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Morgens um Sechs bei Haubentaucher und Co.

Das Wasser ist blau. Bei Christoph Stölzl ist es bleigrau. Wenn der Nebel sich am Morgen lichtet, ist es ein weißer Ball, der über die Baumkronen steigt. Und der Autobahnlärm ist eine Technik-Brandung. So mancher Flaneur möchte die ihn umgebende Stimmung gern so poetisch in Worte fassen können. Christoph Stölzl tut es einfach.

Er studierte Geschichte, Literaturwissenschaft und Soziologie, war Museumsdirektor und schließlich in Berlin Kultur- und Wissenschaftssenator, anschließend Vizepräsident des Abgeordnetenhauses. Und Kolumnist bei der Berliner Morgenpost. Für die schrieb er diese Texte, die in diesem Best Of die geballte Ladung Berlin-Zu-Fuß beinhalten. Klingt ziemlich statisch. Ist es aber überhaupt nicht. Denn Flanieren will gelernt sein. Flanieren heißt heute auch gern mal entschleunigen – ein fürchterliches Wort, nimmt man Victor Klemperers LTI als Maßstab für Wortschöpfungen zur Hand. Nein, Flanieren heißt innehalten ohne still zu stehen. Flanieren heißt auch genau beobachten. Und den Dingen eine Stimme zu geben.

Berlin bietet sich zum Flanieren geradezu an. An jeder Ecke – und hat man gerade mal keine Ecke zur Hand, dann eben alle Nase lang – jibt et wat zu staunen.

Das kann der Flohmarkt in Neukölln sein, wo die Errungenschaften aller Dachböden der Stadt auf dem Trottoir ausgebreitet werden, wo klingende Münze und babylonisches Sprachgewirr eine Sinfonie ergeben. Oder aber auch der Spaziergang durch die edle Fasanenstraße – blendet man die fest verankerten Baugerüste mal aus, könnte man sich fast wie in Paris fühlen. Und man plumpst in eben diese Pariser Welt. Zwei Damen erscheinen plötzlich in dieser Szene. Zweifelsfrei noch vor Corona. Denn sie halten keinen Abstand, weder zwischen sich noch zum Betrachter. Ja, Betrachter. Denn die beiden Damen sind doch recht zweidimensional – ok, sie sind auf einem Bild des Expressionisten Georg Tappert verewigt. Ganz ungeniert darf man sich ihnen nähern, sie ausgiebig betrachten. Aber! Nicht anfassen!

Zweitausendfünfhundert Zeichen ist die Maßgabe gewesen für diese Flanierstücke aus der kenntnisreichen Feder Christoph Stölzls. Das liest sich wie ein Metropolenrausch, dessen Kopfschmerz der lieblichste Schmerz der Großstadt ist. Kein Schädelbrummen am nächsten Morgen, vielmehr ein Dröhnen, das nach mehr verlangt. Mehr Flanieren, mehr Citylight, mehr Tiefe in einer Stadt, die ihre Oberfläche selbst verkommen lässt und das auch noch schick findet.

Metropolen des Ostens

Zuerst die schlechte Nachricht: Das ist kein Reiseband! Und jetzt nur noch gute Nachrichten. Denn dieser Biographienband über Städte, die man zwar vom Namen her kennt, die man jedoch sonst als weiße Flecken auf der Landkarte wahrnimmt, ist ein farbenfrohes Spektakel, das seinesgleichen sucht.

Vilnius gehört sicher zu den weißen Flecken auf der Landkarte der meisten, die sich die meisten Farbspritzer erarbeitet hat. Zusammen mit Riga und Tallinn bildet es das Triumvirat des Ostseestädtetourismus. Da tut ein weitreichenderer Blick auf die Geschichte gut und Not.

Minsk kennen die meisten nur als Zentrum der Hölle eines absolutistisch regierten Landes, dessen Oberhaupt nur allzu gern mit der Davidskeule dem Goliath den Schädel einschlagen möchte.

