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Reise nach Island – Kulturkompass fürs Handgepäck

Island fürs Handgepäck

Das Jahr 2016 könnte das Jahr Islands werden. Sie sind endlich mal bei der Fußball-EM dabei – und nicht länger immer mal wieder „nur“ ein Stolperstein für Qualifikanten – und die Panama-Papers rücken das Land wieder einmal negativ in den Fokus der Öffentlichkeit. Bisher galt es als Reiseziel für Individualisten. Unendliche Weiten, unberührte Natur. Ha, da haben wir’s! Unberührte Natur. Von wegen! Schon in den ersten Geschichten des Buches wird klar, dass auch in Island nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein gigantisches Kraftwerkprojekt drohte hier in einer Katastrophe zu enden. Die Rahmenbedingungen stimmten nicht so ganz. Und die Isländer? Die warten erstmal ab. Hektik ist ihnen fremd. Macht sie irgendwie sympathisch.

Der „Kulturkompass fürs Handgepäck“ vereint Texte aus Zeitschriften und Extrakte aus Büchern von Isländern bzw. Islandfans. Sie sind das Salz in der Suppe der Fakten über den Inselstaat im Norden des Atlantiks.

Wenn man im Flieger nach Reykjavik sitzt – was so um die sechs, sieben Stunden dauert – hat man genug Zeit sich auf die Gepflogenheiten des Landes einzurichten. Hier haben Trolle noch ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Hier ist man stolz auf di eigene Identität. Hier kommen mehr Schriftsteller auf einen Einwohner als sonst wo in der Welt. Hier werden Speisen angerichtet, die es auch wirklich nur hier gibt…

Island ist so fremd und doch so nah, dass es notwendig ist sich mit dem Land auseinanderzusetzen. Ansonsten ist man aufgeschmissen! Dieses kleine Büchlein ist die Quintessenz dessen, was einem auf der Insel erwartet. Von Halldór Laxness, dem Nobelpreisträger über Jules Verne, der seine Figuren hier zum Mittelpunkt der Erde vorstoßen ließ, bis zu Gudmundur Andri Thorsson geben alle Autoren einen – dokumentarischen bis hin zu fiktionalen – Einblick in das Inselleben. Die volle Breitseite isländische Kultur!

Graubünden

Graubünden

Na das ist ja ein Ding! Ein Reiseband, der mit einer Lüge beginnt. Grau ist hier in Graubünden nichts. Nicht einmal die Theorie. Alles farbenfroh! Buntbünden träfe es wohl besser! Über diesen Kanton kann man nichts Graues berichten. Friedrich Dürrenmatt durfte das, er ließ den Schrott, den Kindsmörder aus „Es geschah am hellichten Tag“ seine Opfer an einer Straße, die nach Graubünden führt sein Unwesen treiben. Aber das war‘s schon.

Bleiben wir noch ein wenig bei den Künstlern, also solchen wie Dürrenmatt. Alberto Giacometti, der Bildhauer, dessen Statuen zu den am höchsten gehandelt der Welt gehören, wurde im Stampa geboren. Und das liegt in Graubünden, dem Kanton im Südosten der Schweiz mit Grenzen zu Österreich, Liechtenstein und Italien. Leckermäuler lechzen förmlich nach dem Bündner Fleisch. Bei vielen hört hier das Wissen über Graubünden auf.

Und Marcus X. Schmid kommt hier erst so richtig in Fahrt. Ähnlich dem Bernina Express. Da hat man kaum das Buch aufgeschlagen, und schon wird man mit der harten, aussichtsreichen realität vertraut gemacht. Denn Graubünden leistet sich eine Privatbahn, die RhB, die Rhätische Bahn. Und zu der gehört der Bernina Express über den gleichnamigen Pass auf über zweitausend Metern Höhe. Wenn Berlin am Savigny-Platz am berlinischsten ist, wie einmal der Schauspieler Otto Sander sagte, so ist die Schweiz hier wohl am schweizerischsten. Über den Morteratschgletscher ins Puschlav. Keine Orte, die einem wie Schnitzel oder Kartoffelsalat über die Lippen gehen, doch eingehend besucht werden können und sollten. Der Morteratschgletscher ist der Größte in Graubünden. Acht Kilometer ist er (noch) lang und einen Kilometer (noch) breit. Er reicht nicht mehr bis an die Schienen des Bernina Express heran, jedoch sind Wege zu ihm vorhanden, ausgeschildert und leicht zu bezwingen. Also nicht nur für geübte Kletterer zu bewundern. Wie es genau hingeht, weiß der Autor und teilt dies freundlicherweise im Buch mit.

