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Stadtabenteuer Stockholm

Wenn man schon mal hier ist – dann muss man auch alles mitnehmen, was mitzunehmen ist. Wenn man schon mal hier ist – so lautet auch eine Rubrik am Ende eines jeden Kapitels. Wenn man schon mal hier ist – braucht man dieses Buch.

Stockholm als schlummernde Grazie zu bezeichnen, ist noch richtig. Doch die Hauptstadt Schwedens erwacht immer öfter, immer früher, immer heftiger. Waren noch vor zwanzig Jahren nur eine Handvoll Städte auf der To-Do-List für Cityhopper, so sind es mittlerweile so viele, dass man sie kaum noch zählen kann. Und immer öfter wird die schwedische Hauptstadt genannt. Zu Recht, das wissen auch Antje und Johannes Möhler.

Die den Kinderschuhen entwachsene Buchreihe Stadtabenteuer, geht in eine neue Runde. Und den Auftakt dieser Runde macht Stockholm. Eine zerklüftete Stadt, die aus unzähligen Inseln und Inselchen besteht. Klar, dass man hier noch echte Abenteuer erleben kann. Das Abenteuer beginnt schon auf der ersten Umschlagseite. Sieben Fragen, die natürlich alle im Buch beantwortet werden, führen den Neugierigen auf die richtige Fährte.

Warum nicht mal in einem Museum ein Abenteuer erleben? Klingt auf den ersten Blick nicht besonders dramatisch. Muss es ja auch nicht werden. Aber allein schon die Vorstellung, dass es möglich ist… Die Rede ist vom Schnapsmuseum. Nicht nur gucken lautet hier die Devise. Und wenn man schon mal hier ist … das ist es wieder … um die Ecke kann man dem dicken Kopf, dem Kater, wie auch immer, noch mehr Futter geben. Der Vergnügungspark Gröna ist gleich um die Ecke. Wem dieses Abenteuer doch zu abenteuerlich ist, der nüchtert beim Spaziergang durch die Wälder der Insel Djurgården aus. Auch das Wasamuseum lässt den Kopf schnell das Hochprozentige Abenteuer vergessen.

In Stockholm ist sogar eine Shoppingtour ein Abenteuer. Upplandsgatan und Odengatan lauten die Zauberworte, die die Autoren zum Flanieren verleiten. Retrochic und echte Unikate warten hier nur darauf endlich aus der Versenkung geholt zu werden.

Stockholm als einzigartiger Abenteuerspielplatz? Ja, aber. Natürlich rennt man nicht mit brennender Fackel und Säbel zwischen den Zähnen durch die Stadt, um sich wie ein Abenteurer zu fühlen. Man erobert sie auch nicht, um sie sich Untertan zu machen. Vielmehr lädt dieses außergewöhnliche Reisebuch dazu ein, vieles fernab der festgetrampelten Pfade selbst zu entdecken. Antje und Johannes Möhler halten sich nicht still im Hintergrund, vielmehr stupsen sie den Leser und Besucher der Stadt immer wieder an, den nächsten Schritt zu wagen. Wenn das kein Abenteuer ist?!

Comer See

Einer der am meisten gemachten Fehler ist wohl, den Comer See überkorrekt einzudeutschen: Es ist nicht der Comoer See! Will man nicht gleich als Touri unangenehm auffallen, sondern etwas auf sich halten, verbringt man die Zeit am Lario, römisch für Lacus Larius. So nennen die Einheimischen den Comer See. Wie alle oberitalienischen Seen nimmt auch der Lago di Como eine besondere Stellung unter den eiszeitlichen Hinterlassenschaften ein. Und das nicht nur, weil Hollywood den See für sich entdeckt hat, George Clooney kann man ab und an hier urlauben sehen. Doch wer will schon Georg Clooney hinterherhecheln, wenn er in dieser grandiosen Kulisse die schönste Zeit des Jahr verbringt?!

