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Die Annonce

Was erfordert mehr Mut? Eine Kontaktanzeige aufzugeben oder sie zu beantworten? Für Paul ist es das Erste, für Annette das Zweite. Er, der Bauer aus den einsamen Höhen der Auvergne. Sie, ein paar Jahre jünger, Aushilfskassiererin aus dem äußersten Norden. Man trifft sich. Zuerst abwartend, anständig Abstand haltend auf halber Strecke. Es passt, es könnte passen.

Beide haben ihren Rucksack zu tragen. Annettes ist voller Erinnerungen, die sie abladen will. Abladen muss. Denn da ist noch Èric, ihr Sohn. Den Vater kann man getrost vergessen. Das Blut, das in beider Adern fließt, ist bei Didier, dem Erzeuger, mit allerhand Alkohol verflüssigt.

Paul hingegen hat seinen emotionalen Rucksack immer vor Augen. Zum Einen seine Schwester, die den Hof in Schuss hält. Zum Anderen sind da noch die beiden Onkel. Die grauen Eminenzen des Anwesens, die sich in ihrer brüderlichen Einsamkeit eingerichtet haben. Das ist nichts für Paul. Einmal in der Woche mit dem Auto fahren, und das als das höchste der Gefühle – neben dem Fernsehprogramm – zu erachten … non! Paul will mehr. Er will eine Frau. Das mit den Kindern bekommen, naja, das wird wohl nichts mehr.

Annette wird Teil der Viererbande auf dem Hof. Willkommenskultur – Fehlanzeige. Jede Veränderung wird erstmal misstrauisch, ja fast schon missmutig begutachtet. Annette und Pauls Schwester und deren Onkel – das ist eine Gleichung, die nie aufgehen wird. Nur Paul ist als Korrektiv, als fester Punkt das Einzige, das Annette hier bleiben lässt. Und außerdem: Was soll sie denn oben im Norden? Da ist nichts, was sie hält. Eher vieles mehr, das sie forttreibt. Und für Èric ist diese verlassene Gegend allemal besser als das gewohnte rohe Umfeld.

Marie-Hélène Lafon lässt mit einem umfangreichen Wortschatz eine zarte Beziehung erblühen, die auf den ersten Blick jedem Gärtner die Tränen in die Augen treibt. Zärtlichkeiten und Liebkosungen weichen gehorsam der Rationalität der ewigen Ruhe in diesem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Wer von „Hier ist die Welt noch in Ordnung“ spricht, kennt den Hof von Paul, seiner Schwester und seinen Onkeln noch nicht. Man arrangiert sich, mit sich und mit dem Leben. Doch idyllisch ist die Gegend nur für Besucher. Es ist harte Arbeit den Hof am Laufen zu halten. Zwist, gar Niedertracht, verdunkeln nur allzu oft die Fröhlichkeit, die dieser Landstrich so gern kundtut. Die Beziehung zwischen Paul und Annette ist kein romantisch verklärtes Happyend-Stück, das die Herzen erwärmt. Ihre Beziehung bewegt durch die Sprachgewalt ihrer geistigen Mutter. Mit Distanz mit gleichzeitigem Tiefschürfen strahlt man über das ganze Gesicht, wenn Paul und Annette sich hier ein neues Leben aufbauen wollen.

Die Kunst den Mund zu halten

Unterteilt man die Menschen in die, die reden – ob nun aus Wissen oder Geschwätzigkeit heraus – und die, die schweigen – ob nun aus Unwissenheit oder Vorsicht – so hat es Joseph A. Dinouart geschafft, ein Buch für die gesamte Menschheit zu schreiben. Schweigen ist Gold, sagt der Volksmund. Und Reden ist Silber. Beides Edelmetalle, beide sind wertvoll. Wie so oft im Leben, ist die Mischung von entscheidender Bedeutung.

