlen in einer der schönsten Städte der Welt mit einem der befriedigendsten Bücher über die Stadt wird man voller Eindrücke wieder an den heimischen Herd zurückkehren und sich schwören, dass man beim nächsten Mal wieder mit diesem Buch Wien aufs Neue erkunden wird.

Partisanen

Partisanen

Partisanen allein bringen keine Ordnung zu Fall. Sie sticheln, tun ihr weh, knabbern an den Werten, doch endgültig fällen, dafür sind sie zu schwach. Doch ohne die Querdenker wäre die Ordnung arbeitslos, könnte schalten und walten wie sie will. Langeweile und Diktatur wären die Folgen.

„pARTisan“ heißt eine Zeitschrift, eine Bewegung in Belarus. Herausgeber ist Artur Klinaŭ. Und in diesem Buch sind kurze Texte zum Thema Partisanen und ihrem Kampf nun veröffentlicht worden. Verschiedene Autoren berichten aus der Welt, aus ihrer Welt vom Kampf der Künstler im Partisanengewand gegen die Obrichkeiten.

Im Jahr 2016 lesen sich manche Geschichten wie ein Witz. So was gibt’s noch, fragt man sich kopfschüttelnd. Weißrussland, einst eine blühende Sowjetrepublik, die die besten Chancen hatte, aus der Aufspaltung der UdSSR als großer Gewinner hervorzugehen, ist heute das Land in Europa mit der geringsten Freiheit. Unabhängige Medien sind dazu verdammt im Untergrund zu agieren. Rede- und Meinungsfreiheit werden im Keim erstickt. Wirtschaftlich wird es von einer dem Diktator Lukaschenka hörigen Clique halbwegs am Leben erhalten, die sich selbst die Taschen vollstopfen.

Die Texte beweisen eindrücklich, dass Kampf nicht immer als Blutvergießen im wortwörtlichen Sinne zu verstehen ist. Die Feder ist oft schärfer als das Schwert. Jede Zeile strotzt vor Kampfeswille und ist erfüllt von Siegermentalität. Keine hohlen Phrasen, irrationalen Durchhalteparolen, sondern Augen öffnende Argumentationen, denen sich nur die verschließen, die (noch) das Sagen haben.

„Partisanen“ gibt einen Einblick in das Leben von unterdrückten Künstlern, die sich ihrer Stimme bewusst sind und sie auch einzusetzen wissen. Für den Leser ist dieses Buch eine völlig neue, fremde Welt. Nur ab und zu gelingt es Journalisten aus dem verschlossenen Belarus / Weißrussland zu berichten. Immer mit der Angst im Nacken entdeckt zu werden oder hören zu müssen, dass eine oder mehrere Quellen inhaftiert wurden. Die Nadelstiche, die die Künstler setzen, stammen von ihrer spitzen Federn und die Narben werden noch lange nicht verheilen.

 

Schalom

Schalom

Schalom – Friede, Schalom – Kriegerhelm, Schalom – hallo! Immer dasselbe Wort, drei verschiedene Bedeutungen. Im belarussischen ist es die Pickelhaube. Und die hat André auf dem Kopf. André ist Künstler und darf das. Und er ist Weißrusse, Belarusse. Gerade eben hat er noch an Vernissagen in Bonn teilgenommen, jetzt geht es wieder heim. Heim nach Belarus, nach Mogiljow. Ihn schaudert’s bei dem Gedanken daran. Zurück zu Frau und Kind und Schwiegermama, der er unbedingt Stiefeln mitbringen soll.

Ein letzter Tag in Bonn, Einkaufen heißt es nun. Wie jeder gute Tourist will er denen, die ihn sehnsüchtig erwarten auch was mitbringen. Doch André ist eben nicht nur Künstler, sondern auch begnadeter Trinker. Der letzte Tag beginnt mit Katzenjammer. Beim Bummel über den Flohmarkt erregt etwas seine Aufmerksamkeit. Erst flüchtig, doch dann immer heftiger. Eine Pickelhaube. Schalom Schalom! Hallo Mützchen! Der Schwiegermutterwunsch rückt in immer weitere Ferne. Ein schnelles Wortgefecht mit dem Verkäufer und schon hat André eine Kopfbedeckung und jede Menge Redestoff für den Trip nach Hause…

Artur Klinaŭ ist selbst Künstler, gibt die Zeitschrift „pARTisan“ in Weißrussland heraus. In seinem ersten auf Deutsch veröffentlichten Roman „Schalom“ nimmt er die weißrussische Seele aufs Korn. André hält sich nicht an Konventionen. Sein Weg zurück in die Heimat ist ein Roadtrip, ein homecoming-Dilemma im Prozentbereich. Mit Promille geben sich weder Autor noch Protagonist zufrieden. Es gibt immer einen Grund zum Trinken. Und zum Menschen kennenlernen. Die Pickelhaube, Schalom, ist der (Bier-) Büchsenöffner für die Völkerverständigung vom Rhein an den Dnepr.

