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City Lights

Die Tage werden kürzer, das Grau des Alltags spiegelt sich nun auch am Himmel wieder. Da holt man gern noch einmal die Fotos vom erst kürzlich vergangenen Urlaub heraus, obwohl der auch schon wieder Monate her ist. Man erinnert sich, ist stolz auf die Schnappschüsse, erfreut sich an einzigartigen Perspektiven, bei denen sogar der schiefe Turm von Pisa kerzengerade in den wolkenfreien Himmel wächst. Noch einmal durchschnaufen – bald ist Weihnachten. Und dann gilt es einmal mehr der Kreativität freien Lauf zu lassen, um zu beeindrucken. Dieses Jahr wird es ein Leichtes sein dem Beschenkten ein „Ah“ und ein „Oh“, vor allem aber ein „Bist Du verrückt?!“ zu entlocken.

Vincent Laforet machte am 29. September 2001 ein Foto von einem afghanischen Flüchtlingskind, das vielleicht nicht um die Welt ging, dafür aber die Jury der Pulitzer Prize beeindruckte. Zusammen mit dem Team der New York Times gewann er den begehrten Preis für die beste Fotoreportage (Best Feature Photography). Schon kurze Zeit später galt er als einer der einflussreichsten Fotografen. Mit „City Lights“ zeigt er sein ganzes Können bei der Darstellung von Städten bei Nacht. Klingt erst einmal nach „Ja, das kann ich auch“, ist aber gar nicht so einfach, um es kurz und verständlich auszudrücken.

Und dann schlägt man dieses Buch, nein … diesen Prachtband auf! Eine Offenbarung! Noch nie waren nächstens erleuchtete Städte so blau. Noch nie so verwundbar. Noch nie so offensichtlich anonym. Sydney ist für sich genommen schon eine Augenweide. Auch und gerade bei Nacht. Aber: Bei Nacht, von Oben fotografiert … das Leuchten der Lebensadern … Details zu funkelnden Pixeln degradiert, um in der Gänze eine nie zu erwartende Wirkung zu erzielen, ohne Blitzlicht – da lassen die Synapsen kräftig die Sektkorken knallen!

Barcelona als buntes Potpourri, London als Regenbogen in Hochglanz, Chicago Reißbrettentwurf in Sonnenblumengelb oder Las Vegas in gar nicht mehr so bunt wie es die Prospekte einem vorgaukeln wollen – City Lights haben ihre eigene Magie. Sie einzufangen, ist Aufgabe von Dokumenteuren wie Vincent Laforet. Und wenn das Auge des Fotografen einmal Blut geleckt hat, dann kann sich der Betrachter auf eine riesige Portion Emotionen gefasst machen. Als Leser ist man von Natur aus in der richtigen Position auf dieses Buch und auf die Städte herabzublicken. Von oben auf Gebäude, Stadtteile, ganze Städte zu schauen, hat etwas Erhabenes. Mit dem kiloschweren Buch auf dem Schoß nehmen die Aufnahmen die Angst vor der großen unbekannten Stadt undverwandeln sie in ein Objekt der Begierde. Einmal nicht mit dem Finger auf ein Gebäude zeigen, sondern es einmal „in Echt“ zu bestaunen und vielleicht zu berühren, wenn das das Ziel des Buches war, dann ist die Aufgabe auf jeder Seite übererfüllt worden.

Alan Bennett geht ins Museum

Verwirrung gleich auf der ersten Seite: Geht man nun mit Alan Bennett ins Museum oder fordert Alan Bennett den Leser auf ins Museum zu gehen? Die Verwirrung löst sich sofort nach Aufschlagen des Buches: Alan Bennett streift durch die Museen der Welt und lässt seine Gedanken von der Leine. Für alle, denen Museen suspekt sind, weil sie nie den richtigen Zugang den zweidimensionalen Kunstwerken erhalten haben, der ideale Begleiter durch eine faszinierende Welt.

