Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Lesereise Australien

Würde Stefanie Bisping um die Welt reisen und ein Abenteuer nach dem anderen erleben ohne darüber zu berichten, könnte man einfach nur neidisch werden. Doch sie berichtet fleißig von ihren Reisen und erlaubt jedem Leser ihre Reisen – wenn auch „nur mit den Augen“ – nachzuerleben. Nicht zum ersten Mal ist sie am anderen Ende der Welt in Australien. Nicht nur wegen der schier endlosen Weite findet sie auch immer wieder Abenteuer, die man eben nur hier erleben kann.

Da kann es auch schon mal passieren, dass beim Dinner jemand aufspringt und laut schreit: „Vorsicht Schlange!“. Und was für eine! Eine King Brown Snake. Der Biss tut nur kurze Zeit weh, dann merkt man eh nichts mehr. Sie gehört zu den seltenen Arten, deren Biss ein vorhersehbares Ende hat. Auf dieses spezielle Abenteuer hat Stefanie Bisping dann doch verzichtet …

Auch beim Gleiten durch die Baumkronen sind die kriechenden Angstmacher immer ein Thema. Kann schon sein, dass auf der anderen Seite ein zusammengerolltes Exemplar auf die Adrenalisten wartet. Wird schon nicht so schlimm werden! Wer sich auf Australien einlässt, muss mit gefahren rechnen, die ihm oder ihr in einer mitteleuropäischen Stadt niemals begegnen können. Wohl auch deswegen ist Australien so beliebt bei Aussteigern und Langzeiturlaubern.

Das Great Barrier Reef ist das größte seiner Art weltweit. Aber auch eines der bedrohten Naturschauspiele unserer Erde. Nachhaltigkeit in allen Belangen wird hier ganz groß geschrieben. Wenn man vor einem halben Jahrhundert noch kichernd auf einer Schildkröte posierte, erntet man heute nur noch Kopfschütteln, und es erwartet einem bei weiteren Verstößen gesalzene Strafen. Da gönnt man sich doch lieber eine Nacht auf dem Ozean. Eine schwimmende Plattform sorgt für wohliges Schaukeln und Sonnenauf- wie untergang sind eine Sinnesweide, die man niemals vergessen wird.

Man muss Australien nicht besuchen, um sich vorzustellen wie abwechslungsreich das riesige Land auf der Südhalbkugel ist. Es reicht schon dieses Buch zu lesen. Mit einem Fingerschnipp ist man dort, wo Wallaby und Koala sich eine gute Nacht wünschen. Selbst der nicht gerade einladend aussehende Tasmanische Teufel verliert an Wirkung, wenn man von seinem tragischen Schicksal erfährt.

Stefanie Bispings „Lesereise Australien“ ist kein Jahrmarkt der Sensationen. Dieses Buch ist ein Kaleidoskop echter Abenteuer, die man tatsächlich noch erleben kann. Fernab von durchgestylten Straßenzügen, die nur dazu dienen, dass man sich bloß nicht als Fremder in der Fremde fühlt, zeigt sie ein Land, das faszinierend anders ist und sich alle Mühe gibt diesen Anspruch auch zu behalten. Wie auf einem sanften Strom gleitet man lesend dahin und darf sich an der Vielfalt dieses Andersseins erfreuen. Nicht umsonst wurde Stefanie Bisping wiederholt für ihre Reisereportagen ausgezeichnet.

Schlachthof und Ordnung

Ma-ra-ze-pam. Marazepam, auf dem Markt als Maram vertrieben, ist in einer sehr nahen Zukunft (fast noch Gegenwart), die nicht die unsere ist, ein Wundermittel. Kopf- und Gliederschmerzen kennt man nur noch aus Erzählungen. Angstzustände und Antriebslosigkeit? Pah, was is das denn! Einmal eingenommen, hilft es in jeder Lebenslage. Alle nehmen es. Alle wollen es. Manche schreiben Lobeshymnen auf das Präparat an die Hersteller, andere dichten.

