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Ich schreibe aus Paris

Korrespondenten haben einen tieferen Einblick in etwas Fremdes mit Sichtweise von außen. Sie vermitteln Eindrücke, stellen Zusammenhänge, berichten aus fernen Ländern. Ohne sie wäre man gefangen in der eigenen kleinen Welt.

Helen Hessel war so eine Korrespondentin, die der Frau zuhause (in Deutschland) die große weite (Mode-) Welt zeigte. 1912 ging sie nach Paris. Dort lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel, den sie im Folgejahr heiratete. Es begann eine wilde Zeit, die von Francois Truffaut in „Jules et Jim“ so nachhaltig verfilmt wurde. Mit dieser Kurzbiographie wird man der Autorin Helen Hessel aber keineswegs gerecht.

Zwischen 1921 und 1938 war sie Auge und Ohr der deutschen (modebewussten und emanzipierten) Frau in der Hauptstadt der Welt, Paris. Und das immer mit fesselnder Neugier und einem zwinkernden Auge. Ein bisschen Modevorbildung wäre nicht schlecht – wer meint, seine Vorstellungen von Mode würden mit fünf Folgen Shopping Queen vollständig sein, kommt schon auf den ersten Seiten gewaltig ins Trudeln. Wer weiß schon was Foulard ist, was ein Coupeur so alles tut oder was well groomed bedeutet? Aber auch ohne entsprechendes Vokabular – das kann man alles nachschlagen – wird man sich in diese Auswahl von Artikeln sofort verlieben. Denn Mode kommt nie aus der Mode. Und die Beschreibung der selbigen wird trotz inflationärer „Ach wie spannend“ oder „Find ich mega“ ist niemals von gestern.

„Ich schreibe aus Paris“ erinnert an ein altmodisches Reportageformat, in dem dieses Genre noch von enthusiastischen Könnern ihres Faches in Höchstform gestaltet wurde. Helen Grund – sie schrieb damals schon wieder unter ihrem Mädchennamen, wer „Jules et Jim“ gesehen hat, weiß warum – wäre heute eine Influencerin ersten Grades, die selbst Anna Wintour (Chefin der amerikanischen Vogue, ihr Urteil wird in der Modebranche gefürchtet wie geliebt)  vor Neid erblassen lassen würde.

Helen Hessel aka Helen Grund weiß aber nicht nur Modetrends zu erkennen und zu beschreiben. Ganz Paris ist ihre Bühne. Von soldatischen Uniformen bis hin zum Finale von Roland Garros (zwischen William Tilden und René Lacoste – da ist sie wieder, die Verbindung zur Mode) findet sie hier ihre Bühne, von der sie in ihre alte Heimat berichtet. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, das jeden fesselt und dankbar sein lässt, dass Helen Hessels Texte doch nicht endgültig im Nirvana der Zeitungsarchive zu Staub werden.

Around the world in 72 days

Wer heute um die Welt reisen will, steigt nach dem Frühstück in den Flieger und liegt pünktlich zum Sandmännchen wieder gemütlich auf der Couch. Dabei ist es heutzutage unerheblich, ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Maximal als „das dritte Geschlecht“ könnte man noch für Aufsehen sorgen. Geht man jedoch einhundertdreißig Jahre zurück, ins prüde Amerika, dann erscheint eine Reise um die Welt für eine Frau fast schon undenkbar. Die Zeitung The World suchte per Annonce jemanden, der es schaffte den Erdball zu umrunden. Welch originelle Art die Auflage zu steigern – heute unmöglich! Ein reichliches Jahrzehnt zuvor hatten Phileas Fogg und Passepartout achtzig Tage benötigt, allerdings nur im Roman von Jules Verne. Nach der Bibel das zur damaligen Zeit erfolgreichster Buch der Welt.

