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Polizeigeschichten

Staubige Akten mit staubtrockenen Fakten – von wegen! Ernst Dronke wurde vor knapp zweihundert Jahren geboren. Als Journalist, der offen über die sozialen Ungerechtigkeiten in der Sozialreportage „Berlin“ schrieb, brummte man ihm zwei Jahre Festungshaft auf. Er floh nach Brüssel, wo er Friedrich Engels kennenlernte.

Seine „Polizeigeschichten“ sind keineswegs nur sensationslüsterne Anekdoten aus den staubigen Archiven der Polizeireviere. Sie sind vor allem Anklagen gegen eine Gesellschaft, die die Verrohung hinnimmt und deren Opfer dann zusätzlich auch noch mit Strafen belegt, ja, sogar verhöhnt. Wie die des Tischlers Fritz Schenk. Ein echter Handwerker, geschickt wie kaum ein anderer seiner Kollegen. Eines Tages wird von einem Mann verletzt. Die Kosten der Behandlung trägt der Unfallverursacher. So weit so gut. Doch der Arm will nicht recht wieder in Ordnung kommen. Sein Chef degradiert ihn, mault über seine Arbeit. Schenk will sich selbständig machen. Er sucht den Mann auf, der für seine momentane Situation verantwortlich ist. Dieses Mal wird es nur halb gut. Denn die angebotene Summe reicht nicht, um eine eigene Werkstatt eröffnen zu können.

Zwischenzeitlich ist Schenk Ehemann und Vater geworden. Die finanziellen Sorgen treiben ihn zu Taten, die er sich nie vorstellen konnte. Eines Tages bietet sich bei einem Kunden die vermeintliche Chance auf den großen Fang. Schenk greift zu. Die Brieftasche nah am Herzen, plagt ihn sein Gewissen. Er hat gestohlen. Ein zu geringer Betrag, um sorglos die Zukunft planen zu können. Zu dilettantisch, um damit davonzukommen. Und schon stehen die Polizei auf der Matte und die Gefängniszelle weit offen. Das Wort Zukunft ist erst einmal aus dem Wortschatz gestrichen. Eine Zeit später trifft Schenk einen ehemaligen Kumpan aus der Knastzeit wieder. Schenk steht kurz vor dem Rauswurf aus seiner Wohnung. Das Angebot des einstigen Schicksalsteilers klingt verlockend. Schnelles Geld für wenig Arbeit. Dass das Risiko zu hoch ist, wird ausgeblendet. Denn der Kumpan spielt ein doppeltes Spiel…

„Das Böse ist immer und überall“, sang die Erste Allgemeiner Verunsicherung. Was als lustiger Chartbreaker bis heute nachhallt, hat in diesem Buch mehr als nur einen derben Hintergrund. Dronke vertritt die Ansicht, dass der Mensch nicht von Natur aus böse ist. Die Umstände zwingen den einen oder anderen durchaus das eine oder andere Mal Maßnahmen zu ergreifen, die die Grenze des Legalen überschreiten. Die Polizei ist dann nicht mehr der Freund und Helfer, sondern willfähriges ausführendes Organ des Staates. Da gibt es auch kein links oder rechts mehr. Es geht schnurstracks geradeaus. Mitten ins Verderben. Lesenswert ist dieses Buch auch wegen der originalen Übernahme des Textes von vor über 150 Jahren. Da ist von Ingrimm die Rede, von Gensd’armen oder Provinzialstädten. So hat man damals geredet – wer deutsche Kultur erlesen underleben will, kommt an diesem Buch nicht so schnell vorbei.

Buch

Manche Erinnerungen verblassen rascher, manche später, andere wiederum gar nicht. Mikołaj Łoziński will die beiden ersten Varianten gar nicht erst zulassen und macht sich an die Arbeit Letztem die Ehre zu erweisen. Und herausgekommen ist ein Buch, das den Namen Buch verdient: „Buch“.

Man kann so herrliche Wortspielchen mit dem Titel des Buches machen, und der Autor tut es auch. Er lässt gekonnt Wahrheit und Fiktion miteinander verschmelzen. Fast wie in „Pulp fiction“ setzt man als Leser jedes Puzzleteil an das vorangegangene Teilchen und hofft, dass es passt.

