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Der Weg des Helden

In großen Fußstapfen wandeln, ist ein gewagtes Unterfangen. So manche ist dabei schon in ein großes Loch gefallen. Man kann auf den Spuren Goethes Italien erkunden, wie in der Nachwendekomödie „Go Trabi Go“. Oder den Weg gen Westen erkunden wie einst Lewis und Clark.

Tim Parks hat vor Jahrzehnten die Liebe entdeckt, zu einer Italienerin und zu Italien. Zuvor schon zur Geschichte des Landes. Speziell zu Giuseppe Garibaldi, dem Einiger des Stiefels. Der beschäftigte ihn schon während des Studiums der Geschichte.

Italien war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Flickenteppich aus größeren, aber vor allem vielen kleinen Reichen. Manche waren so klein, dass man sie mühelos mit einem Blick erfassen konnte. Europas Machthaber tummelten sich hier, stritten sich um Handelswege und somit um die Macht. Dem machten Mazzini, Cavour, König Emanuel II. und ebendieser Garibaldi ein Ende. Jede auf seine Art. Nicht immer geeint, doch schlussendlich siegreich. Um Rom vor der totalen Zerstörung zu bewahren, Frankreich war wild entschlossen, die Besatzer der Ewigen Stadt mit allem, was ihnen zur Verfügung stand den Garaus zu machen, entschloss sich Garibaldi zu kapitulieren. Und den Weg ans Meer anzutreten. Dazwischen lag jedoch der Appennin. So weit der grobe geschichtliche Abriss – Tim Parks kann das viel besser erklären.

Und das tut er auch. In diesem Buch. Aber auf seine eigene Art und Weise. Im Jahr 2019, also mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Garibaldi, schnürte er seinen Tornister und die Wanderschuhe, und er wanderte mit seiner italienischen Liebe auf dem Weg des Helden. Von Rom bis an die Adria.

Jedes Kapitel ist mit zwei Daten versehen. Dem von Garibaldi, und dem von Parks. So entsteht auf beeindruckende Art eine leicht nachvollziehbare Kopie eines einzigartigen Marsches. Durch seine Recherchen ist Tim Parks in der Lage genau die Leiden, die Hoffnungen, die Orte, die Wege nachzuvollziehen, die einst der große Freiheitskämpfer ging.

Oft fragt man sich im Urlaub, wer der Namensgeber der Straße oder des Platzes ist, den man mit großen Augen und offenem Mund bestaunt. In Italien stößt man pausenlos auf eine Via Cavour oder eine Via Garibaldi. Das ist bei den meisten der Anstoß mal nachzuhaken. So konsequent hat aber nur Tim Parks nachgeforscht. Nun ist er auf dem Weg quer durch Italien. Es geht ihm nicht darum als Extremsportler in die Annalen einzugehen. Einmal einen historischen Weg nachzuvollziehen, nicht einfach nur abzuschreiten, um anschließend ein „Bravo!“ einzuheimsen. Als Historiker weiß er um die nachhallende Bedeutung Garibaldis. Da macht ihm kaum noch jemand etwas vor. Er will selbst erfahren, wie man sich fühlt, wenn man Großes vollbringt. Und wie es sich heute anfühlt. Die Zeiten haben sich geändert. Navigationsgeräte erleichtern die Suche enorm. Die Hinterlassenschaften aufzuspüren, Ausblicke von damals mit denen von heute zu vergleichen – darin liegt die Einzigartigkeit des Unterfangens Garibaldi erlebbar zu machen. Es gelingt Tim Parks auf jeder der fast fünfhundert Seiten. Bravo!

Opus 77

Da sitzt sie nun. Am Klavier, ihrem Instrument. Es herrscht angespannte Ruhe. Denn das Publikum ist nicht wegen ihr angereist. Sie kamen wegen ihres Vaters, dem Claessens. Dem Dirigenten. Dem Gott am Pult. Arianes Vater ist gestorben. Sie pflegte ihn in seinen letzten Tagen, fütterte ihn. Ihn den Übermenschen, aber der niemals ihr Vater war.

