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Asche und Sand

Manchmal komprimiert sich die Geschichte eines ganzen Landes in einer kleinen Gruppe. Auf einem Fluss in Mosambik durchpeitschen die Ruder das Wasser. In dem kleinen Boot sind Imani, die als Übersetzerin ihr Volk mit den Besatzern aus Portugal zusammengeführt hat. Germano, dessen Militärposten angeführt wurde, der sich in Imani verliebte. Und der Sargento Melo, verletzt durch einen Schuss, den Imani abgab, weil ihren geistig zurückgebliebenen Bruder – auch mit an Bord – vor Schlimmerem bewahren wollte. Und Bianca, die Freundin des Sargento, der es immer noch nicht fassen kann, dass ausgerechnet ihm in die Hand geschossen wurde. Bianca kann ihn davon überzeugen, dass Imani ihn gerettet hat. Außerdem ist Katini an Bord, Imanis Vater, der Musiker, der wie kein Anderer die Leute in eine fröhliche Stimmung versetzen kann, wenn er spielt. Doch im Moment ist niemandem nach feiern zumute.

Sie wollen das nächstgelegene Krankenhaus erreichen, um zu retten, was zu retten ist. Doch Mosambik ist vom Krieg zerfurcht. VaCopi und VaNguni bekriegen sich bis auf den letzten Tropfen Blut. Portugal, die Kolonialmacht, dessen Soldaten einen Kampf führen, den sie gar nicht führen wollen. Die Kultur ist ihnen fremd, die Temperaturen sind zu hoch. Und die gigantische Armee der Einheimischen setzt ihnen mehr zu als die Generäle es erahnen können.

Für Imani und ihre Gefährten ist es doppelt gefährlich. Diese Mischung als Tradition, Pflichtbewusstsein und Liebe spiegelt das zerrissene Land auf unnachahmliche Art und Weise wider. Für jede Seite der kämpfenden Parteien sind sie Feind und Freund gleichermaßen. Eine List könnte Frieden bringen, kurzfristig. Imanis Vater schlägt vor Imani mit dem Anführer der Ngungunyane, die Imanis Volk mit unbeschreiblicher Grausamkeit bekämpfen, als Frau anzubieten. Nicht allein, um Frieden zu säen, um den Herrscher friedlich zu stimmen. Nein, er hat einen ganz anderen Plan…

Mia Coutos Trilogie zeigt beeindruckend, dass man doch noch nicht alles, was es zu lesen gibt, gelesen hat. In seinen Worten schwingt stets die Hoffnung mit, dass das Gute immer siegen wird. Dabei muss man die festgetretenen Pfade verlassen und darf im unwegsamen Gelände nicht den Mut verlieren. Diese Trilogie verrät mehr über Afrika als so mancher eindrucksvoller Reisebericht, da er der Kultur auf den Grund geht.

Eine kurze Geschichte des Romans

Ein mutiges Anliegen ein Buch zu schreiben über die wichtigsten Romane. Denn natürlich unterliegen Romane dem persönlichen Geschmack. Manch einer sucht sein Glück im Wühltisch beim Discounter und liest sich in die heile Welt vor wunderschöner Kulisse. Andere suchen die Herausforderung in Allegorien, historischen Romanen und finden in  Schlüsselromanen den Schlüssel zum eigenen Glück. Und jeder hat seine eigene Liste von Büchern, die er für Immer und Ewig im Regal stehen haben wird.

Die Auswahl, die Henry Russell für dieses Buch getroffen hat, kann sich aber durchaus sehen lassen und den Geschmack der meisten treffen. Wobei es der Autor vermeidet sich anzubiedern. Denn unstrittig gehören „Moby Dick“, „Der Zauberberg“ oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ ebenso in den gut sortierten Bücherschrank wie „“Wer die Nachtigall stört“, „Der Prozess“ und „Im Westen nicht Neues“.

Um es nicht nur bei der bloßen Aufzählung der Werke zu belassen, erhält man eine kurze Einleitung über die verschiedenen Genres – die Welt der schönen Worte besteht nicht nur aus Liebe und Verbrechen. Wer schon einmal einen Briefroman gelesen hat, weiß um die Informationen aus erster Schreiberhand und wird die Fiktion als echter wahrnehmen. Erst dadurch wirkt „Dracula“ von Bram Stoker so richtig düster.