Mikołaj Łoziński stammt aus einer jüdischen Familie. Über Generationen hinweg war man privilegiert. Politiker, Diplomaten, Redakteure gehörten zum Familienverbund. Genauso wie Ehebrecher, Parteigänger und Schreiber. Es ist nicht ganz einfach dem Treiben im Buch zu folgen. Immer wieder – hervorgehoben durch einen grauen Untergrund – blitzen kurze Dialoge mit dem Autor auf. Warnungen, Bitten, Wünsche. Tu dies nicht! Lass das weg! Was schreibst Du über mich? Namenlose Familienmitglieder – so lässt sich die Erinnerung am besten bewältigen – schwirren um den Autor wie Motten ums Licht. Bloß nicht zu viel preisgeben! Um Himmels Willen nur kein Skandal!

Doch Mikołaj Łoziński hat niemals die Absicht seine Ahnen bloßzustellen. Wie Bruchstücke der Geschichte trägt er zusammen, was er noch weiß und was andere ihm erzählten. Polens Geschichte herunter gebrochen auf das Schicksal einer, seiner Familie. Frisch und fröhlich fliegen die Augen über die Zeilen und so manches Mal muss man einfach absetzen und leise in sich hineingrinsen.

Ein Familienroman soll es sein. Da denkt man erst einmal, dass dieses Buch von Generation zu Generation weitergegeben wird. Schau mal, was ich gerade gelesen habe. Lies mal! Der größte Dank an einen Autor, den es geben kann. Doch es ist natürlich ein Roman über eine Familie. Der größte Dank eines Autors an seine Familie. Dass sie ihn teilhaben ließen an einem Leben, das er nicht kannte.

Wer sich die Mühe machen, und die Geschichten zu einem Gesamtbild zusammenfügen möchte, ist sicher herzlich eingeladen dies zu tun. Doch viel vergnüglicher ist es dieses Buch ein-, zwei,- mehrmals zu lesen. Man wird immer wieder Neues entdecken. Und die namenlose Familie wird einem immer vertrauter.

Modigliani, mon amour

Es gab keinen besseren Zeitpunkt sich über den Weg zu laufen. Dicke, graue Wolken hingen unbeweglich über Paris. Europa erstickte im Pulverdampf, der aus den Schützengräben quoll. Jeanne Hébuterne ist Kunststudentin an der Academie Colarossi. Und da begegnet ihr Amadeo Modigliani. Das Grau ist auf einmal, und nur für kurze Zeit wie weggeblasen.

Obwohl vierzehn Jahre Altersunterscheid, sie gerade mal 18, er 32, sind sie im Geiste vereint. Ihre Welt ist zu klein. Sie stammt aus einer Familie, deren Sittenstrenge mehr bedeutet als alles andere. Er stammt aus gutbürgerlichem jüdischem Hause. Beide haben keine Beziehung zu Geld, sie haben keines. Eine Skizze für einen Wermut, so machen Wirt des „La Rotonde“ und der Maler jeweils ihren Schnitt. Und Jeanne? Ihr über alles geliebter Bruder André ist im Krieg. Er brachte sie zur Malerei, unterstützte sie in dieser Flucht vor der Langeweile.

Amadeos und Jeannes Beziehung steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Er ist zornig, meist betrunken. Sie ist vorsichtig, doch kann sich dem Charme des Künstlers nicht entziehen. Nur André zieht Jeanne wie an einem unsichtbaren Gummiband immer wieder zurück zur Vernunft. Denn tief im Inneren weiß sie, dass sie Modigliani nicht gerecht werden kann. Er behandelt sie nicht so wie man eine Lady behandeln soll. Seine Liebesschwüre erschauern wie Befehle. Selbst eine Einladung zu einem Ball kann sie nicht ablehnen, weil sie seiner Vehemenz nichts entgegen zu setzen hat. Zwischen Picasso, Soutine, Cendrars, Jacob und Cocteau wirkt sie verloren. Nur Modigliani kann sie in seiner unverkennbaren Art befreien. Sie werden ein Paar.

