Archiv der Kategorie: aus-erlesen capitol

Paris und das Kino

Wer will schon schwer röchelnd mit der Kippe im Mundwinkel auf den Straßen der Stadt der Liebe dahinsiechen? Oder beim Aufstieg auf dem Eiffelturm von einer exotischen Schönheit mit einer exotischen Waffe „geangelt“ werden? Oder mit Handschellen um die Fußfesseln (anatomisch würde es ja passen) humpelnd über Kopfsteinpflaster laufen? Niemand. Aber mal zu schauen, ob Belmondos ikonischer Abgang immer noch vor gleicher Kulisse ablaufen könnte … ist schon einen Abstecher vom Trubel der Großstadt wert. Es muss ja nicht immer gleich das romantischste Wiedersehen an der Seine im Schneefall sein.

Das Bild von Paris ist – wie sollte es anders sein – stark durch das Kino geprägt. Auch wer noch nie da war, weiß, dass es in Montmartre Auf und Ab geht, dass der Eiffelturm so wunderschön erstrahlen kann, dass man direkt neben der Seine rasant Autofahren kann – was auf der Leinwand meist im Desater, im echten Leben im Wasser oder auf der Wache endet – und dass es an jeder Ecke Baguette zu kaufen gibt. Das Paris-Klischee gehört zu den angenehmsten überhaupt.

Einmal mit einem Boot auf dem Canal Saint-Martin am berühmten Hôtel du Nord vorbeischippern und die Atmosphäre der hart arbeitenden Menschen und deren Schicksale noch einmal spüren. Alles Illusion – is ja schließlich Film! Denn die Gegend um das Hôtel du Nord ist heute Flaniermeile, ein Ort zum Niedersitzen und die Seele baumeln lassen. Und die Kulisse – ja Kulisse – ist im Film nur nachgebaut. Denn Regisseur Marcel Carné ließ den Straßenzug komplett nachbauen und dreht in den Studios in Billancourt vor den Toren Paris’. Ein Spaziergang lohnt sich heute im besonderen Maß.

Christine Siebert stellt in ihrem außergewöhnlichen Reiseband Paris immer wieder neu vor. Man kennt alle Orte bereits, aus zahlreichen Filmen. Zählt man alle Film zusammen, kann durchaus die Milchmädchenrechnung aufstellen, dass jeder Erdenbewohner Paris mindestens einmal schon gesehen hat. Und die Orte klingen wie eine süße Verführung: Moulin Rouge, Pigalle, Sacrè-Cœur, Jardin du Luxembourg, Arc de Triomphe … ach man kann sich einfach nicht sattsehen an den Drehorten.

Noch einmal zurück zu Jean-Paul Belmondo. Die Rue Campagne Première ist nicht abgesperrt. Ein Kollege grüßt den Star der Nouvelle Vague. Belmondo schickt ihn weg mit den Worten „ich sterbe gerade“. Nur eine ganz normale Straße. Einer der außergewöhnlichsten Abschlüsse eines Films. Eine Szene, die kultisch verehrt wird. Und dennoch ist hier nur eine Straße. Die man aber gesehen haben muss, wenn man der Anziehungskraft des Mediums Film erlegen ist.

Einmal durch Paris wandeln, und die (Film-)Welt noch einmal bereisen. Gespickt mit Anekdoten und detailreich führen einundzwanzig Spaziergänge durch die Stadt der Liebe, des Lichts und des Films. Vieles kennt und erkennt man auf Anhieb, wie Pont Neuf. Manch anderes muss man suchen. Und findet es auf Anhieb dank dieses einzigartigen Kulturreisebandes.

