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Tot in München

Tot in München

Gute Freunde kann niemand trennen – Niemals geht man so ganz – I am stretched on Your grave. Mehr oder weniger schöne Lieder, alle zu einem Thema: Dem Tod. Der Gevatter begleitet uns ein Leben lang. Und wenn es dann so weit ist, liegen wir neben uns völlig Unbekannten, in Reih und Glied auf mehr oder weniger hübsch gestalteten Grünanalgen. Der Kreis des Lebens.

In München findet dieser Kreis insgesamt 29 einen Ausgang. So viele Friedhöfe gibt es in der bayrischen Landeshauptstadt. War München Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine kleine Ansiedlung mit 40.000 Einwohnern, so verzwölffachte sich deren Zahl innerhalb eines Jahrhunderts. Und so benötigte man dementsprechend auch eine größere Anzahl an letzten Ruhestätten. Denn wer sich einmal hier eingenistet hat, geht nicht mehr fort. Wenn man den bayerischen Ministerpräsidenten der vergangenen Jahrzehnte glauben darf, gibt dafür „ja auch goar koin Anlass ned.“

Eine Stadt ohne einen Friedhof gibt es nicht. Manchen Städten würde dann zum Beispiel auch eine Touristenattraktion fehlen. Was wäre Paris ohne den Pere Lachaise? Oder Wien ohne den Zentralfriedhof? München kann zwar nicht mit prall gefüllten Liegestätten weltbekannter Prominenter punkten, wohl aber mit einer Vielzahl fein gestalteter finaler Unterkünfte. Michael Kubitza hat sich der Friedhofgeschichten Münchens angenommen. Mit in Archiven erlangtem Detailwissen und launiger Schreibweise führt er den Leser ins Reich der Toten. Hier stehen aber auch die Macher, Anstoßgeber und Gestalter im Blickfeld des Autors. Jeder noch so kleine Stein wird umgedreht und dem Licht der Erkenntnis zugefügt.

Spaziergänge über Friedhöfe sind entspannend. Die letzte Bastion bürgerlichen Anstands. Kein Geschrei. Kein Industrielärm. Kein Handygebimmel (naja meistens jedenfalls, aber vielleicht gehört Handy ausschalten nicht zum „guten Ton“). Man flaniert, man schreitet bedächtig, liest hier und da eine Inschrift, macht sich Gedanken. Der Tod schreitet mit, an jedem Tag unseres Lebens kommen wir ihm ein Stück näher. Vielen bereitet er Kopfschmerzen, das sie am liebsten gleich … Doch so unumstößlich er kommen, so endgültig er auch sein mag – schlussendlich wohnen wir alle zusammen in einer großen Kommune, six feet under. Die Zurückgebliebenen erfreuen sich auch an der liebevollen Zuwendung des Themas in diesem Buch.

The Girl’s Book – Das außergewöhnliche Handbuch für neugierige Mädchen

The Girl's book

Jede Generation hat seine Statussymbole. Wer in den 80er Jahren ohne Filofax unterwegs war, wurde nur selten als cool bezeichnet. Heute sind es Smartphones und Tablets, die vermeintlich den Status begründen. Jungens in abgefahrenen Sneakers, Mädchen in auffälligen Klamotten. Fernab jedweden Rollenverständnisses hat das Girl’s Book das Zeug zum Statussymbol für Mädchen zu werden.

Oberflächlich betrachtet ein echtes Mädchending, das nur für Mädchen ist. Süßes aus Honig, Schmuck selbst herstellen und im Anhang fünfzig Sticker, um dieses Girl’s Book individuell zu verschönern. Mädchen sind romantisch, das sollen sie auch sein. Aber auch selbstbewusst. Die Liedermacherin Anne Haigis hat es in einem ihrer Lieder auf den Punkt gebracht: „Ja die Jungens müssen wissen, dass sie vor den süßen Küssen erst mal alles büßen müssen.“ Mädchen, die das verinnerlicht haben, werden an diesem Buch ihre helle Freude haben. Und wer über Karottenpommes mit Honig zu müde lächeln kann, wird vom Ergebnis überzeugt werden. Und die Tipps für eine geschmeidige Haut sind nicht für die Jungens gedacht, sondern einzig allein für die Mädels. Dass das auch Jungens gefällt, ist nicht mehr als ein willkommenes Zubrot.