Was sich zuerst wie ein Balkan-Hauptgericht anhört, gerät schnell zum Erlebnis für alle Sinne: Puschlav oder auch Valposchiavo. Hier ist man schon fast in Italien. Hier wächst Wein. Für das Wort Regen scheint es auch keine Übersetzung zu geben. Auch hier hat der Autor wieder einen Tipp parat, den man sich zu Herzen nehmen sollte: Mit dem Zug fahren, Fensterplatz im Panoramazug reservieren und sich zurücklehnen. Außer die Augen offenhalten, hat man nichts weiter zu tun. Das Staunen, das freudige Stöhnen, das Verzücken – kommt alles von ganz allein! Der Autor setzt noch einen drauf. Gletschertöpfe soll es hier geben. Wer mit dem Begriff nichts anfangen kann, blättert um und staunt…

Schon das Titelbild verrät, dass Graubünden ein Zugfahrland ist. Meisterleistungen der Ingenieurskunst lassen schmucke Züge, die RhB fährt generell in (Schweizer?) Rot, riesige Talschluchten überwinden, die dem Passagier ein erhabenes Gefühl bereiten. Mitten in den Bergen, in etwa gleiche Entfernung zu den Gipfeln wie in die Täler lassen den Begriff Mitte, oder gar das Mittelmaß, zu etwas Großartigem reifen. Das einzige, was einem hier noch passieren kann, ist der Wetterumschwung. Von extrem schön zu sehr schön. Aber auch dagegen gibt es etwas: Die Lektüre dieses Buches! Mit reist man immer extrem gut informiert, extrem gut unterhalten und immer extrem erholt.

Schnitzeltragödie

Schnitzeltragödie

Wohnungsauszug – Zeit des Neuanfang, aber auch der Rückbesinnung. So auch der namenlose Held dieses Buches. Alles muss besenrein übergeben werden. Abgeschlossen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schlüssel rumdrehen, zum letzten Mal, und Auf Nimmerwiedersehen! Man sperrt zu und alles ist vergessen und vorbei. Nicht ganz, denn da sind noch die Erinnerungen. Die Gedanken an die Tragödien, die sich hier abspielten. Zumindest bei Harald Darer.

Der Mann, der hier sein Heim verlässt, tut dies aus gutem Grund. Ein Neuanfang mit Frau und Kind. Und er muss die Wohnung, das bisherige Leben, die Erinnerungen hinter sich lassen. Bitterböse G’schichten spielten sich hier ab. Allesamt Tragödien. Datteltragödien, Leberkästragödien … Schnitzeltragödien, Tragödien vom Erwachsenwerden, Tragödien des Alltags. Von wegen „Das ganze Leben ist ein Quiz“. Es ist eine Tragödie! Oder besser, gleich mehrere.

Harald Darer vermischt in seinen Erinnerungskurzgeschichten beißende Satire mit argwöhnisch beäugten Begebenheiten eines Mannes, der Gefallen daran findet sich und andere zu hinterfragen. Wenn er sich zurückerinnert wie er die Millionenfrage im Fernsehen beantwortet, der Kandidat – Hansi Hinterseer – sich immer mehr in seine Moonboots zurückzieht, im Schweiße seines Angesichts seiner eigenen Unwissenheit vor Scham im Stuhl versinkt (köstlich für jeden, der das System Hansi Hinterseer durchschaut hat!), ist man am Ende des Kapitels enttäuscht, dass die Geschichte schon vorbei sein soll. Man will mehr. Und man bekommt mehr!

Jeder Nation wird eine gewisse Art von Humor nachgesagt. Auch den Österreichern. Derb und manchmal auch ein wenig hinterfotzig. Mit einer Prise Charme, bzw. Schmäh. So muss es auch sein! „Schnitzeltragödie“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die ein permanentes Lächeln auf die Lippen zaubert, Schenkelklopfen andeutet und dem Leser vergnügliche Stunden bereiten wird. Man liest die Kapitel nicht hintereinander, man liest sie dosiert. Pro Tag ein Kapitel und selbiger ist gerettet. Und wetten, dass man beim nächsten Metzgerbesuch, Markteinkauf, Kurzurlaub auf genauso jemanden trifft, der wie der Fleischklopfer aufs Schnitzel passt?! Das nennt man dann wohl nachhaltige Literatur.