„Die Kunst den Mund zu halten“ stammt aus der Zeit als die Aufklärung für sich in Anspruch nahm, die Welt erklären zu können und sie verändern zu können. Ein Alleinvertretungsanspruch sozusagen. Ein Kampf der Eloquenz gegen das Bauchgefühl. Mehr als zweihundert Jahre sind seit der Erstveröffentlichung nun vergangen und noch immer kann man sich den einen oder anderen Ratschlag zu Herzen nehmen. Doch Vorsicht: Nur, weil man den Mund hält, heißt das noch lange nicht, dass man auf die Siegerstraße eingebogen ist, an deren Ende der Lorbeerkranz wartet.

Man stelle sich vor Einstein hätte geschwiegen. Oder Aristoteles. Dann hätte auch Dinouart schweigen müssen. Es ist eine verzwickte Situation. Schweigen, um dem Anderen die Argumente zu nehmen. Und Reden, um den Schweigenden selbiges anzutun. Was war zuerst da? Das Wort oder das Schweigen?

Wer nun denkt die Schrift Dinouarts mit einem Handstreich ad absurdum führen zu können, irrt. Auch Dinouart weiß, dass Schweigen nicht das Allheilmittel gegen Ignoranz und für Frieden und Wohlbefinden ist. Es ist die Mischung – wie so oft im Leben – die eine Theorie handhabbar macht. Zum Einen muss man wissen, ob der Gegenüber auf gleichen Niveau agiert wie man selbst. Dann erübrigen sich überflüssige Worte von ganz allein. Hat man das Gefühl seinen Ausführungen ein größeres Maß an Erläuterungen beizumischen, ist das nicht nur legitim, sondern essentiell wichtig.

Band Vierzehn der Schlaflosreihe ist sicher keine reine Bettlektüre, die einem einen ruhigen Schlaf beschert. Je nach Ausgangslage kann man darüber amüsieren oder bis ins Mark darüber ärgern. Was man nicht machen sollte, ist Buch und Autor komplett zu verteufeln. Oder gar zu behaupten, dass zweihundertfünfzig Jahre ausreichend seien, um solch eine Schrift heutzutage nur noch als nostalgisches Geschreibe zu bezeichnen. So sorgfältig wie man seine Worte wählen sollte, so sorgfältig sollte man auch denjenigen aussuchen, den man dieses Buch zum Geschenk macht. Denn der Titel allein könnte – nein er wird! – für Verwirrung sorgen.

Der Dreispitz

Irgendwo im beschaulichen Teil Andalusiens. Nicht weit von Jerez. Da, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Da lebt der Müller Onkel Lucas. Alle mögen ihn. Die Sympathie in Person. An seiner Seite: Señora Frasquita. Der Liebreiz in Person. Ihr steigen viele nach, noch mehr wollen es. Doch sie hat nur Augen für ihren Müller. Der Altersunterschied, die offensichtliche Kluft in ihrer beider Aussehen, hindern sie nicht ein Leben zu führen, das ganz allgemein mit Glück bezeichnet werden kann. Im Hof ihrer Mühle setzt man sich gern im Schatten zur Ruhe und lässt den Herrn über sich wachen.

Ein neuer Bürgermeister wird schon bald die Idylle des Ortes zerklüften. Don Eugenio Zuñiga y Pence de León – allein schon der Name lässt so manchen „Untergebenen“ erschaudern – hat mehr als nur ein Auge auf die hübsche Frasquita geworfen. Doch ihr imponieren weder das pfauenhafte Getue des Oberen noch seine sorgsam ausgewählte Kleidung noch sein Werben. Vielmehr bereitet es ihr einen gewissen Spaß den Beamten zu foppen, während ihr Gatte im Blätterwerk der Weinreben die Szenerie beobachtet.

Ein weiterer Spieler in dieser auf einer historischen Legende beruhenden Geschichte in Garduña, der Dorfpolizist. Einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Ein Günstling, der schon drei Bürgermeister erlebt hat und schon deswegen für sich in Anspruch nimmt Recht und Gesetz mehr als nur zu verkörpern.