Oft ist es wie in der Schule. Man fühlt sich im Museum genötigt der Frage „Was hat der Künstler damit gemeint?“ zu beantworten. Und schon ist die beruhigende Wirkung eines Museums dahin. Man muss doch nicht zu jedem Werk eine Meinung haben. Es gefällt oder es gefällt nicht. Das ist die Basis eines jeden Museumsbesuches. In einer Zeit, in der sich besonders Krakeeler erdfarbener Couleur um die eigene Kultur verdient machen wollen, ist „Alan Bennett geht ins Museum“ nicht nur ein wichtiges, sondern das richtige Buch.

Alan Bennett wurde in Leeds geboren, also in einem Land, in dem der Besuch eines öffentlichen Museums keinen Eintritt kostet. Kostenloser Zugang zu den Kultur- und Kunstschätzen verschiedener Epochen – welch ein Glückspilz er doch ist! Wer sich die Mühe macht und auf den Homepages der Museen in Deutschland sucht, findet auch hier den einen oder anderen Tag, an dem der Eintritt kostenlos ist. Das Argument, kein Geld für Kultur zu verschwenden (was zwar Quatsch ist, jedoch allzu oft ins Feld geführt wird), ist somit hinfällig.

Ist der erste Schritt getan, kann man nun getrost dem Reiseleiter Bennett folgen. Immer wieder trifft man auf Bilder, die man eindeutig erklären kann. Da steht einer in Rüstung vor einem Anderen, der nicht minder prunkvoll gekleidet ist. Der Titel verrät, dass es sich wohl um wichtige Persönlichkeiten handelt. Vielleicht hat man den einen oder anderen Namen schon mal gehört. Doch so richtig einordnen kann man die Szenerie nicht. Hier kommt der studierte Historiker Bennett ins Spiel. Der weiß zum Beispiel – nur eine Annahme wie er gern zugibt, doch die Geschichte an sich ist es schon wert erzählt zu werden – warum sich der Eine abwendet und der Andere nicht in der ersten Reihe steht. Letzterer müffelt, so sagte man ihm nach. Und schon wird dieses Bild in ein anderes Licht gesetzt. Ein stinkender Feldherr, der sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war und dem Unterworfenen nicht noch mehr Schmach zufügen wollte. Um welches Bild, um welches Museum, um welche Akteure es sich dabei handelt, muss man schon selber nachlesen.

„Alan Bennett geht ins Museum“ aus der Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages ragt aus der Jubiläumsedition – mit der roten Fadenbindung, passend zum Outfit – besonders heraus. Ein Leselehrbuch der besonderen Art, das Ängste nimmt, animiert und Museumsprofis neue Sichtweisen eröffnet.

Dear Germany

Deutschland muss eine führende Rolle in Europa übernehmen. Gerade wegen seiner Geschichte, und besonders wegen der Verarbeitung dieser Geschichte. Der erste Teil dieser These ruft sicherlich die falschen Krakeeler auf den Plan. Die Erweiterung der These regt durchaus zum Nachdenken an. Und jetzt kommt’s: Die These kommt nicht etwa aus einem Hinterzimmer reaktionärer Sturköpfe, sondern von Lord Stephen Green. Er war von 2011 bis 2013 Handelsminister unter James Cameron und heute Politikberater, Zuvor war er Vorstandsvorsitzender bei HSBC, der größten Privatbank der Welt.

Lord Green liebt Deutschland, seine Sprache und seine Musik. Ein wenig gebauchpinselt kommt man sich vor, wenn man die ersten Seiten liest. Er führt dem Leser die Vorzüge der eigenen Kultur vor Augen – was man selbst als selbstverständlich hinnimmt, ist in seinen Augen das Besondere. In einem Land, das weniger demokratisch gefestigt ist, würden seine Thesen verbannt oder gar verbrannt werden. Der Autor wäre Anfeindungen ausgesetzt sein.