Der Schüttler von Isfahan

Der Schüttler von Isfahan

Prozentrechnen für Weltreisende: Wie viele Menschen in Ihrer Umgebung kennen Sie, die schon mal in der Schweiz waren? Garantiert mehr als 90 %. Und in Thailand? 70%? Namibia, Niger, Kirgistan? Weniger als ein Viertel? Und jetzt alles zusammen, also von Armenien und Chile über Iran und Usbekistan bis nach Burkina Faso und Grenada. Es tendiert wohl gegen Null. Darf ich vorstellen: Georges Hausemer. Seines Zeichens Weltreisender und eloquenter Geschichtenerzähler. Und Mister Einhundert Prozent!

Heruntergekommene Hotelzimmer, euphorisch begrüßter Kaffeegenuss, enervierende (russische) Flugzeugpassagiere, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, unglaubliche Naturphänomene am Ende der Welt, der ganz „normale Wahnsinn“ in ehemaligen Sowjetrepubliken, missverständlicher Smalltalk im Taxi … die Liste der Geschichten ließe sich unendlich fortsetzen.

Die titelgebende und so viele Assoziationen hervorrufende Story ist derart überraschend, dass man selbst sofort die eigenen Urlaubserlebnisse niederschreiben möchte. Denn das, was Georges Hausemer in den vergangenen Jahren passiert ist, kann jedem passieren. Nur halt nicht so oft und schon gar nicht in so vielen Ländern. Und schon gar nicht kann jeder diese Erlebnisse so pointiert niederschreiben.

Reisen bildet – und es schafft Platz im Hirn für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Der Alltag als Besonderheit ist der Boden auf dem die Reisegeschichten des Autors wachsen. Man muss nur hinschauen. Wachen Auges schreitet Georges Hausemer durch die entlegensten Flecke der Erde. Fast scheint es so, als ob er der Typ ist, den man am Abend an der Bar, auf der Terrasse, im Restaurant irgendwo auf der Welt gesehen hat, wie er mit Stift und Papier bewaffnet seine Eindrücke festhielt. Nicht immer streng nach den Regeln wie er selbst in einer Geschichte einräumt. Denn das A und O der Aufzeichnungen sind Daten und Fakten. Manchmal ist das Erlebte so spannend, so neu, so faszinierend, dass man darüber hinaus diese vergisst. Den Ausführungen tut das keinen Abbruch. Die verlorenen Fakten machen die Texte mystischer und den Autor nahbarer.

Die mehrere Dutzend Geschichten vermitteln einen beeindruckenden Überblick über die Verschiedenheit der Lebensentwürfe der Welt. Geht in Deutschland ein Taxi kaputt, geht gleich die Welt unter. In Armenien oder Georgien nimmt man es hin. Man weiß, dass es etwas länger dauern kann. Die Definition von „etwas länger“ ist im Kaukasus auch eine gaaaaanz andere als bei uns. Aus dem kleinen Luxemburg in die Welt hinausgeschleudert, auf einem Blatt Papier um die Welt reisend, mit spitzer Feder vom Erdball die letzten Geheimnisse kratzend. Georges Hausemer ist der Reiseleiter, den sich jeder wünscht. Und sei es nur in Buchform.

Harper Lee und Truman Capote: Eine Freundschaft

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Man kann es sich ganz einfach machen und „Wer die Nachtigall stört…“ und „Andere Räume, andere Stimmen“ lesen und dieses Buch nicht. Oder man liest dieses beiden Bücher und dieses hier nacheinander und versteht alle Drei auf einmal. Letzteres ist zu empfehlen. Denn die Biografien der beiden Ausnahmeschriftsteller und ihrer ersten (im Fall von Harper Lee einzigen) Meisterwerke gleichen sich nicht nur in einigen Zeilen, sie sind die Basis ihres Erfolges.

