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Lesereise England

England – das Land der sonnenverbrannten, zahnlückenpräsentierenden Hooligans, die laut grölend die Strände Europas in Beschlag nehmen. England – das Land ohne eigene Esskultur. England – das Land, das bald seinen eigenen Kontinent (wieder einmal) eröffnen wird. Deutschland und England und ihre Vorurteile gegenüber dem Anderen. Es mag hier und da stimmen – doch dann trifft es für beide Seiten zu. Und Stefanie Bisping tritt unfreiwillig den Beweis an, dass in England die Kultur sehr wohl zuhause ist.

Weit ab von Snobismus und Naserümpfen über das Gegenüber besucht sie unter anderem die, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Und wer könnte das besser als Nobelpreisträger. Der eine ist Winston Churchill und seine Anwesen Blenheim Palace und Chartwell. Schon nach wenigen Worten ist man direkt in der Szenerie: Etwas erhoben und erhaben auf einem Hügel thronend, die Ferne genießend hüpft die Autorin einem spielenden Kind gleich durch die unendlichen Weiten des Hauses und des Gartens. Den kann man sich derart genau vorstellen, dass man sich fast die Reise dorthin sparen kann. Fast, denn nur selbst erleben ist diesem Buch überlegen. Ach ja, und so ganz nebenbei erfährt man auch warum Winston Churchill sich dazu hinreißen ließ darüber zu philosophieren, warum die reduzierung des eigenen Champagner-Konsums um sechzig Prozent (!) keine so üble Idee sei. Ha, diese Engländer!

Der andere Nobelpreisträger ist Rudyard Kipling, der Schreiber des Dschungelbuches. Bateman’s nennt sich der Sitz des erfolgreichen Literaten. Eine Wallfahrtsstätte für Bücherbegeisterte. Und erst der Mulberry Garden. Da fühlt man sich gleich wie der große Meister, wenn man unter dem Maulbeerbaum sitzt. Kleiner Wermutstropfen. Kipling selbst saß sicherlich gern unter einem Maulbeerbaum in seinem Mulberry Garden. Allerdings wurde sein schattenspendender Laubfreund vor einigen Jahren durch einen Artgenossen ersetzt.

Zum Nobelpreis hat es für Jane Austen nicht gereicht. Doch ihr Haus in Chawton ist nicht minder beliebt als die Anwesen der bereits erwähnten (männlichen!) Nobelpreisträger. Alle hier ist beabsichtigt. So wie der Tagesablauf der Schriftstellerin es war. Im Sonnanschein, an eben diesem Walnusstisch schrieb sie Weltliteratur. Das ist zweihundert Jahre her und noch immer geht von diesem Ort Magisches aus.

Magie, Bücher, Gärten – auch das ist England. Von Shakespeare bis Harry Potter reist Stefanie Bisping durch ein England, das voller Poesie ist. Und sie selbst lässt sich tief einatmend davon gefangen nehmen. Mit jedem Wort, jedem Satz schmeichelt sie den ehemaligen Hausherren und umschmeichelt den Leser mit unverrückbarer Sprache. Es ist wie eine Reise in eine andere Zeit, ein fernes Land, das je mehr man liest einem immer näher kommt. Wer auf Reisen nur allzu gern Reisebände als To-Do-Liste „abarbeitet“, kommt hier an seine Grenzen. Keine der Reisen muss man tun, doch wer sie unternimmt, braucht Zeit, Geist und Muse. Stefanie Bisping hat von allem mehr als genug. Und diese überbordende Neugier, gepaart mit Wortwitz ist das Ideal eines Reisebuches.

Die Frau in den Dünen

Das kann doch alles nur ein Traum sein! Ein wilder Traum. Ein rauer Traum. Ein Albtraum. Überall nur Sand, Sand, Sand. Oben? Sand! Unter ihm? Sand! Ringsherum nur Sand.

Was ist geschehen? Jumpei Niki frönt einem außergewöhnlichen Hobby. Der Lehrer sammelt Insekten. Sein höchstes Glück wäre es eine kleine Insektenart zu entdecken, die dann seinen Namen tragen wird. Im Hochsommer nimmt Jumpei Niki den Zug an die Küste. Bewaffnet mit einer Holzkiste für die zu erwartenden Schätze und einem Netz stapft er durch die Natur. Mit einem Mal steht er mitten in den Dünen. Die Suche kann beginnen. Er ist so sehr mit der verheißungsvollen Suche beschäftigt, dass er zu spät bemerkt, dass bereits die Nacht über ihn hereinbricht. Doch wo soll er in dieser gottverlassenen Gegend eine Heimstätte finden?

