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Gera – Von Fettguschen und Brummuchsen

Das Territorium der DDR war in Bezirke eingeteilt. Von Rostock im Norden, Autokennzeichen begannen immer mit einem A, bis Suhl im Süden, O klebte hier an den Trabbis und Wartburgs, von Dresden bis Magdeburg in Ost und West. Die größten Städte waren die Hauptstädte und Namensgeber der Bezirke. Die kannte wirklich jeder. Nach der Wende verschwanden die Namen aus en Köpfen. Sie wurden nicht mehr erwähnt, sofern man keine verwandtschaftlichen Beziehungen dorthin hatte. Auch in den überregionalen, landesweiten Medien kamen manche Städte einfach nicht mehr vor. Wer hat in den 90ern von Gera gesprochen? Die Stadt war wie vom Erdboden verschluckt. Zugegeben, das ist ein drastische Übertreibung, denn die Stadt existieret ja weiterhin und tut es bis heute. Aber als Ausflugsziel- gar als Urlaubsziel steht Gera garantiert nicht unter den Top 100. Das kann sich aber ändern. Es wird sich ändern.

Zum Beispiel ist die Stadt mit dem gleichnamigen Fluss auch die Geburtsstadt des Malers Otto Dix. Der wurde vor 1891 (Achtung Jubiläum!) in Untermhaus, einem Stadtteil von Gera geboren. Und das wird nun im großen Stil gefeiert. Etwas außerhalb der Stadt kann man durch das prächtige Tal der Weißen Elster auf Erkundungstour gehen oder radeln. Auch wenn hier das Adelsgeschlecht der Reußen seinen Ursprung hat, so kann die Stadt nicht recht mit diesem Erbe wuchern. Einer der letzten Sprösslinge – selbst aus dem Familienverbund ausgetreten – nahm und nimmt für sich in Anspruch Deutscher Regent sein zu wollen, zu müssen (?). Er ist allerdings der einzige – der Großteil der männlichen Vorfahren hießen und heißen übrigens Heinrich, was Ahnenforschern die Farbe aus den Haaren treibt – der Deutschland nichts Gutes will. Seine Vorfahren waren progressiver.

Autor Uwe Lehmann ist der Typ Kenner, dem man gebannt lauscht, dem man das Geschriebene sofort ins eigene Hirn übertragen lässt. Gera ist auf einem guten Weg seine Vergessenheit abzulegen. Und wer in die zufriedenen Fettguschen schaut, weiß, dass das aus gutem Grund passiert. Denn die Brummuchsen verstummen langsam – zu viel verbales Lokalkolorit? Dann ist dieses Buch Pflichtlektüre!

Hier wurde schon immer Geschichte geschrieben, seit Jahrhunderten. Nur hat das kaum einer außerhalb bemerkt. Und wenn doch, dann nur selten. Hat man vor Jahren den Namen nur von der Autobahnabfahrt gekannt, so ist man heute bei einem Tagesausflug gut beschäftigt, will man so viel wie möglich erleben. Und bald schon muss man in Gera übernachten, da das Erkundungspensum sonst nicht gestemmt werden kann. Und dieses Buch wird ein treuer Begleiter sein, wenn man die Anekdoten und Geschichte der Stadt kennen will.

Alles Sisi

Dieses Buch kommt eindeutig zu spät! Dutzende, nein, hunderte, wenn nicht so gar tausende Bücher wurden über Elisabeth geschrieben. Ihr Tod ist legendär, ihr Leben noch heute Vorbild für Generationen von Frauen. Und dennoch wird dieses Buch Beachtung finden. Es ist vielleicht sogar das Buch, das jeder zuerst in die Hand nehmen sollte, interessiert man sich ernsthaft mit der sagenhaften Kaiserin.

Wenn es Ende Februar wieder heißt „Alles Walzer“, wird so mancher auch der Sisi gedenken. Also „Alles Sisi“. Jeder Biographie der Kaiserin ist eine Zeittafel angehängt. Unzählige Bilder zieren die unfassbare Menge an gedruckten Seiten. Doch das sind nicht mehr als Daten und Fakten, die man beim Vor- und Zurückblättern einatmet – und meist auch gleich wieder vergisst. Es sei denn, man bereitet sich auf eine Quizshow vor.

