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Spionage in Berlin

Die Stadt in Trümmern, die Menschen verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, Soldaten stehen mit gepeinigten Mienen nebeneinander und sich gegenüber: Berlin 1945 ist wahrlich kein Ort, an dem man das Paradies vermutet. Doch hinter den Kulissen werden Allianzen geschmiedet. Wo Leid ist, ist auch Neid. Wo Neid ist, herrscht misstrauen. Und Misstrauen ist die Grundlage für Spionage. Wo einst gemeinsam gegen die braune Brut gekämpft wurde, kocht jeder am nächsten Tag schon sein eigenes Süppchen. Und dabei stehen sich hier nicht nur Briten, Franzosen, Amerikaner und Sowjets gegenüber. Selbst untereinander ist sich jeder selbst der Nächste. Die Geheimdienste sind die ersten, die funktionierend Strukturen im zerstörten Berlin aufzubauen in der Lage sind. Hüben wie drüben versucht man das Maximale für sich selbst rauszuholen und dem Anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln zu gönnen. Denn wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aktion statt Reaktion.

Davon bekommt der Großteil der Bevölkerung natürlich nichts mit. Schließlich sind hier Geheimdienste am Werk. Und die arbeiten nun mal im Geheimen. Und das in der Stadt, die vor anderthalb Jahrzehnten die Kapitale der Welt war. Sonderstatus genießt. Berlin gehört nur auf dem Papier zu Westdeutschland. Vier Sektoren stellen 24/7 klar, dass Berlin sowohl zur einen als auch zur anderen Seite gehört. MI6 und CIA öfter mal gemeinsam und SDECE im Westen und das  blitzschnell ins Leben gerufene MfS, die Stasi, auf der anderen Seite. Das Sägen an den Stühlen der Oberen gehört schon immer zum Handwerk. Erich „ich lieb doch alle Menschen“ Mielke war anfangs nicht als Chef der Stasi vorgesehen. Ein Mörder mit Zwangsrekrutierung in eine NS-Organisation, der mehr aktiv als Passiv am Sturz von Walter Ulbricht beteiligt war, das war selbst den Sowjets zu viel. Der war schlecht zu kontrollieren. Schlussendlich leitete er den Spitzeldienst über vierzig Jahre, ohne je ernsthaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das bisschen Knast am Ende seines Lebens, hat ihn sicher weniger gejuckt als das Misstrauen der Sowjets zu Beginn seiner Karriere.

Berlin als Hort der fiesen Tricks, gemeinen Fallen, tief liegender Gräben und Stollen, Abhörmekka, Testgebiet für neue Technologien, Areal der Effizienz war in Planquadrate eingeteilt, auf denen mit Menschen ein Spiel getrieben wurde, das sie selbst nie als solche erachteten. Dietmar Peitsch war ebenfalls Teil dieses Systems, was heute so allgemein als Spionage und Spionageabwehr abgetan wird. Geduld musste man schon mitbringen, um in diesem gnadenlosen Geschäft erfolgreich sein zu können. Cleverness, Chuzpe, Charisma mit einer gehörigen Portion Eigensinn sind Grundeigenschaften eines erfolgreichen Spions oder Agenten.

Sachlichkeit und Detailverliebtheit sind Eigenschaften des Autors, die dem Leser durch dieses Buch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Geheimdienste und ihrer Agenten geben. Angereichert mit Anekdoten wie der der versuchten Anwerbung des Autors durch die Stasi.

Viva la vida! Frida Kahlo

Wenn eine Künstlerin, ganz ohne Gender-Sternchen, eine Künstlerin, den Stempel Ikone aufgedrückt bekommen darf, dann Frida Kahlo. Ihr Konterfei erkennt jeder, der den Namen schon einmal gehört hat: Die harten Gesichtszüge, der starre Blick und diese aufdringlichen, unübersehbaren Augenbrauen. Und das nicht erst seit der nicht minder ikonisch ausgefallenen Filmbiographie mit Salma Hayek als zerrissene Malerin.

Über ihr Leben war bisher eigentlich vieles bekannt. Der Unfall, der ihr Leben veränderte. Die Beziehung zu Diego Rivera, dem im wahrsten Sinne des Wortes gewaltigen mexikanischen Maler. Und vor allem ihr ausschweifendes Leben. Annette Seemann gibt in ihrer Biographie vielen bekannten Fakten neue Nahrung. Denn sie trägt einiges zusammen, was bisher eher nur Fachleuten bekannt war. Sie sah Briefwechsel ein, studierte Gutachten, und ihr gelang ein weiteres Schlaglicht auf Frida Kahlo zu werfen.