Durch eine List wird der Onkel Lucas, der Müller des Nachts aus seinen Gemächern, vom Hof, aus dem Ort gelockt. Bahn frei für den Frontalangriff auf das Objekt der Begierde: Señora Frasquita! Doch der Angriff schlägt fehl. Anfänglich wiegt man sich in Sicherheit, doch im Nachgang wird alles, was hier einmal zur festen Grundordnung gehörte, über den Jordan geschickt. Getreu dem Motto: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“. Und das gilt für alle Beteiligten!

Pedro Antonio de Alarcón schreibt als Erster dieses kleine Verwirrspiel auf. Die Idee ist nicht seinen Hirnwindungen entsprungen. Über eine lange Zeit hinweg wurde diese Geschichte mündlich weitergegeben. Doch alle Aufzeichnungen sind spurlos verschwunden wie die Moral der handelnden Personen. Ihm verdanken wir also diese zauberhafte Geschichte, die dem Leser den Schlafsand aus den Augen treibt. Bevor die letzte Seite nicht gelesen ist, kann man eh nicht einschlafen. So viel ist garantiert. Wem der Titel irgendwie bekannt vorkommt, kann beruhigt sein. Es ist kein böser Geist, der einem da die Gedanken durcheinander zu wirbeln scheint. Manuel de Falla hat die Geschichte in einem Ballett verarbeitet, das vor über einhundert Jahren mit dem berühmten Balletts Russes Premiere feierte. Die Bühnenausstattung inkl. der Kostüme entwarf niemand Geringeres als Pablo Picasso.

Das kleine Licht

Wenn einem ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf geht, muss man was dagegen tun. So denkt auch der einsame Mann, in den einsamen Bergen, in seiner einsamen Berghütte. Und zwar als er auf der gegenüberliegenden Seite des einsamen Tales ein Licht sieht. Jeden Tag. Jeden Tag zur gleichen Zeit erscheint es. Und es lässt ihm keine Ruhe. Was ist das? Was ist dort? Ist es hier vielleicht doch nicht so einsam wie vermutet? Er entschließt sich dorthin zu fahren, von wo das kleine Licht ihm die Nerven zerbrechen lässt. Auf dem Weg trifft er Menschen, die noch nie was von dem Licht gehört haben, geschweige denn es selbst je gesehen haben. Nur einer hat es ebenfalls schon mal gesehen. Für ihn sind es Außerirdische. Naja, eine befriedigende Antwort hört sich anders an.

Der einsame Mann findet die Stelle und ist überrascht, was er da sieht – was er erhofft hat zu finden, kann er eh nicht in Worte fassen. Ein kleiner Junge lebt dort. Er wäscht ab, bügelt seine Sachen, macht Hausaufgaben. Mama und Papa sind nicht da, sind weg. Einfach nicht existent. Und jeden Tag geht der kleine Junge durch den dunklen Wald zur Schule. Er lernt fleißig, doch die Lehrer verzweifeln an ihm. Die Mitschüler hänseln ihn. Er scheint keine Leuchte zu sein.

Doch die Szenerie ist irgendwie geladen. Das spürt der Mann sofort. Der Junge will sich nicht helfen lassen. Sein Fatalismus ist erschreckend, aber auch mutmachend. Der Kleine braucht keine Hilfe, so sehr sie ihm von dem Mann auch angeboten wird. Das ist verstörend … für den Mann. Doch es soll noch unerklärlicher werden als er es sich jemals ausmalen könnte.

Die Idylle der abgeschiedenen Berge ist für Antonio Moresco der ideale Nährboden für seinen Kurzroman. Die einfache Sprache passt ins Bild der Einöde in den einsamen Bergen. Hier ist nicht viel los. Arbeit und nochmal Arbeit bestimmen den Tagesrhythmus. Keine Zeit zur Klage, keine Zeit, um über Dinge grübeln, die eh nicht zu verändern sind. Doch hier oben ist die Welt nicht so in Ordnung (im wahrsten Sinne des Wortes) wie es sich so mancher Teilzeitaussteiger gern vorzustellen wünscht. Und schlussendlich ist die Begegnung mit dem Jungen, der den Kitt aus den Fenstern der Schule aß, ein Treffen mit einem sehr vertrauten Menschen…