Mit diesem Buch kann man sich stundenlang beschäftigen. Einzigartige Klamotten selber gestalten (auch wenn es heute keine Foto gibt), zu wissen, wann welches Gemüse erntereif ist, sich die Natur zu Nutzen machen – alles Sachen, die Mädchen wissen müssen, um sich entwickeln zu können. Auch Jungens wissen so was nicht immer. Wissensvorsprung garantiert.

Das Girl’s Book ist mehr als nur ein außergewöhnliches Handbuch für neugierige Mädchen. Es ist das ideale Geschenk, auch wenn es keinen Anlass gibt. Einfach mal zwischendurch sich selbst was gönnen oder dem Mädchen seiner Träume eine Freude machen. Ewig Dankbarkeit inklusive.

Macarons, Cupcakes und Cakepops

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„Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nun kopieren müssen?“, tönte einst Walter Ulbricht gegen die Jugend seines Volkes, die nach Rock `n Roll dürstete. Müssen wir  denn nun auch die Überschwemmung mit Cupcakes fürchten oder gar annehmen? Ja. Und warum? Weil Mia Öhrn es schafft den Zuckerbomben die Schwere zu nehmen und die Leckerheit zurückzugeben. Genuss ohne Reue sozusagen.

Mit viel Liebe zum Detail – sie gibt leicht verständliche Tipps, die das Backen gelingen lassen – verführt sie ab der ersten Seite.

Und die (die erste Seite) beginnt mit Macarons. Einen Gebäck, das noch auf dem Sprung ins Backbewusstsein ist. Kleine leckere Knusperkeksvariationen mit unterschiedlichen Füllungen. Mit Baiser. Schon beim Lesen knurrt der Magen und man muss aufpassen, dass einem das Buch nicht aus der schwitzigen Hand flutscht. Schon allein wie Mia Öhrn die Zubereitung der beiden Kekshälften beschreibt, lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Und dann die Füllungen: Maracuja, Limette-Minz, Schwarze Johannisbeere. Ein Gedicht. Am liebsten verwendet Mai Öhrn Schokoladen-Ganache. Ganache? Nie gehört? Dann wird es Zeit für dieses Buch. Auch hier merkt man wieder, dass der Autorin sehr am Gelingen der Backkreationen gelegen ist. Fast schon detailversessen gibt verweist sie auf ihre Erfahrungen bei der Herstellung. Auch bei ihr klappte nicht immer alles sofort.

Und während man so durch das Buch blättert und sich schon im Backwunderland wähnt, streckt einem doch glatt weg ein Schokoladen-Macarons mit Salztoffee frech die Zunge raus. Na warte! Du wirst gleich kopiert und dann verschlungen … Die Rache des Bäckers.

Cupcakes und Cakepops basieren auf den gleichen Grundlagen. Ein fluffiger Teig mit leckerem Topping (was oben drauf) oder darin gewälzt. Cakepops sind der letzte Schrei. Selbst in der Glotze. Jede noch so banale Sendung mit Bäckerei im Szenenbild bietet neuerdings Cakepops an. Doch bei Weitem nicht so leckere wie Mia Öhrn. Und sie bringt es auch auf den Punkt, wenn sie sagt, dass Cakepops nicht anderes sind als ausgedrückter Kuchenteig auf Lutscherstielen. Okay, es gehört noch ein wenig mehr dazu, um aus Kuchenteig und einem Stück Holz so was Leckeres zu fabrizieren. Was genau? Das erfahren Sie ab Seite 62 in „Macarons, Cupcakes, Cakepops“.

Vom Hinterhof in den Himmel

Vom Hinterhof in den Himmel. 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien

Eine Stadt wie Wien, die besucht man nicht einmal so im Vorübergehen. Dafür ist die Fülle an Attraktionen einfach zu groß. Was aber, wenn man nur ein paar Tage Zeit hat die Donaumetropole zu erkunden? Dann braucht man schon einen erfahrenen Experten, um Wien zu erfahren.

