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Fußball in München

Fußball in München

Wer in München wohnt, und sich auch nur ansatzweise für Fußball interessiert, wird schnurstracks vor die Wahl gestellt: Rot oder Blau-Weiß? Bayern oder Sechz’ger? Arena oder Grünwaldstadion? Erfolg oder Plackerei? Weltoffenheit oder Lokalpatriotismus? Doch die Geschichte des Münchner Fußballs beginnt vor der Rivalität zwischen dem FC Bayern München und dem TSV 1860 München. Das stellt Robert Schöffel eindrucksvoll in seiner kleinen Münchner Geschichte unter Beweis.

Über die Erfolge der beiden Vereine müssen wir an dieser Stelle nicht reden – die sind hinlänglich bekannt. Das Buch ist vielmehr eine Warnschrift, dass die frühen Erfolge der Münchner Vereine nicht im Freudentaumel um Triple, Millionentransfers und Unterschlagungsskandale untergehen. Denn der Münchner ist mehr als Rot und Blau-Weiß.

Die ersten Spiele fand um die Jahrhundertwende vom 19. Zum 20. Jahrhundert statt. München war schon eine Großstadt mit knapp einer halben Million Einwohnern. Das war Platz teuer. Ein Fußballplatz schwierig zu finden. So zogen Terra Pila, der I. Münchner FC 1896, der FC Nordstern 1896, der FC Bavaria 1899, aber auch die Bayern und die Sechz’ger permanent von Spielstätte zu Spielstätte. Den Anfang mit einer festen Spielstätte machten der TSV 1860. An der Grünwalder Straße entstand das bis heute die Massen anziehende Stadion. Auch wenn die Arena vor den Toren der Stadt als das Stadion der Münchner Vereine gilt.

Es sind die kleinen G’schichten in diesem Buch, die es lesenswert machen. Da tauchen Persönlichkeiten wie der Haxentoni auf. Schon bei dem Namen muss man einfach hellhörig werden und weiterlesen! Oder Alois Predl. Er war seinem TSV ein Leben lang treu geblieben. Als Mittelfeldregisseur dirigierte er seine Mannschaft 1931 ins Finale der Deutschen Meisterschaft, die leider verloren wurde. Er starb – es muss ein Traum für ihn gewesen sein – dort, wo alles begann: Auf dem Platz, bei einem Spiel der Altherrenriege des TSV.

Das Wechselspiel zwischen den Bayern und dem TSV um die Erfolge ging immer Hin und Her bis die Bayern ihre ersten Erfolge feiern konnten. Ab da ging es nur noch für einen Verein bergauf.

Die Reihe „Kleine Münchner Geschichten“ ist nicht nur für Einheimische Geschichte zum Anfassen. Als Besucher Münchens sind es doch diese kleine Anekdoten, die einen Urlaub, einen Kurztrip so ereignisreich machen. Wer als Besucher mal ein Spiel der Bayern oder einer anderen Mannschaft an der Isar besuchen will, möchte mehr wissen als das, was in neunzig Minuten auf dem Platz passiert. Hier erfährt man es, alles!

Mona Lisa forever

Mona Lisa forever

Wenn man sich die Musikcharts – egal welches Jahres – anschaut, fällt auf, dass immer mindestens ein Titel mit einem Frauenname auffällt: Leonard Cohen brachte gleich zwei Damen ins Spiel, Suzanne und Marianne und  Paul McCartney grüßte seine Jude. Doch es gibt einen Namen, der alle Kunstgenres vereint: Mona Lisa. Vor mehr als fünfhundert Jahren pinselte Leonardo da Vinci die Lisa del Gioconda auf seine Leinwand. Heute schwadronieren Millionen Besucher an ihr vorbei.