Pech bei der Insektensuche, Glück bei der Bettensuche. Gar nicht weit von seinem Suchgebiet erscheint vor ihm ein Dorf. Alle sind recht freundlich zu ihm und haben eine – wenn auch ungewöhnliche – Schlafstätte für ihn. Diese liegt in einem Sandloch. Ein Haus mit Wänden, ein Bett und eine rechtschaffende Wirtin – was will man mehr? Die Frau, der das Haus gehört, ist sehr fleißig. Das wird ihm sofort klar. Permanent schaufelt sie Sand aus dem Haus, der dann mit Eimer an Seilen aus dem Sandloch geholt wird. Jumpei Niki ist zu kaputt, um noch einen einzigen klaren Gedanken fassen zu können.

Das ändert sich am nächsten Tag mit einem Schlag. Mit Sand in den Augen – nicht nur sinnbildlich – reckt er sich dem Sonnenlicht entgegen. Die Dame des Hauses reckt sich ihm auch entgegen. Unfreiwillig. Nur mit einem Tuch über dem Gesicht prankt ihr nackter Körper vor Jumpei Niki. Verstört, peinlich berührt, sucht er nach einem Ausweg. Doch die Leiter, die ihm am Vortag noch in den Schlund hinabklettern ließ, ist weg! Auch die inzwischen aufgewachte Frau ist ihm keine Hilfe. Sie lebt schon lange hier unten. Sand schaufeln, das ist ihr Lebenselixier. Ihre Arbeit. Ihre Strafe? Wofür?

Jumpei Niki hegt nur noch Fluchtgedanken. Raus aus der Sandhölle. Doch wie? Raufklettern und die Beine in die Hand nehmen? Viel später wird ihm klar, dass die Flucht mit dem Entkommen aus dem Loch noch lange nicht zu Ende ist…

Kobo Abe lässt Jumpei Niki am Ende des Buches für verschollen erklären. Er entwurzelt ihn auf jede erdenkliche Weise. Was einmal wichtig war, scheint im Sand, in der feuchten Luft des Sandloches irrelevant. Was macht Einsamkeit aus einem Menschen? Wird er zum Tier oder zum Gespött? Jumpei Niki erfährt die Hölle auf Erden (beinahe unter der Erde) und wird nicht müde zu kämpfen. Nur das Ziel hat sich verändert…

Die Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen – Von Mighty Mouse bis zur Gegenwart

Endlich eine Fortsetzung, vor der man keine Angst haben muss! Bereits der erste Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ nahm den Fan mit auf eine Reise, die niemals enden soll. Doch sie tat es! Sie endete 1974 als Deutschland mit dem Kaiser und dem Terrier Weltmeister wurde. Jetzt geht die Namensforschung weiter! Wer den ersten Teil noch nicht kennt, dem sei die Furcht vor zu viel Titeln an dieser Stelle genommen: Hier geht es nicht nur um Personen, Spieler, Stürmer und harte Hunde in den Abwehrreihen. Es geht auch um Mannschaften, die von Fans ihre eigenen Namen bekommen haben. Oder legendäre Spiel, die jedem Fan das Blut in den Adern vor Ehrfurcht gefrieren lassen. Keine Namensfindungskommission hatte da ihre Finger im Spiel! Außer vielleicht bei der Mannschaft, die #zsammn so großartig bei der WM in Russland versagte.

Nur ein Jahr länger bei den Roten Teufeln und die Walz aus der Pfalz hätte mit Tarzan zusammenspielen können. Doch die Kassen waren leer, und der 1. FC Kaiserlsautern musste Hans-Peter Briegel an Hellas Verona verkaufen und Gerald (Gerry) Ehrmann stand zwischen den Pfosten ohne den prominenten Abwehrrecken.

Es gibt sicher noch viele Fußballfans, die genau wissen, was sie am 20. Juni 1976 gemacht haben. Fast ganz Europa saß damals auch ohne blau-gelbes Sternenbanner vereint vor den Fernsehgeräten. Und sie schauten nach Belgrad, damals von Hauptstadt von Jugoslawien. Die Nacht war lau, das Stadion hell erleuchtet. Und nach neunzig Minuten stand es 2:2 zwischen der ČSSR und Deutschland. Der amtierende Weltmeister schaffte es einen 2:0-Rückstand in ein Unentschieden zu verwandeln. Auch nach zwei Stunden Spielzeit gab es immer noch keinen Sieger. So kam es zum ersten Elfmeterschießen der EM-Geschichte. Bis dann Uli Hoeneß zum Elfmeter antrat und mit voller Wucht den Ball in die Wolken drosch. Die Maschen bewegten sich kaum, die Massen auf den Tribünen dafür umso mehr. Das war die Nacht von Belgrad, die eigentlich im benachbarten Novi Sad stattfand.