Die Welt, also Deutschland, Frankreich und die USA, in denen „Schlachthof und Ordnung“ spielt, ist eine zufriedene Welt. Dass Marazepam in einem Schlachthof entwickelt wurde, spielt da fast schon keine Rolle mehr. Widerstand ist vorhanden. Selbst in den Reihen des Herstellers zuckt das Gewissen Vereinzelter sporadisch auf. Und die, die diese perfekte Welt bekämpfen sollen, wollen und auch können, sind selbst Konsumenten des Psychopharmakons. Da bedarf es einigen Wortwitzes, um dem Leser kein Schwindelgefühl einzuflößen. Kein Problem für Christoph Höhtker. Zu Risiken und Nebenwirkungen befragt man am besten den dieses Romans. Die, die – im biblischen Sinne – den ersten Stein werfen können, sind unwillens und so stark beeinflusst von der teuflischen Droge, dass man alle Schutzhelme getrost beiseite räumen darf. Tieffliegende Steine, derer, die den ersten Stein werfen, gibt es nicht mehr. Wie erzeugt man also Spannung in einem von Problemen bereinigten Umfeld?

Hier liegt der Hase im Pfeffer! Denn das Feld ist bei Weitem nicht bereinigt. Vielmehr stapft man durch von Flurschäden versifftes Gebiet. Perfektion ist niemals das, was sie vorzugeben gibt. An einem Gummiseil gesichert steig(er)t man (sich) in dieses Buch hinein. Oder hinauf? Maram könnte bei der Antwortfindung vielleicht helfen? Immer wieder schüttelt es einen durcheinander. So was kann es doch niemals geben! Doch tut es. Und das schon im Jahr 2022/2023. Die Zukunft ist greifbar in diesem Buch.

Eine Droge, die Erschöpfung vergessen lässt. Schlafstörungen mit der Unterstützung eines Glas Wassers hinwegspült. Eine kleine Pille, die leistungsbereit und leistungsstark macht – so viel Gutes muss auch eine Kehrseite haben. Und wie! Nationalismus und Xenophobie, Allmachtsphantasien sind ebenso verbreitet wie Irrsinn und Realitätsverlust.

Wem bisher erschiene intellektuelle Zukunftsvisionen in geschriebener Form die Hirnzellen in Wallung brachten, wird ab sofort auf ein höheres Level dieser Art der Befriedigung gehoben. Selten trafen Intellekt und Witz auf einmal auf so hohem Niveau zusammen. Fragen Sie nicht nach Risiken und Nebenwirkungen. Noch nie stand so früh fest: Das beste Buch der Saison hat einen weißen Einband mit roter Schrift und trägt den Namen „Schlachthof und Ordnung“. Das muss reichen!

Italien – Porträt eines fremden Landes

Das Schwierigste am Porträtieren ist wohl das Stillsitzen. Immer wieder muss man zur Sitzung erscheinen und darf sich nicht bewegen. Und wenn der zu Porträtierende auch noch Italien heißt, ist das wohl eine noch größere Herausforderung. Ständig in Bewegung. Denn so gut wie man meint Italien zu kennen, so groß die Überraschung, wenn man dieses Buch Seite für Seite in sich aufsaugt, um festzustellen, dass Italien zwar immer noch ganz nah und doch so fern ist.

Dieses Buch ist ein abwechslungsreicher Sommertag. Er beginnt mit Sonnenschein allenthalben. Das ist die Vorfreude auf das Buch. Es ziehen jedoch schon bald ein paar kleine Wölkchen auf. Man liest und ist stellenweise irritiert. Kündigen die Wolken Sturm oder gar Regen an? Nein. Sie gehören zu einem gelungenen Tag dazu. Denn Italien ist nicht nur das Land, in dem man Urlaub macht, wo die Zitronen blühen und Caffe, Aperitivo, Vino, Pasta und Pizza einzig allein die Kultur ausmachen. Am Abend hat sich die Sturmfront gelegt. Die letzte Seite ist gelesen, das Italienbild hat sich geändert. Ohne den Glanz des Landes erblassen zu lassen.