Thomas R. Hoffmann hat sich intensiv mit dieser Frau auseinandergesetzt hat daraus einen Hit gemacht. Denn er verzichtet wohlwollend auf das ganz ausführliche Tamtam „Wer ist das?“, „Ist es gar Leonardo selbst?“ und die sinnlosen Untersuchungen zur Wirkung. Er reißt sie an, die Geschichten, doch sein Augenmerk liegt auf der Faszination der Mona Lisa in der Kunst. Denn das Portrait wurde sehr oft kopiert, dient noch öfter als Vorlage und unendliche Male als Inspirationsquelle.

Marcel Duchamp zeichnete seine Hommage mit Bart – allerdings mit deftigem Spruch. Dali tat es ihm gleich, jedoch ohne Hinweis auf den nicht sichtbaren hinteren Teil ihres Körpers. Andy Warhol vervielfachte sie. Das sind die Beispiele der Moderne, doch schon im 19, sogar schon im 16. und 17. Jahrhundert war die Mona Lisa Vorlage für Portraitmalerei. Leicht eingedreht, fast schon starrer Blick, die toskanischen Hügel im Hintergrund. Manche sind gelungen, manchen hätte ein Alternativmodell besser zu Gesicht gestanden, manche sind grandiose Weiterentwicklungen.

Der Autor gibt einen umfassenden Überblick in Bildern wieder. Jasper Johns, Oskar Kokoschka, sogar Pablo Picasso sind dem Reiz der Mona Lisa verfallen, genauso wie der Leser diesem Buch.

Wien

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Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Sicherlich ein Hingucker. Aber erst bei Tag! Annette Krus-Bonazza beweist auf 276 Seiten, dass Wien bei Nacht sehr reizvoll ist, bei Tagesanbruch sich in eine florierende Metropole im Herzen Europas verwandelt und im Laufe des Tages mit einer geballten Ladung Historie, Kunst, Kultur und unzähligen Wows aufwarten kann, um bei untergehender Sonne nichts davon verschwinden lässt.

Neun Touren hat sie durch die Stadt erstellt und keine davon sollte man auslassen. Klingt anstrengend. Ja, aber anstrengend schön. Und das Buch würde nicht beim Michael-Müller-Verlag erscheinen, hätte die Autorin nicht ausreichend Tipps für Leib und Magen im Buch verewigt.

Die Standards wie Stephansdom, Prater und Josefstadt werden auf eine andere Art erkundet. Sie stehen nicht im Mittelpunkt der Touren, sie sind vielmehr gleichberechtigter Bestandteil der gesamten Tour. Das erlaubt dem Besucher sich schon von vornherein als kleiner Wienkenner zu erkennen zu geben. Man stolpert nicht mit weit aufgerissenen Augen durch die Stadt, man ist erfahrener Kenner, der ohne Zögern die Schönheiten der Stadt realisiert und einzuordnen vermag.

Der Menschenschlag in der österreichischen Hauptstadt ist bekannt als ein bisschen besonders. Todessehnsüchtig sollen sie sein die Wiener. Ihr Schmäh ist weltbekannt. Die erstklassig erhaltenen Bauten vermitteln weltläufiges Flair. Prachtbauten, die vom einstigen Ruhm der Monarchie künden. Und das alles sieht man in Wien. Doch vieles übersieht man auch im Taumel der Gefühle.

Gut, wenn man einen erfahrenen Reisebegleiter hat. An dieser Stelle auf jede einzelne Tour einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Und ein bisschen Spannung sollte man sich für das Lesen und die Stadtspaziergänge aufheben.

Annette Krus-Bonazza treibt den Leser an Wien zu erobern. Sie hält den Leser zurück, wenn er auszubüchsen versucht. Ihre Touren sind abwechslungsreich in jeder Hinsicht. Museen und Cafébesuche bilden genauso eine Einheit wie Nackenstarre (vom vielen Nach-Oben-Schauen) und erholsame Stunden auf einer Parkbank. Ihre Passion für die Donaumetropole ist auf jeder Seite spürbar. Das macht diesen Reiseband zu etwas ganz Besonderem.