Es handelt sich bei diesem Buch um einen Schmöker, den man auf den ersten Blick gar nicht als solches wahrnimmt. Doch je mehr man sich in die Welt der Bücher vertieft – und nur dafür gibt es diese Welt – desto mehr findet man Lücken im eigenen Regal. Die Empfindungen reichen von „Ach ja, das Buch gibt es auch noch!“ bis hin zu „Was? Davon habe ich noch nie gehört. Muss ich lesen!“. Denn Henry Russell gibt kleine Seitenhiebe ins „Habenwollen-Zentrum“ von Bücherwürmern.

Kleine Geschichte des Gardasees

Es ist sicher keine Erfindung der Moderne, dass es am Gardasee ziemlich wenig Platz gibt. Diese saloppe Erkenntnis gewinnt man schon auf den ersten Seiten dieses Buches. Denn der Gardasee war schon immer ein begehrtes Ziel. Nicht nur für Touristen, sondern für Weltmächte, Herrscher und Machthungrige aller Zeiten. Die Römer, die Lombarden, Hunnen, Barbaren und schlussendlich die auspuffbegasten, motorisierten Sonnenhungrigen der Welt. Der Gardasee – wer einmal da war, weiß warum – sehnen sich nach dem Gardasee.

Karin Sechneider-Ferber macht sich auf den langen Weg der langen Geschichte des lang ausgestreckten Sees in Oberitalien, dem größten Italiens. Zum Erstaunen vieler, die hier nur ihren Stellplatz suchen wollen, um postwendend ihr kleines eigenes Reich zu errichten, fördert sie dabei einiges zu Tage, das bisher kaum bekannt gewesen sein könnte. Selbst der Vinschgauer „Ötzi“ hätte sich hier einen Augenschmaus gönnen können. Möglich wäre es gewesen, aber da er es nicht mehr mitteilen kann, werden wir es nie erfahren. Am Gardasee entlang führten Handelsstraßen, die – und das ist bis heute nicht minder wichtig – einen bedeutenden Beitrag zum Wohlstand leisten.

Die Hinterlassenschaften der einstigen Herren sind bis heute sichtbar. Die Grotten des Catull auf der Halbinsel von Sirmione sind die weithin sichtbaren Überbleibsel eines herrschaftlichen Gebäudes. Wozu es diente, gibt bis heute Rätsel auf. Und der Name, der auf den Dichter Catullus zurückgeht, ist mehr als fraglich. Er lebte bevor es errichtet wurde.

Als die Könige und Kaiser Jahrhunderte später ihren Frieden mit der Region gemacht hatten, kamen die Menschenmassen in ihren Fahrzeugen, um sich an Berg und Meer satt zu sehen. Auch dies ist nur allzu verständlich. Einfach mal schauen!

Die „Kleine Geschichte des Gardasees“ ruft die wilden, harten, beschaulichen, glorreichen Zeiten am Gardasee noch einmal in Erinnerung. Beim nächsten Spaziergang am See, beim nächsten Stadtbummel, bei der nächsten Tour um und am See, erinnert man sich an einzelne Kapitel oder Abschnitte und sieht den Gardasee nun mit ganz anderen Augen.

Der Kurfürstendamm

Ab Hausnummer Eins immer weiter den Schlammpfad runter. Vorbei an den Windmühlen und dem umgestürzten Gartenzaun und schon ist man auf der Straße, auf der Maurer ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Noch ein Stück weiter und dann hört man schon die Massen sich amüsieren, wenn sie die größte Wasserrutsche Europa hinuntersausen. Das ist der Ku’damm. Nein, das war der Kurfürstendamm. Ein Schlammweg mit Windmühlen. Die große Straße hinaus aus der Stadt Berlin, mitten durch den Vorort Charlottenburg. Heute kaum mehr vorstellbar.

Aber der Ku’damm war halt nicht immer der Prachtboulevard, der er heute ist. Er hat sich entwickelt. Auch und vor allem seine Anwohner und Besucher prägten das Bild. Hier speisten, tratschten, diskutierten, tranken, rauchten, beratschlagten Bertolt Brecht, Max Liebermann, Karl Liebknecht … ach einfach alle, die in Berlin ihr Glück(ver-) suchten.