Thomas Steinfeld, ehemaliger Literaturchef bei der Frankfurter Allgemeinen und später Literaturressort- und Feuilletonleiter bei der Süddeutschen, reist vom Piemont über Ligurien durch die Toskana und Rom bis Neapel und Sizilien, um über Marken, die Emilia Romagna, die Poebene gen Norden, also Veneto und Mailand seine Reise abzuschließen.

Vieles, was er sieht, wird hinterfragt. Wie beispielsweise das farbenprächtige und vor allem lautstarke Spektakel des Palio in Siena. Die einzelnen Stadtteile, contrada genannt, schicken je einen Reiter samt Ross in einen rasanten Wettkampf. Der Mutigste, der Schnellste, der Ehrbarste wird wie ein Held gefeiert. Für Besucher die pure Verkörperung des Mittelalters und eine Verneigung vor „der guten alten Zeit“. Falsch! Das, was da Anfang Juli und Mitte August stets für überfüllte Gassen und Hotels sorgt, hat seinen Ursprung  vor langer Zeit. Doch die heutige Form des Reiterwettkampfes kann erst in ein paar Jahren auf ein Jahrhundert zurückblicken. In Italiens Landwirtschaft wird mittlerweile mehr Hindi und in der Industrie mehr Ibo gesprochen als italiano. Die Rettung Venedigs wird immer teurer. Neapel verweigert sich standhaft der weltweiten Gentrifizierung. All das ist Italien. Divers, strikt, und nicht einzufangen.

Man muss nicht enttäuscht sein, wenn Thomas Steinfeld mit Wissen, Wortwitz und Grandezza die Oberfläche des touristischen Italiens zerkratzt. Im Gegenteil: Man muss ihm dankbar sein, dass endlich einmal alles ins rechte Licht gerückt wird. Sicherlich sind Sehnsuchtsorte immer Orte, die verklärt werden. Doch dieser Schein verblasst schnell, wenn man sich einmal darin gesonnt hat. Schaut man jedoch unter die oberste Schicht, kommt Geschichte zu Vorschein. Und das ist es doch letztendlich, was man sucht! Dieses Buch liest sich so leicht wie man ein Gelato schleckt. Und das ist der Verdienst des Autors.

Der Zwang

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Maler Ferdinand ist vor dem Krieg in Europa in die Schweiz geflüchtet. Hier ist er frei. Zusammen mit seiner Frau. Hier ist er Mensch. Kann sich entfalten. Doch der Brief, den er erwartet, von dem er hofft, dass er niemals kommen wird, doch er wird kommen, und Ferdinand weiß das, schwebt wie ein Damokles Schwert über ihm und seinem Glück.

In Europa bersten die Kanonen unter der Wucht ihrer Geschosse. In den Schützengräben ätzen Gase den Soldaten die Gedärme aus dem Leib. Aus der Luft fallen erstmals im großen Stil Bomben auf die, die mit den Ränkespielen der Machthaber nichts am Hut haben. Sie sind die Verlierer des Krieges, der keine Gewinner kennen wird. Millionen sind schon geflohen.

Das Warten auf den ominösen Brief treibt Ferdinand in einen goldenen Käfig. Denn eigentlich ist er gesegnet. Eine Frau, die ihn liebt. Ein ruhiges Umfeld, denn in der Schweiz schweigen die Kanonen. Kein Schießpulver in der Nase lässt die Sorgen Europas und der Welt weit weg erscheinen. Ferdinand sehnt diesen Brief herbei. Den Brief, der ihn zum patriotischen Akt mit der Hand an der Waffe verpflichtet. Er will nicht kämpfen, sieht es jedoch als seine Pflicht an es zu tun. Ein innerer Zwang lässt ihn dieses Blatt Papier zu ihm fliegen.