Seine Anfälle, seine Affären, die Ablehnung Modiglianis von ihrer Familie gehen nicht spurlos an ihr vorüber, doch sie steht zu dem Mann, dessen Erscheinung sie damals in der Academie wie der Blitz traf. Das Leben ist hart. Modigliani wird einmal berühmt sein, und reich. Das behaupten alle in seiner Umgebung. Seine Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Olivia Elkaim gibt der letzten Muse Amadeo Modiglianis ihr Leben zurück. Als er zu Beginn des Jahres 1920 auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise begraben wird, steht die Künstlerelite Spalier. Kurz darauf wird sie begraben. Sie sie Mutter seines Kindes. Nicht verheiratet. Angefeindet. Kein Pomp, kein Prunk, nicht einmal derselbe Friedhof. Allein gelassen wie eh und je.

„Modigliani, mon amour“ ist der Inbegriff der traurigen Liebe. Eine Frau, die alle Unwägbarkeiten beiseite wischt, um ihn zur Seite stehen zu dürfen. Er verachtet sich und die Welt, ist unfähig wahre Zuneigung zu zeigen. Das Leben der Bohème war nicht romantisch, es war hart. Aber vor allem eine emotionale Qual.

Dux

Bei dem Namen Casanova hört man bis heute auf. Dieser Lustmolch, der die Frauen scharenweise umlegte, als Spion von Hof zu Hof wanderte, und in Venedig zur persona non grata erklärt wurde. Mythos und Wahrheit liegen bei ihm so nah beieinander wie bei kaum einen anderen. Er freute sich in der Gesellschaft der wirklich (oder scheinbar) Großen sonnen zu dürfen. Ein Phänomen, das man bis heute noch (bzw. immer häufiger) beobachten kann.

Doch – und das ist die Warnung an all die sich heranwanzenden Sport-„Reporter“, Influencer und Castingshow-Zweitrundenteilnehmer – er starb einsam, krank und ungeliebt im Exil. In Duchcov, dem ehemaligen Dux, auf dem gleichnamigen Schloss. Sein Sterbesessel wird im Juni 2018 (am vierten des Monats jährt sich sein 220. Todestag) sicherlich Scharen auf das idyllisch gelegene Schloss locken. Sofern man ihn nicht wieder mit Nichtachtung strafen wird.

Casanova ist mittlerweile im Rentenalter. Graf Joseph Karl Emanuel von Waldstein hat vor einiger Zeit den Glücksritter an seinen Hof geholt. Es ist das Jahre 1785. Hier soll Casanova als Bibliothekar tätig sein. Er liest viel, schreibt noch viel mehr. Veröffentlichungen – kaum. Der Graf selbst ist damit beschäftigt Politik zu betreiben, weshalb er einige Jahre später für einen langen Zeitraum verreisen wird. Von Frankreich ausgehend droht Europa eine neue Gestalt anzunehmen. Ach, was wäre Casanova glücklich gewesen hier mitwirken zu dürfen, Seilschaften zu knüpfen, Verbrüderungen zu entzweien. Doch er fristet ein karges Leben in Nordböhmen.

Zu seinem Verdruss sehen der Verwalter und ein Leutnant, der als eine Art Aufpasser sich hier einen kleinen Zuverdienst sichert, in dem Italiener eine Laus, die zerquetscht werden muss. Casanova einen einzuschenken, ist ihr liebster Zeitvertreib. Sie sind geschickt, so dass selbst der Bürgermeister und Richter der Stadt nichts unternehmen können. Casanova ist hoffnungslos festgesetzt. Er, der einst Europas Adelshäuser im Gespräch und Atem hielt, ist nun der gebeugte Prügelknabe zweier Günstlinge. Späte Rache des Schicksals? Ein Happy end kann er nicht erwarten. Und er ist sich dessen sicher auch bewusst.

Die Historiker streiten bis heute über die Bedeutung des Monsieur de Seintgalt. Wohl auch, weil er sich winden konnte wie ein Aal. Schlecht festzunageln, dieser Windhund! Sebastiano Vassalli gelingt das Kunststück, Casanova für die Dauer dieses Büchleins einzufangen. Ein kränkelnder, nie komplett resignierender Greis, dessen Perücke schlecht sitz und dessen Strümpfe am laufenden Band verrutschen. Eine kurze Episode im Leben des Hans Dampf in allen Gassen, seine letzte. Doch sie beweist nur eines: Den Atem konnte man ihm nur einer auslöschen, Gott. Der Kampfgeist jedoch entwich ihm erst nach dem letzten Atemzug. Chapeau!