In den Redaktionsräumen der Zeitung wurde man fündig. Die gerade mal sich in den Zwanzigern befindliche Nellie Bly (sie schummelte ein wenig beim Alter, machte sich drei Jahre jünger, ein PR-Gag, der Name war auch eine Pseudonym) brach am 14. November 1889 zu dieser Reise von New York gen Osten auf. Ein Konkurrenzblatt schickte eine weitere Dame mit dem gleichen Ziel (Auflagensteigerung) gen Westen los. Die Leser konnten mit Coupons auf die Dauer der Reise tippen und einen Europa-Trip gewinnen. So war das damals, in der vermeintlich guten alten Zeit…

Nellie Bly sorgte ein paar Jahre zuvor schon für Furore als sie in einem erschütternd ehrlichen Buch die Zustände in einer Nervenheilanstalt anprangerte. Sie war die erste und bei Weitem sicherlich die beste Wahl, auf alle Fälle ein Glücksfall für den Verlag und bis heute für den Leser. Der Titel verrät es: Wer auf seinem Zettel die 72 stehen hatte, konnte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Reise in die alte Welt machen.

Bei all der Faszination, die Nellie Blys Buch bis heute auf den Leser ausstrahlt, darf eines nicht übersehen werden. Ihr (halten wir es ihr mal zugute – unfreiwilliger) Rassismus ist allgegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Zeit wie Amerika auf den Rest der Welt hinabschaute. Fast jeder Zehnte der heutigen (!) Einwohner Europas brach im 19. Jahrhundert in die neue Welt auf. Die USA beschnitten die Rechte chinesischer Einwanderer, sofern diese überhaupt welche hatten. Nellie Bly stieß ins selbe Horn als sie im Süden Chinas die Primitivität und die hygienischen Standards der Einheimischen „bemerkte“. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, wenn man – aufgeklärt und humanistisch gebildet – am Beginn des 21. Jahrhunderts darüber liest. Es ist Rassismus, nichts mehr und nichts weniger. Unwissen schützt vor nichts. Dieses Buch aufgrund dieser Tatsache zu verteufeln, wäre allerdings auch nicht im Sinne des Erfinders. Ihr Reisebericht ist spannend und wohl formuliert und strotzt glücklicherweise auch nicht auf jeder Seite vor Vorurteilen. Man sollte sie halt bloß nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

„Around the world in 72 days“ ist Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln. Neugierig und zuweilen nassforsch steckt Nellie Bly (das phonetische Pendant  Bligh steht für Weltreisen und Entdeckertum mit strenger Hand) ihre Nase, die sie sehr wohl etwas angehen. Sie will schließlich Berichte schreiben, die man so vorher nur aus Büchern kannte. Um es vorweg zu nehmen, es gelang ihr brillant. Obwohl der der große Erfolg versagt blieb. Sie hielt nach ihrer Reise Vorträge, bekam ein großzügiges Gehalt. Doch so groß sich Amerika gab, so rückschrittlich war es bei der Umsetzung der Gleichberechtigung.

Der deutsche Gil Blas

Gil Blas war eine Romanfigur, die zu Beginn des18. Jahrhunderts in vier Bänden die französische Gesellschaft aufs Korn nahm. Gil Blas entsprang der Phantasie von Alain-René Lesage. Dieser Gil Blas, der deutsche Gil Blas hieß Johann Christoph Sachse, kam aus Thüringen und war echt. Ihn gab es wirklich. Er dient bei Goethe in der Anna Amalia Bibliothek. Bis er jedoch die wohl gerühmte und sicherlich gut bezahlte Stelle antreten konnte, war sein Weg von Kehrungen und Wendungen, von Biegungen und allerlei Widrigkeiten geprägt.

Das begann schon in der Kindheit. Immer wieder war der Vater fort, weil er an angestammtem Ort, in der Nähe von Gotha, keine Arbeit fand, um die Familie ernähren zu können. Gerade zweistellig an Alter, musste der junge Sachse bereits arbeiten.

Seine Arbeitssuche treibt ihn von Herren zu Herren, von Job zu Job, von Stadt zu Stadt. Er lernt reiten, frisieren, servieren. Und er kommt viel rum, wie man heute sagen würde. Über den Harz treibt es ihn gen Norden nach Mecklenburg, im Westen bis ins Rheinland und Amsterdam, im Osten bis Dresden. Immer wieder muss er lernen wieder aufzustehen, um kurze Zeit später erneut auf den Füßen landen zu müssen.