Spielplatz der Spione

Spielplatz der Spione

„Erwarten Sie von mir, dass ich rede?“. „Nein Mister R., ich erwarte, dass Sie schreiben. Am besten doppelt.“ So muss es sich wohl angehört haben, als Peter Rieprich sein Manuskript bei Edition Karo angeboten hat. Klischee! Natürlich! Genauso wie Spionagebücher und –filme. Seit den 60ern waren Spione knallharte Kerle mit Knarren und pfiffigen „Werkzeugen“. Seit ein paar Jahren sind es brav gestriegelte, junge Männer, die sich in fremden Ländern und Botschaften verstecken müssen.

Wer die Gegenwart verändern will, muss die Vergangenheit verstehen.

Bis vor einem Vierteljahrhundert war Berlin der titelgebende „Spielplatz der Spione“. Hier tummelten sich die Geheimdienste der Welt. Allerdings mehr im Westen als im Osten. Außer dem Stasi, der war ja überall. Mythen ranken sich um ihre Tätigkeit. Man denke nur an die Harry-Palmer-Reihe mit Michael Caine in der Hauptrolle. Dunkle Ecken, verschrobene Typen, hektische Verfolgungsjagden.

So wollen wir Leser Spione. Oder doch nicht? Lieber ein bisschen mehr Realität als bäng-bäng? Bitte sehr! Peter Rieprich hat einzelne Geschichten von einzelnen Spionen, die in West-Berlin tätig waren aufgeschrieben. Spannend war die Tätigkeit wohl nur für sie selbst, wenn überhaupt. Für den Leser tut sich eine völlig neue Welt auf. Ja, Spione sind auch nur Menschen. Manche sind uns sogar so nah, so ähnlich, dass auch wir so einen Job hätte verrichten können.

Doch zurück zum Anfang. „Am besten doppelt!“. Wie ist das denn gemeint? Für beide Seiten arbeiten? Als Doppelagent? Nein, vielmehr ist „Spielplatz der Spione“ eine Geschichtensammlung und Sachbuch in Einem. Den Anfang bilden die Spion-Stories. Lesenswert, auch wenn das Geballere und die Verfolgungsjagden fehlen (wir haben ja bereits gelernt, dass nicht jeder, der sich Spion schimpfen durfte eine Waffe trug). Im Anschluss kommt der historische Kontext. Denn Spione gab es nicht nur in Romanen. Sie waren echt! Und ihre Arbeitsplätze sind bis heute erhalten. Also zumindest die Gebäude.

Wer Berlin besucht, kommt an der jüngeren Geschichte nicht vorbei. Noch immer werden Uniformen und Mauerreste zum Kauf angeboten. Wer will, kann sich mit uniformierten Darstellern fotografieren lassen. Der Kalte Krieg als Erinnerungsstück. Wer darüber erhaben ist, fährt nach Zehlendorf oder Karlshorst. Dort, wo sich Amis und Russen im Abhören, Ausspähen und Denunzieren einen erbitterten Wettkampf lieferten.

Eine Reiseband der besonderen Art. Geschichtsunterricht zum Anfassen.

Black Vodka

Black Vodka

Gefangen im Nirgendwo? Das sind die Protagonisten der zehn Geschichten sind nicht zu Hause. Eine Engländerin in Prag zusammen mit Serben. Doch eigentlich sind Her- und Ankunft egal. Alle sind irgendwie irgendwo gestrandet.

Nicht immer freiwillig. Alle haben ihr Scherflein zu tragen. Und sie meistern ihre Situation. Großstadtromantik und Großstadtalltag treffen hier auf die kongruente Literaturgattung der Kurzgeschichte. Zackig und präzise hält Deborah Levy die Fäden ihrer Figuren in den Händen. Sie taumeln, sie stöhnen, sie lachen, sie tanzen … sie sind am Leben.

Das ist es was zählt lebendig sein. Urbanität und Kreativität findet nicht nur in Büros statt. Draußen auf der Straße wird der Mythos creative urbanity geboren. Oder ist es doch die urban creativity?

