Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Gauner, Großkotz, kesse Lola

Erinnern wir uns. Gehen zurück in den Jahren. Vielleicht Jahrzehnten. Ein ganz normaler Wochentag. Vormittags. Was haben wir gemacht? Wir saßen in der Schule. Vorn, vor der Tafel, stand der Lehrer und versuchte gebetsmühlenartig den Lehrstoff in uns reinzustopfen. Und hat’s was gebracht? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch jede Schule, jeder Schüler hatte einen Lehrer, der kein Lehrer war. Zu ihm ging man gern in den Unterricht. Denn – und das erkennen viele erst später – er hatte eine Berufung. Er kannte sehr wohl den Lehrstoff. Von seinen Kollegen unterschied ihn die Tatsache, dass er es irgendwie schaffte alle in seinen Bann zu ziehen ohne das Lernziel aus den Augen zu verlieren. Lernen konnte auch Spaß machen!

Wer im Fremdsprachenunterricht immer nur Vokabeln pauken musste, ohne diese jemals richtig anwenden zu können, konnte keine Verbindung zur Kultur dieser Fremdsprache aufbauen. Buch – book, Mutter – matj, Auge – Mund – bouche. Und weiter? Wenn dann ein Lehrer Sketche aufführen ließ, witzige Anekdoten einflochte, durfte er sich ein „i“ an den Nachnamen hängen. Aus Herrn Schmidt wurden das eben „Schmidti“. Die höchste Ehre für einen Lehrer.

Christoph Gutknecht wurde sicher auch oft „Guti“ genannt. Er war Professor am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Uni Hamburg. In diesem Buch zeigt er kurzweilig und kenntnisreich den Einfluss des jiddischen in der deutschen Sprache auf. Denn vieles, was das tagein tagaus unseren Mund Richtung Gegenüber verlässt, hat gar keine deutschen Wurzeln, sondern jiddische, hebräische, aramäische. Pustekuchen wird der eine oder andere jetzt sagen, und führt seine eigene Überzeugung postwendend ad absurdum. Denn dieses amuse gueule hat seinen Ursprung nicht zwischen Elbe und Donau. Es hat eine wahre Odyssee hinter sich, bis es endlich seine Wurzeln im Jiddischen, Hebräischen freilegen durfte. Poschut (die „Puste“ im Pustekuchen) heißt „weniger“ und „kochem“ (der „Kuchen“) stammt von klug.

Nun lässt sich das Jiddische nicht so einfach erlernen wie der Vokabelteil eines Englischbuches. Erst wenn man das neu erlernte Wort – in diesem Fall das „wieder erlernte Wort“ – in verschiedenen Situationen erlebt hat, kann es seine gesamte Pracht entfalten. Christoph „Guti“ Gutknecht hält dafür eine Vielzahl an Anwendungsbeispielen parat. Kurz und knapp fegt er über die Bücherseiten, die bereits beschrieben wurden und fügt zusammen, was zusammen gehört. Kein Tinnef wird für Zoff sorgen. Liebevoll, teils kess wünscht er dem Leser bei seiner Lektüre Hals- und Beinbruch, auf dass er keinem Sprach-Gauner auf dem Leim geht. Wer ganz genau hinsieht, kann nach dem Genuss des Buches viel besser mosern. Und das wiederum ist eine typisch deutsche Marotte!

Mit dem Schiff durch Berlin

Es gibt viele Gründe nach Berlin zu fahren. Die Weltläufigkeit, die unbegrenzte Möglichkeit zum Shoppen, die Architektur, das Angebot an Konzerten. Doch Berlin als Schiffsmetropole zu betrachten, das ist ungewöhnlich. Nur auf dem ersten Blick! Denn Berlin ist von Wasserstraßen durchzogen wie kaum eine andere Stadt in Deutschland.

Armin Gewiese und Ulrike Dömeland nehmen den Leser mit auf eine kapitale Hafenrundfahrt. In Zahlen heißt das: Rund 60 km² Berlin sind vom Wasser erobert, die Uferlängen aller Gewässer sind fast doppelt so lang wie das S-Bahnnetz, und einer der größten Exportschlager der Welt wurde vor 125 Jahren auf dem Dampfer Hertha gegründet.