Regina Stürickow gelingt auf so wunderbare Art und Weise dem ein paar Kilometer langen Stück Asphalt mit diesem Buch immer wieder Leben einzuhauchen.

Und sie weiß so manche Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel welche Hausnummern es nicht mehr gibt, und warum. Denn heutzutage beginnt der Ku’damm mit der Nummer Zehn. Die ersten Nummern wurden der Budapester Straße geopfert. Im Kapitel über die 20er Jahre nimmt das Buch so richtig Fahrt auf. Berlin wurde zu Groß-Berlin, zu dem, was es heute ist. Und auf dem Ku’damm feierte man dies mit Champagner-Fontänen, die heute noch für große Augen sorgen.

Wer heute über den Boulevard schlendert, wird vieles aus dem Buch vermissen. Nicht nur die bereits erwähnten Windmühlen. Das Image prägen vor allem die großen Namen der Modebranche. Je leerer der Laden, desto bekannter die Marke – Völkerwanderungen wie vor hundert Jahren gibt es hier nicht mehr. Auch der Luna-Park musste schließen. Die Nazis haben dem Ruf des Boulevards den Garaus gemacht. Zu dekadent das Gehabe.

Dass hier es hier nicht nur „Hoch die Tassen“ hieß, beweisen die zahlreichen historischen Marksteine auf und um den Ku’damm herum. Stolpersteine zeugen von einer stolzen Zeit, die allzu abrupt endete. Eine Gedenktafel erinnert an das feige Attentat auf Rudi Dutschke. Das Büro des Sozialistischen Studentenbundes befand sich auf dem Ku’damm.

Der Mythos Kurfürstendamm ist ein wenig verblasst. Noch immer zieht es – verdientermaßen – viele hier hin. Doch der Nimbus der unbesiegbaren Partymeile ist futsch. Selbst das renommierte Theater musste dem Spekulantentum weichen. Doch die Geschichte wird immer in Erinnerung bleiben. Auch dank dieses Buches.

Gesang vom Leben

Etwas großspurig konnte man behaupten: „Hier waren sie alle!“ Leipzig, die Stadt der Hochkultur, der Musik lässt sich gern dieses Image gefallen. Der Thomanerchor. Bachs Wirken in der Thomaskirche. Mendelssohn-Bartholdy Engagement am Gewandhaus. Schumann, Wieck, die hier nicht nur heirateten, sondern wunderbare Werke schufen. Wagner, der hier geboren wurde und seine Werke uraufführte. Bis hin zu Demonstrationen für Beatmusik, der unüberschaubar großen Kneipenmusikszene, Jazzfestival und – damit schließt sich der Kreis – Klassik unter freiem Himmel.

Die Liste der Namen großer Meister ließe sich schier endlos fortsetzen. Gustav Mahler wirkte zwar nur kurz in Leipzig, er stand im Konkurrenzkampf mit dem Kapellmeister Nikisch, dessen Namen ein idyllischer Platz im Zentrum immer noch trägt. Er wird wohl mit wenig Wehmut an seinen Abschied aus der Musikstadt denken.

Wien und Paris waren und sind wohlklingende Namen in der Welt der Musik und Musiker. Wer hier arbeitet, kann Großes vollbringen. Leipzig steht in der Rangliste sicher nicht weit dahinter. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gründeten sich zahlreiche Chöre. Durch den Mitgliedsbeitrag sicherte man sich Engagement und Können. Nicht jedermann konnte einen Taler für die Kunst entbehren.

Hagen Kunze beschreibt in seiner Biographie der Musikmetropole Leipzig – so der Untertitel des Buches – eine Stadt, deren Bürger beseelt sind vom Gedanken sich kulturell auszudrücken. Oft probiert, doch nie erreicht, könnte man den anderen Städten zurufen. Denn Leipzig kann bis heute mit einem weltberühmten Chor und einem weltberühmten Orchester auftrumpfen. Sobald der Thomanerchor eine Tournee ankündigt, ist sie ausverkauft. Und das Gewandhausorchester, das so ganz nebenbei auch einen mehr als vorzeigbaren Chor aufweisen kann, steht nur mit ganz wenigen Orchestern der Welt auf einer Stufe. Auf der obersten, natürlich.

