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Die Stadt mit der roten Pelerine

Rio de Janeiro sollte es sein, als Özgür ihre türkische Heimat verließ. Das ist eine Zeit her. Und noch immer sorgt sich die Mutter daheim um die Tochter in der Ferne. In Istanbul fällt Schnee, während in Rio die Sonne erbarmungslos auf die Köpfe herniederbrennt. Irgendwo wird geschossen, wieder. Oder immer noch?! Özgür nimmt die hörbare Gefahr kaum noch wahr.

Die Favelas haben die Hügel der Stadt erobert. Drogenhandel, Mädchenhandel, Waffenhandel haben nicht dazu beigetragen Rio als Handelszentrum zu etablieren. Touristen werden allerorten und zu jederzeit auf die Gefahren der Stadt hingewiesen: Kein Schmuck, keine Wertgegenstände, Vorsicht AIDS. Der schönste Ort der Welt ist gelichzeitig einer der gefährlichsten. Und Özgür? Sie lebt hier, ja, Leben. Eines, das sie in ihrer Heimat nicht leben konnte.

Die Gestrandeten, die Geächteten, die Gepeinigten sind die nächsten Verwandten ihrer neuen Familie. Die Armut ist, was sie verbindet. Immer noch ist sie als Gringa, als Ausländerin zu erkennen. Und somit verstärkt den Begehrlichkeiten der zwielichtigen Gestalten ausgesetzt. Doch dieses Leben ist die Grundlage ihres Buches, das sie schreiben will. Ein Buch über eine Stadt, die sich in einem Umhang aus menschlichen Fasern hüllt. Ein Umhang, der modrig riecht wie das Leben. Ein Umhang, der Geborgenheit gibt, egal wie schäbig er aussieht. Ein Umhang – eine Pelerine.

Aslı Erdoğan bricht mit der Tradition, dass alles seine Ordnung haben muss. Ein sehr persönlicher Roman, der den Leser nicht in die türkische Heimat der Autorin führt, sondern ins paradiesische Rio de Janeiro. Paradies? Bei Weitem nicht. Wer hier im wahrsten Sinne des Wortes strandet, kommt nicht mehr von hier weg. Und Özgür (oder doch Aslı Erdoğan?) lässt die Stadt nicht mehr los. Die Gemeinsamkeiten Rios und Istanbuls werden nicht offen ausgesprochen, doch sie sind erkennbar. Riesenstädte, die aus allen Nähten platzen. Hoffnungsvolle Salbungen für alle Sinne. Orte, in die sich kein Tourist wagt. Beide Städte sind auf Gegensätzen errichtet. Das Eine kann nicht ohne das Andere. Und Özgür kann nicht ohne beides.

Das Werk von Aslı Erdoğan ist geprägt von fremden Kulturen und ihrem Verständnis für sie. Das brachte ihr mehr als einmal Ärger, aber 2010 auch den bedeutendsten Literaturpreis der Türkei. Seit August 2016 sitzt Aslı Erdoğan in türkischer Untersuchungshaft.

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.

Vom Tunnel zur Himmelsleiter

Vom Fringsen zum Schmieren. Vom Durchlavieren zum Sesshaftsein. Vom Tricksen zum schelmenhaften Lächeln. Paul Zakowski ist zurück. Eigentlich ist er nicht zurück. Denn Paul ist Peter, der zwar zurück ist, aber eben nicht als Paul, sondern als Peter. Verwirrend? Verwirrend! Paul Zakowski ist das alter ego von Peter Zingler. Und der ist der Autor von „Im Tunnel“ und dem Nachfolger „Vom Tunnel zur Himmelsleiter“.  Zur Erinnerung: Nach dem Krieg war es hart für den jungen Paul / Peter. Man musste sich „zu helfen wissen“. Und es kam wie es kommen musste. Paul / Peter wurde kriminell, saß mehr oder weniger brav seine Strafen (!) ab und wurde wieder kriminell. So ging das mehrere Jahre. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Einsicht, kommt die eine große Chance.