Von Kladow bis Erkner, von Krampenburg bis Tegel/Greenwich Promenade, vorbei an Hauptbahnhof und Schlossbrücke – janz Berlin liegt uffm Wasser. Zumindest am Wasser. Und es gibt auch überall was zu sehen! Museen, die Museumsinsel ist nur eine Augenweide, extravagante Illuminationen, Schlösser … und das Beste ist, dass lästige Parkplatzsuche keine Zeit mehr vom Besuch der Stadt abknabbern kann. Möglichkeiten zum Aussteigen und Besteigen der Schiffe gibt es zuhauf, um Berlin und Umgebung (wie zum Beispiel das architektonisch wie technisch einzigartige Schiffshebewerk Niederfinow) zu erkunden.

Kleine Karten erleichtern die Orientierung und am Ende des Buches geben die Autoren Tipps zur Hungerbewältigung an Havel, Spree, Dahme, Landwehrkanal, Teltowkanal, Müggelsee, Tegeler See, Seddinsee sowie Adressen von Kreuzfahrtveranstaltern, Reedereien und An- und Ablegestellen.

In den informativen Kapiteln kann man als Leser Berlin nicht schon „schon mal kurz vorher“ kennenlernen. Immer wieder lassen Bilder dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen, was er beim nächsten Berlintrip alles erleben kann. Berlin, die Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, arm aber sexy ist, urbanen Charme mit Modernität wie kaum eine andere zu verweben versteht, mal anders. Keine Touren für diejenigen, die schon alles gesehen haben, sondern eine echte Neuentdeckung der Hauptstadt.

100 Fingerfoods

Der Titel nimmt es vorweg: Zehnmal die Finger an beiden ablecken – so ergeht es dem Leser und leckermäuligen Nachkocher! War es bis vor wenigen Jahren noch so, dass man mit Fingerfood niemand hinter dem Ofen bzw. an den Tisch locken konnte, so ist Fingerfood heute ein eigenständiges Genre. Die Zeiten von Resteverwertung auf mehr oder weniger hohem Niveau sind passé!

Sebastian Schauermann führt den Leser in eine Welt, eine Essenskultur, die durch Geschmack, Raffinesse und mit viel Liebe zum Detail zu verzaubern mag. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob vegetarisch, vom Vieh, aus dem Meer, vom Grill, süß oder herzhaft, Großes ganz klein – in diesem Buch findet jeder was!

Auch Salat kann als Fingerfood gereicht werden. Ganz einfach und doch erstaunlich. Pfifferlingssalat: Schalotten, Olivenöl, Essig, Parmesan, Lauch, Butter, Tomate, Petersilie, Haselnüsse und ein Salatherz. Hat jeder in der Küche, die Pfifferlinge sind Saisonware. Schon das erste Rezept macht Appetit auf mehr, also weiterblättern. Die Schicksalszahl Dreizehn ist da schon etwas aufwändiger. Vegetarische Fritters mit Apfel-Karotten-Chutney. Das erste Viertel wird mit Tiger Cheeks, Ceviche aus Dorschbäckchen mit „Tigermilch“ abgeschlossen. Und bei der Hälfte gibt es Regenbogenforelle, Baconmarmelade (kein Schreibfehler!), Eiercreme und Senfblätter.

Wer gern isst und gern kocht, könnte auf die Idee kommen die Leibgericht einfach etwas kleiner zu gestalten und voilá!, schon hat man Fingerfood. Das würde allerdings dem eigenen Anspruch nicht genügen. Es gehört schon einiges mehr dazu einen Abend mit ansprechendem Fingerfood zum Erfolg zu führen.

Die meisten Zutaten sind bekannt und in der Regel sofort verfügbar. Die Raffinesse der hier vorgestellten Fingerablecken verursachenden Gulliveresken erhalten ihren besonderen Kick durch Beigaben, die frisch besorgt und verarbeitet werden müssen. Darin unterscheidet sich die Kunst der Fingerfoods in Nichts von ihrer „großen Küchenschwester“.