Kasan, Lemberg, Tblissi, Astana sind Städte, teils Hauptstädte!, die Fußballfans aus den Ansetzungslisten der ersten Runde in der European Conference League zumindest namentlich ein Begriff sind. Mehr aber auch nicht. Wobei Astana mittlerweile in Nur-Sultan (nach dem Machthaber Kasachstans) umbenannt wurde.

Odessa – da werden die Ästheten hellwach. Das Paris am Schwarzen Meer, wo die Kulturen aufeinandertreffen, wo ikonische Filmszenen entstanden, wo die Sonne angenehmer schient als an so mancher Mittlerperle.

Und Warschau ist einfach nur der Punkt auf der Landkarte in den Nachrichten, der die Mitte Polens markiert.

Baku … war da nicht mal der ESC? Fast so unbekannt wie Czernowitz. Dazu fällt den wenigsten noch etwas ein.

Es wird also Zeit diesen Städten, diesen Perlen des Ostens, diesen Metropolen, wo die Sonne schon schient, wenn hier der Bäcker seine Stube aufschließt, eine Stimme zu geben.

Und ein Gesicht. Schon beim ersten, losen durch die Daumen gleitend, findet man die offensichtlichen Höhepunkte, die das Reiseherz höher schlagen lassen. Der Bajterek-Turm in Nur-Sultan / Astana oder der Tempel der Arbeiterklasse in Minsk (würde die Bildunterschrift fehlen, könnte man auch meinen ein wirklich sehr gut erhaltener römischer Tempel wäre hier zu sehen) oder die Mariä-Verkündigung-Kathedrale in Kasan stechen einem sofort ins Auge. Also doch ein Reiseband? Nein, immer noch nicht. Es sind die zehn Essays von Autoren der jeweiligen Städte, die dieses Buch zu einem unverzichtbaren Reiseutensil machen, wenn man sich auf die Suche nach Farbe in diesen weißen Flecken macht. Die Autoren haben die gesamte Farbpalette bereits entdeckt. Sie gehen weit zurück in die Vergangenheit, zeichnen Entwicklungen nach und scheuen sich nicht ihre Werke nun der breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Und so mancher Betrachter dreht sich beschämt beiseite und ärgert sich nicht schon früher den Blick gen Osten gerichtet zu haben.

Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto

Erst der Bauch, dann die Moral. So hat es Brecht formuliert. Ihm selbst waren ein behagliches Dach überm Kopf, ein bequemer Stuhl und ein rasanter fahrbarer Untersatz nicht unwichtig. Er wusste sein Geld gut anzulegen, in Immobilien. Da kam wohl der Schwabe in ihm durch…

Ursula Muscheler geht seinem Drang nach Gemütlichkeit, Behaglichkeit und Bequemlichkeit (im physischen Sinne) auf den Grund. Schon in Kindertagen konnte er sich in der elterlichen Wohnung austoben. Die Wohnung war groß genug. Als erfolgreicher Autor im Berlin der 20er Jahre schuf Helene Weigel in der Babelsberger Straße ein Heim zum Wohlfühlen, sein Atelier in der Spichernstraße war ein gemütlicher Ort der Kreativität.

„Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto“ lässt Stationen Brechts noch einmal aufblitzen, dieses Mal aber mit dem Sucher der Architektur. Bertolt Brecht ließ sich gern von Designern beraten und sie ihm seine Behausung einrichten. Mogens Voltelen, dänischer Designer, schuf den einen Typ Stuhl, der Brecht lange Zeit begleitete. Heute ist er in der Berliner Chausseestraße 125, dem Brecht-Haus zu bestaunen.

Stil hatte er, der große Dichter, der dem Arbeiter ein Theater gab, und deren Nähe er nun wirklich nicht gerade suchte. Er war Künstler und als solcher wollte er auch alle Annehmlichkeiten genießen. Im Buch reist man mit Brecht noch einmal um die Welt. Während Brecht reisen bzw. fliehen musste, hat der Leser die Chance ganz freiwillig um den Erdball zu kreisen.

Es ist erstaunlich wie oft schon über den Einrichtungsstil Brechts berichtet wurde. Und warum so wenig bisher darüber geschrieben wurde.