Doch es sind nicht die kleinen Anekdoten, die reichlich aufzählbaren Affären oder die peinigenden Qualen ihrer Krankheitsgeschichte, die dieses Buch mehr als lesenswert machen. Es ist die sagenhafte Geschwindigkeit, in der die Autorin das rasante Leben von Frida Kahlo noch einmal Revue passieren lässt. Seite für Seite öffnet sich der Vorhang erneut für ein weiters Kapitel einer Künstlerin, die anfangs tief im Schatten des großen Rivera stand. Sie war seine Frau, zweimal hat sie Diego geheiratet. Sie war die Frau an seiner Seite, allerdings immer ein wenig im Hintergrund. Erst kurz vor ihrem Tod – auch hierzu gibt es im Buch Erkenntnisse, die so manches Klischee erblassen lassen – rückte sie in Riveras Nähe, um ihn schlussendlich in den Schatten zu stellen. In Mexiko wird er heute noch verehrt – ihr errichtet man immer noch Denkmäler.

Wie die gesamte blue-notes-Reihe räumt auch diese Biographie mit dem ermüdenden Kampf der Geschlechter auf. Letztlich ist es doch egal, ob Frau oder Mann die Bilder schuf. Frida Kahlos Bilder sind für den Betrachter oberflächlich leicht zu erkennen. Sie zu entschlüsseln, dazu bedarf es ein wenig Hintergrundwissen. Und davon gibt es auf den knapp einhundertfünfzig Seiten mehr als genug. Surrealismus, Realismus, Folklore – die Spielarten der Stile waren Frida Kahlo willige Werkzeuge, um sich auszudrücken. Vom ersten Malkasten, den ihr ihr Vater schenkte, bis zu überdimensionalen Werken, die weithin Räume erstrahlen lassen, gibt Annette Seemann die ihnen zustehende Sprache an die Hand.

Gedichtekalender 2022

Wenn das Wort schärfer als das Schwert ist, sitzt der Schnitt meist tiefer als man meint. Wie tief, das hängt vom Betrachter ab. Ein tiefer Schnitt muss aber nicht immer mit einer Verletzung einhergehen. Oft reicht schon ein kleiner Ritzer, um sich dauerhaft an ihn zu erinnern. Der Gedichtekalender für das Jahr 2022 wird auf alle Fälle Eindruck hinterlassen. Verletzungen ausgeschlossen. Ebenso die „kleinen Ritzer“.

Schon das Deckblatt verrät wo die Reise hingeht. Albert Einstein ist nun wahrlich nicht für seine Gedichte bekannt. Bonmots hatte er viele parat. Den Schalk im Nacken spürt man sofort. Denn egal wie das alte Jahr war, das nächste kann nur besser werden. Basta. Keine Diskussion. Schließlich hat es Einstein gesagt.

Zwei Gedichte pro Monat – das muss reichen, um sich den einen oder anderen Morgen das zerknitterte Gesicht mit einem Lächeln zu verschönern. Von Goethe bis Sappho, von Eichendorff bis Mörike. Rilke, Fontane, Storm und Politycki – selbst wer bisher nicht viel am Hut hatte mit dem vermeintlichen „Reim Dich oder ich beiß Dich“ erklimmt schnell den bisher scheinbar scher zu bezwingenden Berg der Poesie. Und als wenn das noch nicht reicht, sind alle Gedichte in schönster Handschrift vom Herausgeber Hubert Klöpfer selbst geschrieben. Schmierfinken senken beschämt den Kopf, Stilisten heben wohlwollend ihr Haupt und legen das schönste Sonntagsgrinsen auf ihr Antlitz. Zweifler schlagen hektisch die letzte Seite auf und lesen die Gedichte noch einmal in technisch einwandfrei gedruckter Form nach.