Pablito, Schizzo und Vieux Lion sind nur drei weitere Spieler in diesem Buch, deren Spitznamen mit chirurgischer Präzision von den Autoren Mariano Beraldi und Wolf-Rüdiger Osburg herausgearbeitet wurden. Wer sich dahinter verbirgt? Zum Einen Paolo Rossi, Marco Schizzo Tardelli ist jedem noch ein Begriff, der das WM-Finale 1982 gesehen hat. Sein beherzter Torjubel zum 2:0 für die Azzuri (woher der Name stammt, dürfte wohl jedem bekannt sein) gehört zu den bekanntesten WM-Bildern aller Zeiten. Und wer ließ sich als vieux lion, als alter Löwe betiteln? Roger Mila, der aus dem Ruhestand geholte Star der Kameruner bei der WM 1990 in Italien, der seiner Freude an der Eckstange so nachgiebig Ausdruck verlieh, dass noch Generationen später immer noch dort gefeiert wird, wenn man trifft.

Der zweite Band der „Weltgeschichte des Fußballs in Spitznamen“ wird eher jüngere Fußballfans begeistern, weil ihnen die Namen eher geläufig sind. Im ersten Band sitzt man noch staunend über so viele auch nach fast hundertfünfzig Jahren immer noch verfügbaren Informationen, im zweiten Band rutscht einem öfter mal ein „Ach ja, kenn ich, hab ich aber schon wieder vergessen“ über die Lippen. Ein Almanach, das nicht im Bücherschrank verstauben wird, sondern in regelmäßigen Abständen konsultiert werden wird. Und das nicht nur weil ein echter Goldjunge auf dem Cover ist.

Istanbul – Die Biographie einer Weltstadt

Wow, wie muss man sich fühlen, wenn man eine Stadt wie Istanbul in einer Biographie vorstellen will? Hat man sich zu viel vorgenommen? Wird man den Erwartungen der Leser gerecht? Wo anfangen, wo aufhören? Um es gleich vorwegzunehmen: Bettany Hughes schafft es mit unfassbarer Leichtigkeit der Millionenmetropole Istanbul ein würdiges Denkmal zu setzen!

Fünfzehn Millionen Menschen leben derzeit in der Stadt am Bosporus. Knapp eintausend Seiten zeigen auf unvergleichliche Art ihre Geschichte. Und zwar von Anfang an. Dieser liegt rund sechstausend Jahre zurück. Doch Bettany Hughes beginnt noch früher. Ca. 800.000 bis 5500 vor unserer Zeitrechnung. Schon die Argonauten beschrieben ihre Fahrt durch den Bosporus – das war vor rund 2300 Jahren. Und schon damals siedelten hier Menschen.

So farbenfroh der Einband des Buches, so farbenfroh auch die Geschichte der Stadt. Byzanz, Konstantinopel, Istanbul – drei klangvolle Namen, die zu ihrer Zeit stets mit Sehnsüchten gefüllt wurden. Das ist der rote Faden der Stadt, und das ist auch der Leitfaden dieses Buches. Diese Stadt wird geliebt und gehasst. Es gibt kein Dazwischen!

Am besten beginnt man dieses Buch am Ende. Nicht um das Ende schon vorwegzunehmen, das wird noch lange nicht geschrieben werden. Nein, am Ende befindet eine über dreißig Seiten lange Zeittafel. So kann man sich schon mal an die Hauptakteure des Buches gewöhnen. Wie üblich gründet der Sage nach Byzas Byzantion am Westufer des Bosporus. Der entstand irgendwann zwischen 7.400 und 5.500 vor unserer Zeit als das Schwarze Meer geflutet wurde. Es folgten zahlreiche Reiche. Die Achämeniden, Alexander der Große, die Kreuzzüge – sie alle hinterließen etwas, das bis heute mehr oder weniger offen zu Tage tritt.