Sogleich macht er sich auf dem Weg zum deutschen Konsulat. Doch oh weh, das Konsulat öffnet er in ein paar Stunden. Und schon setzen sich die Zahnräder des Denkwerkes in Bewegung. Ferdinand ist sich bewusst, dass er nicht kämpfen will, dass er den Zwang besiegen muss. In seinem Oberstübchen setzt er die möglichen Gesprächsfetzen schon zusammen. Alles passt. Dem Mitarbeiter des Konsulats wird nichts anderes übrigbleiben als ihm, dem Künstler den Weg in die alte Heimat – zur Tauglichkeitsüberprüfung – zu ersparen. Dann endlich. Die Tore zum Konsulat öffnen sich. Doch das Konsulat ist nichts mehr als eine Behörde für im Ausland lebende Deutsche. Man dient dem Vaterland, in dem man die aufgestellten Regeln einhält. Kein Blick nach links und rechts. Und Ferdinand? Perplex vom scheinbaren Entgegenkommen macht sich freiwillig (!) auf den Weg nach Deutschland. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die die Freiheitsliebe ihres Gatten vermisst und nur noch Feigheit in ihm sieht. Doch Deutschland hat sich verändert. Das Ende mit Schrecken wird in seinen Augen zum Schrecken ohne Ende…

Stefan Zweig ist dem Maler Ferdinand sehr ähnlich. Auch er floh vor dem Krieg. Ein bisschen Frans Maserell schwebt in der Figur des vom Zwang geleiteten Malers mit. Die Holzschnitte von Masereel wurden eigens für die Novelle des Freundes und Wegbegleiters Zweig angefertigt. Nun sind sie in dieser stilistisch einwandfreien Ausgabe wieder vereint. Scharfkantig wie ein Granatsplitter zeichnen sie die Zeilen des Autors nach, der einen Krieg später seinem Leben ein Ende setzen sollte. Einhundert Jahre ist es her, dass Stefan Zweig eine bislang kaum beachtete Komponente des Krieges zu eindrucksvoll beschrieb. Was bewirken Worte und selbst verordneter Gehorsam mit einem Menschen? Der Grat zwischen Pflicht und Zwang ist oft ein schmaler. Den eigenen Prinzipien zu folgen ist immer verbunden mit dem richtigen Weg. Der allerdings ist mit tonnenschweren Nebenwirkungen gepflastert.

Vulkan Berlin

Als die Mauer in Berlin fiel, tanzte alles, was Beine hatte auf den Straßen. Die Stadt schien mit einem Mal alles aus sich heraus zu lassen, was jahrelang in Lethargie versunken war. Ein paar Jahrzehnte zuvor muss es ganz ähnlich gewesen sein. Der Krieg war aus. Das gesamte politische Spektrum rangelte um die Vorherrschaft und Deutungshoheit, wenn es sein musste auch mit Waffengewalt. Berlin war damals schon eine Stadt, die man kannte. Doch sie hatte – sinnbildlich wie geographisch – Nebenbuhler. Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und ein paar mehr reihten sich um Berlin herum. 1912 wurde Adolf Wermuth Oberbürgermeister der Stadt Berlin, von Groß-Berlin. Ihm ist das heutige Gesicht Berlins zu verdanken. Seine Gebietsreform ermöglichte den Aufstieg Berlins zu einer Art Welthauptstadt. Nach London und New York lebten in dieser Stadt die meisten Menschen. Flächenmäßig war nur Los Angeles größer. Kurze Zeit später wurde Berlin tatsächlich Hauptstadt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Dass auch die Nationalversammlung an die Spree zog, war das Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Denn Weimar beanspruchte dieses Privileg. Eisenach, Würzburg, Frankfurt, Kassel zogen den Kürzeren. Das Los fiel auf Berlin.

Korruption und Verunglimpfung waren hier an der Tagesordnung. Politisch war Berlin der Mittelpunkt Deutschlands. Kulturell musste man noch nachziehen. Das tat man auch. Und wie!

Architektonisch mit der Hufeisensiedlung in Britz. Literarisch schuf Alfred Döblin mit „Berlin Alexanderplatz“ ein Denkmal, das bis heute nichts an Strahlkraft verloren hat. Berlin entwickelte sich zu einer Metropole, da durften die Medien in nichts nachstehen. Immer mehr Verlage kamen nach Berlin oder gründeten sich neu. Künstler jeder Couleur tummelten sich in den Cafes und schufen in ihren Ateliers Werke für die Ewigkeit.