Lange hat sie sich den Kopf zerbrochen, welches Stück sie spielen solle. Die Wahl fiel schlussendlich auf Dimitri Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, Opus 77. Sie als Pianistin und ein Violinkonzert? Selbst als Klassiklaie fällt der Widerspruch auf. Ihr Bruder David ist doch der begnadete Soloviolinist. Schon von Kindesbeinen an spielte er auf dem elterlichen Bösendorfer, so dass selbst die Mutter das Zimmer verließ. Ach ja, die Mutter. Einst schillernde Gestalt, doch im Schatten des großen Mannes (hinter dem ja bekanntlich immer eine starke Frau steht) verwelkte sie zusehends bis nur noch Falten des Zorns und der Abschottung ihr Antlitz kleideten.

Nun denn. Hebt an. Lasst die Zeremonie beginnen. Doch Ariane setzt ab. Sie lässt ihr Leben, das ihres Vaters Revue passieren. Und das erwählte Musikstück ist nun wirklich kein Zufall. Dimitri Schostakowitsch und sein Violinkonzert Nr. 1 a-Moll, op. 77 ist kein leichtes Stück. Der Hauptakteur, der Violinist spielt ununterbrochen. Vierzig Minuten lang gönnt ihm der Komponist keine Pause. Das Konzert wurde 1948 komponiert und fiel in seinem Heimatland, der Sowjetunion, komplett durch. Schostakowitsch war bei Stalin unbeliebt. Dessen Speichellecker schikanierten den Komponisten wo es nur ging. Sein Lehrauftrag wurde ihm schon entzogen.

David Oistrach – der gleiche Vorname wie der Bruder der Erzählerin, bestimmt kein Zufall – wurde das Konzert auf den Leib geschrieben. Außerhalb der Sowjetunion wurde das Stück gefeiert. Nur daheim eben nicht.

Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Violinkonzertes beschäftigt, erkennt die Parallelen zwischen Musik und Roman. Das beginnt bei den Kapiteln Nocturne, Scherzo, Passacaglia, Kadenz und Burlesque und hört bei den Charakterisierungen der handelnden Personen noch lange nicht auf. Alexis Ragougneau inszeniert seinen Roman mit enormer Akribie, so dass man sich schon bevor der Maestro ans Pult tritt im schönsten Konzertsaal der Literatur meint. Das Saallicht wird gedimmt, die Musiker stimmen ihre Instrumente, nervöses Sesselrutschen, die Solistin nimmt Platz. Anders als im Roman geht’s nun wirklich los. Geschickt wird das Thema eingeführt das Tempo zeiht an, um kurz vor Schluss (Kadenz) die Spannung ins Unermessliche zu steigern.

Ein Buch für Musikliebhaber, für Leser mit einem offenen Ohr für die Pracht der Musik. Und für Leser, deren Horizont eben das ist. Unantastbar und ein Weg voller Überraschungen.

Hana

Kindermund tut Wahrheit kund. Das weiß Mira noch nicht. Sie ist selbst noch ein Kind von nicht einmal zehn Jahren. In ihrer Welt hat sie schon einiges erlebt. Als es im Winter langsam beginnt zu tauen, springt sie todesmutig auf eine Eisscholle. Doch statt wie von ihren Freunden geraten, erwischt sie nicht die Mitte der Scholle, sondern den Rand und plumpst unversehens in den kalten Fluss. Mama ist natürlich nicht erfreut. Als Strafe erwartet das wissbegierige Mädchen sicher wieder Erbspüree. Und Papa wird vielleicht sogar den Gürtel rausholen.

Die Zeit vergeht. Eine Typhusepidemie erwischt den kleinen Ort in Tschechien mit voller Wucht. So wenige Jahre nach dem Krieg sind die hygienischen Zustände immer noch katastrophal. An der Hand einer Bekannten, die sie Tante nennen soll, erfährt Mira, dass ihre Mama gestorben ist. Sie hat sie schon länger nicht gesehen, wegen der Ansteckungsgefahr. Nun wird sie sie nie mehr wiedersehen. Auch Papa ist kurze zeit später tot. Das Leben hat gerade begonnen, da fehlen der Kleinen die wichtigsten Eckpfeiler.