Monroeville, Alabama, USA, Ende der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Von wegen Roaring Twenties! Nix mit Perlenketten, Charleston und maßloser Alkoholgenuss. Okay, das Letzte vielleicht, aber König Alkohol soll erst Jahre später eine Rolle im Leben der beiden spielen. Ein blasses Kind prügelt sich, und ein Mädchen sieht nicht zu. Sie ergreift für den blassen Jungen Partei. Das Mädchen ist Nelle Harper Lee und der Junge Truman Capote, damals noch Persons. Beide finden in ihrem Baumhaus das Refugium, das er in einer Geschichte verarbeiten wird und sie als ewige Zuflucht empfinden wird. Hier reift ihr Gedanke gemeinsam berühmt zu werden und als Schriftsteller den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ihre Erstlinge werden zu Welterfolgen. „Wer die Nachtigall stört…“ wird der einzige vorzeigbare Beweis der Genialität von Harper Lee bleiben. Auch wenn es mittlerweile einen „Nachfolger“ gibt. Truman Capote steigt mit rasant mit „Andere Räume, andere Stimmen“ in den Olymp der amerikanischen Literatur auf. Dort festigt er seinen Platz mit „Kaltblütig“ und „Frühstück bei Tiffany’s“.

Der Erfolg verändert beide. Capote und Lee beginnen zu trinken, er auch Drogen zu nehmen. Sie entfernen sich zusehends voneinander. In ihren Werken beschreiben sich gegenseitig. Scout und Dill sind Spiegelbilder ihrer selbst. Der blasse Junge und das freche, aufmüpfige Mädchen. Das sind Truman und Nelle als Kinder.

Alexandra Lavizzari gelingt es auf spannende Art beide Lebenswege immer wieder zusammenzuführen und das Auseinanderdriften der beiden elegant zu sezieren. Truman Capote lässt sich von der High society vereinnahmen, wird zum geliebten, gefürchteten und gehassten Bestandteil selbiger, während Harper Lee sich immer mehr zurückzieht und ihr Golf-Handicap verbessert. Capote lästert über und berauscht sich am Being-A-Darling der Oberen zehntausend, Lee wandelt auf den Spuren Salingers und vergräbt sich in der Bedeutungslosigkeit.

Was der eigentliche Grund des Bruches zwischen den beiden war – sofern es ihn je gab – kann niemand sagen. Warum auch?! Eine verschlossene Person und ein extrovertierter, ruhmsüchtiger Mensch – da ist immer viel Platz für Spekulationen. Alexandra Lavizzari zählt lediglich die Fakten auf und hält sich mit Mutmaßungen angenehm vornehm zurück.

Der Esel auf dem Eis

Der Esel auf dem Eis

Prrr, ist das kalt! Denkst sich der Esel. Der Esel! Merkt er doch nicht, dass er nicht auf der Straße, sondern auf dem zugefrorenen See steht. In heutiger Zeit würde man ihn anfrieren lassen und etwas Unerwartetes auf den langohrigen Schädel fallen lassen. Nicht der Maestro persönlich. Er weiß um die physikalischen Gegebenheiten des Lebewesens und lässt mit der Körperwärme den See schmelzen. Fertig, aus, Ende! Kurze Fabel, die Lehren daraus ziehen, das war’s!

Nö, noch lange nicht! Das wohl letzte echte Universalgenie der Menschheit hat noch so manche Lach- und Lehrattacke im Petto. Er fabuliert sich munter durchs Tier- und Pflanzenreich. Eitle Bäume, die die anderen verscheuchen, stehen mutterseelenallein da, wenn der Orkan wütet, sie keinen Schutz mehr bieten. Austern, die von Mäusen hinters Licht geführt werden, um das selbst als Mahlzeit zu enden. Pfiffiges Korn, das Ameisen ums Leben anbettelt, und einen horrenden Gewinn versprechen. Schwäne, die zum Sterben sich ins Dickicht zurückziehen, wo sie die anderen Tiere sterben hören können.

Eine echte Wohltat mal in die Schriften des Malers und Erfinders Leonardo da Vinci blicken zu dürfen. Dieses kleine Büchlein mit Dutzenden Fabeln entschlüsselt vielleicht das Geheimnis um seine Fähigkeiten. Doch es erlaubt einen Einblick in die Weitsichtigkeit eines wahren Gelehrten. Immer wieder setzt man ab, schmunzelt, sagt „Ja, so ist es!“ und blättert anschließend genüsslich weiter. Natürlich sind die Tiere als Gleichnisse zu sehen. Es gibt immer Einen, der aus der Reihe tanzt. Eitle Menschen, die sich nicht gern schmutzig machen und stattdessen lieber ihr Leben aufs Spiel setzen. Oder Choleriker, die keinerlei Veränderungen wünschen, und dann doch einsehen müssen, dass Veränderungen Fortschritt bedeuten und meist lange anhalten.