Tage mit Felice

Ein kleines Tal im Tessin. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Kaum Touristen, kaum Fremde, die mit ihrer Funktionskleidung ihrem ökologischen Gewissen frönen. Hier lebt der Erzähler. Hier lebt auch Felice. Ein Eigenbrödler, einer, der sich seine eigen Welt geschaffen hat, nachdem er die Welt gesehen hat. Bei Weitem kein Weltenfremdler. Er weiß sehr wohl, was vor sich geht. Er hat ein Auto und eine Melkmaschine. Ernährt sich vegetarisch – ohne das obligatorische, schulmeisterhafte „streng“ davor zu setzen. Doch sein Weg ist nicht der der Anderen. Wenn alle in der Kälte bibbern, läuft er barfuß durch die Wälder. Badet nackt im eiskalten Wasser eines Baches.

Dem Erzähler ist Felice vertraut. Auch die Geschichten, die sich um ihn ranken, sind ihm bekannt. Was wahr ist und was Fiktion, ist erst einmal egal. Er fragt Felice, ob er ihn nicht mal ein paar Tage begleiten dürfe. Ein bisschen mürrisch, nicht abweisend, aber auch nicht einladend, stimmt Felice zu. Und schon sitzen beide im eiskalten Wasser. Felice erzählt nicht viel, doch wenn man ihn fragt, gibt er Auskunft.

Es ist ein karges Leben, es reicht vorn wie hinten allemal. Kein Grund zur Klage. Worüber denn auch?! Dass das WLAN nicht funktioniert? Wozu? Es gibt genug – Wichtigeres – zu tun. Kaki pflücken zum Beispiel. Oder auf Latschenkiefertrieben herumzukauen. Die sind gesund und halten einen am Leben.

Ein prall gefülltes Leben wie man es in der Stadt zu tun pflegt, sucht man in dieser Idylle vergeblich. Wenn man es sucht. Warum soll man nach etwas suchen, das man nicht vermisst oder gar kennt? Alltagstrott kennt man hier nicht. Jeder Arbeitsschritt ist vorgegeben, notwendig, nicht wert darüber nachzudenken. Man tut, was man tun muss. Aufregung gibt es keine. Erst zum Schluss, als der Erzähler noch einmal mit Felice unterwegs sein will…

Fabio Andina versteht es mit zärtlicher Sprache eine Welt in den Fokus zu rücken, sie man so nicht auf den ersten Blick erwartet. Felice mag ein Unikum sein. Aber keines, dem man aus dem Weg geht. Mit ihm ein Stück des Weges, den man Leben nennt, zu gehen, ist ertragreicher als so manche Erde, die dauerhaft gedüngt ihre Kinder in die Regale der Zivilisation entlässt. Schritt für Schritt taucht man in die Bergwelt ein wie sie wirklich ist. Es braucht nicht viele Worte, um zu verstehen, dass Zufriedenheit ein dehnbarer Begriff ist. Wenn man schon mit dem Namen Felice – der Glückliche – bedacht wurde, kann das Leben einfach nur gut zu einem sein. Fast bis zum Schluss, zumindest in Felices Fall.

Ein zauberhaftes Buch über Freundschaft und Zuneigung zum Leben, die einfachen Dinge des Lebens und echte Liebe zur Natur.

Das Meer und der Norden

So eine Reise macht man nicht an einem Tag. Auch nicht in einer Woche. Einen Monat – vielleicht. Doch die Wucht der Eindrücke kann einen dann schon erschlagen. Charlotte Ueckert nimmt die Herausforderung an und lässt sich ein wenig durch den Norden Deutschlands treiben. Und da ist auch schon die erste essentielle Frage: Wo endet der Norden eigentlich? Sprachlich da, wo aus dem Wort „maken“ das „machen“ wird. Das wäre die so genannte Benrathlinie, von Aachen (besser gesagt Benrath mit dem berühmten, literarisch verewigten Schloss) über Kassel bis Magdeburg. Kulturell lässt sich die Grenze nicht ganz so genau ziehen.