Es ist eine regelrechte Hatz durch Deutschland, wobei dies noch eine Untertreibung ist. Denn alle paar Kilometer Fußmarsch ist man bereits wieder im Ausland. Deutschland war Ende des 18. Jahrhunderts noch kein einheitlicher Nationalstaat. Neue Währung, neue Maße … an Abwechslung hat es Johann Christoph Sachse also kaum mangeln können.

Die Sprache fällt sofort auf. So gewählt, so vornehm … so altmodisch. Ohne dabei anstrengend zu sein. So manches Wort kommt einem etwas holprig über die Lippen. Hat man sich daran gewöhnt, ist dieser Reise-/Lebensbericht eine wahre Fundgrube an Abenteuern anno dazumal.

Der große historische Bezug kommt Form der letzten Monate der Französischen Revolution dem mittlerweile über Dreißigjährigen vor Augen. Immer wieder sieht er Pulverrauch am Horizont, versprengte Truppen und abrückende Soldateneinheiten. Ihm gelingt es – so schnell kann ihn aber auch nichts mehr aus der Ruhe bringen, zu viel hat er schon erlebt – immer wieder allen Irrungen und Wirrungen aus dem Weg zu gehen.

Es sind Bücher wie diese, die die eigene Geschichte erlebbar machen. Keine großen Heerführer, die Menschenmassen einen und in den Tod führen für die „große Sache“ sind es, die haften bleiben sollten. Sondern die Schicksale des einzelnen, der Tag für Tag darum kämpfen muss ein wahrhaftes Leben sich gönnen zu können. Der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ macht mit diesem Buch seinem Namen einmal mehr Ehre.

Das Gebot der Gewalt

Afrika, 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung: Die Kolonialherren aus Europa sind noch ferne Gedanken. Doch das fiktive Volk in Nakem, was ungefähr der Region des heutigen Mali entspricht, ächzt unter der Knute seiner Herrscher. Da ist sich keiner dem Anderen grün. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Wer widerspricht, wird nicht einfach aus der Welt geschafft. Der wird nach allen Regeln der Gewaltherrschaft gedemütigt, gefoltert und in aller Ruhe elendig verreckt gelassen. Es ist eine grausame Zeit, in der die Herrschernachfolger, um der Machterhaltung ihre eigenen Mütter heiraten und im Laufe der Zeit bei Festen das wirre Bild des Wilden im Busch bizarre Züge bekommt.

Die Dynastie der Saïf wird fast achthundert Jahre fortbestehen. Als die ersten Kolonialisten in Nakem eintreffen, sind die Machtverhältnisse schnell umgedreht. Die einstigen Herrscher müssen zusehen, dass ihre ihnen in die Wiege gelegte Macht nicht durch die Finger rinnt. Sie koalieren mit den neuen Herren, um sie ihre eigene Macht zu sichern. Das ist der Moment, in dem die fiktiven Aufzeichnungen anfangen konkret zu werden. Da tauchen deutsche Händler auf, die das greifbare kulturelle Erbe des Volkes in Nakem in Massen aus dem Land schaffen. Gouverneure leisten Hilfestellung als es gilt die Nachfahren der Saïf auf den rechten Bildungsweg außer Landes zu schaffen. Königlichen Geblüts studieren sie in Frankreich, der Heimat ihrer Unterdrücke und nehmen es als gegeben hin. Sie kämpfen im Weltkrieg für die Freiheit des Landes, das ihnen selbige mit Waffengewalt und perfider Raffinesse stahl.

Yambo Ouologuem lässt kein gutes Haar, an keiner der kämpfenden Parteien. Das Elend der Einen ist immer die Chance der Anderen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, ist man geneigt zu sagen. Doch auch die neuen Herren sind nicht viel anders als die alten Peiniger. Als das Buch in den 60er Jahren erscheint, tritt Yambo Ouologuem eine Welle der Entrüstung aus. Unterdrücke und Unterdrückte krallen sich an den expliziten Erläuterungen widerwärtiger Rituale fest. Gewalt geht niemals nur auf Kosten einer Partei. Wer die rohe Beschreibung beispielsweise einer Genitalverstümmelung an einer jungen Frau liest, kann sich einfach nicht mehr entscheiden, ob er für die eine oder andere Seite in dieser Geschichte sein kann. Man wähnt sich in einem Film von Oliver Stone oder Quentin Tarantino – so schnörkellos werden alte Bräuche und moderne Versklavung dargestellt.

