Archiv der Kategorie: aus-erlesen kompakt

Kling Glöckchen, klingelingeling

Immer in den Jahren zwischen Olympischen Spielen (Sommer wie Winter) hält der Leseherbst eine ganz besondere Spannungsüberraschung parat. Denn dann werden die besten und einfallsreichsten Krimis des KaroKrimiPreises in einem Sonderband veröffentlicht. Dieses Jahr wurde in München gemordet.

In der Weltstadt mit Herz steht ein Herz nun endgültig still. Das von einem Engel. Zusammen mit dem Schwiegervater in spe reist Rahul nach München. Klaas ist ihm unheimlich, Rahul fühlt sich immer wie in einem Verhör. Klaas war schließlich Polizist, bis ihm eine schleichende Erblindung den vorzeitigen Ruhestand bescherte. Kaum angekommen, findet Rahul auch schon eine Leiche. Mit viel Lokalkolorit versehen und mit spitzfindigen Ermittlungen kommt das ungleiche Duo dem Mörder schnell auf sie Spur.

Schon ein Kapitel später wird der Leser ins München des beginnenden 20. Jahrhunderts verführt. Im Simplicissimus deklamiert Erich Mühsam, davor bringt sich die Polizei in Stellung, und aus sicherer Entfernung wacht ein scheinbar Unbeteiligter über dieser Szenerie. Seine Freundin schläft derweil den Schlaf der Gerechten.

Giftige Pilze sind die Hauptzutaten der dritten Geschichte. Eine liebende Mutter, ihr neuer Partner, Missmut und mehr als nur eine rasche Wendung sind die Hauptzutaten für dieses kriminell gute Gericht.

Drei Krimis zu Beginn des Buches, die allein die gesamte Vielfalt der Einsendungen für den KaroKrimiPreis exzellent darlegen. München als Tatort€ zu wählen ist ein Glücksgriff. Die nördlichste Stadt Italiens, sonnenverwöhnte Landeshauptstadt, Schickeria usw. – hier lässt es sich als Autor vortrefflich ermitteln. Den Tätern bleibt nur eine Ausweg: Gestehen oder am besten gleich gar nicht erst vom rechten Pfad abkommen. Doch wie langweilig wären dann die Krimis? Frei von jedem Verdacht auf einen Krimipreis.

Sechzehn Türchen hat dieser blutige Adventskalender, der nicht nur zur Weihnachtszeit Früchte trägt. Sechzehn Mal fragt man sich, wer warum was getan hat. Und sechzehn Mal fiebert man mit den Ermittlern bis sich das gnadenlose Metall um die Handgelenke schließt.

Prag Stadtabenteuer

Es gibt nicht viele generationenübergreifende Städte, also Städte, die man als Kind mit den Eltern besucht, als Erwachsener noch einmal neu entdecken will und man als Gereifter noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte. Prag gehört da sicher zu den Erstgenannten. Mittlerweile verpuppt sich die Jugendstilikone von einst allmählich zur Partyhochburg im Herzen Europas.

Da tut es Not – sofern man nicht zwingend auf Slalomlauf zwischen Selfiesticks steht – einen Reiseband im Gepäck zu haben, der die leicht zu übersehenden Orte in den Fokus rückt. So wie den Schwarzen Ochsen. Eine Kneipe, die diesen Titel auch wirklich noch verdient und sich nicht als touristisches Gegenstück-Hotspot-Abzock-Dingelchen entpuppt. Während überall in der Moldau-Metropole das Bier mittlerweile 50 Kronen kostet, beharrt man hier stur auf den 32 Kronen für den reichlich gefüllten Humpen leckersten tschechischen Bieres. Klein, urig, tschechisch. Dieses Erlebnis wird man sein Leben lang nicht vergessen.