Christina Rademacher ist so eine Expertin. Sie zeigt in ihrem Buch Wege durch Wien, zu berühmten Persönlichkeiten und weist auf die oft versteckten Höhepunkte der Stadt hin. Und das alles zu Fuß. Kein langes Warten auf Tram und Bus. Kein Taxigeld-Kalkulieren. Alles ganz entspannt und frei einteilbar.

Wer Wien schon kennt, oder meint es zu kennen, wird überrascht sein, wie viel man noch nicht gesehen hat und vor allem wie viel es noch zu entdecken gibt. Alle Spaziergänge sind so konzipiert, dass man durchaus einen kompletten Tag für einen Spaziergang einplanen kann. Für ganz Neugierige, die aber wirklich gut zu Fuß sein müssen, ist der letzte der 15 vorgestellten Spaziergänge eine echte Herausforderung: Sage und schreibe 20 Kilometer durch alle Bezirke Wiens. Aber auch ein genüsslicher Abschluss, mit Schnitzel.

Christina Rademacher ist immer dabei, wenn man durch die Häuserschluchten der Stadt streift. Hektik kommt hier niemals auf. Gelassen berichtet sie von den kleinen Histörchen am Rande des Spaziergangs. Fast kommt man sich wie der tick-belastete Privatdetektiv Monk aus der gleichnamigen TV-Serie vor: Er muss alles anfassen, der Spaziergänger muss alles sehen. Ruheoasen laden zur Rast ein. Selbst Restauranttipps gibt die Autorin. Die sind aber kein Muss, nur liebevolle Stubser, um bei allem Reiz der Stadt nicht den knurrenden Magen zu übersehen.

Jeder Trip steht unter einem bestimmten Motto – so kann sich jeder nach seinem Gusto sein Wien erlaufen. Ob „Kommunisten im Villenviertel“ (Untertitel: Von Brigittenau über Japan nach Persien) oder „Siedler im Westen“ (Hermeswiese, Friedensstadt und Werkbundsiedlung), alle Spaziergänge ergreifen den Besucher ab dem Zeitpunkt, an dem man die Füße vor die Tür setzt. Am Ende eines jeden Kapitels wird noch einmal zusammengefasst, da kann man noch einmal kontrollieren, ob man nicht doch was übersehen hat. Denn wer schaut bei einer so prunkvollen Stadt wie Wien permanent ins Buch. Für Wien braucht man Zeit, das beweist Christina Rademacher mit jeder einzelnen Zeile. Alle Spaziergänge bei einem Besuch „abzuarbeiten“ – bitte schön. Aber da Wien immer eine Reise wert ist, kann man sich Zeit lassen. Das unbekannte Wien zu erschließen, dauert. Um genau zu sein dauert es zweihundert Seiten. Sofern es nicht einen zweiten Band geben wird …

Grado – Der nahe Süden zu jeder Jahreszeit

Grado

Idyllisch am adriatischen Meer gelegen, in direkter Nachbarschaft von Aquileia, und nur ein Katzensprung vom hoffnungslos überfüllten Venedig entfernt, da liegt Grado. Nicht einmal 9.000 Menschen dürfen sich Gradeser nennen. Im Sommer ist es voll, voller entspannungssüchtiger, aber auch Abwechslung suchender Menschen. Und Abwechslung gibt es hier wahrlich genug.

Seit über anderthalb Jahrtausenden gibt es die Siedlung in der nördlichen Adria. So mancher Imperator verging sich an der Stadt und hinterließ sein Erbe. Römer, Hunnen, Venezianer – die Liste ließe sich unbestimmt fortsetzen. Für Besucher ein wahrer Forscher-El-Dorado.

Evelyn Rupperti beginnt ihre Liebeserklärung an das einstige Fischerdorf weit in der Geschichte. Damals lag Grado noch zwei Meter höher. Warum? Lesen Sie selbst!