Ursula Muscheler macht einen Rundgang durch die Wohnungen, Ateliers und Häuser Bertolt Brechts. Von Augsburg über Berlin, von Südfrankreich ins sonnige Kalifornien und wieder zurück nach Berlin und Skandinavien. Fast so rasant wie der Dichter selbst.

Ein Autonarr war er nicht. Aber wenn er Auto fuhr, dann sportlich. Manchmal übers Ziel hinausschießend. Und er wusste wie er sich ein Auto verdiente. Nur ein paar Zeilen, den Auto-Song, blanke Werbung und schon stand ein Steyr-Cabriolet XII, sein Traumwagen vor der Tür. Nichts Übertriebenes, aber ausreichend, um damit einen Unfall zu bauen, die Knautschzone ein weiteres mal herauszuheben und im Gegenzug ein XX-Modell zu bekommen. Der machte schon mehr her.

Es geht in diesem Buch nun aber nicht darum wie Bertolt Brecht sich seinen Lebensstil ergatterte. Man erhält einen derart umfassenden Einblick in die Lebenswelt eines der erfolgreichsten deutschen Dichter überhaupt. Und mal ehrlich: Der Blick durchs Schlüsselloch ist immer noch der Beste.

La Storia

Es sind nur zwei Worte, „La storia“. Einfach nur eine Geschichte. Eine Geschichte wie sie zigfach im Rom der Vierzigerjahre vorgekommen ist. Nein, es ist nicht einfach nur eine Geschichte. Ida muss ihre beiden Sprösslinge irgendwie durchbringen. Nino, der Ältere, hängt mit seinen faschistischen Freunden rum. Das Schwarzhemd gibt ihm Halt, die Gemeinschaft stützt ihn. Useppe, der Jüngere, ist ein verträumter Schatz mit unbändiger Phantasie. Oft ist er allein, wenn seine Mutter unterwegs ist, um das Geld für die Familie zu erarbeiten. Um ihn herum sind Trümmer, Hoffnungslosigkeit, Krieg, Propaganda, aber auch bedingungslose Liebe. Was bleibt für Ida noch?

In den Armenvierteln der Ewigen Stadt ist die ehemalige Lehrerin auf sich allein gestellt. Die Preise explodieren, ihr bleibt nur ein Mittel: Stehlen. Flinke Hände und Improvisationstalent, auch wenn man dabei mal Stacheldraht anheben muss nur um ein Ei zu erhaschen.

Oft und gerne spricht man von harten Zeiten, wenn Krieg herrscht. Elsa Morante macht die Zeiten greifbar. So intensiv, dass man das Rascheln, dass das Umblättern verursacht fast zusammenzuckt. Immer tiefer liest man sich in eine Zeit, die man sich nicht zu erleben wünscht. Und das in einer Zeit, in der die Gefahren aus allen Ecken der Erdkugel wieder hervortreten.

Idas größte Sorge gilt ihrer Herkunft. Denn ihre Familie ist jüdisch. Sich wegducken ist unmöglich. Aber unter dem Radar der Faschisten bleiben, ist die einzige Möglichkeit ihre beiden Söhne zu vernünftigen Menschen zu erziehen. Was bei Nino weitaus schwieriger ist. Der Alltag von Ida und ihren Söhnen ist fast schon als normal zu bezeichnen. Sie geht einkaufen, stehlen, versucht Arbeit zu bekommen, den Lohn sinnvoll einzusetzen, die Rationen effizient zu verteilen. Was in ihrem Fall bedeutet: Erst die Kinder, den Rest teilt sie sich bestmöglich ein.

So wurde Rom noch nie beschrieben. „La Storia“ ist ein Klassiker der italienischen Kultur. Niemand kann sich dem Sog der Worte, Sätze, Seiten entziehen. Ja, über siebenhundert Seiten sind eine Aufgabe. Aber eine, die man mit inniger Hingabe meistert. So wie Ida die ihren erledigt, nicht weil sie muss, sondern weil sie es will. Das ist echte Menschlichkeit!