Margret Thatcher war es, die in den (deutschen) Wendejahren vor einem wiedererstarkten Deutschland warnte. Ihr war es suspekt und fremd, dass Deutschland wieder als eine Nation auftritt. Das Gleichgewicht, dass knapp ein halbes Jahrhundert die Geschicke in den Händen hielt (das Dreigestirn aus London, Paris und Bonn) hatte seine Aufgaben noch nicht vollends erledigt und nun sollte Deutschland nicht mehr nur eine Eckpunkt sein, sondern Eckpfeiler, um den sich Vieles drehen sollte und wird.

Lord Stephen Green macht dem – typisch deutschen – Zögerern Mut aus der Deckung zu kommen. Seit reichlich zehn Jahren, seit der Fußball-WM in Deutschland, ist es wieder en vogue stolz auf Deutschland zu sein. Das Stigma des falsch gelebten Nationalismus war auf einmal wie weggeblasen. Man schwenkte voller Freude wieder Schwarz-Rot-Gold, malte sich das freudestrahlende Gesicht in diesen Farben dicht und rief zaghaft, aber unüberhörbar den Namen des eigenen Landes. In Großbritannien ist der Union Jack mittlerweile zur Modemarke, zum unerlässlichen Accessoire geworden. Kaum eine Marke kommt ohne die Mixtur aus Georgs- und Andreaskreuz aus. Nun auch die deutsche Nation – Lord Green fasst den Begriff Nation weiter als die bloße geografische Ausdehnung Deutschlands. Doch blieb immer noch ein bitterer Beigeschmack bei dem Begriff Stolz. Zu viel Porzellan wurde in der Vergangenheit in Bezug auf den Stolz zerschlagen.

Und nun kommt ein Brite daher und sagt den Deutschen, dass Stolz nicht unbedingt mit Ablehnung und Hass gleichzusetzen ist, sondern wie jede Medaille zwei Seiten hat. Fahne hissen ist das Eine. Verantwortung zu übernehmen das Andere. Zu oft hören die falschen Leute auf die falschen Propheten – im Wahlkampf tönen die Fanfaren des Angriffs oft lauter als die der Veränderer. „Dear Germany“ ist ein Buch, das ernst genommen werden muss. Es einfach zu überfliegen und nur die die Parolen fehlzuinterpretieren, wäre Öl ins Feuer der alternativlosen Kritiker zu gießen. Und es wäre ein Affront gegen Lord Green und seine Ideen. Hat sich das Staunen über diese Gedanken eines Engländers über die Rolle Deutschlands in Europa erst einmal gelegt, ist der Weg frei diese Gedanken zu überdenken. Manches muss man mehrmals lesen, um den wahren Beweggrund zu erkennen. Doch wie so oft im Leben, lohnt sich die Wiederholung, denn nicht alles ist beim ersten Mal offensichtlich. Nur eines darf man nicht: Dieses Buch ins Gegenteil verkehren. „Dear Germany“ ist keine Nationalismusfibel, die gegen etwas ist. Dieses Buch regt zum Nachdenken an.

Ein Blick auf die andere Seite

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Erzählen Sie das mal einem gläubigen Hindu. Ein Ende? Was, nur eines? Oh Vishna! Er unterliegt dem ständigen Kreislauf von Leben und Tod. War er ein guter Mensch, wird er im nächsten Leben „aufsteigen“, war er ein schlechter Mensch, darf er nur auf einer niederen Eben zurückkehren.

Apropos zurückkehren. Auf Haïti, dort, wo der Voodoo zuhause ist – was er nicht ist, das weiß man spätestens, wenn man dieses Buch wieder zuschlagen muss – hat man eine höllische Angst vor dem Wiederkehren der Toten. Man näht ihnen sogar den Mund zu, damit sie nicht mit Bokor kommunizieren können. Dieser hat nämlich die Fähigkeit Tote „wiederzuerwecken“. Und dann wünscht man sich ein (eines, nicht mehrere!) schnelles Ende.

In Afrika, bei den Bantu-Völkern Zentral- und Südafrikas, ist diese Angst auch verbreitet. Deshalb wird nach dem Tod alles zerschlagen, was dem Dahingegangenen teuer und lieb war. Nicht, dass er noch zurückkommt und sich etwas mitnehmen will… Das gilt auch die Viehherde, ein Tier muss garantiert dranglauben.