Die Schicksale scheinen auf den ersten Zeilen banal. Essen in der Mikrowelle aufwärmen, ist nicht gerade ein Ausbund an Kreativität. Doch Deborah Levy nimmt dies zum Anlass ungewöhnliche Geschichten zu kreieren. Im Reisegepäck hat jeder sein Paket mit Erinnerungen und Erfahrungen. Diese sind Mittel zum Zweck. Aus Erfahrungen heraus werden Probleme gelöst. Oder man erlaubt es aus Problemen neue Erfahrungen zu machen.

Die zehn Geschichten sind schwer greifbar. Man muss alles um sich herum vergessen, ausblenden. Dann, und erst dann, taucht man wirklich in die Stories ein. Eine Weltreise rund um den Globus: Von Barcelona über Wien bis Prag. Eine globale Geschichtenzusammenstellung, die eines klarmacht: Globalisierung kann auch Spaß machen. Zumindest, wenn man die Geschichten von Deborah Levy liest.

New York – Eine literarische EInladung

New York - eine literarische Einladung

New York – die Hauptstadt der Welt, Big Apple, Moloch, Monstercity. Es gibt so viele Bezeichnungen für die Gigantenmetropole, dass sich mindestens genauso viele Autoren an einer Beschreibung versuchten. Die besten (Autoren und Beschreibungen) sind in diesem kleinen roten Büchlein zusammengefasst.

Auf der ersten Umschlagseite empfängt den Leser eine graphische Übersicht, wo denn die einzelnen in diesem Buch vertretenen Autoren in NYC in ihren Geschichten rumgetrieben haben. Helene Hanff und Charles Reznikoff im Central Park. Grace Paley, Calvin Trillin und Eliot Weinberger im Village. Don DeLillo und Colum McCann im Financial District. Drei völlig unterschiedliche Orte, die alle zu einer Stadt gehören – genauso ist New York. Wie wohltuend, dass Sammlerin der Geschichten Beatrice Faßbender auf die tränenrührenden Geschichten um 9-11 und das World Trade Center verzichtet hat. Es war unfassbar schlimm, was damals passiert ist. Es hat unser aller Leben verändert. Aber die Erinnerungslitaneien sind und bleiben Amerika und den New Yorkern vorbehalten.

Eliot Weinberger geht in seiner Geschichte davon aus, dass der Schmelztiegel einen eigenen Staat verdient hat. Hier trifft sich die Welt. Hier arbeitet die Welt. Hier amüsiert sich die Welt. Und hier werden die Weltbewohner zu New Yorkern. Man ist grundsätzlich gegen die da aus Washington. Denn wie selbstverständlich hält man sich selbst für die Hauptstadt der USA (und somit der Welt).

Die Geschichten sind prädestiniert Reisenden, lesenden Reisenden, die Stadt näher zu bringen. Keine endlosen Einkaufstipps oder Hinweise, was man gesehen haben muss. Eine Stadt definiert sich über ihre Bewohner, und die stehen im Mittelpunkt der literarischen Exkurse.

Andy Warhol konnte hier arbeiten, alles andere war eh Zeitverschwendung. Dennoch konnte er sich über die Baumvielfalt und Menge Gedanken machen. Ein köstlicher Spaß ihm bei seinen Gedanken Zeile für Zeile zu folgen.

Ein Buch über New York ohne Paul Auster ist kein Buch über New York. „Auggie“ ist vielen aus dem Film „Blue in the face“ mit dem grandios agierenden Harvey Keitel bekannt. Hier die geschriebene Fassung.

Wer in New York eintauchen will, kommt an den geschriebenen Zeilen seiner Bewohner nicht vorbei. Doch wo anfangen? Kleiner Tipp: Rot, schmal, kompakt.