Verena Edinger bringt endlich Ordnung in den Wust an Lebensdaten der Kaiserin. Die Farbgestaltung ist sicher auch kein Zufall. Alles in zarten Lila- und Rosatönen gehalten. Oder besser gesagt in Veilchenblau. Eine, wenn nicht sogar die Lieblingsfarbe der Kaiserin. In Neapel, wo Sisi eine gewisse Zeit verbrachte, kann man noch an originaler Stelle, unweit des Teatro San Carlo, genau dieses Eis nach Originalrezept genießen. Fensterplatz inklusive, das verstärkt den Sisi-Effekt. Das Rezept dazu gibt’s im Buch. Ebenso die genaue Aufschlüsselung des Energiegehalts anderer Leibspeisen der figurbewussten Kaiserin.

Viel Zahlenwerk. Aber auch eine ansprechende Aufbereitung. Es reicht nicht einfach nur zu sagen, wann Sisi wo war. Das sind Fakten, die man beim Kaffeekränzchen zum Besten geben kann. Das Verhältnis der Verweildauer zur Lebenszeit sprengt manchmal den Rahmen der Vorstellungskraft. Der arme Gatte. Nur ein paar Prozent ihres Lebens durfte er mit ihr verbringen. Bei ihr war es wohl reziprok…

Es ist ein Fest sich durch das Leben in Zahlen der Kaiserin von Österreich Ungarn zu wühlen. Vor, zurück, eine Seite zwischen den Finger einklemmen, um noch mehr Sisi aufnehmen zu können. Dieses Buch liest man nicht wie einen Krimi – Seite für Seite. Hier blättert man herum, nicht gedankenverloren, sondern hochkonzentriert und wissbegierig. Und neugierig, was auf der nächsten Seite lauert.

Es ist das Eine zu erfahren, wer was wann getan hat. Doch die Grafiken in diesem Buch stellen prompt Zusammenhänge her und dar, die man nur als eingefleischter Profi ermitteln kann. Nun wird jeder Nostalgie-Royalist zum Experten. Wenn er es möchte. Von der Bahre bis zum Mythos, von der Reise-Süchtigen bis hin zum Musical-Star, von der Getriebenen zum Opfer eines Anarchisten – Alles Sisi, alles in einem Buch, alles auf einen Blick!

Along the road

Um es vorweg zu nehmen: Alles, was Aldous Huxley bereits vor einhundert Jahren besuchte, was ihm passierte, kann man heute auch noch so erleben. Nur eben nicht so abgeschieden, so individuell, so neuartig.

Würde Huxleys heute noch reisen und darüber schreiben, würde sein Instagram-Account überquellen und übereifrige Reise-Influencer würden sich überbieten noch schönere, eindrucksvollere – bessere? – Fotos ins Netz zu stellen. Und das alles nur, um dem alten Meister zu zeigen, dass sie ihm schon in jungen Jahren das Wasser reichen können. Huxley benutzt

Aber keine Filter – und schon ist die ganze Illusion dahin…

Also doch Aldous Huxley folgen! Mit ihm und leichtem Gepäck in Italien einer Prozession folgen. Ohne nerviges Gedränge von Desinteressierten, die nur darauf warten das eine, ultimative Foto zu schießen. Das sind genau diejenigen, denen Huxley am Beginn des Buches eine Breitseite verpasst. Reisen, um sich einer Schicht zugehörig zu fühlen, die nicht die eigene ist. Es ist Huxleys Liga, in die man versucht einzudringen, wenn man den x-ten Eisladen in bella italia „mit dem besten Eis der Welt“ postet. Huxley sind diese Freuden nicht fremd. Auch er sucht – vielleicht nicht nach dem besten Eis der Welt. Jedoch nach den einmaligen Erlebnissen, die er dann gern mit seinen Lesern teilt.

Einhundert Jahre ist es her, dass dieses Buch zum ersten Mal erschien. Es dauerte fast eben diese einhundert Jahre bis es auf Deutsch erscheint. Umso erfüllender ist es zu lesen, dass sich im Grunde fast nichts verändert hat, wenn man reisen will. Die Neugier war, ist und bleibt die Antriebsfeder eines jeden Abenteuers. Der Palio in Siena ist aber heutzutage ein Spektakel, das dermaßen viele Touristen anzieht, dass das eigentliche Ereignis nur schwer zu genießen ist. Huxley hingegen konnte sich – wenn auch mitten in den Massen der meist Einheimischen – mit der Tradition eingehender beschäftigen.