Zweites Chancen hatte Peter – jetzt bleiben wir bei diesem Namen – Zingler immer wieder. Doch dieses Mal soll er sie nutzen. Mit der Zwei hat es der Autor. Der zweite Teil seiner Biographie, zwei Jahre nach dem ersten Teil. Mittlerweile ist Peter Zingler dem kriminellen Milieu entkommen, entwachsen könnte man meinen. Eine zweite (das ist die wieder, die Zwei) Karriere muss her. Schon in der ersten Hälfte seines Lebens ging es immer darum, mit einem Ding für immer auszusorgen. Der Traum von der ewig währenden Sorgenfreiheit muss doch aber irgendwie auch anders zu stemmen sein…

Sonntagabend, ARD, Tatort. Der Abspann läuft. Und da! Autor: Peter Zingler. Hat es also doch geklappt. Ein paar Jahre sind vergangen. Der Knast ist immer noch elementarer Bestandteil von Peter Zingler. Doch dieses Mal nicht als Insasse, sondern als Insider. Mitte der 80er Jahre ist Krimizeit nicht mehr dasselbe wie zuvor. Als Außenstehender mit detailliertem Fachwissen schreibt sich Peter Zingler an die Spitze der deutschen Fernsehkrimiautoren. Der Grimme-Preis, immerhin der am meisten geachtete und für Qualität stehende Medienpreis Deutschlands, winkt aus der Ferne.

Soll er nun dankbar sein, dass alles so war wie es war? Zumindest dankbar dafür, dass alles so kam, wie es kam. Denn im Knast entdeckt er sein Talent aus seinem Schicksal Kapital zu schlagen. Ganz legal, mit der Kraft der Phantasie und der Gabe wortstark formulieren zu können. „Vom Tunnel zur Himmelsleiter“ ist mehr als eine Fortsetzung. Es ist der grandiose Abschluss eines langen Weges, den man nicht gehen muss. Aber wenn man ihn beschritten hat, ist es eine Wohltat (für Autor und Leser gelichermaßen) zu sehen, dass Happy ends nicht nur in der Phantasie entstehen können.

Der Weg dorthin war nicht minder schwierig und erforderte nicht weniger Phantasie als die Fluchtpläne, die Verfolgungsjagden, die Versteckspielchen im ersten Teil. Auch in der Legalität lauern überall Fallstricke und Missgunst. Nur haben die Strippenzieher jetzt andere Möglichkeiten der Machtausübung. Die Parallelen zu „damals“ sind für den Autoren Zingler sichtbar, und sie machen ihm nicht weniger Angst als „damals“ entdeckt zu werden. Durchbeißen heißt es ein weiteres Mal. Dieses Mal aber mit sauberen Mitteln, doch nicht minder gewitzt.

Zwei Jahre mussten Leser warten, um endlich Peter Zinglers Weg zum vorläufigen Ende verfolgen zu können. Diese Verfolger sind die ersten, die Peter Zingler keine Angst machen.

Cazzaria

„So ein Ferkel“, sagt man, wenn jemand ungehörig über die schönste Sache der Welt spricht. Schon mal einem „echten Männergespräch“ zum Thema Fortpflanzung bzw. dem Lösung von Übungsaufgaben zu diesem Thema zugehört? Und? Hat’s gefallen? Ja? Dann ist dieses Buch nichts, es sei denn man will sich bessern.

Siena in der Toskana in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In geheimen Zirkeln trifft man sich und tauscht sich aus. Über Sprache, Kunst, Philosophie und auch über das Zwischenmenschliche allzu Natürliche. Über Sex! Auch in der Zeit der Renaissance waren solche Schriften nicht gern gesehen. Eigentlich hat sich bis heute kaum etwas daran geändert. Auch heute noch wird Sex nicht gerade als gesellschaftfähig angesehen. Und doch macht’s jeder!

Wie auch immer – Antonio Vignali schlüpft in die Rolle des Arsiccio. Er hält seinem Schüler Sodo (!) einen Vortrag über den Umgang der primären Geschlechtsorgane, woher sie kommen und was man mit ihnen anstellt. Doch Sodo ist nicht blöd. Er kennt sich aus!