Jeder Besuch Istanbuls wird ab sofort in einem neuen Licht gesehen – das ist garantiert! Die keine Widerworte duldende Detailversessenheit der Autorin lässt den Leser mit staunenden Augen und einem brummenden Hirn zurück. Darf man dieses Buch in einem Ritt durchlesen? Die Frage stellt sich nicht. Denn wer einmal angefangen hat, kann es nicht mehr so schnell beiseitelegen. Ob man den Istanbul-Besuch mit Lesen verbringen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Man könnte, nein man wird auf alle Fälle, etwas verpassen! Denn Istanbul lebt, verändert sich stetig. Und so ist es nur eine Frage der Zeit bis weitere Kapitel in dieses Buch Einzug halten werden.

Aktuelle Geschehnisse, Unkenrufe und Horrormeldungen aus und über Istanbul soll man nicht ausblenden, wenn man sich entschließt diese –Eintausend-Seiten-Reise anzutreten. Doch die Störfeuer sollten keine einzelne Zeile trüben. Vielmehr sollte dieses Buch als Grundlage genommen werden eine Stadt genau zu betrachten und sich dann mit dem neu gewonnen enormen Wissen selbst ein Bild zu machen. Am besten in Istanbul!

Mutter und Tochter

Da staunt Homer Wycherly nicht schlecht. Der Ölmagnat hat sich gerade eine zweiwöchige Kreuzfahrt durch die Südsee gegönnt. Mal abschalten. Von alle dem Stress, von der Arbeit. Und vor allem von seiner Ex-Frau Catherine. Die hat ihm noch bei seiner Abreise eine furiose Szene gemacht und den Reisenden ein ordentliches Spektakel geboten. Und nun, endlich wieder daheim, da, wo er sich am wohlsten und sichersten fühlt, fehlt von seinem Schatz, seiner Tochter Phoebe jede Spur.

Phoebe ist so ein liebes Ding. Immer höflich, tut, was man ihr sagt. Der Abgang vom College in Stanford war zwar ein herber Rückschlag für den stolzen Vater, doch das College in Boulder Beach ist auch nicht zu verachten. Doch Phoebe ist weg. Ihre Mitbewohnerin Dolly Lang (toller Name, der passt auch so herrlich zu der leicht als einfältig zu beschreibenden Zimmergenossin) weiß, dass Phoebe zurückkommen wird. Schließlich hat sie ihr das ja gesagt. Kein Grund zum Zweifeln. Phoebes Freund Bobby hat dagegen eine harte Zeit hinter sich. Er vermisst Phoebe schmerzhaft. Eine Erklärung kann er Lew Archer auch nicht geben.

Lew Archer wurde von Homer Wycherly damit beauftragt das flügge gewordene Früchtchen aufzuspüren. Archer würde gern mit der Mutter, der so verhassten Catherine sprechen. Doch Homer Wycherly hält das für keine gute Idee. Vielmehr verbietet er es sogar der Spürnase. Der gute Ruf der Familie stünde auf dem Spiel. Wie soll man da ermitteln, wenn die wohl wichtigste Person – nach der Vermissten, natürlich – nicht involviert werden soll?

Klinken putzen heißt es für den feinsinnigen Schnüffler. Je mehr er fragt, desto verworrener wird der ganze Fall. Ein zwielichtiger Immobilienhai hat offenbar seine gierigen Finger im Spiel. Und so unschuldig wie Phoebe dem Vater vorkommt, ist die Kleine gar nicht. Ein bisschen zu sehr zugeknöpft, dann wieder überbordend tatkräftig. Depressionen? Mmmh, vielleicht. Beim Psychodoc war sie jedenfalls. Aber nur ein paar Mal. So viel weiß Dolly Lang. Doch Lew Archer weiß immer noch nicht mehr. Geschweige denn, wo er den nächsten Hebel ansetzen soll.

Und so reist er von Motel zu Hotel, quer durch Kalifornien, nur um schlussendlich festzustellen, dass es nur einen Ort gibt, an dem die Lösung sich zeigen wird. Doch ihr Aussehen ist erschreckend. Die Lügen sind bis ins Innerste der Familie Wycherly vorgedrungen und haben ihre Unheil bringenden Wurzeln tief ins Fleisch von Homer, Catherine, Phoebe sowie auch Trevor und Helen, Homers Schwager und Schwester, geschlagen.

Jede Aktion zieht eine entsprechende Reaktion nach sich. Das hat bereits vor mehreren Hundert Jahren Isaac Newton formuliert. Doch das, was Ross Macdonald seinen Helden angedeihen lässt, ist finsterste Bigotterie und ein feistes Lügengebilde. Zum Glück alles nur Fiktion. Mit geschmeidiger Sprache und zielstrebiger Eloquenz stolpert Lew Archer nicht einen Moment. Jeder Ansatz von Hindernissen wird als Sprungbrett für weitere Erkenntnisse geschickt ausgenutzt. Die Vergangenheit wird niemals ruhen so lange Männer wie Lew Archer ihre Aufträge ernst nehmen.