Wer bei Huxley und Reisen an seine Drogenerfahrungen denkt und meint „Along the road“ ist ein weiteres Werk in eine bunte Welt einzutauchen, liegt erst einmal falsch. Die einzige Realitätsveränderung führt er durch eine Brille herbei. Und selbst dieser kleine Kunstgriff kann heute immer noch für eine andere Sicht auf Landschaften hilfreich sein.

Der sterile Untertitel „Aufzeichnungen eines Reisenden“ konkurriert mit dem Inhalt auf jeder Seite, in jeder Zeile. Diese Reiseeindrücke gehören in jedes Reisegepäck. Nicht nur, um zu schauen, was sich in den vergangenen einhundert Jahren verändert hat. Nein, es erdet den Abenteurer und gibt den Blick für das einzig Wahre frei.

Stürzende Feuer

Es gibt durchaus schönere Anlässe in die Heimat zurückzukehren als der Tod eines Verwandten. Martin-Heinz Douglas Baron von Bora ist es einerlei, warum er nach Berlin „darf“. Ja, darf! Es herrscht Krieg, Juli 1944, er ist in Italien stationiert – nicht ganz freiwillig – und sein Onkel Prof. Dr. Alfred Johann Reinhardt-Thoma wird zu Grabe getragen. Zugegen ist eine ziemlich große Ansammlung von Würdenträgern des Regimes. Der Professor war geachtet, selbst der Führer kondoliert. Martin Bora sind  allerdings die Umstände des Todes seines Onkels noch immer nicht ganz klar.

Er hat jedoch keine Zeit sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nicht einmal genug Zeit, um seine Mutter zu treffen oder gar mit ihr zu reden. Im Sanatorium in Beelitz bekommt er von einem ehemaligen Mitstreiter an der Ostfront eine Warnung mit auf den Weg. Martin steht mächtig unter Stress!

Alle in Berlin scheinen etwas zu verheimlichen. Oder spielen ein doppeltes, ein komisches Spiel. Alles ist so angespannt. Als der Chef der Reichskriminalpolizei ihm den Auftrag erteilt einen Mordfall zu untersuchen, steht Oberstleutnant Martin Bora vor einer Aufgabe, die Fingerspitzengefühl braucht, die ihn extrem fordern wird und die ihm mehr kosten kann als er sich anfangs noch vorstellen kann.

Bora soll den Mord an Walter Niemeyer aufklären, ebenso an dem Magier Magnus Magnusson. Genauso wie den an Sami Mandelbaum. Und jetzt kommt’s: Alle sind ein und dieselbe Person. Niemeyer steht in der Geburtsturkunde, die anderen Namen sind Künstlernamen. Sami Mandelbaum – der Name legt es nahe – dafür kommen allerhand Leute in Frage. Ein Opfer mit jüdischem Namen – da einen Verdächtigen dingfest zu machen, war ein Leichtes. Doch so einfach ist die Sache dann eben doch nicht.

Boras Ermittlungen führen ihn in Kreise, in denen er sich allein durch seinen Namen leichter Zugang verschaffen kann als so mancher Großstadt-Colombo. Umso schwieriger sind dann aber die Ermittlungen. Selbst vor dem Stabschef des Befehlshabers des Ersatzheeres muss Bora eine gute Figur machen. Und dieser Stabschef hat ein großes Geheimnis. Das kann man getrost an dieser Stelle verraten, denn dieser Herr ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg…

Ben Pastor reitet mit „Stürzende Feuer“ auf der literarischen Rasierklinge. Immer nah am Abgrund des Bedeutungskitsches, immer nah an der blendenden Gefahr ins Reich der Phantasie abzugleiten. Mit immenser Recherchearbeit setzt sie reale und fiktive Figuren an den Tisch ihrer Geschichte und lässt ihrem Spieltrieb freien Lauf.

Furchtlose Wahrheiten

Die meisten Menschen sehen Elend. Viele erkennen es. Ein paar weniger beschreiben es, und widerum noch weniger erheben ihre Stimme. Es ist nur ganz Wenigen vorbehalten wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Und die, die Erfolg zu haben versprechen, werden unter Druck gesetzt. Eine ganz kleine Elite lässt sich davon nicht beeindrucken und nicht vom Weg abbringen.