Morgens an den Strand und mittags die Kühle der heiligen Gemäuer suchen. Kirchen gibt es hier zwar nicht wie Sand am Meer, jedoch in doppelter Ausführung. Klingt komisch? Hinfahren! Und diesen Reiseband nicht vergessen! Denn Evelyn Rupperti hat das geschafft, was vorher noch keinem gelungen ist. Ein Reiseband für eine Stadt, die man sonst nur im Vorbeigehen kurz gestreift hätte.

Seit Jahren wirbt die Stadt Grado auf Tourismusmessen mit einbem Füllhorn an Werbemitteln um die Gunst der Besucher. Die verschlägt es jedoch lieber in die schmutzige Lagunenstadt. Und hier so kurz vorm ehemaligen Eisernen Vorhang (der hier gar nicht so eisern war wie andernorts), ist doch eh nichts los. Gedankenspiele, die verbannt gehören. Das beschauliche Fischerdorf hat sich zu einem kulinarischen Geheimtipp gemausert. Wer die Vielfalt liebt, wähnt sich im lukullischen Paradies. Abwechslung ist hier keine hohle Phrase, es ist Standard.

Geschichtliches wie Neues gepaart mit Tipps für Gaumen und Augen, dazu spannungsvolle Bilder: Das ist Grado mit dem untrennbar mit der Stadt verbundenen Reiseband.

Auch wenn Friaul und Grado nicht unbedingt an erster Stelle bei möglichen Italienurlauben stehen, so lohnt sich darüber nachzudenken. Dieses Buch ist mehr als nur eine Entscheidungshilfe für Grado und Friaul. Es ist der Einstieg in einen unvergesslichen Urlaub.

Weinführer Friaul

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„Angeklagter erheben Sie sich. Bitte nennen Sie Ihren vollständigen Namen!“ „Verächter, Vorname: Wein“. „Nun, Herr Weinverächter, Ihnen wird vorgeworfen dem wohl geistreichsten Getränk des Friaul im Nordosten Italiens anhaltend und stoisch den Rücken gekehrt zu haben. Sie können sich nun dazu äußern.“

„Woher hätte ich denn wissen sollen, dass es im Friaul so hervorragende Weine und Weingüter gibt, die von Herzblut beseelten Winzern betrieben werden? Alle meine hier vorgeworfenen Verfehlungen geschahen vor dem Februar 2014. Erst seit diesem Zeitpunkt ist einem breiten Publikum doch erst bekannt, dass es einen derartigen Weinführer gibt. Bis dahin kannte ich beispielsweise Roberto Snidracig aus Vencò Sant’Elena gar nicht. Und schon gar nicht seinen Rosemblanc DOC Collio. Woher sollte ich also wissen, wo im Friaul die besten Weine angebaut werden, wo ich – gleich wie prall gefüllt mein Geldbeutel ist – einkehren, mich am Rebsaft laben und dazu noch eine nährende Mahlzeit zu mir nehmen kann? Herr Richter, ich bin unschuldig. Und ich gelobe von nun Besserung. Denn nun habe ich das richtige Werkzeug in der Hand.“

Im Laufe der Verhandlung kommen die einzelnen DOC-Weinanbaugebiete des Friaul zu Worte: Colli Orientali del Friuli, Collio, Isonzo, Friuli Carso, Aquileia, Annia, Latisana und Grave. Jedes präsentiert sich im besten Lichte und lässt Richter, Anklage, Verteidigung und Publikum das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die ersten Zuschauer verlassen hastig den Gerichtssaal, um ihre sieben Sachen zu packen. Sie leiden an akutem Reisefiber, gepaart mit dem unstillbaren Durst nach Malvasia-Spumante, dem Ristorante Enoteca Bidin und nach gepflegter Weinkultur zwischen Alpenausläufern und dem Mittelmeer.

Doch der „Weinführer Friaul“ ist mehr als nur ein Wegweiser. Er ist vor allem ein Ratgeber, der Fachbegriffe dem Laien näherbringt, der Augen und Gaumen schärft für die feinen Unterschiede, um die guten von den sehr guten Weinen unterscheiden zu können. Und er ist ein Rebsorten-Lexikon. Kurzum: Das Buch, das man braucht, wenn man das Friaul geistreich und mit wehender Zunge erfahren will. In diesem Sinne: Freispruch für alle, die bis jetzt noch nicht ihren Weinkeller mit Souvenirs aus dem Friaul geschmückt haben. Aber. Von nun an gibt es keine Ausreden mehr.