Und schon bald steht Tante Hana in der Tür. Eine echte Tante, die große Schwester von Mama. Aber auch die Person in Miras jungen Leben, die ihr pausenlos Rätsel aufgibt. Warum isst sie nicht normal? Dann wäre sie nicht so dünn. Und warum trägt sie immer nur schwarze Kleidung? Der unfreiwillige Umzug zu Tante Hana bringt nicht nur eine räumliche Veränderung. Ihre beste Freundin eröffnet Mira, dass sie nicht mehr beste Freundinnen sein könne. Ihre Eltern wollen das so. Die kleine heile Welt bekommt erste Risse. Risse, deren Ursprung Mira nicht ergründen kann. Auch weil sie gar nicht weiß, was es heißt Jude zu sein. Das soll nämlich einer der Gründe sei, warum sie und ihre beste Freundin nicht mehr zusammen Zeit verbringen dürfen. Sie fragt Tante Hana. Stoisch wie immer, schweigsam wie immer, ein bisschen rätselhaft … wie immer zeigt Hana Mira eine Nummer, die ihr auf den Arm tätowiert ist. Und verschwindet. Jetzt versteht Mira gar nichts mehr. Sie selbst hat keine Nummer auf dem Arm, also ist sie kein Jude. Kindermund tut Wahrheit kund. Erst im Laufe der Jahre soll Mira erkennen, warum Tante Hana die Hana ist, die allen im Ort ein Dorn im Auge zu sein scheint. Alles hängt an diesen vier Buchstaben, die in der Geschichte grundlos für mehr Schaden sorgten als alle Bomben zusammen. Und derzeit wieder für Kopfschütteln sorgen, zum Glück bei den meisten, die es vernehmen müssen.

Alena Mornštajnová nutzt die Kraft ihrer Worte, um der Angst einen Riegel vorzuschieben. Drei Generationen kommen zu Wort, um dem Irrglauben entgegenzutreten, dass mit dem letzten Schuss der Krieg endgültig vorbei sei. Denn das ist er noch lange nicht! Die kleine Mira wird langsam erwachsen und versteht zusehends mehr, was Hana war, und warum sie heute so ist. Ihre Sätze gehen unter die Haut, weil sie keinen Zweifel zulassen. Schnörkellos und unfassbar ehrlich rückt sie perfiden Vorurteilen auf den Leib und entlarvt ihre Sinnlosigkeit mit der erschütternden Logik eines Kindes. Ein Buch, das man lesen muss!

Harriet Tubman

Ann Petry ist erst seit Kurzem (wieder) einem breiten Publikum in den Fokus gerückt worden. Mit „The Street“ und „Country Place“ rückte sie den bedrückenden Alltag der Schwarzen in den USA in den Vordergrund.

Mit „Harriet Tubman“ gibt sie einer realen Figur die Bühne, die ihr zusteht. Harriet Tubman, die als Araminta geboren wurde, war kein rosiges Leben vorbestimmt. Papa, Mama und ihre Geschwister lebten – wenn man das so nennen kann – als Sklaven auf der Farm von Edward Brodas in Dorchester County, Maryland. Verkäufe der Arbeitskräfte waren an der Tagesordnung. Schläge und Willkür der Aufseher ebenso. Wenn im Herbst die Maisernte eingefahren wurde, lockerte sich die angespannte Lage. Es wurde gesungen. Doch wann immer sich die Möglichkeit bot, floh einer der Sklaven von der Farm.