Kai-Uwe Merz umgeht die Fallen und setzt nicht auf die Aufmerksamkeit erheischende Partyszene, die es ohne Zweifel gab. Doch die ist nur die schimmernde Spitze des brodelnden Vulkans Berlin der 20er Jahre. „Vulkan Berlin“ ist nicht mehr und nicht weniger als der gelungene Kulturführer durch eine Zeit und eine Stadt, der die Ursachen und deren Auswirkungen detailgenau unter die Lupe nimmt. Erst durch dieses Buch erfährt man warum Berlin so glanzvoll dastand und bis heute von diesem Ruhm zehren kann. Und wenn man das nächste Mal in Berlin ist, erscheint so manches in einem anderen – immer noch strahlenden – Licht.

The Street

42nd street, 5th avenue – davon ist man in der 116th street Upper Westside Manhattan so weit vom guten Leben entfernt wie die Erde von der Sonne. Besonders in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Besonders, wenn man sich seiner Hautfarbe bewusst und deren Bedeutung jeden Tag aufs Neue spüren muss.

Lutie Johnson sucht in dieser Straße ihr Glück. Nein, Illusionen hat sie schon lange keine mehr. Der Gatte untreu, die Arbeitgeber derart verblendet, dass sie meinen Lutie einen Gefallen zu tun, wenn sie ihre Kochkünste in den Himmel loben. Ein bisschen weniger Arbeit, und ein bisschen (oder besser) viel mehr Bezahlung, das wäre Anerkennung genug. Für sich und Bubb, ihren Sohn nimmt Lutie die Strapazen des Fortgehens auf sich und nimmt die Wohnung in der 116. Straße als neue Wohnung an. Bubb soll in Ruhe lernen können. Welchen Wert Bildung für Menschen wie sie hat, wird ihr nicht zuletzt klar, als sie zusehen muss wie der Hausmeister – auch nicht unbedingt eine Ausgeburt an Höflichkeit und Anmut – mühevoll ihr die Quittung für die Anzahlung der ersten Miete ausstellt.

Sie tut alles, dass Bubb so aufwachsen kann, um es einmal besser zu haben. Beseelt von dieser Vision, tritt ihr das Leben immer wieder ins Kreuz. Duldsam erträgt sie die Rückschläge. Die Straße, die 116., ist ein hartes Pflaster. Besonders für all diejenigen, die diesem Pflaster das Pflaster des Schmerzlinderns aufsetzen wollen. Lutie will Bubb vom Dreck, vom Rassenhass, von alle dem fernhalten, was ihn davon abhalten wird, ein guter Mensch zu werden. Die Schlaglöcher des Schicksals beschädigen hier nicht nur Karossen, ihre Schäden reichen tiefer.

„The Street“ ist vor über einem halben Jahrhundert erschienen. Ein Riesenerfolg, auch oder gerade wegen seiner schonungslosen Sprache. Viele hätten schon längst die Flinte ins dreckige Korn der Straße geworfen. Doch Lutie weiß aus eigener Erfahrung, dass es sich lohnt aufzustehen und sich diesen Dreck immer wieder abzuschütteln. Solidarität unter den Geschundenen zu suchen, ist so gut wie zwecklos. Jeder denkt nur so weit wie er schauen kann. Wenn es jemals Visionen gab, sind sie im Dunst der Straße für immer verloren gegangen. Lutie als leuchtende Fackel, die diesen Dunst durchdringt – dafür taugt sie nur bedingt. Sie ist auch nur ein Mensch, der ein gewisses Maß an Ausgrenzung verkraftet. Ja, sie ist stärker als so mancher Preisboxer aus dem Big Apple. Doch ihre Kraft ist nicht unendlich verfügbar.

Immer noch bzw. endlich wieder verfügbar ist die Strahlkraft dieses Romans von Ann Petry. Ihr Helden – so wie Lutie Johnson und ihr Sohn Bubb –stehen nicht am Rand der Gesellschaft. Sie stehen mittendrin, weil ihr Schicksal exemplarisch für diese Gesellschaft steht.