„Das Gebot der Gewalt“ ist fiktiv, doch in seiner Detailversessenheit derart real, die es einem unmöglich macht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden zu können. Plagiatsvorwürfe zwangen den Autor sich zurückzuziehen, der Verlag stampfte ganze Auflagen wieder ein. 2017 starb Yambo Ouologuem zurückgezogen in seiner Heimat Mali. Dass sein Erstling zum Klassiker wurde, hat er noch erlebt. Aber auch die Demontage seiner Leistung.

Wie Männer sich die Frau von morgen wünschen

Ein echtes Buch für Männer! Ein Buch für echte Männer! Und ein Titel zu dem man sofort eine Meinung hat bzw. etwas zu sagen hat. Mal im Spaß, mal im Ernst.

Doch so einfach macht es sich die Herausgeberin Barbara Sichtermann nicht! Es sind Texte die fast ein ganzes Jahrhundert alt sind. Der Begriff „moderne Frau“ oder eben „Frau von morgen“ existiert bereits. Die Goldenen Zwanziger sind schon Geschichte, wenn auch noch greifbar, da bat der E. A. Seemann Verlag Männer mit Gewicht in der Stimme Texte zu diesem Thema zu schreiben. 1929 sollten sie (und wurden auch) veröffentlicht werden. Zehn Jahre nach dem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Frauenwahlrecht eingeführt? Ja so sachlich nannte man es damals – heute würde auch weniger Leidenschaft in die Formulierung gelegt werden. So viel hat sich seitdem also auch nicht verändert. Frauen durften wählen. Punkt!

Die wohl bekanntesten Namen in diesem Buch sind Stefan Zweig und Max Brod. Auch ihnen entging nicht, dass das vorherrschende Klischee der Frau am Herd wohl bald der Vergangenheit angehören wurde. Die industrielle Revolution – von Männerhand erdacht und erschaffen – zog in langen Bahnen auch den Kampf für faire Bedingungen am Arbeitsplatz hinter sich her. Sozialversicherungen wurden eingeführt. Alles so weit in Ordnung, doch die Frau durfte ihr angestammtes Revier, Herd und Bett, nicht verlassen.

Fast allen Texten – von den bereits erwähnten beiden Schriftstellern über den Journalisten Alfons Paquet und Robert Musil bis hin zu Otto Flake und Frank Thiess – ist es gemein, dass Inhalt und Überzeugung nicht die gesamte Strecke Hand in Hand gehen. Wüste Theorien aus utopo-kommunistischen Zeiten, in denen Kinder nach der Geburt in Kinderlagern erzogen werden, Frauen und Männer gleichberechtigt ausgebeutet werden, und Zeiten, in denen das Individuum in der Masse untergeht. Von Familie keine Spur. Nicht gerade realistisch. Aber das sollten die Texte vielleicht auch nicht sein.

Die Frau geht in ihrer Rolle als Sie neben Ihm auf. So war es und nach Ansicht der Autoren wird sich daran auch nicht so viel ändern. Überspitzt gesagt, ein bisschen mehr Haushaltsgeld und Entscheidungsfreiheit, was auf den Tisch kommt, dürfte für den Anfang reichen. Die gegenwärtigen Verhältnisse können modifiziert, aber um keinen Preis der Welt aus den Fugen geraten. Natürlich spricht das keiner offen aus. Wahrscheinlich denkt kaum einer in diese Richtung. Zu festgefahren sind die Rollenbilder.

Ist dieses Buch nun ein Buch für echte Männer? Aber ja doch. Nicht, um zu recherchieren, was an Katastrophen auf einen zukommt á la „man muss den Feind kennen, um ihn besiegen zu können“. Wie in so vielen Texten liegt die Wahrheit in den Worten und zwischen den Zeilen. So mancher Chauvi wird sich erstaunt die Augen reiben, was es denn tatsächlich bedeutet Gleichberechtigung Eins zu Eins umzusetzen. Es gehört mehr dazu als sich die meisten vorstellen können. Wem dieses Thema auch nach der Lektüre immer noch zu fremd und zu fern ist, der hat zumindest klangvolle Ideen gelesen, die trotz des Alters immer noch aktuell sind.