Dieses Buch gibt einen tiefen Einblick in das Leben als Künstler. Es ist ein hartes Brot, das es sich zu verdienen gilt. Eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit besitzt. Auch darüber berichtet Hagen Kunze.

Und belässt es nicht bei der Klassik. Im Herzen der Stadt steht der älteste Studentenclub Europas, die Moritzbastei. Die Klassikaufführungen auf dem Marktplatz unter freiem Himmel finden regen Zulauf. Das Gewandhaus sorgte beim Bau in den 80er Jahren für Erstaunen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Architektonisch ein Hingucker von außen, von innen ein Genuss höchster Qualität. Wer mit diesem Buch im Gepäck durch Leipzig schlendert, trifft auf Schritt und Tritt auf Musik. Denkmäler, Büsten, Straßenschilder, Gebäude – hier wirkte, wer etwas auf sich hielt und / oder Großes vorhatte.

In 80 Pflanzen um die Welt

Da muss man erstmal drüber nachdenken, was man von so einem Buch erwarten soll. Länderspezifische Pflanzen. Was gibt es da alles? Einen Spaghettibaum in Italien? Das war mal ein Erster-April-Scherz im britischen Fernsehen. Auf die Artischocke kommt man erst bei sehr langem Nachdenken.

Die Mistel und Frankreich in Verbindung zu bringen, gelingt vor allem Asterix-Fans. Miraculix kraxelt in die Wipfeln der Bäume mit seiner kleinen Sichel, um die Zutaten für seinen Zaubertrank zu besorgen. Ist man erstmal im Nachdenkerausch, ist es auch nicht mehr so weit bis zum Kaffeestrauch in Äthiopien. So einen Strauch haben dann doch aber im Verhältnis zu den Kaffeegenießern Wenige gesehen. Und noch weniger weiß man, dass seine Blätter den Schatten bevorzugen. Die Früchte sind eine Delikatesse für Affen und Vögel. Heute kaum vorstellbar ist die Tatsache, dass vor rund vierhundert Jahren – inzwischen wusste man wie man aus der Frucht ein köstliches Getränk bereitet – Kaffee von der katholischen Kirche als Teufelsdroge verschrien war. Papst Clemens VIII. „opferte sich“ und probierte … und siehe da: Es war gut! Nix mehr Verteufelung!

Schon mal versucht eine üppig wachsende Agave von A nach B zu transportieren ohne sich dabei die Haut vielschichtig aufzureißen? Mexikaner können sicher darüber nur lachen. Denn dort ist diese Kakteenart heimisch. Und sicher weiß man auch wie man damit umgeht. Wahrscheinlich lässt man sie an Ort und Stelle und freut sich an ihrem Wachstum und dem überwältigenden Formenspiel.

Jonathan Dori lädt die Botanikfreunde ein sich mit ihm auf eine vergnügliche Reise durch die Flora der Welt zu machen. Ein Hauch Muskat in Indonesien. Vielleicht sogar an Fuchsschwanzblättern? Dazu müsste man aber über den Pazifik gen Osten reisen. Bis nach Peru. Denn dort gedeiht diese widerstandsfähige Prachtpflanze. Nicht nur hübsch anzusehen – mittlerweile auch in unseren Gefilden, Fuchsschwanz ist halt widerstands- und anpassungsfähig – sondern auch als Nutzpflanze einsetzbar.

Dieses Buch macht Appetit und schärft den Blick für die Pflanzen links rechts, über die man sonst eher im besten Fall den Blick nur streifen lässt. Die Abbildungen, diese wunderbar poetischen Zeichnungen von Lucille Clerc sind ein andauernder Frühlingskick, der niemals vergeht.

Kolumbus, der entsorgte Entdecker

Allein an einem einsamen Strand auf Jamaika sitzen – für viele die Idealvorstellung vom perfekten Urlaub. Die Wellen rauschen, in der ferne erklingen sanfte Reggae-Rhythmen. Kommt der Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe.

Vor fünfhundert Jahren war das für eine Person das komplette Gegenteil. Wolfgang Wissler lässt in seinem historischen Roman seinen Helden Christoph Kolumbus, dem Entdecker Amerikas – was er nachweislich nicht war. Und außerdem wollte er was ganz Anderes entdecken – die ganze Wucht der Ablehnung entgegenschlagen. Noch vor Kurzem wurde Kolumbus gefeiert. Er hatte Neuland entdeckt. Die Eingeborenen wurden mit Tinnef abgespeist. Händler sahen Absatzmärkte und astronomischen Gewinnen. Und nun? Sein Schiff gleicht einem Schweizer Käse, Freunde und Weggefährten haben sich von ihm abgewandt. Es ist zum Heulen!