Der Gott des Geldes

Wie stellt man sich einen perfekten Tag vor? Am Strand liegen, den Wellen nachschauen. Die Sorgen in letzte Hinterstübchen verfrachten. So ähnlich könnte ein perfekter Tag aussehen. Oder mit einem Flugzeug über einer Stadt kreisen, vielleicht sogar zwischen Hochhäusern kreuzen. Saskia Rokovic könnte so einen perfekten Tag durchaus erlebt haben. Könnte. Denn es wäre mehr als zynisch der Restauratorin ein Hochgefühl zu unterstellen als sie im Flugzeug über Frankfurt schwebt. Denn ihre Handgelenke sind fixiert. Und das Reiseziel ist nicht von ihr gewählt. Die Polizei hat sie im Gewahrsam. Terrorverdacht. Schlimmer geht’s nimmer.

Und dabei hatte alles so schön begonnen. Finanziell ziemlich klamm, wirft ihr der Geldautomat ihrer Bank statt der geforderten einhundert Euro dreimal einhundert Euro entgegen. Was einmal klappt, klappt vielleicht auch ein zweites Mal? Jackpot! Ein drittes Mal?

Sohn Emil sieht nun endlich die Zeit gekommen ein moderner junger Mann zu werden. Er insistiert noch einmal und drängt ob des erfreulichen und unerwarteten Reichtums auf sein erstes Smartphone. Seine Sorgen möchte Saskia gern haben. Denn was so aussah wie ein perfekter Tag, wird bald zur Höllenwoche.

Ihr Gatte Harry wird angeschossen. Der Computerprogrammierer ist ein verschlossener Typ. Wenn er nicht mit der Sprache rausrücken will, kann auch Saskia nichts dagegen tun. Doch der Schuss am Güterbahnhof ist mehr als nur ein Warnschuss. Und schon steht die Polizei auf der Matte. Denn Harry ist spurlos verschwunden. Und jemand hat ihn entführt. Sein Handy nimmt ein unfreiwilliges Bad in einem Bach bei Frankfurt. Und die Polizei ist auch keine große Hilfe. Karrieregeile Cops, geldgierige Banker ohne Gewissen, die Bundesbank, die Russen und zwischendrin die kleine Restauratorin Saskia Rokovic, die einfach nur ihren Harry wieder haben und wissen will, was das Computergenie mit dem Hackerangriff auf mehrere Bankenserver zu tun hat.

Autor Gerhard J. Rekel hat seiner Heldin Saskia einen vollgepackten Rucksack mit auf den Weg gegeben. In ihm befindet sich aber nicht viel, nur jede Menge Mut. Und den wird sie brauchen. Denn Saskia will auf eigene Faust ermitteln, wo Harry ist und warum er nicht wie üblich vor dem Laptop hockt und statt sich zu bewerben irgendwelche Algorithmen zusammenschustert. So groß die Probleme in den vergangenen Wochen und Monaten auch gewesen seien, Familie Rokovic war zumindest glücklich. Auch wenn es sich nicht immer so anfühlte. Immer tiefer stürzt Saskia bei ihren Nachforschungen in ein Geflecht aus Falschheit, Gier und Besessenheit, inklusive Verfolgungsjagden, Schüssen und widersprüchlichen Aussagen. Spannend bis zur letzten Seite!

Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Man kann und darf nicht müde werden die Menschenverachtung des Naziregimes immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Denn diese Zeit ist immer noch allzu präsent in ihrer Wirkung. Evelyn Steinthaler richtet den Blick der Leserschaft auf diejenigen, die vor den Nazis, während der Nazizeit und auch danach in aller Munde waren. Manche mehr, manche weniger, einzelne wurden fast vergessen.

Als deutscher Künstler sogenannter arischer Abstammung hatte man auf dem Papier erst einmal nicht zu befürchten. Stellenknappheit an Theatern oder beim Film gab es nicht. Zu viele hatten ihre Stühle und Stellungen freiwillig verordnet räumen müssen. Die, die blieben konnten sich zwischen Pest und Cholera entscheiden. Oder besser gesagt: Entweder Haken schlagen oder Hacken zusammenschlagen!