City Trip Buenos Aires

Vorspann Buenos Aires 2014

Ohne viel Federlesen macht sich Maike Christen auf eine echte Metropole zu erobern. Buenos Aires – so erfährt der Leser gleich ohne Vorwarnung ist eine gigantische Stadt, die durch ihre Freizügigkeit in Bezug auf Größe punktet. Ein mehrspuriger Boulevard? Fehlanzeige! Es sind mehrere Boulevards, die auf fünf, sechs, acht Spuren ihre Schneisen durch die Hafenstadt ziehen. Portenos nennen sich die Einwohner von Buenos Aires. Über ein Dutzend Millionen Einwohner zählt die Stadt, die Traditionen pflegt, und sich immer wieder neu erfindet.

Im Szene-Viertel Palermo siedeln sich seit Jahren innovative Unternehmen an, die der Gegend ein modernes Flair verleihen. Auf der Plaza de Mayo demonstrieren immer noch regelmäßig die Madres de Plaza de Mayo Mütter, die auf ihr Schicksal während der verheerenden Militärdiktatur aufmerksam machen. Damals verschwanden tausende Frauen, Männer, Söhne und Töchter. Auch nach über dreißig Jahren lassen sich nicht locker und fordern Aufklärung – ganz ohne Folklore-Ansinnen.

Ein Rundgang durch Buenos Aires ist unmöglich – die Stadt ist einfach zu groß. Der beiliegende Stadtplan im Maßstab 1:25.000 (das Stadtzentrum befindet sich auf der Rückseite und wird im Maßstab 1:12.500 abgebildet) zeigt die praktische Rasterung der Stadt: Wie ein Schachbrett breitet sich die Metropole vor den Augen des Betrachters aus. Verlaufen fast unmöglich. Doch bei der Fülle an Sehenswürdigkeiten fällt es dem Besucher schwer sich an Vorgaben zu halten. Einfach drauf los laufen! Wenn man doch vom rechten Pfad abgekommen ist (bitte wortwörtlich nehmen!, nichts hineininterpretieren), einfach ein paar links oder rechts abbiegen – je nachdem. Dann findet man wieder zurück auf den geplanten Weg.

Was es links und rechts zu sehen gibt, weiß Maike Christen richtig einzuordnen. Prächtige Kolonialbauten, farbenprächtige Fassaden, die jedes Viertel zum Fotomodell machen, ausgedehnte Parkanlagen, Tango in erstklassig erhaltenen Jugendstilcafés – ach man könnte die Reihe endlos fortsetzen und würde dennoch nie ein Ende der Aufzählung sehen. Einfach mal hinfahren! Und dieses Buch als ständigen Begleiter mitnehmen. Einen besseren Reisebegleiter findet man nicht!

Lesereise Kopenhagen

Lesereise Kopenhagen

Kopenhagen ist nicht so richtig zu fassen. Jeder kennt die dänische Hauptstadt. Aber richtig weiß man kaum etwas über diese Stadt. Klar kennt man die Meerjungfrau. Der Ostteil Deutschlands wurde in den 70er und 80er Jahren mit der „Olsenbande“ für Dänemark und Kopenhagen sensibilisiert. Fußballfans können sich an das eine oder andere harte Match mit Bröndby Kopenhagen erinnern. Strandurlaub im eigenen Häuschen ist sicherlich eine der verbreitetesten Erinnerungen an unseren nördlichen Nachbarn.

Barbara Denscher nimmt den Leser mit auf eine Reise, die Appetit macht. Appetit auf Kopenhagen. Eine Stadt erkunden mal ganz ohne Reiseband. Denn die dänische Seele ist die Karte, nach der man seine Reise plant.