Selbst seine engsten Mitstreiter haben sich auf umliegende Inseln verkrümelt. Der Admiral und Vizekönig ist ein einsamer Mann geworden. Die einzige Gesellschaft sind seine unzufriedenen Seemänner, die den Mumm hatten nicht stiften zu gehen. Doch auch sie murren. Sie wollen heim. Heim zu Frau und Kindern. Sie wollen den Ruhm ernten, den ihnen Kolumbus versprach. Er weiß wie das ist, wenn selbst das Königspaar auf einen wartet und sich bei der Ankunft huldvoll erhebt. Das waren noch Zeiten. Zehn Jahre und ein bisschen mehr ist das her.

Doch Kolumbus war nicht nur der wissbegierige Entdecker neuer Welten. Er forderte viel von seinen Mannen. Manchmal zu viel. Aber so lange die Abrechnung am Ende des Monats, sprich am Ende der jahrelangen Reise, stimmt, hält man lieber den bald schon vollgestopften Mund.

Der Wind hat sich gedreht. Auf der Überfahrt mit der Capitana war die Crew gezwungen einen Monat lang ohne Unterlass Wasser zu schöpfen. Vier Wochen lang nur Sturm und die peitschende See. Die Capitana ist nun mehr nur ein Pfennigabsatz am Strand von Chaymaka. So hieß Jamaika damals noch.

Wolfgang Wissler lässt Kolumbus fast schon hinwerfen. Der König ohne Krone, der Admiral ohne Epauletten, der Entdecker mit dem großen Irrtum hat seinen Biss nicht zu hundert Prozent verloren. Ob alles, was im Buch steht wirlich so stattgefunden hat, kann niemand mehr nachvollziehen. Aber – und das ist ein großes ABER – Es könnte so gewesen sein. Autor Wissler fängt eine Stimmung ein, die Wort für Wort nachvollziehbar ist. Sicher, mit dem Wissen von heute lässt sich gut reden. Dennoch muss man ihm Tribut zollen das Wagnis einzugehen über einen zu schreiben, über den alles schon gesagt worden ist. Es ist zweifelsfrei eine gelungene – neuerliche – Annäherung an einer Legende. Ohne diese wirklich zu Fall zu bringen.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Taba-taba

Schon zu Beginn der Corona-Pandemie kam man an einem Buch von Patrick Deville nicht vorbei: „Pest und Cholera“. Darin begab sich Deville auf biographische Spurensuche der beiden Forscher Alexandre Yersin, Pesterfroscher und Pestbekämpfer, und seines Assistenten Louis Pasteur, dem Vater der Bakteriologie.

In „Taba-Taba“, was, wenn man Devilles Neigung zum Reisen kennt, wie ein unbekanntes Land klingt, begibt er sich auf seine wohl persönlichste Fahrt. Es ist die Geschichte seiner Familie, und unweigerlich zieht er Parallelen zur Geschichte Frankreichs. Hierbei unterlässt er es mit Jahreszahlen zu jonglieren wie ein Wissenschaftsjournalist, der vorgibt als Einziger in den Vorlesungen an der Uni aufgepasst zu haben.

Nein, einem Patrick Deville kann man nichts vormachen. Er kennt die Geschichte Frankreichs wie kein Zweiter. Nur die seiner eigenen Familie kennt er nicht. Also nicht so gut. Deswegen, auf in den Norden!

Ein kleiner Junge wächst acht Jahre lang – eine Ewigkeit in diesem Lebensabschnitt! – in einem Lazarett auf. Er hat ein verkürztes Bein. Die Bewohner des kleinen Ortes, vor allem die Kinder, sind nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht sich das Maul über den Jungen zu zerreißen. Dem Jungen wächst mit der Zeit ein dickes Fell, so dass er das Tuscheln nicht mehr hört.