Beginnend an der Schweizer Grenze im Norden schlängelt sich eine der beeindruckendsten Landschaften durch die Alpen. Ein Blau, das so kitschig ist, dass es schon wieder wahr sein muss. Das ist der Lago di Como. Bei einer Seefahrt (wortwörtlich zu nehmen) sieht sich das Auge nicht satt genug. Alles so hübsch, so ansehnlich, so fein. Reisebuchautor Eberhard Fohrer ist auch dieser Faszination erlegen. Doch rasch aus dem Rausch erwacht, macht er sich ans Werk und beweist auf mehr als zweihundertfünfzig Seiten, dass nicht allein das Wort hübsch ausreicht, um die Sinne mit Eindrücken zu fluten. Fast schient, dass er keinen Steinen auf dem anderen gelassen hat, um seinen Reiseband nachhaltig mit Wissen zu füllen. Ob man nun zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto unterwegs ist, Fohrer war schon da. Und er weiß wirklich alles, was man wissen muss. Jetzt muss man nur noch selbst auswählen, was man sehen, tun, erkunden will.

Abwechselungs- und kenntnisreich kann man jedem Tipp des Autors folgen. Como, die namensgebende Stadt, verschlungene Pfade, exzellente Restauranttipps, unvergessliche Aussichten – und immer wieder kleine Geschichten am Rande (in diesem Fall in farbigen Kästen) lassen jeden Ausflug im, am und rund um den Comer See zu einem besonderen Erlebnis werden. Selbst die große Geschichte hat vor dem See nicht Halt gemacht. Ende April 1945 wurde hier der Duce auf der Flucht von Partisanen aufgegriffen. Einen Tag später baumelte sein lebloser Körper in Mailand auf dem Piazzale Loreto.

Noch ein letztes Wort zu Hollywood und Comer See. Der Ort Bellagio am Kamp, wo sich der See in zwei Arme teilt ist nicht nach dem gleichnamigen Casino in Las Vegas benannt. Das war wohl eher anders herum…

Es gibt nur wenige Seen, die es schaffen, dass ein Autor ein Buch über sie so reichhaltig füllen kann. Inklusive Ausflüge gen Milano und Bergamo und umliegende Seen ist es dank dieses Buches ein Leichtes hier viele Tage und Wochen ohne den leisesten Anflug von Routine zu verbringen.

Gesichter Australiens

Eine lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Diese Weisheit kennt auch Walter Laufenberg. Er kennt die Welt – vielleicht nicht in- und auswendig, besser jedoch als die meisten von uns. Australien stand lange auf der Wunschliste. Und endlich wurde aus dem Traum Wirklichkeit.

Schritt für Schritt, Zwischenlandung für Zwischenlandung, kommt er dem unbekannten Kontinent näher. Bis er ihm ganz nah ist. Denn der Weg ist das Ziel. Auch diese Weisheit kennt Walter Laufenberg. Wenn man dies beherzigt, liest sich sein Reisebericht wie das schönste Spielzeug, das man als Kind unter dem Weihnachtsbaum hervorkramen durfte.

Den ersten Schritt dieses Weges macht er bereits im Flieger, denn neben ihm thront ein schniefender Fleischkoloss, der sich bald als ergiebiger Gesprächspartner entpuppt. Sam ist Jugoslawe, der in Down under Opale schürft. Er lädt Walter Laufenberg ein, es auch einmal zu versuchen. Kostet nix, und eine Erfahrung ist es allemal wert. Doch zuvor hat der Reisegott eine Vielzahl an Begegnungen gesetzt, die der Autor allesamt in diesem Buch zum Besten gibt.

Das reicht von der Dresdnerin, die schon vor der Wende sich aus dem Staub machte – ganz offiziell mit Drangsalierungen und schlussendlicher Wartezeit – und nun bayrische Brotzeit offeriert bis hin zum Chinesen, der Laufenberg die Einkaufstüte aus der Hand reißt, um scheinbar seine Neugier zu tilgen. Eine fast schmerzhafte Erfahrung. BYO – bring Your own – ist eine weit verbreitete Art der Gastronomie in Australien. Einfach die Getränke selbst mitbringen. Manche Restaurants dürfen zwar Alkohol ein- ihn aber nicht ausschenken. Laufenbergs Welt steht Kopf. Aber nicht für lange.