Die Theorie, dass Frauen eher schlichte Gemüter bevorzugen, erregt bei beiden sofort den Drang nach … nein, nach Diskussion. Jetzt muss man aufpassen wie man es formuliert. Mmmmh. Während der Eine meint, dass zu viel wissen durchaus einem befriedigenden Ergebnis zuträglich ist, behauptet der Andere, dass das Wissen um die Anatomie der Frau selbigen mehr Erfüllung bereiten würde. Kurze Unterbrechung: Wie würde das wohl am Stammtisch klingen? Bestimmt nicht: Wer kein Latein kann, versteht nichts von Sex.

Band Zwei der Schlaflosreihe die zum – Achtung Wortspiel – Liderknien ist, besticht durch die intellektuelle Ausarbeitung eines an sich profanen Themas. Der Argumentaustausch zwischen Lehrer und Schüler als Stilmittel verblüfft auf ganzer Linie. Schroffe Worte wird man eher vom Adlatus erwarten als vom spiritus rector. Doch Arsiccio provoziert bewusst durch die Wahl der derben Sprache. Sodo ist verwirrt. Und ein ums andere Mal verschlägt es ihm fast die Sprache. Dem Leser ebenso.

„Cazzaria“ ist schwer zu übersetzen, am besten trifft es wohl „Die Schwanzerei“, womit wohl alles über das Buch gesagt sein dürfte. Nicht ganz.

Egal, ob nun Männlein und Weiblein, Weiblein und Männlein, Weiblein und Weiblein, Männlein und Männlein – dieses Buch im Dialog zu lesen, ist eine Offenbarung. Zuerst kichert man an der einen oder anderen Stelle. Doch je mehr man sich ins Buch vertieft, desto größer der Genuss. Aber wie im richtigen Leben kann man dieses Büchlein auch ganz allein, bei Kerzenlicht, bevor die Lider sich schließen vor sich hinlesen…

Niemandsland

Der Traum von Europa – keine Erfindung der Neuzeit. Napoleon hat’s probiert, die Wahl der Waffen war gelinde gesagt unglücklich. Und dennoch hat die Vorstellung überlebt. Keine Kleinstaaterei mehr, Numismatiker bekommen bei dem Gedanken daran nicht mehr Münzen aus Monaco, San Marino, dem Vatikan oder Andorra sammeln zu können schwitzige Hände. Die müssen sich dann eben auf historische Münzen spezialisieren.

Gehen wir rund zweihundert Jahre zurück. Napoleon knechtet Europa. Kurz vor Moskau ist dann erstmal Schluss mit dem „Wie das Messer durch die warme Butter“-Gehen. Bei Leipzig wird ihm der Gnadenstoß versetzt. Europa ist frei. Frei vom N im Lorbeerkranz. In Wien wird der ganze Kontinent neu geordnet. Der ganze Kontinent? Nein, non, nee. Moresnet kommt davon. Mores … was? Ein kleines Gebiet, das an Belgien grenzt. Eine Zinkmine gibt es hier. Allerdings eine, die es in sich hat. Ein Günstling Napoleons, Jean-Jacques Daniel Dony hat sie übernommen, und mit einem wohl ausgefeilten Verfahren schafft er es reines Zink herzustellen. Zuvor war der der Badewannenhersteller des kleinen Mannes mit dem großen N. Ein ausgefuchster Tüftler, aber ein miserabler Geschäftsmann. Jedenfalls hat man in Wien beim Kongress Moresnet vergessen. Es gehört niemandem. Nix deutsch, nix holländisch, nix belgisch. Und nun?