So eine Farm war eine richtige kleine Stadt. Mit Herrenhaus, Feldern, Unterkünften für die Sklaven, Geschäften etc. Ein Besuch der Ostküste wird mit solch einer Information sicherlich zu anderen Eindrücken führen… Die kleine Minta, erlebt schon früh, was es heißt Freiheit herbeizusehnen, auch wenn sie gar nicht so recht weiß, was es bedeutet. Sie hat sie nie kennengelernt. Ohne allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, sei erwähnt, dass Ann Petry es exzellent versteht, emotionale Nähe zuzulassen ohne dabei Klischees die Oberhand gewinnen zu lassen. Klar, jeder Leser fühlt mit dem jungen Mädchen, der jungen Frau, der engagierten Kämpferin. Die historische Einordnung am Ende jedes Kapitels hilft Zusammenhänge zu erkennen und die Zeichen der damaligen Zeit (immerhin ist es über zweihundert Jahre her, dass Minta geboren wurde) einzuordnen. Und dass sie das Sklavensystem anprangert versteht sich von selbst.

Harriet Tubman ist real. Es gab sie wirklich. In Kindertagen musste sie mit ansehen wie ihre Mutter schwer verletzt wurde. Ein Aufseher wollte einen fliehenden Sklaven mit einem Gewicht, das man bei Abwiegen benutzt, aufhalten, verfehlte ihn, traf stattdessen die Mutter von Harriet am Kopf. Als erwachsene Frau hatte sie Kontakt zu einer Untergrundorganisation, die Sklaven bei der Flucht in die Freiheit half, der Underground railroad. Und sie wurde ein reges Mitglied dieser Organisation.

„Harriet Tubman“ war eine mutige Frau, die in der Beengtheit ihres Lebens die Mauern, die sie einschränkten Stück für Stück beiseite schob. Um schlussendlich frei sein zu können. Es ist keine Erfindung der Gegenwart, wenn sich Frauen aus ihren Zwängen befreien. Sklavengeschichte(n) kennen wir schon von „Tom Sawyer“ und „Onkel Toms Hütte“. Von Fluchtgeschichten hören und sehen wir fast täglich in Dokumentationen und Spielfilmen, wenn deutsch-deutsche Geschichte erzählt wird. Dieses Buch ist so klar in seiner Aussage, dass es einen erschreckt wie wenig wir bisher über Sklaverei, Flucht und Freiheit wussten im freiesten Land der Welt wussten.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.

Ifni – Spaniens letztes koloniale Abenteuer

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges. So steht es geschrieben, so ist es auch. Und es gibt unzählige Opfer, die diesem Opfer, zum Opfer gefallen sind.

Es ist Sommer 1921. Spanien führt wieder einmal Krieg, um seine koloniale Expansionspolitik unter Beweise zu stellen. In Marokko kommt es in Annual zu einer verheerenden Niederlage. König Alfonso XIII. dankte zwei Jahre später ab. Jahre später – die Diktatur von Primo de Rivera ist vorbei, Francos Diktatur steckt in den Startlöchern – wird heftig über die Gefangenen der „Katastrophe von Annual“, dem „Desaster“ diskutiert. Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die die Macht in Spanien an sich reißen wollen und deren Anhänger. Aber auch für die Presse. Viele lassen sich vom Wahn der erforderlichen Befreiung mitreißen. Doch überall, wo einem starke Worte um die Ohren fliegen, gibt es mindestens einen, der versucht der Wahrheit – und es gibt immer eine Wahrheit! – ans Tageslicht zu befördern. Manuel Chaves Nogales, stellvertretender Direktor der Tageszeitung Ahora war vor Ort, in Marokko. Von den 300 spanischen Gefangenen hat er … keinen einzigen gesehen. Nicht einmal von ihnen gehört. Es gab ein paar Spanier, die hier lebten. Achtzig Jahre später hätten sie vielleicht in der spanischen Ausgabe von „Good bye España“ eine tragende Rolle gespielt. Aber als Gefangene eines missglückten Krieges taugen sie niemals.

Vielmehr ist Spaniens kolonialer Gegenspieler in der Region Frankreich als Gefängniswärter anzusehen. Doch wo keine Gefangenen, kein Wärter. Dann gibt es noch die Glücksritter, die sich die Farce zu Nutze machen wollen. Wenn es in den Medien diese Gefangenen gibt, die spanische Regierung deren Herausgabe fordert (sogar eine militärische Intervention in Betracht zieht), dann kann man die Situation ausnutzen und selbst ein paar Taler daran verdienen. Doch keiner hat mit Manuel Chaves Nogales gerechnet. Er kabelt in die Madrider Redaktion: „Es gibt keine Gefangenen!“. Nicht „es werden keine Gefangenen gemacht“, was eher einer Kriegsreportage gut stehen würde. Nein, es gibt schlichtweg keine Gefangenen!