Dick Marty war so einer. Ein Name wie aus einem Superhelden-Comic. Doch im realen Leben hat er das Elend in den illegalen Gefängnissen der CIA in Europa und die unfassbaren Greueltaten während des Balkankrieges aufgedeckt, die Schuldigen angeprangert und so letztendlich zu einer (leider nicht voll umfassenden) Lösung beigetragen. Staatsanwalt, Ständerat in der Schweiz, Mitglied der OSZE-Kommission für Menschenrechte, Europaratabgeordneter – die Liste seiner Funktionen, die auf seinen Visitenkarten stand, ist unendlich. Das organisierte Verbrechen war sein Spezialgebiet.

Als er mit Mitte Siebzig beschließt den mehr als verdienten Ruhestand zu genießen, nach einem Leben unter Dauerbeschuss seiner Widersacher, kann er den Grund des Anrufes sofort einordnen: „Balkan?“. Ja, neue Bedrohung aus dem altbekannten Tätigkeitsfeld. Und eine ernste Bedrohung. Lebensbedrohlich. Von nun an ist nichts mehr wie es war. Sichtbar umkreisen ihn Personenschützer. Ein unbeschwerter Spaziergang mit den Hunden im Wald – unmöglich. Immer ist einer da, der einen und die Umgebung beobachtet. Und das, weil „die Anderen“ mindestens das Gleiche tun.

Es sind die alten Seilschaften, die nach dem Zerfall Jugoslawiens ihre milliardenschweren Schäfchen ins Trockene brachten, und das sogar mit in dem sie Staaten schufen, die unter dem Schutz der USA in Teilschritten demokratische Strukturen. Diese Länder werden diktatorisch geführt, sind aber ein Bollwerk gegen den Machtbereich Russlands. Deswegen der geheime bis offene Schutz durch den großen Bruder von „überm Teich“.

Dick Marty ringt aber auch dieser Situation etwas Positivs ab. Er kann schreiben, seine Erinnerungen für die Nachwelt festhalten, seine Betrachtungen zu Papier bringen. Für „Furchtlose Wahrheiten“ muss man den potentiellen Angreifern nicht dankbar sein. Dick Marty hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, sich mit Leuten angelegt, deren Existenz nur allzu gern verschwiegen wird. Dick Marty bekam so die Möglichkeit vielleicht noch intensiver in seinen Gedanken und Papieren zu kramen und mit diesem Buch einen Beleg für die Widerwärtigkeit der dunklen Seite der Politik vorzulegen. Spannend wie ein Krimi, mit Zitaten beispielsweise von Albert Camus verfeinert und mit der Akribie eines unerschrockenen Anklägers zur Höchstform gereift. Ein Muss für alle, die nach den Nachrichten noch weiter denken.

Das Handwerk des Lebens

Immer wenn man in einem Tagebuch blättert, wird die Zeit ein wenig zurückgedreht. Man erinnert sich an das, was war und wie man damals empfunden hat. Liest man in den Memoiren eines Fremden, kommt die wangenrote Exotik und eine Brise was Verbotenes zu tun hinzu. Manchmal sogar noch eine Nachschlag Erkenntnis.

Cesare Pavese zu den Mitbegründern des Neorealismo in Italien. Er war Übersetzer, Autor und Verlagsleiter. Fünfzehn Jahre wurden zu seinen Lebzeiten seine Werke verlegt und verkauft. Es sind die Jahre, in denen er Tagebuch führte. Von der Verbannung in den Süden – den Faschisten war er ein Dorn im Auge – bis hin zu seinem viel zu frühen und selbst erwählten Tod im Spätsommer 1950.

Auch wenn man das Werk Paveses nicht komplett kennt, rückt man ihm (und seinem Werk) ziemlich nah auf die Pelle. Ein Künstler, der hadert. Ein Künstler, der streikt. Ein Künstler, der vor Kreativität zu explodieren scheint. Pavese bedient die ganze Palette der Emotionen, die es braucht, um künstlerisch tätig sein zu können.

Die Selbstverständlichkeit in seinen Romanen wird erst durch den erklärenden Schaffensprozess zu einem Meisterwerk. Denn bei Pavese war nichts selbstverständlich! Seien Werke saugte er sich unter Qualen aus den Fingern – nicht immer. Aber schmerzhaft genug, um sich in seinem Tagebuch zu beschweren und die Qualen mit den Lesern zu teilen. Denn für vorbehaltlose Liebe zahlt man, zahlt man, zahlt man. Wie er sich selbst eingestehen muss. Aber er weiß auch, dass der Neid der folgenden Generationen dem Dichter gewiss sein wird.