Das flüchtige Licht

Sie sind eine verschworene Gemeinschaft: Elio, Gianni, Aurelio und Spucino. Irgendwo, in einem Vorort Roms. Dort, wo die Hoffnung als trübes Licht am unerreichbaren Horizont nur ein verschwommenes Abbild seiner selbst verspricht. Die Vier kennen sich seitdem sie denken können. Als Enzo zu ihnen stößt, ist er nicht mehr als das fünfte Rad am Wagen. Er ist schmächtig. Passt überhaupt nicht zu ihnen. Was sie ihn auch spüren lassen. Doch der Kleine lässt sich nicht abschütteln. Denn irgendwie gehört er doch zu ihnen.

Enzo ist es schließlich, der der Tristesse der Kleinstadt entkommen kann. Er stromert herum und läuft unversehens … vor die Linse des Monsignore. Der sitzt fest verwurzelt in seinem Stuhl. Lässt sich darin herumtragen. Ein Fingerzweig von ihm, und alle spuren. Armbewegungen wie ein Sturm. Sein Wort hat Gewicht. Er ist Regisseur. Nun sollte man meinen, dass er einen Tobsuchtsanfall bekommt, weil ihm so ein räudiger Straßenköter wie Enzo ins Bild läuft und alles noch einmal neu positioniert werden. Alles und alle noch einmal auf Position muss. Doch der Monsignore ist gnädig, fast schon unterwürfig. Enzo hat ihn verzaubert. Für einen Menschen wie den Monsignore sind Bilder wichtiger als alles andere auf der Welt.

Florian L. Arnold schreibt über die Macht der Bilder. Irgendwann trennen sich die Wege der Fünf. Es zieht sie fort von diesem tristen Ort, der als Synonym für Ausweglosigkeit steht. Nach und nach sehen sie sich. Das, was sie nun verbindet, ist Enzo. Er trat vor die Kamera, mehr als einmal und mehr als unerwartet, ungewollt. Denn der Monsignore sah in ihm etwas, was sonst niemand sah. Was selbst er noch ne gesehen hat. Doch das Licht, das einst auf ihn fiel, ist flüchtig…

Roma, Cinecitta, Lazio – Sehnsuchtsorte nicht nur für Erholungssüchtige. Hier entstehen Träume. Hier zerplatzen Träume. Für einen Augenblick sind sie real. Und im nächsten sind sie nicht mehr als Erinnerungen. Die Leichtigkeit mit der diese Träume entstehen und auch zerplatzen, ist das große Plus dieses Romans. Wie im Rausch liest man sich in eine Welt, die man so noch nie erlesen hat. Man kann nicht aufhören, muss immer weiter lesen. Dabei weiß man doch, dass die Lichter bald ausgehen werden, ja, ausgehen müssen. Und doch hofft man immer wieder, dass sich alles zum Guten wendet. Vielleicht tut es das ja auch, ohne, dass man es spürt…

Meine Freundin Lo

Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – Belle Époque. Es herrscht Frieden. Die, die sich regelmäßig treffen, kennen den Krieg nur aus Erzählungen. Eine Schauspielerin, besagte Lo, ein Journalist, eine Theaterdirektor, ein Dichter und ein Politiker. Sie frotzeln, sie diskutieren, reden ohne Unterlass und genießen das Leben. Zwei von ihnen werden ein Paar, genießen den Sommer. Am Ende verlässt sie ihn, um mit einem der Anderen davonzugehen. Kurz und knapp ist diese Geschichte zusammengefasst. Nicht weniger, aber viel mehr!  René Schickele, der Autor dieses kleinen, faszinierenden Büchleins schreibt – ob bewusst oder unbewusst – eine Gesellschaft, die sich seit einiger Zeit wiederholt. Heute nennt man sie die Generation Y. Zur damaligen Zeit – der Roman erschien 1910 – steckten sie allerdings schon in der Diskussion mit Themen, die heute die Generation Z bewegt: Freiheit, Zwanglosigkeit, Regellosigkeit. War man vor reichlich elf Jahrzehnten reifer als heutzutage?