Fingerfood mit einem Happen runterzuschlingen, ist dem Hungrigen vorbehalten. Es zu genießen, als gleichwertiges Mahl zu betrachten, ist vielen noch fremd. Sebastian Schauermann ist der kundige Reiseleiter durch das oft unbekannte Land der gesunden, frischen, Häppchenküche.

Es ist eine Kunst Genuss und Heißhunger so gekonnt zu verbinden, dass die Auswahl den Esser nicht erschlägt und immer noch Appetit besteht, wenn der Abend mit dem Festmahl schon einige Stunden alt ist. Immer wieder wird nachgereicht, Neues und Bekanntes gehen Hand in Hand in der Hand in den Mund, Geschmacksexplosionen inklusive!

Kurtisanen, Konkubinen und Mätressen

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Endlich ungeniert die leichten Mädchen betrachten dürfen! Ja, … nein, so ein Buch ist das hier nicht! Es ist ein Buch, das voller Überraschungen steckt. Schon die erste vorgestellte Dame, Aspasia, war vermutlich gar keine Kurtisane, Konkubine, Mätresse oder gar Hetäre. Sie stand an der Seite von Perikles, der jedoch den Rückhalt beim Volk verlor. Schuld an der ganzen Misere war natürlich die Frau. Zumal sie auch aus dem Ausland stammte. Aus einer Kolonie. Das war vor knapp zweieinhalbtausend Jahren. Und die Sichtweise auf Frauen, die keinen lupenreinen Lebenslauf vorweisen können, die einfach da waren, ohne erkennbare Leistungen, hat sich seitdem kaum bis gar nicht verändert. Auch und ganz besonders, wenn ihre Wurzeln außerhalb des eigenen Hoheitsbereiches lagen…

Die Damen, die in diesem Buch ihre Meriten erfahren (Achtung! Eine weitere Überraschung wartet auf den Leser: Es sind nicht nur Damen, die hier in den Fokus gerückt werden.), waren hart arbeitende Personen. Verve und Hingabe, Intelligenz und Gerissenheit unterscheiden sie gravierend vom Vorurteil der Damen des horizontalen Gewerbes.

Auch wenn beispielsweise Messalina, Kaiserin durch, bei, unter Claudius, dem scheinbar zu widersprechen scheint. Ihre Lust war ungebändigt. Und sie hatte Macht. Sie war die Kaiserin! Doch starb sehr früh. Zuvor lebte sich jedoch ihre Machtgeilheit aus. Wer sich ihr verweigerte, konnte gesichert davon ausgehen, dass das nicht ohne Folgen blieb. Und einmal soll sie sich heimlich in ein Bordell geschlichen haben. Nicht aus Neugier, sondern aus purer Lust, um unerkannt sie derselben hinzugeben.

Im lustvollen Hinterhof der Geschichte lässt sich immer noch so manches Histörchen aufdecken. Gerade als man sich als Leser an die ihre Reize einsetzenden machtbewussten Damen gewöhnt hat, treten im Buch pflichtbewusste, kämpferische Damen auf den Plan. Sie entwerfen Manifeste, vertreten selbstbewusst ihrer Ideen, sind Männer nicht Untertan, sondern gleichgestellt. Ihre Reize halten sie galant, ob mit oder ohne Berechnung im Zaum, und führen ein unabhängiges Leben. Madame Pompadour ist sicherlich die bekannteste aus dieser Riege dieser Spezialistinnen. Das profane „Schau, was ich habe – gib mir, was ich will und es ist Deins“ wandelt sich stetig in ein „Ja, ich hab was, aber warum soll ich es Dir gegen?“. Stilbruch oder Fortschritt? Letzteres! Den Abschluss des Buches bildet die einst „berühmteste Hure Deutschlands“, Domenica. Ihr Ende war tragisch. Am Rande der Gesellschaft, links liegengelassen von der Öffentlichkeit gab sie ihre Erfahrungen im Gewerbe an den Nachwuchs weiter. Sie half unterbewusst Generationen von Frauen, die den Strich als Ausweg sahen oder als Ausdruck ihrer selbst beschritten.