André bedauert zutiefst hier verankert zu sein. Nicht in Minsk. Dort, wo Chaim Soutine und Marc Chagall wirkten. In Mogiljow ist niemand zuhause, den man kennt. Auch ihn kennt man nicht.

Die Pickelhaube verleiht dem nimmermüden Künstler und Geschichtenerzähler André das Gefühl von Erhabenheit. Er ist der General der Landstraße. Und je weiter er gen Osten reist, desto inniger wird die Beziehung zu seinem Alter ego, seiner Kopfbedeckung. Die Assoziationen, die sie und die er hervorrufen werden immer kruder. Doch Hauptsache ist doch, dass die Kehle geschmiert werden kann.

„Schalom“ liest sich wie aus einem Guss. Kein Schenkelklopferroman. Vielmehr ein hintersinniges Schriftstück, das den Leser immer weiterlesen lässt und die Spannung bis zum Schluss aufrecht hält. Der vermaledeite Helm ist Türöffner und Stolperstein zugleich. André ist es recht. Er fordert es regelrecht heraus mit ihm ins Gespräch zu kommen. Und mit ihm zu trinken. Der Leser sitzt immer mit am Tisch, als stummer Beobachter.

Das Haus im Dunkel

Das Haus im Dunkel

Es braucht seine Zeit bis man sich im Dunkeln zurechtfindet. Langsam tastet man sich voran. Vorbei an im Wind wehenden Vorhängen, die wie Buchseiten einem um die Nase wehen. Hindurch die zahllosen Zimmer, die wie Kapitel das Ganze ergeben. Mittendrin im Stoff, der sich nach und nach dem Leser entfaltet.

Ein Autor lebt in diesem großen, dunklen Haus. Mit Mutter und Sklavin. Die Beziehungen untereinander sind nüchtern. Miriam, die Sklavin spricht nicht. Sie ist treue Dienerin und Abbild der realen Phantasie. Die Mutter existiert nur noch als gebährende Hülle der Existenz des Erzählenden. Einzig allein die Katzen, die ihm überall hin folgen, die die Mutter als Schlafplatz nutzen, sind dem Leben zugetan. Sein Verleger ist nun auch tot. Nach jahrelanger Haft wegen Ablehnung eines jungen Autors. Das Haus – ist es real? Oder ist es das steingewordene Hirngespinst einer Phantasie?

José Luís Peixoto lässt Leser und Hauptfigur im Titel des Buches sitzen. Was ist echt, was schwebt zwischen den Sphären? Erst ein längst verloren geglaubter Freund, Anker der eigenen Existenz bringt wieder Schwung in die weiten, leeren Flure des Hauses. Prinz Calilatri verabschiedete sich einst mit den Worten die Welt zu erobern. Nun ist er zurück vom Feldzug der Sehnsucht. Hat alles gesehen, alles erlebt, will nicht mehr in fremden Gefilden wandeln. Die Invasion beginnt. Wirft alles bisher Bewährte, lethargisch Erduldete über den Haufen der leeren Blätter und wohl geformten Worte.

Flucht oder Verharren? Was ist richtig, was ist falsch? Die eingefahren, ausgetretenen Pfade des Lebens wirbeln Staub auf. Ob sich hier neues Leben ansiedeln kann? Oder wird das Haus dem Erdboden gleichgemacht?

Schon während des Lesens häufen sich die Fragen über „Das Haus im Dunkel“.  Schnell huscht man über so manche Zeile hinweg, um dann doch noch einmal zurückzublättern, um ganz sicher zu gehen alles auch wirklich richtig eingeordnet zu haben. Dieses Buch liest man unfreiwillig mehrmals. Die Rituale des Stillstands sind die Säulen der Beständigkeit im gesicherten Mauern. Wer sich jedoch nicht bewegt, fällt automatisch dem Rückschritt anheim. Für einen Autor der sichere Tod. José Luís Peixotos Held muss sich – wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben – einer echten Herausforderung stellen. Ein literarischer Hochgenuss für alle Buchstabenfetischisten, die das Wort nur in bedeutungsvollen Sätzen akzeptieren. Wie ein Nachschlag beim Lieblingsessen serviert der Autor dem Leser ein trauriges Szenario, das nach und nach seinen Schrecken verliert.