Doch das Original in schönster Schreibschrift ist immer noch das Nonplusultra der Poesie in diesem Kalender. Erhaben, ein wenig elitär – wer kann den noch sooo schön schreiben? – nachdenklich, erfrischend. Jede Zeile trifft den Leser ins Herz. Ob der folgende Tag dadurch besser wird? Nicht immer. Aber auf alle Fälle wird der durch die Gedichte nicht schlechter. Man selbst wird wissender, geistreicher. Kann die Kollegen mit den Zeilen selbst erfreuen. Der Möglichkeiten Vielfalt ist keine Grenze weit genug.

Als Abwechslung zum bunten Allerlei der alljährlichen Wandverzierung ist diese Wahl eine einzigartige und überlegenswerte Alternative. Einsteins Augenzwinkern, Mörikes Abschiedsschmerz, Rilkes Romantik – hier wird jeder fündig, der im Hirn ein bisschen Platz für Poesie gelassen hat.

Los, Babe, Abenteuer!

Wenn man schon nicht selbst in den Urlaub fliegt, dann will man doch zumindest etwas von der Welt lesen. Die Ersatzdroge für diejenigen, die dem Virus die Stirn bieten und einfach keine Angriffsfläche bieten. Und wenn man schon in der Lage ist, sich zurücklehnen zu können, um anderen beim Reisen zuzusehen, dann will man die eigenen Ansprüche um keinen Preis der Welt zurückschrauben. Was nichts anderes heißt als von den und vom Besten zu lesen.

Da bietet sich Christoph Höhtker förmlich an. Er reiste oft und viel und hielt seine Eindrücke schriftlich fest. Eifrige Zeitungsleser kennen seine Reiseeindrücke bereits. In seinem nassforschen „Los, Babe, Abenteuer!“ sind diese nun endlich zusammengefasst und um zwei Geschichten erweitert worden. Dem Autor beim Beobachten und Abdriften beizuwohnen, gleicht einem rasanten Ritt auf einem Gefährt, das zwar das ungefähre Ziel kennt, den Weg jedoch lediglich als Empfehlung wahrnimmt.

Wenn also in der Abflughalle auf dem Flughafen von Lanzarote Liam Gallagher in der Ecke hockt (oder zumindest jemand, der ihm in Gestik und shape verdammt nahe kommt), liegt der Vergleich mit Michel Houellebecq nicht zwingend auf der Hand. Dass es beim französischen Autor vorrangig ums Nichtarbeiten geht bzw. dass jeder, dem die Arbeit Freude bereitet ein Idiot sei, lässt die Folgerung einen Surfshop mit sich selbst als einzigen Kunden schon näher liegen. Ein Affront für jeden Lagerarbeiter, der die Nachrichten über Kurzarbeit und Umsatzeinbußen mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt, weil er weder weniger arbeitet noch systemrelevant ist – und trotzdem jeden Tag von Früh bis Spät sein Tagwerk verrichtet.

Es sind die kleinen Beobachtungen und die daraus resultierenden Erkenntnisse, die jede Geschichte zu einem Ereignis machen. Grillen, die zirpen. Vögel, die jubilieren, weil ihre nächste Mahlzeit sich lautstark zirpend (die Grillen) ihnen anbietet. Oder wenn im Frankfurt der Buchmesse die Stadt auf einmal im Fokus steht statt der Millionen bedruckter Papiere. Selbst dem Radioprogramm kann er auf der Autofahrt in heimischen Gefilden noch einen Hauch Sinn entlocken.

Höhtker macht, was er will. Er verknüpft Erinnerungen mit dem Offensichtlichen und kreiert einen Abenteuer-Cocktail, der schon in der Kehle brennt ohne die Flamme jemals löschen zu können. Mit Höhtker reisen, heißt unbändiges, atemloses Aufsaugen im scheinbar ereignislosen 3D des Alltäglichen.

Die versprengten Deutschen

Zuerst reiste Karl-Markus Gauß in seiner guten Stube herum und erforschte aus der Froschperspektive die Geschichte Europas. Dann zog es ihn in die Metropolen der Welt, in denen er noch mehr Geschichte fand. Es war die große Geschichte Europas, die er fand. Und nun? Nun sucht er nach den Geschichten. Nach der Geschichte der Deutschen, die in der vermeintlichen Fremde ihre deutschen Wurzeln noch pflegen, sie teils sogar suchen, mit ihnen hadern.