Renate Zöller kennt noch Unmengen dieser Erlebnisse. Sie weiß den Leser und Besucher Prags an die Hand zu nehmen und die Stadt so zu zeigen wie sie mal war und wie sie in den Erinnerungen von Millionen immer noch existiert. Auch wenn Mittwochabend vor dem Hus-Denkmal inzwischen tschechisch als Fremdsprache wahrgenommen wird und allerlei hipper Alkohol in weniger hippen Plastikbechern konsumiert wird. So viel zur weltweiten angesagten Umweltproblematik…

Prag war, ist und bleibt immer eine Reise wert. Wenn nichts mehr geht, Prag geht immer. Doch die Highlights sind dünn gesät. Was nach Widerspruch klingt – Prag kann mit prächtiger Architektur, einer reichhaltigen Gastronomie und abwechslungsreicher Landschaft wuchern wie kaum eine andere Stadt – ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man muss schon suchen, um im Winter Abkühlung zu finden. Man muss schon suchen, um die Karlsbrücke einmal für sich ganz allein zu haben. Man muss schon suchen, um Kafka auch wirklich verstehen zu können. Und wo sucht man da am besten? Im Stadtabenteuer Prag, der neuen Reihe aus dem Michael Müller Verlag. Preiswerte Tipps zu allen Belangen eines gelungenen Urlaubs. Detaillierte Anfahrtswege und Hinweise wie man dem Nepp aus dem Weg geht und Prag für sich ganz individuell erlebbar macht. Prag schläft nicht. Renate Zöller ist ausgeschlafen und bietet erlebnishungrigen Besuchern der Stadt eine gesunde Mischung aus Exotik, Mainstream und Originalität, die man auf Anhieb und schon gar nicht in der angebotenen Fülle so niemals finden würde.

Italienische Weihnachten

Weihnachten und Wunder – das Passt. Eine wundervolle Zeit, in der man garn an Wunder glaubt. Überall auf der Welt! Und wenn dann auch noch Wunder in Erfüllung gehen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

So wie bei Luigi Malerba. Gaspare wird von einem Propheten dazu verleitet nach Massa Martana zu fahren. Dort stünde nämlich demnächst ein Wunder ins Haus, bzw. in den Stall. Seine Frau hat nur ein müdes Lächeln für die Hirngespinste ihres Gatten übrig. Lässt ihn aber gewähren. Sie vertreibt währenddessen die Zeit im Kino. Gaspare fährt also aufs Geratewohl los, um dem Wunder beizuwohnen. Ein Goldkettchen hat aus dem heimischen Schrank noch schnell stibitzt. Denn schließlich soll man niemandem ohne Geschenk die Aufwartung machen. Und er selbst sieht sich in seiner Rolle auch als etwas ganz Besonderes. Allerdings muss er bald feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich auf die Reise in den entfernten Ort macht. Zwei weitere Männer haben das gleiche Ziel. Auch sie mit Geschenken im Gepäck. Der Eine hat sogar was ganz Praktisches dabei: Etwas gegen den Gestank am Ort des Geschehens, hier riecht es doch penetrant nach Stall…

Andrea Camilleri nimmt eine Zeitungsmeldung zum Anlass sich ein paar Gedanken über Weihnachten zu machen. In South Dakota wohnt ein Mann für den Weihnachten an 365 Tagen im Jahr stattfindet. Er zelebriert das nicht, in dem er einfach die üppige Weihnachtsdeko am Haus nicht abnimmt, sondern in dem er seiner tiefsten Überzeugung Leben einhaucht: Er ist der Weihnachtsmann. Drei rentiere hat er auch, zwei Weibchen und einen Bock. Als letztem jedoch im Laufe des Jahres nach ein bisschen Zweisamkeit zumute ist, und er mit ansehen muss, wie der Weihnachtsmann mit einer der Auserwählten schmust – ohne dabei jedoch die Regeln des Anstands zu verletzen, damit das mal klar ist – ist es mit der Illusion schnell vorbei. Er nimmt den Rauschebart ins Visier und anschließend aufs Geweih.

Luciano de Crescendzo lässt Baum- und Krippenliebhaber – in Neapel mehr als nur eine Frage des Geschmacks – aufeinander losgehen. Leonardo Sciascia lässt Kinderstimmen zum Leben erwachen. Kurzum: „Italienische Weihnachten“ kommt 2019 in der zweiten Auflage in die Läden. Mehr als nur eine hübsche Idee, um anderen eine Freude zu machen. Wenn der Weihnachtskonsumwahnsinn überhandnimmt, sind diese Geschichten das Wunder, das Weihnachten innewohnen sollte.