Das schmale Format bietet sich an es als wohlgemeintes Geschenk weiterzugeben. Ein Lächeln, gar ein Oho (der hat auch geschrieben?) werden der tiefe Dank sein. Und wenn man die Nachrichten sieht, die Gazetten durchblättert, online sich die News zur Gemüte führt, werden so manche Parallelen sichtbar. Hunderte Jahre alte Weisheiten, und es hat sich seitdem kaum etwas geändert… Nur die Genies werden weniger.

Kleiner Mord zwischendurch

Kleiner Mord zwischendurch

Ein schönes Sprichwort: „Wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!“ Konrad Killer macht seinem Namen alle Ehre und verdingt sich als selbiger. Eine Güllegrube war bisher sein exotischster Tatort. Einer, der sich bei ihm eingebrannt hat. Nun bekommt er wieder einen Auftrag. Die Methode wird ihm überlassen. Er weiß zwar nicht, wer der Auftraggeber ist – wie immer – das interessiert auch nicht. Doch er kennt den „Reisegast“, wie das potentielle Opfer firmenintern genannt wird: Konrad Killer. Ja, er soll sich selbst beseitigen.

Das ist die erste Geschichte der Kurzkrimisammlung von Mitra Devi. Schwarz, tiefschwarzer Humor. Besser kann ein solches Buch nicht anfangen. Es wird schwer werden diese noch zu toppen. Und hier irrt man als Leser gewaltig. Denn schon Geschichte Nummer Zwei setzt noch einen drauf. Wieder unter dem Motto „Wer Andern ein Grube gräbt, …“ Elvira kann es einfach nicht lassen. Sie lügt. Sie lügt gern. Und gut. Bisher jedenfalls. Ein neuer Kollege hat es ihr angetan. Ihn will sie beeindrucken. Und erzählt ihm ein dunkles Geheimnis. Sie sei im Zeugenschutzprogramm, hat mal einen Mafioso hinter Gitter gebracht. Blöd nur, wenn der Gegenüber die gleiche Geschichte parat hält, sie aber – weil sie wahr ist – nicht weitererzählen darf…

Eine Reporterin, die die Geschichte ihres Lebens wittert und schlussendlich wortwörtlich mit dem Tod ringt – Eine Schriftstellerin, die unter der Masse ihrer Pseudonyme zusammenbricht – Derbe Späße unter Freunden: Das sind die Zutaten dieses Kleinods der Nicklichkeiten. Kein Charakter ist unsympathisch, alle haben ihr Scherflein zu tragen – Mord ist eben nicht Jedermanns Sache!

Oft sind Kurzkrimis etwas für die trüben Tage, wenn es draußen nasskalt vor sich hinstürmt. Da macht man es sich zu Hause gemütlich, gruselt sich ein wenig und / oder belächelt die Protagonisten. „Kleiner Mord zwischendurch“ ist eine Ganzjahres-Allwetter-Krimisammlung, die man getrost zu jeder Tages- und Jahreszeit genießen kann. Die short stories sind mehr als nur Fingerübungen zwischen den Recherchen für die neuen Fälle von Nora Tabani, der Züricher Privatermittlerin, die Mitra Devi geboren hat. Es sind findige Stücke, die einem ab der ersten Zeile in ihren Bann ziehen. Absetzen unmöglich. Man fiebert mit. Rätselt, was die Geschichte hinter der Geschichte sein könnte. Und wie sie ausgehen mag. Ein erstklassiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Autorin und Leser.

Wien abseits der Pfade, Band II

Wien abseits der Pfade 2

Man hätte es sich ja schon fast denken können. Ein etwas anderer Reiseband durch Wien, der die Wege neben den ausgetretenen Pfaden beschreibt reicht nicht aus. Schnell war die Idee von einem Nachfolgeband geboren und nun ist die Geburt vonstattengegangen, das Neugeborene erfreut sich bester Gesundheit. Jetzt kommen die alle Neugierigen, um das neue Produkt zu begutachten. Doch sie bringen keine Geschenke, sie wollen etwas von dem Neuen. Dann sollen sie es auch bekommen, meint der stolze Vater Georg Renöckl. Aber seien Sie gewarnt: Die Postkarenidylle der Donau-Metropole wird ganz schön ins Wanken geraten!