Denn er weiß, dass hier die Uhren anders ticken. Und so manche Weltkarte verkehrt herum an der Wand hängt. Der Süden ist hier Oben. Saufen, Surfen, Sonnenbaden – dieses Klischee wird am häufigsten von den Aussies zum Besten gegeben. Als Weltbürger ist Walter Laufenberg erstmal schockiert ob dieser Worte, doch er merkt ziemlich schnell, dass das der typisch australische Humor ist. Ebenso wie das beharren auf den eigenen Barhocker, wenn davor auf dem Tresen noch ein Bier steht bzw. das Bierglas, ganz egal, ob voll, halbvoll, halbleer oder gänzlich ausgetrocknet.

Die Anekdoten sind durchweg nachvollziehbar, aber bei Weitem nicht für jeden nacherlebbar. Auf Menschen zugehen muss man schon können. Auch wenn das am anderen Ende der Welt nicht immer so einfach ist, wie so manches Vorurteil einem vormachen will. Als Fluglektüre ist dieses Buch ein wenig zu knapp, aber wer sagt denn, dass man gute Bücher nur einmal lesen kann?

Ihr wart doch meine Feinde

Herabfallende Blätter werden leicht zum Spiel des Windes. Entwurzelte Bäume sind ohne Halt. Da ist es leicht sie sich zunutze zu machen. Was so pathetisch klingt, war für Gabi einst Realität. Nun ist sie tot, und sie ihre Weggefährten treffen sich, um Abschied zu nehmen. Doch so einfach ist die Sache dann doch nicht!

Denn nicht jeder kennt den Anderen. Nicht jeder kennt Gabis Geschichte. Sie war so ein loses Blatt, das sich im Spiel sich verfing. Die Stasi nahm das Heimkind unter ihre Fittiche. Und die ist immer noch präsent. Nicht Gabi, die Stasi. Und eine Verlegerin. Aus dem Westen. Untereinander beschnuppert man sich erstmal. Doch schon bald brechen die Dämme.

Hans Gerechter – welch wohl bedachter Name von Roswitha Quadflieg – hat die illustre Runde zusammengetrommelt. Alle, die kommen sollen, kommen. Aber auch ein paar, die nicht eingeladen waren. Hans muss schnell feststellen, dass er seine Gabi nicht so gut kannte wie er dachte. Da reißen alte Wunden auf. Anschuldigungen fliegen durch den Raum. Aber auch Versöhnung liegt in der Luft. Hier, im Goldenen Adler, beim Leichenschmaus wird deutsche Geschichte gelebt. Für manch einen sogar vollendet. Denn als plötzlich das Licht ausgeht, wird es einen von ihnen schwarz vor Augen, für immer!

Nun greift Roswitha Quadflieg zu einem Kniff, der den Leser vollends in die Geschichte hineinzieht. Jeder der Anwesenden wird von der Polizei verhört. Sie lässt großzügig die Fragen weg. Sie lässt die Antworten für sich selbst sprechen. So wandelt sich aus der Trauerfeier, dem Schlagabtausch und der angespannten Situation aus Ossi, Wessi, Damals und Heute urplötzlich eine greifbare Spannung, die weder die Anwesenden noch der Leser so erwarten konnten.

„Ihr wart doch meine Feinde“ reiht sich nicht automatisch in die endlose Folge von Büchern über die DDR, Stasi, Verfolgung, Perfidität und Aufopferung ein. Dieses Buch beginnt eine eigene Bücherreihe. Es sperrt sich gegen jedes Klischee, dass diesem Genre angehangen werden kann. Hier sprechen echte Menschen mit- und gegeneinander. Die Spannung bezieht der Stoff aus dem nebulösen Nichtwissen um die Beweggründe der Anwesenden gerade heute, gerade hier vor Ort zu sein. Unschuldig ist nur die Zeit. Jeder, der sich zwischen Korn und Schnittchen dem Anderen zuwendet, sich von ihm abwendet, hat sein Scherflein zum Misslingen dieses Tages beigetragen. Inklusive der Verursacherin.