Dieser Nogales war kein Hallodri, der sich blind und mutig in ein Abenteuer stürzte. Er war ein Intellektueller, der um die Macht der Worte wusste. Und er wusste diese Macht einzusetzen. Die Unnachgiebigkeit und die nüchterne Wiedergabe der Fakten machen seine Reportagen zu einem Pageturner, dem man gern nachgibt. Die so genannte vierte Gewalt, die Medien, relativieren im Fall des „Annual“, des Desasters, die perfiden Machtspiele einer künftigen Diktatur.

Erst jetzt entdeckt man Manuel Chaves Nogales in seinem Heimatland wieder. Gleichzeitig auch im deutschen Sprachraum. Francos Schergen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Name Nogales war fast für immer aus dem journalistischen wie literarischen Gedächtnis Spaniens gelöscht. Zum Glück nur fast! Diese Stimme darf niemals versummen. Der Kupido-Verlag plant weitere Veröffentlichungen aus dem umfangreichen und abwechslungsreichen Werk des Spaniers.

Sarajevo

Wenn man nicht permanent mit dem Finger über die Landkarte Europas streicht, hat man seine Probleme Hauptstädte den richtigen Ländern zuzuordnen. Ja, Sarajevo – die Stadt kennt man – ist eine Hauptstadt. Und zwar die von Bosnien-Herzegowina. Sie liegt, ähnlich wie Madrid in Spanien, so ziemlich in der Mitte. Manche erinnern sich noch an Vučko, das Wölfchen, das Maskottchen der Olympischen Spiele von 1984. Sein „Sarajevoooo“ schallt bis heute nach. Leider gibt es auch die Bilder einer Stadt, die wie kaum eine andere im Krieg belagert wurde. Wo einst Sportler im fairen Wettkampf um Medaillen stritten, erinnern Einschüsse an das Widerlichste, was Menschen hervorbringen können.

Eine Stadt – zwei Gesichter. Eine Stadt – zwei Welten. Das ist Sarajevo, die Unbekannte. Autor Marko Plešnik ändert mit jedem Umblättern dieses einzigartigen Reisebuches das Bild der Stadt in den Köpfen der Leser.

Etwas mehr als 300.000 Einwohner hat Sarajevo. Nur zwölf Hauptstädte haben weniger Einwohner, darunter aber „Zwerge“ wie der Vatikan und Monaco. Eine übersichtliche Stadt. Und eine Stadt, die so unfassbar viele unentdeckte Straßen, Gassen, Aussichtspunkte, Erholungsorte hat wie nur wenige Kapitale der Welt. Oft bemüht man gern die strapazierte Redewendung vom Schmelztiegel an der Grenze der Kulturen. Oft ist es aber nicht mehr als ein Klischee. In Sarajevo kann man es aber tatsächlich rund um die Uhr erleben. Zwischen Glockenläuten und den Ruf des Muezzins, locken die Düfte aus den Küchen den Besucher aus der Reserviertheit des Neugierigen.

