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Am Rande der Glückseligkeit

Am Strand zu sein, bedeutet den ersten Schritt in die Unendlichkeit zu sehen. Ihn zu tun, ist eine andere Sache. Sich im warmen Weich des Sandes der Karibik die Alltagssorgen aus den Poren zu rubbeln, ist eine sehr nüchterne Sichtweise auf die Unverstellbarkeit der Gedanken.

Bettina Baltschev sieht den Strand als Ruheort, als Sehnsuchtsort, als Ort, an dem Dichter wie Arbeiter fliehen, um ganz und gar bei sich sein zu dürfen. Acht ausgewählte Strände fügt die Autorin zu einem Gesamtbild zusammen und verblüfft, was alles unter dem Begriff Strand an Gütern angespült wird.

Der Strand bildet immer den Übergang vom festen Boden unter den Füßen in eine wacklige, schwerer zu kontrollierende Position. Seien es die Betonburgen an der belgischen Nordseeküste, die den Blick automatisch gen Meer richten lassen, weil es in der entgegengesetzten Richtung nur Grau zu sehen gibt. Oder sei es der geschichtsträchtige Utah-Beach in der Normandie, der eine weitere Wende im Schicksal der Welt einleitete. Oder sei es der Strand von Lesbos, an dem immer so lange Geschichte geschrieben wird bis die erste Welt der dritten Welt die Würde zurückgibt. Zwischendrin verbuddelt Bettina Baltschev die wortintensiven Glücksmomente von Truman Capote bei seinem Ischia-Besuch. Zu einer Zeit als Deutsch als zweite Amtssprache auf der Insel durchaus eine Berechtigung hatte.

Wer bei dem Untertitel „Über den Strand“ leutselige, kitschverkrustete Geschichten von Lagerfeuer unter Palmen, bis zum Anschlag romantische Ausflüge im untergehenden Sonnenlicht erwartet, wird sich im Handumdrehen vom literarischen Ausflugsangebot der Texte eines Besseren belehren lassen. Englands Vorzeige Badeparadies Brighton wird als logische Schlussfolgerung des Dranges nach dem Meer, der Ferne und des Strandes in seiner Entwicklung so dargestellt, dass selbst hoffnungslose Romantiker gestehen müssen, dass auch dies eine Art Sehnsucht ist, die man mit Brighton ruhigen Gewissens verbinden kann.

Dass Hiddensee unbestritten nur auf eine Art zu sehen ist – als Künstlerkolonie, die schon sehr früh als erhaltenswert anerkannt wurde – wird in keiner Zeile des Kapitels über die Ostseeinsel angezweifelt. Wer den Strand sucht, findet unweigerlich den „Rand der Glückseligkeit“ – ob „in echt“ oder in diesem Buch sei dahingestellt. Beide führen zum Ziel.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.

Orientreisen

Annemarie Schwarzenbach wuchs nicht mit dem berühmten goldenen Löffel im Mund auf. Sie hatte einen ganzen Besteckkasten, ihre Familie zählte zu den reichsten der Schweiz. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählte sie nicht nur aufgrund dessen zu einer auserlesenen Elite, sondern einzig allein durch ihre Reisen und ihre darüber veröffentlichten Reportagen. Schon früh zog es die freiheitsliebende (und bei ihr ist es wirklich angebracht von Freiheit zu sprechen) in die Ferne. Mit der Familie gebrochen, sich offen zu ihrer Sexualität zu bekennen, sich gegen die Faschisten und ihre Ideologie zu stellen und die arabische, afrikanische, persische Welt zu erkunden.

Vieles, was sie in ihren Reportagen beschrieb, ist heute so nicht mehr zu erleben. Man stelle sich vor – welch wunderbare Vorstellung! – die Buddha-Statuen von Bamiyan würden noch stehen. Oder mit einem Kleinflugzeug über die syrische Wüste zu fliegen und die Schakale aufzuscheuchen. Und das zu einer Zeit, in der Frauen als Alleinreisende in einem kaum erschlossenen Gebiet mehr Mut brauchten als heutzutage kurzgeschorene Europa am Hindukusch verteidigende Goldgräber.

Es sind über 80 Jahre vergangen seit dem Annemarie Schwarzenbach ihre Reisen gen Osten unternahm. Vieles ist nicht mehr zu sehen. Sei es durch Zerstörung, sei es durch Bebauung, sei es durch den Zahn der Zeit. Doch sich ein stilles Plätzchen zu suchen, die Luft tief einzuatmen und diese Reiseimpressionen auf sich wirken zu lassen, hat einen höheren Lerneffekt als beim Discounter gebuchte Reisen in die Shoppingparadiese der glitzernden Malls zwischen Wüste und Golf.