Eine Zeit der Stille

Solch ein Klischee lässt man sich nicht entgehen. Im Kloster findet jeder die Ruhe, die er sucht. Patrick Leigh Fermor braucht sie, um ein Buch zu schreiben. Und zwar über das Ruhefinden im Kloster. Beißt sich da der Hund in den Schwanz? Wohl kaum.

Als gestandener Reiseschriftsteller, fast schon als Abenteurer zu bezeichnender Autor, hat er sich penibel auf sein neuestes Abenteuer vorbereitet. Sein Wissen über die Geheimnisse der ehrwürdigen Gemäuer ist umfangreich. Dennoch kann er nicht einschätzen, was ihn erwartet. Und das ist auch gut so. Zahlen und Fakten auf der einen Seite, gespannte Erwartungen auf der Anderen. So betritt er St. Wandrille in Frankreich, eine Abtei nordwestlich von Rouen, unweit der Seine. Postkartenidylle damals wie heute. Und ja, er wird die Ruhe finden, die es ihm erlaubt sein Buch zu beginnen, mit Geschichte(n) zu füllen und später zu veröffentlichen. Das Ergebnis hält der Leser in der Hand, und genießt den Entstehungsprozess.

In der Folge bereist er Solesme im Norden Frankreichs, La Grand Trappe im Dreieck Paris, Caen, Le Mans und die Felsenklöster in Kappadokien in der Türkei. Dort steht die Wiege des Mönchswesens überhaupt. Nun kann man dieses Buch als Reiseanleitung verstehen. Tipps zum Benehmen inklusive. Es sind vor allem einprägsame Reisereportagen, die nach Jahrzehnten nichts von ihrer Spannkraft verloren haben. Althergebrachte Rituale wie das Geißeln, was schon zur Besuchszeit Fermors fast nur noch symbolischen Wert hatte, stechen unter den Beschreibungen des Klosterlebens hervor.

Fermor rückt bewusst den Alltag in den Vordergrund seiner Betrachtungen und was sie mit ihm machten. Als Untermalung dient ihm seine enorme Lektüre, durch die er wahre Schätze erkennt. Weltliche wie ideologische Schätze. „Eine Zeit der Stille“ ist nicht das erste Buch über die (begrenzte) Zeit im Kloster. Und es war auch nicht das letzte Buch. Würde es eine Rangliste zu diesem Thema geben, dann ist dem Autor die Medaille samt Podestplatz sicher. Ohne viel Tamtam und wildes Spekulieren oder gar Werten lässt er die Bewohner und ihr Tun für sich sprechen. Nicht jeder ist für das Leben im Kloster gemacht. Aussteiger sind Fermor genauso nahe wie diejenigen, die ihr Kosterleben als wahre Berufung ansehen.

Vielleicht wird man nicht zwingend ruhiger bei der Lektüre, reicher an Wissen, offener für die Beweggründe hier zu leben und verständnisvoller für eine andere Lebenseinstellung wird man allemal. Patrick Leigh Fermor gebührt der Dank dafür ein nicht nur durchs Schlüsselloch geschaut zu haben, sondern manch schwergängiges Tor weit aufgestoßen zu haben.

Opus 77

Da sitzt sie nun. Am Klavier, ihrem Instrument. Es herrscht angespannte Ruhe. Denn das Publikum ist nicht wegen ihr angereist. Sie kamen wegen ihres Vaters, dem Claessens. Dem Dirigenten. Dem Gott am Pult. Arianes Vater ist gestorben. Sie pflegte ihn in seinen letzten Tagen, fütterte ihn. Ihn den Übermenschen, aber der niemals ihr Vater war.