Viele Herrscher hinterließen ihre Spuren in der Olympia-Stadt. Während nach dem Balkankrieg an den Boulevards glas- und metallglänzende Büro- und Konsumtempel aus dem Boden gestampft wurden (dafür ist immer Geld da), hat man sich in den Seitenstraßen Sarajevos unzählige Traditionsorte erhalten und wiederaufgebaut, die das Landestypische nicht nur als Standarte vor sich hertragen. Köstliche Leckereien und Gassen, deren Name die Handwerkskunst im Namen tragen. Kunstvoll gestaltete Architektur. Das alles zieht den Besucher in seinen Bann. Bereits beim Lesen des Reisebuches taucht man derart tief in die Stadt ein, dass man sich nach wenigen Seiten als Experten bezeichnen möchte. Ohne Aufforderung nimmt der Autor den Leser an die Hand und führt ihn allwissend durch eine Stadt, die ihre Geheimnisse gern zeigt, ihre Seele aber nur dem geneigten Sinnessucher darlegt. Auch wenn vielerorts – fotogen – so genannte Grenzen sichtbar gemacht sind, so spürt man in der Stadt diese  kaum. Als Tourist fühlt man sich sicher mit diesem Buch in der Hand. Attraktive Rundgänge mit so manchen Aha-Effekt, angereichert mit landestypischen Anekdoten machen jeden Schritt durch diese unbekannte Balkanmetropole der kleineren Art zu einem Erlebnis, das noch lange große Spuren hinterlassen wird, vor allem wegen der allgegenwärtigen Geschichte.

Wem das alles noch nicht reicht, der wird in den anschließenden Kapiteln in eine Landschaft geführt, die durch ihre Unberührtheit ein Alleinstellungsmerkmal erhalten hat. Die Thermalquellen von Ilidža oder die Ausgrabungsstätten von Butmir sorgen mit ihrer Vielfalt dafür, dass kein Gast der Langeweile anheimfallen kann. 6 Komma Null, 6 Komma Null … um noch einmal die Olympischen Spiele 1984 zu bemühen als Jayne Torvill und Christopher Dean mit ihrer unvergessen Eistanz-Kür zum Bolero von Maurice Ravel eine unerreichte Bestmarke aufstellten.

Selig & Boggs – Die Erfindung von Hollywood

„Ich geh nach Hollywood“ – heutzutage ein Synonym für „Ich will Karriere machen“. William Selig hat diesen Satz vielleicht nie so gesagt. Karriere machen wollte er unbedingt und unbestritten. Doch als Filmproduzent in Chicago, wo der Regen und die Wolken einfach keine guten Bilder zu produzieren sind. Schließlich wird immer noch ausschließlich in Schwarz-Weiß gedreht. Francis Boggs, Seligs Regisseur muss öfter abbrechen als weiterdrehen. Das ist mehr als hundert Jahre her. Charlie Chaplin spielt immer noch Vaudeville-Theater, Mary Pickford verzückt nur vereinzelte Zuschauer und der Begriff Effekt besteht nur auf dem Papier. Hollywood ist ein Flecken Land, auf dem Landwirtschaft betrieben wird und der Hintergrund aus etwas Echtem besteht.

Hier schient die Sonne. Und wenn es mal bedeckt ist, dann kommt das vom Gemisch aus Ammoniak und Salzsäure. Das kann man sich in den Mund kippen und qualmt aus allen Löchern. Das ist der einzige Effekt, den man dem Publikum anbieten kann.

Christine Wunnicke gibt dem Mythos Hollywood Zucker, in dem sie mit der Kunst der Literatur dem Streben nach Erfolg im Lichtspielgewerbe einen kraftvollen Anstrich verpasst. Sie reiht nicht einfach nur Anekdoten „aus der guten alten Zeit“ aneinander – sie verknüpft das Schicksal der beiden Filmpioniere mit der Suche nach dem idealen Firmenstandort.

Zwei Männer, die davon beseelt sind dem Publikum das zu geben, was es gar nicht zu suchen vermag. Für Schauspieler werden Merkzettel verfasst – nicht direkt in die Kamera schauen, unnötiges Schminken vermeiden, Fluchen (taubstumme können auch im Lichtspieltheater Lippen lesen) und übertriebenes Kämpfen vermeiden – die sie gefälligst einzuhalten haben. Grundregeln. Die bis heute gültig sind.

Wie ein Wirbelwind fegt die Autorin durch die Geschichte, von der es weniger Aufzeichnungen gibt als man vermutet. Inklusive Mord und Mordversuchen. Denn das Geschäft ist hart umkämpft. Thomas Alva Edison versucht mit aller Macht seine Erfindungen, die meist auch auf Erkenntnissen anderer fußten, vor dem kostenfreien Zugriff Anderer zu bewahren.