Philip Dröge stellte sich diese Frage auch und hat sich auf die Suche nach dem Ort gemacht, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Er durchforstete Archive, Zeitzeugen konnte er keine mehr befragen. Und er formte aus seinen Ergebnissen ein Buch, das seinesgleichen sucht: „Niemandsland“. Während in Wien mehr getanzt wurde, statt sich zu bewegen, fummelten Kartografen am neuen Europa herum. Die Niederlande und Preußen sollten eine gemeinsame Grenze bekommen. Also sollten die holländische Ost- und die preußische Westgrenze einen gemeinsamen Verlauf haben. Hatten sie auch bis auf … eben dieses Moresnet. Es ist Februar 1816, der elfte. Da fällt es auf. Das Loch im Zaun. Das Loch, durch das Moresnet geschlüpft ist. Ein Jahr später – Europa war damals schon sehr träge – macht man einen Lokaltermin. Wieder einen langsamen, aber aus einem anderen Grund. Ist die Kutsche zu schnell, ist man vorbei an Moresnet. Ein kleines Gebiet, zweihundertsechsundfünfzig Einwohner, ein Tal und ein paar Berge. Und eine Mine, die besagte Zinkmine. So mancher meint nun sagen zu müssen: „Herrlich! Keine Regeln! Keine Gesetze!“ – kurzsichtig. Denn Neutral-Moresnet, wie es nun heißt, wird zum sprichwörtlichen Zankapfel. Wem gehört es? Welche Gesetzgebung gilt? Wer treibt die Steuern ein? Okay, diese Frage ist vernachlässigbar, weil die Einwohner von Kelmis, dem Hauptort (Moresnet gibt es in der Region gleich mehrmals, so dass selbst google maps Probleme hätte einen richtig zu leiten) zu bitterarm sind, dass ihre Abgaben nicht einmal die hohle Hand eines Adligen füllen könnte. Und wer regiert die paar Quadratkilometer eigentlich? Jetzt lohnt sich ein Blick ans Ende des Buches. Da stehen gelistet die Machthaber von Neutral-Moresnet. Und hier wird klar: Über hundert Jahre dauerte die Odyssee des Landstriches an. Und nicht immer hat einer den Hut auf. Paradiesische Zustände für Schmuggler, Gauner und sonstige Glücksritter. Denn eine echte Grenze mit Zaun usw. gab es nicht…

Philip Dröge gelingt es mit einfachen Worten und beharrlicher Recherche amüsant ein spannendes und weitgehend unbekanntes Kapitel Geschichte (wessen?) darzustellen. Er verzichtet darauf die große Politik zu verklausulieren und ebnet so den Weg für den Leser selbige endlich einmal zu verstehen.

Verlassene Orte in Berlin

Blut spritzt, Knochen splittern – das tut weh. Farbe blättert, Putz bröckelt, Scheiben klirren – das hat Charme. Metropoler shabby chic mitten unter uns. Berlin ist die Metropole des Schauderns – Ciarán Fahey zeigt Berlin wie es sich Berlin Touristen nicht vorstellen können. Und doch gibt es mehr als genug Neugierige, die dem Charme des Verfallenen nicht widerstehen können. So wie der Autor.

Er kraucht dort hinein, wo man sich schmutzig macht. Wo man sich die Hosen zerreißt und vielleicht auch die eine oder andere Schramme holt. Und er erhellt das Dunkel der Vergangenheit, in dem er zum Beispiel die Bärenquell-Brauerei ihres letzten Geheimnisses beraubt. Nämlich dem wie es heute um die einstige Hopfentränke bestellt ist. Ein gelinde gesagt staubiger Eindruck. Als ob hier von einer Minute die Feierabendsirene ertönt wäre und man vergessen hätte wieder zur Arbeit zu erscheinen. Wo vor hundert Jahren noch – sogar werktags – geschwoft wurde, hätte selbst die beste Feuchtigkeitscreme keine Chance die Risse in der Fassade glattzubügeln. Das Ballhaus Grünau ist heute nur noch annähernd ein Schatten seiner selbst.

Mit detaillierter Versiertheit beschreibt er die Orte, die einmal Großes darstellten und heute aus den verschiedensten Gründen den Naturgewalten anheimfallen (gelassen werden).