Zu Hause im 20. Jahrhundert – Hermann Kesten

Dieses Leben wartete nur darauf endlich komplett niedergeschrieben zu werden. Er war der niemals stille Beobachter des 20. Jahrhunderts. Geboren 1900, war seine Berufswahl von Anfang an klar: Schriftsteller. Worte formen und zusammenstellen, um zu berichten.

Im Alter von vier Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern aus dem heute ukrainischen Galizien nach Nürnberg. Hier ging er zur Schule, besuchte Kaffeehäuser, stürzte sich in die Bibliothek seines Vaters. Bis der Krieg seinem bis dahin sorglosem Leben die erste Schramme versetze. Sein über alles geliebter Vater fiel im Krieg. In der Stadt, in der seine Mutter geboren wurde. An dem Tag als seine jüngere Schwester ihren 14. Geburtstag feierte.

Schon früh war sich Kesten der Wirkung seiner Texte bewusst. Wenn er veröffentlichte, dann nur bei renommierten Zeitungen oder Verlagen. Ein Studienfreund lotste ihn schließlich zum Verlag von Gustav Kiepenheuer. Es ist die herrlichste Zeit in seinem Leben. Er kann selbst schreiben und wird veröffentlicht. Er holt Dichter in den Verlag, die veröffentlicht werden. Er heiratet. Doch Berlin ist seiner nicht gewachsen. Die ewigen Literatenzirkel engen ihn ein. Er kennt jeden, der schreibt. Alle, die schreiben, kennen ihn. Doch so recht dazuzugehören, scheint Hermann Kesten nicht. Die ungewöhnliche Arbeitssituation geht auch im Privaten vollkommen auf. Neben Toni, seiner Frau, die aus Nürnberg zu ihm kam, wohnt auch noch seine Mutter bei dem jungen Paar in Charlottenburg.

Und wieder ist es ein gewaltiges Erlebnis – nach dem kriegsbedingten Tod des Vaters – dass ihn zwingt die nicht unbedingt geliebte Heimat, Berlin, Deutschland zu verlassen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist es für ihn, jüdischen Glaubens, unmöglich weiterhin in Deutschland zu arbeiten und zu leben. Dass er unbewusst die braune Brut im Verlag untergebracht hat, befeuert seine „Reisepläne“ immens und bestärkt ihn in seinem Beschluss. Keine schlechte Wahl. Als einer der ersten begibt er sich ins Exil nach Frankreich, wird später so was wie der Herbergsvater einer ganzen Schriftstellergeneration, als Dichter wie Mann, Feuchtwanger oder Roth im südfranzösischen Sanary sur mer einen zeitlich begrenzten Hort der Ruhe fanden.

1940 kehrt Kesten Europa endgültig den Rücken. New York wird seine neues zuhause, ein Jahrzehnt findet er dies in Rom und 1977, dem Jahr als seine Frau starb, lässt er sich in der Schweiz nieder, wo er 1996 starb.

Albert M. Debrunner hat sich jahrzehntelang mit Hermann Kesten beschäftigt. Seine Biografie eines unermüdlichen Schreibers, eines Verfechters der deutschen Sprache ist nicht einfach nur eine Aneinanderreihung von Daten und Fakten, es ist ein spannungsgeladener Krimi eines Mannes, der sich seine Umgebung nicht immer zurechtbiegen konnte. Mit Liebe und Hingabe – so wie Kesten sich selbst auch verstand – gelingt ihm das Kunststück einen teils vergessenen Literaten die wohlverdiente Ehrung zukommen zu lassen. Kestens Weg und Kestens Werk sind aus den Bestsellerlisten längst verschwunden. Wer jedoch die Poesie in der deutschen Sprache sucht, findet sie bei Kesten in jeder Silbe. Debrunners Biographie ist das Silbertablett, auf dem Kestens Leben ein sanftes Ruhekissen findet.