Fündig wird er im Baltischen Raum, in Litauen, Memelgebiet, wie es hier und da einmal hieß. Er trifft Luise. Sie hat ihre Muttersprache erst spät wieder erlangt. Jahrzehntelang war sie frei wie ein Vogel im Wind. Ihr Nest war in Litauen. Ihre Wiege stand in Deutschland. Immer wieder wechselten wie bei so vielen die Herren, die die Geschicke des Landes leiteten. Immer mit Repressionen verbunden. Dabei ist es egal, ob es nun Deutsche im Namen eines menschenverachtenden Feldzuges sind oder Russen auf dem Kreuzzug gegen die Besatzer waren. Sie flatterte aufgeregt zwischen den fronten hin und her. Meist aus einem zwang heraus. Was von ihr noch deutsch ist, kann sie kaum noch bezeichnen.

Gauß reist weiter. Quer durch Europa. Bis ans schwarze Meer. Bis an den südlichen Zipfel Europas. In die Berge, ans Meer. Doch immer in die Seelen der Menschen. Er ist wahrhaft kein Seelenfänger im bösartigen Sinn. Schon gar niemand, der das Deutschtum vergöttert, es in etwas verwandelt, was einen bitteren Beigeschmack mit sich führt. Gauß sucht, Gauß findet, Gauß hört zu, Gauß schreibt nieder. Die von ihm gesuchten, gefundenen, niedergeschriebenen Geschichten sind eindrucksvolle Einblicke, die man ohne ihn niemals gelesen hätte.

Wenn heutzutage von Assimilation, Eingewöhnung gesprochen wird, ist es immer mit einer Forderung verbunden, sich gefälligst unterzuordnen und sich selbst aufzugeben (was natürlich niemand so meint, wie er es sagt…). Das ist kein Phänomen der Gegenwart. Wer die Heimat verlässt, geht ein Wagnis ein. Das Wort Abenteuer hat im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und hat was von einem Erlebnisparkbesuch, der mit Einbruch der Dunkelheit endet, weswegen Wagnis hier wohl angebracht erscheint. Dieses Wagnis mündet in eine Neuentdeckung der eigenen Wurzeln. Neues kommt hinzu, Altes tritt vereinzelt in den Hintergrund.

Gauß staunt selbst über die Vielfältigkeit des Deutschseins. Und lässt den Leser mit seinem Staunen nicht allein. Immer weiter treibt es ihn in Gemeinschaften, in Landstriche, die mehr deutsche Prägung haben als an der Oberfläche zu sein vermag. Diese europäische Deutschlandreise ist ein intelligenter Streifzug durch Europa zu deutschen Wurzeln, tiefer in die Kultur als so manches von Oben gewünschte Verhalten.

Ankunft in der Fremde

Wir kennen Pascal schon ein bisschen. In „Ungeteerte Straßen“ ließ er uns an seiner Kindheit teilhaben. „Am anderen Ende der Stadt“ tauchten wir tief in die Gedanken eines Heranwachsenden ein. Nun, fast schon ein Mann, beginnt für ihn der Ernst des Lebens. Allerdings nicht im heimatlichen Toulon, am Meer, den Bergen im Hinterland, sondern im weit entfernten Deutschland. In Freiburg. Das Vaterland verlangt – Ende der Sechziger Jahre üblich und nicht diskutabel – seinen Tribut.

Zum Glück sind bei ein paar Leute, die wie er die Liebe zum Rugby teilen. Das erleichtert die Eingewöhnung erheblich. Doch Deutschland ist kalt. Was zuerst als Spaß gedacht war, wird nun bitterer bzw. bitterkalter Ernst. Die wenigen freien Stunden verbringt man mit Flirten, Rauchen und Träumereien. Immer im Gepäck: Lyrik von Jacques Prevert. Dem Pazifisten. Das fällt auch Madame Da Silva auf. Zwischenzeitlich hat sich aus dem dreckigen Militärdienst klischeehafter Vorstellung das Tor zum Paradies weit geöffnet. Pascal darf – und nur so kann man den göttlichen Wink des Schicksals bezeichnen – als Chauffeur für die Gattin des Generals ein durchaus privilegiertes Leben führen. Zwar als Soldat der Armee, dennoch im zivilen Leben. Die Neider verstummen für Pascal schon bald. Denn er kann sie nicht hören. Die Kaserne ist weit weg. Das Leben wartet auf den Wissbegierigen.