Spannend wie ein Krimi, (er-)kenntnisreich wie ein Sachbuch und wunderbar in Szene gesetzt – so stellt sich Christine Wunnickes Erfindung von Hollywood dar. Es gibt keinen Zweifel: Ohne dieses Buch wäre Hollywood ein viel größerer Mythos als es ohnehin schon ist. Sie sägt nicht am Thron. Sie rückt ihn lediglich ins rechte Licht.

Als ich wie ein Vogel war

  1. Juli 1998. In der Manege des Tempodroms in Berlin sitzt ein betagter Mann, dem man die Verwirrung im besten Sinne des Wortes ansieht. Ein lachendes Auge freut sich über den Zuspruch dieses Konzertes, vor und auf der Bühne. Das weinende Auge bricht sich bahn, als es aus ihm herausplatzt, dass man es in Leipzig nicht auf die Kette gebracht hat das Konzert für seinen Sohn in Leipzig stattfinden lassen zu können. Und man – er, Freunde, Weggefährten – hat vieles versucht. Nun findet das Abschiedskonzert für Gerulf Pannach in Berlin statt. Auch symbolträchtig, aber eben nicht die Heimat, die sich so viele wünschten. Zu diesem Zeitpunkt ist der Sänger und Liedermacher, Texter bei Renft ein knappes Vierteljahr tot. Der Krebs hat ihn doch noch besiegen können.

Auf der Bühne steht, was im Namen des Rock in der DDR, fest verwurzelt ist: Maschine, Tony Krahl, die Lütte, Veronika Fischer, Hans-Jürgen Beyer und und und. Sie trauern um einen der Größten ihrer Zunft. Sie lachen, weil sie sich lange nicht gesehen haben. Und wünschen sich einen fröhlicheren Moment ihres Wiedersehens. Die Musik aus ihrer Heimat ist langsam wieder im Kommen. Die Auftritte werden wieder zahlreicher. Doch Gerulf Pannach wird die Wiedergeburt nicht miterleben. Vielleicht hätte er sich das Etikett Ost-Rock-Legende auch nicht gern umhängen lassen. Mehr als zwanzig Jahre zuvor wurde er nicht nur vor die Tür, sondern vor die Mauer gesetzt. Ausgebürgert. Für Ken Loach spielte er einen Mann, der sein Land verlassen muss, und sich auf die Suche nach seinem Vater macht.

Das Buch „Als ich ein Vogel war“ erschien bereits 1999, und ist seitdem vergriffen. Salli Sallmann, Freund Pannachs, Liedermacher, Schicksalsgenosse hat als Herausgeber die Texte Pannachs noch einmal zusammengetragen und um einige Variationen vervollständigt. Mit Hilfe der … Stasi. Ja, der verein, der dafür verantwortlich war, dass Pannach und er sowie viele andere ihr Land verlassen mussten, ihnen der Nährboden entzogen wurde. Denn die Genossen hielten penibel fest, was wer wann wie und wo von sich gegeben hat. So konnten sogar alternative Fassungen ans neuerliche Tageslicht gebracht werden.

In ihnen schwebt immer noch aktuell der Geist der Zeit mit. Die Zeilen sind zeitlos, ohne die Zeit angehalten zu haben. Die immer noch vorhandene Allgemeingültigkeit erschüttert, bestätigt und verwundert den Leser ein ums andere Mal. Gerulf Pannach stach mit seinen Texten ins die Gefühlsblase seiner Zeit, ohne zu ahnen, dass das, was heraustrat jeder Ideologie widerstehen wird. Gehofft hat er es, da kann man sich sicher sein. Lieder wie „Zwischen Liebe und Zorn“ eignen sich nicht als Stadionhymnen, als idealistisches Kampflied sind sie fortwährender Bestandteil unserer Kultur. Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Was heute unter der Marke Ostrock vermarktet wird, verdient sicher dieses Siegel. Aber es ist nur der Kern, die populäre Essenz dessen, was auf 108.000 Quadratkilometern den Kampf gegen die Zensur gewonnen hat. Die, die keine Medaille um den Hals gehangen bekamen, rücken in den Hintergrund und sind nur noch einem speziellen Publikum bekannt. Dieses Buch öffnet die Türen für die alten Fans, um sich einmal mehr zu erinnern. Und es ist ein Buch, um einen neuen Publikum eine Zeit näher zu bringen, die immer mehr in die Regale der Geschichte gedrängt wird.