Wie liest man nun solch ein Tagebuch? Brav von Seite Eins an, immer weiter blätternd bis man ans bittere Ende gelangt oder doch wild durcheinander? Zuerst die Daten, zu denen man selbst eine Beziehung hat – wie Geburtstage von Verwandten, wichtige Familieneckpunkte etc. Es ist einerlei. Und das im positiven Sinne! Pavese geht immer – und die Reihenfolge seiner Gedanken ist nicht an Daten gebunden. „Das Handwerk des Lebens“ ist ein starker Titel, dem man gerecht werden muss, will man nicht als Hochstapler dastehen. Cesare Pavese entgeht dem Vorurteil, indem er mit Wortgewalt dem inneren Widerstreben die Schönheit der Worte eine unüberwindbare Mauer in den Weg stellt.

DeVriendt kehrt heim

Die Welt ist rund, hat keinen Anfang und kein Ende. Und trotzdem brennt es an allen Ecken und Enden. Und schon jetzt laufen die Vorbereitungen für den Jahrestag für den neuerlichen (andauernden) Nahostkonflikt. Medial, propagandistisch, militärisch, geheimdienstlich, selektiv, alliiert. Und dann platzt so ein Buch – zum wiederholten Mal – in die Zeit. „De Vriendt kehrt heim“ von Arnold Zweig. Der erste historische Roman über den Konflikt von Arabern und Juden, die in einem Land leben … sollte man „müssen“ noch anfügen?

In Jerusalem des Jahres 1929 lebte Dr. Jizchak Josef De Vriendt, Holländer, Dichter, Jude. Ebenso hat es Lolard B. Irmin hierher verschlagen, Brite, Agent, … . Und besorgt um das leibliche Wohl von De Vriendt. Dessen Meinung zur Religion und deren Auslegung sind einfach zu vielen in der Stadt, in der Region Palästina, ein Dorn im Auge. Doch De Vriendt zur Mäßigung zu bewegen, ist ein sinnloses Unterfangen. Das ehrt De Vriendt zum Einen, stellt aber zum Anderen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko dar. Und es kommt wie es kommen muss. Ein Schuss, nicht unbedingt in schwarzer Nacht lässt De Vriendt seinen letzten Atemzug machen.

Ein Kriminalroman? Die Ermittlungen müssen auf einem stillen Parkett durchgeführt werden. Denn die Stadt ist ein Pulverfass. De Vriendts Schriften störten zu viele. Und dass er auf Knaben stand, macht die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil. Es erhöht den Kreis der Verdächtigen immens um einige Fanatiker.

Arnold Zweig hatte in der Figur J. I. de Haan das reale Vorbild für Dr. Jizchak Josef De Vriendt gefunden. Ein Politiker, der fünf Jahre zuvor ermordet wurde. Das Gezerre um die Deutungshoheit der Stadt Jerusalem, die Rivalitäten zwischen unter religiösen Gruppierungen und der aufkommende Nationalismus – ja, der Roman ist fast einhundert Jahre alt und die Probleme sind immer noch auf dem Tapet der Weltpolitik – bilden die Grundlagen für diesen Roman.

Kopfschüttelnd reißt man fast schon die Seiten heraus, weil einem der Fortgang der Geschichte in Atem hält. Vielleicht findet sich ja zwischen den Zeilen die Lösung für die anhaltenden Probleme der Region?! Die unbeirrbare Idee einen Roman zu schrieben, der der aktuellen politischen Situation exakt entspricht, sich einer historischen Figur wahrheitsgetreu anzunähern, ihr ein literarisches Gewand der Haute Couture auf den Leib zu schneidern und darüber hinaus ein zeitloses Werk zu schaffen – darin liegt der unermessliche Wert dieses Buches. Und endlich in einer äußeren Hülle, die ihm gerecht wird. Wer keine Angst vor der Wahrheit hat, wem die Gegenwart lieb ist, der kommt um diese Ausgabe nicht herum.