Heinz Rühmann war bis in dieses Jahrhundert der unangefochtene Star des deutschen Films. Jeder Auftritt ein Lacher, und wenn das nicht, dann zumindest ein Kracher. Dann kamen erste Gerüchte auf, dass sich der UFA-Star mit dem Regime eins gemacht hätte. Der Ruhm der Vergangenheit schlug tiefe Schatten auf sein Grab. Gänzlich abschließen kann man das Kapitel der Verquickung von Rühmann mit den Nazis wohl niemals. Zu viel blieb damals schon im Verborgenen. Fakt jedoch ist, dass sich Rühmann von seiner Frau Maria Bernheim, einer Volljüdin wie es geschmacklos im damaligen Sprachgebrauch hieß, scheiden ließ. Der Tipp, dass Maria Bernheim mit einem Ausländer aus einem neutralen Land in Sicherheit wäre, da sie mit dem Ja-Wort auch dessen Staatsbürgerschaft annehmen würde, kam von Herrmann Göring persönlich. Sie heiratete einen Schweden. Rühmann selbst begann alsbald eine Affäre mit seiner Kollegin Hertha Feiler, die er bei Dreharbeiten zu „Lauter Lügen“ (!) kennengelernt hatte. Mit ihr blieb er bis ans Ende ihrer Tage zusammen.

Viele Künstler wurden gerettet unter der Fuchtel der Staatsregierung. Wer ihnen hold war, durfte fast ungestraft tun lassen, was er wollte. Bestes Beispiel: Gustav Gründgens. Hans Albers verkörperte nur allzu oft und allzu gern den Idealtypus dessen, was der Führung in den Kram passte. Groß, blond, blau… naja. Sein Ruf nach der dunklen Zeit litt nur bruchstückhaft. Klaus Mann sah in ihm den Archetypen des Nazis. Er irrte dieses Mal. Denn Albers ließ keine Möglichkeit aus „denen da oben“ verbal einen mitzugeben. Riskant, denn auch er war mit einer Jüdin verbandelt. Nicht verheiratet. Was ihnen beiden wohl zugutekam. Öffentliche Auftritte mit ausgestrecktem rechten Arm oder den Regierenden der Zeit mied er wie der Teufel das Weihwasser. Anders als Rühmann. Doch auch er musste einsehen, dass aufrechte Haltung und Geldverdienen unter der Diktatur unmöglich war. Die Liaison wurde unter der Decke gehalten. Doch die Schergen Göbbels‘ spürten das Liebespaar immer wieder auf. Es gab nur einen Ausweg. Mit Geschick schickte Hansi (Berg), seiner Frau, Freundin, Geliebte sich selbst ins Exil. Hans (Albers) blieb zurück. Alkoholexzesse, aber auch rege Dreharbeiten halfen ihm über den Verlust hinweg. Nach dem Krieg trat Hansi ein zweites Mal in Hans‘ Leben. Der war inzwischen anderweitig gebunden. Ganz resolute Frau nahm Hansi einmal mehr das Heft in die Hand. … Auf dem Grabstein von Hansi Berg, steht neben ihren Geburts- und Sterbejahr der Name „Hansi Berg-Albers“.

Ende gut, alles gut? „Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein“ ist ein bewegender Portraitband aus immer noch nicht aufgearbeiteter Zeit. Kurt Weill und Lotte Lenya oder auch Meta Wolff und Joachim Gottschalk dienen neben den bereits erwähnten Paaren für die Perfidität des Naziregimes. Was tun, wenn der schwarze Tod nicht nur an der Tür klopft, sondern seine Krallen schon tief ins eigene Fleisch geschlagen hat? Ein Neuanfang ist schwer. Besonders, wenn man nicht weiß, ob man als Deutscher überhaupt willkommen ist, wenn man die Sprache des Exils nicht spricht, wenn der Lebensabend einem näher ist als dessen Anfang. Mit Gefühl und Faktenreichtum seziert Evelyn Steinthaler die Leben von vier paaren und ihren Leidensgenossen ohne dabei polemisch zu werden oder sich in Vermutungen zu ergehen.

Houston, wir haben ein Problem

Wissenschaft und Humor – eine schwierige Mischung. Denn schließlich geht es bei Erstem um Fakten. Und im Falle der Raumfahrt sollten diese so präzise wie möglich sein. Denn, wenn nicht … Big Bang Theory ist was anderes!