Verlassen? Ja! Vergessen? Nein! Dank Ciarán Fahey. Der irische Autor geht auf die Knie vor den erhabenen Bauten und robbt sich vor ins Innere der meist abgesperrten Hinterlassenschaften aus Urgroßmutters Zeiten. Wer heutzutage bei Siemens die S-Bahn verlassen will, landet im Nirgendwo. Siemensbahn – die Geisterstationen von Siemens‘ verlassener S-Bahnlinie heißt das Kapitel, das – genau wie der Rest des Buches – eindrucksvoll beschreibt wie der Zahn der Zeit an Plattform, Handlauf, Dach und Informationstafeln genagt hat. Rost ist keine Farbe, sondern eine Lebenseinstellung, scheinen einem Text und Bilder entgegen zu schreien. Und doch gedeiht hier noch oder schon wieder Pflanzen. Die Natur gibt, die Natur nimmt. Was schon einmal samtzart das Auge berührte, wirkt gegenwärtig wie pubertierende Akne auf verwelkter Haut.

Man riecht den Moder und die Verwesung, sieht aber das Potential der abgebildeten Objekte und schnauft tief durch. Warum nur findet sich niemand den Reiz der Vergangenheit noch einmal zu alter Blüte zu verhelfen? Waschbären als Hüter des Augenblicks, Graffitis als Boten der Moderne, Schrottautos als stillgelegter Protest gegen das Vergessen?

Dieses Buch ist ein reiseband der besonderen Art. Kein Aufforderung Grenzen zu überschreiten. Wohl aber ein gedrucktes Mahnmal für den Erhalt der eigenen Geschichte.

Zeitfieber

Höchste Zeit, dass mal jemand ein Buch darüber verfasst. Und nachdem Simon Garfield sich mit Briefen und Karten auseinander gesetzt hat, nimmt er sich nun dem umfangreichen Thema Zeit an. Ja, Zeit … ähm, was kann man dazu schon groß sagen? Habe ich oder habe ich nicht! Bin ich in Eile oder lass den Tag so an mir vorüberziehen. Jaaa, der Ansatz ist nicht schlecht. Doch Simon Garfield wäre mit seiner Sicht der Dinge der Liebling aller Journalistikdozenten auf der ganzen Welt. Eine Überraschung jagt die Andere! Versprochen!

Simon Garfield fängt mit einem Unfall an. Als er mit seinem Sohn vom Saisoneröffnungsspiel von Chelsea gegen Leicester (vor der fulminanten Meisterschaft der Foxes) mit seinem Sohn nach Hause radelt, stößt er mit einer Passantin zusammen. Und was hat das mit Zeit zu tun? Muss er sehr lange auf die Ambulanz warten? Vor seinem geistigen Auge läuft der Unfall noch einmal in Zeitlupe (!) ab. Das war der Ursprung dieses Buches.

Von nun an sprintet der Autor durch die Geschichte, hangelt sich von Fakt zu Fakt, von Anekdote zu Anekdote. Er erzählt von rasanten Zugfahrten und Fahrplänen, die von nun an unser Leben bestimmen. Und kramt so manch wunderliches Ding aus der Klamottenkiste. Wer weiß schon noch, dass die Französische Revolution fast mehr Einfluss auf unser Leben gehabt hätte als sie es ohnehin schon hat? Ganz eifrige Köpfe wollten den Tag in zehn Stunden unterteilen. Die ersten Uhren wurden schon in Auftrag gegeben. Diesen Gedanken muss man erst mal auf sich wirken lassen …

Und weiter geht’s. Beethoven – Musik – LPs – CDs. Eine logische Kette. Beethovens Neunte ist je nach Laune des Dirigenten so um die vierundsiebzig Minuten lang. Passt also genau auf eine … CD. Und das nur, weil der Sony-Chef, der die Entwicklung der CD vorantrieb, dieses Stück so liebte. Eine LP konnte pro Seite nur 22 Minuten fassen. Im Radio haben die meisten gespielten Lieder eine Länge von drei Minuten, maximal dreidreißig. Radio Edit nennt man das dann. Und viele Nachrichtenchefs sind immer noch der Meinung, dass Nachrichten im Radio nach Einsdreißig beendet sein müssen. Mehr verkrafte der Hörer nicht.