Die Parallelen zur Gegenwart – denkt man sich den ganzen technischen Schnickschnack weg, den man heutzutage unbedingt braucht – sind unübersehbar. Lo, die Schauspielerin, ist ein Star. Wie viele Follower sie wohl heute hätte? Wie oft sie wohl in Boulevard-Magazinen auftreten würde? Ihr liegen die Männer zu Füßen. Sie genießt das. Es ist aber nicht ihr Lebenselixier ihre Verehrer mit falsch verstandener Emanzipation vor den Kopf zu stoßen. Sie hat ihren eigenen Kopf, und mit dem will sie durch die Wand. Kopfschmerzen bei sich selbst nimmt sie gern in Kauf.

Erst im Nachwort treten die Hintergründe der Geschichte klar zu Tage. Der Dichter ist einfach in mehr las nur groben Zügen als der Autor des Buches selbst zu erkennen. Die Schauspielerin ebenso. „Meine Freundin Lo“ als rein autobiographischen Roman zu sehen, wäre dann aber doch überzogen. Schickele gibt sich selbst mehr Raum, um der Schmach der Abfuhr zu entgehen. Dennoch liest sich das Nachwort wie eine Bestätigung dessen, was man da eben auf mehr als hundert Seiten gelesen hat. Nur wer es selbst erlebt, kann so schreiben. Und doch eine Erkenntnis zeigt sich erst ganz am Ende. Das erste Kapitel steht hier nicht am Beginn des Buches, sondern als süßer Abschluss. René Schickele fand es nicht als passend. Also ließ er es einfach weg. Nun sind beide wiedervereint. Zwar nicht in der eigentlichen Reihenfolge, dennoch untrennbar miteinander verknüpft.

Wenn ein Buch das Prädikat „unbegrenzt haltbar“ verdient – so der Name der Bücherreihe, zu der dieses Buch wie die Faust aufs Auge passt – dann dieses!

Wenn Ewigkeit vergänglich wird

Im Urlaub suchen viel Ruhe und Erholung. Andere suchen die Action, um mit erhöhtem Adrenalinspiegel die Sorgen hinwegzuspülen. So ein erhöhter Adrenalinspiegel wäre auf einem Friedhof durchaus unangebracht. Hier flaniert man. Schaut links und rechts. Atmet tief ein. Lauscht der Stille. Und fürs Auge ist auch meist was dabei. Zum Beispiel wenn man die Gartenfriedhöfe Londons erkundet. Was scheinbar verklärt – „Wenn die Ewigkeit vergänglich wird“ – daherkommt, ist ein Juwel unter den Büchern zu diesem Thema.

Die Fülle an Abbildungen – das reicht von historischen bis aktuellen Fotos über Zeitungsausschnitte bis hin zu Skizzen – bricht wie eine gigantische Welle über den Betrachter herein. Die Autorin Georgia Rauer lässt zwar keine Toten wieder auferstehen, gibt aber den Weg frei, um diese architektonischen Stätten der Ewigen Ruhe wirken zu lassen.

London wuchs vor zweihundert Jahren wie kaum eine andere Stadt. In der Stadt fanden unzählige Menschen Arbeit. Schufteten sich die Buckel krumm … und ja, sie starben auch. Ganz natürlich oder manchmal auch unfreiwillig. Doch wohin mit den leblosen Körpern? Windige Geschäftemacher ließen die Leichen mehr oder weniger verrotten, was oft zu einem bestialischen Gestank führte – Enon Chapel brachte es zu einem zweifelhaften Ruf. Später entstand hier ein Tanztempel, der mit den Worten „Tanz auf den Toten“ warb.

Das viktorianische Zeitalter – und in dieser Zeit entstanden die sieben Gartenfriedhöfe Londons war auch geprägt durch die Trauer der Queen, die nach dem Tod ihres Alberts kategorisch schwarzgekleidet auftrat. Als Stilikone ihrer Zeit, und das war sie nun mal, ob sie es wollte oder nicht, prägte sie auch die Bestattungskultur.