Wenn man an die Raumfahrt denkt, fallen einem Katastrophen ein wie die der Challenger im Jahr 1986. Oder Juri Gagarin, der erste Mensch um All. Oder der erste Deutsche, der Mutter Erde mal aus einem anderen Blickwinkel sehen durfte, Sigmund Jähn. Das ist auch schon wieder vierzig Jahre her. Aber Moment mal, der erste Mensch im All? War das wirklich Oberst Juri Gagarin? Kramt man ein wenig im Hinterstübchen kommt man schnell auf einen anderen Namen – Autorin Ulrike Schmitzer auch: Ikarus. Er bastelte sich aus Vogelfedern und Wachs Flügel. Leider kam er der Sonne zu nah, das Wachs schmolz und er stürzte jämmerlich hinab ins Meer. Alles nur Legende? Alles nur Legende! Aber eine, die zeigt, dass der Mensch schon immer nach Höherem strebte.

Und schon ist dieses Buch entlarvt! Kein stupides Abhandeln, wer, wann, was genau im All getan hat und die eine oder andere Sache als Erster getan hat. Nein, es ist ein unterhaltsamer Ausritt in die Galaxien auf der Rakete der Erkenntnis. Wie ein Komet fliegt sie mit ihrem Co-Autor Martin Thomas Pesl, einem Experten für außergewöhnliche Lexika, durchs All und sammelt dabei allerlei Wissenswertes auf. Unterwegs durch die Galaxis nehmen die beiden auch einige Anhalter mit: Von Commander Cliff Allister McLane über Laika bis hin zu Lisa Nowak. McLane kennen alle Raumpatrouille-Orion-Fans auch als Dietmer Schönherr. Und Laika war der erste Hund im Weltall, ein trauriges Schicksal, das sie erleiden musste, was aber in der Presse der Sowjetunion niemals erwähnt wurde. Laika war nur fünf Stunden im All, ihr Gefährt (oder nennt man das nun Geflug?) um einiges länger. Laikas Körper war derartigen Stress nicht gewöhnt und versagte nach kurzer Zeit den Dienst. Und Lisa Nowak ist hierzulande kaum noch ein Begriff. Es sei denn, man verfolgt die Regenbogenpresse mit noch schärferen Augen als das Hubble-Teleskop. Den Hochsommer 2006 verbrachte Lisa Nowak im Orbit. Ob es nun die Sommerfrische war oder der unglaubliche Anblick der Erde, kann man nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls verliebte sie sich in William Oeferlein, den Shuttle-Piloten. Auch Colleen Shipman fand Gefallen an dem Überflieger. Mrs. Nowak hatte drei Kinder, war verheiratet und rasend eifersüchtig als sie hinter den Mailverkehr der beiden kam. Orlando, wir haben ein Problem! Unter anderem bekleidet mit einer Windel der NASA konnte sie die eintausendfünfhundert Kilometer von Houston nach Orlando ohne auszusteigen (Weltraumspaziergang on earth?) bewältigen. Sie lauerte ihrer Kontrahentin auf und … der Rest ist Geschichte, um nicht zu sagen Weltraummüll.

Es ist das wohl amüsanteste Buch über die Weltraumfahrt dieses Jahres. Nicht so bierernst und schon gar nicht mit dem Anspruch jedes noch so kleine Detail einem wissbegierigen Publikum verständlich zu machen. Es sind die kleinen Paralleluniversen, die dem Leser so viel Vergnügen bereiten. Von ewigen Nummern Zwei, Dramen und weitgehend unbekannten Histörchen berichten zwei Autoren, denen es eine unbändige Freude macht die Wissenschaft auf hohem sprachlichen Niveau ein wenig aus der Spur zu bringen. Köstlich!

Bauhaus – Ein fotografische Weltreise

Wenn große Jubiläen anstehen, Jahrestage spricht man oft davon, dass diese ihre Schatten vorauswerfen. 2019 wird 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Weimar, Dessau, Berlin – überall wird man dieses nur auf den ersten Blick schlichten und funktionalen Stils gedenken. Doch von Schatten ist da nichts zu sehen. Vielmehr erhellen die Strahlen der Vergangenheit das Jetzt und Morgen. Und so präsentier sich auch dieses Buch. Schon das Titelbild lässt eine Bauhaus-Schöpfung (Casablanca) im strahlenden Sonnenlicht des Maghreb den Leser und Betrachter erahnen, was auf den folgenden 240 Seiten auf ihn zukommt.

Und das ist eine ganze Menge! Bauhaus wird allgemeinhin als originär deutscher Baustil angesehen. Außerhalb Deutschlands war dieser Stil aber mindestens genauso anerkannt und vor allem beliebt. Was daran lag, dass viele Protagonisten ab einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr arbeiten konnten, die meisten nicht mehr durften.