Lange hat sie sich den Kopf zerbrochen, welches Stück sie spielen solle. Die Wahl fiel schlussendlich auf Dimitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, Opus 77. Sie als Pianistin und ein Violinkonzert? Selbst als Klassiklaie fällt der Widerspruch auf. Ihr Bruder David ist doch der begnadete Soloviolinist. Schon von Kindesbeinen an spielte er auf dem elterlichen Bösendorfer, so dass selbst die Mutter das Zimmer verließ. Ach ja, die Mutter. Einst schillernde Gestalt, doch im Schatten des großen Mannes (hinter dem ja bekanntlich immer eine starke Frau steht) verwelkte sie zusehends bis nur noch Falten des Zorns und der Abschottung ihr Antlitz kleideten.

Nun denn. Hebt an. Lasst die Zeremonie beginnen. Doch Ariane setzt ab. Sie lässt ihr Leben, das ihres Vaters Revue passieren. Und das erwählte Musikstück ist nun wirklich kein Zufall. Dimitri Schostakowitsch und sein Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, op. 77 ist kein leichtes Stück. Der Hauptakteur, der Violinist spielt ununterbrochen. Vierzig Minuten lang gönnt ihm der Komponist keine Pause. Das Konzert wurde 1948 komponiert und fiel in seinem Heimatland, der Sowjetunion, komplett durch. Schostakowitsch war bei Stalin unbeliebt. Dessen Speichellecker schikanierten den Komponisten wo es nur ging. Sein Lehrauftrag wurde ihm schon entzogen.

David Oistrach – der gleiche Vorname wie der Bruder der Erzählerin, bestimmt kein Zufall – wurde das Konzert auf den Leib geschrieben. Außerhalb der Sowjetunion wurde das Stück gefeiert. Nur daheim eben nicht.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Violinkonzertes beschäftigt, erkennt die Parallelen zwischen Musik und Roman. Das beginnt bei den Kapiteln Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Kadenz und Burlesque und hört bei den Charakterisierungen der handelnden Personen noch lange nicht auf. Alexis Ragougneau inszeniert seinen Roman mit enormer Akribie, so dass man sich schon bevor der Maestro ans Pult tritt im schönsten Konzertsaal der Literatur meint. Das Saallicht wird gedimmt, die Musiker stimmen ihre Instrumente, nervöses Sesselrutschen, die Solistin nimmt Platz. Anders als im Roman geht’s nun wirklich los. Geschickt wird das Thema eingeführt das Tempo zeiht an, um kurz vor Schluss (Kadenz) die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

Ein Buch für Musikliebhaber, für Leser mit einem offenen Ohr für die Pracht der Musik. Und für Leser, deren Horizont eben das ist. Unantastbar und ein Weg voller Überraschungen.

Im Auge der Pflanzen

Es soll ja Menschen geben, die durch die Gegenwart von Tieren zu einem anderen Menschen werden. Meist sogar zu einem besseren Menschen. Sieht man genauer hin, sind die Veränderungen aber gar nicht so gravierend. Sie sind dann vielleicht ruhiger, gelassener. Lassen die Aufregung nicht mehr so oft zu.

Djamila Pereira De Almeida treibt es mit der Veränderung auf die Spitze. „Im Auge der Pflanzen“ steht Celestino, Käptn Celestino. Einst ein gefürchteter Mann der Meere, der sich heute noch damit brüstet – oder ist es eine Art öffentliche Beichte, um Zeugnis abzulegen? – unzählige Leben ins Jenseits befördert zu haben. Dabei ist er in der Wortwahl nicht zimperlich. Sprüche wie, dass Hälse – die er höchstselbst umgedreht hat – kein Alter haben. Blut, das aus allem herausquoll, wo es nur herausquillen kann.

Den Kindern der Nachbarschaft, die dem Alten gern mal über den Gartenzaun lugen, imponiert immer noch die Statur des Seebären. Doch die eigentliche Faszination auf die Menschen um den einstigen Unhold hat ihren Ursprung in dessen Garten. Hier gedeihen die prächtigsten Pflanzen. Und hier hat Celestino nun endlich Frieden gefunden. Vom Saulus zum gründaumigen Paulus. Ja, Märchen können auch wahr werden.