Ein Dilemma

Ein gutes Essen, Likör, Tabak – der Abend ist gut verlaufen. Der Notar Monsieur Le Ponsart und sein Mandant Monsieur Lambois sind zufrieden. Nicht wegen des guten Essens, sondern weil sie eine Lösung für ein kniffliges Problem gefunden haben. So scheint es.

Jules, der Sohn von Lambois ist verstorben. Aufopferungsvoll hat sich Sophie, die dem Vater als Hausmädchen vorgestellt wurde, um den Dahinsiechenden gekümmert. Doch ihre Opferbereitschaft war nicht von Pflichtbewusstsein gegenüber dem Herr des Hauses geschuldet, sondern geschah einzigallein aus Liebe. Denn unter ihrem Herzen trug sie die Frucht ihrer Liebe.

Jules sollte es einmal zu etwas bringen. Inder Politik. Das haben Le Ponsart und Lambois schon vor langer Zeit beschlossen. Die Jahre vergingen und Jules entwickelt sich in die richtige Richtung, zumindest in den Augen der Männer, die nun Probleme sehen, die gar keine sind. Das allerdings wissen sie nicht und preschen voreilig aus ihrer sicheren Deckung hervor.

Sophie hat unvorsichtigerweise um etwas Geld gebeten. Schließlich ist sie schwanger, allein und ohne die Aussicht, dass sich jemand ihrer annehmen wird. Eine junge Frau im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ein Hausmädchen – das bindet sich niemand freiwillig ans Bein.

Le Ponsart und Lambois vermuten hinter der naiven Anfrage ein Komplott, den Anfang einer langanhaltenden Erpressung. Die Beziehung von Jules und Sophie war nicht standesgemäß, und die Karriere, die Lambois und Le Ponsart für Jules vorschwebte, könnte sich nur allzu schnell in Rauch auflösen. Le Ponsart macht Sophie ein Angebot, dass sie nicht ausschlagen kann. Tut sie aber! Also doch ein Problem?!

Auftritt Madame Champagne. Klatschbase, Zeitungshändlerin, Ladenbesitzerin eines Papiergeschäftes, das mehr schlecht als recht zum Überleben taugt. Aber auch eine Frau, die das Herz am rechten Fleck trägt. Ein Engel für gefallene Engel. Engagiert, gewieft und abgezockt. Dass auch sie ein Problem darstellen kann, übersehen Le Ponsart und Lambois in ihrer Engstirnigkeit und Überheblichkeit geflissentlich. Als aber auch Sophie das zeitliche segnet, wird das Spiel der beiden Männer auf eine harte Probe gestellt…

Joris-Karl Huysmans lässt in der vielsagenden Geschichte „Ein Dilemma“ zwei Welten aufeinanderprallen. Zwei eitle Faun, die in ihrem elitären Gehabe so sehr verankert sind, dass ihnen nicht in den Sinn kommt, dass außerhalb ihrer eigenen Welt andere Regeln herrschen. Spät merken sie, dass ihr Spiel von beiden Parteien, manchmal sogar von der dritten, gespielt werden kann.

Hieroglyphische Märchen

Da muss man sich erst mal einlesen! Die Märchen scheinen einem alle irgendwie seltsam bekannt bis man – ziemlich schnell – das Gefühl bekommt, dass einem die Erinnerungen einen Streich spielen. Oder doch nicht? Wie war denn das mit der Sheherezade? Ein Regent lässt sich abends in den Schlaf wiegen, indem er sich Geschichten, Märchen erzählen lässt. Doch die Märchen sind so kryptisch, dass er jedes Mal kurz dem Wegdämmern hochgerissen wird und nachfragen muss, wer, was, wie denn nun getan hat. Die Erzählerin erklärt ihm stoisch alle Zusammenhänge. Der König, schlummert nach Langem Lamentieren endlich ein. Und … dann wird es eng für ihn. Ein Kissen im Gesicht, die Luft bleibt ihm weg und aus ist es mit der royalen Herrlichkeit! Ein Horror, wenn man an den Liebreiz der eigentlichen 1001 Nacht denkt.