Im Zwiegespräch mit einer Freundin, die in Jugendtagen nach Australien ausgewandert ist, lässt die Autorin ihre Beweggründe für dieses Buch aufblitzen. Ein wenig Rückschau halten, unbändige Neugier auf das, was sich bis heute verändert hat und der Drang dem Gedankenfluss folgen zu dürfen.

Über das einst sehnsüchtige Sylt über das lebenswerte Oldenburg führen sie ihre Streifzüge von Küste zu Küste. Markante Bauten säumen den Weg ohne den Blick zu verstellen. Wie war es, wie ist es, wie könnte es einmal sein? Fragen, die sich im Verborgenen stellt und deren Antworten gar nicht so wichtig erscheinen. Denn der Weg ist das Ziel.

Laut stampfend wird man Charlotte Ueckert nie erleben. Ihr Metier sind die leisen Töne. Sehr persönlich, so dass man fast schon dazu gezwungen wird eigene Gedanken mit ins Lesespiel zu bringen. Wie hat man diese Stadt, die Region selbst erlebt? Man entdeckt viele Parallelen, aber noch mehr Unterschiede.

So unterschiedlich die Region, so unterschiedlich sind demzufolge auch die Eindrücke der Autorin. Rügen – so malerisch. Finkenwerder – so klar strukturiert. Wismar und Lübeck so pittoresk und liebenswert wie kaum zwei andere Städte.

Wer Charlotte Ueckerts Werk ein wenig kennt, weiß um ihre Affinität zur Kunst und zur Geschichte. Ihre Biographie über Christina von Schweden ist so detailreich, das sich kaum ein anderer je wieder an dieses Thema wagen kann. Auch über Paula Moderssohn-Becker hat Charlotte Ueckert eine Biographie geschrieben – und Worpswede gehört schlussendlich mit zum Reiseplan der Autorin. Ein kleines Dorf mit einer lebhaften Künstlerkolonie, zu der auch eben genannte Moderssohn-Becker und ihr Mann gehörten, hat es ihr wirklich angetan.

Diese Reiseimpressionen strotzen vor Informationen, sind im Gegenzug aber auch sehr persönlich. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein Buch an die Hand, das er auf eigenen Reisen im und durch den Norden immer wieder hervorholen wird und in eine ereignisreiche Welt eintauchen kann.

Nordseeküste Schleswig-Holstein

Es ist ein Leichtes in schweren Zeiten, bei der Reiseplanung mal eben nicht über den Tellerrand zu blicken. So mag es manchem ergehen, der vorhatte den Sommer 2020 in bella italia oder dem quirligen Marrakesch zu verbringen oder in Stadtabenteuer von Lissabon bis Berlin einzutauchen. So wird es eben die Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Was kein „Abstieg“ bedeutet – im Gegenteil, wenn man dem Autor Dieter Katz folgt und in seinem Reiseband diese Gegend Deutschlands bis ins kleinste Detail erforscht.

Denn Weltspitze-Erlebnisse kann man auch hier erleben. Zum Beispiel die weltweit am meisten befahrene Wasserstraße. Den Nord-Ostsee-Kanal, international aus Kiel-Canal genannt. Und wer vom einem ans andere Ufer will, nutzt die vierzehn Fähren. Und die sind allesamt kostenfrei. Das wurde vor 125 Jahren – juhu ein Jubiläum – vom Kaiser persönlich so verfügt. Auch in Brunsbüttel, der geteilten Stadt am westlichen Ende bzw. dem Anfang des Wasserweges, kann man innerorts kostenlos parken. Man stelle sich dies in einer Metropole wie Rom vor…

Ob das idyllische Dithmarschen, wo Radfahrer die Szenerie mehr bestimmen als anderswo, oder das zu Dreiviertel vom Wasser umgebene Eiderstedt –keine Stadt, sondern ein Landstrich – oder die zahlreichen Inseln, die Nordseeküste ist seit sehr langer Zeit ein Anziehungspunkt für  zahllose Erholungssuchende.