Mit einfachen Worten und bildhafter Sprache zieht Annemarie Schwarzenbach den Leser in eine Zeit, die nicht mehr zurückzuholen ist. Die Türkei zum Beispiel befindet sich seit ein paar Jahren im größten Umbruch, den man sich vorstellen kann. Schrift und Sprache werden einer Radikalkur unterzogen. Dennoch gibt es vieles, was heute noch zu besichtigen ist und mit den Worten der Autorin im Hinterkopf, erkennt man vielleicht manches, was einem sonst verborgen geblieben wäre. Isfahan im Iran mit seinem markanten Meidān-e Naqsch-e Dschahān fasziniert sie damals und wirkt bis heute auf den Betrachter wie ein unwirklicher Traum.

Annemarie Schwarzenbach trieb es in Ferne, nicht um anderen etwas zu beweisen. Sie wollte selbst die Welt entdecken und erleben. Unabhängig sein und die Welt an ihren Abenteuern teilhaben lassen. Ihr gelang es mit Bravour, wie dieses Buch eindrucksvoll beweist. Leider war ihr Leben nach zu kurzer Zeit zu Ende. Sie starb im Alter von 34 Jahren nach einem Unfall und den Folgen einer falschen Behandlung.

Lieblingsstädte

Mal schnell raus. Mal schnell weg. Mal schnell die Welt entdecken. Waren Städte einmal die höchste Entwicklungsstufe, die man sich vorstellen konnte, sind sie als eigenständiges Segment auf dem Reisemarkt nicht mehr wegzudenken. City Trips, Städtereisen – wie auch immer man es nennt: Städte entdecken ist spannend, erholsam und abenteuerlich in Einem. Achtundzwanzig Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen sich in diesem Reiseband von ihren schönsten Seiten.

Das beschauliche Bern hat man bei dem Gedanken an die Schweiz nicht unbedingt auf der ersten Seite der zu besuchenden Orte. Schneevergnügen steht da sicher weiter oben auf der Liste. Doch die Stadt hat mitunter mehr zu bieten als man sich oberflächlich vorstellen kann. Wie zum Beispiel die wohl ungewöhnlichste Stadtrund-„Fahrt“, die man sich vorstellen kann. Vom Wasser aus kann man viele Städte besichtigen. Auch von einem Fluss aus. Aber als eigener Kapitän? Einfach in die Aare springen – das geht an vielen Orten in Bern problemlos. Und sich dann von der Strömung mitreißen lassen. Aber Vorsicht! An einigen Stellen versperren Wehre das Weiterschwimmen. Kurz aus dem kühlen Nasse hüfen und ein paar Meter weiter wieder in die Aare hüpfen, kein Problem. Zur Belohnung gibt’s dann Rösti und ein Eis an einem der zahlreichen wunderschön gestalteten Brunnen.

Goethe, Napoleon, Bach – wo kann man das schon erleben? In Leipzig. Und noch mehr, wenn man die Augen offen hält … oder in diesem Buch blättert. Ganz aktuell mit dem Tipp zum letzten architektonischen Coup von Oscar Niemeyer, einer futuristischen Kugel. Sie ist im alten Industriegebiet der Stadt, das heute zum größten Teil als Ort für Künstler dient, als Kantine einer der wenigen verbliebenen Fabriken. Und sie ist besuchbar. Street art mit ältesten noch erhaltenen Kunstwerk dieser Stilrichtung, Speisen wie im bekanntesten Buch deutscher Sprache („Faust“) oder das größte Gothic-Festival der Welt – Leipzig ist eben nicht nur Messestadt und einer der am schnellsten wachsenden Städte in Deutschland (was ja irgendwie auch mit dem Angebot an Zerstreuung zu tun haben muss, oder?!).

Linz steht in Österreich in keinerlei Wettstreit mit anderen Städten wie Wien oder Salzburg. Die haben ihre Fans. Linz kommt langsam, aber stetig an die Oberfläche und wartet Höhenrausch und Unterwelten gleichermaßen auf. Und als Wegzehrung immer eine Linzer Torte.

Jedes Kapitel beginnt mit dem „perfekten Tag“, gefolgt von zahlreichen Tipps, was man noch sehen muss. Das Buch ist alphabetisch geordnet, was dazu führt, dass man es automatisch bei jedem Trip durch eines der drei Länder in die Hand nimmt. Denn so kompakt und informativ für den kleinen Abstecher zwischendurch wurde man selten verführt. Das Offensichtliche und das Verborgene gehen in diesem Buch eine zufriedenstellende Symbiose sein.

Eine kurze Geschichte des Romans

Ein mutiges Anliegen ein Buch zu schreiben über die wichtigsten Romane. Denn natürlich unterliegen Romane dem persönlichen Geschmack. Manch einer sucht sein Glück im Wühltisch beim Discounter und liest sich in die heile Welt vor wunderschöner Kulisse. Andere suchen die Herausforderung in Allegorien, historischen Romanen und finden in  Schlüsselromanen den Schlüssel zum eigenen Glück. Und jeder hat seine eigene Liste von Büchern, die er für Immer und Ewig im Regal stehen haben wird.