Die Emsigkeit und Unnachgiebigkeit der Vergangenheit gereicht ihm heute zum Vorteil. Seine ganze Hingabe gilt dem Grün um ihn herum. Mit unvergleichlicher Liebe zur Flora schneidet er im richtigen Moment triebe zurück, wässert mit Bedacht seinen Grund und Boden und lässt farbenfrohe Blüten um sich herum erstrahlen.

Es ist die Einfachheit der Worte, die Djamila Pereira De Almeida verwendet und die Taten, die sie ihrem Celestino angedeihen lässt, die den Leser dieses vorzüglichen Büchleins nicht in Ruhe lassen. Hier kommt kein großer Knall, der alles auf den Kopf stellt. Celestinos Leben ist schon längst von links auf rechts gedreht worden.  Er genießt das Hier und Jetzt. Das, was einmal war, ist und bleibt ein Bestandteil seines Lebens. Und das für immer. Doch Celestino bevorzugt es sich nun gerade jetzt gut gehen zu lassen.

Als Leser kann man es sicht ebenso gutgehen lassen. Wie ein Blatt im Wind, das sanft auf eine saftige Wiese fällt, wiegt man sich im sanften Schaukeln der Wörter. Man wird sicher nicht zu einem besseren Menschen, wenn man dieses Buch liest. Aber man legt es zufrieden nach der letzten Seite neben sich, um immer wieder darin zu blättern.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Ifni – Spaniens letztes koloniale Abenteuer

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. So steht es geschrieben, so ist es auch. Und es gibt unzählige Opfer, die diesem Opfer, zum Opfer gefallen sind.

Es ist Sommer 1921. Spanien führt wieder einmal Krieg, um seine koloniale Expansionspolitik unter Beweise zu stellen. In Marokko kommt es in Annual zu einer verheerenden Niederlage. König Alfonso XIII. dankte zwei Jahre später ab. Jahre später – die Diktatur von Primo de Rivera ist vorbei, Francos Diktatur steckt in den Startlöchern – wird heftig über die Gefangenen der „Katastrophe von Annual“, dem „Desaster“ diskutiert. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die die Macht in Spanien an sich reißen wollen und deren Anhänger. Aber auch für die Presse. Viele lassen sich vom Wahn der erforderlichen Befreiung mitreißen. Doch überall, wo einem starke Worte um die Ohren fliegen, gibt es mindestens einen, der versucht der Wahrheit – und es gibt immer eine Wahrheit! – ans Tageslicht zu befördern. Manuel Chaves Nogales, stellvertretender Direktor der Tageszeitung Ahora war vor Ort, in Marokko. Von den 300 spanischen Gefangenen hat er … keinen einzigen gesehen. Nicht einmal von ihnen gehört. Es gab ein paar Spanier, die hier lebten. Achtzig Jahre später hätten sie vielleicht in der spanischen Ausgabe von „Good bye España“ eine tragende Rolle gespielt. Aber als Gefangene eines missglückten Krieges taugen sie niemals.

Vielmehr ist Spaniens kolonialer Gegenspieler in der Region Frankreich als Gefängniswärter anzusehen. Doch wo keine Gefangenen, kein Wärter. Dann gibt es noch die Glücksritter, die sich die Farce zu Nutze machen wollen. Wenn es in den Medien diese Gefangenen gibt, die spanische Regierung deren Herausgabe fordert (sogar eine militärische Intervention in Betracht zieht), dann kann man die Situation ausnutzen und selbst ein paar Taler daran verdienen. Doch keiner hat mit Manuel Chaves Nogales gerechnet. Er kabelt in die Madrider Redaktion: „Es gibt keine Gefangenen!“. Nicht „es werden keine Gefangenen gemacht“, was eher einer Kriegsreportage gut stehen würde. Nein, es gibt schlichtweg keine Gefangenen!

Dieser Nogales war kein Hallodri, der sich blind und mutig in ein Abenteuer stürzte. Er war ein Intellektueller, der um die Macht der Worte wusste. Und er wusste diese Macht einzusetzen. Die Unnachgiebigkeit und die nüchterne Wiedergabe der Fakten machen seine Reportagen zu einem Pageturner, dem man gern nachgibt. Die so genannte vierte Gewalt, die Medien, relativieren im Fall des „Annual“, des Desasters, die perfiden Machtspiele einer künftigen Diktatur.