Indien, Haïti, Ecuador, Afrika – keine gewöhnliche Reise, die Theresa Schwietzer da unternimmt. Die Oma ist schuld an diesem Buch. Als sie starb, waren die Beerdigung und die „Feierlichkeiten“ danach eher unpersönlich und kalt. So gar kein Gefühl, ohne Bezug zur geliebten Oma. So fing sie an sich mit Ritualen andere Kulturen und deren Bezug zum Tod auseinander zu setzen. So sind einzigartige Portraits entstanden, die so manches Vorurteil, das man aus Filmen – von Horror bis James Bond – zu kennen scheint.

Die Autorin hat sich zudem um die künstlerische Gestaltung des Buches ein Extralob verdient. Symbole treffen auf kraftvolle manchmal minimalistische Darstellungen, Farben werden sparsam und effektvoll eingesetzt, genauso wie der teils fruchteinflößende Schwarz-Weiß-Effekt.

Wer schon immer wissen wollte, wie es sich so stirbt auf unserer Erde, wer dem Geheimnis des Ganges auf den Grund gehen wollte, wer Voodoo nicht nur als angsteinflößende Religion ansah, Schamanen, Tiere und Götter nicht nur als Aufdrucke auf T-Shirts sah, wird in diesem Buch in eine Welt entführt, aus der es doch ein Entkommen gibt. Wie so oft im Leben, ist das Wissen um etwas der Eingang in eine neue bald schon vertraute Welt. Die Angst vor dem Tod kann dieses Buch nur mildern. Theresa Schwietzer will die Angst nicht hinwegnehmen. Sie war neugierig und traf auf umfangreiches Recherchematerial, das sie gekonnt in Wort und Bild in Szene setzte. Schon allein das Inhaltsverzeichnis ist der Eingang in eine neue Welt: Keine Liste, sondern eine Weltkarte, auf der man sich zurechtfinden muss. Künstlerischer Ausdruck und Inhaltsreichtum sind selten so gekonnt verwoben worden.

Melange der Poesie

Schwarz-Weiß-Fotografien sind so was von out. Und im Kaffeehaus sitzen, das hat meine Oma gemacht. Kaffee hole ich mir mit Zutatenmonolog im Schnelldurchlauf im Vorbeigehen. Und jetzt stelle man sich Wien in quietschbunten Farben vor. Statt historisch gewachsener Kaffeehaus-Kultur gäbe es nur Warteschlangen mit Menschen, die ihren Zubereitungswunsch für sich herbrabbeln, um am Tresen dann kläglich zu versagen. Das kann man überall erleben, dafür muss man nicht nach Wien reisen. Oft reicht es sogar einfach nur aus der Haustür herauszutreten. Nein, nein, nein! Wien und Kaffeehaus bilden eine Symbiose, die jedem Trend trotzen, aber nicht negieren.

Barbara Rieger und Alain Barbero sind Fans dieses seit 2011 immateriellen UNESCO-Kulturerbes. Denn im Kaffeehaus wird nicht nur geschlürft, hier wird Weltliteratur kreiert. Berühmt die G’schichten vom Qualtinger, den man aus dem „Alt-Wien“ schon mal nach Hause tragen musste. Und der hatte bestimmt nicht einen arabica zu viel intus. Lag vielleicht am Knoblauchschnaps?

Der Charme der Kaffeehäuser hat sich bis gehalten. Auch wenn heuer kein Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka gegenübersitzt, kein Thomas Bernhard oder Elias Canetti vielleicht einen kleinen Einblick in ihr Werk genehmigen, so lebt ihr Geist in den oft kunstvoll gestalteten vier oder mehr Wänden weiter. Und Literaten gibt es ja heute noch, welch ein Glück!

Doch nicht in die Irre führen lassen! Das Jelinek ist nicht der Ort Elfriede Jelinek Ideen für den nächsten Bestseller zuzuflüstern. Das Jelinek heißt Jelinek, weil die die Besitzer so heißen. Elfriede Jelinek ist kein Mitglied dieser Familie.