Und auch das gab (und gibt) es! Männer als Günstlinge der eigenen Ausstrahlung. Vaslav Nijinsky, der Gott der Sprünge im Ballets Russe und Muse des Impresarios Sergej Dhiagilev. Er faszinierte beide Geschlechter, gab sich beiden hin. Als er heiratete (und auch noch zwei Kinder zeugte) war die Liaison mit Dhiagilev vorbei, ein für allemal. Doch die Herzen der Zuschauer gehörten stets ihm und seiner wuchtigen Bühnenpräsenz.

Man sollte nicht den Fehler begehen und nach diesem Buch sofort die Klatschblätter und Promimagezine im Fernsehen schauen. Denn die aufgehübschten, so brachial ungeziemten Instagram-Sternchen, die im normalen Gespräch keinen vernünftig gebildeten Satz herausbringen mit den im Buch beschriebenen Damen gleichsetzen. Sie wollen so sein, sind es aber nicht! Medienpräsenz ist nicht gleichzusetzen mit Erfolg. Hätte es zu Zeiten des Sonnenkönigs schon die sozialen Medien gegeben, wären die Server längst zusammengebrochen. Der heutige Hype um Castingshow-Viertelfinalistinnen ist geplant und nicht erarbeitet. Dieses Buch bestätigt, dass Frauen mit ihren Waffen – wenn man es so bezeichnen will – schon immer mehr erreichen konnten als man ihnen zutraute. Der Ruhm erreichte sie meist nur zu spät.

Kommissar Gennat ermittelt

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Das Leben in Balance halten. Für jedes Yin gibt es ein Yang. Und für jeden Berliner Ganoven einen Gennat. Vor- und Nachteil: Wer vor Kommissar Ernst Gennat davon rannte, war eindeutig auf der Gewinnerstraße, denn Spitznamen wie „der volle Ernst“ oder „Buddha der Kriminalisten“ kamen nicht von ungefähr. Doch hatte „Papa Gennat“ einen erstmal in den dicken Fingern, gab es kein Entrinnen. Regina Stürickow setzt einem einst echten Denkmal ein gedrucktes Denkmal.

Ernst August Ferdinand Gennat war der Schrecken der Ganoven von Berlin. Ende des 19. Jahrhunderts in ein Berlin hineingewachsen, das aus den Nähten platzt. Ein schwindelerregender Bevölkerungsanstieg zieht auch so manch schwarzes Schaf an. Gennat ist einer der wenigen Beamten im Exekutiv der Hauptstadt. Und – so scheint es – bald der einzige, der seinen Beruf nicht als Absicherung, sondern als Berufung versteht.

Hat der gewichtige Kommissar einen „Janoven“ erstmal zwischen seinen dicken Fingern, gibt es kein Zurück mehr. Fast schon liebevoll umschmeichelt er sein Gegenüber, zeigt die Grenzen und Folgen des nutzlosen Tuns auf und löst mit einem Fingerschnipp den Fall. Fast wie im Film. Apropos: Fritz Lang hat in „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ seinem Ermittler Kommissar Karl Lohmann unverkennbar Gennats Züge angedeihen lassen.

Drei gesellschaftliche Epochen drückte der beleibte Kommissar seinen Stempel auf: Unterm Kaiser, in der Weimarer Republik und auch unter den Nazis. Immer dabei: Sein Trudchen. Sein nicht weniger fülliger Assistenz-Engel, an dem kein Vorbeikommen war. Und die immer für eine mit Sahnestückchen gefüllte Schublade sorgte. Die einzige Sünde, der er sich je hingab. Privatleben gab es für Ernst Gennat nicht. Fast bis zum Ende seines Lebens blieb er Junggeselle – er heiratete kurz vor seinem Tod … eine Kollegin. Wenn er im Verhör mal kurz wegnickte (im Zuckerkoma), atmete so mancher Delinquent kurz auf. Doch sobald die Äuglein über dem Doppel-später Dreifach-zum Ende Vierfach-Kinn, wieder aufblitzten, setzte Gennat nahtlos an der vorangegangenen Frage an. Es war ein Graus für alle Taugenichtse, Räuber, Erpresser und Mörder.