Stephansdom, das Kunsthistorische, Stadtgarten – alles wunderbare Plätze, an denen es sich aushalten lässt. Keine Frage. Aber das kennt man schon, ist so bekannt, dass man es kaum noch wahrnimmt. Links und rechts schauen, immer mal wieder abbiegen, schnüffeln, stöbern, erkunden – das steht von nun an auf dem Eroberungsplan für Wien.

Auf den ersten Blick klingt es nicht besonders schmeichelhaft, wenn eine Tour durch Wien angeboten wird, die die hässlichsten Orte der Stadt zeigt. Doch Mr. Ugly macht das mit so viel Charme, dass es selbst dem weltberühmten Wiener Schmäh die Schamesröte in die Wangen schießen lässt. Eugene ist Engländer mit irischen Wurzeln und hat nun selbige in Wien geschlagen. Er will nicht den Ruf der Stadt zerstören, sondern eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart und ihren Auswirkungen auf die Zukunft in Gang bringen. Seine Touren sind also keine reinen Touristenangebote. Aber für Besucher sicherlich erkenntnisreicher als so manch andere begleitende Führung.

Eine Großstadt wie Wien bringt man nur schwerlich mit Landwirtschaft in Verbindung. Und mit Schnecken schon gar nicht! Doch sind sie es, die vor den Toren der Stadt zu tausenden wachsen, gedeihen, ja sogar gezüchtet werden. Und zwar vom einzigen Schneckenzüchter Wiens. Zum Abschied gibt es für den neugierigen Leser noch ein Rezept für Schneckenbeuschel, bzw. Altwiener Schneckenragout. Altwien – also keine Erfindung der Moderne wie beruhigend.

Beruhigend kann man nun auch wieder nach Wien reisen. Denn es gibt ein neues Buch, das die (bisher) unbekannten Seiten zeigt. Vorbei die Zeiten, in denen man – wie immer – das ewig Gleiche betrachtet, nur weil man einmal da ist. Die Spannung war irgendwie weg. Jetzt kommt neuer Schwung in die Wien-Besuche. Und dieses Mal lohnt es sich wirklich den reiseband vorher komplett durchzulesen und einzelne Ausflüge zu planen. Am Ende gibt es ausgewählte Tipps für Orte zum Verweilen und Vertiefen.

Bei so viel neuen Orten, die man noch nicht kennt, und die man unbedingt sehen will und muss, stellt sich nur noch eine Frage: Wann kommt Band 3?

Only cigars!

Only cigars!

Seit einigen Jahren gibt es in Europa das Tabakwerbeverbot. Und nun das! Ein Buch, das den Tabakgenuss anpreist. Alles halb so wild! Dieses kleine Büchlein verleitet nicht zum Rauchen! Es ist ein Buch, das Zigarrenraucher und Nichtraucher gleichermaßen in den gemütlichen Sessel lockt und die Schwärmereien der Literaten wie Nebelschwaden an einem vorbeiziehen lässt. Es geht auch nicht um minderbegabte Schauspieler, die mit ihrem Tabakbalken im Mundwinkel mehr oder weniger debil in die Kameras grinsen und dabei „auf dicke Hose machen“. Hier geht es um Genuss, ein Stück Kultur.

Ein Mann wie Mark Twain vertilgte am Tag mehrere Dutzend Zigarren. Ihn störte es nicht, seine Umgebung sicherlich auch nicht. Beim Rauchen kamen ihm die besten Ideen. Ganz im Gegenteil zum Wein. Der machte nur einen schweren Kopf. Doch die Schwere brachte keine Zeilen zu Papier.

Groucho Marx, der Mann mit der wilden Frisur, der neckischen Brille und dem aufgebmalten Schnurrbart, erzählt in seiner ihm eigenen komischen Art von seiner Passion. Er lebte zu einer Zeit, in der er nicht eine bestimmte Marke rauchte. Er rauchte Zigarren nach Preisen. Erst eine Zigarren-Werbung, die ihm eine halbe Stunde Havanna verhieß, änderte er sein Verhalten … und beschwerte sich bitterlich beim Verkäufer und beim Hersteller, dass er nur achtzehn bzw. maximal zweiundzwanzig Minuten Havanna genießen konnte. Die Firma zahlte ihm prompt den Kaufbetrag zurück, dreißig Cent.