Autorin und Fotograf schlenderten Jahre durch die Kaffeehäuser der Stadt. Sie taten Geschichtchen auf, trafen Autoren und luden sie ein an diesem Buch mitzuwirken. Viele stellten kurze Texte zur Verfügung, die dem Thema schmeicheln. Sie ließen sich ablichten. Sie erzählen vom Damals und Heute.

So umfangreich eine Karte im Kaffeehaus – Einspänner, Franziskaner (kein Bier!), Melange, kleiner Schwarzer, überstürzter Neumann, Fiaker, Maria Theresia, man könnte noch mehr Zeilen mit den Angeboten füllen), so abwechslungsreich sind die Geschichten in diesem Buch. Und wieder einmal denkt man sich, dass man doch nicht alles über Wien weiß, geschweige denn gesehen und erlebt hat.

„Melange der Poesie“ vereinigt 55 Autoren mit dem erlesenen Geschmack des Kaffees und der hier einhergehenden Kultur. Wenn der Tod a Wiener is, labt er sich am Seelenleid der Intellektuellen bestimmt an einem Tisch in einem der zahlreichen Kaffeehäuser. Und der Leser schaut zu!

Die ermordete Cousine

Der Begriff Halbwaise erklärt nicht im Geringsten, was es mit dem so Bezeichneten auf sich hat. Eine Art Verwaltungsakt liegt dem Begriff inne. Margaret ist eine Halbwaise, die Mutter verstarb früh. Ihr Vater ist sichtlich überfordert, fördert sein Kind in jeglicher Hinsicht, nur Gefühle sind ihm fremd. Und das sollen sie auch ihr bleiben. Im Teenageralter verliert Margret auch noch den Vater, der testamentarisch verfügt hat, dass sein Bruder, Sir Arthur Tyrrell sich um sie kümmern soll. Natürlich gegen eine entsprechende Abfindung. Denn Sir Tyrrell ist nicht unbedingt mit üppiger Apanage ausgestattet. Vielmehr hatte er einmal riesige Schulden.

Diese Schulden bzw. die Tilgung der selbigen brachten ihm den Ruf des schwarzen Schafes der Familie ein. Denn mit einem Schlag war er schuldenfrei. Ja, er war sogar selbst zum Kreditor geworden. Dumm nur, dass der Debitor – bleiben wir in der Verwaltungssprache – plötzlich tot in seinem Zimmer lag. Sir Arthur Tyrrell ist erst einmal verdächtig: Sein Haus, er war Schuldner, der plötzlich zum Krösus wurde – der Verdacht, dass er etwas mit dem Ableben des nun Schuldners zu tun hat, liegt nah. Doch in diesem locked-room-mystery gibt es keine Gewinner. Außer Sir Arthur. Denn niemand kann ihm etwas nachweisen.

Cousine Emily freut sich wie ein kleines Kind als Margaret eintrifft. Auch Cousin Edward freut sich. Während Emily ihrer kindlichen Freude freien Lauf lässt, hegt Edward eher erotische Phantasien. Er – wenn man es unbedingt wohlwollend ausdrücke will – umgarnt das frisch eingetroffene Familienmitglied.

Doch Margaret weist ihn ab. Ihr Vater hatte bestimmt, dass sie allen amourösen Annäherungen standhalten solle. Und Sir Arthur, der Vater von Edward solle darüber wachen. Doch Sir Arthur sieht in der jungen Lady mehr die finanziellen Vorteile, mit Margaret kann er nichts anfangen. Und das Edward ihr den Hof macht, kann er überhaupt nicht gutheißen. Eigentlich sind das beide auf einer Wellenlänge. Dennoch redet er Margaret die Flausen aus. Und Edward soll abreisen. Nach Frankreich. Genauso abreisen soll die irische Kammerzofe von Margaret. Sie wird ersetzt durch eine abstoßende französische Gouvernante. Mit einem Mal nimmt das Drama seinen Lauf. Margaret hat eine finstere Vorahnung. Ist Edward wieder da? War er je weg? Wieso wird in ihrem Zimmer so geheimnisvoll herumgewerkelt? Und wieso führt sich die Kammerzofe so seltsam auf? Weiß sie nicht wo ihr Platz ist?