Für den Seelenstriptease wählt sie einen lehrreichen Einstieg: Es geht um die Eigenheiten der dänischen Sprache. Obwohl die skandinavischen Sprachen einen gemeinsamen Ursprung haben, kommt es oft zu Irritationen. Was bei den Einen Frühstück heißt, ist bei den Dänen das Mittagessen. Flink ist nicht das Versprechen einer schnellen Bedienung im Restaurant, sondern das, was man generell erwartet: Freundlichkeit. Mit fast schon spitzbübischer Leichtigkeit führt Barbara Denscher den Leser mit Hilfe ihres berühmten Kollegen Kurt Tucholsky in die Besonderheiten der Konversation ein. Und ohne Worte ist man nur nach einem Kopenhagen-Besuch…

Kopenhagen lebt von seiner Geschichte. Aber nicht nur. Spaziergänge auf den Spuren von Hans Christian Andersen gehören zum Standardprogramm wie moderne Architektur. Ørestad heißt ein Stadtteil, den es bis vor wenigen Jahren nur auf dem Reißbrett gab. Zumindest in der jetzigen Form. Wer Kopenhagen zur Jahrtausendwende besuchte, fand hier nur Brachland vor. Heute ist dieses Areal nicht wiederzuerkennen. Beeindruckende wahrgewordene Architektenphantasien zieren den Horizont. Man ist noch am Anfang, derzeit leben hier achttausend Menschen. Diese Zahl soll sich in den nächsten zehn Jahren verdreifachen.

Als Gegenentwurf ist da der Freistaat Christiana anzusehen. Auf dem ehemaligen Kasernengelände versuchen sich Idealisten an einer neuen Art der Selbstverwirklichung. Eigenbesitz ist hier verpönt. Dumm nur für die, die hier gebaut haben, und nun einen anderen Lebensweg einschlagen. Denn verkaufen ist nicht drin. Auch der Aktienwert – wer will kann Aktien des Areals erwerben – ist mehr ideeller Natur.

Wer mit Barbara Denscher durch Kopenhagen spaziert, erfährt so manche landes- und städtetypische Anekdote. Fernab der Touristenpfade führt sie den Leser durch eine zurecht fast schon vergessen scheinende Metropole im Norden des Kontinents.

Die Witwe der Brüder van Gogh

Die Witwe der Brüder van Gogh

Es waren einmal zwei Brüder. Der eine war und ist weltberühmt und wurde darüber hinaus irre. Der Andere war ihm treu ergeben, half wann immer er konnte. Und es gab eine Frau, Gattin des Letzteren. Sie ist der Grund, dass die Werke des Erstgenannten heute immer wieder Rekordpreise bei Auktionen erzielen.

Die Rede ist natürlich von Vincent van Gogh, seinem Bruder Theo und dessen Frau Johanne van Gogh-Bonger. Camilo Sánchez fällt die ehrenvolle Aufgabe zu dieser Frau ein Denkmal zu setzen. Beziehungsweise setzt er ihr mit seinem Erstlingsroman einfach mal so ein Denkmal. Denn sie war es, die Theo in guten wie in schlechten Zeiten mit Rat und Tat zur Seite stand. Theos Leben war nicht immer einfach. Oft genug griff er seinem Bruder unter die Arme. Sie schaute weg, wenn ihr Gatte die raren Einnahmen mit Vincent teilte. Sie stachelte ihn an, wenn er es leid war Vincent zu protegieren.

Als Vincent van Gogh sich 1890 im Alter von 37 Jahren das Leben nimmt, bricht für Theo eine Welt zusammen. Da lebt er och mit Johanna in Paris, am Montmartre, dem Hügel der Märtyrer. Doch zu selbigem fühlt er sich einfach nicht berufen.

Mit diesem Schmerz beginnt Camilo Sánchez seinen Roman. Und schon da muss dem Leser klar sein, dass es ab hier kein Halten mehr geben kann. Poetisch, einfühlsam und fortwährend der Geschichte verpflichtet. Theo vegetiert nur noch vor sich hin. Er stirbt ein halbes Jahr nach seinem Bruder, im Alter von nur 33 Jahren. So ist es an Johanna die Bilder Vincent van Goghs einem breiten Publikum zugängig zu machen. Und sie an den Mann oder die Frau zu bringen. Als Witwe eines Kunsthändlers, eines van Goghs, ist es eine Art Therapie für sie. Denn sie steht nun ohne Mann, ohne Einkommen da. Und das als alleinstehende Mutter eines kleinen Sohnes. Der heißt ganz in der Familientradition mit Vornamen Vincent. Sie führt Tagebuch. Dieses Tagebuch ist der rote Faden des Romans.