Horace Walpole hat dieses und noch eine Handvoll weitere Märchen zu verantworten. Er lebte fast das ganz 18. Jahrhundert hindurch auf der Sonnenseite des Lebens. Ein ausuferndes Anwesen, das an Märchenhaftigkeit kaum zu übertreffen schien. Und als Sohn des englischen Premiers auf solider finanzieller Basis war es ihm in die Wiege gelegt worden, seinen Leidenschaften – unter anderem Geschichten erzählen – folgen zu können.

Es ist sein Verdienst, dass er nicht nur bereits bekannte Märchen als Vorlage nahm und diese dann verfremdete oder gar verulkte, sondern ihnen ein neues Gewand verpasste.

Mal muss man schmunzeln, mal ist man geschockt wegen der abrupten Wendungen, mal ist man beruhigt, wenn die Protagonisten der Geschichte zwar nicht die erwartete, doch vielleicht erhoffte Wendung geben. Entführte Thornfolger, verrückte Namen (Wer nennt sein Kind schon Groß A, Big A?) oder auch ein chinesisches Feenmärchen, das in Wahrheit gar keines ist. Die „Hieroglyphischen Märchen“ regen die Phantasie an, und werden dem spätabendlichen Leser so manch reichhaltigen Traum bescheren.

Lissabon Stadtabenteuer

Lissabon gehört zu den Städten, die man nur mit einem Reiseband umfassend erobern kann. Was den meisten Reisebänden jedoch fehlt – zum Glück, sonst wären sie dicker als der Brockhaus – sind die Erfahrungen, die ein Autor dort machte, um diese Stadt auch wirklich lebensnah wiederzugeben.

Dafür gibt es die Reihe Stadtabenteuer aus dem Michael-Müller-Verlag. Ganz individuelle Eindrücke, die das Lebensgefühl Stadt erzählen und die Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Johannes Beck ist der Mann für Lissabon. Zweite Heimat oder doch Sehnsuchtsort, die Frage stellt sich bei ihm nicht. Es ist beides!

Vorweg gleich die Info, dass alle Öffnungs- und Fahrzeitenzeiten der besuchten Orte am Beginn eines Kapitels verzeichnet sind. Und deswegen man keine Angst haben muss am Tabellenwirrwarr der Aushänge zu verzweifeln.

Lissabon hat sich trotz aller Touristenmassen, die die Stadt am Tejo besuchen wollen, ihren Charme und Reiz des Geheimnisvollen und des Noch-Zu-Entdeckenden bewahren können. Im Vergleich zu Barcelona, Venedig und Dubrovnik ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Doch es gibt natürlich auch die Plätze, auf denen kaum noch Portugiesisch gesprochen wird. Und hier kommt dieses Buch ins Spiel. Es muss nicht immer gleich der teuer bezahlte Ausflug sein, der einen Urlaub unvergesslich macht. Kleine Erlebnisse, die zuerst unscheinbar an einem vorbeizugleiten drohen, sind im Nachgang viel bedeutender. Wie zum Beispiel ein Abstieg in die Metrostationen der Stadt. In Lissabon lässt man gern mal die eine oder andere Bahn an sich vorbeifahren, um sich der kunstvollen Gestaltung der Stadt zu widmen. Es gibt einiges zu sehen, das man auf den ersten Blick nicht ernsthaft wahrnimmt. Johannes Beck öffnet dem Leser – und schließlich dem Besucher – die Augen.

Doch nicht unter der Erde ist Lissabon ein Blickfang, sondern auch weit über dem Geschehen in der quirligen Stadt. Das Topo glänzt (nicht nur in der Sonne) mit einem grandiosen Ausblick, auch wenn der Weg hinauf in die Rooftop-Bar nicht gerade ein Augenschmeichler ist.