Die Zeit, sie rennt, und sie bestimmt unseren Alltag. Stimmt nur fast. Denn wir selbst halten uns an den Messgeräten fest als ob es um unser Leben ging – das ja bekanntlich auch endlich (und vor allem messbar) ist. Die Zeit kann stillstehen – symbolisch und auch nur für einen Moment. Ein Schnappschuss kann ein Zeitzeugnis sein. Aus Gründen der Zeitersparnis werden SMS und Twitter-Nachrichten mit Abkürzungen verfasst. Bei der Arbeit werden exakt die Ankunftszeit und das Arbeitsende festgehalten. Zeitlose Mode ist eine Erfindung der Macher. Ach man könnte so viel über die Zeit schreiben, um selbige sinnvoll zu nutzen. Simon Garfield hat dies getan. Die Zeit vergeht wie im Fluge, mit einem Lächeln oder einem Staunen im Gesicht liest man die über dreihundert Seiten. Immer wieder stockt man, runzelt die Stirn, blättert noch einmal zurück, will dass das Buch nie endet.

Luxemburg – Das einzigartigste Großherzogtum der Welt

Kennen Sie Luxemburg? Ja, das ist das kleine Land im Westen, das von Frankreich und Belgien an Deutschland gedrängt ist. Geographisch gesehen ist nichts einzuwenden. Doch die Frage war ja nicht wo liegt Luxemburg, sondern, ob Sie es kennen? Also nein! Gut. Aber schon mal davon gehört?! Klar, immer wenn es in den Nachrichten um Europa geht. Gähnende Langeweile, dieses Europa. Urlaub ohne Geldtauschen – mehr fällt einem dazu nicht ein. Und zu Luxemburg? Ähm, … die Hauptstadt heißt wie das ganze Land. So wie in Mexiko. Dort ist es toll. Und warm. Und das Essen ist scharf. Stop! Wir schweifen ab. Ja Luxemburgs Hauptstadt heißt Luxemburg. Und weiter! Nichts!

Okay, etwas übertrieben! Ein Mauerblümchendasein fristet das 83 mal 57 Kilometer große Luxemburg ist sehr wohl im Bewusstsein der Europäer angekommen. Schon länger. Aber so richtig viel weiß man trotzdem nicht. Auch gibt es exzellente Literatur über unseren „kleinen Nachbarn“. Jeder ein Kleinod für sich. Doch Land und Leute lernt man nicht in einem Bildband kennen. Die Sehenswürdigkeiten werden in Reisebänden nur gestreift.

Hier kommt Abhilfe: „Luxemburg das einzigartigste Großherzogtum der Welt“. Klingt mutig. Zumal es von dieser Art nicht viele gibt. Genau genommen gibt es nur ein Großherzogtum. Platz Eins ist insofern schon mal sicher!

Auch dieses Buch kann sich berechtigte Hoffnungen machen die Charts der Luxemburgensia zu erklimmen! Ein buntes Potpourri an schrägen Geschichten, echten Hinguckern und messerscharf beobachteten Eigenheiten des Landes wurde hier von den Autoren zwischen zwei Buchrücken, nicht gepresst, sondern verführerisch dargeboten. Wehrhafte Burgen werden hier gleichermaßen angepriesen wie kleine Dörfer, deren Einwohnerzahl locker an einer Hand abzuzählen ist. Die Einzigartigkeit eines Zoos ist mindestens genauso wichtig wie ein Interview mit Désirée Nosbusch, dem charmanten Exportschlager aus der einflussreichen Medienszene. Apropos Zoo. Der Verlag capybara books, der dieses Buch komplett verantwortet, hat hier zwar nicht seinen Ursprung, dennoch ein ganz enge Verbindung zu einigen Bewohnern.