Saxones

Die Sachsen haben die stille Revolution begonnen, die zum Zusammenschluss beider deutscher Staaten führte. Hier liegt die Wiege der deutschen Hochsprache, dank Lessing. Doch das Land, das von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Tschechien und Polen umrandet wird, trägt seinen Namen und seine Geschichte weit darüber hinaus. Das Land Niedersachsen ist nicht nur sprachlich den Sachsen verbunden. In einer Ausstellung, die bis zum 18. August im Landesmuseum Hannover und vom 21. September 2019 bis Ende Februar 2020 im Braunschweigischen Landesmuseum wird die nachhaltige Geschichte der Sachsen mit zahlreichen eindrucksvollen Exponaten erlebbar gemacht. Als Begleitband zur Ausstellung, als Appetithäppchen vor dem Museumsbesuch oder / und als Erinnerungsstück danach sind die knapp vierhundert Seiten ein wahres Füllhorn an überraschenden Einblicken in eine Kultur, die seit über tausend Jahren maßgeblich die deutsche Geschichte geprägt hat.

Die Hinterlassenschaften wie Schmuckstücke, Werkzeuge, Alltagsgegenstände auf einmal zu erfassen, ist unmöglich. Eine Vielzahl von Forschern hat sich auf diesem Gebiet hervorgetan und präsentiert in diesem Katalog die Erkenntnisse der Forschungen. Manchmal spannend wie ein Krimi, immer sachlich fundiert, liegt ein echter Schatz in den Händen des Lesers. Schon vor rund zweitausend Jahren bekamen die römischen Invasoren die scharfen Klingen der Sachsen zu spüren. In Hedemünden an der Werra wurden mehr oder weniger gut erhaltene Dolche aus dem Leib der Erde entnommen und sind nun wieder zu bestaunen.

Selbst so nützliche Alltagsdinge wie ein Eimer zeugen von der Kunstfertigkeit der Sachsen. Der Hemmoorer Eimer, der im Landkreis Cuxhaven gefunden wurde, beeindruckt durch die zahlreichen Verzierungen, die man heutzutage in den Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser vergeblich sucht.

Landkarten, Skizzen, Fotos von Ausgrabungsstellen bereichern jedes Kapitel in diesem Buch. Sie zeugen von der gewissenhaften Arbeit der Archäologen, die nicht müde werden unter der Oberfläche die Vergangenheit ans Tageslicht zu holen.

Der alte Gassenhauer von den Sachsen, der das reisen so sehr liebt, bekommt durch die Ausstellung und auch dieses Buch eine zusätzliche Komponente, die Sachsen, aber auch alle anderen Völker des deutschen Sprachraumes in Erstaunen versetzen wird.

Eine kurze Geschichte der Fotografie

Warum nur sehen meine Bilder nie so aus wie die in Magazinen, auf Plakaten oder in Museen? Es ist doch nur ein Kamera durch die man sehen muss, klick, fertig. Ja, wenn das so einfach wäre, wir würden alle van Gogh heißen. Wie in jeder Kunstart denkt man nur allzu gern, dass man das auch kann. Und dann? Alles verwischt, zu dunkel, zu hell, Bildausschnitt zu eng, zu weit. Es ist schon ein Kreuz mit der Kunst! Sie zu verstehen … ein Buch mit sieben Siegeln.

Zumindest, was die Fotografie im Allgemeinen betrifft, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in Sachen Verständnis in Sichtweite. Ian Haydn Smith (bei dem Namen denkt man zuerst an einen Kunstführer durch die Musik) hat die bis vor Kurzem jüngste Kunstrichtung (Video ist noch jünger, aber wohl eher ein Ableger der Fotografie) unter die Lupe genommen und analysiert. Einfach abdrücken, aufs Vögelchen warten und Bild betrachten – das sind im besten Fall die Basiseigenschaften der Fotografie. Denn auch hier gibt es unterschiedliche Stilrichtungen und Spielarten, die man auf den ersten Blick gar nicht auf dem Schirm hat.

Ein bunter Spaziergang durch die Geschichte – klingt nach einem Rundgang durch alte Gemäuer, angereichert mit ein paar Schauergeschichten und unvergesslichen Eindrücken. So ergeht es einem auch – die Schauergeschichten sind in diesem Fall Hintergrundinfos – beim ersten Durchblättern. Man sucht das eine oder andere Bild, das man schon kennt. Das Portrait von Che Guevara, die napalmverbrannten Kinder in Vietnam oder James Dean mit hochgeschlagenem Mantelkragen in New York.  Vielleicht sind dem Leser ein paar Namen schon bekannt: Frank Capa, Man Ray oder auch Anne Leibovitz. Der Einstieg ist somit schon getan.