Die Alfama, die Altstadt kann nach Johannes Beck in fünf Schritten erobert werden: Sehen, Essen, Ausgehen, Shoppen, Schlafen. Und so geht es im gemächlichen Schritt – man will ja nichts verpassen – durch gut besuchte Straßen, lauschige Gässchen und an einzigartige Orte, die man nur aus diesem Buch kennen kann.

Wer Lissabon noch nicht kennt, bekommt schnell das Gefühl, dass er was verpasst hat. Wer es schon kennt, ärgert sich, dass so ein Buch erst jetzt erscheint. Wer Lissabon noch nicht auf seiner To-Do-Liste hatte, schmeißt selbige sofort über den Balkon und macht sich auf die Socken ans westliche Ende Europas. Die Vielzahl an – preiswerten bis kostenlosen – Erlebnissen verleitet schnell dazu diesen Reiseband einmal komplett durchzulesen und dann noch einmal, um nicht zu vergessen.

Französische Weihnachten

Endlich Weihnachten, endlich wieder die Familie um sich versammelt (und auch die, die man liebt, wenn man ein wenig Zynismus diesem Weihnachtsgericht beimengen möchte…). Dass dabei nicht immer alles glatt geht, versteht sich von selbst. Denn zu viel Weihnachtsenthusiasmus schadet der geruhsamen Atmosphäre.

Philippe Djian kann davon ein Lied singen bzw. eine wunderbar schräge wie herzliche Weihnachtsepisode zum Besten geben. Kurz vor Weihnachten musste der Erzähler seine Frau Marlène ins Krankenhaus bringen. Beim Baumschmücken fiel sie von der Leiter und brach sich den Arm. Schon die Beschreibung wie der aus dem Pullover herausragt (ähnlich dem Ausguck eines U-Bootes) lässt einen schmunzeln. Doch Marlène muss schon wieder ins Krankenhaus. Erst vor wenigen Tagen erlitt sie eine Fehlgeburt. Das ist nun wirklich nicht witzig! Philippe Djian schafft es aber trotz der Schwere des Stoffes ein wenig Heiterkeit in seinen Zeilen unterzubringen. Dass Weihnachten doch noch ein angenehmes Fest wird, erfreut den Leser, aber vor allem den Erzähler. Im fortgeschrittenen Alter darf er noch einmal unter die Decke mit einer weitaus Jüngeren huschen. Doch – oh weh – auch hier lauert schon wieder der Schabernack aus der Feder von Philippe Djian.

Ob romantische Weihnachten in der Provence mit Marcel Pagnol oder eine überraschende Weihnacht mit tatsächlich einmal Geschenken von Colette oder eiskalte Eindrücke aus der Bretagne von Sylvain Tesson – alle in diesem zauberhaften Büchlein versammelten Weihnachtsstücke stimmen auf das fest ein, dass in Frankreich wie keine anderes als Fest der Familie gefeiert wird. Da darf – zum Abschluss des Buches – natürlich auch kein kulinarischer Ausflug an die Kochtöpfe fehlen.

Anekdoten, bissige Satire, frohlockende Aussichten – Weihnachten ist so individuell wie gemeinschaftlich. Mit einem lachenden Auge blättert man durch das Buch und findet bei jedem neuerlichen Lesen Neues und Erheiterndes in den Zeilen von Michel Houellebecq, Arthur Brügger oder Michel Tournier. Als Einstimmung auf die Festtage, als Ruhepol währenddessen oder als Hoffnungsträger danach ist dieses kleine rote Büchlein nicht nur Lektüre für Minuten oder Stunden, sondern fast schon eine Art Ratgeber oder Licht in dunklen Zeiten.

Dunkel war’s, der Mond schien helle

Es werden immer wieder die Stimmen derer laut, die den Untergang der deutschen Sprachkultur bedauern und anprangern. Die Verweigerung längst im deutschen Sprachgebrauch angelangter Anglizismen trägt dann aber auch manchmal allzu lächerliche Züge. Warum also nicht dem, was es schon gibt, Raum zu geben? Dem, was erhaltenswert ist, einen Ort der Nachschlagbarkeit zu geben. Dort, wo es Not tut, nachzuhaken?