Joseph Sheridan Le Fanu zieht im literarischen Sinne die Fäden im Hintergrund und den Strick um Margarets Hals immer enger. Ist sie verrückt? Sind die Schatten der Vergangenheit noch immer präsent? Was ist mit dem Familiensinn? Eine Bettlektüre zum Gruseln für den Leser, für Margaret ist es bittere Realität: Ein neuerlicher Mord steht kurz bevor…

Tausend und ein Geschwätz

Eine namenlose Maquise kann einfach nicht schlafen. Da das Fernsehen noch nicht erfunden wurde (Zeit, Ort und Namen der Handelnden belieb anonym), und man sich damit leise in den Schlaf wiegen könnte, bittet die Baronin, ebenfalls namenlos den Abbé – man ahnt es schon: Auch er ist mit dem Stigma der Namenlosigkeit gezeichnet – eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen. Das soll helfen. Der Abbé hofft inständig, dass er nicht als Langweiler gilt, und beginnt sobald mit der Geschichte von Riante und Gracieux.

Riantes Geburt wurde – wie üblich in ihren Kreisen von Feen überwacht. Lirette, ein gute Fee, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Denn schon während des Geburtsvorganges rumpelt es. Rare, die Mutter von Riante – schon allein die Namen (!) künden von der Erzählkunst des Autors – ist besorgt. Ein Omen? Nach einigem Suchen findet Lirette den Übeltäter bzw. die Übeltäterin. Wie üblich im Märchen gibt es zu jeder guten Fee auch eine böse Fee. Die heißt vielsagend Dreibuckel. Lirette ist auf der Hut, will helfen, aber erst einmal muss Dreibuckel ihren Zauberstab abgeben. Es kommt wie es kommen muss, Bauernschläue siegt über Liebreiz. Doch nur kurz!

Dreibuckel hat einen bösen Plan ausgeheckt. Der sieht vor, dass das behütete Kind, Riante, sich in den zwar schönen, aber reichlich naiven Ritter Gracieux verlieben soll. Als die Zeit reif ist, ebenso wie die bildhübsche und gebildete Riante, spinnt Dreibuckel ihre Fäden. Sie schlüpft in die Rolle Amors und spielt selbigen. Und siehe da, es klappt. Doch soll die Liebe nicht von Dauer sein… Ob die Marquise durch diese intrigante Geschichte von ihrer Schlaflosigkeit geheilt werden konnte, lässt Jacques Cazotte offen.

Dass „Tausend und ein Geschwätz“ als Nachttisch-Und-Einschlaf-Lektüre dient, ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht, dass die Geschichte an sich einschläfernd sei – niemals. Doch als literarisches Betthupferl, dass dem Leser süße Träume bereiten kann, ist es eine willkommene Abwechslung zum Fernsehprogramm des Abends.

Feenwesen, die ihr Antlitz verändern können, die Macht der Liebe, der Ausschluss des rationalen Denkens – ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und fertig ist ein kleines Büchlein, das große Wirkung entfalten kann. Jacques Cazotte beschäftigte sich mit Okkultismus. Mit ein bisschen Zwischendenzeilenlesen kommt man den Sympathien des Autors auf den Grund. Ob die Hingabe zur schwarzen Magie ihn dazu trieb seinen Freunden den Tod zu prophezeien, ist nicht überliefert. Ihr aufklärerisches war ihm zuwider. Hätte er den Gedanken, die Weissagung weitergesponnen, wäre ihm vielleicht der (vollendete) Gang zum Schafott erspart geblieben… Wer weiß, wer weiß.

Kuchen steht Kopf

Wer backen lernt, weiß, dass erst der Teig in die Form gegeben wird, und dann wird dekoriert. Dieses Buch stellt Jahrhunderte alte Traditionen auf den Kopf. Denn von nun an wird alles auf den Kopf gestellt und zuerst die Deko, Früchte und Verzierungen in die Form gegeben. Der Teig bildet das Schlusslicht beim Backen. Geht das überhaupt? Schmeckt das?