Von Letzteren gab es zu Gennats Zeiten Unmengen. Die Polizei wurde der Lage nie so recht Herr. Gennat war es, der eine Art Handreichung, einen Arbeitsablauf, fast schon eine Betriebsanweisung erstellte. Tatorte wurden gern mal für die Ermittler „hergerichtet“. Einen Saustall konnte man ja wohl den hohen Herren (die meisten Ermittler waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts adeliger Herkunft bzw. zumindest aus besseren Kreisen) nicht zumuten. Und immer mit dabei: Die Presse. Das Opium fürs Volk waren die gedruckten Räuberpistolen, die zeitweise mehrmals täglich erschienen.

Regina Stürickow hat Archive gewälzt, die wenigen Aufzeichnungen der Vor-Gennat-Ära analysiert und ins rechte Licht gerückt. „Kommissar Gennat ermittelt“ ist ein Doku-Krimi-Zeitabriss der besonderen Art. Die Texte der Autorin und die Gestaltung des Buches lassen dem Leser nur eine Wahl: Sich gebannt der Lektüre ergeben. Widerstand zwecklos. Der Kommissar gewinnt am Ende doch.

Dahamm und Anderswo

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Wissenschaftler, Sprachforscher haben herausgefunden, dass Dialektsprecher entspannt sind, in sich ruhen. Zumindest meistens. Denn es gibt ja auch so herrlich Flüche, die in Dialekten einfach mehr hermachen.

Matthias Kröner scheint entspannt zu sein. Ein Franke abroad, hoch im Norden, dort, wo die Berge, hügelig sind und der Badesee bis über den Horizont reicht. Dahamm in Franken, dahamm an der Ostsee. Fernweh hat er nur manchmal. Heimweh? Auch. Sprachliches Heimweh. Und er hat eine ganz besondere Art gefunden das Heimweh zu stillen. Er schreibt, in Mundart, auf fränkisch.

Für ungeübte Augen muss man sich erstmal einlesen. Am besten laut. Harte Konsonanten verwandeln sich vor den Augen des Lesers in weiche „Midlaude“. Ist gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Seiten ist man „drinn im Schdoff“. Und dann sind die Heimatgedichte eine wahre Freude.

Matthias Kröner ging durch die harte Schule der Auswanderung. Hier lernte er seine Heimat noch mehr lieben und schätzen. Von außen auf die eigenen Wurzeln blicken zu können, tut gut, wenn man die Heimat wirklich begreifen will. Im Bratwurst-Franken kennt man ihn als kritischen Beobachter, immer dicht dran am Geschehen. Seit knapp zehn Jahren hat er sich in der Nähe von Marzipan-Lübeck seine kleine fränkische Enklave der Heimeligkeit geschaffen. Mit allem, was dazu gehört.

Der Begriff Heimat hat, besonders in Deutschland und besonders seit einiger Zeit, (wieder) einen faden Beigeschmack bekommen. Die meisten, die ihn benutzen, können ihn nicht so recht fassen. Krude Ideen, wer nicht dazu gehören wollte, sind für sie das Alleinstellungsmerkmal des Heimatbegriffes. Doch sollte eine Definition das herausstellen, was in den Begriff steckt? Ja, was sonst. Hier kennt man sich, spricht die gleiche „Schbrooch“. Was aber, wenn man länger weg ist? Da kennt die „Bäggeri“ einen nicht mehr beim Namen, die „Medzgeri“ auch nicht. Kein Grund zum Traurigsein. Schreib ein Gedicht und alles ist wieder im Lot.

Heimat- oder Frankentümelei sind nicht die Sache von Matthias Kröner. Er ist halt Franke, spricht die seine Sprache, beobachtet. Und er kann formulieren. Wer sich einmal in die Schreibweise vertieft hat, kommt mit den Gedichten schnell klar. Alles ist bekannt und vertraut. Und doch irgendwie neu. Schließlich denkt man permanent an die eigene Heimat. Der Alltag muss gestaltet, Kinder versorgt werden. Doch schlägt man Ende eines ereignisreichen Tages die Seiten des Buches auf, keimen spontan Erinnerungen. Wie es damals war, beim Küchendienst in der mütterlichen Küche oder beim Kicken. Nicht jedes Wort wird man als Nichtfranke sofort erraten. Weiterlesen, die Eingebung kommt … ganz bestimmt.