Den Dienst verrichtet er wie es sich gehört. Eine Rüge wegen Unordnung und Unachtsamkeit nimmt er hin. Solange er nur in die Stadt kommt. Uschi, Martina und dann doch Verena sind ihm näher als jemals zuvor ein Mensch war. Rückschläge inklusive. Doch Verena … ja, Verena kommt er näher als er es sich erträumen ließ.

Wieder einmal beweist Gérard Scappini, dass das harte Leben mit liebevoller Poesie durchaus zu beschreiben sein kann. Pascal ist das alter ego des Autors. Pascal lernt zu überleben in einer Umgebung, vor der seine Eltern ihn bisher beschützen konnten. Nun muss er auf eigenen Beinen stehen. Der Lernprozess ist fortwährend, doch das weiß er erst, wenn er mittendrin ist. Zwischen dem, was er kennt, und dem, was er noch kennenlernen wird, liegen Welten. Nicht nur geographisch. Zwischen akkurat geschnittenen Haaren und freigeistigen Hippies, zwischen Prevert und Beat, zwischen Heimat und Aufbruch, wiegt sich ein junger Mann, dem man gern auf humorvollen Sohlen folgt. Immer wieder ertappt man sich wie man dem blitzgescheiten Pascal bei naiver Träumerei nur das Beste wünscht. Teil Drei der lyrischen Prosabiographie lässt die Unbekümmertheit der ersten beiden Bände hinter sich, überrascht im Gegenzug durch neuerliche Anwandlungen von überbordendem Lebensglück.

Kaffeehäuser erzählen

 

Wenn diese Wände reden könnten, oft gehört nie so richtig ernst gemeint. Und wenn wir bei diesem Sprachbild bleiben, so hat Ulrike Rauh die spitzesten Ohren der Welt. Sie reiste von Chile bis zum Vesuv, von der Adria bis zur südamerikanischen Pazifikküste. Und hier und da rastete sie in einem Kaffeehaus und lauschte den Geschichten, die die Wände ihr erzählten. Sie ließ sich inspirieren, setzte sich in die Bücherregale der Cafés, verschwand nicht hinter, sondern im Vorhang und beobachtete. Und diese Erkundungstouren feiern in diesem außergewöhnlichen Buch ihre Zusammenkunft.

Wien ohne Kaffeehauskultur ist wie Paris ohne den Eiffelturm, Florenz ohne die Renaissance oder Venedig ohne das Wasser – einfach nicht einmal die Hälfte wert. Ulrike Rauh hat nicht alle Kaffeehäuser besucht. Aber, die sie besucht hat, bekommen durch ihre Geschichten noch einmal einen besonderen Touch von Exklusivität. Im Café Central in Wien beobachtet sie eine Dame, die hier ihr tägliches Ritual vollzieht. Sie liest wie einst Stefan Zweig, der die riesige Auswahl an Magazinen so mochte. Nach dem ersten Kaffee – es gibt soooo viele Arten der Zubereitung, vom Einspänner über den Verlängerten, dem Fiaker …. – gibt’s Kuchen, Malakofftorte und den zweiten Kaffee. Die Dame ist Schriftstellerin, das verbindet Beobachtete und Beobachterin.

Mal erzählen die eleganten, schweren Vorhänge vom Geschehen an den Tischen, mal sitzt die Erzählerin zwischen Bücherrücken und schaut neugierig auf die Szenerie. Histörchen gibt es allemal zu erzählen. Ulrike Rauh liebt es den Dingen auf den Grund zu gehen. Und so verwandelt sich die manchmal melancholische Erzählweise in eine Exkursion in längst vergangene Zeiten. Wer hat wann wen bedient? Wessen Bilder hängen (immer noch) an den Wänden? Welcher Freigeist konnte und kann sich hier den Weg bahnen?

Berühmte Cafés wie das Florian in Venedig bekommen dieselbe Aufmerksamkeit wie scheinbar in den Hintergrund getretene Wohltempel wie das Hawelka in Wien, dessen Ruf nur leiser als der des Sacher oder Mozart erscheint. Hier trinkt man nicht einfach nur eine Mischung aus gemahlenen, zuvor erhitzten Bohnen, die im gekochten HaZweiOh kredenzt werden. Hier zelebriert man das Leben. Hier lässt man die Seele baumeln. Hier ist man Mensch.