Als Erzähler, als einführende Stimme in die einzelnen Kapitel fungiert Christian „Kuno“ Kunert. Er war nach der Ausbürgerung weiter mit Gerulf Pannach unterwegs. Nach der Wende trat er in mehr oder weniger vollständiger Besetzung wieder mit Renft auf.

Wagnerheldinnen – Wagnerian Heroines

Es gibt wohl keinen Menschen auf der Welt, der von sich behauptet am Abend in die Oper zu gehen, um Wagner zu genießen. Am frühen Abend sehr wohl, aber ab 20 Uhr. Da ist man ja nicht vor 2 Uhr in der Nacht im Bett! Wagners Opern sind kolossal. Brachial, sie hauen einen um. Und sie sind sehr laaaang. Am Komponisten scheiden sich die Geister. Über die Musik – und da sind sich Publikum und Kritiker einig – kann man nicht streiten. Über seine Gesinnung muss man diskutieren. Als Antisemit – zu Recht! – verschrien, als Komponist verehrt. Weltweit treffen sich Wagnerianer, um dem Meister zu huldigen.

Oft werden darüber hinaus die wahren Helden vergessen. Die Darsteller. Sie stehen stundenlang auf der Bühne, spielen Stücke, die eine Zeitlang als unspielbar galten. Sie strapazieren ihre Stimmen bis zur Belastungsgrenze, dass man meint, dass sie es verdient hätten abzugsfrei in Frührente gehen zu dürfen. Kirsten Liese setzt den Wagnerheldinnen mit diesem Buch ein Denkmal. Frauen, die wohl niemals eine Talentshow von innen gesehen haben. Weil sie es einfach nicht nötig haben, sich von quäkigen Stimmen vorführen zu lassen. Wer Wagner singt, hat naturgegebenes Talent und … hat es geschafft! Und sollte bei seinen Leisten bleiben.

Der Intendant der Metropolitan Opera in New York Rudolf Bing verlängerte 1953 den Vertrag mit Helen Traubel nicht, weil sie in den Jahren zuvor Operetten sang. Als Wagnerheldin, bleiben wir bei der von Kirsten Liese eingeführten Bezeichnung, steht man rund um die Uhr unter Beobachtung. Denn fällt die Erstbesetzung aus, ist es fast unmöglich adäquaten Ersatz zu finden. Nicht jede, der laut singen kann, kann Wagner.

Viele der Portraitierten hat die Autorin kennengelernt. In ihren kurzen Portraits, oder besser Huldigungen, vermittelt sie anschaulich deren besondere Gabe und den Geist der Zeit. Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten bläst Wagners musikalisches Genie dem Publikum entgegen. Immer wieder gab es Widrigkeiten. Die Sporanistin Marie Louise Dustmann-Meyer sollte um 1860 herum die Isolde spielen. Der männliche Part, Alois Ander hustete sich mehr von Auftritt zu Auftritt, so dass nach siebzig Proben die Aufführung endgültig abgesagt wurde. Unaufführbar lautete das Urteil. Wagner selbst war von der Sopranistin sehr angetan.

Viele derartige Anekdoten machen dieses Buch auch für Nicht-Wagnerianer zu einem lesenswerten Buch, das vielleicht den einen oder anderen Unentschlossenen dazu verleitet seinem Sitzfleisch einen echten Ohrenschmaus zu gönnen. Zwei Pausen Minimum inklusive. Mit diesem Buch werden diese Namen bald schon wieder in aller Munde sein: Frida Leider, Martha Mödl, Dame Gwyneth Jones, Nina Stemme. Auch als Zusatzlektüre zum Programmheft sehr zu empfehlen.