Die Auswahl, die Henry Russell für dieses Buch getroffen hat, kann sich aber durchaus sehen lassen und den Geschmack der meisten treffen. Wobei es der Autor vermeidet sich anzubiedern. Denn unstrittig gehören „Moby Dick“, „Der Zauberberg“ oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ ebenso in den gut sortierten Bücherschrank wie „“Wer die Nachtigall stört“, „Der Prozess“ und „Im Westen nicht Neues“.

Um es nicht nur bei der bloßen Aufzählung der Werke zu belassen, erhält man eine kurze Einleitung über die verschiedenen Genres – die Welt der schönen Worte besteht nicht nur aus Liebe und Verbrechen. Wer schon einmal einen Briefroman gelesen hat, weiß um die Informationen aus erster Schreiberhand und wird die Fiktion als echter wahrnehmen. Erst dadurch wirkt „Dracula“ von Bram Stoker so richtig düster.

Es handelt sich bei diesem Buch um einen Schmöker, den man auf den ersten Blick gar nicht als solches wahrnimmt. Doch je mehr man sich in die Welt der Bücher vertieft – und nur dafür gibt es diese Welt – desto mehr findet man Lücken im eigenen Regal. Die Empfindungen reichen von „Ach ja, das Buch gibt es auch noch!“ bis hin zu „Was? Davon habe ich noch nie gehört. Muss ich lesen!“. Denn Henry Russell gibt kleine Seitenhiebe ins „Habenwollen-Zentrum“ von Bücherwürmern.

Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Robert Kochs Affe

Da. Steht. Ein. … Affe in der Tür und bittet Dr. Hesse herein. Klingt jetzt nicht nach einer Geschichte über den derzeit wohl berühmtesten Arzt Deutschlands. Es ist aber so! Dr. Hesse hat ein Vorstellungsgespräch bei Robert Koch. Dessen Institut ist seit Monaten jedem ein Begriff. Seine Forschungen zu Krankheitserregern sind maßgebend für die heutige Forschung. Er machte die Medizin zur Naturwissenschaft. Und dort will auch Dr. Hesse arbeiten. Kochs Frau passt es nicht, dass ihr Gatte andauernd mögliche Kollegen zu sich nach Hause einlädt. Dafür hat er doch sein Institut.

Dieser Affe, Storm wird er gerufen, hat eine Vergangenheit. Schon früh reiste Koch nach Afrika, in die damaligen deutschen Kolonien. Hier forschte er zur Schlafkrankheit. Die hatte unerklärlicherweise die Einheimischen befallen. Dass Koch auch auf britischem Gebiet forschte, passte vielen nicht in den Kram. Hinter vorgehaltener Hand bezichtigte man ihn der Spionage. Aber Koch hatte einen Ruf. An dem konnte man nicht einfach mal so kratzen. Nur einmal unterbrach er seinen Aufenthalt in Südost-Afrika. Als er nach Stockholm eingeladen wurde. Dort nahm er persönlich den Nobelpreis in Empfang. Dass in seinem Labor in Afrika derweil fast ein fataler Fehler gemacht wird, entgeht ihm. Denn sein Lösungsansatz ist mehr als fragwürdig. Wie konnte er nur annehmen, dass Rattengift die Lösung herbeiführen könnte?

Ein weiterer Ortswechsel und ein Zeitsprung führen den Leser nach New York. Kochs Familie ist auf der ganzen Welt verstreut. Ihm selbst geht es immer schlechter. Schon bald wird die Heimreise antreten und die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen (können). Doch auch hier, in der neuen – zivilisierten – Welt, wird er von Seuchen nicht in Ruhe gelassen. Die Typhoid-Mary, eine Patientin, die dank der Hearst-Presse einen jahrelangen Spießrutenlauf durchleben muss, schafft es unfreiwillig im wieder in die Gazetten. Koch würde gern helfen, kann es aber nicht. Doch er verfolgt ihr Schicksal mit wachem Verstand.

Michael Lichtwarck-Aschoff wagt es am Denkmal Robert Koch ein wenig zu kratzen. Ihm geht es nicht darum, den Lack von dem Bakteriologen zu entfernen. Vielmehr zeigt er einen Mann, der getrieben war vom Erfolg der Wissenschaft. Dass dabei, bei aller Vorsicht (auch wenn Koch selbst nicht als der reinlichste Mensch galt – Händewaschen war bei ihm Glückssache) immer wieder Fehlprognosen und Fehlinterpretationen auftraten, ist nur allzu menschlich. Die Fehler, sprich die Konsequenzen, jedoch können verheerender sein, als wenn man den falschen Treibstoff tankt. „Robert Kochs Affe“ liest sich leicht wie ein Roman, gibt Einblicke in  wissenschaftliche Arbeit und zeigt einen Mann, dessen Wirken bis heute nachvollziehbar ist.

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.