Franken Quiz

Rätsel, Rätsel, Rätsel. Über Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ rästelt man bis heute. Bei dem Gedanken an die epische Produktionszeit von „Apocalypse Now“ schaudert es jeden Filmproduzenten. Rätsel zu lösen, sind eine Leidenschaft, die mehr als nur einen Fernseh(vor)abend dauert. Welch Arbeit dahinter steckt, bleibt für alle – bis auf die Beteiligten – ein … na was schon … ein Rätsel.

In der Pandemie haben wir Tag für Tag Künstler und Freischaffende kennengelernt, die sich lautstark über die mangelnde Unterstützung beklagten. Das ist das harte Los der Selbstständigen.

Matthias Kröner – selbstständiger Autor und mittlerweile Quizentwickler – hat die erzwungene fast schon als freie Zeit zu bezeichnenden vergangenen Monate genutzt, um dem Rätsel wie es weitergehen soll sein kreatives Potential an den Kopf zu schmettern. Als eingefleischter Franke im Ostsee-Exil war es mehr als nur ein Zeitvertreib dieses Franken-Quiz zu auszuarbeiten.

Was sofort auffällt, ist die Vielfalt der Fragen – womit nicht die Anzahl gemeint ist. Sondern vielmehr die gut sortierte Auswahl an Themengebieten. Von Politik und Theaterszene (ausnahmsweise nicht im Zusammenspiel) über Geographie und Sport bis hin zu speziellem Fachwissen. Wer weiß schon, wo vor fast siebzig Jahren die erste Pizzeria eröffnet wurde? In Würzburg sicher mehr Leute als anderswo … upps, Spoileralarm.

Als passionierter Reisebuchexperte und Franke mit Herz, Seele und Zungenschlag, konnte er schon mehreren Geheimnissen in seiner fränkischen Heimat auf den Grund gehen als die Mehrheit seiner Landsleute. Dieses Spezialwissen merkt man den Fragen des Quiz an. Schon mal was vom Frankenrechen gehört? Wo ist die Chance am größten Süßkirschen – nicht unbedingt in Nachbars Garten – stibitzen? Und für alle, die dem Fränkischen Zungenschlag nicht ganz abgeneigt sind: Was ist ein „oozuulds Buddlersbaa“?

Wenn andernorts, zur Unzeit der eigene Nationalstolz wie eine Kriegstrophäe vor sich hergetragen wird, kommt dieses Franken-Quiz wie ein lehrreicher und vor allem unterhaltsamer Regionalspaß auf den Spieletisch.

Sizilianisch Wort für Wort

Wenn ein Kind quengelt, dass es partout nicht ins Bett gehen will, kann das schon mal die letzten Nerven kosten. Wenn Pavarotti „Nessun dorma“ schmettert, trauert man der verlorenen Zeit nach, in der man dieses Lied nicht gehört hat. Italienisch ist nun mal die Sprache der Musik. Und Sizilianisch? Das ist keine eigenständige Sprache, sondern ein Dialekt, der – bereist man Sizilien – hier und da so manche Tür öffnen kann und einen geselligen Abend durchaus erleichtert.

Mit diesem kleinen Büchlein, das bequem in jede Hosentasche passt, ohne dabei zu stören, trägt richtig dick auf. Beginnen wir am Ende des Buches, das man so schnell nicht aus der Hand legen wird. Hier befindet sich ein kleines Wörterbuch. Allerdings nicht für Deutsch und Sizilianisch, sondern für Italienisch und Sizilianisch. Hier werden die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten deutlich.

Für die richtige Aussprache muss man weiter nach vorn blättern. Die richtige Aussprache der Buchstaben – die gleichen wie im Deutschen – sorgen die ersten Seiten. Sobald folgen gelehrige Einführungen in die Grammatik, was schlimmer klingt als es dann doch ist. Jeder sizilianische Satz wird Wort für Wort (liest sich erstmal seltsam, hilft aber enorm beim Verständnis für den Aufbau der Sprache) übersetzt. Darunter steht die deutsche Entsprechung. „Ich zu trinken Wasser“ (Lu a vìviri acqua) – da denkt man, dass man sich verhört hat. So spricht doch keiner. „Ich muss Wasser trinken“ – so klingt der Satz verständlich für deutsche Ohren. Hat man sich daran gewöhnt, kann man im Handumdrehen selbst Sätze bilden.

Ein wenig Vorbildung im italienischen Wortschatz ist von Vorteil, wenn man sich dem Dialekt Siziliens nähert.