Sylt ist sicherlich die bekannteste, und berüchtigste Insel. Teuer und unfassbar schön. Dennoch stehen Föhr und Pellworm ihr sicher in Nichts nach. In Sachen Ruhe und Erholung haben sie sicher einen entscheidenden Vorteil. Wie gemalt für Familien. Und fernab vom klischeehaften Schickimicki-Gehabe der Promi-Insel. Dieter Katz darf für sich in Anspruch nehmen, dass der Urlaub hier nicht erst bei der Anreise beginnt, sondern schon beim ersten Durchblättern dieses umfangreichen und informativen Reisebandes. Von Pharisäern (den originalen bis hin zum Getränke, die ja auch zusammengehören) über Weinanbau (ja, Föhr und Sylt sind nicht nur Krabbenregionen, irgendwie muss man ja auch mal die Kehle ölen bei so viel salzhaltiger Luft) bis hin zu einer Rebellensteuer weiß der Autor neben den zahlreichen Ausflugstipps – wie dem obligatorischen Wattwandern – auch so manche Anekdote zu erzählen.

Die Nordseeküste Schleswig-Holsteins wird dank dieses Buches einen Ansturm von wissbegierigen Besuchern erleben. Die Träume von der großen weiten Welt sind aufgeschoben, für viele sind sie aufgehoben. Und die meisten wird dieser Urlaub vielleicht der Anfang eines neuen andauernden Traumes werden.

Nehmen Sie den Weg nach Süden

Gibt es den richtigen Zeitpunkt für das richtige Buch? Ja, Frühjahr 2020! Und das Buch nennt sich „Nehmen Sie den Weg nach Süden“! Der vergessene Kontinent, der gerade jetzt in der Krise, wenn irgendwelche Experten meinen den Kontinent als Labor für Impfstoffversuche nutzen zu müssen und die ganze Welt im Corona-Fieber zu verrecken scheint. Es gibt noch einen weiteren Anlass das Buch genau jetzt zu lesen. Es ist vierzig Jahre her, dass Schwarzafrika – ein Begriff, den übereifrige Erbsenzähler heute wohl auch nicht so gebrauchen würden – war Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Noch nie zuvor war ein ganzer Kontinent einem so großen Lesepublikum vorgestellt worden. Kurz zuvor hatte sich ein Verein gegründet, der heute als Litprom das Bindeglied zwischen den Kontinenten, zwischen Autoren und Verlagen darstellt. Deren Bestenliste ist oft hilfreicher als so manches Sprachorgan der organisierten Lesefreude.

In diesem Buch treffen Autoren aufeinander, die Afrika auf ihre besondere Weise darstellen. Ja, es geht um Kämpfe. Aber nicht nur um den Kampf an der Waffe gegen die alten und neuen Kolonialisten, sondern auch um den täglichen Kampf. Aber es geht vor allem um Lebensfreude. Das geflügelte Wort, dass „hier so viele so fröhlich sind, obwohl sie so wenig haben“, spielt hier keine Rolle. Das sagen nur die, die von außen, und vor allem von oben herab, den Kontinent so gern verklären. Schon in der ersten Geschichte von Nathacha Appanah aus Mauritius – was weiß man schon über Mauritius, außer dass von dort eine der seltensten Briefmarken kommt? – schildert das Erwachen der ersten Liebe eines sechzehnjährigen Mädchens.

Mia Couto aus Mosambik hingegen zerrt die hierzulande unbekannte Vergangenheit seines Heimatlandes an die Oberfläche und gibt dem Leser einen umfassenden Einblick in seine Welt.

Alain Mabanckou aus Kongo, dem kleinen Kongo, oder Kongo-Brazzaville, Nachbarland der Demokratischen Republik Kongo, dem früheren Zaïre, lässt seinen Helden innerlich wachsen, als er elegant gekleidet den Abend verbringt. In einer Gegend, die nur wirklich individuell Reisende mit viel Mut im Herzen betreten.