Wem der Titel dieses Buches ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert, kommt nicht umhin ein wenig in dem Buch zu blättern. Einmal aufgeschlagen kann man es kaum wieder aus der Hand geben. Denn der Titel hat noch ein paar Zeilen mehr zu bieten als den scheinbaren Unfug, dass es dunkel ist, wenn der Mond hell scheint.

Horst Kunze hat Reime aus längst vergangenen Zeiten zusammengetragen, irre Wortspiel gefunden und witzige Dichtung in diesem Buch zu einem Kompendium des deutschen Humors zusammengefügt. Hohe Worte, für ein hohes Gut. Denn die Sprache ist das originäre Primärmerkmal für eine Kultur. Nur wer sie beherrscht, kann sie gestalten.

Nicht immer sind die Verfasser der Zeilen bekannt. Zwischen „Alles, was sich reimt, ist gut“ und „Reim Dich oder ich fress‘ Dich“ wird man immer wieder das Buch absetzen müssen, um innezuhalten. Manchmal muss man noch einmal nachlesen, um den Sinn zu erfassen oder den Witz dahinter zu erkennen. Oft jedoch bekommt man sich nicht mehr ein ob der den Gedichten innewohnenden Witzes.

Und wer sich die Mühe macht den einen oder anderen Vers, Absatz oder das gesamte Werk zu verinnerlichen, wird sich des Applauses der Zuhörer sicher sein können. Nicht geht über ein geschickt (und vor allem vollständig) vorgetragenes Gedicht. Modern (neudeutsch) nennt man das Poetry Slam. Der Kern jedoch ist Komik. Gassenhauer und Schlager – so heißt denn auch ein Kapitel mit geistigen Ergüsse, die man teilweise schon einmal gehört hat. Wie das Lied vom lieben Augustin – aufmerksame Wienbesucher haben in der des Museumsquartiers vielleicht auch schon sein Denkmal entdeckt.

Alles ist hin, wenn man mit der eigenen Sprache auf Kriegsfuß steht (oder stehen tut). Der Volksmund sagt, dass man ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und einen Sohn zeugen soll. Erst dann kann man sich als erfolgreich bezeichnen. Wem das alles nicht vergönnt ist, kann immer noch mit kompaktem Wissen, aus diesem Buch, die Zuhörer auf seine Seite ziehen. Vielleicht sogar bis aufs Kanapee, denn das bleibt einem immer erhalten…

Ein Leben für die Liebe

Sie wurde von Männern umschwirrt, nicht von Motten, die ums Licht kreisen: Louise de Vilmorin. Und es waren echte Männer, keine Motten: André Malraux, Orson Welles, Antoine Saint Exupery, Jean Cocteau, Graf Esterhazy. Ihr „Madame De“, das Buch ihres Lebens, wurde von Max Ophüls mit Vittorio de Sica und Danielle Darrieux verfilmt, und für den Oscar nominiert. Und trotzdem ist der Name de Vilmorin heute nur noch einigen Wenigen ein Begriff.

1902 mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen, kannte ihr Leben zunächst nur eine Richtung, bergab. Eine unbesorgte Kindheit vor den Toren der Weltmetropole Paris wurde gegen ein verhältnismäßig „normales“ Leben an der Seine eingetauscht. Schon früh machte man ihr den Hof. Einer der ersten, ganz sicher jedoch der zu dieser Zeit berühmteste war der Pilot Antoine Saint Exupery. Viel später erst würde er mit dem Kleinen Prinzen einen nachhaltigen Erfolg schreiben. Die Figur der Laternenanzünderin, der allumeuse. Ein Feuer entfachen, das konnte sie. Es am Lodern halten, da haperte es fast ihr gesamtes Leben lang. Sie wurde geliebt. Ob sie lieben konnte – zumindest dauerhaft – kann man in Frage stellen.

Ihre Eleganz und Eloquenz, aber vor allem ihr Wille nachhaltig zu wirken, bescherten ihr zeitlebens Erfolg. Als Schriftstellerin mit Orthographie-Schwäche – Cocteau und Malraux korrigierten unermüdlich ihre Texte – konnte Sie Erfolge feiern. Ob unverstanden oder unvollkommen – Louise de Vilmorin sagte jedem Künstler von den 30er Jahren bis zu Ihrem Tod 1969 etwas. Für viele war sie Wegbereiter, ihre Salonabende waren vielleicht nicht so legendär wie die von Berta Zuckerkandl im Wiener Cafè Landtmann, aber an Avantgardistenpotential nicht zu überbieten.