 

 

Blutorangen

Jeder Emotion, jeder Empfindung kann man eine Farbe zuordnen. Das reicht vom letzten Versuch – lila – bis zum neidischen Gelb und dem hoffnungsvollen Grün. Und der Geschmack? Der ist Rot! Die Salto-Reihe ist gespickt mit genussvollen Geschichten, die einem das Wasser im munde zusammenlaufen lassen. Dort, wo klassische Reisebücher ihre Grenzen erreichen oder – j nach Sichtweise – noch gar nicht beginnen können, setzen die kulturhistorischen Abhandlungen ihre Duftmarken. Nun ist es an der Zeit, dem Duft des Südens, genauer gesagt Italiens, ein Lesemal zu setzen. „Eine Reise zur den Zitrusfrüchten Italiens“ – Es geht nicht ohne, nicht ohne ungewöhnliche Formen so mancher Zitronen von Cinque terre bis Amalfi. Es geht nicht ohne den Duft der Orangen durch Sizilien zu reisen. Und die Bergamotte erst – von Ligurien über das englische Frühstück bis hin zum vierziffrigen Parfumdauerbrenner … es geht nicht ohne.

Und dabei geht es nicht nur um den lukullischen Genuss, der an jeder Straßenecke im wahrsten Sinne des Wortes greifbar ist. Von literarischen Werken bis hin zu Fresken – wohin das Auge blickt: Agrumen, Zitrusfrüchte, säumen das Blickfeld.

Für Stendhal war der Süden der Ort, wo die Orangen aus dem Boden wachsen. Für Leckermäuler gehört ein Spritzer Zitrus zur Pasta, um überall auf der Welt bella italia zu spüren. Und für jeden, der dieses rote Büchlein in den Händen hält ist jede Seite Fernweh und dessen Linderung zugleich. Die unvermeidlichen Rezepte im Buch tun ihr Übriges…

Es ist erstaunlich, was man literarisch aus Zitrusfrüchten machen kann: Die bittere Wahrheit aus Ligurien – chinotto, als erfrischende Limonade in allen erdenklichen Größen überall im Supermarkt erhältlich. Koschere Zutaten, die den Süden in jedes noch so einheimische Gebäck hineintragen. Überbordender Genuss in den Gärten der Medici.

Dieses Buch ist Dauerbegleiter im „Land wo die Zitronen blühen“. Man handelt nicht mit selbigen, wenn man einmal pro Tag darin blättert und den Marktrundgang zu einem neuerlichen einzigartigen Erlebnis macht. Unzählige Bücher sind über Italien und die Lebensweise geschrieben worden. Alle haben ihre Berechtigung und machen süchtig. „Blutorangen – Eine Reise zu den Zitrusfrüchten Italiens“ wirkt schneller und tiefer als alle anderen Bücher. Denn auch ohne Duftseiten verströmen die einhundertvierundvierzig Seiten ein Aroma, dem man sich nicht entziehen kann. Warum sollte man auch?!

Was war denn da los?!

Geschichtsinteresse wird durch besondere Taten, herausragende Persönlichkeiten und ihre Geschichten geweckt. Zuerst die Tat, dann das Marketing – so war es einmal. Wer erinnert sich noch an den Namen des Pferdes, das beim Modernen Fünfkampf bei den Olympischen Spielen von Annika Scheu, jetzt Zillekens, und auch unter Anfeuerung ihrer Trainerin derart mit der Gerte malträtiert wurde? Das Ereignis selbst führt dazu, dass ab 2028 der Wettkampf ohne Pferde stattfindet.

Und so ist es auch schon in der Antike gewesen. Wer, wann, wen geschlagen hat, vergisst man. Steht jedoch eine besondere List (und das Trojanische Pferd ist nicht das einzige Ereignis mit einem unique selling point) im Raume, wird man hellhörig. Felix Melching und David Neuhäuser holen in ihrem Podcast „Damals und heute“ derartige Besonderheiten von damals ans Tageslicht. Die dreißig besten, hervorragendsten, außergewöhnlichsten sind in diesem Buch versammelt.

Schon mal von den Amazonen gehört? Na klar. Die haben sogar einen eigenen Wald. Waren bestimmt militante Gärtnerinnen. Genug des verbalen Irrsinns – die Amazonen haben genauso wenig mit dem Amazonas-Regenwald zu tun wie die Legenden um ihre ambutierte Brust. Alles Mythos, wenn nicht sogar alles Lüge. Mit fast hundertprozentiger Sicherheit stammen sie aus der Region vom Schwarzen Meer bis nach China. Hier lebten die skythischen Völker. Und Mann und Frau waren – nicht immer, nicht überall – gleichgestellt. Das heißt, dass auch Frauen bewaffnet mit Pfeil und Bogen auf dem Rücken der Pferde (nein, nein, nein, nicht noch ein Klischee bedienen) in den Krieg zogen. Das passte den Männern, die in ihrer Hemisphäre den Ton angaben überhaupt nicht in den Kram. Und so entstand die Legende von den fuchsteufelswilden Weibern, die sich eine Brust amputierten, um besser mit dem Bogen schießen zu können.