Sportlich ist Luxemburg nur selten, in jüngster Vergangenheit eher zweifelhaft in Erscheinung getreten. Man denke nur an die Vöckler-Pedalritter. Im Fußball ist Jeunesse Esch eifrigen Ergebnis-Fetischisten ein Begriff. Willkommener Erstrundengegner, denn der Seriensieger in Luxemburg spielt international eine eher untergeordnete Rolle. Aber ein schickes Stadion haben sie hier, um das sie so mancher beneidet. Die Bergarbeiter bestimmten von jeher hier das Bild. Trist kam dieser Landstrich daher. Heute, die Bergwerke haben noch historischen Wert, abgebaut wird hier schon lange nichts mehr – außer ein paar Pfunden beim Bocciaspielen – ja heute, ist es hier bunt und lebendig. Fast schon südländisch. Die Italiener haben hier ihren Einfluss geltend gemacht. Bis hin zum Wappen des Fußballvereins Jeunesse. Schwarz und Weiß – wie Juventus Turin.

Man kann es Mulitkulti nennen. Oder den gelebten europäischen Gedanken. Wer Luxemburg als langweilig bezeichnet, kennt weder Land noch dieses Buch. Über 250 Seiten Appetitmacher auf ein Land, das sich immer noch schwertut eine eigene Identität zu definieren, aber so unglaublich abwechslungsreich ist, dass die geringe geographische Größe dem staunenden Auge ein Schnippchen schlägt.

Und wenn man das Buch mehrmals gelesen hat, kann man die Eingangsfrage auch ganz leicht beantworten: „Ja, ich bin ein Zapper!“ Was das ist? Schauen Sie ins Buch!

Leonardos Maschinen

Leos Werk hat man nie ganz für sich alleine. Zumindest, wenn man Leonardo da Vinci auf die Mona Lisa und den gleichnamigen Code bezieht. Doch damit würde man weder sich noch dem Kopf dahinter auch nur annähernd gerecht werden. Jede Epoche hatte ihren Leo, die Gegenwart Leonardo DiCaprio und die Renaissance eben Leonardo da Vinci. Beide haben gemein, dass sie schon zu Lebzeiten legendär waren und Spitzenpreise für ihre zu erbringenden Arbeiten aufrufen konnten. Was beide übrigens auch taten bzw. noch tun.

Der Leonardo der Renaissance kann ohne Wenn und Aber als das letzte, wenn nicht sogar das einzige Universalgenie betitelt werden. Gemälde, Werkzeuge, Verteidigungsanlagen, Fluggeräte und so weiter – da hat der Mann aus Vinci seine Finger im Spiel gehabt. Er diente unterschiedlichen Herren und war doch immer auch ein Stück weit unabhängig.

Die Skizzen, die für dieses Buch „auf Brauchbarkeit“ unter die Lupe genommen wurden, sind nicht selten schwer zu entziffern. Sind die Forscher aber erst einmal hinter das Geheimnis gestiegen, offenbaren sich wahre Schätze der Naturwissenschaft. Die berühmte Brücke, die in Teambuilding-Seminaren gern mal als Paradebeispiel herhalten muss, ist nur ein Teil einer für die damalige Zeit (wir sprechen hier vom Ende des 15. Jahrhunderts) eine echte Revolution: Eine Drehbrücke, mit der man flexibel Flüsse überwinden konnte. Denn genau diese Brücke war mobil. Eine leichte Konstruktion, die unter schweren Lasten nicht zerbarst. In Kriegszeiten, und zu dieser war in Italien immer irgendwo eine Fehde im Gange, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Man stelle sich vor, Leonardo da Vincis Idee vom Hubschrauber wäre damals schon umsetzbar gewesen…

Doch auch für Verteidigungszwecke setzte der stets umtriebige Forscher seine schier unendliche Neugier ein. Er entwarf eine für ideale Festungsanlage. Zu dieser Zeit lebte und arbeitete er bereits in Mailand, das um 1508 zu Frankreich gehörte. Nach den Borgias und den Sforzas bekam er seine Order nun aus Paris. Ballistische Studien, Erforschung von Handfeuerwaffen und Geschützen gingen der Konstruktion voraus. Wuchtige, abgeschrägte Mauern waren das Grundgerüst dieser Ideenspielerei.