Im Jahr 2015 ist Mons im wallonischen Hennegau in Belgien Kulturhauptstadt Europas. Hier fand Vincent van Gogh zum Malen. Hier steht sozusagen die Wiege des einzigartigen Pinselstrichs. „125 years of inspiration“ – dieses Motto haben sich mehrere Museen, unter anderem auch das Museum der Schönen Künste in Mons, auf die Fahnen geschrieben. Vom 24. Januar bis zum 17. Mai sind hier eine Vielzahl der Werke Vincent van Goghs zu sehen. Mehr Informationen gibt es unter www.vangogh2015.eu und www.mons2015.eu. Als Einstimmung ist dieser Roman mehr als zu empfehlen.

Lesereise Helsinki

Lesereise Helsinki

Finnland im Allgemeinen und Helsinki im Speziellen finden im Bewusstsein vieler nur während der Wintersaison der Sportler statt. Da ist es viel zu kalt. Und im Winter wird‘s nie richtig helle, im Sommer niemals dunkel. Vorurteileüber Vorurteile, die … naja … stimmen. Aber ist das ein Grund Helsinki und Finnland mit Nichtachtung zu strafen? Nein! Rasso Knoller erklärt in diesem erstklassigen Büchlein warum.

Natürlich ist es im Winter hier oben im Norden verdammt kalt. Aber in Zeiten von Funktionskleidung dürfte das ja wohl kein Problem sein, oder?! Und außerdem überleben die Finnen die lange kalte Jahreszeit ja auch. Sie rennen nicht vor der Kälte davon. Apropos Flucht. Im Sommer fliehen die Finnen. Nicht – wie jetzt vielleicht manch einer denkt in die Kälte, weil sie es halt gewöhnt sind – nein, sie fliehen aufs Land. Jedes Jahr im Sommer setzt eine organisierte Stadtflucht aus Helsinki ein. Jeder, der kann, setzt sich richtig Natur in Bewegung. Alle auf einmal! Stau? Na und! Der Finne an sich ist geduldig. In einer Runde zu schweigen, animiert die meisten von uns Mitteleuropäern zum anhaltlosen Plappern. In Finnland kennt man nur den Begriff des behaglichen Schweigens.

Rasso Knoller stöbert weiter in der Ostsee-Metropole. Er trifft auf Werktags-Abstinenzler, die dafür am Wochenende (mit Erlaubnis der Gattin!) so richtig ihrem über der Woche aufrecht erhaltenen Alkoholentzug entsagen. Ein geflügeltes Wort besagt, dass Alkohol ohne Rausch vergebens ist. Dabei bleibt der Autor immer neutral – er wertet dieses Gebaren nicht. Auch die verwunderten, ja manchmal sogar bedauernden, Blicke seiner Kollegen, weil jeden Tag zur Mittagszeit sich ein kleines Bier genehmigt, sind für ihn bald Normalität.

Ein Helsinki-Aufenthalt ohne Sauna ist nur die Hälfte wert. Das Wort Sauna ist das einzige, was weltweit mit dem kalten Landstrich in Verbindung gebracht wird. Ok, Nokia vielleicht noch. Die Finnen sind nicht verrückt nach Sauna, für sie ist elementarer Bestandteil des Alltags. Manche gehen soweit ihrer Passion Räder unterzuschnallen. Ob nun vier- oder zweirädrig. Sauniert wird immer und überall.

Rasso Knoller macht Appetit auf Finnland und Helsinki. Geschichte und Geschichten wechseln sich im fröhlichen Reigen ab. Wer Helsinki nur aus den Nachrichten kennt, und sich bisher kaum für unseren nordöstlichen Ostseeanrainer  interessiert hat, dem wird mit diesem kleinen Büchlein klar, dass er bisher was verpasst hat. Ein Appetitmacher auf Heiß und Kalt!