Sefi Atta aus Nigeria, die mittlerweile an der Mississippi State University unterrichtet, zeigt ihr Nigeria von der fröhlichen Seite, die jedoch von allerlei Fassaden umzäunt ist.

Dieses Buch ist mehr als nur ein Appetitanreger, um Afrika literarisch zu erkunden. Die Quintessenz mehrerer Generationen erstklassiger Schreiber wird in diesem Buch auf ein Podest gehoben, das noch immer nur seitenweise wahrgenommen wird. Die Vielfalt der Themen und der unvergleichliche Schreibstil lassen diese Geschichten und Auszüge aus Romanen wie ein blühendes Feld voll duftender Phantasien erstrahlen.

Die Kunst, seine Schulden zu zahlen

Das ist die Ungerechtigkeit der Welt: Die Einen haben Geld, die Anderen haben keines. Und dann gibt es noch die, die kein Geld haben und trotzdem leben wie die, die Geld haben. Sie wurschteln sich durch, betrügen, lächeln und leben in den Tag hinein, auf das das Morgen nicht so grau werde wie die Wolken, die sich über ihrem Himmel zusammenraufen.

Der Herr Onkel des Verfasser, also Honoré de Balzac, einem Lebemann, dem man schon zu Lebzeiten seinen ungesunden Lebensstil ansah – er trank nicht den Kaffee, der schüttet ihn in sich hinein wie eine Baugrube, die fortwährend mit Beton gefüllt wird, ist so ein Typ, dem man gern etwas gibt. Auch wenn das bedeutet, dass man nie mehr etwas davon sehen wird. Der aber dennoch seine Schulden zurückbezahlt. Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Aber dieser verworrene Weg, der so lebensnah und fast schon komödiantisch beschrieben wird, lässt keinen anderen Schluss zu: Wer das System und seine Schwachstellen kennt, darf sie auch benutzen. Als Außenstehender – als Leser mit dem Abstand von fast zwei Jahrhunderten – darf, ja muss man, immer wieder schmunzeln.

„Die Kunst, seine Schulden zu zahlen“ hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist aber aktuell wie eh und je. Grundsätzlich gilt: Geduld, Chuzpe mit einem Spritzer Psychologie und Charme helfen doch sehr bei der Zahlung der Schulden. Beziehungsweise bei deren Vermeidung. Also nicht der Vermeidung der Schulden, sondern der Zahlung selbiger.

Balzac lässt die Puppen tanzen! Sechsundzwanzig Arten von Schulden zählt er (auf). Und acht Arten diese zu tilgen. Diese Differenz lässt das ganze System vom Geben und Nehmen in einem andern Licht erscheinen. Wer Schulden hat, hat meist mehr davon als Auswege daraus. Kleine Zahlenspielerei. Den Stress hätte demnach derjenige, der einem Anderen etwas schuldet. Hätte. Wenn der Schuldner nun aber diesen Ratgeber gelesen hat, sich mit dem Inhalt identifizieren kann, hält sich der Stress jedoch in Grenzen. Das ist wie mit so manchen Kollegen, die immer nur so viel tun, dass man ihnen nicht an den Karren fahren kann. Diejenigen, die mehr tun, weil sie die Notwendigkeit einsehen, kommen innerlich eher ins Schwitzen, da sie für das gleiche Geld mehr tun (müssen).

Dieses kleine Büchlein ist nicht das Buch zur Krise in Zeiten von Corona. Keine Anleitung sich etwas zu erschwindeln, das einem nicht gehört. Und damit auch noch durchzukommen! Nein, es ist ein durchaus amüsantes Stück Geschichte, das verdeutlicht, dass all das, was heute um uns herum geschieht, nicht neu ist. Wer hat, der hat und bekommt immer mehr. Wenn er sich geschickt anstellt. Kreditwürdigkeit ist nicht immer eine Frage des Habens, sondern des Scheins. Honoré de Balzac ist ein Klassiker, den man im Bücherregal stehen haben muss. Und warum nicht mit diesem Büchlein diese Sammlung beginnen? Stets aktuell, beißend, hingebungsvoll, offen – mehr kann man von einem Autor und seinem Werk nicht verlangen. Den Brückenschlag von altem Wissen und Gegenwart gelingt in dieser qualitativ hochwertigen Ausgabe dem Illustrator Volker Pfüller durch seine Abbildungen aufs Vortrefflichste. Das Gesicht der Schuld erkennt jeder, egal in welcher Epoche er sich gerade befindet. Kleine Hinweise in den Zeichnungen verraten jedoch, dass diese nicht aus der Entstehungszeit des Buches stammen können. Wer besaß 1821 schon einen Businessanzug, mit Cross body bag und Smartphone?