Ostseestädte

Mal wieder na die Ostsee fahren. Die Seeluft schnuppern. Die Gezeiten nur ganz sanft wahrnehmen. Klingt nach einem leicht greifbaren Urlaubstraum. Und schon beginnt das Dilemma. Wohin an die Ostsee? In eines der vornehmen Kaiserbäder mit der einzigartigen Architektur. Oder doch lieber in die historischen Ecken, die Geschichtsfans zwischen Betroffenheit und waghalsiger Heimatliebe schwanken lassen? Oder auf eine der zahllosen Inselchen vor der skandinavischen Küste? Ziemlich schnell wird klar, dass die Ostsee eben nicht nur All-inclusive-Sonne-Strand-Destination ist, sondern ein Füllhorn an Attraktionen zu bieten hat. Allein schon die Vielfalt an Städten lässt den mäßig gelaunten Urlaubsplaner schier verzweifeln. Man kann sich nun durch einen beträchtlichen Bücherberg durcharbeiten, um das Passende für sich auszusuchen oder … man greift zu einem Reisebuch, das sogar ein Rundreise durchaus nachvollziehbar erscheinen lässt.

Von Kiel ausgehend einmal gegen den Uhrzeigersinn bis nach Oslo. Auch wenn Oslo nicht direkt an der Ostsee liegt, was sie als einzige Stadt dieses Buches von den anderen unterscheidet, reist man immer am Meer entlang. Man muss aber nicht, man darf dieses Buch nicht als Reiseanleitung für eine Ostseeumrundung ansehen. Es ist ein gewaltiger Appetitmacher für die baltischen Städte. Lübeck, Rostock, Gdansk, Kaliningrad, Klaipéda, Riga, Tallinn, Sankt Petersburg, Helsinki, Stockholm, Visby auf Gotland, Rønne auf Bornholm, Kopenhagen – na, wenn das mal kein Reiseangebot ist?!

Fast jeder hat zu mindestens einer dieser Städte eine Verbindung. Und mitten im Lesen – diesen Reiseband kann man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen, und nicht nur stichprobenartig – wird der Erfahrungsschatz immer größer. Ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Und ehe man sich versieht ist die Sehnsucht zu einem handfesten Plan verwandelt worden.

Die Autoren nehmen sich Zeit, um die Städte nicht einfach nur vorzustellen, so dass man nach der dritten Stadt das Gefühl hat „kennt man eine, kennt man alle Städte“. Sie zeigen unaufdringlich, was man unbedingt sehen muss, um die Einzigartigkeit der Städte am (Binnen-) Meer erlebbar zu machen. Geschichte, Einkaufstipps, Aussichtspunkte, Orte zum Verweilen in Hülle und Fülle, ohne dabei Wichtiges aus Platzgründen wegzulassen, fordern den Leser heraus es ihnen gleich zu tun. Da ergibt man sich gern, und lässt sich (an-)treiben, um ja nicht etwas zu verpassen, das die Autoren so sorgsam zusammengesammelt haben. Eine Inspirationsquelle, die lange anhält und viele Reisen im Handumdrehen planbar macht.

Verfallene Orte in Wien

Wien ein einzigartiges Attribut zu verleihen, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Die Schöne, die Elegante, die Historische. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Doch die Verfallene, darauf kommt keiner, der jemals zwischen Hietzing und Donaustadt unterwegs war. Und dennoch gibt es sie, die verlassenen Orte, die scheinbar dem Verfall preisgegeben werden. Lost places, verfallene Orte, Abenteuerspielplätze für eine neue Art von Geschichtsjägern.

Und manchmal sind diese Orte einfach nur leerstehende Gebäude, die nur darauf warten wieder entdeckt zu werden. Wie das Theater am Mittersteig im Vierten. Es fällt spärliches Licht auf den Saal, wo einst das gespannte Publikum den Filmaufführungen entgegenfieberte. Eine Staubschicht bedeckt den Boden. Restmüll hat der Wind hineingeweht. Vor etwas mehr als einhundert Jahren erbaut, strahlt die Größe immer noch einen gewissen Glanz aus. Nach dem Kriege vergnügten sich hier nur kurz fesche Madeln mit den GIs. Der Kinoboom der Folgejahre hielt nur reichlich zwei Jahrzehnte. Die Logen wurden entfernt. Die Stuckarbeiten mit grässlich-hässlichen Platten verkleidet. Eine Boxhalle wurde aus dem Theater der Träume – so groß ist der Wandel dann auch nicht gewesen…

Heute haben einige der Figuren, die einst die Wände und Decken zierten zerschlagene Nasen. Ironie der Geschichte? Das Theater wieder so herzurichten, dass ein lohnenswerter Kulturbetrieb (der nüchterne Sachton ist in diesem Fall mehr als angebracht) vonstatten gehen könnte, ist fast illusorisch. ABER: Für Stadtabenteurer, die dem Charme des Verlassenen, des Verfallenden anheimgefallen sind, gehören solche Orte zum Standardrepertoire. Denn hier gibt es auf engstem Raum mehr zu sehen als in so manchem Museum.