Auf Schienen um die ganze Welt

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Mit dem Zug reisen, ist eine ganz besondere Art die Welt zu erkunden. Man ist ein Gefangener der Technik. Mit dem Kauf der Fahrkarte hat man keinen Einfluss mehr auf die Streckenführung. Abfahrt- und Ankunftszeit sind vorbestimmt. Was die Planung erheblich vereinfacht.

Die Planung von Kristian Ditlev Jensen war allerdings nicht einfach. Für ein Magazin sollte / wollte er um die Welt reisen. Im Zug. Die Redaktion half bei den Vorbereitungen, den Rest musste er allein bewältigen. Das Ergebnis: Dieses Buch. So entschleunigt die Fahrten von A nach B, so fesselnd sind seine Ausführungen. Schon auf den ersten Seiten fragt man sich: Warum in die Ferne schweifen? Dänemark – der Autor ist Däne und startet somit folglich auch in Dänemark – ist so facettenreich wie der Rest der Welt. Nur halt eben nicht so weitläufig.

Zwölf Reisen sind auf diese Art zusammengekommen. Und gleich der erste Trip, in Japan, hat so gar nichts mit dem Untertitel des Buches zu tun. „Von der Köstlichkeit des langsamen Reisens“ – im Shinkansen ein Treppenwitz. Knapp dreihundert Kilometer frisst sich der Stahlkoloss durch die Gebirgsketten des Inselstaates. Zweihundertachtzig ka-em-ha! Langsam sieht anders aus! Doch kein Rattern und kein Ruckeln stören das Erlebnis Zugreise. Im Gegenteil. Das Fehlen von jeglicher akustischer Ablenkung erlaubt es Kristian Ditlev Jensen seine Mitstreiter genauestens zu beobachten. Und in deren Kultur einzutauchen. Kurze Zwischenstopps lassen das Ende der Fahrt erahnen und unweigerlich näherkommen. Riesige Entfernungen gehören hier bald ins Reich der vergessenen Fabeln.

Ob von einem New ins Andere – man könnte auch sagen von einem Big ins Andere – gemeint sind New York und New Orleans, hoch in den Anden in Peru, quer durch Australien, von einem Moloch in den anderen (Shanghai – Peking) oder durch die heimatlichen Gefilde: Kristian Ditlev Jensen findet immer das richtige Thema. Es schaut nicht nur aus dem Fenster, macht Ah und Oh. Jedes Land hat so seine Eigenarten, also die Menschen, natürlich. Und die interessieren den Reisejournalisten mit dem vermeintlichen Traumjob.

Als Leser ist man in einer ähnlichen Lage wie der Autor. Das Ziel ist klar, doch welche Route genommen wird, erfährt man erst on the road. Ein kleiner Abstecher nach Kulinarien, ein Zwischenstopp in Drogistan, Fotostopp im Feine-Nasen-Land. Wer Schenkelklopfer erwartet muss in die zweite Klasse umsteigen. Hier wird First-Class geschrieben, gelebt und genossen. Wer vor oder auf Reisen immer vor der Frage steht, welchen Schmöker er denn nun zum Zeitvertreib verschlingen soll, dem sei dieses Buch als Appetizer empfohlen.

Gutes von Gestern – Wie man höflich rülpst und andere Tipps aus über 1000 Jahren

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Gestern. All der Ärger scheint so weit weg. Heute? Die Verrohung der Sitten greift um sich. Kaum einer hält mehr an sich, auch wenn er es vermeiden kann. Sodom und Gomorrha wo man steht und geht! Naja, malen wir den Teufel nicht an die Wand. Obwohl man schon gern mal seinem smartphone-affinenen Gegenüber die Leviten lesen möchte, wenn es wieder unerwartet piept und brummt. Dann müsst der aber erstmal googeln, was Leviten sind, wo man sie bekommt und wie hoch die Versandkosten sind. Außerdem ist Lesen eh nicht sein Ding, wenn er mehr als hundertsechzig Zeichen lesen muss.