Es waren ihrer sechs

Sophia und Hans Möller werden im Februar 1943 von der Gestapo verhaftet. Sie sollen in der Münchner Universität Flugblätter gegen das Naziregime verteilt haben. Klingt irgendwie bekannt. Und doch stört da etwas. ANtürich sind mit dem Geschwisterpaar Sophia und Hans die Geschwister Scholl gemeint, Sophie und Hans, die Weiße Rose. Die Geschichte ist bekannt, bis heute und wurde auf beiden Seiten der Mauer in Erinnerung gehalten. Zwar mit unterschiedlicher Sichtweise, aber immerhin.

Autor Alfred Neumann kannte die beiden Akteure nicht persönlich. Als er den Roman im September 1943 zu schreiben begann, lebte er schon jahrelang im Exil. Als das Buch einige Monate später fertig war, konnte es natürlich nicht in Deutschland vertrieben werden. Noch immer regierte der braune Terror.

Doch schon kurz nach dem Krieg gab es in Deutschland erste Vorabdrucke. Auf Englisch war es bereits 1945 erschienen. Die Reaktionen waren immens. Wie kann sich einer erdreisten die heldenhafte Auflehnung aufrechter Widerständler in einem Roman zu verarbeiten? Und das, obwohl er nur aus der Ferne Bruchstücke wahrnehmen konnte. Selbst die Schwester von Sophie und Hans, Inge Scholl stieß ins Horn der Entrüsteten.

Alfred Neumann gehörte in der Weimarer Republik zu den meist gelesenen und am höchsten aufgelegten Autoren. Natürlich las er über die Weiße Rose. Natürlich freute ihn, was da im Vorfeld der Verhaftungen geschah. Und natürlich war er nicht minder bestürzt über die Reaktionen der Nazis – Sophie und Hans Scholl, sowie andere wurden rasch nach ihren Verhaftungen durch die Guillotine geköpft.

Alfred Neumann verteidigte sein Werk „Es waren ihrer sechs“, in dem er auf die geänderten, jedoch eindeutig zu erkennenden Klarnamen verwies. Wer solle ihm das Recht verweigern über das zu schreiben, was ihn umtrieb. Er wusste nur das, was er in Zeitungen im Exil gelesen hat. Doch die Idee zum Roman über den Widerstand hatte er nicht erst seit den ersten Zeitungsartikeln, sondern schon viel früher gefasst.

Es wird gern darauf hingewiesen, dass Truman Capote wohl der erste war, der reale Verbrechen in einem Roman „In cold blood“ (Kaltblütig) verarbeitet hat. Er machte sich nicht die Mühe die Namen der real Wirkenden auch nur marginal zu verändern. Aus Respekt vor den Taten, und auch wohl, weil er eben nicht hundertprozentig vor Ort recherchieren konnte, ließ Alfred Neumann seiner Phantasie freien Lauf und gab den Ereignissen rund um die Weiße Rose einen fiktiven Verlauf. Erschreckend wie nah er doch am wirklichen Geschehen dran war. Die Verhöre der Gestapo, die nervenaufreibende Ungewissheit aller Beteiligten, die Kaltblütigkeit der Machtausübenden verleihen dem Roman fast schon einen chronistischen Charakter.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist darüber hinaus die selten da gewesene künstlerische Gestaltung des Buches. Historische Dokumente wie der offene Brief von Alfred Neumann an die Kritiker, historische Dokumente zur den Vorgängen in München, eine Kurzbiographie des Autors sowie der enorme Aufwand, der betrieben wurde, um dem Buch einen würdigen Rahmen passend zum Inhalt zu geben. Es ist eine neue Dimension Bücher von Weltrang gebührend zu verlegen.