Ein abgebranntes Restaurant, aus Sicherheitsgründen bald nach der Katastrophe abgerissen, Tiefbunker, und selbst so (thematisch) naheliegende Orte wie der St. Marxer Friedhof sind wahre Fundgruben, um jüngere Geschichte erlebbar zu machen.

Die beiden Autoren / Fotografen machen sich gern die Finger schmutzig, um in aussagekräftigen Bildern die Vergangenheit zu konservieren. Den nur, weil etwas nicht mehr da ist, muss es ja nicht verschwunden sein. Ohne Geschichte kein Jetzt, und erst recht kein Morgen. Nicht viele Orte sind – nicht ganz ohne Aufwand – besuchbar. Die meisten jedoch verstecken sich hinter Riegeln und Schlössern, dicken Mauern, Absperrungen. Zum Glück gibt es Bücher wie dieses, um die versteckten Juwele der Zeit doch noch ans Licht zu bringen.

Ihr Tänzer war der Tod

Dass es kein gutes Ende nehmen wird, wissen wir aus der Geschichte. Dass das Ende unrühmlich, für manche unehrenhaft, auf alle Fälle aber feige und widerwärtig sein wird … damit beginnt Sophia Mott ihren biographischen Roman über Walter Rathenau. Den deutschen Außenminister, der im Juni 1922 hinterhältig von nationalistischen Freikorpssoldaten ermordet wurde. Der Weg dahin war beschwerlich.

Der Roman setzt mitten im Krieg ein, den wir heute als Ersten Weltkrieg bezeichnen. Damals war es „nur der große Krieg“. Rathenau nimmt kein Blatt vor den Mund. Für ihn sind zu erwartende Verluste nur kalkulierbare Posten in einem Spiel, das nur für Wenige als gewonnen erachtet werden kann. Die Mehrheit steht auf der Verliererseite. Das wusste man schon damals – und hält sich bis heute nicht an diese Weisheit!

Walter Rathenau musste sich nie um finanzielle Nöte sorgen. Seine Familie gründete AEG und gehörte schon deswegen zu der Minderheit, die an einem Krieg verdienen und sich selten zur Verliererseite zählen lassen mussten. Freunde hat er nur wenige. Bekannte, Gönner, Wohlgesonnene – oh, davon hatte er massig. Und Feinde! So viele, dass es seine knappe Freizeit ihm nie gestattet hätte sie zu zählen.

In seinem wachen Kopf schwirrten unendlich viele Ideen herum. Zollunion in Europa, Schlachtenkonstellationen, politische Manöver – allesamt abgewiesen. Er fand einfach keine Gönner, keine Unterstützer. Hindenburg und Ludendorf steckten lieber die Köpfe zusammen als den entscheidenden Schritt zu wagen, als dass sie Walter Rathenau Gehör geschenkt hätten. Wegen der finanziellen Absicherung hätte er die Hände in den Schoß legen können und wie der sächsische König Friedrich August III. sich einfach umdrehen und sagen können: „Macht doch Euren Dreck alleene!“. Hat er aber nicht. Machtbewusstsein, Sturheit und der unbedingte Wille etwas zu bewirken ließen ihn nicht ruhen. Auch seine Feinde beobachteten das rege Treiben. Und so kam es wie es kommen musste…