Westböhmen und Bäderdreieck

Auch und vielleicht gerade in Zeiten geschlossener Grenzen ist es eine Freude sich den Träumen an eine Auszeit hingeben zu können. Und das war in diesem Fall schon im vorletzten Jahrhundert so. Denn Karlovy Vary (Karlsbad), Marianske Lázně (Marienbad) und Františkovy Lázně (Franzensbad) gehören seit zwei Jahrhunderten zum festen Bestandteil eines erholsamen Urlaubs. Selbst olle Goethe kurte schon hier. Weswegen das Heimweh ob der zahlreichen Goethe-Tafeln und Denkmäler sehr geschmälert wird.

Da scheint es nicht verwunderlich, dass Westböhmen – die Region, in der die drei Städtchen liegen – oft stiefmütterlich als die „Region drumherum“ bezeichnet wird. Gabriele Tröger und Michael Bussmann setzen auch in der siebten Auflage ihres erstklassig recherchierten Reisebandes diesem Vorurteil die Macht der Fakten entgegen.

Wer nicht wegen der Wunderwasser in die Gegend kommt, kommt trotzdem nicht ums teure Nasse herum. Denn hier liegt auch Plzeň, besser bekannt als Pilsen, und noch bekannter als die Stadt ist das Produkt, dass die Stadt in die Unsterblichkeit führt: Pilsner Bier, Pilsner Urquell. Eine kompakte Stadt, die es dem Besucher leicht macht sich zurechtzufinden. Denn wie auf einem Schachbrett läuft oder hüpft man durch enge Gassen, vorbei an eleganten Geschäften und urigen Kneipen und Wirtshäusern. Hundert Prozent Urlaub, und einige Promille Leichtigkeit, ohne dabei das Maß zu verlieren, bitte.

Es sind die Beschreibungen der Wege und Ausflüge ins Umland der kolossalen Namen, die dieses Buch zu einem Rüstzeug machen, das man niemals in einem der zahlreichen, gastfreundlichen Hotels vergessen sollte. Mit diesem Buch in der Hand markiert man sich selbst als wissend und wissbegierig und läuft niemals Gefahr in die falsche Richtung zu irren. Trafen sich noch vor ein paar wenigen Jahrzehnten hier Familien aus Ost und West, um gemeinsam Zeit verbringen zu können, so trifft sich heute hier die ganze Welt, um seinen Sinnen ein wohltuendes Wellnessprogramm für alle Sinne zu gönnen.

Touristenfallen gibt es hier genauso zahlreich wie in anderen Regionen, die auf ihre Geschichte verweisen, um in der Gegenwart die Zukunft zu gestalten. Diese Tretminen erkennen und benennen die Autoren und geben im gleichen Atemzug dem Leser Alternativen an die Hand. Für Kurzausflüge sind Westböhmen mit seinen Juwelen, den drei Bädern, das Ideal an Freiheit. Wer länger bleibt, kommt ebenso auf seine Kosten. Egal, wie lang man bleibt, wie man nächtigt, welche Art des Reisens man bevorzugt – dieses Buch ist für jedermann und jede Zeit. Und es kommt die Zeit, in der Grenzen wieder offen sind und Karlovy Vary, Marianske Lázně und Františkovy Lázně wieder mit Leben erfüllt sein werden. Dann ist es gut vorbereitet zu sein.