Die fremden Götter

Man überschreitet deutlich mehr als nur die Grenze des guten Geschmacks, wenn man Luises Leben, das in Nizza begann und in Avignon weitergeführt wurde, als himmlisch bezeichnet. Denn es sind die Jahre nach der Naziherrschaft in Europa. Ihre Eltern haben das Konzentrationslager überlebt, und können wie nur Wenige zurückkehren. Ihre Jüngste hat die Strapazen des Krieges nicht überlebt. Luise lebt! Die Jahre im Ursulinenkloster, dessen Gebäude heute noch in Avignon existiert, haben ihre Spuren hinterlassen. Luise ist nun strenggläubige Katholikin. Statt sich maß- und vor allem grenzenlos über die seltene Familienzusammenführung zu freuen, sind Mutter und Vater zutiefst enttäuscht über den Wandel der Tochter. Denn die Eltern sind nicht minder tiefgläubige Juden. Weshalb sie auch von der Gestapo deportiert wurden.

Walter Schott wurde im KZ zu einem ernsthaften Juden. Wollte man ihm dies austreiben, ist es gründlich in die Hose gegangen. Wieder in Freiheit kann er seiner Religion nicht mehr auch nur eine Handbreit freigeben. Das spürt besonders Tochter Luise. Ihr Vertrauen in Gott ist ungebrochen. So oft es geht, betet sie in der Kirche, bittet um Beistand in der schwierigen Zeit. Denn die Eltern haben sich verändert.

Walter Schott fleht seine Tochter an wieder zum Judentum überzutreten. Einen konkreten Grund hat er nicht bzw. kann ihn nicht nennen. Für einen Mann mit seinem Schicksal tut er etwas Ungeheuerliches: Er sperrt seine Tochter bei Wein, Brot und Apfel ein. Niemand darf zu ihr. Nicht einmal die Schulkameraden, denen erzählt wird, Luise habe die Masern. Auch der Mutter wird strengstens untersagt Luise zu besuchen.

Kurz zuvor hatte es der Vater „noch im Guten versucht“. Théodore Bovin, der Sohn des Rabbis und selbst schon auf dem Sprung zum Philosophiestudium an die Sorbonne sollte Luise ins Gewissen reden. Doch stattdessen verguckt er sich in die hübsche Siebzehnjährige. Emile Colombe ist Buddhist. Auch er schafft es nicht – will es auch nicht, denn sein Wankelmut sieht keine Religion vor – Luise zur Rückkehr zu bewegen. Denn Luise ist in Henri Matelotte verknallt. Selbstständiger Fotograf, der in ihr aber leider nur ein Abenteuer sieht. Sie sind trotzdem Luises letzte Möglichkeit dem Wahn des Vaters zu entkommen.

Es ist erschreckend zu lesen, wohin religiöser Wahn führen kann. Und so aktuell. Hermann Kesten schrieb diesen Roman in den 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Krieg war gerade aus, etwas Ruhe kehrte langsam ein. Doch die Dickschädel – und deren Couleur spielt überhaupt keine Rolle – mischen immer noch mit. Es ist die Zeit der Neuanpassung, des Aufbruchs und Neuaufbaus. Das Land liegt brach, und die Fanatiker sehen darin die Chance ihre Ideen auf fruchtbarem Boden zu säen. Doch die Menschen sehnen sich nach Bewährtem, nach Sicherheit. Und die fanden nicht Wenige im Schoß der Religion. Warum also davon abweichen? Luise will ihren eigenen Weg gehen. Dornig wird er und entbehrungsreich, doch es ist ihr Weg.

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Tatort Algerien

Das Rad zurückdrehen, um das Heute verstehen zu können. So geht es einem, wenn man dieses Buch liest. „Tatort: Algerien“ – ein martialischer Titel. Doch es ist nicht der Titel, der martialisch ist, sondern die Fakten in ihm.

1998 war vom so genannten arabischen Frühling noch keine Rede. Algerien stöhnte unter der Knute des Terrors. Ein unsicheres Land. Für Touristen fast unbereisbar. Ein starres System, das seine Macht mit allen Mitteln verteidigte. Freie Wahlen gab es maximal auf dem Papier. Abgebrochene Wahlen waren die Realität. Fundamentalistische Gruppen marodierten durchs Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Intelligenz des Landes floh, wie so viele.