Getreu dem Buchtitel wird zuerst die letzte Frage beantwortet: Ja! Doch nur unter der Bedingung, dass mit Phantasie und Liebe gebacken wird. Das dürfte kein Problem sein, wenn man dieses Buch zur Hand hat und auch nur ein wenig darin herumblättert.

Also zuerst kommen die Früchte in die Form. Diese wurde zuvor mit Karamell oder Zucker ausgestrichen. Kurz schlucken. Alles ein wenig anziehen lassen und dann den Rührkuchenteig darüber geben. Ab in den Ofen. Warten. Warten. Warten. Fertig. Jetzt nur noch umstülpen. Und … wieder warten – warmer Kuchen schmeckt zwar lecker, aber man kann sich das Leckermäulchen verbrennen!

Welch Duft sich breitmacht und in welcher Pracht sich der Kuchen präsentiert! Denn weil man die oberste Schicht zuerst eingebracht hat, ist das optische Ergebnis umso überraschender. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob eine Zahl aus Früchten für Geburtstage oder kreative Muster als Aha-Effekthascherei – Lobeshymnen werden die Folge sein.

Äpfel und Erdnüsse oder Mohn, Birne und Honig, Heidelbeeren, ob ganze Torten oder kleine Törtchen – Christelle Huet-Gomez hatte sichtlich Spaß am Ausprobieren und Backbuchschreiben. Rhabarber zaubert ein tolles Muster in den Teig. Beim Anschneiden läuft einem nicht nur das Wasser im Mund zusammen, es wird zeitgleich auch der Sehsinn stimuliert. Wie große Dominosteine (nicht das Gebäck, sondern das Spiel) kommt der Aprikosen-Karamell daher. Wenn Kirschen hinzukommen, entsteht ein feuriges Rot auf dem Kuchen.

Backen für alle Sinne könnte der Untertitel des Buches lauten, der dann ja eigentlich der Haupttitel wäre, wenn alles auf dem Kopf steht. Wird der Kuchen erstmal serviert, ist die Freude groß. Wenn man dann noch kundtut wie die Kuchentafel um den Hauptdarsteller entstanden ist, stehen alle Kopf. Ziel erreicht – Buchtitel bestätigt – „Kundschaft“ zufrieden. Was will man mehr?!

Popcorn melody

Wie stellt man sich das Ende der Welt vor? Lebloses Gestein, abwechslungsfrei, staubig. Wenn das so ist, dann lebt Tom Elliott am Ende der Welt, Shellawick (population: 1,100), irgendwo zwischen Hilflosigkeit und Sinnfreiheit. Er betreibt den örtlichen „Supermarkt“. Die Toreinfahrt zum Glück ist gerade mal so groß wie ein Mauseloch. Nichts gibt es hier im Überfluss. Was zu essen, was zum Waschen, was gegen Fliegen gibt es ausreichend. Alles andere unterwirft sich Lieferschwierigkeiten.

Die Einwohner leben von und durch Buffalo Rocks, die örtliche Popcorn-Fabrik, in der man besser das Maul hält und tut, was einem befohlen wird. Leben sieht anders aus. Alternative Gesprächsthemen sind nur bei Wetterumschwung zu erwarten.

Bis eines Tages ein echter Supermarkt direkt gegenüber vom Toms Hütte öffnet. Buffalo Rocks macht jetzt auch in Verkaufen. Die jammernden Kunden, die bei Tom nie das erhalten als die „Trilogie des Glücks“ (essen, waschen etc.), werden logischerweise fahnenflüchtig. Und Tom? Die Haikus, oder das, was er dafür hält – schließlich hat er mal Literatur studiert – reichen nicht mehr aus, um seinem Leben die nötige Portion Glück zu beschaffen. Er muss aus der Tristesse der Gewohnheit ausbrechen, um überleben zu können.