Sophia Mott nutzt das Stilmittel des Romans, um Geschichte nachvollziehbar zu machen. Ob wirklich alles genau so geschah, weiß man nicht. Doch die Folgen, die nachvollziehbar sind, lassen nur wenig Interpretationsspielraum. Unnachgiebig beschreibt sie eine Zeit, die wenig Gloria und noch viel mehr Ungemach hervorgebracht hat. Ohne abzuschweifen, lässt sie eine Zeit wieder auferstehen, die die Grundlage für die Goldenen Zwanziger war. Doch bevor sie ausschweifen konnte, war Walter Rathenau schon Geschichte. Jude, Industrieller, Politiker – die Reihenfolge ist beliebig, da er selbst gegen Juden, Industrielle, Politiker schoss, wenn es ihm passte – Rathenau zu fassen ist schwierig. Ein Wendehals war er bestimmt nicht, vielmehr ein Mann bei klarem Verstand, der ein Ziel verfolgte. Dass ihm nur Wenige dabei folgen konnten, sah er nicht als sein Problem an. Vielleicht war das sein größter Fehler…

Gute Nacht, Tokio

Wenn man nachts durch die Straße kurvt, kann man einiges erleben. Doch meist bleibt es bei ein paar aufgemotzten Luxuskarossen, deren übermütige Fahrer übermotiviert Reifen durchdrehen lassen und einen nervösen Hupdaumen haben. Das Nachtleben der Einfallslosen!

Tokio, nachts um ein Uhr. Shinjuku ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Die Neonröhren erhellen die Gassen und Gassen, die auch schon mal voller waren. Einzelne Taxis befördern Menschen von A nach B. Manche sind auf dem Weg in die Federn. Andere sind auf der Suche nach dem Glück. Ganz andere arbeiten. Nicht nur die Taxifahrer. Mitsuki zum Beispiel sucht eine Biwa, das Obst. Braucht man unbedingt, jetzt um diese Uhrzeit, ein Uhr nachts. Ja, braucht man. Wenn man beim Film arbeitet und der Fundus einfach keine Biwa parat hat. Sie kennt den Fundus in- und auswendig. Doch ein Biwa, das Obst, hat sie da noch nie gesehen. Wie sehen die überhaupt aus?, fragt sie sich. Pflichtbesessen, setzt sie sich ins Taxi. Ihr Freund gibt ihr einen Tipp, wo sie welche finden kann. Eigentlich wollte sie ihn schon längst in die Wüste schicken. Sie braucht keinen Freund, der ihr am Rockzipfel hängt. Doch nun ist er ihr Retter in der Not. Kaum an der Allee mit den ersehnten Früchten angekommen, steht da schon jemand. Sie klaut Biwas wie selbstverständlich. So was passiert nur in Tokio, nachts um ein Uhr.

Blackbird. Hier trifft sich die Nacht. Hier sammeln sich die, die um ein Uhr nachts in Tokio dem Schlaf die kalte Schulter zeigen. Hier fahren sie Taxis, um den Träume(r)n Zeit zu verschaffen. Eine Telefonseelsorgerin kann immer noch verblüfft werden, wenn des Nachts die Telefonbox entsorgt werden sollt. Schauspieler, die ihre Karriere noch vor sich haben hängen Träumen hinterher, die sie besser leben sollten. Und mittendrin Matsui, Taxifahrer, Seelsorger, neugieriger Chauffeur, ortskundiger Navibenutzer – kur: Der Knotenpunkt all derjenigen, die nachts um ein Uhr in Tokio das Bett nicht finden.

Atsuhiro Yoshida entwirft Schicksale, die sich perfekt in die Kulisse der Millionenmetropole Tokio einfügen. Sie sind anonyme Gestalten, die unerkannt an einem vorbeihuschen, wenn die Spots der Scheinwerfer schon wieder das nächste Opfer jagen. Doch sind sie es, die Tokio zur pulsierenden Stadt machen. Ohne sie würde etwas fehlen. Der erwartete Perfektionismus weicht um ein Uhr nachts der Verzweiflung im Dunkeln. Der Autor hat auch das Cover gestaltet. Des Nachts vielleicht als er nicht schlafen konnte???