Mit der Entwicklung von Apparaten und Entwicklungstechniken wurden immer mehr Möglichkeiten geschaffen den Moment für die Ewigkeit festzuhalten. Ein Schnappschuss, der erst beim entwickelten Foto seine ganze Anziehungskraft entfaltet oder ein gestelltes Modefoto schwimmen emotional auf Augenhöhe. Der Augenblick wird zur endlosen Route der Gefühle. Man steht vor einem Bild und spinnt sich seine eigene Geschichte um dieses zweidimensionale Objekt. Was geschah just zu dem Zeitpunkt als der Fotograf den Auslöser drückte?

Bekannte Namen, vergessene Namen, Künstler, die ihre Zeit prägten, einen Stil vorgaben und ihrer Kunst den Stempel aufdrückten – ausnahmslos alle versammeln sich in diesem Buch, das aus dem Leser / Betrachter sicherlich keinen besseren Fotografen machen, aber das Auge für moderne Kunst schult.

Faschist werden

Der Titel fällt auf! Und wem das Wort Humanismus genau so locker von der Zunge geht wie die Brötchenbestellung beim Bäcker, der erkennt auch, dass dieses Buch keineswegs eine Anleitung zur Kehrtwende ist, sondern eine im tiefsten Herzen verankerte Satire. Michela Murgia, die mit ihren fantasievollen Geschichten aus ihrer Heimat Sardinien schon so manche Musestunde bescherte, wagt einen – mehr als gelungenen, so viel sei schon mal verraten – Ausflug ins ernste Fach.

Der Faschismus ist die simpelste Form des Zusammenlebens. Dem F in Faschismus liegen zwei weitere Fs zu Grunde: Führer und Feindbild. Ohne die geht es nicht! Für etwas zu sein, ist immer schwieriger, weil es eine Begründung braucht und eine Lösung einfordert. Gegen etwas zu sein, macht es einfach Massen zu mobilisieren. Sobald sich das Gegenüber aber selbst Gedanken machen muss, wird es kompliziert. Und der Faschismus bzw. dessen Agitatoren kommen ins Schwimmen.

Also braucht man eine starke Hand. Einen, der die Trillerpfeife bläst und alle nach seinem Plan marschieren lässt. Dabei darf er allerdings nie das Heft des Handelns aus der Hand geben. Das ist sein Aufgabenbereich, nicht der der Anderen. Es ist bequem zu wissen, dass es jemanden gibt, der diese Aufgaben

Erledigt und nach seinem eigenen Diktat auch lebt. Diktatoren, pardon Führer, die dies tun, haben erfahrungsgemäß eine längere Überlebenszeit als die, die immer nur andere die eigenen Aufgaben erledigen lassen. Handlanger und die, die sich als solche bezeichnen, kommen schnell unter die Räder. Adolf Eichmann konnte davon ein Lied singen.