Die Kapitel sind – wie es sich für ein ordentliches Wer zur Geschichte gehört – nach Zeitaltern geordnet. Antike, Mittelalter, Neuzeit, 19. und 20. Jahrhundert. Von den machtgierigen Frauen und planlosen Sklavenaufständen, über den dritten Papst, perfides royales Gehabe, verlorener Eigenständigkeit bis hin zu ehrgeizigen Forschern und aufkommender Idole von der Karibik über Mitteleuropa bis in den Nahen Osten – die Autoren lassen keinen Landstrich und keinen Handstreich aus, um das Geschichtsinteresse immer wieder zu entfachen. Klug, klar und knackig rauschen die Jahrhunderte seitenweise vor dem geistigen Auge durch einen hindurch. Mal kurios, mal erschreckend berechnend (der Falklandkrieg matchte so offensichtlich nicht mit der Realität, dass es bis heute verwundert, dass er tatsächlich stattfinden musste). Das sind die Appetithäppchen mit tiefer gehender Geschmackexplosion, die jeden Geschichtsfälscher das Handwerk legen.

Berühmte Frauen der 50er und 60er Jahre

Liselotte Pulver – das Ambiente kann noch so trist sein, es dauert nicht lange bis die Stimmung ins knallbunte kippt.

Francoise Sagan – ikonischer Freigeist, der der eigenen Unnachgiebigkeit erlegen ist.

Niki de Saint Phalle – ihre Nanas werden alle Zeiten überleben und ihren Namen bekannt halten.

Brigitte Bardot – ewige Verlockung mit dramatischen Wendungen, die sich selbst nur schwer akzeptieren kann.

Maria Callas – von Ängsten geplagtes Einmal-Talent, deren Stimme nachfolgende Generationen ins Zittern geraten lässt.

Nur vier – durchaus die berühmtesten dieses Buches – Namen, Ikonen, Frauen einer Zeit, die nur auf dem Papier vergessen scheint. Stilistisch prägen die 50er und 60er Jahre noch heute das Erscheinungsbild von Städten und Menschen – Stil vergeht nicht.

Wie im Rausch blättert man durch dieses Buch und erfährt selbst über die, die man zu kennen glaubte, noch Neues und wundert sich, dass es einem als neu erscheint. Denn alles ist bekannt. Prinzessin Soraya, die erste Frau des letzten Schahs von Persien, war die Getriebene nach ihrer Scheidung von Mohammad Reza Pahlevi. Ruhe Stunden, Minuten, gar Sekunden kannte sie nicht. Irgendwo lauert immer eine Kamera. Und wenn nicht physisch, dann zumindest in den Gedanken der traurigen Prinzessin. Erst Jahrzehnte später wurden gesetzliche Vorlagen geschaffen, die die Privatsphäre derartig berühmter Menschen ein wenig besser schützen sollen. Ihr Verdienst.

Charlotte Ueckert hat sich Symbolfiguren der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg herausgepickt und ihre ikonische Stellung und deren bis heute anhaltende Wirkung, herausgearbeitet. Herausgekommen ist mehr als nur eine bunter Blätterwald für all diejenigen, die „ach ja, die kenne ich noch … von damals“ mehr als nur eine Erinnerungslücke ansehen. Die Werke von Doris Lessing werden ihren Namen nie verblassen lassen. Ebenso das Werk von Niki de Saint Phalle. Die Aufführungen der Callas laufen in digitalisierter Aufbereitung noch heute in Kinos. Und die Bardot ist und bleibt das Sex-Symbol – ob sie es nun will oder nicht – ihrer Zeit. Sie alle sind auf irgendeine Art und Weise haltbar gewordene Erinnerungen. Doch meist sieht man nur ihre Hülle. Je mehr man in dieses Buch eintaucht, desto mehr gräbt man sich in das Leben der vorgestellten Frauen, die mehr waren als Beiwerk oder zweidimensionaler Augenschmaus für Jung und Alt, Mann und Frau. Ihr Tun hat mal mehr, mal weniger merklich Spuren hinterlassen, die niemand mehr verwischen kann. Dieses Buch hilft eindrucksvoll dabei diese Spuren zu erkennen.