Japanbilder

Es ist noch gar nicht so lange her, dass das ferne Japan ein weiteres Mal in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Nicht zum ersten Mal: Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt schlichen sich auch stilistische Einflüsse in die Kunst. In den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts schwappte – unter anderem auch durch Alphavilles „Big in Japan“ – eine regelrechte Japanomania nach Europa, die bis heute anhält. 2020 wird diese Welle einen neuen Höhepunkt erreichen, wenn die Olympischen Sommerspiele in Tokio stattfinden werden. Je nach Qualitätsanspruch wird man dann wieder mit Kuriositäten aus dem Land des Lächelns bombardiert werden oder tatsächlich etwas Substantielles über das Land erfahren.

Den Anfang macht zweifellos dieses Buch. Der unscheinbare Titel „Japanbilder“ verspricht nicht mehr und nicht weniger als persönliche Eindrücke von Michaela Weber, die ans andere Ende der Welt reiste und eine Kultur vorfand, die es vielen schwer macht sie zu verstehen. Und so wird das Lesen dieses Buches zu einer Reise vom Sofa aus in ein Land, das für die meisten ein ewiger Traum bleiben wird.

Besonders auffällig ist das ineinandergreifende Zusammenspiel von kurzen knackigen Einleitungstexten und den imposanten Abbildungen. Michaela Weber vermischt geschickt persönliche Erfahrung und Faktenwissen, die im Anschluss durch unzählige – mal größere, mal kleinere – Bilder untermalt werden.

Mit wachen Augen reist Michaela Weber durch Japan und schon bald wundert sie sich über fast gar nichts mehr. Ein Polizeimuseum in Tokio weist nicht martialisch mit Waffe oder einer staatlichen Symbolik auf sich hin, sondern mit einer niedlichen Comicfigur. Bahnhöfe und Züge sind so sauber, dass es ihr nicht nur auffällt, sondern besonders berichtenswert erscheint. Auch die Schaffner sind von außerordentlicher Freundlichkeit. Und mit den deutschen Fahrkartenkontrolleuren haben sie so gar nichts zu tun.

Michaela Weber reist durch Tokio, Osaka, Hiroshima, Kioto und die eher unbekannteren Städte Inuyama und Nara. Oft unterliegt man dem Vorurteil, dass innerhalb eines fernen Landes alles gleich sei. Dem ist natürlich nicht so. In Deutschland würde ja auch niemand auf die Idee kommen Ostfriesen und Allgäuer in einen Topf zu werfen! Mit dem Finger am Auslöser der Kamera gelingen Michaela Weber einfühlsame Schnappschüsse, die das Bild Japans im Jahr der Olympischen Spiele nachhaltig prägen werden. Alltagsszenen wie spielende Kinder, aber auch für unsere Augen fast schon verspielte Hinweisschilder stehen eng neben Preistafeln für (käufliche!) Gebete und Wünsche für ein besseres Leben. Diese Japanbilder wird man so schnell nicht vergessen, weil man sie wie ein privates Fotoalbum immer wieder ansehen will.

Die Sekte der Engel

Palizzolo, Sizilien, 1901. Siebentausend Einwohner werden von einer Handvoll Barone und Grundbesitzer regiert. Und einem Mafioso, dessen Namen aber keiner aussprechen will. Ach, was soll’s, is ja nur Fiktion: Sein Name ist zù Carmineddru. Man lebt so vor sich hin, regelt in erlauchtem Kreis, was zu regeln ist. Nur Matteo Teresi, der Anwalt, passt nicht so recht ins Stadtbild. Seine aufwieglerischen Schriften in seiner von ihm verlegten Zeitschrift stören das Gleichgewicht in den Gemeinden. Allen Pfarrern, allen ehrenwerten Leuten ist er ein Dorn im Auge. Dem kleinen Mann hingegen ist er ein Segen. Ein Segen, den sie von höherer Stelle niemals zu erhoffen wagten, gingen sie auch alle noch so fromm und regelmäßig in die Kirche.