Es fällt schwer sich eine exakte Meinung über Louise zu bilden. Zu umfangreich war ihr Leben, und ist immer noch in gewissen Kreisen in aller Munde. Ursula Voß holt die für die meisten verschollen Louise de Vilmorin wieder ans Tageslicht. Wie in einem Zug reist man durch ein ereignisreiches Leben, dass von der Liebe geprägt war. Zwischenhalte bei Autoren, Abenteurern und Schauspielern inklusive.

Aufbruch der Frauen

Einhundert Jahre ist es her, dass per Gesetz die Frau dem Mann gleichgestellt ist. Doch Papier ist geduldig. Das wussten die Frauen, die vor einhundert Jahren für ihre Rechte Stritten und auf dem Papier recht bekamen, auch. Und genau aus diesem Grund sind die Zeitzeugenberichte, Textausschnitte und Berichte auch heute noch so lesenswert.

Da geht eine Frau allein ins Theater – heute nichts ungewöhnliches mehr, Punkt für die Durchsetzungskraft der Frauen! Damals noch mehr als eine Anekdote. Dort trifft sie zu ihrem Erstaunen ihren Mann. Der ist nicht wie vermutet in einer Sitzung oder bei einer anderen Gelegenheit, die ihr den Mann raubt, sondern in eben diesem, demselben Theater. Natürlich ist er nicht allein. Auch nicht mit einem Kollegen, einem, der ihr schon so oft den Mann für ein paar Stunden abspenstig gemacht hat. Nein, ganz unverfroren sitzt er ein paar Reihen vor ihr, mit seiner Freundin. Das Frauchen zuhause muss ja nicht alles wissen. Sie ist ja nur eine Frau. An dieser Stelle einen weiteren Punkt zu vergeben, wäre so fatal wie grundlegend falsch. Tja, Papier ist halt geduldig…

Eine Frau zündet sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit an. Heute kein Ding mehr … noch ein Punkt … usw. Doch sie trägt auch noch kurze Haare. Zweiter Punkt. Zur Krönung steigt sie auch noch in ein Auto und zwar auf der Fahrerseite! Das gibt Goldpunkte auf dem Gleichberechtigungskonto!

Vicki Baum, Erika Mann, Helen Hessel waren mit ihren Texten Vorreiterinnen auf dem Gebiet der gedruckten Gleichberechtigung. In den ersten drei Jahrzehnten des Literaturnobelpreises beispielsweise gab es nur drei Frauen, die den Preis errungen haben. Zehn Prozent. Alle zehn Jahre eine Frau, rein rechnerisch. Und dabei gab es doch so viele Frauen, deren Bücher bis heute dauerhaft gelesen werden. Selma Lagerlöf (die erste Frau, die den Preis gewann, 1909) ist heute noch ein Verkaufsschlager – wer kennt bzw. liest denn noch Rudolf Eucken oder Karl Gjellerup?

Brigitte Ebersbach kennt die Damen der Zunft nicht nur durch ihre Tätigkeit als Verlegerin. Die Damen sind fest in ihrem Herzen verwurzelt. Und so trägt jedes Kapitel dazu bei sich zu wundern, sich zu amüsieren, und vielleicht auch mal das Buch zu senken und innezuhalten. Auch wenn’s schwer fällt. Denn dieser Band (Band 82) der blue-notes-Reihe, die im Jahr 2019 ihr Zwanzigjähriges feiert, ist das modernste Buch der Reihe: In Zeiten, in denen Gender-Diskussionen die Gemüter erregen, die Bühnen erobern, in den sozialen Medien zu ungeahnten Hypes anwachsen, ist dieses Buch eines für jederma … äh, für jede und jeden und jedes. Nur weil die Texte schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie weder obsolet noch vergessen.