Für alle denen die „Hundertsechziger-Regel“ am Allerwertesten vorbeigeht, die also wissen, dass man im Falle eines Husten an eben dieser Stelle, mal kurz den Raum verlassen könnte, sollte, müsste … für all diejenigen hat Elizabeth P. Archibald ihr aus Jahrhunderten gesammeltes Wissen zusammengetragen. Kein Ratgeber á la „was die Oma noch wusste“, sondern ein amüsanter Streifzug durch die Sitten der Vergangenheit.

Es ist wie beim Auto. Heute nehmen Computer beim Fahren dem Fahrer den gesamten Fahrspaß. Assistenten regeln alles, so dass man fast geneigt ist sich zurückzulehnen und sich wecken zu lassen, wenn man angekommen ist. Selbst ist der Mann? Kaum noch möglich! Ältere Modelle fahren auch. Und das gar nicht mal so schlecht. Vielleicht ein paar Zipperlein, aber die kann man selbst beheben.

Einige der Ratschläge sind einfach nur zum Schmunzeln. Man stelle sich vor, dass im Wasserbett Bettwanzen hausen. Nicht schön! Aber der Ratschlag Schießpulver auf der Lagerstatt zu verteilen, und es dann auch noch anzuzünden, ruft im besten Falle die Versicherung auf den Plan. 1777 sah man das halt noch anders…

Hilfreicher und zeitlos zugleich ist dagegen der Tipp wie man nüchtern wird. Aber Achtung: Wie alles Gute gibt es auch hier einen Haken. Im „Booke of Pretty Conceits“ aus dem Jahre 1612 wird es genau beschrieben. Hier die Kurzfassung: Den Intimbereich in Essig baden. Soll helfen. Viel Spaß beim Vorspiel und erst recht danach! Dann klappt’s auch wieder mit den Mädels. Wie man die beeindruckt, wurde schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts niedergeschrieben. Kleiner Tipp: Tanzen.

Der Autorin gilt der uneingeschränkte Dank all jener, die sich kultiviert durch das moderne Leben schlagen wollen, die ihre Geschichte und Kultur – und die von Anderen – achten und wirklich in Ehren halten. Keine Spinner, die die Vergangenheit verteufeln und als Sinnbild des Schlechten anprangern. Die Autorin kam durch Zufall auf dieses Thema. Beim Stöbern in alten Schriften traf sie auf Ratschläge aus längst vergessenen Zeiten. Als Historikern in Baltimore ließ sie aber das Thema nicht los. Sie startete einen Blog und schon kam die ersten Anfragen zu Sitte und Anstand. Wie anständig, dass sie die hehre Tradition des Buchdruckes nicht in Vergessenheit geraten lässt und die hilfreichsten Tipps in einem, diesem Buch zusammengetragen hat.

Lippen abwischen und lächeln

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Die (erste) Frage lautet: Ist das Alltägliche buchtauglich? Ja, wenn … der König (mit Rädern unten dran) der deutschen Vokabular-Maximalanwendung sich an Werk macht, dann schon. Und nun das Best of… seiner Texte, die prachtvollsten aus diesem Jahrtausend und ein paar von früher. Jeder Text ein Schenkelklopfer für den aufgeklärten, modernen Leser. Max Goldt zwingt den Leser nicht unbedingt zwischen den Zeilen zu lesen. Er ist da ganz offen. Jeder kann lesen, was er sich ausgedacht hat.

Er legt den Finger in die Wunde der Kleinbürger. Die scheinbar geregelte Welt der Spießer und Möchtegern-Großbürger in Ost und West. Könnten Bienen fliegen, dann wäre dieses Buch die unabdingbare Alternative zum verschnupften Herbstwetter mit all seinen Unbilden. Die Zeiten, in denen „betrunkene Frauen“ per „Kaiserschnitt“ das „schimmlige Brot“ „aus dem Leibe der Erde gerissen“ wurde, sind vorbei. Es überwiegt die Faszination, was man alles aus dem Alltäglichen ziehen kann, um es in Buchform zu veröffentlichen.