Berlin außenrum

Dass Berlin immer eine Reise wert ist, dass hier (zwar niemals ungestört, doch) immerfort etwas Neues entdecken kann, was beim letzten Besuch noch nicht da stand, ist mehr als nur eine Annahme und zweckmäßige Werbung für Berlin. Und dass es drumherum, außenrum nur Wasser gibt, man nur Beine und Seele baumeln lassen kann, gehört ins Reich der Fabeln. Denn außenrum, gibt es mindestens genauso viel zu erkunden, wie mittendrin. Gabriele Tröger und Michael Bussmann müssen’s wissen, schreiben darüber und überlassen nun dem Leser die Qual der Wahl.

Fangen wir janz eenfach an, mit’m Museum. Museum geht immer. Berlin hat unzählige davon. Und außenrum? Naja, man muss schon wissen, wo man suchen muss. Beeskow. Der Ort südöstlich von Berlin, auf halber Strecke nach Polen, wird vielleicht noch Paddlern was sagen. Aber Kunst in Beeskow? Ja, sogar ganz große Kunst. Aus der DDR. Auftragsarbeiten – Moment mal, das ist kein Grund die Nase zu rümpfen. Renaissance-Künstler haben auch nicht einfach mal so gigantische Statuen aus dem Marmorblock gemeißelt, weil sie gerade nichts zu tun hatten. Die haben auch auf den Kontostand kieken müssen. Von der Burg Beeskow, ’ne Burg hamse och, gelangt man auf die Spreeinsel. In dem zweckmäßigen Bau verbirgt sich ein Schatz mit über tausend Werken von Walter Sitte bis Walter Womacka mit Bildern von Marx bis Thälmann. Wer das alles noch „live erleben durfte“, kann sich sicher ein Schmunzeln nicht verkneifen, alle anderen wird ob der schieren Menge der Mund offen stehen bleiben. In der Mimik kann man gleich verharren, denn wenn man schon mal hier ist (unter dieser Floskel werden in farbigen Schaukästen kleine Tipps zum weiteren Verweilen an den Leser gebracht), kann man gleich noch durchs wildromantische Schlaubetal wandern.

Im Nordosten von Berlin kann man ein Schauspiel beobachten, das manche aus der Schule kennen, viele jedoch nur von Bildern. Das Schiffshebewerk von Niederfinow. Derzeit wir ein neues dort gebaut, weil es benötigt wird. Das alte, traditionelle verrichtet seit fast achtzig Jahren seinen Dienst. Mitfahren erlaubt, erwünscht und einfach ein Muss, wenn man außenrum von Berlin was erleben will.

Viele der vorgestellten Orte kennt man von Autobahn(ab)fahrten. Dass sich hier exzellent Abenteuer erleben lassen, fliegt an den meisten vorbei im Rausch der Geschwindigkeit. Es lohnt sich einmal mehr Rast zu machen auf A 9, A 10 und wie die Asphaltpisten alle heißen. Von Alpaka bis Honecker, von Gaumensex bis Mississippi – was wie eine willkürliche Auswahl von Worten, Namen und Orten klingt, hat Hand und Fuß. Und das Autorenduo Tröger/Bussmann bietet sich freundlich an dem Besucher jeden Zweifel daran zu nehmen.

Stadtabenteuer Paris

Ja, Paris ist eine Reise wert! Ja, Paris ist eine Weltmetropole! Ja, Paris muss man gesehen haben! ABER: Jede Wette, dass achtzig Prozent der Besucher dasselbe gesehen haben. Was auf den ersten Blick auch nicht verwerflich ist. ABER: Schöner wär’s doch Paris, die Weltmetropole so zu erleben wie nur ganz Wenige. Es so sehen zu können wie es vielleicht sogar die Pariser nicht einmal erleben. ABER: Wie?

Augen auf beim Reisebuchkauf! Denn es gibt nur ein Buch mit wirklichen Abenteuern. Dieses hier! Birgit Holzer ist mit offenen Augen durch die Stadt der Liebe und der Lichter gewandert und hat das gefunden, was einen unvergessenen Paris-Trip auch wirklich unvergessen macht.

Ein Croissant auf den Stufen vor Sacré Cœur genießen, ein Genuss. Aber zur Mittagszeit oder kurz vor dem bzw. rechtzeitig zum Sonnenuntergang die Stadt aus exklusiver Höhe bestaunen und sich dabei den Gaumen kitzeln lassen – da muss man schon lange suchen, um fündig zu werden. Oder man schaut in die Stadtabenteuer Paris, Seite Quarante.