Wer heutzutage diese Friedhöfe besucht, kann sich stundenlang auf ihnen bewegen. Botanisches Meisterwerke auf verwunschenen Pfaden, kleine architektonische Perlen, Ruheoasen. So kennt man London nun wirklich nicht. Dieses Buch ist das gelungene Rüstzeug für diejenigen, die London wirklich einmal anders erleben wollen. Abseits von Trubel, Shopping-Overkill und maßlos überteuerten Restaurantbesuchen. Hier herrschen andere Regeln. Bedächtig setzt man einen Schritt vor den anderen und liest ein wenig in diesem Buch. Von der extrem hohen Kindersterblichkeit, von der Verzweiflung der Menschen, aber auch von seelischem Frieden und erhabener Gediegenheit. Spaziergänge über die viktorianischen Gartenfriedhöfe gehören zu den eindrucksvollsten Erinnerungen in einer der eindrucksvollsten Städte der Welt.

Rom erleben

Für eine Stadt wie Rom braucht man einen kundigen Guide. Die Überzahl an Attraktionen erschlägt jeden, der nicht vorbereitet ist. Und die Enttäuschung danach etwas übersehen zu haben oder einfach mal den Weg – wegen Nichtwissens – nach rechts oder Links nicht eingeschlagen zu haben, überwiegt dann vielleicht doch das Erlebte.

„Rom erleben“ ist für ein jüngeres Publikum gedacht. Die Interessen der „Zielgruppe“ sind eben anders gelagert. Nichts desto trotz gibt es Orte in Rom, die man einfach gesehen haben muss. Und wenn man dann von einer Warteschlange überrascht (also von deren Dimension) oder wegen nicht vorhandener Vorreservierung abgewiesen wird, kann der Tag schon mal so richtig verdorben werden. Hier kommt dieser Reiseband ins Spiel.

Allein schon die Handhabung ist durchdacht. Einmal im Uhrzeigersinn gedreht, macht sich die Ringbindung schon bezahlt. Wie ein überdimensionales Notebook erschließt sich dem Leser/Besucher Roms eine neue Welt. Skizzen, Karten, Wegstrecken sind anschaulich dargestellt, dass digitale Hilfsmittel überflüssig werden. Die Erläuterungen beispielsweise zum Pantheon oder zum Forum romanum sind zeitlos. Wer sich vom empfohlenen Alter des Reisebuches ob des ausgewiesenen Alters nicht abschrecken lässt, wird hier auch als „Altersgruppenüberschreiter“ einen kundigen Ratgeber finden. Zahlreiche Abbildungen sowie unzählige Ausflugstipps, denn auch außerhalb der alten Stadtgrenzen gibt es mehr als nur ein must see. Erwähnenswert sind auch die Tipps zu Orten, die man zwar besuchen kann, die man aber nicht vermisst, wenn man sie nicht besucht. Das kann bei der begrenzten Zeit in Rom viel wert sein.

Kurz und knapp, umfassend, sehr gut handhabbar. Das sind die Hashtags, die dieses Reisebuch treffend beschreiben. Egal, ob man sich erholen oder den Körper an die Grenzen führen will, hier wird alles geboten. Bis hin zur typisch römischen Küche. Selbst wer Rom schon kennt, wird hier Orte entdecken, die er so noch nie gesehen hat. Andiamo a roma! Enttäuschungen wird es garantiert nicht geben!

Paris – Werke von Rainer Maria Rilke und Erik Satie

Rilke geht immer. Satie? Auch. Auch, wenn man ihn nicht unbedingt an erster Stelle nennen mag, geht es um klassische Musik. Er war halt ein Moderner. Wie Rilke. Und dennoch ist Saties Musik unverkennbar. Passagen und Melodien sind seltsam vertraut. So unbekannt ist er dann wohl doch nicht. Die getragenen Melodien sind die Verkörperung von Ruhe und Andacht.

Das nennt man dann wohl ein Match – nicht gegeneinander, sondern miteinander. Im Wechsel von Rilkes Gedichten und Saties Melodien entsteht ein Flammenmeer der Emotionen. Mit einem Fingerschnipp wähnt man sich im Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Die Stadt ist seit ein paar Jahrzehnten eine ganz neue Metropole. Und mittendrin Rainer Maria Rilke. Er ist mit Auguste Rodin zusammengetroffen und arbeitet für ihn. Die Boulevards sind gewaltig. Die Architektur ist prächtig. Die Luft flirrt. Und Rilke gibt der Stadt den romantischen Anstrich, den sie bis heute bewahrt.