Lesereise Andalusien

Lesereise Andalusien

Unter andalusischer Sonne träumen. Bloß nicht aufwecken. Endloser Horizont. Nicht aufwecken. Kulturelles Erbe wohin man sieht und tritt. Psst, still. Der Leser träumt vom Urlaub in Südspanien. Da darf ihn eigentlich nur eine aus den Träumen reißen: Ulrike Fokken. Denn sie weckt nicht nur den Leser auf, sie beschwört Sehnsüchte herauf.

Wer Andalusien bisher nur als Grund und Boden für die Alhambra und Lieferanten für süffige Getränke im Sinn hatte, wird in diesem Buch auf eine stimmungsvolle Entdeckungsreise geschickt.

Dass die Alhambra als Zugpferd der Region eingespannt wird, verwundert wenig. Dass dies aber erst seit ein paar Jahrzehnten geschieht schon. Die zentrale Faschistenregierung Franco ließ die jahrhundertealte Maurenresidenz fast vollkommen zerfallen. In einer der ärmsten Regionen Spaniens ruhte bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein unermesslicher Schatz, der seit 30 Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Wie ein strahlender See mit Rosen treibt die Autorin durch die flirrende Landschaft zwischen Mittelmeer und Neukastilien. Sie findet die Menschen, die exemplarisch für Andalusien stehen. In einem Dorf östlich von Sevilla herrscht Anarchie. Naja, zumindest Kommunismus. Alle Einwohner des Dorfes beschließen gemeinsam, was gebraucht wird. Alle zusammen bauen Häuser, die anschließend verlost werden. So macht Kommunismus Spaß, nannte Bettina Röhl ihre Biografie Ulrike Meinhofs. Und hier in der südlichsten Ecke Europas funktioniert der Traum. Zumindest in Teilen. Und das schon seit fast 40 Jahren … länger als in so manchen Experimentalstaat.

Eine Reise mit den Augen und den kleinen grauen Zellen – das ist „Andalusien. Erdbeeren, Sherry und das ewige Morgen“. Wer sich die Reise ans südliche Ende Europas nicht gönnt, verpasst eine Menge, erlebt mit diesem Buch jedoch Vieles, was die meisten Pauschaltouristen niemals erleben werden: Andalusien aus erster Hand. Wer dem Sherry auf den – geistigen – Grund gehen will, besucht die Schlösser von Veterano Osborne, sofern es sie denn gibt. Ulrike Fokken besucht den Schlosser. Der war verantwortlich für die riesigen Werbetafeln, die hundertfach in ganz Spanien verteilt auf das Nationalgetränk aufmerksam machten.

Der Menschenschlag ist ein ganz besonderer wie Ulrike Fokken bemerkt: So schlimm die Zeiten auch sind, ein Andalusier zieht sich wahrhaftig immer am eigenen Schopf aus dem Schlamassel. Es sei denn es ist Siesta. Dann ruht die „autorecreadio“, wie dieses Phänomen sich nennt. Diese Ruhe wird den Leser erst erhaschen, wenn er seiner Sehnsucht nachgibt und Andalusien wahrhaftig bereist. Bis dahin ist dieses Buch ein erstklassiger Ersatz.

Da draußen im Wald

Da draußen im Wald

Still liegt das Waldviertel, eingebettet zwischen den Höhen der Berge. Hier liegt auch das Nonnenloch. Gefährlich ist es hier. Ein falsche Schritt, und man liegt mehrere Meter tiefer, die Haut aufgeschürft im Tal. Und genau dort liegt auch der Oberförster, der Sepp. Doch er ist nicht unachtsam gestürzt und hat sich dabei das Genick gebrochen. Er wurde erschossen! Über den Boden geschleift. Und dann die Felsspalte hinuntergeworfen.