Nun begab es sich zu dieser Zeit – ach ja, so ganz erfunden ist die Geschichte gar nicht, Andrea Camilleri bedient sich ein weiteres Mal in der Geschichte seiner sizilianischen Heimat – dass ein wenig Aufruhr Palizzolo ergriff. Die Cholera verbreitet sich schlagartig. Viele verlassen ihre eigenen vier Wände. Bis sich herausstellt, dass eigentlich gar nichts passiert ist, um eine derartige Stadtflucht auszulösen. Aus Respekt und aus Berufsethik hat der Doktor, der plötzlich mehrere gleichlautende Diagnosen stellen musste, den Mund gehalten über die wahren Gründe seiner Hausbesuche. Auch gegenüber den Familien, die wiederum aus Unwissenheit das Gerücht eines Choleraausbruchs in die kleine Welt Palizzolos setzten. Der wahre Grund ist eigentlich ein erfreulicher. Gleich mehrere junge Damen sind schwanger. Und das seit zwei Monaten. Alle zur gleichen Zeit schwanger geworden. Alle jungen Damen schweigen sich über die Vaterschaft aus. Da stimmt was nicht! Doch was?

Montagnet, eine Ermittler aus dem Norden, einer nicht minder verlassenen Gegend wie Palizzolo, trifft auf eine Horde Verdächtiger und schweigsamer Wissender. Auf Mörder und Ermordete. Auf Vergewaltiger und Vergewaltigte. Alle schweigen und versuchen nur die Ordnung im Ort wieder herzustellen. Und dann noch der Aufwiegler Teresi, der seine politischen Ambitionen verfolgt und dabei in ein Wespennest sticht, das weder der Leser noch der Ermittler sich vorzustellen wagen. Denn die wahren Schuldigen dienen …

Andrea Camilleri lässt kein gutes Haar an den Beteiligten. Sie handeln alle unter einem anderen Vorwand. Eigene Interessen weisen alle weit von sich. Doch tief im Inneren – allerdings nicht tief genug, dass man es nicht doch noch erkennen kann – tut sich ein Höllenschlund auf. Bei aller Abscheu schafft es Camilleri dennoch, dass dem Leser nicht schlecht wird. Das liegt zum Einen an der exakten Faktenlage, zum Anderen an der ihm eigenen Art zu schreiben.

Graveyard love

Mit fünfunddreißig noch bei Mutti wohnen – Kurt hat es echt nicht leicht. Vor den Toren New Yorks muss der erfolglose Schriftsteller die Peitschenhiebe seiner ihn antreibenden Mutter ertragen. Er soll ihre ach so tolle Biografie schreiben. Jeden Tag. Und jeden Tag hat sie an seinem Stil etwas auszusetzen.

Ein bisschen – anfangs – Abwechslung in seinen tristen Alltag bringt eine geheimnisvolle Rothaarige. Mehrmals die Woche besucht sie den Friedhof, der gegenüber von Kurts goldenem Käfig liegt. Kurts Lebensgeister kehren zurück. Er will ganz genau wissen, was die elegante Fremde dazu treibt so oft diesen bedächtigen Ort zu besuchen. Die Leidenschaft erlischt als sie sich wochenlang nicht mehr blicken lässt. Doch anstatt sich in die Arbeit zu stürzen – sein Mutter meckert immer noch über seinen lausigen Schreibstil – verfängt er sich in den Stricken der Sehnsucht. Bis … ja, bis die geheimnisvolle Fremde wieder auf den Friedhof und damit in sein Leben tritt.

Die Obsession erwacht aufs Neue und wird stärker je öfter Kurt die Frau sieht. Er kauft sich ein Fernrohr, um sie beobachten zu können. Folgt ihr. Bis sie in seien Stammkneipe geht. Er hat sie dort noch nie gesehen. Doch der Wirt kennt sie. Catherine. Endlich ein Name! Wie eine Offenbarung. Doch da ist noch Ralph. Auch er folgt Catherine. Immer wieder, wenn sie in die Gruft von June steigt. Und zuhause wartet Mutter und nörgelt an den ihr zu schwachen Sätzen ihrer Biographie, die Kurt schreiben muss.