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Zürich

Zürich

Es ist kein Wunder, das viel Zürich für die Hauptstadt der Schweiz erachten. Irgendwie laufen hier alle Fäden zusammen. Mark van Huisseling ist gebürtiger Berner, ein Attribut, mit dem er als Lehrling mal vorgestellt wurde und das ihm überhaupt nicht passte. Nun lebt er in Zürich. Er liebt Zürich seit dem Tag als er zum ersten Mal mit seinen Eltern durch die Stadt an der Limmat fuhr. Hier wollte er leben, was erleben.

Und er liebt die Stadt. Nicht übermäßig, nicht blind, doch in jeder Zeile schwingt mal leise, mal lauter die Schwärmerei mit. Er weiß aber auch, und das schreibt er deutlich, dass das Paradies hier bestimmt nicht zuhause ist. Irgendwo zwischen Sehnsucht und Hassliebe bewegen sich seine (Stadt-)Ansichten. Wer Zürich noch nicht kennt, kommt schnell in die Versuchung als altklug zu gelten. Denn Mark van Huisseling gibt die Stadt so exakt wieder wie er nur kann. Und das mit einfach sprachlichen Mitteln ohne dabei abzuflachen. Ein Lesespaß, der erst mit dem Besuch in Zürich endet.

Das Buch zeigt dem Leser – egal, ob er schon Zürcher zu den Bewohnern der Stadt sagt oder sie noch als ZürIcher bezeichnet – wie die Stadt tickt, wie die Menschen die Stadt erobern, formen und nutzen. Kein Cocktail-Must-Have im Sowieso, kein Unbedingt hier das Zürcher Geschnetzelte einnehmen und da den Blick auf die Stadt genießen. Das muss man sich schon selber erarbeiten.

„Zürich“ ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt. Vor dem Urlaub, um sich ein wenig zu informieren und die Don’ts am Ende des Buches zu umgehen. Währenddessen schmökert man immer wieder darin, um die Do’s (gleich nach den Don’ts am Ende des Buches) nicht zu verpassen. Und schlussendlich erinnert man sich jedes Mal, wenn man es durchblättert, an einen Besuch erinnert, der einzigartig war. Hier in der Stadt, in der die einzige Kunstrichtung der Welt mit einem exakten „Gründungsdatum“ – dada – „erfunden wurde“.

Die kurzweiligen Texte laden zum Niederlassen ein. Eine Bank, die irgendwo auf der Welt, ist immer da. Setzen. Buch aufschlagen. Und Träumen, Sehnsucht pflegen und Pläne schmieden. Wenn ein Buch das Prädikat „Reisefieber-Virus“ verdient, dann dieses. Und der edle Einband zeigt dem Vorbeigehenden gleich, dass hier niemand sitzt, der in Zürich nur den Weg zum nächsten H&M oder McDonald’s sucht, sondern ein echter Genießer, der einem eigenen Weg folgt, um sich Erholung, Genuss und Entspannung zu suchen.

Das gemalte Ich

Das gemalte Ich

Seit der Oscarverleihung 2014 gibt es den Begriff der Selfies als Moderatorin Ellen Degeneres sich ins Publikum warf und mit Blockbuster-Garanten sich selbst einem Millionenpublikum näherte. Alle warfen sich wie tollwütig auf den neuen Trend. So was gab’s ja noch nie!

Haha. Hätten man da mal jemanden gefragt, der sich damit auskennt. James Hall zum Beispiel. Er ist Kunsthistoriker und hat unter anderem für den „Guardian“ als Kritiker gearbeitet. Als Mann der Künste hat er sich sicher nicht von der Show der Eitelkeiten verleiten lassen dieses Buch zu schreiben, doch eine gewisse Nähe zum Ausgangspunkt des Hypes ist nicht abzustreiten.

Künstler haben es seit jeher genossen sich selbst abzubilden. Spiegel und Leinwand aufgestellt, Farben gemischt und sich ins rechte Licht gerückt, damit sich nachfolgende Generationen ein Bild des Künstlers machen können. Das Titelbild zieht den Betrachter schon magisch an. Wilde Farbenspiele, exzentrische Pinselführung, tote, nichtssagende Augen – Vincent van Gogh. Es ist ein Ausschnitt eines – seines – Portraits aus den letzten Jahren des Künstlers. Er hat sich gern und oft gemalt. Wer sich die Bilder in der Reihenfolge ihrer Entstehung anschaut, kann ein wenig in der Biographie des Künstlers lesen. Ein junger frischer Mann mit wachem Blick, der die Welt aus den Angeln hebeln wird. Zum Ende ein gebrochener Künstler, der an seinem Talent und seinem Misserfolg, an persönlichen Schicksalsschlägen zugrunde ging. Das Gesicht als Spiegelbild der Seele. So manch einer fühlt sich in seiner emotionalen Welt zur Wahrheit verpflichtet und trägt sein Inneres nach außen. Bei van Gogh ist es nun einmal so, dass er heute einer der gefeiertsten Künstler ist, dessen Bilder regelmäßig Höchstpreise erzielen. Für ihn zu spät, für die meisten heute unbezahlbar. Aber in Museen immer noch ein Höhepunkt des Besuches.