Seine Frau hingegen wartet ungeduldig zuhause auf seine Rückkehr. Schon komisch, dass er ausgerechnet am Sonntag eine Holzverladung überwachen will. Aber naja. Das Wochenende war so harmonisch. Nach langer Zeit mal wieder.

Damals als Susanne den Sepp kennenlernte, war sie vom Fleck weg in ihn verknallt. Im Dorf wurde sie schon schief angesehen, weil sie mit fast dreißig Jahren noch immer keinen (Mann) abbekommen hat. Doch auch die anderen Damen des Dorfes schielten nach dem Prachtburschen. So wurden Sepp und Susi zwar ein paar, doch die Missgunst und die Tuscheleien blieben. Die Jahre vergingen, genauso wie die Leidenschaft. Man hatte sich arrangiert. Von den 18 Jahren Ehe, waren nur die ersten fünf gut. Der Rest war Routine.

Und nun kommt Sepp nicht nach Hause. Flinte und Hunde hat er nicht mitgenommen. Susi entschließt sich die Polizei einzuschalten. Eine gute Idee, denn kurze Zeit später ist der Leichnam des Oberförsters, des Ehemannes, des … dazu kommen wir später … gefunden. Der Körper von Schrotkugeln durchsiebt. Und dann den Abhang hinuntergeworfen. Kein schöner Anblick.

Die ersten Ermittlungen bringen zwei Tatverdächtige hervor: Einen Christbaumdieb und einen Wilddieb. Beide nicht die angenehmsten Zeitgenossen, doch leider – für die Ermittlungen – mit hieb- und stichfesten Alibis. Bei ihren Recherchen ist den beiden Polizisten Raffl und Ebert die frische Witwe keine echte Hilfe. Sie verschweigt sogar das eine oder andere Detail.

Ernest Zederbauer lässt die beiden Ermittler lange im Dunkeln tappen. Dabei verliert der Waldviertel-Krimi zu keiner Zeit an Rasanz. Beharrliches Nachfragen bringt die beiden Schnüffelnasen schnell auf die richtige Spur. Der Oberförster war selbst kein Kind von Traurigkeit…

„Das draußen im Wald“ ist ein waschechter Krimi fernab jeglicher Alpenromantik. Lokalkolorit und die gerissen konstruierte Geschichte eines Mordes lassen den Leser nicht mehr los.

Von Blüten und Blättern

Von Blüten und Blättern

Es soll ja Leute geben, die das Gras wachsen hören… Elisabeth Göbel gehört nicht zu ihnen, obwohl sie es könnte. Sie lebt in ihrem Kleinod vor den Toren der Hauptstadt und lässt das Jahr 2011 an sich vorüberziehen. Hier und da winkt sie dem Geschehen zu und lädt es ins Haus ein. Dort sitzen schon wir Leser. Bei Poesie und Vorfreude, bei stimmungsvollen Zeilen.

Elisabeth Göbels Garten ist nicht Ort, an dem deutsche Vereinsmeierei ihre Freude hat – nur wer frei im Herzen ist, wird sich an diesem Jahresrückblick ergötzen. Mit kindlicher Neugier durchforstet der Leser den Garten der Poesie, weit weg genug vom Großstadtgetümmel, nah genug dran, um sich an Lebensfremdheit zu stören. Kirschbäume, serbische Fichte, Yucca strahlen in den schönsten Farben und spenden Schatten wo das Licht stört. Die Assoziationen, die sie hervorrufen erhellen die Gemüter, wo Schatten fehl am Platze ist.

Ein Gartentagebuch dient eigentlich dem Gärtner, um den Rhythmus des Lebens im heimischen Biotop zu erkennen und letztendlich wohlwollend zu beeinflussen. Sehr französisch. Dieser Garten ist englisch. Es wächst und gedeiht das Leben in der ursprünglichen Form. Die Interpretationen, die Gleichnisse sind es, die diesem Garten durch die Handschrift der Autorin immer wieder neues Leben einhauchen.