Auch ein Besuch auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise mit Abstecher zu Edith Piaf und Jim Morrison lohnt sich. Man bekommt einen Plan zu den Promi-Gräbern und dackelt besonders in der Ferienzeit den Massen hinterher. Zweifelsohne ein besonderes Erlebnis. Dennoch ist es doch um einiges Nachhaltiger einmal in einem echten Klassiker herumzustromern. Hier liegt kein Schreibfehler vor. Ja, in einem echten Klassiker herumstromern. Und man darf sich sogar unterhalten, ohne dass der Maestro einem ein „Silence!“ entgegenschmettert. Man wandelt soeben durch ein Kino der besonderen Art. Eine ehemalige Fabrik wurde in ein lebendiges Museum verwandelt. Um einen herum schweben (besser man wandelt durch) Gemälde von Claude Monet, Auguste Renoir oder Henri Matisse. Man ist Teil der impressionistischen Revolution und Werke. Alles so lebendig… und das in Paris, der Stadt der Lieb und Lichter.

Es ist ein Privileg mit diesem Stadtabenteuer-Reisebuch durch Paris zu staunen. Dass es hier immer wieder was zu entdecken gibt, steht außer Frage. Doch wo suchen, wo beginnen, wo aufhören? Die Antworten lauten in umgekehrter Reihenfolge: Niemals, und zweimal in diesem Buch.

Wer das Wort Abenteuer allzu wörtlich nimmt und ein wenig zögert, dem sei versprochen, dass Abenteuer nicht automatisch mit Säbelrasseln gleichzusetzen ist. Es ist vielmehr das exotische Kribbeln auf der Haut, das man empfindet, wenn man etwas erlebt, was viele andere eben nicht erleben, weil sie schon an der Frage nach dem Wo scheitern. In der Reihe Stadtabenteuer sticht dieser Band besonders heraus. Denn sowohl Paris-Neulinge wie auch Experten werden große Augen machen.

Stadtabenteuer Stockholm

Wenn man schon mal hier ist – dann muss man auch alles mitnehmen, was mitzunehmen ist. Wenn man schon mal hier ist – so lautet auch eine Rubrik am Ende eines jeden Kapitels. Wenn man schon mal hier ist – braucht man dieses Buch.

Stockholm als schlummernde Grazie zu bezeichnen, ist noch richtig. Doch die Hauptstadt Schwedens erwacht immer öfter, immer früher, immer heftiger. Waren noch vor zwanzig Jahren nur eine Handvoll Städte auf der To-Do-List für Cityhopper, so sind es mittlerweile so viele, dass man sie kaum noch zählen kann. Und immer öfter wird die schwedische Hauptstadt genannt. Zu Recht, das wissen auch Antje und Johannes Möhler.

Die den Kinderschuhen entwachsene Buchreihe Stadtabenteuer, geht in eine neue Runde. Und den Auftakt dieser Runde macht Stockholm. Eine zerklüftete Stadt, die aus unzähligen Inseln und Inselchen besteht. Klar, dass man hier noch echte Abenteuer erleben kann. Das Abenteuer beginnt schon auf der ersten Umschlagseite. Sieben Fragen, die natürlich alle im Buch beantwortet werden, führen den Neugierigen auf die richtige Fährte.

Warum nicht mal in einem Museum ein Abenteuer erleben? Klingt auf den ersten Blick nicht besonders dramatisch. Muss es ja auch nicht werden. Aber allein schon die Vorstellung, dass es möglich ist… Die Rede ist vom Schnapsmuseum. Nicht nur gucken lautet hier die Devise. Und wenn man schon mal hier ist … das ist es wieder … um die Ecke kann man dem dicken Kopf, dem Kater, wie auch immer, noch mehr Futter geben. Der Vergnügungspark Gröna ist gleich um die Ecke. Wem dieses Abenteuer doch zu abenteuerlich ist, der nüchtert beim Spaziergang durch die Wälder der Insel Djurgården aus. Auch das Wasamuseum lässt den Kopf schnell das Hochprozentige Abenteuer vergessen.