Okomi hatte schon vor einiger Zeit mit einem Messer vor seiner Nase herumgefuchtelt. Tom solle ihm was dichten. Okomi würde dann ein Lied daraus machen. Ja, es gibt schon skurrile Typen in Shellawick. Die einen klatschen in die Hände, wenn sie Toms Laden betreten, so dass jeder weiß, dass sie da sind, andere bringen nur drei Worte raus. Tom nimmt sie alle wie sie sind.

Doch nun verhält es sich ein bisschen anders. Die Ersparnisse sind weg, Emily an Toms Seite, und Okomis Scheck ist gedeckt. Ja, der Okomi mit dem Messer und dem übersichtlichen Wortschatz. Von den Tantiemen soll Tom nun auch profitieren. Und dank Emilys Drängen zahlt sich Toms Studium der Literatur nun endlich auch aus…

Émilie de Turckheim gelingt mit „Popcorn melody“ das Kunststück aus einem klassischen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Stoff eine rührende Geschichte zu schreiben, die fern jeglicher Klischees den Leser in ihren Bann zieht. Tom hat sich mit seinem faden Leben nicht abgefunden. Er flieht so oft er kann in eine andere Welt. Nie für immer, doch kurzzeitig ist er Out of Shellawick ohne alle Brücken komplett abzureißen. Der mächtige Riese gegenüber lässt ihn nicht in Panik ausbrechen. Einst war er das Werbegesicht der Firma, heute lacht er ihr frech ins Gesicht. Einen wie Tom Elliott bekommt man nicht klein.

Die Stadt der weißen Musiker

Dieses Land gibt es auf keiner Landkarte. Die Stadt existiert ebenso nur in der Phantasie des Autors und des Lesers. In dieser Stadt lebt ein Wunderkind. Dschaladat. Ein aufgeweckter kleiner Junge, der wie niemand sonst schafft einer Flöte Töne zu entlocken. Die Magie seines virtuosen Spiels verzaubert von nun alle, die ihn hören.

Doch an eine Karriere wie man sie nun vermuten könnte, ist nicht zu denken. Ishaki Lewzerin nimmt sich des Jungen an als der Krieg näher rückt. In den Bergen suchen und finden sie kurzzeitig Ruhe, um durchzuschnaufen. Doch die Stadt hat keine Ohren für die Poesie der sanften Klänge. Harte Einschläge aus der Ferne dringen an die Ohren der Städter, die längst kapituliert zu haben scheinen.

In dieser namenlosen Stadt regiert die Gewalt. Patrouillen schwadronieren durch die Straßen und Gassen. Jedes bewegliche Ziel wird zum Objekt der schießwütigen Einheiten. Wenn Dschaladat nun seine Kunst zeigen würde, wäre er dem Ende seines jungen Lebens näher als im bewusst ist. Das Einzige, was ihm blieb, was ihn auszeichnet, muss er wohl oder übel aufgeben, um überleben zu können.

Bachtyar Ali schreibt mit einer unfassbaren Poesie von dem Grauen eines menschenunwürdigen Lebens. Wenn man all seiner Phantasie und somit der Zukunft beraubt wird, bleibt nicht mehr viel wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Viele würden die Flinte ins Korn werfen und einem aufgezwungenen Lebensrhythmus folgen. So grau die Realität für Dschaladat ist, so bunt ist sein Herz. Und das strahlt in der Stadt der weißen Musiker wie kaum eine anderes.

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali lebt seit er seine nordirakische Heimat verlassen musste in Köln. Mit „Der letzte Granatapfel“ setzte er den Startpunkt für eine literarische Karriere, die mit „Die Stadt der weißen Musiker“ die logische Fortsetzung erfährt. Die Bildsprache Alis ist mit keinem seiner Kollegen zu vergleichen. Dem Leserfällt es fast schon schwer zu glauben, dass Menschen in verzweifelten Situationen tatsächlich noch so hoffnungsvoll sein können. Wenn alle Auswege verstellt sind, zündet Bachtyar Ali eine Kerze an, um seinen Helden den Weg zu weisen.