Diese fotografische Weltreise führt den Interessierten an Orte, die er vielleicht schon mal besucht hat. Und dann ist im Rausch der Gefühle und Eindrücke so mancher Bauhaus-Edelstein untergegangen. Von Indien über Libanon, von Afghanistan (leider schwer beschädigt) bis Burundi – Bauhaus ist überall. Und damit ist nicht die Baumarktkette gemeint, die sind in weniger Ländern vertreten. Kambodscha, Kuba, Indonesien, Guatemala – Fotograf Jean Molitor ist ganz schön rumgekommen, um diesem Bildband den Stempel Weltkunst aufzudrücken. Die erklärenden Texte von Kaija Voss ordnen jedes noch so kleine Detail, jedes Element, das Bauhaus so unverkennbar macht, wird beschrieben.

Wer also demnächst durch Rostock oder Phnom Penh, Hamburg oder Chavigny, durch Weißensee oder Bukavu spaziert, wird garantiert seine Augen offenhalten, um bloß nicht wieder Erinnerungen an die Heimat zu verpassen. Oder man beschreitet den umgekehrten Weg. Alang, Udaipur, Quetzaltenango besuchen, um das Bauhaus im besonderen Licht der Ferne auf sich wirken zu lassen.

Endlich mal eine Prachtband, der einem nicht das Blut in den Oberschenkeln abschnürt. Die Motivauswahl ist exzellent, die Stimmung der Szene wird so eingefangen wie sie wirklich ist. Bauhaus wird hundert – jeder, der jetzt anfängt ein weiteres Buch über dieses außergewöhnliche Jubiläum zu schreiben, muss mit dem Scheitern seines Projektes rechnen. Es geht kaum besser!

50 Maschinen, die unsere Welt veränderten

Man stelle sich eine Welt vor, in der man sich unterhält statt nur auf eine bunte Glasscheibe zu schauen. Eine Welt ohne Gebimmel und Gedudel. Eine Welt, in der man bloßer Handkraft den Staub des Tages von der Naturklamotte wäscht. Eine Welt ohne maschinellen Antrieb.

Die Welt ohne Gebimmel wäre paradiesisch. Aber mal ehrlich: Ein Haushalt ohne Glotze, ohne Waschmaschine, ohne Musik aus der Konserve – da muss man langenachdenken, was man dann den lieben langen Tag macht.

Es waren Männer wie Zénobe Gramme, Ludwig Dürr oder Frank Brownell, die unserer Phantasie den einen oder anderen Schubs gaben.

Zénobe Gramme entwickelte den ersten Gleichstrommotor. Edison bediente sich bei ihm und entdeckte seinerseits den Wechselstrom bzw. machte ihn nutz- und vor allem kostbar. Ludwig Dürr ist es zu verdanken, dass man mal von oben sich die Welt anschauen konnte. Er entwickelt den Zeppelin. Und Urlaubserinnerungen wären ohne Frank Brownell undenkbar. Seine Boxkamera ist die Mutter aller Selfies.

Eric Chaline rattert wie eine Dampflok durch die Labore der Welt. Physik und Chemie, Astronomie und Biologie brauchten und brauchen immer wieder Innovationen, um ihren Wissensdurst stillen zu können. Die Ergebnisse stehen mittlerweile oft in jedem Haushalt, siehe Waschmaschine oder eben die Kamera von Frank Brownell. Wenn man sich so durch die spannend geschriebenen Kapitel liest, stellt man sich immer wieder die Frage wie das eigene Leben aussehen würde, könnte man nicht auf die eine oder andere Errungenschaft zurückgreifen. Das beginnt bei so banalen Dingen wie Staubsaugen und hört beim Straßenbau noch lange nicht auf.

Was haben Sie gestern Abend gemacht? Ferngeschaut. Vielleicht eine Sendung mit Rückblicken? Bei einem guten Glas Wein? Und jetzt mal der Abend ohne technische Errungenschaft. Der Wein aus der hohlen Hand. Und die Glotze wäre vielleicht der Eimer, mit dem man am nächsten Tag Beeren sammelt. Und ein vergnügliches Lachen über die Zeit, in der die Großeltern lebten und mit welch simplen Gerätschaften sie ihren Alltag meisterten, wäre nicht zu hören.

Ein kurzweiliges Buch, das man sich immer wieder aus dem Regal holt, um den Gedankenblitzen der schlauen Köpfe zu danken. Und um das eine oder andere Vorurteil zu verdrängen. Denn der Zeppelin wurde nicht von einem Grafen erfunden…