Auf der Treppe des Lazaretts sitzt zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk ein Mann. Offensichtlich zu Recht, denn er bewegt unablässig seinen Körper vor und zurück. Taba hin, taba her. Mit jeder Bewegung formt sein Mund die mantraartige Taba – Taba – Taba. Dieser Mann und die Bücher der Bibliothek haben mehr Einfluss auf ihn als so mancher Hieb, so mancher Hinweis, so mancher Rückschlag.

Der Junge muss – nicht an die frische Luft – raus! Raus in die Welt. Das wird er eines Tages auch. Doch zuerst will er wissen woher er kommt. Wer er ist. Patrick Deville verwebt in „Taba-Taba“ sein eigenes Schicksal mit dem einer Sehnsucht und des Landes, dessen Bewohner er ist. In Anekdoten kratzt er nicht nur an der Oberfläche der Geschehnisse – vom Algerienkrieg bis hin zur Gelbwesten-Bewegung – er taucht tief zu ihren Wurzeln hinab. Die liegen in der Mitte des 19. Jahrhunderts als seine Urgroßmutter als Kleinkind aus Ägypten kommend französischen Boden betrat. Dass ein Land durch seine Bewohner fortwährend Geschichte schreibt, leuchtet jedem ein. Patrick Deville gelingt es dieser Erkenntnis mit seiner Sprachvielfalt die Kirsche aufzusetzen.

Sie spielte wie im Rausch

Kai Pflaume soll am Beginn seiner Fernsehkarriere einmal gesagt haben, dass man mit so einem Namen nur ins Fernsehen kann. Naja, wenn das das Argument für Erfolg ist, dann wohl lieber nicht. Rahel Blindermann wurde 1893 in der Nähe von Odessa geboren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie die gefeierte Schauspielerin auf Deutschlands Bühnen. Da hieß sie aber schon Maria Orska. Klingt auch knackiger. Obwohl man mit dem Namen Blindermann sicher viel besser in den Schlagzeilen spielen könnte. Aber damals waren Theaterkritiken noch echte Hingucker in den Gazetten. Die Konkurrenz durch Streamingdienste und soziale Medien war völlig unbekannt.

Frank Wedekind legte mit seiner Lulu einen fruchtbaren Boden für den Aufstieg der Schauspielerin Orska. Lulu verführt die Männer. Lulu benutzt die Männer. Lulu ruiniert die Männer. Mit einem rollenden Rrrrr! Und einer unvergleichlichen Ausstrahlung. Lulu und Orska sind nicht voneinander zu trennen. Ebenso die Salome von Oscar Wilde. Beide Rollen sind wie für sie gemacht. Eine andere Schauspielerin in einer dieser Rollen? Undenkbar.

Doch der Ruhm hat auch seine Schattenseiten. Was wie ein schlechtes Klischee klingt, wird bei Maria Orska zum Markenzeichen. Hinter vorgehaltener Hand, dennoch weithin vernehmbar, ist ihre Drogensucht Stadtgespräch. Neben den himmelhochjauchzenden Schlagzeilen, fällt ein ebenso schrilles Schlaglicht auf ihr Privatleben. Ja, die Orska war eine Marke! Nicht nur wegen des geänderten Namens.

Ursula Overhage zieht ab der ersten Seite den Leser in eine Zeit, die längst vergangen, dessen Akteure zum größten Teil vergessen sind. Wie im Rausch, wie Maria Orskas Leben liest man sich durch Skandale, wird aber im gleichen Atemzug vom Talent der Mimin in den Bann gezogen.

Skandale verkaufen sich besser als die Arbeit gut zu verrichten. Daran hat sich in den vergangenen hundert Jahren nichts geändert. Dass sie es schafft das Gleichgewicht beizubehalten, ist das große Verdienst der Autorin. Den Wenigen, die Maria Orska noch kennen, klingen ihre Skandale immer noch nach. Nur einer kleinen Zahl von Lesern ist die schauspielerische Leistung noch ein Begriff. Mit diesem Buch betritt eine Große der Schauspielkunst ein weiteres Mal auf die Bühne. Ein nicht enden wollender Applaus ist Autorin und Heldin garantiert. Anders als Frank Wedekind. Der war bei den unzähligen Vorhängen nur selten mit auf der Bühne…

Maria Orska lebte sich in einen Rausch, spielte wie im Rausch, und starb früh in Wien. Ihre Wiederauferstehung in Buchform kommt keinen Moment zu spät!