Erst jetzt entdeckt man Manuel Chaves Nogales in seinem Heimatland wieder. Gleichzeitig auch im deutschen Sprachraum. Francos Schergen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Name Nogales war fast für immer aus dem journalistischen wie literarischen Gedächtnis Spaniens gelöscht. Zum Glück nur fast! Diese Stimme darf niemals versummen. Der Kupido-Verlag plant weitere Veröffentlichungen aus dem umfangreichen und abwechslungsreichen Werk des Spaniers.

100 Highlights Wildes Deutschland – Die schönsten Naturparadiese und Nationalparks

Wild ist sicher nicht das erste Wort, das einem einfällt, wenn man von Deutschland spricht. Dennoch gehört das wilde Leben dazu wie die typische Korrektheit und Pünktlichkeit. Und das reicht von Kap Arkona bis ins Höllental, vom Naturpark Schwalm-Nette bis ins Zittauer Gebirge.

An einhundert solcher wilder Orte kann man sich in diesem prachtvollen Bildband ergötzen, und zwar von Nord nach Süd. Als Erstes schlägt man willkürlich eine Seite auf. Land der tausend Seen – Müritz-Nationalpark. Ein stimmungsvoller Sonnenuntergang und ein Urwald, in dem die Stämme in einem derart saftigen Grün zu versinken drohen, dass man es für eine Setaufnahme aus einem mystischen Thriller halten könnte. Doch es ist alles real. Im richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt, und voilà: Auch das ist Deutschland. Wild, frei, fernab von Tabellen und Zahlenkolonnen. Der dazugehörige Text brilliert durch Fakten, die nicht wegzureden sind und macht Appetit genau diesen Ort, zu genau der Zeit der Aufnahme einmal selbst zu besuchen.

Nur wenige dutzend Seiten weiter wird’s fast schon historisch, ein wenig politisch sogar. Deutsche Politiker und wild? Keine Angst, so schlimm wird’s nicht. Doch die Schorfheide – bis dahin hat man sich nun vorgeblättert in diesem Buch – ist eng mit den Lenkern Deutschlands verbunden. Wo einst Nazis wie Kommunisten auf der Jagd waren, nördlich von Berlin, ist heute der sanfte Tourismus zu Hause. Hier kann man stundenlang unterwegs sein, ohne dabei tatsächlich eine Menschenseele zu anzutreffen. Kloster Chorin, ein Zisterzienserkloster in Backsteingotik, gehört den berühmtesten Orten der Gegend.

Bereits kurz nach der Wende wurde dem Gebiet in der Uckermark un dem Barnim der Status eine UNESCO-Biosphärenreservats verliehen. Einhundertdreißigtausend Hektar – zur Verdeutlichung: Ein Fußballfeld misst nicht einmal einen Hektar – 240 Seen, Tausende Moore, Wiesen, Äcker und Wälder. Das sind die blanken Zahlen. Was die Natur hier auf die Landkarte gezaubert hat, spottet jedoch jedem Kategorisierungswahn. Jeder Ast darf so wachsen wie er es für richtig erachtet. Jeder Grashalm darf sich nach der Sonne recken wie es ihm beliebt. Und jeder Besucher erfreut sich genau an dem, was so wild mitten in Deutschland zu entdecken ist.

Dieses Buch macht Lust darauf die wilde Seite Deutschlands zu erkunden. Sanft auf dem Rad mit einem Lächeln im Gesicht. Mit forschender Miene. Alle Sinne geschärft. Vom Rothaargebirge bis an die Saale (die mit dem schönen Strand, wie es schon im Volkslied heißt), vom Stettiner Haff bis in den märchenhaften Habichtswald – Wer es bisher nicht wusste, wird in diesem exzellent gestalteten Bildband zum Naturfan, zum Wildheitsforscher, zum Naturparadies- und Nationalparkfan ersten Grades.