Jeder hat sicher schon mal den launigen Spruch von der starken Hand gehört oder selbst schon einmal ausgesprochen. Immer dann, wenn man an die eigenen Grenzen stößt, erhallt der Ruf nach Härte und Strenge. Dass „die da oben“ zuerst eigene Interessen vertreten, wird schnell beiseite gewischt. Demokratie ist Verhandlungssache. Und nicht immer will man alles ausdiskutieren. Zu oft schon kam schlussendlich nichts „Zählbares“ dabei raus. Wenn man die Argumente jedoch bis zum Schluss einmal durch exerziert, ist dem nicht so, was jedoch einen riesigen Aufwand bedeuten würde. Also doch lieber draufhauen und nach Regeln verlangen. Schon bei der abendlichen Freizeitgestaltung setzt bei vielen der Demokratiegedanke aus. Wer die Fernbedienung in den Händen hält, ist König, oder Führer. Wie schwer ist es erst eine Millionenbevölkerung unter einen Hut zu bekommen? Links und rechts eine Ohrfeige und alles läuft nach (dem eigenen) Plan?! Wie viel Faschist steckt in jedem von uns. Michela Murgia treibt es in ihrem Büchlein auf die Spitze. Sie ist weit von einer Faschistin entfernt, gibt jedoch zu, dass auch sie schon schwache Momente hatte, in denen ihr der Gedanke kam, dass doch nicht alles schlecht sei an dem Bund-Tum. Faschismus leitet sich vom italienischen fascio – Bund ab. Für dieses Buch spann sie diese Gedanken weiter. Am Ende des Buches – und dieses Mal sollte man nicht schon vorher „in den Lösungsteil“ schauen – hat sie einen Fragebogen, das so genannte Faschistometer, erfunden. Fünfundsechzig Fragen und Behauptungen, die man entweder gut oder schlecht findet. Es gibt nur diese zwei Antwortmöglichkeiten, kein naja, jein oder ähnliches Herumgestammele. Je nachdem wie viele Behauptungen daraus man für sich selbst einfordert (oder gut findet), wird man im Nachgang lesen können, wie weit der innere Faschismus schon gediehen ist. Erschreckend und ernüchternd für den Einen oder Anderen. „Faschist werden. Eine Anleitung“ ist sachlich unterhaltsam, ohne zu diffamieren oder anzuklagen. Nach LTI von Victor Klemperer eines der wichtigsten Bücher zu diesem Thema. Für Aufsehen sorgt das Buch allemal: Pink und Faschismus. Als Lektüre in Bus und Bahn. Oder wenn man seine Bestellung aus der Buchhandlung seines Vertrauens abholt mit den Worten: „Ich möchte gern Faschist werden … abholen“. Ausprobieren!

Tirza Atar. Wenn alles berührt

Eine Biografie über eine Frau, die nicht einmal bei Wikipedia erscheint? Da sind die herkömmlichen Medien den digitalen endlich mal einen Schritt voraus. Aber mal ganz ehrlich, wer kennt Tirza Atar? Das wird sich mit diesem Buch schlagartig ändern.

Die israelische Poetin Tirza Atar wurde 1941 in Tel Aviv geboren, wo sie auch sechsunddreißig Jahre später starb. Sie war die Tochter des bekannteren Literaten Nathan Alterman. Der Untertitel „Wenn alles berührt“ weist auf eine verletzliche Seele hin, wie man so schön sagt. In Essays und texten kommt der Leser der unbekannten Tirza Atar auf die Spur.

Der Nachname ist ein Pseudonym. Nach einem abgebrochenem Schauspielstudium in New York kehrt Tirza Atar zurück in ihr Heimatland. Die Texte aus ihrer Feder werden allerdings erst Jahre nach ihrem Tod im Archiv ihres Vaters entdeckt. Zu Lebzeiten war Tirza Atar immer die Tochter von Nathan Alterman. Ein trauriges Schicksal für eine empfindsame Frau, die der Welt so viel zu verraten, im Sinne von preiszugeben hatte.

Einzelne Texte hat die Autorin Gundula Schiffer in diesem Buch zusammengetragen und den entsprechenden Rahmen mit Erläuterungen versehen.

Für den Leser eine neue Erfahrung. Denn wer nicht gerade den Dokumentarfilm „Bird in the room“ über die israelische Autorin gesehen hat, der wird mit den meisten Formulierungen nicht viel anfangen können. Ob Tirza Atar traurig war, heutzutage würde man vorbehaltlos von Depressionen sprechen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aber ist das wichtig? Nein! Sie lässt ihre Texte für sich sprechen. Eine gewisse Schwermut kann man hier und da schon feststellen. Doch im gleichen Maße aber auch eine unbändige Lebensfaszination, die sie ergriff und nie los ließ. Bis zu jenem 7. September 1977, als sie wahrscheinlich die Bauarbeiter von gegenüber um etwas Ruhe bitten wollte. Sie verlor den Halt und stürzte mehrere Stockwerke tief in den Tod.

Über vierzig Jahre sollte es dauern bis man auch in Europa etwas von Tirza Atar vernehmen soll. Dem Verlag Edition Karo ist es zu verdanken, dass Tirza Atar nicht mehr nur eine Randbemerkung der Literaturgeschichte Israels ist – die Gesamtausgabe ihres Werkes ist auch dort erst seit ein paar Jahren erhältlich – sondern dank ihrer Gedichte und Texte eine kleine Renaissance erleben kann.