Wie immer, wenn man beginnt eine neue Sprache zu lernen (auch wenn es sich um einen Dialekt handelt), muss man sich eine gesunde Basis schaffen. So wie man den Tag mit dem Frühstück beginnt – auch wenn das im Speziellen in Sizilien nicht gerade üblich ist, hier schaufelt man sich erst zum Mittag die Backen richtig voll, um am späten Abend ein nicht minder reichhaltiges Mahl zu genießen, was das wegfallende Frühstück wiederum erklärt – so beginnt auch dieses Buch mit ein paar wenigen essentiellen Vokabeln und leichteren Grammatikregeln. Zahlen, Wochentage, wiederkehrende Floskeln erleichtern den Einstieg ins noch fremde Sizilianisch. Kapitel für Kapitel wird man sicherer im Umgang mit Aussprache und Wörtern, so dass man dann und wann schon mal den ersten Flirt auf Sizilianisch probieren kann. Eine Erfolgsgarantie ist das nicht, aber gegenüber den Anderen hat man zumindest den Vorteil der gemeinsamen sprachlichen Ebene auf seiner Seite. Es lohnt sich also dieses kleine Büchlein zu sutdieren…

Die Narayama-Lieder

„Es ist ein Brauch von Alters her, wer siebzig ist, geht auf den Berg“, naja, ganz so salopp sollte man diesen Brauch nicht nehmen. Und schon gar nicht dieses kleine Büchlein. Denn es birgt einen kleinen Schatz in sich. Den einer wunderbaren Legende.

Orin ist mittlerweile 69 Lied, vor zwanzig Jahren hat sie ihren Mann verloren. Ihr Sohn Tatsuhei und ihre vier Enkel sind ihr Lebenselixier. Dass auch Tatsuhei schon Witwer ist, betrübt die Frau. Mehr noch als die ewigen Sticheleien ihres ältesten Enkels. Bald schon steht Orins siebzigster Geburtstag an. Ein bedeutsames Datum in den Bergen Japans, wo Orin und ihre Familie leben. Denn dann ist der Tag gekommen, an dem sie die Reise zum Narayama antritt … und niemals zurückkehren wird. Ganz nüchtern betrachtet, werden die Alten auf dem Berg ausgesetzt und man erinnert sich nicht mehr an sie. Die Dorfgemeinschaft reguliert so ihr Überleben.

Aber sind wirklich die reinen Fakten. Shichiro Fukazawa macht daraus eine rührende Geschichte. Orin ist beseelt von dem Gedanken ihrem Sohn eine Frau an die Seite stellen zu können. In dem anderen Dorf – hier oben gibt es keine Namen für Dörfer – gibt es eine Frau, deren Mann erst vor Kurzem gestorben ist. Die auferlegte Trauerzeit von neunundvierzig Tagen muss überstanden werden, dann lädt man die Frau zu sich ins Haus. Und wenn man sich einig geworden ist, bleibt sie. Das Leben kann so einfach sein! Muss es auch! In der Dorfgemeinschaft herrschen strenge Regeln. Es gibt kein Geld, jeder weiß, was der Andere im Speicher hat, und man haushalten können mit dem, was man hat. Die Winter sind lang, hart und unnachgiebig. Völlerei ist unangemessen und führt unweigerlich zu Engpässen. Um die Dorfgemeinschaft herum sind nur Berge. Die so genannte Zivilisation ist geographisch wie gedanklich unendlich weit weg. Nur wenn das Narayama-Fest ansteht, kommen alle zusammen. Die Vorbereitungen schweißen zusammen. Der Abschluss des Festes ist bitter. Denn wieder wird jemand die Gemeinschaft verlassen…

Shichiro Fukazawa schildert in poetischen Bildern eine fremde Kultur. Eine Kultur, die funktioniert. Das darf man nicht vergessen. Zusammenleben heißt Sicherheit. Und die steht über allem. Da bleibt wenig Raum zur Selbstverwirklichung wie man sie in den Städten versteht. Wenn die Lieder der Legende von Narayama erklingen, weiß Orin, dass es bald schon so weit ist, die Reise anzutreten. Es bleibt ihr nicht viel Zeit, um ihren Sohn in Sicherheit zu wissen. Und wir Leser dürfen diese intensive Zeit hautnah miterleben.