In Stockholm ist sogar eine Shoppingtour ein Abenteuer. Upplandsgatan und Odengatan lauten die Zauberworte, die die Autoren zum Flanieren verleiten. Retrochic und echte Unikate warten hier nur darauf endlich aus der Versenkung geholt zu werden.

Stockholm als einzigartiger Abenteuerspielplatz? Ja, aber. Natürlich rennt man nicht mit brennender Fackel und Säbel zwischen den Zähnen durch die Stadt, um sich wie ein Abenteurer zu fühlen. Man erobert sie auch nicht, um sie sich Untertan zu machen. Vielmehr lädt dieses außergewöhnliche Reisebuch dazu ein, vieles fernab der festgetrampelten Pfade selbst zu entdecken. Antje und Johannes Möhler halten sich nicht still im Hintergrund, vielmehr stupsen sie den Leser und Besucher der Stadt immer wieder an, den nächsten Schritt zu wagen. Wenn das kein Abenteuer ist?!

Der Tallinn-Twist

Ein erfolgreicher Tag beginnt mit einem frühen Start. Im Fall von Marie Vos begann der erfolgreiche Tag – sinngemäß – schon vor Jahren. In Sonderermittlungsabteilungen der EU in Brüssel hat sie sich einen Namen gemacht und ein kleines Netzwerk geschaffen. Nun sitzt sie im Taxi im Stau, weil ein paar Demonstranten gegen die Privatisierung der Wasserwirtschaft demonstrieren. Im Handgepäck hat sie Haftbefehle gegen Betrüger, die mit EU-Mitteln das dolce vita in vollen Zügen genossen haben. Und schon klingelt ihr Telefon – der erfolgreiche Tag ist noch nicht zu Ende.

Söderberg – in Brüssel kennt man sich – will sie in einer brisanten Sache dabei haben. In ein paar Stunden wird Dennis Bahr verhaftet werden. Ein Hans-Dampf-In-Allen-Gassen, der die Seiten gewechselt hat. Doch welcher Seite nun seine Loyalität gilt, ist unklar. Auch er hat seine Finger bei der Neuordnung der Wasserwirtschaft im Spiel. Marie soll ihn verhören und ihm suggerieren, dass sie seine einzige Chance sei halbwegs ungeschoren aus dem Schlamassel rauszukommen. Bahr trägt einen Peilsender, was er natürlich nicht weiß. Marie und Söderberg verfolgen angestrengt den weißen und die roten Punkte auf dem Monitor. Gleich wird Bahr verhaftet … er telefoniert und … ist komplett aus der computergestützten Überwachung verschwunden! Ein erfolgreicher Tag sieht anders aus.

Auch für Dennis Bahr. Als er wortwörtlich wieder auftaucht, sind seine Lebensgeister erloschen. Und noch ein Wort zur Neuordnung der Wasserwirtschaft. Die Wasser-Konzerne lassen sich von der EU ihre neuen Projekte finanzieren, die Folgekosten tragen dann die Kommunen und der Verbraucher. Um diese Schieflage halbwegs kontrollieren zu können, wurde die Taskforce Neuordnung der Wasserwirtschaft gegründet.

Als ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin, was in Maries Fall nicht anderes bedeutet, als dass sie die Grundausbildung inkl. einiger Kampfsportarten absolviert hat, hat sie einige Einblicke in die Arbeit im Verborgenen erhalten. Eine Fähigkeit, die ihr in der Folge so manches Licht aufgehen lässt.