James Halls Ausführungen beginnen aber nicht beim verzweifelten Genie van Gogh. Bereits im Altertum taten Künstler sich gütlich sich selbst abzubilden. Bis eine eigene Kunstgattung daraus erwuchs. Bücher über Kunstgeschichte lesen sich oft ein bisschen zäh, weil man dem enormen Wissen der Autoren glauben muss. Bei den Selbstportraits kann man auch als Laie ein bisschen mitreden. Denn so ziemlich jeder hat sich schon mal sein Smartphone geschnappt und mehr oder weniger heimlich den Arm ausgestreckt und in die Kamera gelächelt, das Gesicht verzogen und dann das „Meisterwerk“ in die virtuelle Welt hinaus gesandt. Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz wird sich wohl Gedanken darum gemacht haben, welch Tradition da wieder belebt wurde. Dank James Hall wird so manches Duckface nun in einem anderen Licht dargestellt – und hoffentlich bald auch wieder verschwinden.

Wer in Zukunft Museen auf der ganzen Welt besucht, wird etwas intensiver in den Gesichtern der Modelle schauen, nach Geheimnissen graben und vielleicht auch so manche Geschichte entdecken. Ganz sicher jedoch wird man sich an das eine oder andere Kapitel aus diesem antiken Buch der Selfies erinnern. Die zahlreichen Abbildungen sind sorgsam ausgewählt und vermitteln eine Kompletteindruck der Physiognomie des menschlichen Antlitzes.

Der Esel auf dem Eis

Der Esel auf dem Eis

Prrr, ist das kalt! Denkst sich der Esel. Der Esel! Merkt er doch nicht, dass er nicht auf der Straße, sondern auf dem zugefrorenen See steht. In heutiger Zeit würde man ihn anfrieren lassen und etwas Unerwartetes auf den langohrigen Schädel fallen lassen. Nicht der Maestro persönlich. Er weiß um die physikalischen Gegebenheiten des Lebewesens und lässt mit der Körperwärme den See schmelzen. Fertig, aus, Ende! Kurze Fabel, die Lehren daraus ziehen, das war’s!

Nö, noch lange nicht! Das wohl letzte echte Universalgenie der Menschheit hat noch so manche Lach- und Lehrattacke im Petto. Er fabuliert sich munter durchs Tier- und Pflanzenreich. Eitle Bäume, die die anderen verscheuchen, stehen mutterseelenallein da, wenn der Orkan wütet, sie keinen Schutz mehr bieten. Austern, die von Mäusen hinters Licht geführt werden, um das selbst als Mahlzeit zu enden. Pfiffiges Korn, das Ameisen ums Leben anbettelt, und einen horrenden Gewinn versprechen. Schwäne, die zum Sterben sich ins Dickicht zurückziehen, wo sie die anderen Tiere sterben hören können.

Eine echte Wohltat mal in die Schriften des Malers und Erfinders Leonardo da Vinci blicken zu dürfen. Dieses kleine Büchlein mit Dutzenden Fabeln entschlüsselt vielleicht das Geheimnis um seine Fähigkeiten. Doch es erlaubt einen Einblick in die Weitsichtigkeit eines wahren Gelehrten. Immer wieder setzt man ab, schmunzelt, sagt „Ja, so ist es!“ und blättert anschließend genüsslich weiter. Natürlich sind die Tiere als Gleichnisse zu sehen. Es gibt immer Einen, der aus der Reihe tanzt. Eitle Menschen, die sich nicht gern schmutzig machen und stattdessen lieber ihr Leben aufs Spiel setzen. Oder Choleriker, die keinerlei Veränderungen wünschen, und dann doch einsehen müssen, dass Veränderungen Fortschritt bedeuten und meist lange anhalten.

Das schmale Format bietet sich an es als wohlgemeintes Geschenk weiterzugeben. Ein Lächeln, gar ein Oho (der hat auch geschrieben?) werden der tiefe Dank sein. Und wenn man die Nachrichten sieht, die Gazetten durchblättert, online sich die News zur Gemüte führt, werden so manche Parallelen sichtbar. Hunderte Jahre alte Weisheiten, und es hat sich seitdem kaum etwas geändert… Nur die Genies werden weniger.