Max Goldt ist weit entfernt von Banalitäten. Doch man muss sich auf die Texte einlassen können. Von gesponserten Ausflügen in die Wüste bis zu S-Bahn-Fahrten hat Max Goldt alles in diesem Buch versammelt, was man heutzutage alles machen kann. Und an allem findet er was Spannendes, Berichtenswertes. Er redet von planvoller Zeitvergeudung, Coolness-Handicaps bei Paul McCartney oder redundantem Meinungsausfluss, pardon Meinungsausfluß. Auf das ß legt er besonderen Wert.

„Lippen abwischen und lächeln“ ist nichts anderes als das gesunde, regionale Produkt, das unser eingefahrenes Leben mit einem Schuss gutem Gewissen – endlich mal was Gutes zu lesen – aus dem Angeln hebt. Kleine Appetithäppchen, die schnell süchtig machen. Dieses Buch reicht, um den Herbst zu überstehen. Erst einmal durchlesen, dann Stück für Stück noch einmal lesen und dann noch einmal und … Und nicht vergessen: „Lippen abwischen und lächeln“!

Ein Zimmer im Hotel

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Na, Urlaub gut überstanden? Erholt? Gut. Und, sind noch irgendwelche Erinnerungen präsent? Von romantischen Sonnenuntergängen, besonderen Erlebnissen, erhabenen Eindrücke. Oder überwiegen immer noch die Unannehmlichkeiten in der Unterkunft? War es zu laut? Zu schmutzig? Das Bett zu hart oder zu weich?

David Wagner erhielt 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für „Leben“, seitdem reist er viel. Und er übernachtet logischerweise im Hotel. Fast scheint es als ob er nicht genügend Zeit hat sich die Städte anzuschauen, und deswegen seinen Fokus auf die Schlafstätten richtet. Wie sind sie eingerichtet? Wie weit kann man im Teppich versinken? Welche anderen Annehmlichkeiten der Heimwehabwehr bieten die Hotels?

Nur wenn die Hotels nicht so viel hermachen (Qualitätsmerkmal Bleistift statt Kugelschreiber als Schreibgerät), lässt er sich von der Umgebung vereinnahmen. Jedes einzelne Hotel ist benannt, inkl. Ortsangabe. Eine Einladung zur persönlichen Inspektion. Im Anhang sind die Besuchsdaten vermerkt.

Nun reist man von Hier nach Da, erlebt so manche Rare oder auch Erwartete. Doch Hotelzimmer studieren zu können, ist nur wenigen vorbehalten. David Wagner nimmt sich die Zeit, um die Unterschiede aus der Masse herauszuschälen. Von wegen Globalisierung! Der Einheitsbrei der Hotelerie trifft nur diejenigen, die mit Scheuklappen durch die Gänge schlurfen. David Wagner hat immer sein Schreibuntensil gespitzt, sei es nun ein Kuli oder ein Bleistift. Er genießt den Luxus des Gastes, Früchte in Hülle und Fülle – oder eben nicht, betrachtet die Wandgestaltung – oder eben nicht, ergötzt sich an der Möbelgestaltung – oder eben nicht. Mal witzig, mal nüchtern zeigt er dem Leser die unterschiedlichsten Logis-Bauten von Oslo bis Turin, von Tartu bis Barcelona, von Peking bis Cambridge.

Wer selbst viel reist, dem kommt einiges bekannt vor. Auf manches wird man erst bei der Lektüre gestoßen. Wer achtet schon auf die Motivwahl der Bodengestaltung?

Egal, ob Whirlpool  in der Junior-Suite oder fehlender Stift im Zimmer – David Wagner bewertet die Unterkünfte nicht. Er stellt fest, freut sich über Kleinigkeiten wie ein Bonbon als Abschiedsgeschenk. Was in dem einen Hotel für einen zufriedenen Gesichtsausdruck sorgt, wird anderswo als normal hingenommen. Was dort fehlt, wird hier nicht als Verlust gewertet.

Dieses kleine Büchlein ist die Bettlektüre für alle Hotelbettenbewohner dieser Welt. Das zum Volkssport verkommene Kritiküben ist für all diejenigen vorüber, die sich an diesem Buch nicht sattlesen können.