Sie ist froh als sie ein Ticket nach Tallinn in den Händen hält und ein bisschen Abstand vom trockenen Alltagsjob in Brüssel bekommt. Frontarbeit. Denn hier könnten die Hintermänner sitzen, die Dennis Bahr auf dem Gewissen haben, die mit der Neuordnung der Wasserwirtschaft sich selbst – und nur sich selbst – ein sanftes Ruhekissen aufschütteln könnten. In Tallinn, Estland hat sich eine Gruppierung formiert, die die nationale Keule schwingt, um sich Macht zu sichern. Da spielen monetäre Überlegungen schon fast keine Rolle mehr. Marie lernt Europa, die EU, das ganze System von einer Seite kennen, die man sonst nur aus Romanen kennt. Daheim, in Brüssel, gehen die Untersuchungen auch in Marie Abwesenheit weiter. Söderberg sichert ihr uneingeschränkte Hilfe zu. Doch echte Ergebnisse liefert ihr nicht ihr Arbeitgeber. Private Hilfe ist oftmals viel effizienter…

Korruption, Betrug, und das alles im ganz großen Stil. Und ein Mord: Thomas Hoeps und Jac. Toes – die kongenialen Einzeltäter, die im Team unschlagbar sind – haben den Leser am Haken. Die Aktualität des Stoffes, die Brillanz ihrer Schlussfolgerungen, das unfassbar spannend gestaltete Set fesseln bis zur letzten Zeile.

Latium mit Rom

Wenn man schon mal im Latium ist, muss man Rom sehen. Das Kolosseum, Petersplatz, die zahlreichen Tempel und Paläste, antike Städten im Allgemeinen. Und was ist mit der Region drumherum? Es wäre ein Fehler die Ewige Stadt dem Latium generell vorzuziehen. Wie sonnst sollte man die fast vierhundert Seiten dieses Reisebandes von Florian Fritz erklären?!

Im Ernst: Das Latium ist mindestens genauso erholsam und ereignisreich wie Rom selbst. Die Wege sind etwas weiter. Aber was ist schon Zeit, wenn man beispielsweise wie in Terracina zu Füßen des Jupitertempels auf einem Felsen im Meer baden kann? Im Sommer finden im Tempel Konzerte statt. Das Zentrum ist mehr als zweitausend Jahre alt. Je näher man dem Strand kommt, desto moderner wirkt die Stadt.

Fast schon göttlich fühlt man sich am Albaner See. Castel Gandolfo ist die Sommerresidenz der Päpste. Formvollendete Aussichten, akkurat gestaltete Landschaften erfreuen die Sinne.

Wen es in die Berge zieht, der wird im Süden auf seine Kosten kommen. Veroli ist ein malerischer Ort, der an allen Ecken und Enden Geschichte verströmt. Und den größten Olivenbaum der Welt gibt es in Fara in Sabina, wenn man den Einheimischen glauben darf.

Einmal kurz durchs Buch blättern und schon hat man über die gesamte Bandbreite der Erholung gelesen. So muss sich ein Reiseband anfühlen. Ist der Appetit erstmal geweckt, kommt die Sehnsucht von ganz allein. In den farbig abgesetzten Kästen findet man allerlei Wissenswertes und Anekdoten, die man in den meisten Reisebänden vermisst. Ist man dann endlich vor Ort, kann man mit dem Hintergrundwissen entweder angeben oder sich daran erfreuen, dass man Dinge sofort erkennt, die den meisten verborgen bleiben.

Von den Pontinischen Inseln über die kleine Stadt Anagni, die sich rühmt vier Päpste hervorgebracht zu haben bis hin zu Orten, die sich bescheiden im Hintergrund halten, weil sie ihre Pracht nicht jedem preisgeben wollen. Schaut man auf die beiliegende Karte ergeben sich weitere Ziele.

Zahlreiche Abbildungen lassen den Lesefluss umgehend ins Stocken geraten. Die Ruinen von Ninfa muss man einfach mit offenem Mund bestaunen. Gibt es eine romantische Szenerie, dann hat sie hier ihren Ursprung. Und ganz wichtig: Wer Italien sagt, meint auch kulinarische Exkursionen. Sowohl die Abbildungen als auch die Texte lassen den Leser und Urlauber das Wasser im munde zusammenlaufen.

Das Latium ist mehr als nur das Beiwerk zum überirdischen Rom. Wer sich nur ein bisschen mit diesem Buch beschäftigt, taucht in eine Welt ein, die so abwechslungsreich ist wie kaum eine andere Region Italiens. Klar, hier liegt die Wiege dessen, was als Italiensehnsucht in unseren Breiten bekannt ist.