Ihn als Günstling der Herrscher und Kriegstreiber zu bezeichnen, wäre wiederum falsch. Denn auch als Konstrukteur von Kanalbaumaschinen, Drehkränen, als Architekt von Bühnenbauten, ja sogar Musikinstrumenten tat sich der Meister hervor.

Was dieses Buch so besonders macht, sind die Versuche die Skizzen aus dem 15. Und16. Jahrhundert in die Gegenwart zu transformieren. Anhand der Aufzeichnungen wurden aufwändige 3D-Modelle am Computer zu entwerfen. So hält der Leser das Beste aus der Technikgeschichte des vergangenen halben Jahrtausends in den Händen. Leonardo da Vinci könnte zurecht stolz darauf sein.

Mann im Zoo

Ein Besuch im Zoo bewegt, regt an, macht etwas mit einem. Das ist unbestritten, vor allem für diejenigen, deren Kinder sich von nun an Tiere im Haushalt wünschen. Kinder sind so leicht zu beeinflussen, sind so schnell vereinnehmbar für neue Ideen. Kinder? Nur Kinder?

John Cromartie ist mit seiner Liebsten Josephine Lackett auch zu Besuch im Zoo. Die Stimmung ist etwas gedrückt, weil er ihr etwas zu altmodisch, zu fordernd, so besitzergreifend ist. Er kann das natürlich überhaupt nicht verstehen. Schließlich ist er der Herr. Und während sie so an Affen, Wölfen, Dingos und allerlei anderem Getier vorbeischlendern, ziehen dunkle Wolken am Firmament der Zweisamkeit auf. In Josephines Augen wird John immer animalischer, nicht im guten Sinn.

Alles ganz normal bis hierhin. Ein Paar im Zoo im gesunden Streitgespräch. Doch John Cromartie treibt es – aus Boshaftigkeit, aus falsch verstandenem Ehrgefühl, aus überzogenem Rollenverständnis? – auf die Spitze. Er will, wo er doch schon mal hier ist, Teil der Exponate sein. Die Zoologische Gesellschaft, die den Zoo ihr Eigen nennt, findet er großartig. Wo findet man auf so kompaktem Raum diese geballte Vielfalt der Fauna? Nur ein Exemplar vermisst der junge Mann, den homo sapiens. Er selbst, 27 Jahre, einsachtzig hoch, und knapp anderthalb Zentner schwer, schottischer Abstammung, würde sich gern zur Verfügung stellen. Ja, John Cromartie will als Mann im Zoo …

Der erste Big-Brother-Roman der Welt. Ein Mann geht in den Zoo, wird angegafft, nur mit dem Unterschied, dass der Zuschauer dem Objekt der Begierde gegenübersteht. So wie Josephine ihrem John. Doch der muss sich erst einmal in der neuen Rolle zurechtfinden, es sich überhaupt erstmal eingestehen, dass er sich in einer völlig neuen, unbekannten Situation befindet. Schadet es der Liebe der beiden oder macht die Verrücktheit Johns beide stärker?

„Mann im Zoo“ ist es ein (sa)tierisches Lesevergnügen. Immer wieder blättert man einige Seiten zurück, um sich noch einmal vom Ideenreichtum des Autors berieseln zu lassen. David Garnett ist der Meister des human-animalischen Genres. Gern schubst er seine Helden in die Tierwelt. Und der Zuschauer bzw. Leser erlebt hautnah (fellnah?) wie man sich als Mensch in der Fauna fühlt. Trennung als Chance für Gemeinsamkeit? John und Josephine lieben sich – das versichern sie sich, vielleicht zu oft, verbal. Was passiert, wenn man sich nicht mehr necken kann? Physische Barrieren die Verbindung stören? John und Josephine wagen das Experiment. Der Zoo hat eine Attraktion mehr. Wer wird wohl gewinnen? Wird und muss es überhaupt einen Gewinner geben?