Nicht nur Literaten wurden von Reinhard Kober für dieses exquisite Büchlein ausgewählt. Auch der Papst der Zigarren, Zino Davidoff kann eine Geschichte beisteuern. Seine Eltern ließen sich nach ihrer Flucht aus der Ukraine in Genf nieder. Hier wurde das Tabakimperium Davidoff geboren. Zino Davidoff erinnert sich an die Leidenschaft, die er schon früh für Tabak hegte. Reisen unter anderem nach Kuba waren für ihn eine Offenbarung. Besonders gern erinnert er sich an einen Kunden seines Vaters. Ein Kunde, der nie bezahlte und auch nie bezahlen musste. Er kam regelmäßig. Ein eher kleiner Mann. Ein Russe. Einer mit einem Pseudonym. Lenin, der Revolutionsführer in der alten Heimat.

Wenn man so durch die Seiten blättert, die Anekdoten liest, Romanausschnitte in sich aufsaugt wie ein Zigarrenraucher den Tabakrauch man auch als Nichtraucher erahnen, welch ein Genuss die Protagonisten umwehte. Man wird nicht gleich zum Raucher. Das nicht. Aber man sieht so manches intellektuelles Gespräch, beispielsweise mit dem Dramatiker Heiner Müller (gab es den überhaupt ohne Zigarre?), mit anderen Augen. Müller sah im Zigarrenrauchen durchaus auch eine gesellschaftliche progressive Komponente.

Lesereise Baskenland

Lesereise Baskenland

Das wohl schwerste Buch für Georges Hausemer. Auf der einen Seite möchte er gern seine innige Zuneigung zum Baskenland nach außen tragen, auf der anderen Seite weiß er aber auch, dass zu viel Werbung auch zu viel Gleichschaltung, Massentourismus und Identitätsverlust mit sich bringen. Am Ende des Buches drückt er die Daumen, dass Donostia, so der baskische Name von San Sebastian, nicht den Zuschlag für den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2016“ erhält. Nun, der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Zusammen mit dem polnischen Wrocław ist San Sebastian dieses Jahr die Kulturhochburg Europas.

Nichts desto trotz sollte man dieses Buch lesen, wenn man sich entschließt Bilbao, San Sebastian, die baskische Küche, Pelota, Baskenmützen, Guggenheim und so manch anderes typisch Baskisches zu besuchen. Denn Georges Hausemer kennt das Baskenland, nennt Donostia seine Lieblingsstadt und hat hier mehr als einmal die schönste Zeit des Jahres verbracht (und im eigenen Verlag einen Stadtreiseband veröffentlicht).

Bis vor wenigen Jahren war das Baskenland das Stiefkind der iberischen Halbinsel. Es war zwar da, man kannte es, aber besuchen? Nee, da gab es schönere, entwickeltere Orte. Hier rauchten die Schornsteine, regnete es ununterbrochen, alles irgendwie unfreundlich. Das Wetter konnte selbst der Zahn der Zeit nicht ändern, aber den Rest schon. Bilbao war eine der Städte, die man nicht freiwillig besucht hätte. Überall Industrie, nichts Freundliches – um es übertrieben auszudrücken. Dann kam die Idee eines Museums. Nicht irgendeines Museums. Guggenheim wollte hier eine Dependance eröffnen. Und Frank O. Gehry sollte es bauen. Und er tat es. Eine Augenweide, ein Traum aus Betan, Glas, Titan. Aber auch mit Effekt? Jährlich pilgern eine Million Menschen ins Museum, anfangs ging man von knapp der Hälfte aus. Mission erfüllt. Tausende Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen. Die Umgebung angepasst, die Schornsteine erfolgreich zum Rauchverzicht aufgefordert. Bilbao kann sich nun sehen lassen.

Georges Hausemer blüht richtig auf, wenn er von den Männerkochclubs, den

Txokos erzählt. Oder von der friesischen Übernahme einer Insel. Oder von den Spielarten des pelota, des baskischen Nationalsport. Oder, oder, oder. Künstler, Köche, Bauern – die Menschen im Baskenland sind scheu, wenn man neu und neugierig ist. Politik ist kein gutes Thema, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Aber wenn sie sich einmal öffnen – und Georges Hausemer ist einer der wenigen Privilegierten, den sie sich mitteilen – sprudelt ihr Stolz auf ihre Kultur über. Dem Leser wird das Auge übergehen, wenn er dieses Buch liest. Näher als Andalusien oder Madrid, traditionsbewusst und voller Dinge, die es noch zu erkunden gilt. Aber alles mit Vorsicht! Damit dieses Buch nicht so schnell an Aktualität verliert.