Der Reigen wird ergänzt durch die zauberhaften Melodien von Erik Satie. Jeder Tastenanschlag wird bewusst ans Ohr des Zuhörers gelegt. Vollmundig lässt er die Nostalgie einen Nebelschweif um die Verlorenheit des Hörers treiben. Mal ganz sanft, mal mit unerhörter Härte lauern Töne auf den neugierigen Empfänger.

Die beiden Künstler lassen einem keine andere Wahl als sich genüsslich zurückzulehnen und ihre Worten und Tönen zu lauschen. Marit Beyer ist nicht einfach nur die Vorleserin von Rilkes Zeilen, sie zelebriert die Wucht der Zartheit seiner Worte mit jeder Silbe. Olivia Trummer ist Satie erlegen und würde sicher auch vom Meister persönlich Applaus bekommen.

Die Idee Paris mit Worten und Melodien in Szene zu setzen gelingt mit jeder Sekunde, die viel zu schnell verstreicht. Zum Glück gibt es ja die Zurück-Taste…

Das kann immer noch in Wien passieren

Als Wien-Tourist kann man es nur schwer vorstellen, dass hier so etwas wie Alltag einkehrt. Alle paar Meter gibt es etwas zu entdecken, dass es so eben nur hier gibt. Mit großen Augen marschiert man an beeindruckender Architektur vorbei, schaut hier und da mal rein, überblickt von so manchem Hügel die Metropole, berauscht sich in einem der zahlreichen Museen und lässt es sich im Café gutgehen.

Der alltägliche Schmäh ist da nur ein Beiwerk, das man erst bei genauerem Hinhören zu verstehen weiß. Es sind jedoch die Alltagsgeschichten wie in diesem Buch, die den Wien-Touristen vom Wienexperten unterscheidet. Wer also dem Schlangestehen am Café Central oder (noch schlimmer, weil länger) am Sacher nichts mehr abgewinnen kann, wem das Belvedere schon näher ist als die heimische Umgebung, der wird den Wienern mit Genuss aufs Maul schauen. Und wenn’s nicht allzu wianerisch wird, versteht man es … zumindest akustisch. Inhaltlich wird’s da schon ein wenig verzwickter. Doch es gibt Abhilfe.

„Das kann immer noch in Wien passieren“ ist die Allzweckwaffe im Wunderschönfinden des Alltagssingsangs in der Donaumetropole! Denn nicht alles, was so melodisch ans Ohr geflogen kommt, ist mit Liebreiz und Wohlwollen behaftet. Es sind schon deftige Abreibungen, die man allerorten vernehmen kann. Das beginnt bei der familiären Aufarbeitung der eigenen Geschichte derjenigen, die nicht fliehen mussten. Was den Autor dieser Anekdote dazu veranlasst zu bemerken, dass sein Gegenüber zumindest dafür verantwortlich ist, dass seine Familie fliehen musste, wenn sie denn konnte. Starker Tobak, wenn so ein Dialog „zwischen Tür und Angel“ stattfindet.

Diese Alltagsgeschichten sind gespickt mit Perfidität, laissez-faire und einer ordentlichen Portion Schärfe und Wortwitz. Oberflächlich eine schonungslose Abrechnung mit der hauptstädterischen Arroganz gegenüber allen von außerhalb. Doch in der Tiefe liegt der wahre Schatz dieses Buches vergraben.

Nicht alles, was scharfkantig ist, verletzt. Als Trostpflaster kann man dieses Buch ebenso verstehen. Denn wird vorbereitet ist, entgeht so manchen Verbalscharmützel. Zartbesaitete können in Wien schnell unter die Räder kommen, wenn sie sich nicht bewusst sind, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und in Wien kocht man sehr heiß – also verbal. Als Zusatzlektüre für den einen oder anderen Reiseband ist dieses kleine Büchlein, das sich mit Macht gegen übertriebene Korrektheit wehrt, unverzichtbar. Und mit diesem Buch in der Hand, am richtigen Ort kommt man garantiert mit echten Wianern ganz schnell ins Gespräch.