Im Laufe des Buches kommt es für den Leser knüppelhart. Nicht einmal eine kurze Pause gönnt einem Autor Scott Adlerberg. Die Mutter verwandelt sich langsam von einer herrischen Matrone in eine fast schon liebevolle Amme. Und Catherine tritt in Kurts leben wie ein helles Licht zur Weihnachtszeit. Und Ralph tritt aus selbigem zurück. Du mittendrin: Kurt. Zuerst ein Stalker wird er nach und nach zum Spielball seiner selbst und von …

Was als harmlose Schwärmerei für eine Frau beginnt wandelt sich Seite für Seite in eine Horrorgeschichte. Nicht allein, dass Kurt selbst ein Horrorfilmfan ist, er merkt gar nicht wie sehr er in einen Strudel hineingezogen wird aus dem er sich nur schwer – und schon gar nicht allein befreien kann. Das vermeintliche Opfer zeigt immer öfter ihren scharfen Krallen. Die Selbstverständlichkeit wie Kurt der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verblüfft und kennt kein Erbarmen. „Graveyard love“ ist Scott Adlerbergs dritter Roman, jedoch der Erste, der auf Deutsch erscheint. Mehr davon!

Der dritte Mann – Die Neuentdeckung eines Filmklassikers

Ein Weihnachtsfilm ist er gewisse nicht, „Der dritte Mann“ von Carol Reed mit Orson Welles in der Hauptrolle. Ein Massenphänomen auch nicht. Und trotzdem geraten seit siebzig Jahren die Herzen aller Filmfans in Wallung, wenn die Rede von diesem Meisterwerk ist. Expressionistische Kameraeinstellungen, eine düstere Geschichte noir und die außerordentlich charakterstarken Darsteller tragen seitdem zum Ruhm dieses immer wieder zum besten Film aller Zeiten gewählten Kunstwerk bei.

Da kommt das Buch von Bert Rebhandl gerade richtig. Wem die Story schon ein wenig im Nebel des Vergessens untergangen ist, bekommt zur Einstimmung erst einmal eine knappe, aber umfassende Nacherzählung als Gedächtnisauffrischung kredenzt. Ist der Film, das Buch wieder auf der geistigen Leinwand präsent, treten die kleinen verdeckten Dinge des Films auf die Leinwand.

Wien ein paar Jahre nach dem verheerenden Krieg: Die Stadt liegt in Trümmern, die Siegermächte haben Österreich (was in der Form nicht mehr oder noch gar nicht gab) sowie Wien unter sich aufgeteilt. Der innere Ring wird von allen vier Mächten gemeinsam unter Kontrolle gehalten. So war es in Wirklichkeit, so ist es im Buch / Film. Graham Greene und Carol Reed haben das Buch zusammen erarbeitet. Es war also kein Film, der auf einem bereits existierenden Buch basierte. Das Drehbuch wurde eigens für den Film geschrieben. Beide – Film und Buch – sind mittlerweile Klassiker. Der Film läuft seit Jahren in einem Wiener Kino in der Originalfassung – man achte auf den ersten Auftritt Paul Hörbigers, der des Englischen nicht mächtig war und vor laufender Kamera Himmel und Hölle verwechselt.

Obwohl der Hauptdarsteller Orson Welles im Film kaum zu sehen ist und erst nach gut der Hälfte des Films zum ersten Mal auftritt (da hat Steven Spielberg besonders gut aufgepasst, denn sein Hai taucht im gleichnamigen Film erst gegen Ende kurz auf), wird „Der dritte Mann“ auf immer und ewig mit dem massigen Schauspieler verbunden sein. Bemerkenswert: Ein weiterer „Bester Film aller Zeiten“ – „Citizen Kane“ darf sich ebenfalls eines Orson Welles rühmen.

In den Dutzend Kapiteln durchleuchtet der Bert Rebhandl so ziemlich jede Querverbindung von Charaktern und Darstellern, ihre Verquickungen mit der Zeit und den Verbindungen ihrer Rollen zur Gegenwart. Qohlwollend nimmt man dann doch zur Kenntnis, dass die kleinen Schweinereien doch lieber der Regenbogenpresse überlassen werden als dieses Buch „aufzuhübschen“. Als Konsequenz des Buches muss man sich eingestehen, dass auch nach mehrmaligem Schauen des Films immer noch Fragen offen blieben, die nun in diesem Buch beantwortet werden. Selbst die Fragen, die man niemals zu stellen wagte.