Wer es sich dennoch erlaubte Zeilen niederzuschreiben und gar zu veröffentlichen – egal, ob er im Ausland war oder die Heimat nicht verlassen konnte – dem drohte im Mindesten Ungemach, im Normalfall Repressionen, zu oft der Tod.

Jeder der Autoren, die Texte zu diesem Buch beisteuerten, konnte sich sicher sein seinen Namen in einer Art Hitliste des Grauens wiederzufinden. Todeslisten. Doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Sie berichten von grausamer Folter. Ein Arzt, ein Intellektueller wurde direkt vom Krankenbett eines Kindes verschleppt. Zuerst nahm man ihm die Finger, dann weitere Gliedmaßen bis hin zur Verstümmelung. Sein Todeskampf dauerte einen Tag.

Es sind nicht die im Buch beschriebenen brutalen Methoden, die das Buch zu einem besonderen Buch machen. Es sind die Ohnmacht und der nicht enden wollende Wille zum Kampf und zu Veränderung des Landes und der Kämpfer, die mutig ihren Kopf und ihre Stimme erheben.

Wer Parallelen zur Gegenwart (nicht zwingend verortet im maghrebinischen Raum) erkennt, ist nicht verwirrt, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Aktualität. Zwanzig Jahre existiert dieses Buch. Lehren wurden kaum geschlossen. Die alten Köpfe sind weg – neue Köpfe haben das sagen. Die Perfidität der Machterhaltung hat lediglich eine andere Form angenommen.

Gladiatoren

Das muss ja eine ganz schöne Schweinerei gewesen sein! Da stampfen mehrere Dutzend Gladiatoren durch den blutverschmierten Sand und prügeln, hauen und stechen aufeinander ein als ob es kein Morgen gibt. In den meisten Fällen war es wahrscheinlich so. Reichlich zweitausend Jahre ist es her, dass die ersten ultimate fighter die Arena betraten. Unter Kaiser Trajan wurde ein Sieg über ein Land einmal einhundertsiebzehn Tage lang mit Gladiatorenwettkämpfen „gefeiert“.

Leoni Hellmayr fasst das gesamte Wissen über die Recken der Antike in diesem kleinen Büchlein zusammen und räumt dabei auch gleich noch ein paar Vorurteile aus dem Weg. Von wegen Daumen hoch oder Daumen runter. Diese Geste passt gut in Filme, aber nicht in die Zeit der Gladiatorenkämpfe. Genauso das „Ave Caesar, morituri est salutant“ – dass die Todgeweihten den Kaiser extra noch grüßten, gehört ins Reich der Legenden.

Fakt jedoch ist, dass Kaiser Augustus erste Normierungen einführte – es ist also keine Erfindung der Gegenwart alles in Tabellen und Kolonnen pressen zu müssen. Es gab drei Arten von Kämpfern, die unterschiedliche Waffen benutzen mussten. Dabei durfte aber die Chancengleichheit nicht untergraben werden. Welch ein perfides Unternehmen!

Einhundert Seiten – jede einzelne ein Füllhorn an Informationen, die so mancher Filmemacher schon mal lesen sollte, bevor er blitzblank geputzte Panzerträger in eine kaum Staub aufwirbelnde Kulisse schickt.

Für die Wettkämpfe – wenn man es so nennen kann – gab es einen eigenen Sprachschatz. Die Kämpfe wurden sogar auf Graffitis verewigt. Und es gab damals schon echte Superstars unter den – nicht immer versklavten – Kämpfern. Die Liste des Wissens ließe sich um einiges erweitern – Leoni Hellmayr schafft es tatsächlich auf den ihr zur Verfügung stehenden einhundert Seiten ein umfassendes Bild der schaurigen Kämpfe abzubilden.

Wer also in Zukunft „Spartacus“ von Stanley Kubrick schaut, wird kopfnickend und staunend applaudieren. Wer den Vormittag lieber vor der Glotze mit den dritten Programmen und unsagbar schlechten Sandalenfilmen Made in Italy verbringt, wird kopfschüttelnd ans Bücherregal rennen und vehement mit dem Finger auf die entsprechenden Passagen zeigen und stöhnen „Das war doch alles ganz anders!“

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.