Ohne viel Tamtam verführt Elisabeth Göbel den Leser in eine fremde Welt, die geografisch so nah ist. Selbst vom entferntesten Zipfel Deutschlands sind es nur ein paar Stunden, um im Garten der Sprache zu entspannen. Auch wenn es dieser Garten wert ist ihn zu besuchen, so muss man nicht Reisen im herkömmlichen Sinne. Lesend diesen Garten zu erfahren, ist die einfachere Methode. Und die unvoreingenommenste. Immer wieder taucht man ein in die Welt aus harter Gartenarbeit und weicher Sinnesfreuden. Wer zwischen den Zeilen liest, erkennt die immense Hingabe Elisabeth Göbels zu ihrem Garten. Er ist mehr als nur ein Hort der Entspannung. Schreibstube und Geräteschuppen gehören zum Leben wie Essen und Trinken. Ohne geistige Ablenkung kann sich kein Garten entwickeln.

Die über zweieinhalbtausend Quadratmeter Ruheoase zwischen Alex und Sander blühen im Licht und Schatten des geschriebenen Wortes zu vollendeter Pracht. Ein Gartenbuch, das deutscher Präzisionspflanzung und Gründlichkeit die Strahlkraft der deutschen Sprache entgegensetzt. Hier ist der Garten Bestandteil des Menschen, und nicht umgekehrt.

Picasso der Zeichner

Picasso Der Zeichner

Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Stellen Sie sich vor, dass Sie ein Bar oder ein Café besitzen. Tagein, tagaus treffen sich hier wirre Querköpfe, um ihre Ideale von Kunst und Kultur zu diskutieren. Und wenn es ans Bezahlen geht, werden alle Utopien ganz schnell auf den Boden der Realität geholt. Da werden die Hosentaschen umgestülpt zum Zeichen dafür, dass es zwar allen gemundet hat, aber der schnöde Mammon derzeit auf Wanderschaft ist. Jetzt liegt es an Ihnen. Raus mit der undankbaren Bagage oder das Angebot annehmen eine Zeichnung als Anzahlung zu akzeptieren? Sie haben Glück, wenn einer der trinkfesten Kumpane Südspanier ist und auf den Namen Pablo Picasso hört. Denn dann sind seine auch noch so kleinen Zeichnungen heute ein Vermögen wert.

Eine schöne, verklärte Vorstellung von Picasso. Picasso = Reichtum. Die Formel stimmt aber nur, wenn man den monetären Wert außeracht lässt. Kaum ein Künstler hat über fast ein ganzes Jahrhundert die Kunst so geprägt wie Picasso. Unzählige Kunstschaffende der unterschiedlichsten Kunstrichtungen nennen ihn als ihr Vorbild, als Ideengeber, als Antriebsfeder.

Ein Bild von Picasso regt immer zum Nachdenken an. Seine Zeichnungen – allein in diesem dreiteiligen Band sind 300 versammelt – sind Alleinstellungsmerkmale, sind Vorlagen für Größeres oder einfach nur Fingerübungen. Picasso war beseelt vom Schaffen. Wer sich in seinem Werk in Interpretationen verfing, erntete oft Spott oder ein müdes Lächeln vom Meister.

Jeder der drei Bände wird von einem Vorwort begleitet, dass das Werk in einem anderen Licht erscheinen lässt. Man muss sich darauf einlassen (können). An einem Picasso geht man nicht vorbei und denkt sich: „Aha. Hund, Katze, Frau. Schick“. Man setzt sich vor einen Picasso und lässt ihn auf sich wirken. Strichführung zu erkennen, okay, das ist möglich. Beim Motiv wird’s schon schwieriger. Mythen interessierten ihn. Die Vergänglichkeit.

Manche Zeichnungen lassen sofort da Motiv erkennen, bei anderen muss man von den Vorwortschreibern an die Hand genommen werden. Doch auch ohne ihre Einführung ist man wie hypnotisiert. Mit der Erkenntnis der eingehenden Worte sieht man so manches aus einem anderen Blickwinkel. Und das ist es, was Picasso wollte. Drei Bände Kunstverstand, drei Bände Anleitung zur Kunst der Moderne, drei Bände Picasso zum Anfassen.